Natur pur im Glas

Besuch beim Weingut Oesterlein in Tauberfranken

Der Vierlings-Secco

Das Taubertal hat einen Vornamen, und der ist „Liebliches“. Zumindest die Touristiker nennen das Tal so – und irgendwie mag man ihnen auch nicht widersprechen, denn die Gegend entlang der Tauber geizt nicht mit Reizen. Mit diesem fundierten Achtelwissen überrascht die Begrüßung von Lothar Klüpfel, Winzer im kleinen Dorf Dertingen, dann schon: „Willkommen in Badisch Sibirien!“ Der Klüpfel Lothar hat Humor, scheint’s, und guten Secco auch. Den gibt es zur Begrüßung, so ist das bei Winzern: ein Besuch ohne was Blubberndes am Anfang ist kein Besuch! Der Secco heißt Quartett und führt gleich in die Familie ein, denn die vier Namen in den glücksbringenden Kleeblättern sind die Namen der Vierlinge von Lothar und Marina Klüpfel: Georg, Sabina, Richard, Sophie. Die beiden Jungs haben Winzer gelernt und besuchen die Weinbautechnikerschule: „Da geht’s dann weiter im Betrieb!“ sagt Lothar Klüpfel schon ein wenig erleichtert.

Angefangen hat alles in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da gründete Walter Oesterlin das Weingut – mit bescheidenen 0,18 ha und zwei Rebsorten (Müller-Thurgau und Gutedel) begann er, seine Trauben selbst zu keltern und zu Wein auszubauen. Der Betreib wuchs auf heute elf ha (davon zehn im Ertrag) an, die Zahl der Rebsorten stieg auf 17. Damit ist das Weingut der größte Selbstvermarkterbetrieb des Dorfes – eine Winzergenossenschaft gibt’s auch, deren Winzer insgesamt rund 30 ha bewirtschaften. Lothar Klüpfel hat sein Studium in „Weinbau und Oenologie“ in Geisenheim absolviert. Im Jahre 2000 übernahmen er und seine Frau – eine gelernte Winzerin und Weinbautechnikerin – den Betrieb des Schwiegervaters.

WinzerstubeDer Familienbetrieb ist so einer aus der Kategorie „vom alten Schlag“ – denkt man, wenn man rein kommt. Kein Chi-Chi, ein rustikaler Gastraum mit ebenso rustikalen Bildern mit Weinsprüchen an der Wand. Ein idealer Platz für Geselligkeit, zumal es hier nicht nur die hauseigenen Weine gibt, sondern auch fränkische Spezialitäten. Jawohl, fränkische: Denn obwohl wir uns hier im nördlichsten Teil Badens befinden, fühlen sich die Leute eher den Franken zugehörig. „Wir grenzen an Franken und liegen nicht an der Tauber“, erklärt Klüpfel und hat damit auch ein Argument parat, warum unter seinen 17 Rebsorten zwar Merlot und Chardonnay zu finden sind, aber kein Tauberschwarz (diese Spezialität der Region lernten wir dann später kennen). Und wenn er so redet, dann merkt man: das mit dem alten Schlag klingt ja viel negativer als es vielleicht ist. Der Winzer hat zwar Bodenhaftung, aber er hat auch einen Plan. Und der ist durchaus nicht von gestern.

„Wir lassen die Natur für uns arbeiten!“ erklärt uns Klüpfel. Dazu gehört, dass er (Badisch Sibirien!) die heißen Sommer mit Temperaturen bis zu 40 Grad und die kalten Winter (mit deutlich zweistelligen Minusgraden, minus 15 bis 20 sind nicht selten) mit ins Kalkül zieht. Dazu gehört aber auch, dass er den Ertrag minimalisiert („Die Rebstöcke danken es, wenn sie nicht so ausgelaugt sind – und die Trinker erfreut’s auch!“) und so wenig Düngung wie möglich einbringt. „Wir haben Natur pur im Glas!“ Und das nicht nur beim Wein, sondern auch beim Traubensaft, den er speziell für die Kinder macht, damit sie was Ordentliches zu trinken bekommen. Oh ja, den kann man trinken, auch wenn man kein Kind mehr ist!

Merlot Beerenauslese, EisweinOb und wie man bei zehn Hektar Weinberg (in einer Lage, dem Dertinger Mandelberg) als Familienbetrieb und einem so arbeitsintensiven Ansatz zurecht käme, wollte ich wissen. Die Antwort: Nein, das geht nicht allein. „Wir arbeiten mit ortsansässigen Aushilfen. Das klappt prima – die sehen doch gleich: wenn es regnet, musste nicht kommen!“ Die spannenden Dinge aber machen Vater und Sohn eher allein. Und da kommen dann richtig spannende Sachen raus. Wie zum Beispiel ein Eiswein, der am 14. November bei minus acht Grad gelesen wurde. Ein Merlot, der es mittlerweile als Beerenauslese in die Flasche geschafft hat (0,375 l für 30 €). Wir probierten ihn im Keller noch aus dem Fass. „Wir haben nicht viel gemacht mit dem Wein: gelesen, gekeltert, vergoren, filtirert – fertig!“ sagt Klüpfel. Naja, man kann also auch in Badisch Sibirien nett untertreiben. Denn natürlich waren die Trauben mit Netzen abgehängt, damit da keine Fremdnascher sich bedienten. „Zu dritt waren wir zwei Tage unterwegs!“ lässt sich der Winzer das „Nichtstun“ dann noch entlocken. Die Arbeit hat sich aber gelohnt: klar rosa zeigt sich der Merlot im Glas, es duftet arg fruchtig und schmeckt wie ein Bad im Früchtekorb. Und wenn man den dann getrunken hat (genau: alle anderen Weine der Probe haben wir gespuckt, den nicht!), dann bleibt der Geschmack lange am Gaumen. Sehr fein!

Lothar KlüpfelWen der Preis irritiert: der ist eine Ausnahme. Die Oesterlein-Weine kosten ab 5,90 € in der Literflasche, die normalen Qualitäten so um die sieben/acht Euro., die selektionierten (erkennbar an einem „R“) meist 14,50 €. Wir probierten beispielsweise den Merlot „R“ – ein absoluter Tipp für alle, die einen kräftigen Rotwein mögen. Als wir über die Hecke sprachen, wie die Besenwirtschaft in Tauberfranken genannt wird, sagte Klüpfel: „Ich bin lieber moderat im Preis, da trinken die Leute dann zwei Schoppen!“ Gilt wahrscheinlich auch für Flaschen…

Die bringt er übrigens, wenn man mindestens 36 bestellt, zweimal im Jahr (nach der Lese und vor Ostern) persönlich vorbei. Diese Art der Kundenbindung ist ihm wichtig – „so was nicht zu pflegen, wäre doch fahrlässig!“ sagt Klüpfel und ergänzt: „Man muss die pflegen, mit denen man was macht. Nicht nur die Kunden, auch meine Helfer!“

Symphatische Einstellung!

Weingut Oesterlein
Am Oberen Tor 9
97877 Wertheim-Dertingen

Tel. +40 9397 / 259
www.weingut-oesterlein.de/

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[Pressereise auf Einladung vom Weininstitut Württemberg GmbH und der Badischer Wein GmbH im Vorfeld der Baden Württemberg Classics, die am 22. und 23. April in Dresden stattfindet.]

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