Zwischen Tiefgang und Klamauk

Peter Förster

Neben der Kasse steht Mephisto. Doch die Leute denken: das ist sicher der Stuhl-Boy, der noch mal schnell nachlegt, wenn’s voll zu werden droht. Und auch beim Mann an der Kasse irren sie sich, denn er ist nicht nur der Kassierer. Eher so eine Art Shakespeare von Dresden, obwohl das natürlich ein wenig übertrieben wäre. Aber irgendwie auch wieder nicht, denn was Peter Förster in der Kulturstadt Dresden treibt, ist schon ungewöhnlich und bemerkenswert: Er macht Theater (das machen andere auch), aber es wird nicht subventioniert (die von der Semperoper jammern schon, wenn sie mal eine halbe Millionen weniger bekommen).

Peter Förster ist: Kassierer, Organisator, Stückeschreiber, Regisseur – mindestens. Er hatte einen verxingten Cub von Marketing-Menschen auf einen Schwatz eingeladen, und er erzählte – nicht ganz ohne Grund – “erst einmal” etwas über seine Laufbahn. Er erzählte und erzählte und erzählte – und überschlägig kam dabei heraus, dass er etwa 124 Jahre alt sein müsste, um das alles geschafft zu haben. Ist er aber nicht: Geboren ist er 1965 in Dresden. Im zarten Alter von 22 arbeitete er in der sicherlich spannenden Zeit von kurz vor bis kurz nach der Wende am Dresdner Theater der Jungen Generation in der Abteilung Dramaturgie und Öffentlichkeit.

Nun zitiere ich mal eine Quelle: “1989 gehörte er zu den Mitbegründern des DIALOGtheaters Dresden und leitete es bis 1994. In dieser Zeit studierte Peter Förster an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig und war außerdem als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig.” Er machte Filme (erfolgreich: Sächsischer Fernsehpreis 1998), war als Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig engagiert und schrieb 2001 „Der Jahrhundertfall – Kindermörder Bartsch“ für das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen.

Alle Mann an Bord. Inklusive der Frauen
Alle Mann an Bord. Inklusive d…

Und dann kam die Idee des Sommertheaters, das seit 2004 im Bärenzwinger – einem legendären Dresdner Studentenclub – eine wachsende Schar von Zuschauern in den Bann zieht. Es ist Dresdens einziges Open-Air-Theater, das unter einem Dach spielt. Weil der Hof des Bärenzwingers überdacht ist, trotzt die Company dem Regen! Aber das eigentliche Geheimnis des zunehmenden Erfolgs ist: Shakespeare. Denn der hatte (auch wenn die meisten SchülerInnen das heute im Unterricht kaum wahrnehmen) Stücke fürs Volk geschrieben und mit seiner Company im Londoner Globe Theatre aufgeführt. Nun ist, bei allem Respekt, Förster nicht Shakespeare, weswegen Schüler oder Studenten auch keine Angst vor ihm haben müssen. Aber seine Texte und die Inszenierungen balancieren gerade richtig zwischen Tiefgang und Klamauk, um ein sehr gemischtes Publikum zu unterhalten (und, ganz im klassichen Sinne, zu belehren: Dümmer wird man nämlich nicht, wenn man mit den Anspielungen klar kommt).

Wagner ist klamm
Wagner ist klamm

Die Stücke spielen seit Jahren mit den Titeln der Vorbilder und heißen immer “Ein Shakespeare von…” – und statt der Punkte dann ein Klassikername. Dieses Jahr: Wagner. Der fliehende Holländer. Ganz dolle Wagnerianer werden die Musik vermissen, ganz dolle Wagner-Gegner darob entzückt sein. Für alle dazwischen: Mephisto, der Stuhl-Boy von der Kasse, ist ausgebildeter Sänger und darf auch einige Takte baritonisieren. Womit wir bei der Company wären. In diesem Jahr drei Damen und zwei Herren – alle jung, alle schön, alle gut. Keine Einzelkritik (obwohl, jucken tät’s schon…), weil es eben das Ensemble ist, das Vergnügen bereitet. Und in der Pause ganz normal draußen vor der Tür steht wie die Zuschauer auch: rauchend, scherzend. Nur das Glas Wein oder die Flasche Bier – die gönnen sie sich erst nach dem Schlussbeifall…

Sommertheater Dresden
täglich von Dienstag bis Sonntag, jeweils 20:00 Uhr
noch bis 12. September 2010

Einlass ab 19:00 Uhr · Beginn 20:00 Uhr · Eine Pause · Ende gegen 22:10 Uhr
http://sommertheater-dresden.de

…und im Winter: http://www.kammerspiele-dresden.de

Hoppes Weesenstein

Rolf Hoppe

Wir haben uns vor mehr als fünfzehn Jahren kennen gelernt – auf Schloss Weesenstein. Rolf Hoppe, Dresdner Schauspieler (u.a. Göring im “Mephisto”), liest im Kaminsaal des Schlosses, und er macht das auf seine ganz eigene Art. Ich hatte seinerzeit viel fürs Schloss gearbeitet – Hausprospekte, Jahresgaben und derlei mehr. 1998 gab es dann das Buch “Hoppes Traum. Das Weesensteiner Sagenbuch.” Andreas Neubauer hatte wunderbare schwarz-weiß-Fotos von Hoppe auf dem Schloss gemacht, der damalige Schlossleiter (und 2001 verstorbene) Klaus-Dieter Wintermann hatte Texte beigesteuert, ich habe das Buch gestaltet und verlegt.

Rolf Hoppe
Rolf Hoppe

Lange war ich nicht auf Schloss Weesenstein. Doch in diesem Jahr sollte die 2001 selbst auferlegte Pause beendet werden: Saisoneröffnung vor einer Woche und jetzt die legendäre Lesung mit Rolf Hoppe. Dessen “Weesensteiner Osterspaziergang” waren mir immer ein besonderes Vergnügen, weil Hoppe eine mutig-verwegene Mischung schöner Texte vorträgt. Goethe natürlich, aber eben nicht nur den Osterspaziergang oder die Walpurgisnacht, sondern auch kleine Texte, die der Herr Geheimrath keineswegs für die Schulfibeln geschrieben hat. Und Lessing und Kästner und Morgenstern und die Bibel und der Bauernkalender und ichweißnichtwas. Hoppe bringt eine dicke Akte mit und blättert sich durch, es wirkt immer wie improvisiert und ist natürlich, der Mann weiß selbstredend wie das geht, alles sauber geplant und arrangiert.

“Freundschaften muss man pflegen!” sagte Rolf Hoppe, etwas abseits vom eigentlichen Programm. Wohl wahr.

Der Schauspieler und sein Kritiker

Die Ansprüche sind hoch: Thomas Thieme, Schauspieler („Faust“), und C. Bernd Sucher, Kritiker (Süddeutsche Zeitung), mögen es beide deutlich. Der Schauspieler soll schauspielern, der Kritiker kritisieren – und zusammen sollten beide möglichst nichts unternehmen, sich nicht gemein machen. Lange Zeit haben sie das miteinander durchgehalten, nun wird’s schwer: Auf der Terrasse des „Anna Amalia“ genossen sie Seit’ an Seit’ ein köstliches Menü von Marcello Fabbri und verloren bei Wein (Sucher) und Pfefferminztee (Thieme) die Unschuld der Distanz.

Thomas Thieme und C. Bernd Sucher beim Tischgespräch im Elephant

Schöne laue Sommerabende sind ja an sich schon ein Vergnügen. Genießt man sie im Garten eines guten Restaurants, ist das eine verständliche Steigerung. Aber wenn dann noch zwei Männer am Tisch sitzen, die jeder für sich ein anregendes Gespräch wert wären, dann ist der Abend perfekt. Thomas Thieme, und Bernd Sucher an einem Tisch: der Schauspieler des Jahres 2000 und der Schriftsteller und Kritiker geeint im guten Gespräch und bei feinem Essen. Geht das denn?

Eigentlich nicht, meinen beide, als ihr Gastgeber Hoteldirektor Paul Kernatsch das Gespräch auf Premierenfeiern bringt: „Ein Kritiker hat auf Premierenfeiern nichts zu suchen!“ meint Sucher, und Thieme stimmt zu: „Richtig, und das gilt auch für Schauspieler!“ Warum nicht? Weil sie dort einander zu nahe kommen könnten, die kritische Distanz verlieren und somit ein Stück notwendiger Unschuld im Umgang miteinander. Und dann sehen sich die beiden, die nebeneinander an der einen Seite des Tisches sitzen, ein wenig schräg von der Seite an, grinsen kein bisschen verlegen und prosten sich mit Wasser zu: „Jetzt geht’s,“ meint Thieme, „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!“

Dabei reut ihn allenfalls, dass weder Schnaps noch Wein die neue Freundschaft besiegeln, sondern eben Wasser. Aber mit einer Sommergrippe sollte man nicht spaßen, und schon gar nicht, wenn man auf die Stimme angewiesen ist…

Doch, das Essen schmeckt, so schlimm ist es nicht. Und so gibt es immer wieder Gesprächspausen, wenn der Service den nächsten Gang aus der Küche bringt, die der „Feinschmecker“ jüngst wieder als eine der zehn besten ausländischen Restaurants Deutschlands ausgezeichnet hat. Und Marcellos Risotto ist eben einfach ein Muss, wenn man im Anna Amalia speist…

Natürlich ist, wenn die Teller gutes Wetter für den nächsten Tag verheißend leer gegessen sind, die Weimarer Faust-Inszenierung ein Thema. Für Thieme ein Arbeitsschwerpunkt in diesem Jahr – andere führten ihn nach Hannover und Salzburg. in Berlin, wo er eigentlich wohnt, war er hingegen kaum. Lohnt sich auch nicht, die Theater da seien – außer unter Castorf – nicht so vielversprechend. Weimar also, die alte Heimat (hier wurde er geboren). Und während Thieme noch über eine Veranstaltung am Vorabend mit dem Publikum nachdenkt („Das war ein Gespräch der dritten Art, ich schon angeschlagen…“), gibt der Kritiker ein Statement ab, das wie Medizin sein muss: „Ich werb’ mal für den Faust. Ich halte Faust I für ein nicht gutes Stück. Aber hier in dieser Inszenierung, da passiert was!“ meint Sucher. Noch nie habe er eine so spannende Aufführung gesehen. „Da wird eine Geschichte richtig erzählt – Sie sollten damit als Gastspiel in die Republik gehen!“

Zaghafte Zwischenfrage von der anderen Seite des Tisches, an der Hoteldirektor und Journalist sich über das muntere Zwiegespräch der beiden Theaterprotagonisten erfreuen: „Sind Kritiker eigentlich fair?“

Thomas Thieme legt die Gabel bei Seite, verschränkt die Arme und brummt voller Erwartung: „Eine gute Frage!“ Und bekommt eine Antwort, die ob ihrer Ehrlichkeit verblüfft: „Das ist nicht unsere Aufgabe!“ Der Leser müsse lediglich nachvollziehen können, was der Kritiker schreibe – und selbstverständlich am Ende des Beitrags auch zu einem anderen Ergebnis kommen dürfen. So gesehen ist das Schreiben einer Kritik durchaus mit einer Aufführung vergleichbar: Da muss etwas schlüssig erzählt werden. Sucher: „Erst muss der Kritiker einmal schlau sein, und dann muss er schreiben können.“

Ulrich van Stipriaan

Menü

Rochenflügel mit Kapernmarinade
*
Gazpacho mit klassischer Einlage
*
Parmesanrisotto
mit gebratener Entenleber und Balsamicosoße
*
Rinderfilet „Rossini“
an buntem Sommergemüse
auf sautierten Kaiserschoten und Kartoffelgitter
*
Vanillefächer an karamelisierten
Waldbeeren und Pfirsichsorbet

Weine

2000er Roero Arneis
Giacosa Fratelli
Piemont/ Italien
*
1999er Zweigelt Reserve
Weingut Glätzer
Carnuntum/ Österreich

Veröffentlicht in: Connection 4/01
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Verlust und doch Gewinn

Das Kunstfest Weimar 2001 findet vom 8. August bis zum 2. September statt. Unter dem Motto „Nach Weimar” beschreitet es weiter den unter Intendant Bernd Kauffmann eingeschlagenen Weg, in der Klassikerstadt modernes internationales Theater großer Autoren und Regisseure zu zeigen sowie neue Einblicke in die aktuelle Entwicklung des Tanztheaters zu geben.

Gespräch mit Ralf Schlüter, Geschäftsführer Kunstfest Weimar

Die Geschichte mit dem Tellerwäscher, der es zum Millionär gebracht hat, wird ja immer wieder gerne erzählt. Leider kennen die wenigsten von uns jemanden, der es auf diesem spektakulären Weg geschafft hat, weswegen man sich schon freut jemanden zu treffen, der es vom Hiwi (was eigentlich für wissenschaftliche Hilfskraft steht, aber auch für alle anderen „Mädchen für alles” beiderlei Geschlechts angewandt wird) zum Geschäftsführer gebracht hat – bei der gleichen Firma, versteht sich.

Der Mann, der da mit dem Direktor des Elephant Paul J. Kernatsch ein angeregtes Gespräch beim Abendessen im Restaurant „Anna Amalia” führt, heißt Ralf Schlüter und ist Geschäftsführer vom Kunstfest Weimar. Bekannter ist dessen Indendant, der umtriebige Bernd Kauffmann, der Weimar eigentlich verlassen hat und sich östlich von Berlin neuen Aufgaben widmet. Uneigentlich will er, wie es aussieht, aber das Kunstfest weiter als Intendant begleiten – ob und wie das gehen soll bei jemandem, der gerne und wohltuend Präsenz gezeigt hat, ist denn auch eines der Themen des Abends, wenn auch überhaupt kein dominantes.

Schlüter, der vor 41 Jahren in Weimar geboren wurde und in Jena Germanistik studiert hat, schildert die (bisherigen) neun Jahre mit Kauffmann als „spannend und prägend”. Und er plaudert von seinen eigenen Anfängen, als er das Organisationsbüro des Festivals vor zehn Jahren aufzubauen hatte. „Im Nachhinein,” sinniert er bei der vom Service gebrachten „Torte von Gänsestopfleber in Madeiragelee mit sautierten Pfifferlingen”, „im Nachhinein muss man sagen, dass wir das Festival am Anfang mit geradezu kindlich naiver Kreativität angegangen sind!” Der Ausgleich waren Engagement und Herzlichkeit, was ja zumindest für das Publikum keine schlechte Mischung ist. Die Künstler mögen es damals anders gesehen haben, aber in den Wendejahren hatten ja viele Veranstaltungen diesen Charme des Unvollkommenen, nach dem sich heute mancher zurück sehnt.

Mittlerweile hat Schlüter dazu gelernt, weiß, dass zu einem Klavierkonzert für den Künstler nicht nur ein Klavier und ein Hocker dazu gehören, sondern erstens ein zweiter Hocker für denjenigen, der die Noten umblättert, zweitens ein Glas Wasser und drittens eine Toilette. Aber er kann lachen über die Anfänge und erzählt so erfrischend unbeklommen, dass schon das Zuhören Spaß macht.

Nun ist das Leben als Geschäftsführer nicht immer nur lustig, und um ein Festival wie das Kunstfest Weimar über die Jahre zum Erfolg zu führen, bedarf es auch einiger ernsthafter Arbeit.

Um wirklich gute Leute zu bekommen, muss man sich das Jahr über viel ansehen, aber manchmal führen auch Zufallsentdeckungen oder Bekanntschaften zu passablen Ergebnissen.

Beim Hauptgang „Seezunge im Zucchinimantel auf Blattspinat mit Senfkörnersoße” kommt das Gespräch auf das unvermeidliche und leidige Thema Geld. Als hundertprozentige Tochter der Stadt ist „Kunstfest Weimar” eine GmbH, was ihr zwar die für so ein Festival ungünstigen kameralistische Abrechnungen erspart, aber doch eine finanzielle Abhängigkeit bedeutet. Von den 1,8 Millionen Mark Zuwendungen kommen 500.000 von der Stadt und 1,3 Millionen Mark vom Land Thüringen. Weitere etwa 150.000 tragen Inititiativen und Sponsoren bei, direkt durch Geld oder durch Sachleistungen. Ist das viel Geld? Schon, aber natürlich nicht genug. „Wir verdienen nichts, der Verlust ist sozusagen programmiert,” meint Schlüter und schiebt listig nach, dass das Festival dennoch ein Gewinn für die Stadt sei, wenn auch ein schwer messbarer. „Die Stadt ist durch das Kunstfest in einem anderen Zustand. Aber es ist ein anspruchsvolles Fest – und da braucht man einen langen Atem!

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: Connection 3/01
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“Wir suchen Menschen mit passionierter Vernunft”

Gespräch im Anna Amalia mit Hans Hoffmeister

Am Eingangsbereich des Hotel Elephant ist ein Aufkleber zu sehen: „Thüringen tolerant“ steht drauf, und zwei stilisierte Gesichter lächeln. Hat so ein Aufkleber etwas an der Fassade eines Luxushotels zu suchen? „Ja!“ sagt der Direktor des Hauses, Paul Kernatsch. Denn es ist nicht irgendein Aufkleber, sondern ein Zeichen für mehr Offenheit Ausländern gegenüber. Und solcher Zeichen bedarf es!

Der Aufkleber hat eine Geschichte. Um mehr darüber zu erfahren, treffen wir uns mit dem Initiator im „Anna Amalia“, dem mehrfach ausgezeichneten Restaurant im Hotel Elephant. Unser Gast kommt pünktlich, aber gestresst zum Termin. Kein Wunder: Er ist Journalist, Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung in Weimar. Hans Hoffmeister ist ein Mann mit engem Terminkalender, und so sprudelt er auch gleich los: Angefangen habe eigentlich alles mit einer Aktion gegen eine geplante Demonstration der NPD. Die wollte am 1. Mai durch Weimar marschieren – ein Unding, wie Hoffmeister meinte. Und so rief er via Zeitung zum zivilen kreativen Ungehorsam auf: Die Weimarer sollten die Plätze friedlich besetzen, damit für die rechten Horden sozusagen wörtlich wie im übertragenen Sinn kein Platz in Weimar sei.

Vier Wochen habe er Zeit gehabt, die Leserschaft zu mobilisieren. Immer neue Ideen habe es gegeben – und begeistert berichtet Hoffmeister von den vielen Leserbriefen, in denen sich das Aufbegehren der Weimarer manifestierte.

Der Service im Restaurant hat kaum Gelegenheit, das Gebrachte zu erklären – wes das Herz voll ist, läuft der Mund über, sozusagen: Hoffmeister ist ein Informationsquell ohne Ende, er erinnert sich (was der Beruf wohl mit sich bringt) an Details, auch wenn sie lange zurückliegen. Aber irgendwie schaffen die Damen und Herren es dann doch, die Gesprächsrunde auf den Geschmack zu bringen, so dass neben ernsten Themen so Köstlichkeiten wie eine Terrine von Hauskaninchen mit Walnüssen oder Kaisergranat auf Kartoffelfächer oder Risotto mit Trüffel die ihnen gebührende Zuwendung erfahren.

Zurück zur Mai-Demonstration: Rechtzeitig zum Termin veröffentlichte die Zeitung ein ganzseitiges Plakat gegen die Demonstration – und obwohl diese letztendlich verboten wurde und auch nicht stattfand, sah man an vielen Fenstern das eindeutige Zeichen. Vier Wochen später das gleiche Szenario: Angemeldete Demonstration, Zeitungsseiten der Ablehnung in den Fenstern: Weimar zeigt Flagge.

Diese lange Vorgeschichte ist notwendig, um die Gemengelage in der Kulturstadt zu beleuchten – einer Stadt, die nicht nur Goethe im Zentrum, sondern auch Buchenwald vor den Toren hat.

Als dann Wochen später in Eisenach Afrikaner gehetzt wurden, entstand die Aktion „Thüringen tolerant“: Die Aufkleber sind ein Teil, Unterschriften ein weiterer, kontinuierliche Berichterstattung in der Zeitung ein dritter. Hoffmeister will mit diesem „Lackmustest der Gesellschaft“ die Sensibilität für ein weltoffenes und tolerantes Thüringen schärfen.

Die Direktion und die Belegschaft des „Elephant“ gehörten zu den ersten, die unterschrieben – inzwischen sind es viele Tausende, vom Bischof über Politiker bis zu Unternehmern, von 6.000 Fußballern aus 40 Vereinen im Kreis Gotha bis zu kompletten Familien.

Viel Zustimmung also – aber wer so polarisiert, ist ja nicht unumstritten. Oder? Zwanzig Gegenbriefe habe er bekommen, davon die Hälfte anonym – im Grunde also nicht der Rede wert. Natürlich erlebt er Veränderungen in der Umgebung, bei den Nachbarn. Auch die tägliche Jogging-Begegnung ist nicht mehr, was sie mal war: Toleranz kennt auch Grenzen.

Unterm Strich aber ist Hoffmeister zufrieden mit der Entwicklung: Je mehr Menschen kapieren, dass Fremde eine Bereicherung und nicht eine Bedrohung sind, desto besser.

Mittlerweile hat sich das Thema verselbstständigt, Hoffmeister wird als Experte befragt, ist bei Podiumsdiskussionen wie der mit Michel Friedmann im Elephanten dabei, schreibt hier einen Gastkommentar und dort eine Kolumne außerhalb des eigenen Blattes.

Zwischendurch ist er ja auch noch Chefredakteur, muss Blatt machen, Kommentare gegenlesen und das Zeitgeschehen beleuchten wie auch mitbestimmen. So jemanden aus dem Stress zu holen und zur Ruhe zu bringen, scheint schier unmöglich. Dass er uns statt der angekündigten Stunde nach zwei kurzen Telefonaten dann doch zweieinhalb der wertvollen Zeit schenkte, lag nicht zuletzt am Team des Anna Amalia: Das Menü durfte letztendlich sogar um ein köstliches Dessert erweitert werden…

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: Connection 1/2000
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„Ein gut bestelltes Haus“

Gespräch mit dem Intendanten des Staatsschauspiels Dresden, Prof. Görne

Mit der darstellenden Kunst in Dresden verhält es sich im Grunde nicht unproblematisch: Die Semperoper ist nicht zuletzt dank der allabendlichen Fernsehwerbung eines hiesigen Bieres immer präsent und bietet auch unabhängig davon ein Repertoire vom Feinsten – eine Auslastung von nahezu hundert Prozent ist die erfreuliche Folge.

Ist nun unglücklich, wer ein anderes Haus zu leiten die Ehre hat? Nein, nicht wirklich: Prof. Dr. Dieter Görne, Intendant des Staatsschauspiels in Dresden, leidet nicht unter der Popularität des berühmten Nachbarn. „Wir haben das große Glück, dass das Verhältnis zwischen allen Dresdner Intendanten gut ist – und wir kooperieren beim Dresdner Anrecht sogar mit der Semperoper und der Staatsoperette!“ sagt er beim Mittagessen im Restaurant Intermezzo und klopft sich, toi toi toi, auf den Kopf: Möge es so bleiben!

Schön ist das Schauspielhaus übrigens auch – nur dass man es ihm auch nach der historischen Rekonstruktion (1993/95) von außen nicht unbedingt ansieht, und die Werbung hat es auch noch nicht entdeckt.

Mit 60 bis 70 Prozent Auslastung steht man zudem auch so schlecht nicht da – und das bei immerhin insgesamt vier Spielstätten, die zum Staatsschauspiel gehören: Neben dem Großen Haus mit etwa 800 Plätzen direkt gegenüber dem Zwinger (und somit einen Steinwurf vom Taschenbergpalais entfernt) gibt es das Schlosstheater (Nachbar des Taschenbergpalais auf der anderen Seite…), über das gleich noch etwas zu sagen sein wird. Und dann das Theater Oben und das Theater in der Fabrik (TIF), beide je rund 100 Plätze.

Was in der Aufzählung fehlt, ist das Kleine Haus. Das gibt es zwar (in der Neustadt, knapp 400 Plätze) – aber es ist geschlossen. Einerseits wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten, andererseits weil es auch hier die im Osten der Republik häufig den Fortgang der Dinge hemmenden Restitutionsansprüche gab. „Aber wenn ich 2001 in den Ruhestand trete, soll der Grundstein gelegt sein!“

Die Schließung des Kleinen Hauses im Sommer 1998 hat auch ein Gutes: Denn von Anfang an gab es Ersatz. Zuerst ein Zelt, das schon ein bemerkenswertes Theatergefühl vermittelte – und nun die Spielstätte im Schloss. Ein Traum! In der ehemaligen Schlosskapelle (Schütz-Kapelle) mit ihren Gewölben wird Zeitgenössisches gespielt – Dramatik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bis das Schloss seiner endgültigen musealen Bestimmung übergeben wird, findet hier also im Keller Kunst statt, die nicht einmal über die Maßen kostet: Nur rund 400.000 Mark mussten für den Theaterbetrieb investiert werden, die anderen Maßnahmen bleiben – egal wie der Raum genutzt wird – erhalten. „Eine Vorstellung, die auch für den Finanzminister verlockend ist!“ meint der Intendant, und am „auch“ merkt man, dass er selbst ebenfalls nicht gerade unzufrieden ist.

Räume reizen zum Experimentieren – im Schlosstheater (wo es alle vierzehn Tage spätabends „freit@g-nachT“ gibt) und allemal im Theater in der Fabrik. Unter der künstlerischen Leitung von Eva Johanna Heldrich gibt es auf der Bühne im ehemaligen Kupplungswerk „eine schöne und ganz wichtige Spielstätte, wo anregendes und innovatives Theater gemacht wird.“ Zwar sei er als Intendant auch im TIF verantwortlich, aber er mische sich nicht ein.

Kann man gut ein Jahr vor dem Ende der beruflichen Arbeit schon Bilanz ziehen und sogar einen persönlichen Ausblick wagen? Schwer ist’s, natürlich, aber „ich glaube schon, dass das Schauspiel in Dresden gut dasteht.“ Der Spielplan der kommenden Saison, sein letzter, werde dokumentieren, was man leisten könne, wo man stehe.

Die Nachfolge ist geregelt – beruhigend für Görne, der seit 1990 als Intendant und vorher als Chefdramaturg dem Haus wichtige Impulse gegeben hat. Wichtig ist das auch deswegen, weil der in Heidenau bei Dresden geborene Görne „ganz gründlich loslassen möchte“: Er lehrt an der Hochschule für Bildende Künste Dresden Theatergeschichte und Dramaturgie und würde das gerne auch weiterhin tun – aber ins Theater will er definitiv nur noch als Besucher gehen. Das aber gerne!

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: trialog 2/2000
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Auf der Suche nach Persönlichkeiten

Tischgespräch mit dem zukünftigen DNT-Intendanten Stephan Amadeus Märki

Etwas gehetzt und abgespannt kommt da ein Mann in den „Elephant“. Muss ein Künstler sein, denkt sich der geschulte Beobachter, denn die bei diesem Berufsstand so beliebte Farbe schwarz hat er perfektioniert: Jackett und Hose schwarz, schwarzes Hemd, na klar, mit oberstem Knopf offen. Das kann soweit jeder. Aber Stephan Amadeus Märki, der zukünftige Intendant des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, belässt es nicht bei derlei Äußerlichkeiten, sondern hat stilecht schwarzes Haar und schwarzen Dreitagebart. Außerdem hat er diesen zauberhaft wegweisenden zweiten Vornamen: Amadeus, der von Gott geliebte.

Aber dafür kann er ja nichts, bei der Namensvergabe haben Neugeborene als die Betroffenen kein Mitspracherecht. „Es war der Großvater,“ erzählt Märki, „der war den Künsten verbunden.“

Märki selbst war es in seinem frühen Leben (was sooo lange nicht her ist, er ist Jahrgang 55) mehr der Stephan als der Amadeus – will heißen: Er hielt es eher mit sehr weltlichen Dingen. Er ist Autorennen gefahren (freilich mit dem Künstlernamen Amadeus…) und kann aus der Zeit eine Menge lustige und auch eine nicht ganz so lustige Geschichte(n) erzählen. Der lustigen eine geht so: Da gab es eine Radarkontrolle, und der Stephan Märki fuhr gerade 260. Man hielt ihn zwar an, aber Strafe oder so gab es nicht: „Das Gerät geht bis 240 und behauptet, Sie sind noch schneller gewesen! Da ist sicher das Gerät kaputt. Entschuldigung!“ Und die weniger lustige Geschichte handelt von seinem letzten Rennen, bei dem er mit Tempo 200 in die Mauer gekracht ist…

Manchmal, nicht immer, kommt der Service zur rechten Zeit und lenkt ab mit trefflichen Dingen. An dieser Stelle war es ein Parmesanrisotto, das jedes Gerede über andere, weltliche Dinge verbot. Denn es schmeckte himmlisch.

Doch auch (oder vor allem?) himmlische Genüsse sind nicht von Dauer. Nach diesem und vor dem nächsten Gang besprechen wir das Kapitel, wie der Herr Märki erfolgreicher Jungunternehmer wird. Er hat sich nämlich dem Journalismus verschrieben und eine Presse- und Werbeagentur gegründet, die, wie er verschmitzt und in Anbetracht des Umfeldes nicht ganz unberechtigt sagt, „sogar erfolgreich war“. So erfolgreich, dass er seine Anteile im immer noch jugendlichen Alter von 25 Jahren verkaufte und (wie er zwischen zwei Schluck des zum Essen servierten Weines zugibt) „einen Haufen Geld gemacht“ hat. Aber anders als Andere machte er was draus, ging nach München, studierte. Erst nahm er drei Jahre Schauspiel-, dann noch ein Jahr Regieunterricht.

Irgendwie war diese Doppelausbildung ganz gut, denn als das junge Talent beim Zivilschutz von der Leiter fiel, war’s zumindest mit der Schauspielerei erst einmal vorbei. Wer will schon einen Schauspieler in Gips?

Aber auch mit Gips kann man ein Theater führen – zumal, wenn das Wortspiel gestattet ist, noch Grips dazukommt. Also gründete Amadeus Märki sein Theater in München und machte vor, dass man auch anders arbeiten kann. Diese andere Art zu arbeiten merken übrigens auch jetzt in Weimar diejenigen, die sich bei Märkis „Suche nach Persönlichkeiten“ vorstellen. Sie erfahren noch am gleichen Tag, ob sie genommen werden oder nicht. Das Getue mit wochenlangem Warten und dann einem (oft nichts sagendem) Absagebrief will Märki nicht mitmachen. Die Schauspieler sind verwundert, so behandelt zu werden – aber sie nehmen es dankbar an… So entsteht, hofft er, ein Pool von Leuten, bei denen die Chemie stimmt.

Nach München kam Potsdam („Eine Stadt mit Zukunft und eine Stadt mit Herkunft!“), wo Märki erst einmal tat, was er gar nicht gerne mag: „Ich habe eine Strukturreform durchgeführt, was überhaupt keinen Spaß gemacht hat!“ Beinahe holt ihn die Unlust beim Erzählen ein, aber da ein 93er Barbaresco im Zusammenklang mit einem Rehrückenmedaillon mittlerweile ein feines Mikroklima an unserem Tisch geschaffen hat, geht‘s noch einmal gut…

Eine gute Voraussetzung, um über die Zukunft des Theaters in Weimar zu reden! Da bleibt er nett, aber verrät auch nicht alles: Ja, er wird Regie führen. Ja, es wird mit Beginn der Saison innerhalb von vier Wochen drei bis fünf Premieren geben. Nein, er sagt nicht welche.

Dafür sagt er uns noch was zu seiner neuen Wirkungsstätte: „Der Name des Theaters klingt wie Rolls Royce, aber wir spielen nicht in der ersten Liga!“ Gerne würde er das Schauspiel von der C-Klasse in die A-Klasse führen… Aber drei Jahre brauche er mindestens, um diese Pläne umzusetzen

Ulrich van Stipriaan

1996er Pouilly Fuisse
Savarin vom Kaisergranat auf Zuckerschoten
mit Weißem Alba-Trüffel
*
Parmesan-Risotto mit sautierter Entenleber und Balsamicoessig
*
1993er Barbaresco Cru Bric Ballin
Medaillon vom Rehrücken an Birnen-Rotwein-Kompott
Rosenkohl und Williamsbirn-Kristallen

Veröffentlicht in: trialog 1/2000
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„Wir müssen mehr unternehmen!“

Gespräch mit Leipzigs OB Wolfgang Tiefensee

Die ersten Sätze eines Interviews, so lernt man als Journalist, sollten quasi im Vorfeld des offiziellen Gesprächs einen sanften Einstieg in die Unterhaltung bieten. Neudeutsch nennt man das warming up, und meistens klappt es auch. Was aber, wenn einer der Beteiligten aus Dresden kommt und das Gespräch in Leipzig stattfindet, zudem noch mit dem Oberbürgermeister der Stadt? Leben dann alte Animositäten auf? Lodert der altbewährte Streit, wer die Schönste im Land sei? Nein! Alles ist anders…

Leipzigs OB zum Frühstück bei Fürstenhof-Direktor F. W. Niemann

Wolfgang Tiefensee ist, normale Maßstäbe einer parteipolitischen Karriere angelegt, ein Spätentwickler. Im Juli 1998 wurde er für die SPD Oberbürgermeister der Stadt Leipzig – nach erst drei Jahren Parteizugehörigkeit. Normal ist das nicht, aber vielleicht ganz gut, denn Tiefensee hat sich ohne die Ochsentour durch alle Gremien weniger Kanten abgeschliffen als viele seiner altgedienten Kollegen – und mehr Frische und Charme hat er auch behalten. Und so ist es dann ein ganz und gar unkompliziertes Gespräch, das der Oberbürgermeister mit dem Geschäftsführenden Direktor des Kempinski Hotel Fürstenhof Leipzig während eines Frühstücks im Hofgarten des Hauses führen – ein Gespräch mit vielen ernsten Momenten (wenn es um Arbeit geht oder um Demokratie beispielsweise), aber auch eins mit vielen Lachern zwischendurch.

Sehr viel Spaß bereitete Tiefensee beispielsweise das Manager Orchester, das kürzlich in Leipzig auftrat: Bis auf den Dirigenten (Herbert Blomstedt vom Gewandhaus) saßen da nur Laien im Orchester, die im normalen Leben eben Manager oder Vergleichbares sind. Der OB beispielsweise hatte zwar in seiner Jugend Cello gelernt und sogar den Bachpreis gewonnen. Weil aber die politische Haltung des Katholiken und in kirchlichen Gruppen arbeitenden Tiefensee damals unbequem war, durfte er nicht studieren, schon gar nicht Musik. Und so blieb dann irgendwann das Cello auf der Strecke. „Nach 30 Jahren war das nun mein erstes Konzert –und es hat irre Spaß gemacht!“ Ein paar Sekunden hatte der OB über eine Auslandsreise nachgedacht, um so dem Termin geschickt auszuweichen. Aber dann entschloss er sich doch, „ein bisschen kräftig zu üben“ und mitzumachen. Mittlerweile bereut er das nicht, hätte sogar gern nächstes Jahr wieder so einen Termin in Leipzig: „Das passt zu uns, das Manager-Orchester!“

Weil da die Kunst die Wirtschaft trifft, und so hätte er sein Leipzig gerne. „Die Gefahr ist groß, dass Leipzig kein Gesicht hat. Aber wir brauchen eins!“ Als „Stadt der Unternehmenden“ könnte es voran gehen – denn die Leipziger seien eben nicht nur „Unternehmer“ im kaufmännischen Sinn. „Leipzig ist eine stolze Bürgerstadt, in der viel selbst gemacht wurde und wird!“ Ein wenig traurig stimme ihn schon, dass ausgerechnet in der Stadt der friedlichen Revolution zehn Jahre nach den entscheidenden Aktivitäten bei Wahlen so eine geringe Beteiligung für Minusrekorde sorge.

Untätigkeit ist nicht sein Metier: Wer in der Biographie liest, dass Wolfgang Tiefensee seinen Wehrdienst ohne Waffe als Bausoldat leistete, der bekommt eine Ahnung, was das für ein Mensch ist: Problemen geht man nicht aus dem Weg, man geht sie an. und mit der Meinung hält man nicht hinterm Berg, man diskutiert sie. Im irreal existierenden Sozialismus keine bequeme Grundeinstellung – aber wer sagt denn, dass im Leben immer alles bequem ablaufen muss?

So gesehen ist es kein Wunder, dass Tiefensee in den Tagen der Wende einer der Zehn am Runden Tisch war. Beinahe wäre er danach zurückgegangen zur Uni, wo er vor der Wende in einem berufsbegleitendem Studium als Ingenieur für Elektrotechnik diplomiert hatte – doch „da war es, als sei die Zeit stehengeblieben!“ – und so wurde Wolfgang Tiefensee Berufspolitiker, erst Dezernent und parteiloser Stadtverordneter, dem Bündnis 90 nahestehend, dann später Amtsleiter der Stadtverwaltung Leipzig. Anschließend Stadtrat und später Bürgermeister für Jugend, Schule, Bildung, Sport, jetzt Oberbürgermeister.

Macht das Spaß in Zeiten, in denen die wirtschaftliche Situation besser sein könnte, in denen der Wettbewerb härter und die Wirtschaftsstatistiken grauer geworden sind? Doch, unterm Strich schon. Optimistisch redet Tiefensee von Chancen und Potentialen, und dass man Gräben überwinden müsse. So wie den zwischen den beiden großen sächsischen Städten. Und glaubhaft versichert er dem aus der Landeshauptstadt angereisten Journalisten, dass diese beiden Städte ganz unterschiedlich seien und er den Wettbewerb sehr befruchtend finde. Nie sei er neidisch oder gar larmoyant. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Doch wehe, wenn er einmal Gelegenheit habe, mit einem Dresdner Wahrer und Hüter alter Pfründe hinter verschlossenen Türen allein zu sein – da werde er immer klar und deutlich Stellung nehmen…

Veröffentlicht in: trialog 4/99
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Löffel und Skizzenbuch

Gespräch mit Heinz Tesar, Architekt des „Haus am Zwinger“

Die Gespräche im Restaurant Intermezzo sind für die Beteiligten meistens so eine Art Blind Date: Der Redakteur kennt seinen Gast aus Film, Funk, Fernsehen, von der Bühne oder sonst irgendwie aus der Ferne. Und der Gast kennt den Redakteur – wenn überhaupt – vom Lesen alter „trialog“-Ausgaben. Aber als gewissenhafter Macher bereitet man sich ja vor, fragt zum Beispiel Gewährsmänner oder -frauen und erfährt dann beispielsweise: „Der, den Du da treffen willst, der sieht so aus, wie man sich einen Architekten vorstellt!“ Wie originell und doch passend, denn er ist ja Architekt! Aber wie sehen die denn aus? „Naja, so mit Zimmermannskluft, und als Erkennungszeichen hat er immer ein Notizbuch dabei!“

Dermaßen vorbereitet konnte ja nichts schiefgehen, zumal Heinz Tesar vor seinem trialog-Gespräch einen öffentlichen Auftritt hatte: Im „Haus am Zwinger“, das neben dem Taschenbergpalais entsteht und im November fertig sein wird, plauderte der Wiener Architekt, der weltweit Lehraufträge hat und derzeit neben dem Dresdner Haus am Zwinger noch Projekte in Berlin (Stichworte: Gendarmenmarkt und Museumsinsel) betreut, vor Fachleuten im Rohbau über sein Konzept und seine Gedanken zum Bauen an einer derart sensiblen und hervorgehobenen Stelle. Und siehe da: Selbst wenn man ihn nicht vorgestellt hätte, wäre die Beschreibung aufgegangen: Wie ein Zimmermann sieht er beinahe aus (nur fast, weil das Sakko aus Samt ist und der obligate Hammer durch einen Kugelschreiber ersetzt ist), und sein Skizzenbuch hat er natürlich nicht nur dabei, sondern gleich mehrfach erwähnt!

Seit 30 Jahren begleiten ihn die kleinen dicken Kladden. Tesar, der vor 59 Jahren in Innsbruck geboren wurde und schon so lange in Wien lebt, dass man ihn getrost als „Wiener Architekt“ bezeichnen darf, nutzt sie für sich als Erinnerungsstützen und als eine Art Mini-Flipchart, um Anderen seine Gedanken zu verdeutlichen. „Ideenskizzen leben, Worte sind nichts!“ meint er, bevor wir uns der Vorspeise des Abends widmen: Torte von der gepökelten Ente und Stopfleber mit Pumpernickel. Fast ist es wie eine Andachtssekunde, die er dem Bild des Gerichts widmet. „Man isst ja mit den Augen, und das nicht nur als Architekt!“ meint er, sich mitsamt seinen Gesprächspartnern Uwe Frommhold (Geschäftsführender Direktor des Kempinski Hotel Taschenbergpalais Dresden) und Klaus-Peter Junge (Vice President bei TrizecHahn Europe, Vermarkter vom Haus am Zwinger) dann aber doch den Gaumengenüssen hingebend…

Wie er sich als Architekt auf so einen Auftrag einlässt? wollten wir wissen. Eine kleine Frage nur, aber an ihr entlanghangelnd könnte man ein ganzes Semester Antworten geben! Denn Vermarktung ist eins, aber Architektur das andere. Nun ist Tesar alt und weise genug, nicht gegen die Interessen seines Auftraggebers zu arbeiten, aber ein wenig Reibung darf schon sein, damit‘s ein schönes Haus wird. Architektur, sagt Tesar, hat mit Kunst und Verantwortung zu tun. Da muss man schon oft umplanen, wenn‘s dadurch besser wird. „Die Grundidee ist da, und dann wird sie entwickelt!“ In Dresden gab es gleich mehrere, die (wenn man das zwischen Zicklein und Spinat beim Hauptgang einmal so salopp formulieren darf) da kongenial mitspielten. Da sind natürlich die, die zahlen: „Die Bauherrenschaft“, sagt Tesar, „hat mitgemacht!“ Aber nicht nur die: „Ich war oft sehr froh, dass es das Denkmalschutzamt gibt!“ Weil es um das Ensemble Zwinger / Taschenbergpalais / Haus am Zwinger geht, war Dresdens Denkmalschützer Prof. Dr. Gerhard Glaser eingeschaltet. Glaser, selbst Architekt, sei ein Glücksfall für Dresden, weil „er eine Empfindung für Qualität im Bau hat“. Und um nichts anderes als um Qualität geht es auch Heinz Tesar.

Wie er sich der Aufgabe genähert hat, wollten wir wissen – und erfahren, dass Tesar keineswegs das erste Mal in Dresden war, als er gebeten wurde, an dem internationalen Wettbewerb teilzunehmen, den er dann mit seinem Entwurf gewinnen sollte: Direkt nach der Wende hatte er eine Gastprofessur an der TU in Dresden. Als dann der Wettbewerb ausgeschrieben war, kam er wieder, denn „der Ort flüstert: Hör zu, dann findest Du Ideen!“ Natürlich kam Tesar mit seinem Skizzenblock. So wanderte er sehend und zeichnend durch die Straßen der Stadt, machte sich Gedanken und suchte sich der Präsenz des Ortes zu nähern. Heraus kam die Idee, die preisgekrönt wurde und jetzt umgesetzt wird: „Das langgestreckte Haus bewirkt eine Wiederherstellung alter Zustände: Die Kleine Brüdergasse wird wieder entstehen, man wird durch das Gebäude hindurchgehen können und in einem Stadtwäldchen landen!“

Für das Haus hat Tesar sich viele kleine Schmankerl ausgedacht: „Aus dem zurückgesetzten gläsernen Haus auf dem Dach hat man wundervolle Ausblicke auf Zwinger, Schloss und Taschenberg!“ Die Architektur des Hauses nimmt den Grundriss der 1962 auf Beschluss der Partei- und Staatsführung der DDR abgerissenen Sophienkirche auf. Schwungvoll gibt sich das Haus im Kopfbereich gegenüber dem Zwinger, und Pilaster im Rumpfbereich bringen Rhythmus ins Haus. Aber wo ist der in Dresden so beliebte Elbsandstein? „Der kommt ganz bewusst nicht vor: Das ist ein Büro- und Geschäftshaus, das in der Putztradition steht!“ Putz aber nicht in der einfachen Form, sondern in einer zumindest in diesen Regionen einmaligen Ausprägung als „Löffelputz“. Mit dieser Technik will Tesar „a bisserl a Leben reinkriegen in die Oberfläche“: Mit einem Löffel wird der Putz wieder aus der glatten Oberfläche herausgeschabt. „Lange dachte ich ja, dass das meine Erfindung ist – aber ich habe es nur gefunden, denn vor mir hat‘s schon jemand anders gemacht!“ Schön sei’s trotzdem, und einzig eben auch, weil das nicht jeder macht.
Und so schwärmt er immer weiter. Bis zur Frage, ob er denn auch einziehen wolle in das Haus am Zwinger? Da lacht er und sagt „Nein! “ Nicht weil es ihm nicht gefällt, aber nie würde er in ein Haus ziehen, das er selbst gebaut hat…

Veröffentlicht in: trialog 3/99
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Der lachende Dirigent

Gespräch beim Lunch mit George Alexander Albrecht

Wenn der Dirigent kommt, klatscht man. Dann verbeugt er sich, und danach sieht man ihn von hinten. Die Arme schwingen, je nach Temperament und persönlichem Stil des Taktstockhalters, mehr oder minder deutlich durch die Luft. Man könnte, rein dirigentenmäßig sozusagen, auch die Augen zumachen und nur zuhören.

Die Weimarer kennen ihren Dirigenten ausgiebig von vorne. George Alexander Albrecht, der Generalmusikdirektor (GMD) am Deutschen Nationaltheater in Weimar und Dirigent der Staatskapelle Weimar, liebt nämlich den direkten Dialog mit seinem Publikum. Er erklärt was kommt, er lässt Teile der Stücke vorspielen (was selbst nach vier Jahren gemeinsamen Musizierens die Damen und Herren vom Orchester manchmal erschrickt, denn geplant ist das nur prinzipiell, aber so konkret dann doch meist nicht).

Der 24. Nachfolger von Johann Sebastian Bach hat in Weimar seine große Geliebte gefunden. Und, was die Sache so schön knisternd macht, die Liebe trifft auf vehemente Gegenliebe. Albrecht, der auf ausdrücklichen Wunsch von Hoteldirektor Paul Kernatsch zum Essenstermin im Restaurant „Anna Amalia“ mit seiner Frau Liese kam, spricht in ihrer Gegenwart so offen von dieser Liebe, und sie lacht und nickt dazu, dass klar ist: Das muss ein ganz besonderer Fall von Liebe sein. Ist es auch, denn Albrecht ist ganz hin und weg, wenn er von seinem Orchester spricht. „Noch nie war ich so glücklich mit einem Orchester!“ sagt er, und seine sowieso immer funkelnden Augen mit den vom vielen Lachen geprägten Fältchen um die Augen legen noch einmal ein Funkeln drauf. Angekommen, so scheint’s, ist er, und das mit all seiner Erfahrung: Am 1. Juni 1949 hatte er sein erstes Konzert, damals noch als Amateur, denn schließlich war er erst 14 Jahre jung. Doch seit nunmehr 40 Jahren ist Albrecht beruflich Musiker, hat viel erlebt. „Aber sowas noch nicht wie in Weimar, diese Einstimmigkeit mit dem Orchester!“ schwärmt er. Er lobt das Orchester aber nicht nur, weil es den selben Geschmack hat wie er (das wäre ja zu leicht und billig), sondern auch wegen der hohen Spielkultur, des Bewußtseins für Tradition und Werte.

Was für das Verhältnis des Dirigenten zum Orchester und umgekehrt gilt, hat auch Bestand bei Aufführungen. Da springt sozusagen die Macht der Liebe über die Bühne und ergreift, wieder wechselseitig, das Publikum. Das hört aufmerksam zu, das verwöhnt ihn und sein Orchester mit Ovationen. „Wenn der Saal sich nach einem Konzert wie ein Mann erhebt, das macht mich fertig!“

Die Chemie stimmt also, wie man heute gerne etwas lax sagt. Aber egal wie locker man so etwas formuliert, es ist wichtig, entscheidet letztendlich über Gedeih und Verderb eines Hauses. „Wenn der Generalmusikdirektor und der Intendant an einem Strang ziehen“, meint Albrecht an anderer Stelle des Gesprächs, dann blüht das Haus!“

Blühende Landschaften und Kultur, das ist ein weites Feld. Meistens entwickelt sich das Gespräch sehr schnell in Richtung Kaktus, will sagen: Es geht mehr um die Stacheln als ums Blühen. Dabei kommt nicht zwangläufig grobes Gemeckere heraus, wie das Beispiel der „Freunde der Staatskapelle“ lehrt.

Wie das Orchester und sein Dirigent zu diesen Freunden gekommen ist, ist eine Geschichte mit Happy End, und die beginnt so: „Eines Tages hagelte es mal wieder Einsparungen, und das ausgerechnet im Kulturstadtjahr!“ Da fragte sich der GMD, wie er alle seine schönen Ideen denn nun finanzieren solle? Und weil er spontan keine befriedigende Antwort fand, stieß er einen Notschrei aus.

Es hilft bekanntlich nicht immer, wenn man laut schreit, aber manchmal eben schon. Diesmal hörte ein Fan des Orchesters den Schrei, und er spendete 50.000 Mark. Und ein anderer Fan hatte eine Idee: Er gründete die „Freunde der Staatskapelle“, die fortan – weil ja nicht jeder mal eben 50.000 Mark übrig hat – auch aus der Summe der vielen kleinen Spenden einen erklecklichen Betrag zu machen trachten.

Soweit die Geschichte, die nach ein wenig vorbereitenden Handelns am 28. Februar publik wurde. Natürlich nach einem Konzert mit der Staatskapelle Weimar…

Was die Freunde alles bewirken können? Eine Menge. Prinzipiell geht es darum, das hohe Niveau der Staatskapelle zu halten, was mit dem laufenden Etat nicht funktioniert. „Die Stars, egal ob Sänger oder Gastdirigenten, sind oft Spitzengagen gewohnt. Und wir brauchen in dieser erstklassigen Kulturstadt Weimar erstklassige Komponisten, Dirigenten, Solisten!“ Und wenn Albrecht an die Akustik in Nationaltheater denkt, vergeht ihm das Lachen. Vor allem, wenn er sie mit der anderer Spielstätten vergleicht. „Ein Fall für die Freunde!“ sagt er (und schon kommt das vertraute leicht verschmitzte Lächeln zurück).

Wenn’s um Geld geht, sind Ideen gefragt. Paul Kernatsch steuert beim Essen gleich zwei bei, die als Angebot für die Freunde gelten: Einmal wird das Team vom Elephant vom Preis für die Getränke, die das Haus auf dem diesjährigen Zwiebelmarkt verkauft, einen Fixbetrag pro Glas an die Freunde der Staatskapelle spenden. Und zum Anderen gibt es einen dieser verpackten Weimar-Würfel, auf dem die Stars unterschreiben, die in Weimar sind. Dieser Würfel wird am Ende eines an Prominenz nicht armen Jahres versteigert. Und der Erlös? Erraten!

Veröffentlicht in: trialog 2/1999
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