Eine bunte Mischung aus Autobiographie und anklagendem Kulturpessimismus

Buchbesprechung: Franz Keller, Vom Einfachen das Beste.

Eine feine Nase ist nicht lustig, sie ist lastig. Franz Keller ist es eine Last, wenn er riecht, was so zu- oder besser aufbereitet wird. Und da der Keller Franz eine gute Nase hat, hatte er sozusagen die Schnauze voll von diesen Gerüchen, die das Ergebnis einer oft arglosen Foodindustrie sind (von Lebensmitteln mag man da ja schon gar nicht mehr reden oder schreiben).

Keller hat als erster deutscher Koch bei Paul Bucuse selig gearbeitet. Im heimischen Schwarzen Adler (Oberbergen) verdoppelte er den von der Mutter erkochten Michelin-Stern, später in Köln gab‘s für sein eigenes Restaurant ebenfalls zwei Sterne. Aber früher als andere zog sich Franz Keller aus dem Sterne-Zirkus zurück, eröffnete in Hattenheim im Rheingau die Adler Wirtschaft und kochte dort nach dem so schlichten wie überzeugenden Prinzip „Vom Einfachen das Beste“.

Das Prinzip hat es zum Buchtitel geschafft, denn statt ins Fernsehen und in Kochshows zu gehen, zieht Franz Keller das geschriebene Wort vor – was ja irgendwie auch besser zu seinem Stil passt. Das Buch ist eine bunte Mischung aus Autobiographie und anklagendem Kulturpessimismus. Wegen des aufrührerischen Teils hat das Buch medial große Aufmerksamkeit erregt, was ja jeden Verlag wie auch den Autor freut, weil das die Verkaufszahlen fördert. Dazu später mehr.

Im autobiographischen Teil erfährt man einiges aus dem Leben der Kellers, bei denen Großvater, Vater, der Autor selbst und auch sein Sohn Franz heißen (bzw. hießen). Zumindest Vater und Autor Franz scheinen nicht nur dem Namen gemeinsam zu haben, sondern auch den Dickschädel, den man vielleicht aber auch braucht, um sich im Anderssein zu behaupten. Wie so oft bei autobiographischen Auslassungen erfährt man die geschönte Wahrheit, die allenfalls durch ein gutes Lektorat ein wenig korrigiert wird. So kann man sich also genussvoll durch die alten Zeiten lesen, sollte sich aber immer dessen bewusst sein, dass es vielleicht nicht alles ganz so toll war, wie es geschildert wird. (Biographien, die ein Dritter schreibt, sind da meist ein wenig näher an der Wahrheit, weil sie mehr Distanz haben können.)

Dieses Quäntchen Distanz und ein bissl weniger Polterigkeit hätten vielleicht dem anklagenden Teil des Buches gut getan. Aber wer weiß, vielleicht wären dann Spiegel, Stern und all die anderen nicht so grandios eingestiegen? Keller klagt an, was ja in Ordnung ist. Er schimpft auf die Lebensmittelindustrie, er jammert über die Verbraucher, er nörgelt über die Politik. In der Sache mag man ihm meistens nicht mal widersprechen, im Duktus aber klingt das oft arg populistisch. Es ist ja schon lustig, wenn jemand sich lauthals aus dem Sternezirkus zurückzieht und 25 Jahre später sich aufs Buchcover „Ein Sternekoch greift an“ drucken lässt. Am Stammtisch hätte er damit sicher schnell seine Fangemeinde erreicht, am Büchertisch und auf dem Sofa aber liest es sich ein wenig plump.

Am besten ist das Buch in den Passagen, in denen Keller leidenschaftlich schildert, warum er vom Koch zum Landwirt wurde, warum (und wie!) er Rinder, Schweine und Kaninchen züchtet und verarbeitet. Dass Keller zu den wenigen gehört, die nicht nur jammern, sondern ihre Ideen auch umsetzen und so dazu beiträgt, dass wir bewusster mit unseren Nahrungsmitteln umgehen und die Tiere mit Achtung behandeln – das macht ihn dann doch sympathisch. Trotz aller Vorbehalte beim Lesen. Ach ja: ein kleines praktisches Kapitel gibt es auch noch. Mit überraschend einfachen Rezepten…

Franz Keller, Vom Einfachen das Beste
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten.
Westend Verlag; ISBN: 978-3864892035; 24 €

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