Die großen Probleme der Menschheit

Oder: Wie kann man Spaghetti zwingen, in zwei und nicht mehr als zwei Teile zu brechen

Die tägliche Zeitungslektüre zeigt uns ja vor allem eins: die Menschheit steckt voller Probleme. Und dabei tauchen dort noch nicht einmal alle auf – obschon: die Washington Post berichtete jetzt von einem Durchbruch (was, wie wir sehen werden, wörtlich zu nehmen ist) auf dem bislang von weiten Teilen der Gesellschaft unbeachtetem Problem: Warum brechen Spaghetti, wenn man sie im ungekochten (also harten) Zustand zu teilen trachtet, meist in mehr als zwei Teile?

Aus Basile Audoly/Sebastien Neukirch: Fragmentation of rods by cascading cracks: why spaghetti do not break in half.

Das ist ja nun mal wirklich wichtig, weswegen sich Forscher weltweit dieses Problems annahmen und annehmen. Bereits am 22. Dezember 2004 veröffentlichten die beiden Forscher Basile Audoly und Sebastien Neukirch ihre bahnbrechenden Erkenntnisse. Ausgehend von der jeder guten Köchin geläufigen Formel (hier im Bild gezeigt…) erarbeiteten sie eine Theorie, die seinerzeit als breaking bezeichnet werden konnte: „Das mehrfache Brechen von gebogenen Stäben, wie trockene Spaghetti-Teigwaren, kann als eine Kaskade von Freisetzungen (Verlust der Kohäsion bei Brüchen) verstanden werden, gefolgt von Spannungserhöhungen, die zu neuen Rissen führen.“ Folgerichtig brachte das den Forschern einen Ig-Nobelpreis ein. Das ist ein nicht ganz so ernst gemeinter Preis, der „das Ungewöhnliche feiern“ und „das Imaginäre ehren“ will.

Nun ist ja bekannt, dass bei der zunehmenden Zahl von Wissenschaftlern nicht jedes scheinbar gelöste Problem als wirklich gelöst angesehen werden kann, weswegen sich am hoch angesehenen Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, MA zwei hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler an das für sie ungelöste Problem machten, das der amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman (dessen Vorlesungen über Physik Kultstatus haben – hier geht’s zur Folge 1) vor langer Zeit anlässlich eines Abendessens entdeckt hat, nämlich dass die Spaghetti nie in zwei Teile zerbrachen, sondern immer in mehrere. Zwei Stunden soll Feynman mit einem Kollegen Spaghetti gebrochen und dabei diskutiert haben, ohne wirklichen Erfolg (und vor allem: ohne satt zu werden, was ja ursprünglich Sinn des Treffens gewesen war). Nun kamen aber Ronald Heisser und sein Freund Edgar Gridello auf den Gedanken: das schaffen wir!

Versuchsanordnung zum Brechen von Spaghetti. Foto: MIT Forschergruppe

Neu und weiterführend an ihrem Ansatz war die Frage, ob Spaghetti jemals gezwungen werden können, in zwei Teile zu brechen. Dem gingen die beiden Doktoranden des MIT mit Forscherdrang und viel Akribie nach, wie ich einer Pressemeldung des MIT entnehme. Über einen Monat lang brachen sie Barilla Nr. 5 und Barilla Nr. 7 – bis sie den Dreh raushatten, und zwar wörtlich genommen: mit ihrer eigens konstruierten Versuchsanordnung testeten sie die Spaghetti auf Biegen und Brechen: Am Ende fanden sie heraus, dass, indem sie die Spaghetti zuerst um fast 360 Grad verdrehten und dann langsam die beiden Klammern zusammenbrachten, um sie zu biegen, der Stab genau in zwei Teile zerbrach. Wie es sich für ordentliche Wissenschaftler gehört, dokumentierten sie fleißig und zeichneten den gesamten Fragmentierungsprozess mit einer Kamera mit bis zu einer Million Bildern pro Sekunde auf und publizierten die Ergebnisse in den Proceedings der National Academy of Sciences.

Dokumentation der Altmockritzer Versuchsreihe. Foto: UVS

Als Geisteswissenschaftler ist man da natürlich immer ein wenig neidisch über die Möglichkeiten, die Physiker haben – aber das ist ja kein Grund zur Verzweiflung: in einer spontanen Küchenanordnung griffen wir zur Nudel Barilla Nr. 7 im Vorratsschrank und machten unsere eigene Testreihe. Drei Spaghetti wurden unmittelbarem Zwang ausgesetzt: die erste zerbrach erwartungsgemäß in drei Teile. Da kam der kleine Feynman in mir auf und ich dachte: stimmt! Aber dann machte ich etwas, was die Physiker in ihrer wissenschaftlichen Abstraktheit nicht getan hatten. Sie hatten nämlich die Spaghetti in zwei Teile brechen wollen, indem sie das Spaghetto an den beiden Enden packten. Aber warum, dachte ich, soll man das tun, wenn es doch das eigentliche Ziel ist, zwei Teile der einen Nudel zu erhalten? Also führte ich meine beiden Natural-Grapscher zusammen und brach die Nudel – zweimal erfolgreich – nach der Formel 1/Knick=2. Dabei steht 1 für meine Barilla Nr. 7, Knick für die rohe Gewalt meiner direkt nebeneinander angeordneten Hände und 2 für das Ergebnis von exakt zwei Teilen Spaghetti ohne Rest. Ein Foto des Ergebnisses der Versuchsreihe liegt vor, publiziert ist es hiermit auch.

Komme ich jetzt ins Fernsehen?

[Erklärung für die Ethikkomission: Es wurden bei der Durchführung des Versuchs keine Nudeln gequält. Die Probanden wurden ohne Ansehen des Ergebnisses einer Wiederverwertung bei einem Abendessen zugeführt.]

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