Absichtsloses Bummeln mit Folgen

Ausstellung "Neustastdspaziergang" mit Fotos von Stephan Böhlig bei art+form

Böhler von vorn

Bei mir hängt der Böhler ja an der Wand, mit monatlich neuem Anblick. Also natürlich nicht er, der als der kleine Stephan heute vor 34 Jahren in die Familie Böhlig geboren wurde, sondern sein Kalender. Als Neustadtpaziergänger bringt er seit 2012 nämlich immer kurz vor knapp einen sehr groß- und hochformatigen Kalender fürs folgende Jahr heraus – mit seiner Sicht auf die Neustadt, die einer permanenten Liebeserklärung an seinen Kiez gleich kommt.

In diesem Jahr ist nicht alles, aber vieles anders. Es ist (heute nicht mehr, aber als das hier zu beschreibende Ereignis stattfand) noch Juli – und es gibt bereits den Kalender aufs kommende Jahr. Und das erwähnte Ereignis ist die Eröffnung einer Ausstellung – seiner ersten bei art+form, was, wie Laudator Jörg Stübing (Büchers Best) nebenbei bemerkte, schon eine Art Adelung sei. 23 der 43 gezeigte Fotografien auf Papier, Acryl und Leinwand sind obendrein Querformate, also garantiert in den Kalendern noch nicht zu sehen gewesen.

BRN 2017. Foto: Stephan Böhlig.
Das Bild ist Teil der Ausstellung bei art+form

Böhler fotografiert, wenn man das mal so schreiben darf, schon immer. Und auch schon immer digital. Vor zehn Jahren entschloss sich Stephan Böhlig, der damals noch hauptberuflich Student der Germanistik und Erziehungswissenschaften war, seine Bummeleien durch die Straßen der 24 Blöcke, die die Dresdner Neustadt ausmachen, nicht für sich zu behalten. In den mittlerweile ja gar nicht mehr so neuen Medien ist er präsent wie wenig andere – mit stolzen 17.823 Followern auf facebook zum Zeitpunkt der Schreibe dieses Beitrags. Da gibt’s dann tages- bzw. abendaktuell Böhlersche Impressionen des Viertels. Er sucht sich die Motive nicht, sie kommen zu ihm – Jörg Stübing, der ja ein belesener Mann ist, hatte natürlich das korrekte zungenbrecherische Wort dafür parat: Serendipität. Kann man auf Wikipedia genau nachlesen, was das ist. Gerne fotografiert Böhler zur Abendstunde, wenn das Licht der untergehenden Sonne Häuser und Menschen warmgelb umschmeichelt. Sonnenuntergänge, gerne voll hinein mit der Kamera in die Sonne, gibt’s zuhauf, Sonnenaufgänge logischerweise nicht. Wer ist denn da schon unterwegs in der Neustadt? Und überhaupt: wer diese Frage stellt, wird die Neustadt nie verstehen!

Böhler von hinten
Der Künstler sieht sich eins seiner Werke an.
Foto: UVS

Die Geschichte der Neustadtspaziergänge ist ja nicht nur eine der schönen Bilder. Böhler ist – wie sein Vorbild Günter Starke – auch Chronist des Viertels, der Stimmungen und Menschen, Details und Totalen einfängt und festhält. An noch gar nicht so alten Aufnahmen merkt man dann, wie sich die Äußere Neustadt wandelt. Nicht immer zum Besten, wie man sinnierend denkt, wenn man vor einem Foto der Scheune steht und die Bäume dort sieht (Bild Nr. 5: Tschüß Scheune-Vorplatz. Fotografie. 46 x 66 cm. 190,00 €). Als fotografischer Neustadt-Chronist des noch jungen 21. Jahrhunderts widersteht Böhler, auch darauf wies sein Laudator Stü zu Recht hin, der digitalen Manipulation. Was Böhler mit dem Programm Lightroom macht, entspricht dem, was gute Fotografen früher im Labor mit Filter und Fotopapierauswahl auch schon taten: Dinge aus den Rohdaten (analog: Negativ, digital: RAW-Bilder) rauszukitzeln, damit das Foto so aussieht, wie man als Mensch mit dem viel besseren Auge-Hirn-Apparat die Szene gesehen hat. Deswegen sind Böhlers Bilder zwar bearbeitet, aber nicht gequält.

Es gab auch Häppchen
Es gab auch Häppchen.
Foto: UVS

Die 43 Fotografien (warum eigentlich 43? Wo die Antwort auf Alles doch 42 ist! Wahrscheinlich, weil 43 so eine Art 34 ist…) kann – nein: soll – man natürlich kaufen. Sie kosten zwischen 90 und 1.200 Euro, immerhin. Da sind die Fotos dann schon auf dem Weg in die Kunst, bei der man vorsichtshalber nicht über Preise nachdenkt, wobei man das teuerste Bild „BRN-2017-Impression“ in den stattlichen Maßen von 150×100 cm auf Acryl bekommt. Andere Formate, andere Materialien seien auf Nachfrage machbar, meinte art+form-Galerist Remo Dudek, der auch bei der Auswahl aus dem mehrere tausend Bilder großen Archiv behilflich war. Für nicht so zahlungskräftige Fans: es gibt ein Vorzugsmotiv in A4 für 40 Euro – sogar handsigniert vom Herrn B. Und dann kann man ja dem im Januar verwaisten Nagel an der Wand auch was gönnen mit dem Kalender (29 Euro).

Stephan Böhlig „Neustadtspaziergang“
Ausstellung in der Galerie art+form vom 30. Juli bis 31. August 2017

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