Im Jordaan

Lindenhof

Das Viertel ist angesagt – seit einigen hundert Jahren, wenn auch für unterschiedliche Schichten oder Zielgruppen. Früher war der Jordaan eher ein Arbeiterviertel, heute findet man dort die unvergleichliche Mischung aus Wohnen und Ausgehen, aus Einheimischen und Touristen, aus Kitsch und Kunst. Am besten erläuft man sich das Viertel zwischen den Kanälen Prinsengracht, der Looiersgracht, der Lijnaansgracht und der Browersgracht im freien Zickzack der Gassen, die sich hier der Grachten-Symmetrie des Amsterdamer Zentrums verweigern: Jordaan legt sich quer und ist ein bisschen schräg…

Quinta
Quinta

Wir betraten das Viertel über die Brücke Leliegracht gleich hinter dem Anne Frank Haus. Und sofort ist man drin im Vergnügen: Quinta wirbt mit fijne wijnen, absinthe, jenevers und behauptet in aller Bescheidenheit, der beste Ort in ganz Amsterdam für den wirklichen Absinth zu sein. Wir also hinein und erst mal mit dem Inhaber ins Gespräch gekommen, der nach niederländischer Begrüßung und englischer Antwort gleich mal ins Deutsch wechselte. Wir ließen uns in den Abteilungen Absinth und Jenever beraten, wobei es den Jenever – ein Wacholderschnaps – auch zu probieren gab. Hier lernten wir, dass die Reihenfolge “jonge jenever – oude jenever – lekker jenever” erstens logisch ist und zweitens leider auch was mit dem Preis pro Flasche zu tun hat.

Absinth-Lektion
Absinth-Lektion

Für die Absinth-Beratung durften wir uns dann hinsetzen! Es folgte eine kleine Geschichtslektion, die nicht wirklich sensationell war, weil das auch alles so oder so ähnlich in der Wikipedia steht. Was dort freilich fehlt, ist die Begeisterungsfähigkeit des Vortragenden, der Schalk in den Augen bei der Begründung des Verbots (alles Machenschaften von Lobbyisten zur Förderung des Weinkonsums) – und die Möglichkeit, sich für den Eigenbedarf ein Fläschen mitzunehmen. Was im Vortrag (vielleicht verständlicherweise) fehlte, war der Hinweis, dass der Amsterdamer Weinhändlerkollege Menno Boorsma mit seiner Klage erreicht hat, das Absinth seit 2004 in den Niederlanden wieder verkauft werden darf.

Café Chris
Café Chris

Der Bummel durchs Viertel macht Spaß, es ist der Beweis, was für schöne Häuser man aus Klinker bauen kann. An vielen Giebeln sieht man Jahreszahlen: 1642, 1763, 1624. Die letztgenannte steht auf dem Fenster des Café Chris, der ältesten Gaststätte des Viertels und eine der vielen, die von sich sagen: die älteste in Amsterdam. Es ist eines der “bruine Cafés”, der braunen Cafés. Die findet man überall in Amsterdam, und es handelt sich keineswegs um Cafés im deutschen Sinne – eher sind es Nachbarschaftskneipen. In allen (aber auch wirklich: allen) unseren Quellen stand: Die heißen “braun”, weil das Mobiliar vom Rauchen im Laufe der Jahre braun geworden seien. Überall steht dann, dass es keine Musik gibt in den braunen Cafès – und das ist, mit Verlaub, großer Quatsch: Im Chris gab’s chilligen Jazz, in anderen von uns besuchten “Braunen” dudelte es ebenfalls. Auch Klischees wie “Holzfußboden mit feiner Sandschicht” sind nicht gelebte Praxis, sie lesen sich nur gut.

Karthuizerhof
Karthuizerhof

Auf dem Weg ins Café Chris konnten wir eine andere Spezialität des Viertels erleben: Schmucke Innenhöfe, hofjes auf niederländisch. Bei den hofjes handelt es sich um Witwenhäuser, meistens als Stiftungen (von wohlhabenden Bürgern) für Arme errichtet. Über 200 gibt es davon in den Niederlanden, 47 davon in Amsterdam. Und die Hälfte aller Amsterdamer hofjes befindet sich im Jordaan – da waren die Grundstücke vergleichsweise preiswert. Einige Höfe sind der Öffentlichkeit zugängig, zum Beispiel der Karthuizerhof. Ein schmucker Garten kennzeichnet den Komplex, der 1650 für Witwen und ledige Mütter mit ihren Kindern errichtet wurde.

Mamma Rosetta
Mamma Rosetta

Zum Mittagsimbiss landeten wir bei einem (offensichtlich recht neuen) Italiener: Mamma Rosetta. Der Chef ist Sohn italienischer Einwanderer, sein Vater war wohl auch schon Koch und ganz wichtig: Die Großmutter. Denn deren Rezepte kochte schon der Vater und nun auch der Enkel. Mama Roisetta ist unten ein alimentari und oben eher ein Bistro, es gibt Ciabatta, Pasta und einige wenige Fleischgerichte (Wildschein und Lamm, immerhin). Angeblich besonders gut sein soll die Lasagne – aber das habe ich erst später zu Hause gelesen. Meine Spaghetti ließen aber erahnen, dass das Gerücht stimmt ;-) – auf jeden Fall war der kurze Ausflug in die Toscana mitten im Jordaan nicht schlecht!

Orgel
Orgel

Der unverwechselbare Klang einer typisch holländischen (!) Drehorgel lockte mich während des Besuchs nach draußen. Die Romantik ist ein wenig hin, seitdem Dieselmotoren die Walzen in Bewegung versetzen – aber immerhin lieferte das Prachtexemplar noch ein Jordaan Potpourri. Das ist allerdings keine Aneinanderreihung von Heimatgesängen aufs Viertel, sondern Musik von Johnny Jordaan. Das war ein Amsterdamer Sänger, singender Kellner und zumindest in der Jugend ein wenig unvorsichtiger Mann – er verlor im Alter von neun Jahren bei einer Rauferei ein Auge. Ihm zu Ehren gibt es weiter südlich im Viertel den Johnny Jordaan-Plein in der Elandsgracht – aber das war ein anderer Spaziergang…

Quinta
New Leliestraat 4
1015 SP Amsterdam
Tel.: 020-4270226
Mobil: 06 44028228
www.quinta-wijnen.nl
Geöffnet:
Montag – Freitag: 12.00 bis 18.30 Uhr
Samstag: 10.00 bis 18.30
Sonntag: 12.00 bis 18.30 Uhr

Cafe Chris
Bloemstraat 42
1016LC Amsterdam
Tel: 020-6245942
www.cafechris.nl
Geöffnet:
Montag bis Donnerstag: 15.00 bis 01.00 Uhr
Freitag & Samstag: 15.00 bis 02.00 Uhr
Sonntag: 15.00 bis 21.00 Uhr

Mamma Rosetta
Lindengracht 158
1015 KK Amsterdam
Tel. 020-7520603
www.mammarosetta.nl
Geöffnet:
Montag – Samstag: 11.00 bis 21.00 Uhr
Sonntag: 12.00 bis 21.00 Uhr

Gut gesagt!

Rauchen ist tödlich - entdecke mehr!

Die Menschen in den Niederlanden sind freundliche Leute. Nur manchmal gucken sie etwas genervt – Fußballer können da ebenso ein Lied von singen wie Sprachwissenschaftler, obwohl die ja sonst kaum Berührungspunkte haben. Fußball interessiert uns nicht so, aber was die Holländer so mit der Sprache machen, ist schon spannend.

Es geht ja damit los, dass ich hier “die Holländer” geschrieben habe, wo doch “die Niederländer” viel korrekter gewesen werde. Ergo heißt es auch nicht “holländisch”, sondern “niederländisch” – aber ganz egal wie man das nun nennt, so oder so ist das kein Dialekt des Deutschen. Umgekehrt wird allerdings manchmal ein Schuh draus: Rund um Kleve und bis hinein ins Bergische Land kann man die Eingeborenen einen Dialekt des Niederländischen reden hören (wenn sie es denn noch können…).

Trotz der vielen Sprachgemeinsamkeiten vor allem im Grenzbereich, wo die Dialekte des Deutschen und die des Niederländischen einander sehr ähneln, gibt es Dinge, wo unsereins sich schmunzelnd freut und der gemeine Niederländer nicht versteht, warum so ein Schild auch noch fotografiert werden muss: “Geen steentjes in het water gooien” lesen wir und freuen uns, dass dieses Schild im Wasser von zahlreichen Steinen gehalten wird. Wer’s nicht lassen kann, muss das Schild wörtlich nehmen und vor allem auf das -tjes achten: Die im Niederländischen sehr beliebte Verkleinerungssilbe könnte doch ein Hinweis darauf sein, dass man es mit größeren Steinen durchaus versuchen könnte…

Manchmal erscheint uns Teutonen das Niederländische doch wie Poesie: “Verboden fietsen te plaatsen” klingt so musisch und unterscheidet sich vollinhaltlich doch überhaupt nicht vom “Fahrräder anlehnen verboten!” Auch der Hinweis auf den Störfaktor von Handies klingt niederländisch charmant: “Niet mobiel bellen!”

Verbote, Verbote, Verbote: Die Welt ist hier wie da die gleiche. Aber wenn unsere westlichen Nachbarn den Hunden der Welt, die unter uns gesagt gar keine Menschensprache sprechen, lieber angliziert als nederlands kommen und ein Schild “No Poop Zone” ins Fenster hängen, dann zeugt das von Universalaufgeschlossenheit.

Wer derart liberal gesinnt ist, der weiß auch dem in jeder Zigarettenschachtel lauernden Tod von der Schüppe zu huppen. Discover more, entdecke mehr: Rauchen ist tödlich, oder wie der Holländer sagt: roken is todelijk!

Alles frisch

Coffee to Walk

Hotelfrühstücke haben meist ihren besonderen Charme – komisch schmeckender Kaffee, langweilige Buffets und dergleichen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Während unseres Amsterdam-Aufenthalts sind wir schon deswegen nicht ins Hotel frühstücken gegangen, weil es gleich nebenan das “Coffee to Walk” gab, mit dem verheißungsvollen Schild: “All Day Breakfast”. Außerdem im Angebot: Allerlei Kaffee, allerlei Tee, frischer Orangensaft, frische Croissants – und: freies WLAN.

Wir haben den Besuch am ersten Morgen unseres Aufenthalts nicht bereut und waren jeden Morgen dort, gab es doch auch erstaunlich frische Meisjes: Sie waren gut drauf, bedienten mehrsprachig, lachten und waren fix. Der Saft (2,50 €) wurde wirklich frisch fürs Glas gepresst, die Latte Macchiato (2,50 €) war auf Wunsch sogar extra-heiß (das schaffen nicht alle, denn die Automaten schäumen die Milch manchmal eher lau auf). Über 30 unterschiedliche Kaffee-Spezialitäten sind im Angebot, aber wir ollen Traditionalisten nehmen immer nur die Morgen-Latte. Dazu probierten wir frisch aufgebackene Croissants mit ausreichend Butter und Marmelade sowie Toast mit Spiegelei – wobei das Toast von der dunklen Sorte war und uns fast noch besser gefiel als das kleine süße Frühstück.

Coffee to Walk
Plantage Middenlaan 44
1018 DH Amsterdam

Telefoon: 06-11510053
www.coffeetowalk.nl

[Lage]

Die Vielfalt des Rieslings

Weinabend mit Riesling

Wir sind ja bekennende Riesling-Liebhaber – da nutzen wir gerne die Möglichkeit, sich einmal quer durch die Weine eines der großen deutschen Weingüter zu probieren – aber eben nicht bei einer klassischen Probe, sondern im Realitätstest mit gutem Essen. Das geht (alljährlich im Februar) im Gasthaus zur Post in Ladbergen beim Weinabend. Dieses Mal war Steffen Brahner aus Wachenheim angereist. Er ist Geschäftsführer bei Dr. Bürklin-Wolf – das ist das Weingut, von dem man im Gault Millau WeinGuide Deutschland lesen kann, dass es “in keinem anderen Pfälzer Betrieb auch nur eine vergleichbar große Phalanx der hochwertigen trockenen Rieslinge” gebe.

2008 CuveeBrut
2008 CuveeBrut

500.000 Flaschen erzeugt das Weingut, das seit 2005 komplett biodynamisch bewirtschaftet wird. Die Erträge belaufen sich dennoch nur auf durchschnittlich 50 hl/ha: Das Weingut verfügt über 86 Hektar Rebfläche, und die Namen der besten Lagen sind Musik in den Ohren (und Gaumen) von Weinliebhabern: Ruppertsberger Reiterpfad, Forster Ungeheuer, Forster Kirchenstück, Deidesheimer Kalkofen und andere mehr. Aus diesem riesigen Angebot konnten die Gäste beim Weinabend einen Sekt (2008 Dr. Bürklin-Wolf Cuvée Brut) und fünf Weine probieren.

Spundekäs und Westfälischer Trüffel
Spundekäs und Westfälischer Tr…

Zum Empfang in Poststube und Gartenzimmer des Hauses schickte die Küche unter der Leitung von Oliver Lisso den Service mit Spundekäs mit Paprika und Pumpernickel sowie Westfälischem Trüffel mit Preiselbeeren hinaus. Wer schlau war, aß sich nicht satt daran, denn es sollte im Biedermeier-Salon ja erst richtig losgehen! Der war, wie immer, geschmackvoll eingedeckt, wobei wir das mit dem Wort geschmackvoll dieses Mal durchaus wörtlich verstanden haben möchten: Kräutertöpfe auf der Tischmitte reizten zum Fingerreiben (na klar waren die echt und rochen!).

Kaisergranat
Kaisergranat

Und dann kochte Oliver Lisso mit seinem Team fünf Gänge lang auf die Weine zu, die vom freundlichen Service erfreulicherweise großzügig aus- und nachgeschenkt wurden. Das Menü begann mit einem 2011 Wachenheimer Riesling, der zu Kaisergranat mit Fenchel-Passionsfrucht-Chutney und Korianderpüree getrunken werden wollte. Ein einfacher Ortsriesling, der das Zeug für einen feinen Sommerwein hat. Und, auch das muss ja mal gesagt werden, der sich auch vom Preisgefüge mehr “für alle Tage” eignet als die später verkosteten Raritäten und Spitzenweine (hier geht’s zum Weinshop des Weinguts, da stehen die Preise). Der Begriff Ortsrieling deutet übrigens an, wie man in Wachenheim bei Bürklins die Weine einteilt: Nach dem Terroir. “Wir sind über die Weinberge geflogen, wir sind durch die Weinberge gegangen!” erzählte Steffen Brahner, als er das System vorstellte. Und siehe da: Das Ergebnis der hauseigenen Recherchen anno 1990 deckte sich nahezu mit dem von 1828, als das Königreich Bayern (wie fast immer: aus steuerlichen Gründen) die Weinberge klassifiizierte. Nun gibt es also Gutsrieslinge, Ortsrieslinge und “PC” wie “GC” – wobei die Phantasiekürzel geschützte Begriffe wie Premiere Cru und Grand Cru asoziieren (sollen). Zum Wachenheimer Riesling hatte die Küche übrigens genau das Richtige zubereitet: Zusammen mit Kaisergranat und Fenchelchutney getrunken gewann der junge Wein gleich.

Dreierlei vom Saumagen
Dreierlei vom Saumagen

Der nächste Gang war eine Verbeugung an die Heimat der ausgeschenkten Rieslinge – aber wer Oliver Lisso kennt, der weiß, dass er da immer noch etwas reinmogelt, was die Sache anders macht und meist auch aufwertet: Die Variation vom Pfälzer Saumagen mit Kastanie, Pfifferlingen und Sauerkraut war eine deftige Angelegenheit (aber bei aller Deftigkeit doch eine feine Sache, wenn ich das mal so schlicht formulieren darf). Dagegen musste ein PC Riesling ankämpfen: Der 2010 Wachenheimer Goldbächel war schon deutlich stoffiger und wurde bei uns am Tisch (auch in der Gesamtbewertung des Abends) einer der Lieblingsweine. “Edelstahl haben diese Rieslinge nie gesehen!” erzählte Brahner, aber dafür lagen sie in altem Holz und durften spontan gären… 2010 war ja ein schwieriger Jahrgang – ach was schreib ich: Er war unmöglich! Ein richtiges Sauwetter! Hier zeigte sich aber wieder, dass gute Winzer gerade dann zu Spitzenform auflaufen. Einziger Nachteil: Die Menge des Weins lässt doch sehr zu wünschen übrig…

Dreierlei vom Zicklein
Dreierlei vom Zicklein

Zweierlei Riesling zu dreierlei Zicklein lautete die Devise für den Hauptgang. Ein GC, nämlich der 2008 Forster Ungeheuer im einen Glas und ein zehn Jahre alter Riesling, der aus gutem Grund im Rotweinglas serviert wurde: 2002 Ruppertsberger Reiterpfad. Diese zwei Weine, beide üppig und sehr schön, begleiteten Dreierlei vom Tecklenburger Zicklein mit Artischocken und Zitronen, Eisenkrautsauce. Zickenleber bekommt man sowieso nicht alle Tage, ein sehr schön rosa geratenes Carree steht da schon häufiger auf der Karte – wenn auch meistens nicht vom Zicklein! Die Nummer Drei im Trio war ein Stück aus der Keule – bei 65 Grad im Wasserbad über sehr lange Zeit gegart – gehörte das zum Zartesten, was wir je vo einem Zicklein bekommen haben. Bei dieser Zubereitung ist eines auch garantiert: Der Geschmack bleibt aufs Trefflichste erhalten. Und die beiden Weine? Erwiesen sich als grandiose Begleiter. Riesling zum Zicklein? Warum nicht, wenn es der Richtige ist!

Brie de Meaux
Brie de Meaux

Den Reiterspfad behielten wir (um exakter zu sein: Er wurde einmal mehr nachgeschenkt!) zum Brie de Meaux mit Wintertrüffel und Birnenbrot, und siehe da: Mit dieser Geschmackskombination im Mund konnte der zehn Jahre alte Riesling nochmals zulegen und sich üppig, fast barock, auf der inneren Liste bemerkenswerter Weine festschreiben. Kann man das toppen?

Karotten-Orangen-Creme
Karotten-Orangen-Creme

Man kann: Mit dem 2010 Ruppertsberger Reiterpfad kam eine Auslese ins Glas als Begleitung zur Karotten-Orangen-Creme mit Vanilleeis und Lorbeerstrudel. Mehr als hundert Gramm Restsüße bereiteten großen Spaß, und “wir werden noch Jahrzehnte daran Spaß haben”, meinte Steffen Brahner. Da hat er’s als Geschäftsführer des Weinguts natürlich deutlich leichter als unsereiner…

Dr. Bürklin-Wolf’sche Gutsverwaltung GmbH
Weinstraße 65
D-67157 Wachenheim
Telefon 06322 / 9533-0
www.buerklin-wolf.de

Gasthaus zur Post
Dorfstr. 11
49549 Ladbergen
Tel.: +49 5485 93 93 0
http://www.gastwirt.de
[Lage]

Disclaimer:
Das Gasthaus zur Post ist Kunde von mir – dieser Text aber außerhalb der Aufträge entstanden.

Himmlischer Schlamm

Hemelse Modder

In unseren Ohren klingt niederländisch ja oft sehr anmutig. “Niet mobiel bellen” für die Bitte, sein Handy auszuschalten bzw. ausgeschaltet zu lassen oder der Hinweis “Verboden fietsen te plaatsen” klingen doch wie Poesie – oder? So stolperten wir beim Spaziergang durchs Zentrum von Amsterdam in einer Nebenstraße auch über das Schild “Hemelse Modder”: Himmlischer Matsch – was für ein Restaurantname!

Hell leuchtete es aus dem Fenster, aber an der Türe stand: Geschlossen. Drinnen allerdings werkelten zwei Bedienungen, und während wir noch draußen die Karte studierten, kam einer von den beiden zur Tür, drehte das Schild um und öffnete die Tür: Wenn wir schon rein wollten, sei geöffnet! Hey, das gefiel uns, denn es war noch vor der offiziellen Zeit – also bestellten wir einen Tisch für eine Stunde später, um nicht ganz so touristisch-praktisch und etwas chicer gewandet den Abend genießen zu können.

Die Reservierungs-Idee war nicht schlecht, denn als wir kamen, gab es nur noch wenige freie Plätze. Wir waren in einem der beliebteren und besseren Restaurants von Amsterdam gelandet – mit einer Küche, die deutliche Anklänge an holländische Hausmannskost aufweist. Seit 1984 gibt’s die Hemelse Modder, und von Anfang an prägte offensichtlich Spaß und Leidenschaft das Restaurant. Alles ist frisch zubereitet, das Gemüse kommt von Bio-Bauern der Umgebung, der Fisch ist ein “guter Fisch“, also unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit gefangen.

Nun wissen wir ja aus leidvoller Erfahrung, dass nicht immer auch lecker ist, was bio heißt. Also testeten wir unser angelesenes Wissen über Hemelse Modder mit zwei Drei-Gang-Menüs (je 31,50 Euro). Dabei konnten wir aus der Karte aus vier Vorspeisen und zwei Suppen (einzeln je 8,50 Euro), vier Hauptgängen (je 19,50 Euro – bei aufwändigerem Angebot Aufschlag) und vier Desserts (je 8,50 Euro) wählen.

Der Service brachte die drei Gänge zügig (aber nicht gehetzt). Die Teller waren eher unaufwändig arrangiert – Hausmannskost nach Hausfrauenart sozusagen. Wobei die beiden Begriffe bitte positiv zu verstehen sind, denn uns geht nichts über die ehrliche Art zu kochen, ohne Schnickschnack und dafür mit Geschmack. Der Salat von Le Puy Linsen, Chicoree und Holländischem Käse mit Gewürznelke war so einfach wie geschmackvoll, Rilette von Schinken mit hausgemachten Piccalilli und Toast die feine Variante eines deftigen Gerichts mit leicht exotischem Einschlag.

Gebratener Schellfisch mit Sauce von geräucherten Tomaten, gedünstetem Kraut und Kartoffelpüree hatte innen die bestmögliche Konsistenz, war wunderbar saftig – nur leider außen nicht so kross wie gewünscht und wohl auch möglich. Dennoch: Daumen hoch bzw. Teller leer gegessen! Glücklich machte uns auch in Guinnes Bier gedünstetes Rinderfilet mit Pflaumen, Selleriestampf und Karotten: ein Sonntagsbraten mit feiner Sauce und würzigem Stampf. Am liebsten hätte ich dazu natürlich ein Guinness getrunken, aber wir hatten ja einen Wein, der sich recht tapfer dagegen behauptete.

Zwei Desserts schlossen den Abend ab: Das eine (Gezuckerte Toastscheiben mit Pflaumenkompott und Armagnac-Eis) passte recht gut zur eher deftigen Linie der vorherigen Gänge und regte an, ganz zum Schluss noch ein Glas Armagnac zu bestellen (es war ein sehr guter, weicher, alter…). Naja, und das andere Dessert ist natürlich ein Muss, denn es ist das Gericht der Limburger Tante eines der Gründer des Restaurants. Eine Mousse au Chocolat, die seit der Gründung der Hemelse Modder 1984 auf der Karte steht – und womit? Mit Recht! Keine kleine Portion gilt es zu bewältigen, aber wenn mehrere Leute am Tisch sitzen und alle stibitzen wollen, muss das auch so sein!

Restaurant Hemelse Modder 
Oude Waal 11
1011 BZ Amsterdam
Tel: +39 20 – 624 32 03
www.hemelsemodder.nl

Geöffnet täglich ab 18 Uhr

[Besucht am 8. Januar 2012 | Lage]

Ein Hauch von Jamie O. in Amsterdam

Fifteen

Das “Fifteen” in Amsterdam ist auch ein Restaurant. Aber es ist, nach dem Vorbild des Restaurants von Jamie Oliver in London, auch ein Platz, um Jugendlichen eine Chance zu geben, die es in ihrem bisherigen Leben nicht immer leicht hatten (und oft auch anderen das Leben nicht leicht gemacht haben, so was gehört ja meist irgendwie zusammen). Jamie Oliver hatte das erste Fifteen 2002 in London gegründet, weil er an die verborgenen Talente in den Jugendlichen glaubte, die oftmals nur durch ein problematisches soziales Umfeld verborgen seien. Diese Talente könnten durch die Leidenschaft für gutes Essen und sinnvolle harte Arbeit geweckt werden.

Seit 2004 gibt es den Ableger in Amsterdam – mit gleichem Konzept und offenbar auch gutem Erfolg, was die Idee angeht: 13 von 15 Jugendlichen habe man im vergangenen Jahr vermitteln können, erzählte (auf Nachfrage, man wird nicht missioniert!) die Kellnerin bei unserem Besuch. Allerdings, lächelte sie, sei das auch eine sehr gute Quote gewesen und nicht immer so.

Das Fifteen liegt am Hafen von Amsterdam im Oostelijk Havengebied (Östliches Hafengebiet) , nahe dem Passagierterminal und nicht wirklich weit vom Hauptbahnhof Amsterdam Centraal entfernt. Ein altes Stapelhaus, das herrlich mit den modernen Gebäuden der Umgebung kontrastiert, beherbergt das Restaurant. Man kommt rein und wird von der ersten freundlichen Mitarbeiterin empfangen: Sie nimmt die Mäntel ab und checkt die Reservierung (die zu empfehlen ist, denn meist scheint es voll zu sein – als wir im Januar da waren, hätten wir aber auch ohne Reservierung noch einen Platz bekommen). Reservieren kann man übrigens prima online, und da die meisten Cafés in Amsterdam freies WLAN anbieten, gibt es für Smartphoneträger auch eine gute Ausrede, mal schnell online zu gehen.

Von der Garderobe wurden wir an unseren Tisch gebracht – schon von der Kellnerin, die uns dann auch den Abend über bediente. Das alles geschieht in lockerer und freundlicher Atmosphäre, man fühlt sich trotz der Größe des Restaurants gleich wohl. Man sitzt auch gut, und wer nur einen Drink zu sich nehmen will, kann das in Ledersesseln an lustigen Holztischen tun. Die Bedienung hat sich übrigens namentlich vorgestellt – ich hab’s nur nicht notiert und mir den Namen nicht gemerkt (sorry!).

Die Karte ist nicht allzu groß und folgt den Vorlieben von Jamie Oliver, der aber lediglich so etwas wie ein Schutzpatron des Hauses ist – betrieben wird es von Sarriel Taus, der es auch gegründet hat. Italienische Küche, unpretentiös und dennoch lecker ist das Versprechen. Die Wirklichkeit war dann zwar in Ordnung, aber keineswegs so sensationell wie man das beim Lesen des Namens von J.O. vermuten könnte.

Wir begannen (nach etwas Pane Carasau und Olivenpesto) mit dem Vorspeisenteller: Fifteen’s Amazing Antipasti (für zwei Personen, 21 Euro) mit Büffelmozarella, gegrilltem Gemüse, Oliven, Schinken – alles eher normal als aufregend. Dann kam eine gaaanz laaange Pause (die Fotos haben die gefühlte Zeit bestätigt: Zwischen dem Servieren der Antipasti und dem des Hauptgangs lagen geschlagene siebzig Minuten!). Wir vergnügten uns derweil mit unseren Lieblingsbeschäftigungen Wein trinken (2010 Salentein Reserve Sauvignon Blanc aus Argentinien, 43 Euro) und “Leute gucken” (für umme) – inklusive Blicken in die Küche, die eine offene Front hat. Offensichtlich gab es da die eine oder andere Besprechung zwischendurch, die nicht geplant war, denn es standen immer alle zusammen und redeten.

Als dann der Hauptgang kam, waren wir wirklich froh: Linguine mit Muscheln und Königskrabbe in würziger Tomatensauce (17,50/12,00 Euro) bestätigten den so-la-la-Eindruck und sollten später noch einen ungewollten Einblick ins Krisenmamagement oder, wie man das zurückhaltender auszudrücken pflegt, die Abteilung Custumer Relationship geben. Später! Hingegen konnten die Ravioli, gefüllt mit Eigelb und serviert in einer Buttersauce mit schwarzem Trüffel (17,50/12,00 Euro) überzeugen – und das, obwohl wir keine Trüffelfans sind. Aber das Gericht war sehr stimmig abgeschmeckt und natürlich überhaupt nicht kalorienarm, was man irgendwie herausschmeckte…

Nun hätte das bislang noch nicht bestellte Dessert kommen können, aber zuvor fragte die Bedienung, ob’s denn alles gepasst hätte? Da monierte Sylke, dass sie bei ihren Linguine die Königskrabben vermisst hätte – sonst aber zufrieden gewesen sei. Das ist die Stelle, wo wir nun sozusagen im Nachhinein die Hosen runterlassen müssen: Die Krabben waren nur gefühlt nicht auf dem Teller, wie die Fotos beweisen. Aber, wie gesagt: Irgendwie waren sie im gefühlten Ess-Erlebnis nicht dabei, vielleicht auch nur nach der langen Pause schnell wegschnabuliert. Wie auch immer: Nach dem kleinen Hinweis kam statt unserer Bedienung ein Manager und erkundigte sich, was wir zu bemängeln hätten. Gleiche (immer noch im guten Glauben ehrlich geäußerte) Meinung wie zuvor – und auch ich hatte sie nicht mitbekommen, trotz notorischen Naschens. Um es kurz zu machen: Wir beteuerten, weder einen Nachlass noch sonst etwas erschleichen zu wollen, konnten uns aber nicht wehren: Es kam eine Dessertplatte, die sozusagen alle angebotenen Nachtische (einzeln 6,50 – 9,50 Euro) zusammenfasste. Wir waren beeindruckt, nicht nur vom Umgang des Restaurants mit seinen Gästen.

Sicher war es kein Wunder, dass uns eben jener Manager nach Begleichen der Rechnung zur Garderobe führte, wo wir uns noch eine Zeit lang nett unterhielten.

PS1:
Auf der Rechnung erscheint ein klitzekleiner Posten, der viel bewirkt. 20 Cent pro Person gehen an die Organisation Fill the Cup - 20 Cent, mit denen man einem hungrigen Kind in der Dritten Welt eine Schulmahlzeit bezahlen kann. Eine einfache Idee und eine großartige Idee (man muss übrigens nicht zahlen – aber wer will sich da verweigern?).

PS2:
Ich habe mal ausgerechnet, was uns zwei Desserts gekostet hätten, den Betrag verdoppelt und an das World Food Programme WFP gespendet, mit dem Fill the Cup zusammenarbeitet.

FIFTEEN AMSTERDAM
Jollemanhof 9
1019 GW Amsterdam

Tel: +31 20 509 5015
www.fifteen.nl

[Besucht am 9. Januar 2011 | Lage]

Erfrischendes auf dem Weg ins Erzgebirge

Weimer's Landgasthof

In Oberhäslich verwöhnt Thomas Weimer die Gäste in seinem Landgasthof

Als die Politiker uns vor reichlich zwanzig Jahren “Blühende Landschaften” versprachen, wünschten sich nahezu all diejenigen, die gerne essen und trinken gehen, dass dieser Wunsch auch in der Gastrolandschaft in Erfüllung gehen möge. In den Städten wie Dresden, Leipzig oder auch Görlitz hat das ja auch ganz gut geklappt – aber auf dem Land sieht es von wenigen Ausnahmen abgesehen immer noch aus wie in der kulinarischen Öde.

In Oberhäslich (bitte mit langem “ä” und einfachem “s” sprechen!) hat sich Thomas Weimer etwas getraut, was man sich viel häufiger wünscht: Er hat den alten Dorfgasthof zu einem Landgasthof umgemodelt, der eine herrliche Frische ausstrahlt. Der Gastraum ist hell, eine lustige Bordüre über der Holzpaneele mit hellgrün gemalten Küchengeräten gibt ihm etwas Freundliches.

Die Karte ist übersichtlich, was uns meist mehr erfreut als 300 Gerichte, die mehr Nummern als Speisen repräsentieren. Sechs Vorspeisen, fünf Hauptgerichte und drei Desserts reichen allerdings aus, sich schmackhafte Menüs zusammenzustellen. Und das taten wir dann auch – beinahe. Denn wir wollten (wegen kleinen Hungers) nur zwei Vorspeisen. “Nummer drei” am Tisch bat um einen zusätzlichen Löffel, um von der Steckrübensuppe mit gerösteten Walnusskernen (3,90 Euro) naschen zu können. Es gab, wie wunderbar, Besteck reihum für alle Vorspeisen: “Damit sich das Naschen lohnt!” Derlei unkompliziert mögen wir es, und “Nummer drei” genoss nicht nur die schaumig aufgeschlagene schmackhafte Suppe, sondern auch den Karamelisierten Ziegenkäse auf süß-sauer eingelegtem Radicchio mit Pinienkernen und Walnüssen (8,90 Euro), der zwar nur lauwarm serviert wurde, aber kräftig karamelisiert war und mit dem Radicchio einen wunderbar köstlichen Geschmack im Mund entfachte.

Der Service, der dies möglich machte, bediente uns den ganzen Abend freundlich und dezent-zurückhaltend, war aber immer zur Stelle, wenn dies nötig war. So sollte es sein. Schön ist auch, dass Thomas Weimer gegebenenfalls die Küche verlässt, um die Teller an den Tisch zu bringen. Erstens ist das Essen so wirklich warm und zweitens hat man das Gefühl, in familiärer Atmosphäre im Wohnzimmer zu sitzen: Alles läuft recht unkompliziert.

Die drei Hauptgänge lassen sich auf einen Nenner bringen: Lecker! Alle drei Fleischgerichte (es gibt auch Fisch, aber danach war uns nicht – lediglich Vegetarier müssen sich wohl etwas intensiver beraten lassen, denn Fisch- oder Fleischloses findet man nicht auf der Karte) waren auf den Punkt gegart, zart und saftig. Geschmorte Kalbsschulter auf Rahmwirsing mit Kartoffelrösti (13,90 Euro) zerschmolz auf der Zunge, kam mit ausreichend Sauce und lieferte mit den Rösti die Beilage des Abends. Die werden wir wieder ordern, egal was es dazu gibt!

Das Schnitzel des Herrn Weimer hatten wir ja schon im Dresdner Spizz gelobt, als er dort Küchenchef war. Hier erschien es uns nahezu perfekt – auch in der Darreichungsform in mehreren kleinen Stücken und nicht als ein überbordender Lappen. Die Bratkartoffeln dazu gehören zweifelsohne zu den besten der Gegend: kross-knusprig und angenehm gewürzt (Wiener Schnitzel klassisch vom Kalb mit knusprigen Bratkartoffeln und kleinem Salat für 14,90 Euro).

Prinzipiell hegen wir bei Geflügel ja eher Bedenken, dass uns das zu trocken und fade auf den Tisch kommen könnte. Weit gefehlt: Gebratene Maispoulardenbrust auf frischem Blattspinat mit Kartoffel-Parmesan-Gratin und Pfefferschaum war saftig, geschmackvoll und wurde mit einem traumhaften Sößchen serviert. Man muss Vorurteile auch mal über Bord werfen dürfen…

Zu den Desserts nur ein Satz: Gut, dass wir zu dritt waren und rundum naschen konnten. Hat sich gelohnt! (Aber wenn ich mal allein da wäre, würde ich Tonkabohnen-Crème brûlée mit Apfel-Zimt-Kompott und einer Kugel Schokoladeneis (6,90 Euro) nehmen und fragen, ob die Portion ein wenig größer sein könnte…)

Weimers Landgasthof
Dresdner Str. 9
01744 Dippoldiswalde

Tel: +49 3504 629550
www.weimers-landgasthof.de

Geöffnet:
Mittwoch & Donnerstag ab 17.30 Uhr
Freitag, Samstag, Sonntag sowie an Feiertagen ab 11.30 Uhr
[Besucht am 26. Januar 2012 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Hinter den Kulissen

Semperoper

Über Opernbälle können sich die Menschen grandios streiten – weil sie (sagen die Einen) sinnentleerte Veranstaltungen für Superreiche seien oder weil sie (sagen die Anderen) großartige Gelegenheiten zum Feiern und Genießen seien. Unser Verhältnis zum Semperopernball ist eindeutig: Sollen die, die es mögen, doch feiern – und die, die es nicht mögen, nicht hingehen.

Dresden bietet übrigens für all diejenigen, die gerne mal zu so einem Ball gehen würden, es sich aber nicht leisten können, etwas Einmaliges an: Vor der Oper wird auch gefeiert. Ohne Eintritt, immer ein wenig vom Wetter abhängig, aber immer auch bestens besucht und mit viel Spaß verbunden. Und, da kennt der Dresdner mit seiner Dresdnerin nüschte, wenn von drinnen ein Walzer übertragen wird, tanzt man draußen mit. Mit Winterstiefeln auf Kopfsteinpflaster – ein rührendes Bild.

Spalier der Pressemeute
Spalier der Pressemeute

Drinnen regnet’s nicht, die Menschen sind unterteilt in mehrere Abteilungen: Promis und Pressemeute zum Fotografieren der Prominenz, Gäste mit Sitzplatz und Bummelanten mit Flanierkarten, die später kommen (müssen) und das Essen sowie das Programm verpasst haben. Außerdem jede Menge Leute, die an diesem Abend zum Feiern keine Zeit haben, weil sie arbeiten müssen. Zu dieser Kategorie gesellten wir uns in diesem Jahr, um mit der Kamera diejenigen zu begleiten, die dazu beitrugen, dass die Gäste von einem “unvergleichlichen Ereignis” sprachen: Wir waren mit Sternekoch Stefan Hermann und seinembean&beluga-Team unterwegs.

Schade, dass es kein Kilometergeld gab! Die Semperoper hat nämlich unendlich lange Gänge – und genau die mussten wir gehen, um von A nach B zu kommen. Zum Beispiel von der Küche links neben der Bühne zu jener rechts daneben. Der gerade, kürzeste Weg war leider durch zahlendes Publikum besetzt, das unter sich bleiben durfte – also außen rum. Und außen rum heißt eben manchmal auch: zwei Etagen runter, links rum, links rum, zwei Etagen hoch. Oder so – wir haben uns trotz einiger grundlegender Ortskenntnisse das eine oder andere Mal verlaufen und wurden dann von wissenden Köchen oder Servicekräften an die Hand genommen, um doch zum rechten Platz zu finden ;-)

Küchenbesprechung
Küchenbesprechung

Aber ich will nicht meckern: Eben jene stets froh gelaunten Köche und Bedienmenschen waren lange vor uns da und gingen auch erst sehr sehr lange nach uns – und zurückgelegte Kilometer will ich gar nicht erst vergleichen, weil da eh nur ein ehrenwerter letzter Platz bei heraus käme. Acht Küchen waren in allen möglichen und meist auch unmöglichen Räumen im Hinterland der Oper provisorisch eingerichtet worden. In denen wurde fertig gemacht, was zuvor vorbereitet worden war. Wir hielten uns die meiste Zeit in der Küche links der Bühne auf, von der aus dreihundertundweißtdunicht Essen geschickt wurden (314 oder 340, so genau hab ich’s nicht rausbekommen).

Nun ist aber ein Publikum, das für einen Zwölfer-Tisch bis zu 18.000 Euro und pro Person 350 Euro Eintrittsgeld zu zahlen bereit und in der Lage ist, in der Regel individualistisch und anspruchsvoll. Also kommt man eher peu à peu und nicht in einem Rutsch. Aber wie es sich gehört, wird immer tischweise serviert. Mithin schickt die Küche im Ernstfall quasi parallel Vorspeise für die Spätkommer und Dessert für die Frühchen des Abends – und den Hauptgang für die, die zwischendurch ihren Zehner- oder Zwölfertisch rundum besetzt hatten.

Die Drei von der Herdplatte
Die Drei von der Herdplatte

Aber in den Küchen werkelten Profis, und auch im Service gab es neben reichlich Aushilfen immer erfahrene Mitarbeiter. In “unserer” Küche half an dem Abend unter anderem Mario Pattis aus. Er hatte, wenn ich das richtig erinnere, den ersten Stern in Dresden erkocht, Stefan Hermann kam dann erst später in die Stadt. Die beiden kennen sich bestens, und das merkt man auch bei den kurzen Regie-Gesprächen vorab und zwischendurch. Auch Kai Kochan (“Hier kommt der Koch[an]“) vom Catering-Service Wok war mit von der Partie und gönnte sich den Stress des Opernballs mit großer Ruhe und Gelassenheit.

2.000 Gäste saßen in der eigens zum Ball umgeräumten Oper: Die Stühle im Parkett mussten Tischen weichen, die Bühne wurde zum Tanzparkett umgemodelt. Die Gäste saßen in Logen mit unterschiedlich großer Platzkapazität, zwischen sechs und 48 Personen (entspricht 6.300 bis 50.400 Euro für die jeweilige Loge plus 350 Euro pro People darin), in abgeschlossenen Räumen wie dem Spiegelzimmer oder anderen Proberäumen und auf den Rängen. Wer nicht direkten leibhaftigen Blick auf die Bühne hatte, konnte das Programm auf Riesenmonitoren verfolgen – da geht ja so einiges heutzutage…

Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwarzer Rettich
Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwar…

Über 300 Köche und Bedienungen sorgten dafür, dass diese Menschenmassen zu essen und trinken bekamen. Was gab’s? Vom Feinsten! Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwarzer Rettich zur Vorspeise. Der tuna gekräutert und nur kurz rundum angebraten, innen sushi-roh. Wir durften naschen, weil ein Gast das nicht wollte und der Teller gar nicht eingesetzt wurde und ungebraucht zurückkam. Schade eigentlich, dass die meisten es mochten, ich hätte spontan eine Tuna-Diät einlegen können! Wer genau hinsieht, entdeckt auf dem Teller auch Kresse. Es spricht für die Laune der Köche, dass ich mir folgende kurze Szene gemerkt habe: Es droht hektisch zu werden, weil irgendwas nicht auf Anhieb klappte. Der betroffene Koch droht wie ein HB-Männchen (für die Jungen: Da gab’s mal eine Werbung, bitte googeln!) in die Luft zu gehen. Da kommt ein anderer mit einem Topf frischer Kresse und grinst ihn an: “Einfach mal die Kresse halten!” Zack, Situation entspannt – alles lacht und freut sich.

Ochsenschwanzpastete, Gänseleber, Wurzelgemüse, Linsen
Ochsenschwanzpastete, Gänseleb…

Leider mochten offensichtlich alle Gäste Ochsenschwanzpastete, Gänseleber, Wurzelgemüse, Linsen, so dass da nichts zum Probieren abfiel ;-) War vielleicht aber auch besser so, denn als es beim Vorgespräch in der Küche darum ging, wie man alles korrekt vorbereitet und anrichtet, hörte ich Stefan Hermann sagen, wieviel Butter und anderer Geschmacksträger in der Pastete sei… Vor Beginn des Balls hechtete er im Wahnsinnstempo von Küche zu Küche, um das Personal ein letztes Mal zu briefen. Vielleicht gehen wir aber auch mal ins bean&beluga und fragen, ob’s das auch außer der Reihe gibt, mal sehen…

Mandelmilchcreme, Eierlikörschaum, Feigensüppchen
Mandelmilchcreme, Eierlikörsch…

Das Dessert mussten wir unbedingt außerhalb des stressigen Abrufes für Tisch 309 oder so fotografieren – und durften das Fotoobjekt dann anschließend vernaschen, so dass wir volles Verständnis für lippenleckende Opernballgäste hatten. Mandelmilchcreme, Eierlikörschaum und Feigensüppchen passten auf jeden Fall noch – aber das Essen sollte ja auch keine träge machende Übersättigungsbeilage zum Ball sein, sondern ein i-Tupfer. Verhungern musste eh keine(r), denn nach Aufhebung der strengen Sitzordnung und nach dem Programm gab es ja noch die Stände in den Wandelgängen der Oper: Austern, Blini, Caviar & Currywurst – was man halt so zum Schampus (Ruinart, den viele völlig zu Unrecht immer noch nicht kennen und spätestens seit dieser Nacht zu schätzen wissen) schnabuliert.

Meuteplätze
Meuteplätze

Essen und trinken sind natürlich nur ein Teil so eines Balls. Der vielleicht wichtigste ist das Sehenundgesehenwerden. Dafür gibt es einerseits die so genannten Promis, die im abgeschlossenen Bereich sitzen und so innerhalb des auserlesenen Ballpublikums ganz unter sich blieben. Aber was wären Promis ohne ihre Paparazzi? Die standen, ordentlich akkreditiert und (Respekt!) auch alle im Smoking, sauber in der Reihe und knipsten was ihnen vor die Linse kam. Später am Abend sah man dann die Klebestreifen auf dem Opernboden: DieSächsische Zeitung zwischen den beiden Agenturen dpa und dapd - und hinter ihnen in zweiter Reihe mit improvisierter Handschrift die Super Illu.

Mühlenbeine
Mühlenbeine

Das Programm des Abends (aus zweiter Reihe von hinten neben der Bühne stehend beobachtet) war bunt und kam auf jeden Fall bei den Anwesenden gut an – wobei die Damen des Balletts von Moulin Rouge, die Paris nur einmal im Jahr verlasen um auswärts zu tanzen und 2012 sich immerhin für Dresden entschieden hatten, auf jeden Fall extremlange Beine haben. Allerdings schmissen sie diese reichlich unkoordiniert durch die Gegend. Aber wer achtet schon auf derlei Kleinigkeiten, wenn es moulinrouge-getünchte Körper zu sehen gibt? Richtig: Keiner.

Niemanns Tresor

Niemanns Tresor

Gegenüber der Thomaskirche in Leipzig am Thomaskirchhof 20 steht ein ehemaliges Bankhaus. Der Architekt Peter Dybwad, der in Leipzig 1895 das Reichsgerichtsgebäude mit entworfen hat, hatte es 1905 für das Bankhaus Meyer & Co. gebaut. Da gibt es repräsentative Räume – auch wenn das Haus von außen “sich durch eine zurückhaltende Modernität auszeichnet und durch die Wahl vornehmlich traditioneller Stilelemente sehr gut in die städtebauliche Situation Leipzigs einfügt”, wie es in der Wikipedia über Dybwads Bauten heißt.

Um “Niemanns Tresor” zu finden, muss man also schon wissen, wo man ihn zu suchen hat: Im Hochparterre eben jenes Hauses. In einem Fenster flimmert ein Flachbildschirm nach außen, im Sims unterm Fenster gibt es dezent den Schriftzug des Restaurants: Nur wer’s weiß, sieht’s.

Drinnen verliert sich die Zurückhaltung, aber aufdringlich wird es nicht: hohe Räume, holzvertäfelte Zwischenwände, großformatige Bilder an den Wänden, satte warme Farben an der Decke und an Pfeilern, leinengedeckte Tische – irgendwie passt alles für eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre. Es gibt eine Raucher-Lounge, so dass – wer das braucht – nicht wie ein Hund vor die Tür gejagt wird. Und im Keller befindet sich der Tresor, der dem Restaurant dem Namen gab.

Wir waren nicht an irgendeinem Tag in Niemanns Tresor, sondern zu Silvester. Es gab nur ein Menü, aber man konnte kommen, wann man wollte (das hatten wir auch schon anders: da mussten alle zur gleichen Zeit da sein!).

Wo es gediegen-festlich zugeht, da sollte ein Glas Champagner am Anfang nicht fehlen: Die Auswahl ist ordentlich, und in der rosé Variante eine köstliche Einstimmung. Der Service – vier Leute wuselten im Gastraum herum – war supergut drauf, was ja an so besonderen Abenden nicht immer der Fall ist, denn schließlich müssen die Damen und Herren arbeiten, während andere feiern. Aber sie schienen alle gute Laube zu haben und brachten das bis nach Mitternacht auch rüber. Die Weinkarte des Hauses bietet genug Auswahl, um das Passende zum Essen zu finden – und dennoch entschlossen wir uns für eine der Weinempfehlungen aus dem Silvestermenü: Eine trockene Grauburgunder Spätlese vom Weingut Pawis (eins der beiden Saale-Unstrut VDP-Weingüter).

Und schon geht’s los: Brot (von der Sorte: zu lecker um es liegen zu lassen), Butter, Öl und grobes Salz und eine Schieferplatte mit dem Gruß aus der Küche (Lachs, Wachtelei und ein kleines Gurken-Joghurtmousse-Türmchen) – sah gut aus und regte die Geschmacksnerven an. Die sollten in diesem vergnüglichen Zustand bleiben, denn die folgende halbe Wachtel (aufgeteilt und in unterschiedlichen Texturen) mit Entenstopfleber an Rotkohl-Preiselbeersalat erfreute ebenfalls Aug’ und Gaumen. Schön schaumig aufgeschlagen und kräftig im Geschmack war die Selleriecremesuppe mit (erfreulicherweise gar nicht trockener!) Kanichenroulade.

An dieser Stelle baten wir erst einmal um eine Pause, denn bis dato ging es Schlag auf Schlag – kein Problem: “Geben Sie einfach ein Zeichen, wenn es weitergehen soll!” sagte die Gast-freundliche Bedienung. Nach dem Zeichen gab’s Hummerravioli auf Erbsenpurée und Morchelschaum (feiner intensiver Geschmack) und dann ein Stück vom Bentheimer Landschwein an getrüffeltem Spitzkohl. Oh oh, das war superklasse: zart und saftig das Fleisch, fein abgeschmeckt und ausbalanciert der Spitzkohl. Schade, dass man auch bei wohl bemessenen kleinen Portionen irgendwann satt ist, denn dieser Gang wäre eine Zugabe wert gewesen!
Der Käsegang (Fourme d’Ambert mit Pflaumen-Gewürzmousse) war nach unserem Geschmack der einzige geschmacklich etwas unterbelichtete im Menü – aber der dann folgende Abschluss war mehr als ein Trost: Mit der Champagner Zuckerkugel an rosa Grapefruitsorbet schloss sich der Kreis zum Beginn des Abends: was zum Gucken und Schmeckleckern…

Niemanns Tresor
Thomaskirchhof 20
04109 Leipzig
Telefon-Nr: 0341 4800947
www.niemannstresor.de

Besucht am 31.12.2011 | Lage

Auf der Wartebank

Vincenz Richter

Das „Romantikrestaurant Vincenz Richter“ in Meißen bietet ordentliche Küche und desinteressierten Service

Da stehen sie nun, die beiden Schoppen mit Weißwein. Ein Riesling und ein Grauburgunder. Für die zehn Leute in der Gaststätte gibt es zwei Bedienungen: “Er” hatte den Wein ausgeschenkt, “Sie” war irgendwie anders beschäftigt. Und während wir auf den Wein warteten, sah “Er” sich erst einmal an, wie der Wein auf der Theke warm wurde und erklärte später aufwändig und wortgewandt der Kollegin, welches denn nun der Riesling und welches der Grauburgunder sei.

Wir saßen, eng an eng mit je zwei uns Fremden rechts und links, in Meißens Traditionsgasthaus “Vincenz Richter”. Nebenan war eine Tafel für sechs Personen eingedeckt, direkt hinter uns eine für acht. Sicher, es war nett vom Tisch rechts alles über Vorverstärker und High-End-Stufen zu erfahren, auch konnten wir im Laufe des Abends mit den Nachbarn zur Linken einige Nettigkeiten austauschen, ohne die Stimme sonderlich erheben zu müssen. Romantisch fanden wir das allerdings nicht, auch wenn wir im ersten Romantik-Restaurant in den neuen Bundesländern dinierten.

Aber vielleicht bezog sich die Aufnahme vor fast zwanzig Jahren in den erlesenen Kreis der Romantik Hotels und Restaurants ja nur auf die Ausstattung und das Gemäuer des Hauses. Da kann und will man nämlich gar nicht meckern: Teils hundert Jahre alte Möbel und ein Stammtisch, der aus dem Holz der letzten Schiffsmühle der Elbe gefertigt ist, eine wundersame Waffensammlung an den Wänden: Das hat alles schon Bilderbuchcharakter.

Die Wirklichkeit kommt dann aber in Form der Vorspeise an den Tisch. “Gratinierter Ziegenkäse auf geröstetem Brot mit Ahornsirup und Apfel-Chutney” wurde eher lau als warm serviert. In vornehmer Blässe machte der Käse keinen gratinierten Eindruck, und wir vermissten auch den Geschmack von Ahornsirup. Gerne hätten wir uns wegen der Temperatur beschweren wollen, aber die beiden Servicekräfte hatten sich ins Backoffice verabschiedet, so dass das erst nach der Hälfte der Vorspeise gelang. Der verbliebene Ziegenkäse kam dann so temperiert, wie er von Anfang an hätte sein können. Und was fragte die Bedienung am Ende des Ganges (zu dem beim Gegenüber auch eine schön kräftige und sogar heiße Weißweinbouillon gehörte)? “War alles zu Ihrer Zufriedenheit?” Was soll man da, nachdem man die Unzufriedenheit schon kund getan hatte, nur antworten? Wir entscheiden uns für ein stereotyp angepasstes “Lecker!” und bestellten für den Hauptgang zwei neue Wein: Einen Schieler (den muss man bei Vincenz Richter getrunken haben!) und einen Dornfelder. Es kam: Nur der Schieler (und das kannten wir ja nun schon: jemanden zu erwischen, um sich schnell zu beschweren, ist schwer).

Damit war der Ärger aber auch fast vorbei, denn das servierte Essen war dann nahezu perfekt: Ein ordentliches Stück wirklich “Rosa gebratenes Kalbsrückensteak” mit einer guten Auswahl knackig gegarten Gemüses und einem Stück saucenfreundlichen schmackhaften Kartoffelbaumkuchen hier, drei mal gerade so “Rosa gebratene Medaillons vom Hirschrücken mit Maronensauce, Speck-Rosenkohl, Preiselbeeren und Gnocchi” gegenüber (wobei wir uns immer wieder fragen, warum man drei dünne Medaillons serviert statt eines gleichgewichtigen dicken – da lässt es sich doch viel leichter rosa garen!). Den Abschluss bildete ein Dessertteller mit Rieslingeis und einem sächsischem Quarkkäulchen: Beides so, dass man es jederzeit auch Freunden empfehlen könnte.

Ende gut, alles gut? Fast. Dreimaliges Fragen, ob alles zu unserer Zufriedenheit gewesen sei, kürzte die Zeit des langen Wartens auf die bestellte Rechnung ab.

Romantikrestaurant Vincenz Richter
An der Frauenkirche 12
01662 Meißen

Tel.: 03521 / 453285
www.vincenz-richter.de

[Besucht am 22. Dezember 2011 | Veröffentlich am 5. Januar 2012 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]