Von Wachwitz zum Blauen Wunder – oder nach Pillnitz

Sylke in der Elbaue

Spaziergänge im Welterbe (13)

Über den Besuch der Besenwirtschaft von Familie Freytag in Wachwitz kann schon ein wenig Zeit vergehen – wie es dann weiter geht, ist dann ein wenig abhängig von den äußeren Umständen und der Frage des Abschlusses der Tour. Wir sind (2008) zurück gelaufen, auf der rechten Elbseite bis zur Pillnitzer Fähre: Das Auto war in Kleinzschachwitz geparkt. Dieses Jahr waren wir mit Bus und Bahn unterwegs und beschlossen weiterzugehen bis zum Blauen Wunder.

Der Weg nach Pillnitz ist schöner. Erstens sieht man das andere Ufer, an dem man ja hingelaufen ist. Zweitens ist mehr los. Die ersten Meter doppeln sich, wenn auch mit anderer Blickrichtung. Also zuerst der Segelhafen, dann die Fähre. Anschließend Neuland voraus und Bekanntes am anderen Ufer: Laubegast. Hinterlässt einen netten, dörflichen Eindruck, trotz einiger fetter Villen! Der Weg verläuft nahe der Elbe (ist also nur bei nicht so hohem Wasser begehbar!) und ist halb mit Steinen gepflastert und halb schlicht getrampelte Erde.

An der Elbe
An der Elbe
In einem der Steine sind zwei Jahreszahlen eingeritzt: 1408 – 1958. 550 Jahre wurden da gefeiert – aber wo? Und wovon? Wo kommt der Stein her? Keine Ahnung. 1408 wurde Laubegast gegenüber erstmals urkundlich erwähnt, das ist, trotz dazwischen fließender Elbe, ein nahe liegender Anlass. Ein wenig weiter elbauf kann man einen Einblick in die Werft nehmen, deretwegen wir auf dem Hinweg die Elbe verlassen mussten. Etliche Dampfschiffe der Weißen Flotte sind hier gebaut – vor hundert Jahren! Als Schiffs- und Yachtwerft Dresden gibt es den Traditionsbetrieb immer noch, unter anderem werden hier die Raddampfer gewartet.
Am Anleger
Am Anleger
Das nächste rätselhafte Objekt ist ein alter Schiffsanleger, über den ich bislang auch nichts finden konnte – außer einem beinahe zehn Jahre alten Hinweis, dass er zurückgebaut werden solle. Das hat sich offenbar erledigt, was gut ist, denner liegt wild-romantisch am rechten Elbufer herum und offenbar seine Schönheit vor allem im Gegenlicht des nun nahenden Sonnenuntergangs. Kitsch as Kitsch can, aber schön! Wer mag, kann seine weißen Sommerhosen auf den rostigen Pollern ein wenig der nächsten Wäsche näher bringen!
Elbe bei Maria am Wasser
Elbe bei Maria am Wasser

Next stop: Maria am Wasser! Wir sind zwar nahe genug dran, aber für einen Besuch ist es zu spät. Dafür bietet sich auch hier wildromantische Sonnenuntergangsstimmung, man muss sich nur umgucken. Das Bild zum Text ist übrigens eine üble Fälschung: Die beiden Bilder gehören gar nicht zusammen, sondern wurden im Abstand von zwei Laufminuten aufgenommen. Aber die Technik kann ja “gefühlte Eindrücke” zu einer Einheit komponieren, und genau so entstand es!

Der letzte Teil des Weges zwischen Maria am Wasser und der Schlossfähre ist gegebenenfalls etwas arg ursprünglich: Wenn die Wiese nicht gemäht ist, säumen Brennnesseln den Pfad. Wenn die Elbe mehr Wasser als normal führt, gibt’s nasse Füße. In dem Fall: Nicht weiter gehen, sondern die gepflasterten Wege leicht oberhalb suchen und dann wieder runter zur Fähre. Die belohnt bei der Überfahrt mit einem letzten Schmalzblick in den Sonnenuntergang. Vorausgesetzt, man ist zur rechten Zeit dort!

Blaues Wunder
Blaues Wunder

Und was ist, wenn man gar nicht nach Pillnitz läuft, sondern zum Blauen Wunder? Nichts ist da! Beziehungsweise nichts Besonderes. Es sei denn, jemand empfindet den Weg in völliger Ruhe vorbei an Pferden mitten in einer Landeshauptstadt als etwas Erwähnenswertes. Erholsam, sehr erholsam läuft man mit dem Strom und genießt das dörfliche Wesen der Landeshauptstadt. Sonnenuntergangsfanatiker kommen hier natürlich auch auf ihre Kosten, allerdings ist das Ambiente nicht zwingend so nett wie auf dem Weg nach Pillnitz. Aber dafür taucht dann irgendwann das Blaue Wunder auf – und wer da nicht die komplette Litanei der Aaahhhs und Ooohhs freiwillig runterbetet, wird mit sofortiger Einkehr in eine der reichlich sich anbietenden Gaststätten rund ums Blaue Wunder bestraft!

Zwischen Kleinzschachwitz und Wachwitz

An der Elbe

Spaziergänge im Welterbe (12)

Den Titel ist Dresden los: Man wollte sich nicht an die Spielregeln halten bei dem Spiel, wo man ja von sich aus mitmacht und das das heißt: Welterbe zu sein. Trauer trägt seitdem die Flagge an der Pillnitzer Weinbergkirche – und das zeigt: nicht alle Dresdner denken so wie diejenigen, die das Debakel zu verantworten haben. (Sollte jemand nicht wissen, worum es geht: hier ist die Sachlage detaillierter beschrieben.)Als Dresden noch Welterbe war, haben wir bei Spaziergängen im Welterbe die Gegend erkundet. Eine (hier noch nicht beschriebene) Wanderung unternahmen wir im Juni 2008 und wiederholten sie jetzt: Zwischen Kleinzschachwitz und Wachwitz (2008) bzw. Blauem Wunder (2010) bleibt man vom Brückenneubau am Waldschlößchen verschont und genießt die Kulturlandschaft in vollen Zügen. Wir werden es auch für weitere noch ausstehende Spaziergänge daher wohl auch beim Serientitel belassen…

Schloss Pillnitz
Schloss Pillnitz
Los geht’s also im Zungenbrecherort. Eine Fähre verbindet Kleinzschachwitz (das lässt sich übrigens durch Vernuscheln bzw. Ignorieren des “z” ganz leicht aussprechen!) seit 1727 mit dem gegenüber liegenden Pillnitz. Wir bleiben aber links der Elbe und gönnen uns nur den einen oder anderen Blick zum Schloss, bevor es immer links der Elbe Richtung Dresden geht. Je nach Wasserstand der Elbe kann man einen der gut ausgetretenen Trampelpfade oben am Ufer oder den Elbkies nutzen (aber aufpassen, wenn ein Schiff kommt: Die ziehen schöne Wellen nach sich!).
Maria am Wasser
Maria am Wasser

Am anderen Ufer taucht eine Kirche auf, die man von der Optik eher im Bayerischen verorten würde: Maria am Wasser. Die Schifferkirche steht seit 1495 drüben in Hosterwitz, das barocke Aussehen mit Zwiebelturm kam allerdings erst ab 1704 hinzu. Die Kirche mit ihrem kleinen Friedhof steht unter Denkmalschutz und ist auf jeden Fall einen Besuch wert – bitte vormerken für einen eigenen Spaziergang! Im Moment kann man nur rübersehen, was aber durchaus seinen eigenen Reiz hat – zumal die Hänge im Hintergrund sich sanft erheben und manchmal gar schaurige Wolkenformationen einen dramatisschen Hiintergrund bieten (Pillnitz ist berühmt für dramatische Wolkenformationen und Gewitter! Sagt wer? Na: Ich!).Im Hintergrund sieht man – je nach Standpunkt – manchmal das Keppschloss. Es hat, wie viele derartige Gebäude, eine bewegte Geschichte. Vom Sommersitz aus dem Umkreis derer von Augusts Gnaden (Marcolini, Brühl) zur Eigentumswohnanlage für deutlich besser Betuchte der Jetztzeit – eine spannende Geschichte, die zu erzählen ist, wenn wir mal da sind (das andere Ufer hat’s offensichtlich in sich!).

Elbe mit Blick auf Wachwitz
Elbe mit Blick auf Wachwitz
Wir haben vor uns: Die erste Raststätte am Wanderweg! Die Elbterrasse Laubegast ist zweigeteilt: Ein Restaurant (bürgerlich), ein Biergarten (sehr bürgerlich). In letzterem gibt es auch Wein – und zwar roten und weißen! Aber zusätzlich eine geniale Aussicht, und irgendwie eine Garantie für vorbei schippernde Dampfer. Die wurden übrigens zum Großteil in der Laubegaster Werft gebaut – und da die direkten Zugang zum Fluss braucht, um die Schiffe aus dem Wasser zu holen (für Renovierungsarbeiten) oder reinzulassen (bei Neubauten oder nach den Pflegeeinheiten), verlässt der Weg ausnahmsweise einmal die Elbe und führt ums Gelände herum. Das kann man verschmerzen – und es ist die absolute Ausnahme: Normalerweise kann man immer direkt am Fluss entlang laufen oder radeln.
Wo der Besen hängt...
Wo der Besen hängt…

Vom Laubegaster Ufer aus lohnt sich noch enmal ein Blick zurück – bei klarer Sicht kann man nämlich elbaufwärts bis zur Festung Königstein gucken, vorbei an der Fähre und dem Schloss Pillnitz. Dann umdrehen und voraus blicken: Dort steht, oben am anderen Ufer, der Dresdner Fernsehturm. Unterhalb (zumindest optisch) liegt Wachwitz, ein altes Fischerdorf mit schönem Dorfkern und kleinem Segelhafen. Das ist unser Ziel – denn freundlicherweise gibt es auf halbem Weg zwischen Laubegast und Wachwitz eine Personenfähre nach Niederpoyritz. Drüben auf der rechten Elbseite wäre das Erbgericht Niederpoyritz eine mögliche Station, aber wir gehen weiter, denn wir haben ein Ziel: Freytags Weingarten in Wachwitz!

Spaß bei der Lustigen Schlange

Director's Cut

Als Erntehelfer mit Spitzenwinzer Martin Schwarz im Weinberg

Der Wetterbericht hatte mal wieder gelogen – und das sogar noch kurz vor knapp: Sonne ist angesagt für den 24. und 25. Oktober. Und in Wahrheit? Nass ist’s im Meißner Kapitelberg, erst nur von unten und an den Trauben (weil es die Nacht zuvor geregnet hat), am Sonntag dann auch von oben. Regen. Das ist das letzte, was ein Winzer Ende Oktober brauchen kann, denn Regen verwässert den Wein.

Martin Schwarz, der seit 1996 als Kellermeister im Weingut Schloß Proschwitz Prinz zur Lippe für nachhaltige Qualität bei Ausbau der Weine sorgt, ist auch Besitzer eines Weinguts und produziert dort seine eigenen Weine. Ihn begleiten wir wir zur Weinlese, zusammen mit einem Dutzend anderer Erntehelferinnen und Erntehelfer.

Treffpunkt: Am Weingut. Die Adresse des Weinguts klingt erst einmal mehr nach Trinkgenuss denn nach Weinherstellung – und so ganz falsch ist das ja auch nicht: In der Neustadt ist die Weingutsadresse – hier wohnen Martin Schwarz und seine Freundin. Gearbeitet aber wird in den Weinbergen elbabwärts bei Radebeul und Meißen sowie im Proschwitz’schen Keller in Zadel.

Riesling
Riesling

Auf der Fahrt zum Weinberg erklärt Martin Schwarz dem Neuling gleich einmal, worauf es ihm bei der Lese ankommt: “Nur ganz gesunde Trauben kommen in meinen Wein!” Wobei Martin Schwarz auch keine Trauben mit Edelfäule haben möchte: Diese ist zwar vielen Winzern willkommen, weil der Schimmelpilz Botrytis Cinerea der gesunden Traube Wasser entzieht und die Geschmacksstoffe in den Beeren konzentriert – aber er verändert eben den reinen ursprünglichen Geschmack der Traube, und das kann man wollen oder nicht.

Die Lese startet im unteren Teil des Kapitelbergs. Das ist zwar der steilere Teil, aber durchaus nicht der unangenehmere: Gelesen wird nämlich von oben nach unten. Später geht’s im oberen Teil weiter, und da wird bergan gelesen – was ins Praktische übersetzt heißt: die roten Plastikkisten werden voller und müssen hoch gewuchtet werden. Warum mal runter, mal hoch? Weil der Transporter mal unten und dann wieder oben auf der Zufahrt steht! So einfach erklären sich scheinbar komplexe Zusammenhänge manchmal.

Lese-Start
Lese-Start

Beim Start auf gleicher Höhe sind – logisch! –- alle Kisten noch leer, und da die meisten der gut ein Dutzend Helfer nicht das erste Mal bei der Lese dabei sind, erfüllt munteres Geschwatze und Geschnatter den Weinberg. Leise konnte das gar nicht sein, da sich meist pro Zeile ein Mensch den Trauben widmete und man so zwangsläufig seine Gesprächspartner nicht ansah, sondern von hinten ansprach. “Ich freue mich in jedem Jahr darauf, bekannte und neue Gesichter zu sehen!” sagt Birgit Patzelt. Sie kommt aus Berlin, arbeitet als Redakteurin beim Rundfunk und als freie Autorin für einen Verlag – “und das natürlich meist am Schreibtisch mit Blick auf den Computer!” Da ist die Arbeit im Weinberg, sich den ganzen Tag an frischer Luft zu bewegen und den Kopf frei zu bekommen, ein willkommener Ausgleich. “Wenn ich am Ende einer Reihe den Rücken durchstrecke und über das Elbtal schaue, dann ist das einfach nur ein unheimlich tolles Gefühl!” sagt Birgit Patzelt.

Elbtal
Elbtal

So wie sie sehen es wohl alle: Es ist anstrengend, aber es macht Spaß! Zwar wäre es bei den steilen Lagen durchaus praktisch, ein kurzes und ein langes Bein zu haben, weil die Muskeln dann nicht so ungewohnt belastet würden. Außerdem kommt der Muskelkater erst am Abend des zweiten Tages – und da ist ja erst einmal Ruhe bis zum nächsten Wochenende. Wobei der feinsinnigste Muskelkater in den Fingern zu entdecken ist, die die Traubenschere geführt haben. Die Reben mussten ja nicht nur vom Stock getrennt, sondern auch noch von faulen Beeren befreit werden: Da arbeitet die Hand schon mal wie der Stuhlbelastungsdauertest, den wir aus dem Möbelhaus kennen: Zusammen, auseinander, zusammen auseinander…

“Es ist natürlich auch wichtig für mich, zu sehen, wieviel Arbeit zum Beispiel in einer Flasche Riesling steckt!” sagt Jana Schallenberg, Restaurantleiterin und Sommeliere in der Gourmetlounge vom Romantik Hotel & Restaurant Pattis. “Bei der Lese erfahre ich immer live die Qualität und Quantität des jeweiligen Weinjahres und kann dies bei meiner Arbeit als Sommeliere im Restaurant an Gäste und Mitarbeiter gleichermaßen weitergeben. Persönliche Kontakte zu einheimischen Winzern liegen mir und Familie Pattis sehr am Herzen.”

Auch Jens Dusil ist aus Freundschaft dabei, kann aber seine Erfahrungen im Weinberg beruflich nutzen: In seiner Vinothek Weinkult im Kunsthof bietet er auch die Weine von Martin Schwarz an. “Für mich ist wichtig, die Entstehung des Weines von Anfang an mit zu erleben und durch eigene Akribie die Qualität des Endprodukts zu verbessern!” Freiwillige Helfer und Freunde, meint Dusil, seien “der beste Garant für die Qualität der Arbeit, da der monetäre Anreiz keine Rolle spielt”.

Elbtalnebel
Elbtalnebel

Der untere Teil des Kapitelbergs ist abgeerntet, der Transporter gut gefüllt. Auf dem Weg zum Weingut ist noch einmal eine Chance, mit Martin Schwarz zu reden. An einem Tag im Oktober geboren (“das ist doch schon ein Zeichen!”, sagt er), aber in Kassel – einer Stadt, die nicht für Wein bekannt ist. Martin Schwarz spielte E-Bass in einer Schülerband, Grund genug, Elektrotechnik studieren zu wollen, was ihm aber glücklicherweise nicht so viel Spaß bereitete. Besuche beim Bruder, der in Freiburg studierte, brachten ihn auf andere Gedanken. “Hier merkte ich, dass Wein mich mehr interessiert als Elektrotechnik!” gibt Martin Schwarz lächelnd zu. Im Weinhaus Heger, einem der 200 deutschen Prädikatsweingüter, absolvierte er 1991 ein Praktikum. “Die Arbeit draußen hat mir gut gefallen, und das super Klima auch!” Wobei es so klingt, als ob er mit dem Klima nicht nur das Wetter, sondern auch den Zusammenhalt des Teams meint – etwas, was er nach Abschluss des Weinbaustudiums in Geisenheim mit nach Sachsen brachte, wo er 1996 im Weingut von Prinz Lippe als Kellermeister anfing.

Die Arbeit im Keller des Weinguts war für den Berufsanfänger eine riesige Herausforderung, zumal sie 1996 gleich mit einem “Katastrophenjahrgang” (Schwarz) begann: Es gab wenig Ertrag, die Trauben waren nicht reif genug – eine Herausforderung für den Kellermeister! In den Jahren danach konnte es nur besser werden. Wurde es auch.

Riesling 08
Riesling 08

Es ist halb drei, Zeit für die erste wirkliche Pause. Das Picknick im kleinen Winzerhäuschen mitten im Weinberg ist, alle Helferinnen und Helfer erinnern sich da einmütig, ein Höhepunkt bei der Weinlese. “…und unter uns,” sagt Jana Schellenberg, “Spaß macht’s auch riesig, und für Grits Picknick mit Martins Riesling lohnt es sich allemal!” Und Birgit Patzelt ergänzt: “Beim Mittagspicknick werden Rezepte ausgetauscht, z. B. für die legendäre Tomatenbutter. Und dazu ein Wein, den man vielleicht im Jahr zuvor selbst gelesen hat!”

Schade eigentlich, dass das Picknick nur eine Pause ist: Hinterher geht’s wieder in den Berg. Bis zum Einbruch der Dunkelheit werden die Trauben geschnitten, gesäubert und in Kisten gefüllt. Ganz zum Schluss gibt’s dann noch einen Kraftakt: Alle vollen Kisten zum Transporter bringen. Die langjährigen Erntehelfer nennen das, was da passiert, die “Lustige Schlange”, aber warum das so heißt, vermag nur zu deuten, wer dabei war: Die Kisten sind schwer, der Weg zum Transporter, der die Trauben in den Weinkeller bringt, ist weit und steil und matschig. Lustige Rahmenbedingungen, fürwahr. Aber dennoch haben alle dabei ihren Spaß!

Die lustige Schlange
Die lustige Schlange

[Weinlese-Termin war am 24. und 25. Oktober 2009. | Lage des Kapitelberges
Eine gekürzte Version des Beitrags ist im gerade erschienen Augusto veröffentlicht]

Von Pillnitz nach Birkwitz und Kleinzschachwitz

Spaziergänge im Welterbe (11)

Himmelwärts
Himmelwärts
Wanderer, betrittst Du das Welterbe Dresden linkselbisch bei Zschieren, komme besser nicht vom Weg ab! Du könntest Dich verbrennnesseln.Diese Warnung vorab soll ja nur Lust auf Schadenfreude weiter unten im Text machen, denn unsere Wanderung durchs Welterbe Dresden begann (und endete, ein Rundgang sozusagen) am Tag des offenen Weinguts ganz normal in Kleinzschachwitz. Dort kann man sein Auto parken, dorthin kann man mit der Straßenbahn oder dem Bus anreisen und dann mit einer Fährüberfahrt Richtung Pillnitz angemessen die Erkundung dieses Welterbe-Abschnitts beginnen.

Löwenkopfbastei Pillnitz
Löwenkopfbastei Pillnitz

Von der Fähre aus gibt es touristische Superlativ-Blicke: Elbabwärts sieht man Maria am Wasser, elbaufwärts das Schloss Pillnitz. Letzteres ist unser erstes Ziel. Erstens weil es immer schön ist dort, zweitens weil es bei blauem Himmel mit Photocumuluswolken ein Muss ist (auch wenn man da schon hundert Mal war, immer mit Kamera) und drittens weil ja Tag des offenen Weinguts war und Klaus Zimmerling – einer der besten Winzer der Gegend – seinen Weinkeller (noch, er baut einen neuen) im Schloss Pillnitz hat und man bei einem Ausschank dort seine Weine probieren kann. Wir definierten also das Kürzel www neu und begannen die Welterbe-Wein-Wanderung mit einem Glas Weißburgunder.Schloss Pillnitz

Schloss Pillnitz
Schloss Pillnitz

Pillnitz ist aber nicht nur wegen des Weines durch und durch Lust. Es fängt mit der merkwürdigen Architektur an: So haben sich die Menschen China vorgestellt, als noch kaum jemand da gewesen war: Phantasievolle Exotik.Für August den Starken bildete Schloss Pillnitz den “indianischen Auftakt” einer auf 24 Lustschlösser angelegten Konzeption königlicher Zerstreuung, für die da schon nicht mehr Geliebte Gräfin Cosel war der zwangsverordnete Umzug vom Taschenbergpalais nach Pillnitz der Anfang vom langen Ende auf Burg Stolpen. Matthäus Daniel Pöppelmann lieferte die Entwürfe, die ihre Vorbilder sowohl in der Toranlage zum Palast des Kaisers von China als auch im Palastbau von Venedig haben sollen.

An August erinnert heute noch die Gondel im Park, die dem Kurfürsten der Annäherung an Pillnitz über die Elbe diente, an die Cosel nichts mehr…

Der Schlosspark von Pillnitz wartet mit mancherlei Überraschungen auf: Teils folgt er der strengen Formsprache des Barock, teils ist er als englischer Landschaftsgarten gestaltet – und dann gibt es natürlich die Kamelie. Sie gilt als Europas älteste Pflanze dieser Art und blüht nun schon seit 1801 zwischen Februar und April, wenn 35.000 glockenförmige und karminrote Blüten den Frühling einläuten.

Weinbergkirche

Weinbergkirche 2008
Weinbergkirche 2008

Unser Weg führt diesmal aber nicht durch den Garten, sondern heraus aus dem Schloss zu den Weinbergen. Wir biegen in den Bergweg ein, der später (an seiner schönsten Stelle!) Weinbergweg heißt, und besuchen die Weinbergkirche. Auch sie ist ein Werk Pöppelmanns, der damals ganz groß im Geschäft war in Dresden, ein Stararchitekt sozusagen. Der Anlass für den Bau dieser heute (zu Recht) so beliebten Kirche war ein Bauskandal: August wollte Schloss Pillnitz nach seinen Vorstellungen umgestalten, und da stand die alte Pillnitzer Kirche im Weg. Sie musste weg da – aber der Kurfürst ließ sich nicht lumpen, stellte das Grundstück im Königlichen Weinberg zur Verfügung und übernahm auch die Baukosten – und mit Pöppelmann stellte er auch seinen besten Baumeister ab.Die Geschichte der Weinbergkirche, die nach 1990 komplett restauriert wurde, kann man auf den Seiten der Kümmerer nachlesen. Die Interessengemeinschaft engagiert sich nicht nur, sie bezieht auch Stellung: “Die Mitglieder der IG Weinbergkirche setzen sich auch weiterhin sehr aktiv für den Status “Welterbe Dresdner Elbtal” ein, da die Weinbergkirche ausdrücklich Bestandteil dieser Auszeichnung ist.” Also weht die Welterbe-Fahne am Turm – ein netter und wichtiger Farbtupfer!

Wein und Kunst

Rysselkuppe
Rysselkuppe
Man kann von der Weinbergkirche schön in den Weinberg sehen und bemerkt weiter oben auch einen weiteren Weg – aber man kommt von der Kirche aus nicht rauf, und wir wollten es sowieso nicht (den Weg heben wir uns für eine weitere Wanderung auf) und gehen den Bergweg weiter bis zum Winzer Klaus Zimmerling. Der wohnt unterhalb der von ihm bewirtschafteten Rysselkuppe mit seiner Frau Malgorzata Chodakowska, und die beiden sind nicht nur extrem symphatische Zeitgenossen, sondern auch Künstler für mehrere Sinne. Klaus Zimmerling produziert einen vortrefflichen Wein, wenn ich richtig informiert bin: aus Überzeugung biologisch angebaut, aber nicht damit protzend.
Kunst und Wein
Kunst und Wein
Und Malgorzata Chodakowska schafft unabhängig und doch aufs trefflichste dazu passend Figuren aus Holz. Ihre Stammfrauen, selten auch Stammmänner, sind von solch faszinierender Schönheit, dass man es gar nicht fassen kann. Wenn man Glück hat, sieht man das zum Stamm passende Modell, wie es leibhaftig bei den beiden zu Besuch ist – da ist es besser, man hat nicht zuviel vom feinen Kerner “R” oder dem Gewürztraminer probiert – die haben es nämlich in sich und können bei lebhaftem Zuspruch leicht zu Sinnestäuschungen führen.
Weinprobe bei Klaus Zimmerling
Weinprobe bei Klaus Zimmerling

Wir hatten übrigens gelesen, dass der Herr Zimmerling vom offiziellen Gedöns des offenen Weinguts ausgeschlossen wurde, weil er nicht drei seiner Weine zum Wahnsinnsschnäppchenpreis von zusammen sechs Euro anbieten wollte. Grinsend begrüßten wir ihn also mit “Hallo, Ausgeschlossener! Kann man hier Wein bekommen?”, worauf er zurück grinste und uns die ganze Palette anbot. Jeder Wein hat hier, auch zum Probieren, seinen Preis – und den ist er allemal wert. Wir haben ihn genossen und gerne mehr gezahlt als sechs Euro, denn im Laufe der Wanderung durften wir noch erleben, wie billiger Wein schmeckt.Reelle Wegebezeichnungen

In Oberpoyritz laufen wir eine Straße mit dem schönen Namen Viehbotsche entlang, passieren die Feuerwehr (dort geht man dem Feuerwehrmännerlieblingshobby nach und kokelt, gezielt auf dem Grill und hinter dem Einsatzwagen) und gehen dann immer über Wege, die vermuten lassen, dass man früher noch redlich arbeitete: An der Schmiede, Marktweg, Ziegelweg und Schmiedeweg gehen nahtlos ineinander über. Heute müsste man ja dauernd nur umbenennen: New-Economy-Drive inSeifenblasengasseDresdner-Bank-Straße in Commerzbankalle und so…

Birkwitz

Via Saxonia
Via Saxonia

So erreichen wir auf einem Weg, der vom Pflaster her auch die Via Appia sein könnte, Birkwitz und seine hinweisschildergepflasterte Hauptkreuzung. Ein großes Dreieck weist zum Einkaufsparadies, das nach etwa 50 Metern rechts auch hinter einem lamellenbehangenen Wohnzimmerfenster auftaucht. Hinter dem anderen Wohnzimmerfenster des Doppelhauses bietet ein Friseursalon seine Dienste an – soll keiner sagen, in Birkwitz sei nichts los. Eine Wohnresidenz direkt an der Elbe mit Blick auf die Fähre gibt es auch – etwas protzig, aber Birkwitz muss ja nicht immer dörflich bleiben!Die Personen-Fähre tuckert nach Bedarf, also faktisch immer hin und her. Am anderen Ufer – Überraschung! – steppt der Bär. Hier wurde nämlich die Beachbar Heidenau errichtet: Also Sand (feiner weißer Sand, schöner als mancherorts am Meer), Liegestühle, Strandkörbe, ein Grill und eine Bar mit Getränken. Voll ist es und alle sind guter Laune, und manchmal kommt sogar ein Schiff vorbei hinter dem Elbradweg, der die Beachbar vom Elbestrand trennt. Der Wein ist natürlich unvergleichlich zum Zimmerlingschen, aber besser als erwartet, und die Ohnmachtsbratwurst, die wir dringend benötigen, trieft zwar etwas vom Eigenfett, ist aber gut gewürzt.

Ein Schild verrät, dass wir knapp vier Kilometer vor Pillnitz und 16 Kilometer vom “Zentrum” entfernt sind – wahrscheinlich meint das Schild Dresden. Eine andere Zeichenorgie warnt uns, dass es hier glatt sein könnte und ein Winterdienst nicht stattfindet, dass man nur als Fußgänger oder Radfahrer hier lang darf – es sei denn, man ist Teil der Fluorchemie, für die der Weg auch frei ist.

Elbaue mit Brennnesseln
Elbaue mit Brennnesseln

Wir entschieden uns, Fußgänger zu sein und schritten wacker fürbass. Als wir wieder den Raum des Dresdner Welterbes betraten, kamen wir kurz vom rechten Weg ab, weil der gepflastert und langweiliger erschien als ein Pfad, der rechts ab zur Elbe führte. Den nahmen wir, gingen ihn auch weiter, als er langsam immer weniger Pfad wurde. Aber so eine kleine Brennnesselwiese kann uns doch nicht davon abhalten, durch die Natur zu streifen! Sylke beschloss irgendwann, dass es wohl aussichtslos sei und kehrte um – ich pirschte weiter voran, weil das langsam immer höhere Stellen erreichende Kuscheln der saftig grünen Brennesseln irgendwie prickelig war. Etwa fünf Meter vor dem Ziel (ein Parkplatz an der Elbe bei Zschieren) tat sich dann allerdings eine übermannshohe geschlossene Brennnesselwand auf, so dass auch ich die Gegend einmal von der anderen Gehrichtung aus betrachten durfte. Schön ist sie!Zur Elbinsel

Zur Elbinsel
Zur Elbinsel

Nicht mehr lang und man sieht die Elbinsel bei Pillnitz. Hier gibt es auf Zschachwitzer (also jetzt “unserer”) Seite die Gaststätte “Zur Elbinsel”, die ein wundersames Überbleibsel der DDR zu sein scheint. Das Fachwerk nimmt man dem L-förmigen Erdgeschossler mit Beinaheflachdach nicht ab, und die Karte ist üppig: Von der Soljanka (die sogar ganz ordentlich war) über Bratkartoffeln oder Omelett bis hin zu so exotischen Dingen wie Känguruhnuggets oder Froschschenkeln gibt es alles, was das Herz begehrt. Und es sind viele Herzen, denn der Laden ist voll. In der Karte steht, dass alles frisch zubereitet wird, und keiner wundert sich, dass es, auch bei vollem Laden, nicht länger als drei bis vier Minuten dauert. Bedient wird auch draußen im Garten, aber zahlen musst du drinnen bei der Chefin – das hat doch Charme! So wie der Wahlspruch, der auf der Karte steht: ”Ihr Wunsch wird unser Service sein, von Party, Fete, bis zum Schwein!”Der Spaziergang als Karte bei Google Maps

Hofkirche – Frauenkirche – Synagoge

Spaziergänge im Welterbe (10)

Im Stadtzentrum finden sich drei bemerkenswerte Sakralbauten: Die Kathedrale, meist Hofkirche genannt, die Frauenkirche und die Synagoge.
Hofkirche
Hofkirche

Die (katholische) Kathedrale St. Trinitatis ist das erklärte Gegenmodell zur (protestantischen) Frauenkirche. Friedrich August II. holte dazu den italienischen Architekten Gaëtano Chiaveri, der sich seine Bauleiter ebenfalls aus Italien mitbrachte. Nicht weniger als Sachsens größte katholische Kirche entstand – und mit ihr Dresdens letzter Barockbau.Die Dresdner, so scheint’s, hatten mit den Zugereisten (die im „italienischen Dörfchen“ lebten) allerdings offensichtlich Probleme: Nach zehn Jahren Bautätigkeit reiste Chiaveri 1749 mit dem Gefühl ungenügender Unterstützung ab. Natürlich führten andere das Werk fort, so dass es 1754 vollendet werden konnte. Das Innere der Kathedrale ist hell und eher schlicht – zumindest auf den ersten Blick. Der optische Eindruck trügt: eine Silbermann-Orgel, eine Kanzel von Permoser, ein Hochaltar von Anton Raphael Mengs und andere wertvolle Ausstattungsgegenstände sind schließlich nicht ohne…

In 49 Sakophagen der Katholischen Hofkirche ruhen die katholischen Kurfürsten und Könige Sachsens sowie deren engste Verwandte. Von August dem Starken ist nur das Herz hier begraben – er wollte in Krakau begraben sein, aber sein Herz sollte in Dresden die letzte Ruhestatt finden.

Die Kathedrale, die nach Chiaveris Vorstellungen der besseren Wirkung wegen nicht die klassische Ausrichtung nach Osten hat, sondern schräg zur Augustusbrücke steht, nimmt eine Fläche von 4.800 Quadratmetern ein. 78 Steinfiguren, jede drei Meter fünzig hoch, schuf Lorenzo Mattielli: Die Apostel, Heilige und Kirchenfürsten schmücken die Ballustraden und Nischen der Kathedrale.

Frauenkirche
Frauenkirche

Über die Frauenkirche ist schon viel geschrieben worden. Am 20. Oktober 2005 wurde sie geweiht. Viele waren gegen den Wiederaufbau – und wer Dresden besucht und auch dagegen ist, wird meist beim Anblick bekehrt: Das “Wunder von Dresden” zieht die Menschen an und nimmt sie für sich ein. Wie die Zeit des Wiederaufbaus war, habe ich am Abend der Weihe aufgeschrieben - und in der März-Ausgabe des Photoblogs Magazine ist ein Beitrag auf englisch erschienen, der die ganze Geschichte gut zusammenfasst: Das Titelbild des Magazins zeigte ein Detail aus dem Innern der Kirche. “The Return of a Baroque Church” ist der Beitrag überschrieben, der auf den Seiten elf bis 16 der PDF abgedruckt ist.Das Innere der Frauenkirche ist alles andere als schlicht: Üppige Ausschmückungen, Gold und zartes Rosa dominieren – aber es wirkt zu keinem Moment kitschig (diese Gefahr besteht ja). Wie immer: Einschlägige Kunstführer sind besser für detaillierte Informationen, deswegen hier nur der Hinweis auf das Kreuz am Ausgang. Es ist das Turmkreuz, das nach dem Bombenangriff mit der Kuppel einstürzte und verbrannte. Ein Zeichen, das zum Nachdenken anregen soll und als Erinnerung an die Grauen aller Kriege bewusst in die Schönheit der Frauenkirche einbezogen.

Die neue Dresdner Synagoge steht nahe der ursprünglichen Synagoge, die nach Entwürfen und unter Leitung Gottfried Sempers 1838 errichtet wurde. Die Nazis hatten sie 1938 am 9. November zerstört. 63 Jahre später, am 9. November 2001, wurde die neue Synagoge geweiht.

Auf den ersten Blick erkennt man nicht, wie feinsinnig dieses Haus des Saarbrücker Architektenbüros Wandel, Hoefer, Lorch ist: 3.000 tonnenschwere Quader formen den 24 Meter hohen Beinahe-Würfel des 23 x 26 Meter großen fensterlosen Sakralbaus. Der massive Formstein erinnert an Sandstein – und an die Klagemauer Jerusalems. Der Kubus ist in sich gedreht – pro Steinlage um sechs Zentimeter. So kann trotz der nicht ganz korrekten Lage des Grundstücks der Kultraum der Synagoge nach Osten ausgerichtet sein. Ein Vorhang aus goldglänzendem Metallgewebe bildet diesen Kultraum und entspricht dem transportablen Stiftszelt für die Bundeslade, während die massive Außenwand den festgefügten salomonischen Tempel symbolisiert.

Das Eingangstor ist eine zweiflüglige Holztür von 2,2 Meter Breite und 5,5 Meter Höhe. Der vergoldete Davidstern über der (5,5 Meter hohen) Eingangstür ist das einzige gerettete Originalstück der Sempersynagoge. Der Dresdner Feuerwehrmann Alfred Neugebauer rettete ihn nach der Pogromnacht. Auch der Wahlspruch (in hebräisch) über dem Eingang erinnert an die alte Sempersynagoge: “Mein Haus sei ein Haus der Andacht allen Völkern”.

Im Gemeindehaus gegenüber, das man über einen baumbestandenen Innenhof erreicht, gibt es neben Bibliothek und Gemeindesaal auch ein Café, in dem man koschere Weine und Gerichte erhält.

Im historischen Zentrum: Theaterplatz

Spaziergänge im Welterbe (9)

Johann-Denkmal
Johann-Denkmal

Steht man in der Mitte des Zwingers, kann man die ganze Pracht der Anlage noch einmal genießen. Wir verlassen den Zwinger nun aber – und plötzlich steht sie vor dir: Die Sächsische Staatsoper Dresden, kurz „Semperoper“. Am Theaterplatz mit dem Reiterdenkmal von König Johann (der unter seinem Pseudonym Philaletes Dantes „Göttliche Komödie“ nach Meinung von Fachleuten hervorragend übersetzt hat) kumuliert das alte Dresden: Die Semperoper (seine zweite am Platz, Nummer eins brannte 1869 ab) wurde wie fast alles im Februar 1945 ein Opfer der Bomben. Wiedereröffnet exakt 40 Jahre nach der Katastrophe am 13. Februar 1985, ist sie jetzt nicht zuletzt durch den Bierwerbespot ein Muss für alle Touristen – wobei denen, die zu Hause nie in die Oper gehen, die musikfreien Führungen tagsüber empfohlen seien, weil die sehenswerte Architektur die gleiche ist wie während der Aufführung…Richtung Elbe liegt das „Italienische Dörfchen“, eine Gaststätte. Zu ihrem Namen kam sie, weil in der augusteischen Zeit dort Baubuden standen, in denen die der Steinmetze aus Italien wohnten, die die Hofkirche bauten. Architekt Gaëtano Chiaveri und seine Bauleiter kamen ebenfalls aus Italien: Des starken August Sohn – Friedrich August II. – hatte sie gerufen, um Sachsens größte Kirche (und Dresdens letzten Barockbau) zu errichten. Die Dresdner, so scheint‘s, hatten mit den Zugereisten allerdings offensichtlich Probleme: Nach zehn Jahren Bautätigkeit reiste Chiaveri mit dem Gefühl ungenügender Unterstützung ab.

Seine jetzige Form erhielt das Italienische Dörfchen übrigens erst Anfang des 20. Jahrhunderts – ebenfalls von einem Nicht-Dresdner, nämlich vom Bamberger Hans Erlwein, der auch an anderen Stellen der Stadt beachtliche Spuren hinterlassen hat. Wo früher die Steinmetze wohnten, gibt‘s heute Gastronomie für alle – auch italienisch geprägte: eine späte Verneigung vor den Namensgebern des Ensembles?

Nett wär‘s ja und eine richtige Geste allemal. Zumal es gerade ein Wesenszug von in Dresden Geborenen zu sein scheint, dass eben nur gebürtige Dresdner das richtige Gefühl für die Stadt entwickeln können – was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie viele Zugereiste das Stadtbild wesentlich geprägt haben und einen klanghaften Namen hinterließen: Der Zwinger von Pöppelmann (aus Westfalen!) und Permoser (ein Oberbayer, der zuvor in Italien gearbeitet hatte), die Oper von Semper (ein Hamburger), die Kirche von Chiaveri. Am Schloss haben naturgemäß über die Jahre so viele rumgemährt, dass es sich verbietet, nur einen Namen zu nennen. Das Taschenbergpalais, das unser nächstes Ziel ist, ist das Werk der Westfalen Karcher und Pöppelmann, und das neue Haus am Zwinger dahinter vom Wiener Architekten Heinz Tesar.

Die Geschichte des Taschenbergpalais erzählt sich immer besonders gut, und weil sie etwas länger währt, könnte man die Chance nutzen und hineingehen: Das Palais ist nämlich mittlerweile ein Hotel mit Cafés und Gaststätten. Vom schnellen Espresso in der Kaffeebar über den vornehmen Kaffee oder Fünf-Uhr-Tee im Vestibül des Hotels mit Blick auf das Pöppelmannsche Treppenwunder (eine doppelläufige Anlage, die den Bombenangriff im Februar 1945 halbwegs überstand und beim 250 Millionen Mark teuren Wiederaufbau zum Hotel originalgetreu einbezogen wurde), vom urig-deftigen Essen nach bayerischer Art im Paulaner‘s oder im Sophienkeller (mit echten alten Stadtmauern und Gewölben aus dem 13. Jahrhundert sowie nachgebautem „Zeithainer Lager“ aus augusteischen Zeiten) bis zum hoteleigenen Restaurant Intermezzo ist für nahezu jeden Geschmacksnerv (und unterschiedlich voluminöse Geldbeutel) etwas dabei.

Wir sitzen also nun in dem Palais, das August der Starke seiner Gräfin Cosel erbauen ließ. Die Cosel war nicht die Frau des Kurfürsten, sondern – so etwas war seinerzeit nicht unüblich – seine Mätresse. Anders als heutzutage die heimlichen Geliebten waren das durchaus akzeptierte Nebenfrauen. Die Cosel, die August einem seiner Minister ausgespannt hatte, ertrotzte sich sogar einen richtigen Ehevertrag. Der half ihr allerdings, als die Liebe des potenten Potentaten vorbei und die Interessenslage des Königs von Polen sich verändert hatte, auch nicht mehr – und so landete die Gräfin Cosel auf Burg Stolpen, knapp 30 Kilometer Richtung Elbsandsteingebirge von der Residenz entfernt, im Gefängnis. Das war, auch wenn es sich heute wunderbar restauriert und publikumsnah gestaltet präsentiert, kein Zuckerschlecken!

Die besten Tage ihres Lebens aber verbrachte Gräfin Cosel im Taschenbergpalais – dem Palais, das August ihr zu Ehren hat bauen lassen. Die Verbindung, die es heute zwischen Schloss und Palais gibt, wurde übrigens wie der gesamte Ostflügel erst später errichtet, so dass die nette Geschichte vieler Stadtführer, dass August nächtens über diesen Gang zu seiner Geliebten schlich, leider nur als gut erfunden eingestuft werden muss.

Wirklich lustig allerdings ist, dass der Frauenheld den Bau doppelt bezahlt hat: Einmal beim eigentlichen Bauen, dann später nochmal, als er die Cosel rausgeworfen hatte und das Palais für sich wieder haben wollte (soviel gab der Vertrag dann doch her): Rückkaufen hat also auch Tradition hierzulande.

Auch nach dem unfreiwilligen Auszug der Cosel erlebte das Taschenbergpalais gute Zeiten, mit An- und Umbauten. So entstand in Dresdens erstem barocken Palais einige Jahre später eine Hauskapelle, die als Höhepunkt des Rokoko in Dresden gefeiert wird. Beim Wiederaufbau des Palais (1992–1994) hat man die Kapelle in den Ausmaßen erhalten, aber nicht dem Überschwang des Rokoko nachempfunden: Schlicht gestaltet steht sie als Teil des Hotels für Tagungen zur Verfügung.

Auf dem Weg vom Taschenbergpalais Richtung Elbe lassen wir das Schloss erst einmal rechts liegen. Linker Hand die Schinkelwache ist eine passable Adresse, um mit Blick auf die Oper auszuruhen und einen Kaffee oder ein Glas Wein zu trinken. Außerdem gibt es hier Karten für die Oper – wenn es noch welche gibt. Die Schinkelwache wurde 1830-1832 von Joseph Thürmer nach Entwürfen des Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel erbaut – als Altstädter Wache. Es ist das einzige klassizistische Gebäude mitten im barocken Dresden.

Semperoper und Italienisches Dörfchen links liegen lassend, gehen wir die Stufen zum Flussufer hinab zu Marion. Marion ist ein Boot – mit einem feinen kleinen Theater und dem Restaurant Kahnaletto, in dem man nett italienisch essen kann (mittags übrigens erstaunlich günstig).

Im historischen Zentrum: Zwinger

Spaziergänge im Welterbe (8)

Zwinger
Zwinger

Wer das erste Mal nach Dresden reist, kommt natürlich nicht um die klassiche Tour herum: Zwinger, Semperoper, Hofkirche, Brühlsche Terrasse, Frauenkirche – und wenn Zeit ist, Synagoge und Terrassenenufer. Wir gehen nirgendwo rein, denn das würde aus dem einstündigen Spaziergang mindestens eine Tagestour machen – vielleicht auch eine Zweitagestour, aber das ist nicht weiter schlimm, denn gegen Abgabe eines geringen Taschengeldes kann man es sich ja im Taschenbergpalais gemütlich machen und auf den Spuren der Gräfin Cosel pennen.

Beginnen wir im Zwinger! Zwinger nennt man im Festungsbau den Raum zwischen äußerer und innerer Festungsmauer. Der Zwinger in Dresden hat auch so begonnen – bis August der Starke sich 1709 eine Orangerie für frostempfindliche Pflanzen wünschte. Die Militärs äußerten Bedenken: Das sei nicht die Funktion eines Zwingers! Aber es sollte – aus der Sicht der Offiziere – noch schlimmer kommen: Ab 1711 wurde der Zwinger zum Festplatz ausgebaut! Der Plan sah eine gigantische Anlage vor, die sich bis zur Elbe ziehen sollte. Matthäus Daniel Pöppelmann, ein Westfale, baute den Zwinger und prägte damit den Sächsischen Barock. Verwirklicht wurde der ursprünglichePlan übrigens nicht nicht, doch mit den vier rechteckigen und zwei ­runden Pavillons entstand im Laufe der Zeit ein Meisterwerk des Barock. Eine „Faschingslaune der Architektur“ nannte der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke den Zwinger einmal, und er verband mit dem Begriff Fasching nur Gutes! Im Zwinger steckt so viel Kunst, so viel Sehenswertes innen wie außen, dass ein gemütlicher Spaziergang durch Glockenspielpavillon, Kronentor und Nymphenbad eigentlich nur ein Appetit­anreger ist.

Glockenspielpavillon
Glockenspielpavillon

Durch den Glockenspielpavillon betreten wir den Zwinger – und wissen gleich nicht, wohin mit den Augen: Voraus, um das atemberaubende Panorama der Anlage zu genießen? Oder umgedreht und Augen hoch zu den Glocken, die zwar immer nur kurz spielen – aber dafür aus Meißner Porzellan sind, was man ja so oft auch nicht findet.

Gegenüber vom Glockenspielpavillon sieht man in etwa 200 Metern Entfernung den Wallpavillon, unser nächstes Ziel. Links (meist im Gegenlicht, es sei denn man ist Frühaufsteher oder es regnet, aber dann gibt es gar kein gutes Licht zum Fotografieren!) das Kronentor, rechts die Sempergalerie, die bei entsprechender Zeit unbedingt einen Besuch lohnt.

Beim Quicki durch die Alten Meister sehen wir Raffaels Sixtinische Madonna (die von den Kunstbanausen weltweit auf die beiden kleinen Süßen am unteren Ende des Bildes reduziert wird), ein wenig Rubens und ganz viel Canaletto, der seit 1747 Hofmaler war und monatlich ein Bild abliefern musste. Er ließ sich nicht lumpen und wählte trotz des Stresses ein großzügiges Format voller Details. Canalettos Stadtansichten sind erstens in Ermangelung der damals noch nicht erfundenen Fotografie ein nettes Abbild der Zeit und zweitens neben der Detailliebe auch noch humorvoll arrangiertes Stilleben. Wer Dresden – das ja nicht umsonst Elbflorenz genannt wird und klimatisch (sehr zur Freude der Winzer in der Gegend) durchaus nennenswerte Durchschnittstemperaturen zu bieten hat – wer also Dresden bei Regen erwischt, kann sich bei Canaletto die Sonne zumindest in den Sinn holen.

Wallpavillon
Wallpavillon

Der Wallpavillon ist einer der drei Hingucker im Zwinger (das Glockenspiel und das Kronentor sind die beiden anderen). Die Literatur ist sich einig: Das ist der bauliche Höhepunkt der Anlage! Balthasar Permoser, der Hofbildhauer, konnte sich hier richtig austopben und schuf Weltklasse. Den Hercules Saxonicus, der den Pavillon mitsamt der Weltkugel krönt, hat er als einziges Werk im Zwinger signiert. Wer will, kann hier reichlich Götter und noch mehr Sagengestalten von Aphrodite bis Zeus entdecken.

Eine Treppe führt durch den Pavillon hinauf auf die Gallerien. Das Nymphenbad, eigentlich ein von vielen Touristen kaum entdecktes Muss, wird derzeit runderneuert, so dass dieser lauschige Platz der Ruhe inmitten der Stadt gerade nicht zur Verfügung steht – und auch die Putti mit ihren knackigen Hintern sind in den Werkstätten, um entsalzt, gereinigt und konserviert zu werden.

Einmal oben auf dem Zwinger sollte man die Langgalerie entlang zum Kronentor schlendern und von dort aus herrliche Blicke genießen: Zu Zwingerteich und -graben (ja, es war eine Wehranlage – da macht sich Wasser immer gut!), zum Staatsschauspiel, , auf die goldene Krone (August der Starke war König von Polen!), in den Zwinger hinein auf die Sempergalerie, am Glockenspielpavillon vorbei hinüber zur Frauenkirche.

Wenn es dabei im Auge ein wenig sticht und schmerzt, dann liegt das sicher an der gerade entstehenden Überdachung des Schlosshofes: ein Stahl-Glas-Kuppeldach versaut die gesamte historische Dachlandschaft der Stadt aufs Unangenehmste, und ich frage mich: wer konnte das genehmigen, wo sich die Stadt doch sonst so engagiert um den Denkmalschutz kümmert?

Nach Pillnitz (nun wirklich) und zurück!

Spaziergänge im Welterbe (7)

(Fortsetzung)

Seemannsgarn
Seemannsgarn

Gleich hinter der Saloppe muss man immer nur nach rechts gucken, wenn man alles verpassen will. Da sieht man weite Elbwiesen, sonntags irre viel Menschen (laufende und radelnde, mit und ohne Hund, mit und ohne Familie) – und das war’s. Links hingegen, das erwähnt auch Matz Griebel in seiner charmanten Art während der Elbfahrt, löst ein Höhepunkt den nächsten ab: Die Elbschlösser! Dinglingers Weinberg! Der Weiße Hirsch und Loschwitz mit Schwebe- und Standseilbahn! Also: Stromauf fahren = links sitzen = viele Fotomotive. Die Elbschlösser haben wir ja schon zu Fuß erkundet – und die noch schöneren Bilder mit Distanz ergeben sich bei einem weiteren Spaziergang am (in Fluss-Richtung) linken Ufer. Aber wenn das nicht klappt, sieht man Albrechtsberg (mit dem Weingut vom Winzer Müller kurz vorher), das Lingnerschloss und Eckberg auch vom Dampfer aus ganz gut. Wer übrigens rechts sitzt und denkt: da bin ich ja auf dem Rückweg auf der richtigen, auf der rechten Seite – der hat zwei Dinge vergessen: Erstens ist es auf dem Rückweg schon dunkel – und zweitens sind die Dampfer stromab echt speedy und machen es einem nicht leicht, sich alles genüsslich anzusehen.

Aber wir sitzen ja auf der richtigen Seite und können ergo genießen! Die vielen Weinreben, die man sieht, sind übrigens teils eine recht junge Wiederaufrebung. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Elbhänge bei Dresden mit Wein bewachsen. Dann kam die Reblaus und naschte sich – zum Ärger der Winzer und zur Freude der Grundstück-Spekulanten – durch die Weinberge. Das Aus für die Weinwirtschaft bedeutete Aufschwung im Villenbau, in bevorzugter und von der Sonne verwöhnter Lage.

Nun wird also, wo es noch geht, wieder aufgerebt, was dem Hang gut bekommt. Pessimisten sehen im Bau der Waldschlösschenbrücke übrigens den Anfang vom Ende sensiblen Bauens und fürchten, dass dann auch das letzte Grün vom Elbhang verschwindet und man die Grundstücke zur Bebauung, schlimmer noch: zur rentablen mehrstöckigen Bebauung freigibt. Mit fehlendem Welterbetitel geht das natürlich einfacher.

Dinglingers Weinberg
Dinglingers Weinberg

Dinglinger’s Weinberg heißt so, weil ab 1692 der Goldschmied Johann Melchior Dinglinger sich hier ein Landhaus als Sommerwohnsitz errichten ließ. Dinglinger und seine beiden Brüder Georg Friedrich und Georg Christoph betrieben für August den Starken von 1692 bis 1731 eine der bedeutendsten Goldschmiede-Werkstätten Europas. Sie schufen dabei so wertvolle Schätze wie das „Goldene Kaffeezeug“, das „Bad der Diana“ und den „Hofstaat zu Dehli am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb” – im Grünen Gewölbe kann man sich diese Kostbarkeiten ansehen.Die Hangbebauung wird dichter, das ist der Stadtteil “Weißer Hirsch“. Um 1900 herum hatte der Hirsch einen weltweit guten Ruf wegen der Sanatorien dort oben, die Bebauung ist entsprechend großzügig. Ein Haus am Hang fällt besonders auf: Die Sternwarte, die zum Forschungsinstitut Manfred von Ardenne gehört. Hier forschte Manfred Baron von Ardenne, ein Multitalent mit “rund 600 Erfindungen und Patente in der Funk- und Fernsehtechnik, Elektronenmikroskopie, Nuklear-. Plasma- und Medizintechnik” (Wikipedia).

Blaues Wunder
Blaues Wunder

Voraus das Blaue Wunder! Ein wenig erinnert es an den Eiffelturm, aber der ist ja nicht blau und steht zudem aufrecht. Doch die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Das Blaue Wunder stammt aus der gleichen Zeit. Am 15. Juli 1893 wurde die Brücke eingeweiht. Doch so ganz traute man damals dem Brückenschlag zwischen Loschwitz und Blasewitz ohne Pfeiler in der Elbe nicht, das Foto der Belastungsprobe mit Fuhrwerken und mutigen Anwohnern zeigte durchaus zweifelnde Gesichter. Die Spannweite des Bauwerkes beträgt 280 Meter, zwischen den Trägertürmen 146 Meter. Die Brücke hielt der Belastung stand – schnell hatte der Volksmund die damals offiziell nach dem regierenden König Albert benannte Brücke umgetauft: Blaues Wunder! Bis 1923 kostete eine Überquerung übrigens noch Brückenzoll: Fußgänger, Radfahrer, Straßenbahn-Fahrgäste sowie Hühner und Gänse zahlten je drei Pfennig.Direkt vor und auch hinter dem Blauen Wunder lohnt sich auch ein Blick nach rechts: Da liegt Blasewitz, das Schiller im Wallenstein beiläufig erwähnte (“Was? Der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz!”). In Blasewitz gibt es drei gastronomisch besuchenswerte Einrichtungen: Die Villa Marie – die sieht nicht nur sehr italienisch aus, sondern ist auch so. Nicht preiswert, aber sehr gutes Vitello Tonnato und eine schöne Lammkeule – und immer wichtiges Sehpublikum. Hier treffen sich gerne Professoren mit ihren Studentinnen, man sieht Künstler und Anwälte und freut sich, dass es hier fast so ist wie in der Toskana. Nur dass die keine Elbe und keinen Blick aufs Blaue Wunder haben dort! Direkt neben der Villa Marie ist das Café Toscana. Wer (noch) einmal vornehme alte Damen beim Kaffeekränzchen sehen will, hat hier große Chancen! Der dritte Ort im Bunde ist der Schillergarten – auf der anderen Straßenseite, gleiche Elbseite – man kann unter der Brücke durch. Ein toller Biergarten an einem Ort, wo es seit siebzehnhundertdunnekirchen schon ein Gasthaus gab. Das Publikum dort ist kunterbunt – bei unserer Dampferfahrt verließ Georg Milbradt, da schon nicht mehr Ministerpräsident des Landes Sachsen, den Dampfer, um mit ein paar übrig gebliebenen Parteifreunden einen trinken zu gehen.

Loschwitzer Elbhang
Loschwitzer Elbhang

Wir blieben an Bord, sahen nach links und erfreuten uns am Loschwitzer Elbhang mit der Schwebebahn. Aus dem Fenster eines eher unscheinbaren Hauses am Hang winkte die Oma einer Mitreisenden dem Schiffe zu – Dresden ist eben ein Dorf, in dem man sich kennt.Bei der Weiterfahrt bleibt es erst einmal links interessant – mit dem Elbdorf Wachwitz und dem Fernsehturm. Das ist aber ein Ziel eines eigenen Welterbe-Spaziergangs, deswegen dazu später mehr. Der Elbhang ist nun wieder mehr bewaldet als behaust, was ihm sehr gut steht. Am anderen Elbufer passieren wir Laubegast und die Schiffswerft, gucken aber schon wieder nach links, weil hier eine Kirche Farbe bekennt. Maria am Wasser lässt eine Welterbe-Fahne aus dem Fenster hängen und bekommt dafür an dieser Stelle Applaus! Klapp klapp klapp…

Pillnitz mit Elbsandsteingebirge
Pillnitz mit Elbsandsteingebir…
Voraus erkennt man im Abenddunst das Elbsandsteingebirge. Bis dahin kommen wir heute nicht mehr, unser Ziel ist aber auch schon sichtbar: Schloss Pillnitz. So haben sich die Menschen China vorgestellt, als noch kaum jemand da gewesen war: Phantasievolle Exotik! Für August den Starken bildete Schloss Pillnitz den “indianischen Auftakt” einer auf 24 Lustschlösser angelegten Konzeption königlicher Zerstreuung, für die da schon nicht mehr Geliebte Gräfin Cosel war der zwangsverordnete Umzug vom Taschenbergpalais nach Pillnitz der Anfang vom langen Ende auf Burg Stolpen.
Schloss Pillnitz
Schloss Pillnitz
Matthäus Daniel Pöppelmann lieferte die Entwürfe, die ihre Vorbilder sowohl in der Toranlage zum Palast des Kaisers von China als auch im Palastbau von Venedig haben sollen. An August erinnert heute noch die Gondel, die ihm der Annäherung an Pillnitz über die Elbe diente, an die Cosel nichts mehr. Das Schloss ist einen Besuch wert – aber der Dampfer der Abendtour hält nur zum Aus- und Einsteigen, also bleiben wir drauf und besuchen das Schloss ein anderes Mal.
Sonnenuntergang über der Elbe
Sonnenuntergang über der Elbe

Vor Pillnitz liegt eine Elbinsel im Strom – für Menschen freundlicherweise gesperrt. Die Schiffe nutzen den Arm am Schloss entlang, dampfen noch ein wenig stromauf – und drehen dann. Zurück geht’s dannn mit reichlich Geschwindigkeit – wenn man Glück hat, dampft es einen in einen wunderbaren Sonnenuntergang hinein.Bei der Ankunft in Dresden hat die Blaue Stunde, die ja leider immer nur 15 bis 30 Minuten dauert, gerade eingesetzt – ein Spaziergang über den Theaterplatz und durch den Zwinger ist jetzt eigentlich ein Muss!

Hofkirche mit Hausmannsturm
Hofkirche mit Hausmannsturm
Zwinger mit Taschenbergpalais
Zwinger mit Taschenbergpalais
Zwinger
Zwinger

Mit dem Dampfer nach Pillnitz (weiter)

Spaziergänge im Welterbe (6)

Dampfmaschine
Dampfmaschine
An Bord der Krippen geht es irgendwie gemütlich zu. 110 Leute passen passen auf Vorder- und Achterdeck, das ist ja noch recht übersichtlich. Die Krippen ist dampfgetrieben, aber – wie bei allen Schiffen der weltweit größten Schaufelraddampferflotte bis auf die Diesbar – die Maschine wird nicht mehr mit Kohle geheizt. Wer auf der Diesbar mal gesehen hat, was für eine Knochenarbeit das ist, gönnt es den Männern – obwohl man als Fotograf natürlich auf der Diesbar noch mehr Motive findet!
Frauenkirche
Frauenkirche
Wenn der Dampfer ablegt, sieht man gleich einige Highlights – die man sonst sonicht mitbekommt. Die Kuppel der Frauenkirche schwebt über den Dächern der Kunstakademie – und im richtigen Augenblick tanzen die Putten am Dachrand der Akademie quasi bodenlos frei um die Laterne der Frauenkiche. Dann geht’s vorbei an der Hochschule für Bildende Künste. Constantin Lipsius erbaute 1887 bis 1894 das Gebäude mit der markanten Glaskuppel: Die ist auch als Zitronenpressebekannt und war nach dem Weltkrieg mit der Zerstörung Dresdens die einzige Kuppel in der Stadtsilhouette – jetzt steht sie wieder im Dialog mit dem Sandstein der Kirche. Für Sekunden der Vorüberfahrt rücken die beiden eng zusammen und unterhalten sich sozusagen auf Augenhöhe.
Dresdner Dächer
Dresdner Dächer

Das Schiff unterquert die erste Brücke – die Carolabrücke. Im Innenstadtbereich stehen drei Brücken nah beieinander: Von der Marienbrücke (über die die Eisenbahnen fahren, wenn man bis oder vom Hauptbahnhof fährt) bis zur Augustusbrücke (die von der Hofkirche abgeht) sind es etwa 793 Meter, von dort entlang der Brühlschen Terrasse bis zur Carolabrücke etwa 487 Meter, wir bewegen uns gerade zur dritten, der Albertbrücke: 569 Meter. Danach kommt erst mal viereinhalb Kilometer keine Brücke bis zum Blauen Wunder.Die Stadtplaner wollen, dass sich das ändert: In Höhe des Waldschlösschens (einer Brauerei, wo man nett drinnen oder draußen sitzen und den Haustrunk genießen kann) soll eine neue Brücke entstehen, die Waldschlösschenbrücke. Um die gibt es seit Jahren elendig viel Streit – so viel, dass sogar die Wikipedia zwei Beiträge über den Dresdner Brückenstreit und die Waldschlößchenbrücke braucht…

Der Streit ist kaum sauber nachzuerzählen, er teilt die Dresdner Bevölkerung in Befürworter und Gegner – aber von was? Es gab mal einen Bürgerentscheid, in dem sich eine Mehrheit der Wahlgänger für eine Brücke dort aussprach. Und es gibt den Titel “Welterbe” für das Elbtal bei Dresden, das mit seinen Auen im Innenstadtbereich und den Weinhängen schon eine sehr einmalige Angelegenheit bildet. Dass im Zentrum neben der Natur-Kultur auch noch menschgemachte Kultur hinzukommt und die beiden sich aufs Feinste ergänzen, ist sicher auch ein Teil des Charmes, den diese Stadt hat und der zur Verleihung des Welterbe-Titels führte.

Nun sagt aber die UNESCO: Die Brücke, die ihr da plant, zerstört die Landschaft, und wir erkennen euch den Titel ab, wenn ihr nicht die begonnenen Baumaßnahmen einstellt und den alten Zustand wieder herstellt. Und da haben wir also: Volksentscheid gegen UNESCO-Votum. Und als Würze Naturschützer, die die Kleine Hufeisennase in dem Gebiet ausgemacht haben und ihren Schutz fordern.

Waldschlösschenbrücke
Waldschlösschenbrücke

Argumente werden hin- und hergebrüllt (leise Argumente gibt es kaum in diesem Streit, hat es den Anschein) – und eine Lösung ist angesichts der Gemengelage demokratischer Prozesse, richterlicher Sprüche und gesunden Menschenverstandes auch nicht wirklich einfach. Zu leicht machen es sich allerdings all diejenigen, die sagen: Wir lassen uns von der UNESCO nicht erpressen, dann sollen sie uns doch den Titel nehmen! Denn wer beim Spiel “Welterbe” mitspielt, macht das aus eigenem Antrieb (die Stadt Dresden hatte sich beworben) und erkennt damit die Spielregeln an – und zu denen gehört, dass der Verleiher des Titels aufpasst, dass auch alles so bleibt, wie es gelobt wurde.Das alles (und noch viel mehr) geht mir durch den Kopf, als wir am Waldschlösschen vorbei dampfen. Die Baustelle ist deutlich zu erkennen – und es ist schon traurig anzusehen, wie hier die Landschaft kaputt gemacht wird. (Ich war übrigens beim Volksentscheid für die Brücke, weil ich glaube, dass eine Stadt mit einem Fluss in ihrer Mitte Brücken braucht. Aber erstens wusste ich nicht, wie mächtig und wenig elegant die Brücke sein soll – und zweitens hatte uns Wählern keiner gesagt, dass wir mit der Brücke letztlich gegen das Welterbe stimmen. Wer sich also heute auf das Ergebnis von damals beruft, kann auch daneben liegen – Meinungen können sich ändern angesichts höherer Ziele!)

Damit diese Folge nicht so nachdenklich-ernst endet, schippern wir noch ein wenig stromauf, vorbei an Badenden (ja, das geht wieder in der Elbe, auch wenn es mir keinen Spaß machen würde bei der geringen Tiefe und den Kieseln). Wer jetzt an den Bug des Schiffes geht, sieht linker Hand mit der nächsten Elbbiegung die drei Elbschlösser vor sich – und die Saloppe.

Saloppe
Saloppe

Die Saloppe ist ein schöner Industriebau: 1875 ging hier das erste Dresdner Wasserwerk in Betrieb. Damals gab es Trinkwasser – heute kommt aus dem Uferfiltrat nur noch Betriebswasser für Infineon im Norden der Stadt. Die eigentliche Bedeutung der Saloppe für die Stadt liegt für viele aber auf ganz anderem Flüssigkeitsgebiet: Die Saloppe ist eine wunderbare Sommerwirtschaft. Kann es sein, dass hier die ersten Afterwork-Parties der Nachwendezeit in Dresden gefeiert wurden? Ich glaub schon. Auf jeden Fall passt das: Die Saloppe war nämlich früher weit mehr als ein Wasserwerk. Ein großer Bau, nicht ganz zu Unrecht als “viertes Ebschloss” tituliert, gilt als die älteste Schankwirtschaft Dresdens…(wird fortgesetzt)

Mit dem Dampfer nach Pillnitz und zurück (Erster Teil)

Spaziergänge im Welterbe (5)

Krippen
Krippen
Unser heutiger Spaziergang ist etwas für Dampfschiffliebhaber(innen) und Fußlahme: Eine abendliche Schlösserfahrt vom Terrassenufer in Dresden nach Pillnitz, dort nicht aussteigen, denn es geht sofort zurück.Unterwegs erzählt Matz Griebel allerlei Wissenswertes, und er tut es so, als ob er da oben auf der Brücke des Dampfers stünde. Tut er aber nicht, er steckt in den Lautsprechern und kommt aus der Konserve. Matz Griebel  – für all diejenigen, die dem Link im vorherigen Satz nicht gefolgt sind – ist ein Dresdner Original und der ehemalige Chef des Stadtmuseums. Sein Trick bei der Aufnahme ist, dass er offensichtlich ganz ohne Manuskript, sondern nur mit dem Kopf voller Wissen, so eine Dampferfahrt mitgemacht hat und live erzählt hat, was ihm einfiel. Sehr symphatisch und alles sehr gut vermittelt. Besonders die nicht rausgeschnittenen Pausen, die Ähms und die gelegentlichen Versprecher machen es sehr authentisch!

Wir haben natürlich trotzdem die Hälfte (oder mehr) vergessen, weil die Bordgastronomie wir uns angeregt unterhalten und Bilder gemacht haben. Zur Strafe müssen wir nun selbst recherchieren und dürfen es dann dem Matze vorlegen.

Zwinger – Theaterplatz – Hofkirche

Zwinger
Zwinger

Unsere Tour beginnt, weil das Licht sooooo schön ist, mit einem klitzekleinen Spaziergang durch den Zwinger. Da ist das Licht sommertags eh ganz früh morgens oder eben am Abend am besten – um die Mittagszeit liegt nämlich die Seite mit dem Kronentor entweder im Gegenlicht oder im Schatten des gegenüber liegenden Staatsschauspiels und die Sempergalerie liegt entweder im Schatten oder im gleißenden Licht – beides dumm.Aber wir sind ja schlau und gehen abends. Durchs Kronentor rein, zur Mitte der Anlage, zum Glockenpavillon (mit Taschenbergpalais im Hintergrund), zurück zur Mitte mit Fontänen im Gegenlicht und raus durch das Tor der Sempergalerie, wo uns schon ein Reiter erwartet. Also kein richtiger, sondern einer auf dem hohen Ross eines Denkmals.

Johann-Denkmal
Johann-Denkmal

Dieser Eine ist König Johann von Sachsen, das Denkmal ist von Johannes Schilling. Einer, der sich mit beiden beschäftigt hatte, meinte einmal lakonisch: Johann war besser als dies Denkmal. Aber so ist das: Johann ist tot, das Denkmal überlebt. Dieser Johann hatte zu Lebzeiten unter anderem unter seinem Pseudonym Philalethes Dantes Göttliche Komödie übersetzt – und zwar so gut, dass man das Buch in seiner Übersetzung noch heute kaufen kann.Das Denkmal ist, egal wie man über die Qualität urteilt, ein deutlicher Punkt auf dem Theaterplatz, an dem man sich gut verabreden und auch einmal rundum blicken kann. Blick zurück, ganz ohne Zorn: DieSempergalerie ist wie die auch hier verweilende Oper nach ihrem Baumeister Gottfried Semper benannt. Am 25. September 1855 eröffnete das “Neue Königliche Museum zu Dresden”, wenn auch nicht so bombastisch wie Semper das eigentlich geplant hatte. Dafür hat das Haus innere Werte: Wer die beiden süßen Engel kennt, die man überall in der Welt sieht, weiß es vielleicht nicht: Aber die sitzen zu Füßen der Sixtinischen Madonna vonRaffael – und das Bild hängt in den Alten Meistern in der Sempergalerie. Wenn’s regnet: Auf jeden Fall reingehen. Wenn’s Wetter gut ist – abwägen. Unter zwei Stunden kommt man da nicht raus, denn es gibt noch allerlei mehr zu sehen. Hier trifft sich, was Rang und Namen hat: Spanier, Italiener, Holländer! Namen gefällig? Bitte: Raffael, Giorgione und Tizian, Rubens, van Dyck, Rembrandt und Vermeer, Dürer, Holbein und Cranach. Und natürlich Canaletto mit seinen riesigen Vedouten. Also: Auch wenn die Sonne scheint, eigentlich müsste man das mit einplanen!

Genug zurück geblickt, nun wieder vorwärts. Zur Linken die Semperoper, zur Rechten die Hofkirche und das Schloss sowie – gerne vergessen, weil irgendwie untypisch für Dresden, die Schinkelwache. Das kleine Stückchen Berliner Klassizismus steht irgendwie verloren inmitten des Dresdner Barocks herum – aber es hat zwei wichtige Funktionen: Man kann dort Karten für die Semperoper kaufen (oder erfahren, dass es keine mehr gibt) – und man kann da Kaffee trinken.

Hofkirche
Hofkirche

Das Schloss ist natürlich einen eigenen Besuch wert, die Kathedrale auch – aber dafür ist natürlich keine Zeit mehr, denn um sieben legt ja der Dampfer ab. Also hirschen wir zwischen Schloss und Kirche hindurch, nicht ohne einmal links hoch zu sehen und etliche der 78 Heiligenstatuen des italienischen Bildhauers Lorenzo Mattielli zu betrachten. Schloss und Kirche sind mit einem gang verbunden – der wurde wirklich genutzt, es ging für Majestät direkt in die Königsloge der Kirche.Ein anderer Übergang zwischen Schloss und Taschenbergpalais auf der gegenüberliegenden Seite ist allerdings ein Fake, auch wenn die rührselige Geschichte der meisten Städteführer so gut klingt. Die erzählen nämlich gerne, dass hier August der Starke immer schnell mal rübermachte zu seiner Geliebten, der Gräfin Cosel. Aber erstens gab es den Teil des Taschenbergpalais damals noch gar nicht – und zweitens merkt man bei genauem Hinsehen auch, dass diese Brücke zwischen den Häusern auf Taschenbergseite genau zwischen zwei Stockwerken ankommt: Sie sollte nur schön sein und die beiden Gebäude zum Ensemble verbinden.

Wir also durch den echten Durchgang hindurch, rechts ein Blick zur Konkurrenz: Am anderen Ende des Fürstenzuges sieht man die Frauenkirche, dann runter zum Terrassenufer. Dort wartet bereits die Krippen, einer der neun Schaufelraddampfer der Weißen Flotte.

(wird fortgesetzt)