Von großen Muscheln und rostenden Ankern

Wanderung (und Fährfahrten) von Tavira über die Ilha de Tavira und am Festland zurück.

Ilha de Tavira

Da hatten die Fährmänner am Abend beim Feierabendbier endlich mal ein gescheites Thema: „Kannst Du Dir das vorstellen? Da wollten zwei so Touristen heute am Fähranleger zur Ilha de Tavira ihre Tickets nur bis Quatro Áquas! Sie wollten wirklich nicht bis zur Insel von Tavira! Kannste Dir nicht ausdenken!“ So oder so ähnlich werden sie gesprochen haben, wir waren ja nicht dabei. Denn wir sind ja schon, nach einigem Hin und Her und nur 15 Minuten Bootsfahrt den Fluss Gilão entlang, ausgestiegen. Und zwar genau da, wo wir Stunden zuvor eingestiegen waren, um zur vorgelagerten Insel zu schippern.

FähreSo eine Kombi ist nicht vorgesehen im Tarifsystem, das im übrigen sehr freundlich ist: für 90 Cent kommt man von der Spitze der Landzunge von Tavira, die vom Fluss und der Lagunenlandschaft umgeben ist, rüber zur Insel. Aber auch der knapp 15 Bootsminuten längere Weg von der Stadt über den Fährableger Quatro Áquas ist mit 1,30 € auch durchaus bezahlbar. Wir waren – weil wir uns auf den Outdoor-Wanderführer (von Michael Hennemann, 2018) verlassen hatten, der für den Winter keine Abfahrt in der Stadt dokumentiert hat – bis zum Fähranleger gefahren und dort aufs Boot gestiegen, das aber schon gut besetzt ankam – also wohl doch schon in der Stadt abgelegt hatte. Uns egal, denn unser fünf Kilometer lange Fußweg den Inselstrand entlang ist geeignet, völlig runterzukommen und dabei doch beachtlich viel zu erleben.

Oferta da escultor Carlos CorreiaEs geht los mit einem Angebot des Bildhauers Carlos Correia: im ihm eigenen Stil hat er einen großen Fisch aus Bewehrungsstahl gestaltet und damit einen überdimensionalen Abfallbehälter für Plastikflaschen geschaffen. Am 8. August 2018 eingeweiht und erschreckend gut gefüllt. Zwischen Strand und Restaurants soll der Fisch „das Bewusstsein für das Problem der Plastik im täglichen Leben der Menschen schärfen“, erklärt die städtische Umweltbehörde Taviraverde. Was wie ein künstlerisches Spiel aussieht, hat ja durchaus ernsten Hintergrund, auf den Taviraverde hinweist: „Laut alarmierenden UN-Daten wird es bis 2050 mehr Plastik in den Ozeanen geben als Fische, wenn wir nichts ändern, und Plastik in den Ozeanen tötet jährlich mehr als 1 Million Vögel und Meerestiere!“

XiriMehr Kunst gibt es ein paar Schritte weiter an der Strandbar Xiri, der letzten im ersten bewachten Strandabschnitt der Insel. Wir hatten es bis dahin schon gemerkt, aber falls nicht, hätte uns der Hinweis auf der Webseite des Betreibers der Strandbar geholfen: Hier gibt es einen „Blick auf den Atlantik, der der Fotografie würdig ist“. Den (im Sommer natürlich, jetzt im Januar ist’s auch an der Algarve manchmal zu kalt) Badenden zur Ehr brennt die Sonne von vorn auf den Pelz, was für Fotografen heißt: Atlantik-Bilder Immer voll ins Gegenlicht! Also nix mit „Licht im Rücken ist des Fotografen Entzücken“ und schon gar nicht mit „Sonne lacht, Blende acht!“

Am StrandAber es lohnt sich ja auch, mal nicht aufs Meer zu sehen, sondern nach unten. Da tut sich nämlich auch allerhand: Muscheln gibt es, farbenprächtige kleine und manchmal auch beeindruckend große. Was da mal lebte und nun offenbar nicht mehr: ist das eine Qualle? Es gab keine Antwort auf meine Frage. Warum auch, soll ich doch dumm sterben! Aber egal: Ich weiß ja auch nicht, zu wem das Bein gehörte, das dem Fuß Halt gab, der seinen Abdruck im Sand hinterließ. Nur dass die Tapsen daneben der Möwe Jonathan gehörten: das anzuzweifeln ist durchaus legitim. Denn wer heißt an der Algarve schon Jonathan?

MöweMeistens hauen die Möwen ja ab, wenn man sich ihnen in absichtsvoller Weise nähert, so mit der Kamera im Anschlag. Aber hin und wieder gibt es auch bei Möwen Exemplare, die sich gerne im internet sehen. Und da sie mangels Selfiestangen selten in der Lage sind, das sich selbst zu besorgen, schäkern sie dann halt mit dahergelaufenen Touristen. Die eine, die ich meine, stand provokant einbeinig im Sand, ließ das andere Bein nur soweit sehen, dass man es erahnen konnte. Dann zeigte sie mehr, aber blieb selbstbewusst auf ihrem Standbein stehen, ließ den Fotografen näher kommen, entwischte dann aber (beide Beine nutzend, na klar) – nur, um wieder schäkernd stehen zu bleiben. So ging das eine ganze zeit. Ungleiche Liebesspiele am langen Strand der Ilha de Tavira. Es endete natürlich, wie es enden musste: tapp tapp tapp – Abflug. und tschüß!

StrandvogelGanz anders die Strandläufer. Immer im Flitzemodus! Nie zutraulich. Schneller auf und davon als man auf und davon sagen kann! Aber doch soooo süß! Meist pickern sie und scheinen auch was im feinen Sand zu finden. Aber man sieht es nicht, denn tippel-di-tipp flitzen sie beinahe schwerelos von hinnen. Bei all der Hektik der Bewegungsabläufe strahlen die kleinen Laufvögel doch eine gewisse Gelassenheit aus. Diese scheinen sie auch bei anderen wichtigen Dingen des Lebens zu pflegen, denn der Wikipedia entnehme ich die wunderbare Formulierung, dass „einige eine monogame Saisonehe eingehen“. Klingt doch fast irgendwie nach Urlaub!

WolkenJaja, es gibt viel zu sehen und zu sinnieren auf fünf Kilometern zwischen Meer und Land. Langweilig wird’s nie, zumal wenn Petrus grollt und überm Land die Wolken zu zauberhaften Formationen zusammenschubst. Zwei Obelisken stehen auf der Insel und man fragt sich warum tun sie das? Nur um erwähnt zu werden? Oder um eine Vorlage für blöde Wortwitze in der Art: „Ich hatte mir einen Obelix ganz anders vorgestellt!“ zu geben? Keine Ahnung, selbst nach minutenlanger Recherche nicht!

Anker-FriedhofGanz anders ist es mit den 248 tapfer vor sich hin rostenden Ankern, die am Strandabschnitt Praia do Barril ein eigenartiges Industriedenkmal abgeben. Früher®, als die Anker sozusagen noch in Lohn und Brot standen, waren sie Teil des Thunfischfangs: die Anker fixierten die Stellnetze am Meeresboden. MItte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde das Stellnetz vor der Praia do Barril aufgegeben. Die Anker wurden am Strand aufgereiht, die Fischer verließen ihre Häuser (die eh nur während der Fangsaison von April bis September bewohnt waren). Mittlerweile sind die Häuser wieder belebt: Restaurants, Geschäfte, öffentliche Toiletten (immerhin). Wir biegen hier ab und verlassen den Strand – insgesamt ist er elf Kilometer lang, da geht also noch was, wenn man Lust hat. Wir nutzen die Bar Ancras für eine kurze Stärkung. Natürlich was mit Thunfisch, in Erinnerung an die alten Zeiten…

Zug über den DammZurück zum Festland geht es von hier aus per Pedes über einen Damm und eine Brücke oder mit dem parallel vor sich hin dieselnden Zug. Eine Amerikanerin hatte sich vorgenommen, mit dem Zug zu wetteifern und eher am Ziel sein – sie hat’s geschafft: übermäßig schnell ist der Mini-Comboio nämlich nicht (überteuert aber auch nicht: 1,60 € für eine Tour). Wir sind gelaufen, was eben nur unwesentlich länger dauert, aber deutlich bessere Gelegenheit zum Fotografieren bietet. Einmal natürlich vom Zug, den man, wenn man drin sitzt, ja ganz anders wahrnimmt – und dann natürlich von der sich dauernd ändernden Lagunenlandschaft. Aus dem fahrenden Zug geht das zwar auch, aber längst nicht so schön!

RückwegDas letzte Stückchen zum Festland führt über eine Brücke – und dann ist’s nicht mehr weit bis Santa Luzia. Eigentlich hätte hier ein Kaffeestopp für etwas Entschleunigung sorgen sollen, aber landeinwärts dräuten die Wolken in nachgeradezu erschröcklichem Maße – während zur Lagunenseite nach wie vor eitel Sonnenschein Lust auf Glitzerbilder machte. Die Unvernunft hielt sich also in den Grenzen von etlichen Hafenfotos, Espresso und Mandeltorte wurden ersatzlos gestrichen. EIgentlich schade, denn das hätte ja ein letzter Höhepunkt werden können, denn der weitere Rückweg nach Tavira gestaltet sich in aufgeregter Unaufgeregtheit. Man sieht zwar noch farbenfrohe Reusen, Boule-Spieler, blühende Mandeln, Salinen mit imposantem Salzberg und (ohne Garantie, weil wetterbedingt täglich wechselnd) vielleicht einen leicht schlammigen Weg im rötlichen Abendsonnenlicht vor dunkelblaugrauem Himmel – aber das war’s dann eigentlich auch schon. Wir erreichen den Fahranleger in Tavira zeitgleich mit der Fähre – und versuchen, zwei Tickets von der Stadt nur bis zum Fährhafen Quatro Aquas zu erstehen, obwohl (Sie wissen das ja schon) so eine Kombi im Tarifsystem gar nicht vorgesehen ist…

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