Italienische Gefühle an der Elbe

Schloss Wackerbarth

Weinwanderung von Wackerbarth nach Coswig

Da sitzen sie nun auf der Terrasse von Schloss Wackerbarth und genießen Sonne, Wein und Landschaft. Wenn man nicht hier in der Gegend wohnen würde, müsste man glatt einmal als Tourist kommen! Schloss Wackerbarth ist ein Barocklandsitz mitten in den Lößnitzbergen bei Radebeul etwas elbabwärts von Dresden. Reichsgraf August Christoph von Wackerbarth war Baumeister und hat vermutlich die Pläne seines Alterswohnsitzes selbst entworfen – doch als Baumeister ist Johann Christoph Knöfel verantwortlich. Auf dem Gelände hat das Sächsische Staats-Weingut ”Schloss Wackerbarth” seinen Sitz. Den Umbau hat sich der Freistaat Sachsen etwa 15 Millionen Euro kosten lassen. Moderne Kellertechnik kann gut für den Wein sein, macht allerdings die meisten Besucher nicht so an wie alte Statuen und romantische Blicke – doch auch die gibt’s genug…

Belvedere
Belvedere
Die Sekte und Weine von Wackerbarth gehören nicht zu günstigsten in der Gegend, aber sie nicht zu probieren wäre ein Frevel. Da wir keine Frevler sind, holten wir uns je ein Glas Cuvée Sachsen, in dem Grauburgunder und Müller-Thurgau zusammen den Nachmittag verschönern, und wählten einen der Tische auf der Terrasse mit Blick auf das Belvedere, das über der Anlage thront und ihr einen feinen Abschluss gibt. Das Lustschlösschen gilt als Wahrzeichen von Schloss Wackerbarth – und wenn der Blick ein wenig nach rechts und etwas höher schweift, gibt’s gleich noch eins: Der Jacobstein ist das Radebeuler Wahrzeichen. Von hier oben hat man einen bezaubernden Blick ins Elbtal – doch heute werden wir ihn nicht genießen, weil der Weg uns in die andere Richtung führt.
Hohenhaus
Hohenhaus
Der Weinwanderweg führt hinter der Vinothek aus der Wackerbarth’schen Anlage heraus und geht am Anfang ganz unspektakulär unterhalb der Weinberge eine Straße entlang. Die Wohnbebauung wird dünner und verabschiedet sich mit zwei Hinguckern. Der eine ist eine Seniorenresidenz, die sich schön gelb vor dem blauen Himmel platziert, aber unten rum nichts Besonderes ist. Der andere ist die imposante Villa Hohenhaus – einst bischöfliche Sommerresidenz, später in gleicher Funktion Besitz von Berthold Thienemann, der Großhandelskaufmann und Vater von fünf Töchtern war. Deren drei heirateten Söhne der Familie Hauptmann: Georg die Adele, Carl die Martha und Gerhart Hauptmann, der Schriftsteller, nahm sich Marie zur Frau. So kam Radebeul und sein Hohenhaus in die deutsche Literatur (“Die Hochzeit auf Buchenhorst” und “Die Jungfern vom Bischofsweg”). Seit dem 6. Juni 1949 gibt es ein Hauptmann-Archiv auf Hohenhaus.
Weinlehrpfad
Weinlehrpfad
Das Haus war verschlossen, mal sehen, ob es irgendwann begehbar ist. Wir gehen also weiter auf dem Weinwanderweg und erleben eine kleine Überraschung: Einen Weinlehrpfad! Unterhalb des Weinbergs mit dem schönen Namen Zechstein haben Karl Friedrich Aust vom gleichnamigen Weingut und Silvio Nitzsche von der Weinkulturbar/Weinbildungsanstalt zahlreiche Tafeln angebracht, die über Rebsorten und die Arbeiten während der einzelnen Monate im Jahr infomieren. Außerdem erfährt man was über Aust, Nitzsche und Frédéric Fourré, der als befreundeter Dritter im Bunde wohl auch seine Hände mit im Spiel hatte. Wer nicht zum Zechstein gehen mag: Man kann alles auch online nachlesen!
In der Straußwirtschaft
In der Straußwirtschaft
So viel Theorie macht Durst! Da trifft es sich prima, dass ein Handzettel am Wegesrand auf eine Straußwirtschaft “Am Zitzschewiger Weingarten” hinwies! Gerne verlassen wir den offiziellen Weinwanderweg und riskieren einen Umweg von 250 Metern – um dann festzustellen: Der Betreiber hängt erst im Juli den Besen raus. Aber: Der Herr Roßberg ist vor Ort und macht sauber – und als er uns am Tor sieht, öffnet er es für uns! Wir kamen uns vor wie in Italien, wo wir ja häufiger auf derlei einladende Zeitgenossen gestoßen sind, und hatten ein nettes Schwätzchen. In den Probiergläsern gab es einen Goldriesling und einen Müller-Thurgau – vom eigenen Weinberg und auch selbst gekeltert. Roßberg arbeitet im Weinberg nach ökologischen Prinzipien und setzt diese Ideen im Keller fort, indem er schonend nur mit der Schwerkraft presst. “Meine Art Wein zu machen” nennt er das im Gespräch, für das er sich gerne Zeit nimmt. Ein angenehmer Zeitgenosse und ein trinkenswerter Wein – was will man mehr? Also verabschieden wir uns mit einem “Auf Wiedersehen!” und meinen das auch so. Ab Juli ist ja am Wochenende regulär geöffnet!
Weinwanderweg im Fluss
Weinwanderweg im Fluss
Wir gehen und begehen einen Fehler: Wir wollen den Weinwanderweg weiterlaufen und gehen zurück zur Stelle, wo wir ihn verließen, statt von Roßbergs Straußwirtschaft die Abkürzung zu nehmen. So durften wir durch einen reißenden Gebirgsbach laufen – wo auch immer der herkam (außer von oben, klar!) und sich des Wanderwegs bemächtigt hatte. Egal: Wir hatten Sandalen und keine Socken an, da bot das kleine Stück Abenteuerwanderung etwas lustige Abwechslung. Und nach dem kurzen Stück, in dem sozusagen alles im Fluss war, ging es wieder trockenen Fußes bergan.
Weingut Matyas
Weingut Matyas
Wenn der Weg direkt am Weinberg vorbei führt, sieht man in der Regel nicht viel von den Reben: Die für Sachsen typischen Trockenmauern sind davor. Sie machen in Steillagen den Weinbau erst möglich – und sie tanken tagsüber Wärme, die sie abends abgeben. Das ist übrigens auch für Weinbergwanderungen nach Sonnenuntergang eine angenehme Begleiterscheinung! Mit etwas Weitblick kann man natürlich auch Wein im Berg sehen. Linker Hand zeichnet sich mittlerweile die bezaubernde Skyline von Coswig ab: Plattenbauten, Plattenbauten, Plattenbauten – und mit etwas Glück mal ein einsamer alter Kirchturm zwischendrin. Dagegen hilft nur: in die andere Richtung sehen, wo das Weingut Matyas an diesem Wochenende zum Hofschoppenfest bittet.
Viererprobe
Viererprobe
Das erst zehn Jahre alte Weingut bewirtschaftet 6 ha Fläche – und wenn schon ein Fest gefeiert wird, dann sollte man sich auch durch die Ergebnisse der Arbeit probieren: Kerner der beiden Jahrgänge 2007 und 2008, Müller-Thurgau 2008 und 2009 im Vergleich, ein Spätburgunder rosé, Weißburgunder und Grauburgunder (alle 2009). Die Stimmung auf dem Hof war von südländischer Heiterkeit, der Alleinunterhalter den Coswigern als Original bestens bekannt. Als Außenstehender ist man vielleicht ein wenig distanzierter, aber man kann sich mit frischem Wein ja sogar Alleinunterhalter schön trinken.
Matyas Probocskai
Matyas Probocskai
Matyas Probocskai, der Chef des Weinguts, ist gebürtiger Ungar und hat dem Weingut freundlicherweise seinen Vornamen verpasst. Der Mann war lange Zeit Kellermeister auf Schloss Wackerbarth, weiß also was er tut. Zusammen mit seiner Frau Ingeborg, die Winzerin ist (und uns trotz vollem Haus schnell und freundlich bediente), betreibt er den Familienbetrieb. Sein Lächeln an diesem Nachmittag, wenn er sich seine Gäste so ansah, gehörte zu den schönen Eindrücken – schien es doch zu sagen: Gut, dass es euch hier gefällt!
Charlotte K.
Charlotte K.

Auf dem Rückweg und der Suche der nächstgelegensten Haltestelle ist uns dann noch ein kleines Malheur passiert: Wir kamen bei Charlotte K. vorbei und konnten nicht umhin, kurzfristig und wirklich ungeplant im Sommergarten Platz zu nehmen. Ines Kuka stand ausnahmsweise nicht in der Küche, sondern war diesen Abend am Gast. Die Sülze (natürlich gab es die!) trug dennoch ihre Handschrift – alles andere hätte uns auch enttäuscht…[Diese Weinwanderung auf der Karte | Alle Beiträge zum Sächsischen Weinwanderweg]

Die Bosel entlang und manierlich herunter

Weinwanderung von Meißen nach Sörnewitz (2)

Gästehaus Boselspitze
Gästehaus Boselspitze
Von der Juchhöh geht es noch ein wenig landschaftlich schön bergan Richtung Boselspitze. Wein- und Obstbau bestimmen das Bild – und einem Hinweisschild entnehme ich, dass die TU Dresen hier oben sogar einen Botanischen Garten betreibt. Auf dem Weg dahin entdecken wir ein Überbleibsel aus alten Zeiten: Das Gästehaus Boselspitze strahlt den Charme eines FDGB-Ferienheims aus, wir ließen es links liegen. Tatsächlich tobten hier hier seit 1962 im Ferienlager der VEB Braunkohleveredelung Lauchhammer bis zu 300 Kinder gleichzeitig herum. Seit 2002 ist das Gästehaus ein Familienbetrieb – vielleicht ja sogar ein guter mit freundlicher Bedienung. Aber irgendwie wirkt das Ensemble nicht einladend.
Winzerhäuschen Schwalbennest
Winzerhäuschen Schwalbennest

Etwas weiter sah es schon netter aus: Das Winzerhäuschen Schwalbennest im Weinberg der Weinkönigin sieht man auch von unten auf dem Weg nach (oder von) Meißen. Leider hatte die Weinkönigin gerade eine Schwalbe gemacht – wir hätten doch so gerne dort mit ihr ein Gläschen getrunken!Apropos hätten: Den 200 Meter langen Wall hätten wir ohne Hinweisschild natürlich wieder nicht aussgemacht, aber so wissen wir nun, dass 1000 Jahre “vuZ” (vor unserer Zeit) bzw. “vZw” (vor der Zeitenwende) hier eine bronzezeitliche Siedlung Leben auf den Berg brachte. Über dieses “vuZ” kann ich nur immer wieder nur den Kopf schütteln – vor Christi Geburt (vChr) war für den offiziellen DDR-Sprachgebrauch einfach nicht denkbar. Nur gut, dass sie den Zeitpunkt nicht auch noch versetzt und den Nullpunkt auf Marxens Geburt oder die Oktoberrevolution gelegt haben…

Elbe Richtung Dresden
Elbe Richtung Dresden

Wir sind nun oben an der Boselspitze, und wie so oft: Dass das so ein imposant abbrechender Berg ist, merkt man hier oben gar nicht. Man kann – entsprechendes Wetter und korrekten Sonnenstand vorausgesetzt – weit sehen, das hat auch was. Aber um die Bosel einmal so richtig genießen zu können, muss man schon vom anderen Elbufer oder wenigstens vom Schiff aus gucken.Auf der Boselspitzen gibt es die schon angekündigte Abteilung des Botanischen Gartens der TU Dresden, die im vergangenen Jahr recht leise ihr 100jähriges Bestehen feiern konnte: Im Dezember 1908 hatte der Landesverein Sächsischer Heimatschutz das Flurstück auf der Bosel gekauft – auf Empfehlung eines Prof. Drude, der sich mit den wärmeliebenden Pflanzengesellschaften Sachsens beschäftigte. Die TU Dresden übernahm 1948 den Boselgarten, der heute auf etwa 2.500 Quadratmetern 850 kultivierte Arten eine Heimat bietet – von denen 200 auf der Roten Liste Sachsens bedrohter Pflanzenarten stehen.

Weinfass
Weinfass

Im September ist der Garten natürlich nicht so spektakulär wie im Mai oder Juni, wenn hier alles blüht – wir müssen also noch mal wieder kommen und gehen vorerst weiter Richtung Sörnewitz an der Elbe. Anders als die schwangeren Jungfrauen wählen wir nicht den direkten Weg, sondern den durch den Wald. Unten angekommen begrüßen uns zwei Strohpuppen und laden zum Besuch der Besenwirtschaft Zum Winzerschoppen ein. Sie liegt – weiter oben! Wir also parallel zum gerade herunter gewanderten letzten Wegstück wieder hoch, aber nicht weit. Die Besenwirtschaft auf halber Höhe inmitten des Weinbergs hat von April bis November je nach Wetter- und Bedarfslage täglich außer montags ab zehn Uhr geöffnet – mit einer auf der Karte zu lesenden Einschränkung: Wenn der Winzer “unaufschiebbare Termine” hat, kann schon mal geschlossen sein…Klingt gut und locker – und so ist es dann da oben auch. Der Winzer gibt bereitwillig Auskunft, will sich allerdings nicht wirklich festlegen: Als wir ihn fragten, was ER denn nun trinken würde, eierte er ein wenig herum. Nun denn, dann mussten wir eben selbst (für Müller-Thurgau, Kerner und Traminer) entscheiden ;-) Im Angebot sind Weine der Winzergenossenschaft – im Müller Thurgau seien auch Tropfen seiner Trauben drin. Das hat uns nun fast jeder der von uns im Laufe der Jahre angesteuerten Besenwirtschaftswinzer gesagt, und wenn ich das Prinzip richtig verstehe, ist es kein Wunder, dass ausgerechnet hier in Meißen 1796 der Herr Samuel Hahnemann die Homöopathie erfunden hat…

Ausgetrunken
Ausgetrunken

Sörnewitz ist tödlich für Weinwanderer – zu viele Winzer. Den Herrn Schabehorn haben wir uns aufgehoben, obwohl das Weingut am Fuße der Bosel durchaus einladend war. Bei ihm werden wir also demnächst die Fortsetzung der Weinwanderung beginnen… Unser Ziel liegt etwas mehr im Dorfinnern: Das Weinhaus Schuh ist wohl die beste Adresse in Sörnewitz. 1990 neu gegründet, Reben nur in Steillagen – wobei es beim Schuh auch Rotwein gibt: 43 Prozent der 4,5 ha sind mit Rotweinreben bepflanzt. Früh schon hat das Weinhaus Schuh auf Kundenkontakt gesetzt: Zum Weingut gehören eine Vinothek und ein Weincafé, und wer in Sörnewitz hängen bleibt: Gästezimmer gibt’s auch…[Die Karte zur Wanderung]

Beherzt auf die Bosel…

Weinwanderung von Meißen nach Sörnewitz (1)

 
Die Boselspitze
Die Boselspitze

Die Bosel ist ein imposanter Berg – man sieht ihn auf dem Weg nach Meißen aus dem Auto oder vom Schiff und möchte eigentlich immer mal gerne da oben rauf. Bei dem Wunsch bleibt es, meistens: Viele Dresdner(innen) kennen die Bosel – wenn auch nicht unbedingt mit Namen, aber doch wenigstens vom Ansehen her. Aber da oben nuff? Or nöö…Früher war das anders. Da war die Boselspitze ein beliebtes Ziel für schwangere Jungfrauen – das waren Frauen, die nicht verheiratet aber dennoch schwanger waren. In ihrer Not – und die war so ein Umstand vor hundert Jahren noch! – stürzten sie sich in den Tod: Gerne von der Boselspitze, weil es von da so schön gerade runterging. Wer ob solcher Geschichten den Kopf schüttelt, kann sich erstens daran erfreuen, dass es im Umgang miteinander mittlerweile etwas weniger befremdlich zugeht – und sich zweitens darüber wundern, dass es auch heute noch offensichtlich genug Selbstmordkandidaten gibt, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen: Eine eigene Webseite widmet sich dem Thema, und wer die Seite aus dem Cache bei Google aufruft, sieht auch die Worte Boselspitze und Selbstmord…

Die Elbe bei Meißen
Die Elbe bei Meißen

Die Geschichten rund um diese optisch imposante Bergspitze sind also alles andere als einladend. Der Weg hinauf und ganz normal per pedes wieder herunter lohnt sich aber dennoch – weil dieser Abschnitt des Sächsischen Weinwanderwegs abwechslungsreich und schön ist. Obendrein werden weinaffine Wanderer belohnt: Gaststätten, Besenwirtschaften, Winzer liegen quasi am Wegesrand!Wir beginnen da, wo wir Teil eins der Wanderung beendeten: in Meißen. Direkt an der Elbe gibt es (am rechten Ufer – unweit des Bahnhofs) einen Parkplatz, der – dass es so etwas noch gibt! – sogar kostenlos zu benutzen ist. Wer mit der S-Bahn kommt: Diese Stelle ist drei bis vier Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt.

Meißen
Meißen
Von hier aus hat man über den Fluss eine wunderbare Sicht auf den Burgberg mit Dom und Albrechtsburg. Schiffe sieht man freilich eher selten – die Elbe ist nicht der Rhein, viel ist hier nicht los. Wobei diese Bemerkung wirklich nur fürs Wasser gilt: Der Weg, der uns ins Spaar-Gebirge führt, ist anfangs ein wenig unschön: Man teilt ihn sich mit den Radfahrern. Und die sind vor allem am Wochenende erstens in Massen und zweitens immer viel zu schnell unterwegs. In der Hackordnung stehen Fußgänger eindeutig weiter unten und müssen schon mal beherzt zur Seite huppen. Unter der Woche allerdings hat man weitgehend seine Ruhe. Nach einigen hundert Metern trennen sich eh die Wege: Weinwanderer ab in die Berge, Radler weiter die Elbe entlang!
Müller-Thurgau
Müller-Thurgau
Wir also in die Berge! Es gibt eine erste Anlaufstelle, das Bauernhäusl. Wir wurden mit einem beherzt-freundlich-abweisenden “Was haben Sie denn noch vor?” begrüßt – und wenn der Mann nicht so nett geguckt hätte, hätten wir den Kaffee schon wieder vor dem ersten Schluck Wein aufgehabt. Aber unserer Bitte, um 14 Uhr doch nur ein Schlückchen Wein vom Fass haben zu wollen, kam er nach: Ein Müller Thurgau war’s, von der Winzergenossenschaft. Deren Weine leiden ein wenig (ein wenig?) darunter, dass unter den 1.800 Mitgliedern eben auch Hobbywinzer sind, die ihre Trauben dort abliefern – und ob da alles immer allerbeste Qualität ist, kann man gerne anzweifeln. Andererseits würde es ohne die Hobbywinzer, die zu Zeiten der DDR die Weinberge pflegten so gut sie eben konnten, in dieser Gegend vielleicht gar keinen Wein oder auf jeden Fall weniger davon geben. Unser Müller war spritzig, der Preis OK, der Mann dann doch nicht so raubeinig wie er klang. Alles wird gut!
Sonnenblumen im Weinberg
Sonnenblumen im Weinberg
Unterhalb des Bauernhäusls führt der Weinwanderweg am Kronenberg an Reben der Winzergenossenschaft vorbei. Vier fleißige Männer zogen gerade eine Trockenmauer hoch – das typische Landschaftsbild bleibt so erhalten, die wärmespeichernde Funktion der Steine kommt dem Wein zugute. Um die Ecke herum taucht dann – immer noch in der gleichen Weinbergslage Meißner Kapitelberg – der Untere Domprobstberg auf. Ein sehr gepflegter Weinberg. Oben tuckert ein Winzer mit seinem Minitrecker zwischen den Reben her und spritzt, ansonsten ist es ruhig hier.
Hölzerne Weinpresse
Hölzerne Weinpresse
Unten steht unter einem Holzdach die älteste und größte Holzpresse Sachsens: Gebaut zwischen 1750 und 1800, 1989 von Hobbywinzern vorm Wegwerfen gerettet, zehn Jahre später gundlegend saniert – heute eine Sehenswürdigkeit. An der Presse informiert ein Schild und nennt nette Zahlen: “1889 wurden unter anderem gekeltert zehneinhalb Eimer weißer Wein und vierundzwanzigeinhalb Eimer roter Wein (ein Eimer entsprach nach alter sächsischer Rechnung 67 Liter).” Mehr als doppelt so viel Rotwein als Weißwein!
Waldwanderweg
Waldwanderweg
Weiter geht’s ein Stück durch schattigen und wohl riechenden Wald. Der Weg ist steinig wie man das von Römerstraßen kennt (also nur die Älteren werden sich erinnern…). Aber egal, denn das Ziel ist die Juchhöh. Hatte ein Aussichtspunkt je einen schöneren Namen? Wohl kaum. Und auch nur wenige Stellen geben schönere Blicke frei. Kein Wunder: Die Juchhöh ist mit 192 Metern über NormalNull der höchste Punkt des Spaargebirges – die Boselspitze liegt zehn Meter tiefer. Das Spaargebirge, durch das wir nun schon ein geraume Zeit wandern, ist das kleinste in Sachsen: drei Kilometer lang, 200 Meter breit. Niedlich!
Juchhöh
Juchhöh

Natürlich wächst hier auf dem Kapitelberg auch Wein – und nicht nur irgendeiner. Der Kapitelberg gilt als eine der besten Lagen in Sachsen. Es ist eine veritable Steillage, und wer hier Wein macht, ist ein glücklicher Mensch – denn der schmeckt! Von oben hat man einen schönen Blick über die Reben hinunter auf die Elbe – und mit ein wenig Glück tuckert sogar ein Dampfschiff dort lang: Romantik pur![Die Karte zur Wanderung]

Durch den Golkwald nach Zadel

Elbe

Weinwanderung von Seusslitz nach Meißen (3)

Aus dem Brummochsenloch auf die Höhe des Weinwanderwegs hinauf ist es nicht wirklich anstrengend. Aber nach zwei vinophoben Pausen sind auch kleine Steigungen zu spüren. Selbst gewähltes Elend nennt man das – wobei die Pausen in Wirklichkeit gar kein Elend waren, im Gegenteil: Sie waren selbst gewählte Erheiterung!

Der Anstieg durch den Wald ist Balsam für die Nase: Es riecht gut, die Luft ist milde, die Demse (wer Teil zwei verpasst hat: schöne Bezeichnung für unschönes feucht-schwüles Klima) hat hier Eintrittsverbot. Nach kurzer Zeit jedoch öffnet sich der Wald und macht einem Weinfeld Platz. Und wo die Leute Wein anbauen, ist es gemütlich warm! Vor allem aber eröffnen sich tolle Blicke – hinterm großen halboffenen Tor stehen Rebstöcke mit roten und grünen Trauben. Ein Schild verrät: Die Familie Keydel baut hier Goldriesling (gibt’s nur noch in Sachsen, soviel ich weiß), Müller-Thurgau, Weiß- und Grauburgunder, Traminer, Riesling und Spätburgunder an. Aber vor allem der Blick über den Wein hat es in sich: Die Elbe beliebt hier einen großen Bogen zu machen und schlängelt sich also gemächlich durch die sanft hügelige Landschaft. Wir hatten Glück: Ein Dampfer tuckerte elbabwärts und bot dem Auge Halt im Glitzerwasser.

Im Weinberg
Im Weinberg

Eine überdachte Holzterasse mit zwei handvoll Leuten weiter unten erregte unsere Aufmerksamkeit. “Du willst doch nicht schon wieder…?” hub Sylke an und war sichtlich erleichtert, als ich sächsisch klar und präzise “Nu!” antwortete. “Nu” kann Vieles heißen, aber es ist immer positiv besetzt. Also hieß es in diesem Fall: Na klar doch! Ich wandte mich also forschen Schritts der Terasse zu und merkte schon, wie besorgt die Leute da oben mich kommen sahen. Nervös, als ob ich ein Meuchelmörder sei, verfolgten sie mein Kommen – aber ich ließ mich nicht erschüttern, erklomm die zwei Stufen und grüßte freundlich: Ob das hier eine private Party sei oder ob zwei durstige Wanderer gegen Entrichtung eines entsprechenden Obulus vielleicht je ein Glas Wein…???Der Herr, der bislang als einzig Stehender das Wort geführt hatte, rang ein wenig mit sich selbst. Nun ja, es sei – eher privat. Was auch hieß: Wir könnten nichts bekommen. Weder so noch gegen Geld. Aber fotografieren dürften wir, na klar doch, gerne. Ein wenig enttäuscht und doch in einigen Vorurteilen bestätigt zog ich, freundlich “Schade, dann nicht! Ahoj!” sagend, von hinnen. In Italien, da bin ich mir sicher, wäre das so nicht passiert – da hätten wir jeder ein Glas bekommen. Wahrscheinlich sogar umsonst…

Herbstfeld
Herbstfeld
Nun war es ja nicht so, dass wir tatsächlich gerade den Status von Verdurstenden hatten, weswegen wir mit einem kräftigen “Aber egal!” uns wieder der Archäologie widmeten, die uns auf einem Schild mit dem Burgberg von Löbsaal vertraut machte. Die Burg wurde im 18. Jahrhundert vor Christi gebaut – wir bewegen uns hier auf ausgetretenen Pfaden! Das Dorf Löbsal ist unspektakulär, liegt aber sehr zentral am Kreuzungspunkt etlicher (Wander-)Wege. Vorbildliche Ausschilderung kann auch verwirrend sein: Unser Ziel Zadel war zweimal ausgewiesen – und wir entschieden uns prompt für den falschen Weg: Wir hätten nicht nach “Golk / Neumühle / Zadel” gehen sollen, sondern nur nach “Golk”. Weil wir’s nicht taten, liefen wir eine (nahezu unbefahrene) Straße entlang, statt auf gemütlicheren und kürzeren Pfaden direkt durch den Wald zu laufen, der hier Golk heißt. Der Golkwald – 180 ha groß und mit Sehenswürdigkeiten wie den „Heidengräbern“ und dem Nonnenstein ausgestattet, könnte also noch einmal ein separates Ziel sein, zumal der “Winzerhof” auch auf der nicht gegangenen Wegstrecke liegt. Und dieser Winzerhof hängt mit dem L’ami Fritz zusammen… Also schaun mer mal…
Rosa Grütze
Rosa Grütze
Aber jede Gehpanne hat auch was für sich. Wer weiß, ob wir ohne unseren kleinen Umweg am Friseursalon für Damen & Herren von Karla Grütze vorbeigekommen wären? In altrosa Schreibschrift steht diese Information auf beiger Hauswand. EInladend sieht das nicht aus, aber das ist ja nur ein äußerer Eindruck. Die Dörfler rundum werden es vielleicht sogar schön finden, einen Salon nahebei zu haben – und auch wenn der Name Karla Grütze zu allerlei Wortspielen verleitet, hat das nichts über die Qualität der Scherenkunst zu sagen.
Spieglein Spieglein...
Spieglein Spieglein…

Noch ein Kilometer bis Zadel! Das Elbweindorf mit der ältesten urkundlich bezeugten Weinbautradition (Weinbau ist dort seit 1218 nachweisbar) ist eine der besten Adressen für Wein in Sachsen: das Weingut Schloss Proschwitz Prinz zur Lippe – mit dem Weinkeller, einem Restaurant, einem Verkaufsladen und einem Restaurant – findet man hier neben der Kirche. Der Prinz und sein Weingut haben dem Dorf hinter dem Hügel (denn das ist die Bedeutung des slawischen Wortes Zadel!) gut getan, es aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Zweifache Dreierprobe
Zweifache Dreierprobe
Im Freiraum des Vierseithofs sitzen die Weinkennerinnen und Weinkenner. Wir gönnen uns die Dreierprobe mit einem 2008er Müller-Thurgau, einer trockenen Weissburgunder Spätlese, ebenfalls Jahrgang 2008, sowie einer 2007er Rotwein-Cuvee. Irgendjemand überrascht, dass das hier um Längen besser war als alles zuvor Getrunkene zusammen? Wir waren es nicht! Ein Mann am Saxophon sorgte als Alleinunterhalter dezent für Stimmung, das Niveau war dem Trinkgenuss angepasst. Allerdings wurden hier – wie wohl auch andernorts am Tag des offenen Weinguts – um 18 Uhr alle Aktivitäten außer der des Wegräumens eingestellt. Feiern stelle ich mir irgendwie immer anders vor.
Prinzliches Tor
Prinzliches Tor

Der Weg von Zadel nach und zur Karpfenschänke (ein Ortsteil mit gleichnamiger Gaststätte) und weiter nach Meißen führt über den Friedhof der Ortskirche von Zadel und dann durch Weinberge des Prinz zur Lippe. Man erkennt die natürlich an den schmiedeeisernen Toren, die das Lippesche Wappen mit der Rose tragen. Aber man merkt auch sonst, dass die Weinberge hier anders bewirtschaftet werden: Rosen wachsen hier – und sie sind mehr als eine Geste ans Familienwappen, sie sind (auch) aus ökologischen Gründen gepflanzt. Und man sieht abgeschnittene Trauben am Boden: Fleißig rückzuschneiden, um die Qualität des Weines zu verbessern – das machen nur die Großen. Das macht mehr Arbeit, das bringt weniger Wein. Aber dafür deutlich besseren.

[Zum Nachwandern die Karte bei Google Maps]

Oberhalb der Elbe – und schnell mal runter für ein, zwei Pausen…

Weinwanderung von Seusslitz nach Meißen (2)

Der Sächsische Weinwanderweg führt uns zuerst von Seußlitz zur Goldkuppe. Linker Hand stehen die Reben – selten genug in Sachsen – auf nur leicht hügeliger sanft gewellter Landschaft. Sieht man mal nach rechts, geht’s im Steilhang runter bis kurz vor die Elbe. Der Weg ist breit und sonnig – die Sachsen benutzen das schöne Wort Demse für das hier oft extrem warm-feuchte Klima. Wir waren am Tag des offenen Weinguts unterwegs und hatten mit dem Wetter Glück: Wolken schoben sich vor die Sonne, aber es regnete nicht. So ließ es sich gut laufen!

Beim Herrn Lehmann
Beim Herrn Lehmann
Unterhalb dieses Wegstücks befindet sich das Weingut von Joachim Lehmann. Das lassen wir heute ausnahmsweise einmal aus – aber nur auf der Wanderung, nicht hier im Text! Die Weinstube mit dem wundersamen Schließtag Donnerstag gehört nämlich eigentlich zum Pflichtprogramm in Diesbar-Seußlitz. Zum einen, weil es hier vor allem im Sommer im Gästegarten sehr lauschig ist, zum anderen weil der Herr Lehmann einen passablen Wein macht. Keine großen Weine, aber ehrliche. Für die Küche gilt ähnliches: Das ist weit entfernt von irgendeinem Gourmettempel – aber immer wieder lecker, irgendwie. Wir nähern uns Lehmann’s Weinstuben bevorzugt mit dem Dampfschiff (es hält quasi vor der Tür) und kommen dann irgendwie mit Bus und Bahn heim…

Wir winken also nur runter und gehen weiter. Wunderbare weite Blicke über die Elblandschaft öffnen sich. Schilder warnen davor, rechts nicht allzuweit vom Weg abzukommen, weil es steil runtergeht. Ach, denke ich an diesem Wahlsonntag, würden doch die Sachsen diesen Hinweis auch in der Politik beherzigen! Tun sie aber nicht und geben den Nazis blind und beherzt Stimmen (in einigen Regionen, nicht in dieser, bis zu knapp 20 Prozent) – das verstehe wer will, ich nicht.

Rotwein in spe
Rotwein in spe

Beim Wandern sehen wir trotz des Tags des offenen Weinguts wenig Leute – die meisten sind wohl mit dem Auto gekommen und kutschieren beschwingt von Probe zu Probe. Auch das verstehe wer will… Zu entdecken ist für die auch nicht viel. Zum Beispiel das halb offene Tor, das ein wenig an die Abbruchkante heranführt und der Kamera erstmals rote Trauben vor die Linse bringt. Ein Weg führte runter – aber den gingen wir vorsichtshalber nicht. Man weiß ja nie, ob es unten auch ein Tor gibt…Wir tapern also weiter auf dem Wanderweg, der sich nicht nur dem Wein widmet, sondern auch ein archäologischer ist. Also haben schlaue Menschen verständliche Tafeln (für die Lektorinnen unter den Leserinnen: Tafeln mit verständlichen Texten) aufgestellt, so dass man ein wenig schlauer heim kommt. Bei der Goldkuppe lerne ich beispielsweise, dass sie mit 18 ha Innenfläche die größe Burganlage Sachsens aus vorgeschichtlicher Zeit sei. Ohne Schild hätte ich nicht mal gemerkt, dass da überhaupt was ist bzw. war!

Dafür entdecken wir ein Schild, dass uns stutzig macht: “Wanderweg” besagt es, aber irgendwie sieht es so gar nicht offiziell aus. Da gehen wir lang! Meine Theorie: Am Ende des Weges gibt es einen Winzer, der diesen Weg durch seinen Weinberg ausgezeichnet hat, damit die Leute zu ihm kommen. Es geht gleich durch ein Tor mit einem feinen Schild: Man möge es doch bitte schließen, um Wildschäden zu vermeiden. Mit freundlichen Grüßen, die VEG (Z) Weinbau Radebeul. Das zentral geleitete Volkseigene Gut gibt’s so seit 20 Jahren nicht mehr – aber warum ein neues Schild besorgen? Was drauf steht, stimmt ja!

Elsaß an der Elbe
Elsaß an der Elbe
Der Weg durch den ehedem volkseigenen Grund war angenehm und führte – welch Überraschung – zu einem Gasthaus! Am “Brummochsenloch”, wie die Gegend hier heißt, tut sich urplötzlich ein Stück Elsass auf: Das Restaurant L’ami Fritz fügt sich prima ins Sächsische ein, und die Flammkuchen gingen weg wie warme Semmeln, wenn das blöde Sprachbild gestattet ist. Die beiden Herren, die die Bedienung im Garten schmissen, waren supernett drauf – und wir tranken natürlich elsässischen Wein zum Flammkuchen (den sächsischen von Jan Ulrich, den es hier auch gibt, gönnten wir uns nur wenige Minuten später im Weingut von Jan Ulrich). Die Karte war vielversprechend – und wir werden sicher einmal gezielt hierhin gehen, um mehr Elsass im Meissener Land zu genießen!
In vino veritas?
In vino veritas?

Das nächste Stück der Wanderung war das härteste: Nach ungefähr fünf Minuten erreichten wir nämlich das Weingut Jan Ulrich, und da das ein vorab geplanter Anlaufpunkt war, konnten wir ihn nicht auslassen! Jan und Carola Ulrich haben noch kurz vor der Wende in Wackerbarth Winzer gelernt, sich danach im Fränkischen fortgebildet und sich 1992 in Diesbar selbstständig gemacht. Sie vermarkten ihre naturnah ausgebauten Weine mit Geschick und nicht ohne Erfolg. Vor dem Winzerhof standen Liegestühle mit Blick auf die Elbe: Das war genau jene heiter-gelassene Atmosphäre, die wir lieben! Der von uns getrunkene Kerner war – Verzeihung! – ein schöner sommerlicher Saufwein. Im Hof des Weinguts war übrigens Remmidemmy – nichts für uns, aber viele lieben ja dieses Kontrastprogramm.Nach so viel Müßiggang wollten wir nun etwas für die Füße tun: Zadel lautete das nächste Ziel, und das waren mehr als fünf Minuten zu laufen…

[Zum Nachwandern die Karte bei Google Maps]

Weinwanderung von Seusslitz nach Meißen (1)

Auftakt in Seußlitz

Schloss Seußlitz
Schloss Seußlitz

Vor 800 Jahren etwa lebte ein wenig elbabwärts von Meißen am rechten Ufer Otto von Suselitz in einer Wasserburg. Die Zeiten damals waren wild – Wälder, Burgen und Dörfer wurden mit all denen, die dort lebten, verkauft oder verschenkt. Die Wasserburg des Herrn von Suselitz ging auch diesen Weg, fungierte 42 Jahre als Jagdresidenz von Heinrich dem Erlauchten, bevor der Markgraf von Meißen statt dort Hof abzuhalten das Anwesen nebst 17 zugehörigen Dörfern den Klarissinnen als Nonnenkloster stiftete. Eben jener weise und gütige Heinrich der Erlauchte schenkte dem Kloster aber nicht nur Haus und Dörfer, sondern auch drei Weinberge – und weil er das tat, wissen wir, dass es hier in Seußlitz und in Diesbar (dem nächsten Dorf elbaufwärts) seit 1272 Wein gibt.

 

Besenwirtschaft
Besenwirtschaft

Das ist das absolut vollwertige Halbwissen, mit dem man eine Wanderung vom Anfang des Sächsischen Weinwanderwegs bis nach Meißen starten kann. Den zweiten Teil des Halbwissens kann man sich ja bei der ersten Station anlesen, die man nicht ganzjährig besuchen kann: Die Klarissenklause ist eine Besenwirtschaft, die von den beiden Hobbywinzern Alexa und Bernd Raum aber recht professionell betrieben wird.

 

Klarissenklause
Klarissenklause

Bei einem Traminer (“unser engagiertester Wein”, sagte die Chefin – also nahmen wir den und waren nicht enttäuscht) in der traubenbehangenen Laube erleben wir das wunderbare Paralleluniversum von Hoch- und Najakultur. Die Chefin macht nämlich nicht nur Wein, sondern sie singt auch. Ute Freudenbergs “Jugendliebe” zu unserer Begrüßung, später auch Songs wie “This is the Life” von Amy Macdonald zum Beispiel. Nichts für stille Genießer, aber den meisten Gästen gefällt ja derlei Alleinunterhaltung ganz gut. Die Hochkultur steht im Reiseführer und handelt vom Nonnenkloster, das nach der Reformation weltlich wurde und vom Geheimen Rat am Hofe des Kurfürsten Moritz von Sachsen Dr. Simon von Pistoris 1546 zu einem Wohnschloss umgebaut wurde.

 

Kirche von George Bähr
Kirche von George Bähr

So richtig schön wurde Schloss Seußlitz aber erst, als die Bünaus kamen. Wer in sächsischer Heimatkunde aufgepasst hat, kennt den Namen: Die Bünaus haben auch auf Schloss Weesenstein wunderbare Spuren hinterlassen. Graf Heinrich von Bünau, der 1722 Schloss Seußlitz kaufte, beauftragte auch nicht irgendjemanden mit dem Umbau, sondern George Bähr, den Erbauer der Dresdner Frauenkirche. Und so entstand ein wunderschönes barockes Schloss mit integrierter Kirche und zwei Parks: einer im englischen und einer im französischen Stil.

 

Heinrichsburg
Heinrichsburg

Gegenüber vom Park sehen wir, leicht bergauf, die Heinrichsburg. Und die erklimmen wir jetzt! Zweimal sechs Figuren geleiten uns optisch zum zweigeschossiges Gartenhaus, das ebenfalls nach Plänen George Bährs erstand und nach Heinrich von Bünau benannt ist. Die Figuren versinnbildlichen die Monate – man muss das nicht raten, denn es steht auf den Sockeln (Anmerkung für Penible: Von einer Figur ist es nur noch der Sockel. Welchen Monat lassen wir aus?). Vielleicht wendet man sich in Gedanken jetzt nochmal dem Park zu und denkt sich: Ob die vier Skulpturen dort wohl???? – Na klar: Das sind die vier Jahreszeiten!Von der Heinrichsburg aus führt ein Wanderweg parallel zur Elbe Richtung Meißen. Den nehmen wir – nicht ohne dann und wann ein wenig abzuweichen, denn es gibt viel zu entdecken!

[Zum Nachwandern die Karte bei Google Maps]