Prager Palaver (12)

Spiegelung

Hoch oben auf dem Berg mit der Burg – der anderen, also auf dem Vyšehrad – hat man einen schönen Blick auf die goldene Stadt. Jaja, so nennt man Prag – aber aus gutem Grund kam dieser Begriff hier noch nicht vor: Unter der winterlichen Inversionsdunstglocke wirkte selbst das Güldene nicht so strahlend – aber der wunderbare Blick wird im Dunst ganz besonders. Man kann sich dran gewöhnen und es sogar schön finden. Wenn nur die Kälte nicht wäre!

Sylke
Sylke

Es gibt zwei Wege zu Fuß in die Stadt: Einen flussnah und einen am anderen Ende, in der Verlängerung des Weges, der uns in die Burg geführt hat. Wir nahmen natürlich den Weg mit Blick auf die Moldau, haben deswegen eigentlich sehenswerte kubistische Architektur nicht gesehen, statt dessen aber sich in der Moldau spiegelnde Pappeln. Es gab barock anmutende Ausbuchtungen, die zum Ausguck einluden – und zum Aufnehmen echt touristischer Erinnerungsfotos. Natürlich muss man sowas auch mal machen!

Grand Hotel Europa
Grand Hotel Europa

Unten am Fluss fahren Straßenbahnen – wir sind in die nächstbeste eingestiegen und wurden nicht enttäuscht: Sie fuhr in die Innenstadt. Jetzt Augen auf und an der richtigen Haltestelle rausgehupft: Václavské náměstí, Wenzelsplatz. Der Mittelpunkt der Prager Neustadt macht gar keinen Platz-Eindruck: 50 Meter breit und 700 Meter lang – das erinnert eher an eine breite Straße mit Mittelstreifen. Aber was hat dieser Platz nicht alles gesehen! 1348 als Rossmarkt angelegt, im 19. und 20. Jahrhundert als prächtiger Boulevard ausgebaut – mit dem Nationalmuseum am oberen Ende (schlau gemacht in der Wikipedia: Neorenaissancegebäude, 1885 – 1890). Dann 1968 Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts, um den Prager Frühling zu beenden – und am 16. Januar 1969 die Selbstverbrennung von Jan Palach als Protest genau dagegen (dem Link zu Jan Palach zu folgen und in der Wikipedia zu lesen, wie das damals war, empfehle ich ausdrücklich).

Wnimanie Dresden
Wnimanie Dresden

Wir waren als Studenten aus Münster im damals noch sozialistischen Prag und wohnten in einem der Hotels am Wenzelsplatz – schon da konnte mich der Platz überhaupt nicht begeistern. Lediglich das Grand Hotel Europa mitsamt Café hatte eine gewisse Ausstrahlung, der Rest war – schon damals – Nippes. Das ist nach der “Samtenen Revolution” 1989 nicht besser geworden: Dieser Platz ist einer, den man schnell wieder verlassen sollte. Am besten mal wieder Richtung Altstadt! Auf dem Weg gibt es zahlreiche Geschäfte – nein, eigentlich: Shops oder Stores, denn hier ist Prag mittlerweile so beliebig bestückt wie jede andere Metropole. Auch die Preise sind, soweit wir das verglichen haben, angepasst. Keine besonderen Schnäppchen, keine allzu großen Übersohrhauereien. Nett fand ich die russischsprachige Einladung zu Tagestouren von Prag aus an einem Kiosk. Nummer eins: nach Dresden! Okay…

Gemeindehaus
Gemeindehaus

Erfreulich schnell ist man am Platz der Republik – der quasi das Bindeglied zwischen Neu- und Altstadt ist. Der Pulverturm macht klar: Es wird wieder alt (1475) mit schönen Durchblicken! Gleich nebenan hat einen der Jugendstil wieder – das Gemeindehaus (1906 – 1912) lädt zu ausgiebigen Betrachtungen ein: Hochgucken und die Steine des Mosaiks zählen! Unten rein und einen Kaffee trinken! Ein Restaurant gibt’s auch noch, und Ausstellungsräume (alles nicht gesehen, weil keine Zeit!).

Durch den Pulverturm hindurch geht’s die Celetná entlang zum Altstädter Ring – vorbei an vielen Geschäften, Gaststätten und betrachtenswerten Fassaden. Waren wir hier nicht schon mal? Na klar: Gleich bei unserem ersten Spaziergang! Der Kreis schließt sich…

Alle Spaziergänge mit Foto-Geotags bei Google-Maps.

Prager Palaver (11)

Pfeil

Prag hat eine Burg, na klar. Aber eigentlich hat die Stadt zwei Burgen: Die jeweils andere kann man (kein Nebel vorausgesetzt) ganz gut am anderen Moldauufer sehen. Der Vyšehrad wurde bereits im 10. Jahrhundert gegründet – was ja eigentlich schon alt genug ist. Die Legende jedoch hätte es gern noch älter: Der Fels rechts der Moldau sei Sitz der sagenhaften Fürstin Libussa (Libuše) gewesen, heißt es. Stimmt aber nicht, meinen die Archäologen und verderben mit Wissenschaft den Spaß – egal.

Handschuh
Handschuh

Auch wenn es nicht stimmt – es macht sich doch gut zu hören, dass hier die Wahrsagerin Libussa vor mehr als tausend Jahren gestanden haben und die Gründung von Prag vorausgesagt haben soll! Ein klassischer Ort ist die “hohe Burg” aber auch ohne Legendenzauber: Die Přemysliden, das böhmische Herrschergeschlecht, hatten hier in der Tat zeitweise ihren Sitz, und Karl IV befand den Ort für so wichtig, dass er festlegte: Wer König werden will, muss seinen Krönungsweg zur Burg auf dem Hradschin auf dem Vyšehrad beginnen – zu Fuß und in vollem Ornat, versteht sich.

Nusle-Brücke
Nusle-Brücke

Wir kamen mit der U-Bahn. Die Station am Kongresszentrum liegt oberirdisch – und wenn man rauskommt, merkt man: Die U-Bahn war kurz vorher schon hoch in der Luft, denn sie befährt einen Hohlkasten unterhalb der Brücke (Nuselsky most). Eine interessante Konstruktion, über die – wer will – Details nachlesen kann. Zum Vyšehrad sind es einige Minuten trostlosen Fußwegs, da muss man durch – so wie dann auch durch die beiden Tore, die in die Burg führen. Aber die sind schon gar nicht mehr trostlos!

Leopoldtor
Leopoldtor

Tor Nummer eins ist das Tábor-Tor. Es wurde, entnehme ich der Wikipedia, um 1655 im Frühbarock an der äußeren barocken Befestigung errichtet. Dahinter lag die mittelalterliche Vorburg. Für Fotografen etwas mehr her macht das Leopold-Tor, 1678 im Stil norditalienischer Festungsarchitektur gebaut. Früher gab es hier einmal eine Zugbrücke, aber sie wurde 1842 durch eine Straße ersetzt, wohl weil die Burg da schon längst nicht mehr vor Feinden zu verteidigen war. Und die Touristen lässt man ja so rein…

Maria auf den Schanzen
Maria auf den Schanzen

…und nach dem Leopold-Tor ist man dann auch drin. Im Vergleich zur Burg am anderen Ufer ist es hier sehr ruhig und beschaulich, es gibt Kleinode am Wegesrand wie die St.-Martins-Rotunde, die Kapelle der Jungfrau Maria an den Schanzen oder das vor 1685 errichtete Marterl - eine Pestsäule aus Sandstein, bei der das Mosaik mit den Heiligenbildern aber erst viel später hinzukamen (Anfang des 20. Jahrhunderts). Aber besonders schön ist eigentlich die Weite des Areals, verbunden mit den wenigen Besuchern: da lässt es sich schön Bummeln!

Kirchtor
Kirchtor

Immer wieder sieht man natürlich schon, was dann früher oder später Höhepunkt des Besuches sein wird: Die St.-Peter-und-Paul-Kirche, deren Anfänge im 11. Jahrhundert zu finden sind. Aber was man heute sieht, ist deutlich jüngeren Datums: Josef Mocker, der es gerne neogotisch hatte und dafür auch mal gerne die vorherige Form vergaß, hat die Kirche 1885–1887 umgestaltet, die dominierende Doppelturmfassade wurde sogar erst 1902–1903 angefügt. Auch der Fassadenschmuck und die Innenausstattung stammen fast ausschließlich aus dieser Zeit. Das Hauptportal und die Tür hatten es uns besoners angetan – drinnen war zuerst wieder geschlossen (wir kommen gerne zur Mittagszeit an!) und später fanden wir es nicht so spektakulär – was aber auch an uns gelegen haben kann.

Friedhofsarkaden
Friedhofsarkaden

Lange Zeit verbrachten wir hingegen auf dem Friedhof vor der Kirche. Der ist nämlich kein gewöhnlicher Pfarrfriedhof. sondern eine nationale Begräbnisstätte. Wer Friedhöfe mag, wird diesen lieben, und immer mal wieder bekannnte Namen zu finden, ist eine willkommene Abwechslung. Besonders unter den Friedhofsarkaden, die prächtig ausgestattet sind, wird man fündig – und natürlich ist der Slavin als gemeinsame Ehrengruft verdienter Persönlichkeiten des tschechischen Volkes ein Ort, tschechische geschichte Revue passieren zu lassen. Ein Tipp: Am Eingang zwischen den rechten und linken Arkaden ist draußen ein Schild mit den Orten einiger sehenswerter Gräber – wer gezielt etwas suchen will, kann es natürlich auch im Internet.

Glühwein
Glühwein

Den Abschluss des Spaziergang bildete – wer hätte anderes erwartet? – ein Kurzbesuch in einer Gaststätte. Ausnahmsweise mal nicht zum Essen, sondern nur auf einen Glühwein, waren wir im Rio’s Vyšehrad. Damit ist nichts gegen das Essen gesagt – Irene hatte uns das Rio’s als Feinschmecker-Restaurant empfohlen. Aber wir wollten uns ja nur kurz aufwärmen. Der Glühwein war lustig: Ein Glas a la minute warm gemachter Rotwein (im Wasserkocher) mit einer Orangenscheibe, dazu eine Stange Zimt, Zucker, ein Zitronenschnitz und ein Päckchen Honig. Aber was soll ich sagen: Hat geschmeckt!

Der Spaziergang ist auf der rote Weg auf der Prag-Karte - und er geht, wie man sieht, noch weiter ;-)

Prager Palaver (10)

Blurred Friends

Schließlich war es Curly’s Geburtstag, da muss man doch was ganz Besonderes organisieren! Da die Wünsche, die man sich selbst erfüllt, immer die nettesten Geschenke hergeben, überraschte ich Sylke dieses Mal mit einem nicht nur grenz-, sondern auch Fotocommunity-übergreifendem Stargast: Semmi, die zwar auch hier einen account hat, aber eigentlich drüben bei Flickr zu Hause ist. Dort hatte ich sie auch kennengelernt – und ihre Prager Detailkenntnisse haben mich über die Jahre immer wieder fasziniert.

An Geburtstagen trifft man sich abends um 18 Uhr, das war schon in Paris mit Claudia so. Wir trafen also vor dem Hotel Semmi und ihren Gatten, der wahrscheinlich wegen seines für Nichttschechen ungewöhnlichen Namens Vojta (wie schreibt man das? musste ich sie fragen!) von ihr meist liebevoll “hubby” genannt wird. Das ist Irevo-Englisch und meint husband, also Gatte – und ist somit aus ihrer Sicht auch richtig. Aber ich kann ihn doch nicht “hubby” nennen, was sollen denn die Leute von uns denken!

Rotunde
Rotunde

Irene und Vojta hatten Plätze in einer kleinen Bodega gegenüber auf der Kleinseite reserviert – aber der direkte Weg vom Hotel über die Karlsbrücke ist doch langweilig, also stromerten wir zuerst ein wenig durch die Altstadtgassen, die im Abenddunkel besonders heimelig aussehen – vor allem, sobald man die von den Touristen ausgelatschten Pfade verlassen hat. Wir hatten ein Zwischenziel: 50°04’58.79″ N 14°24’52.99″ O in ca 201 Metern Höhe. Die Beiden sind nämlich Geocacher, ein Hobby, das man früher “Lerne Deine Heimat kennen” genannt hätte. Irene war ganz hibbelig und ahnte nur so ungefähr, wo wir hin mussten, und der Gatte versuchte seinem GPS-Gerät ein Signal zu verschaffen, auf dass es uns zum Ziele führen möge. Das mit dem GPS hatte ich schon am Tag zuvor aufgegeben: Unter der Inversionsdunstglocke und in den engen Gassen Prags machen sich die GPS-Signale rar. Aber irgendwie schaffte Wojta es, und so marschierten wir durch die Gassen dem Ziel entgegen.

Was ich schon vom Lesen ahnte: Irene kennt nicht nur jedes Haus, sondern jeden Stein in Prag. Und sie weiß auch zu Stein und Haus Geschichten zu erzählen, die köstlich sind. Beim nächsten Besuch buche ich mir die Frau als Stadtverführerin!

Geocached!
Geocached!

Nicht lange, und wir standen bei 50°04’58.79″ N 14°24’52.99″ O, was im wirklichen Leben gegenüber der Rotunda Nalezení Sv. Kříže ist. Der Bau stammt vom Ende des 11. Jahrhunderts und wurde 1865 rekonstruiert, so weit so gut. Aber wo ist der Schatz, den die Geotypies fangen müssen? Nicht an oder in der Rotunde, sondern gegenüber unter … aber das verrate ich nicht, könnte ja sein, dass hier ein Geocacher mitliest! Und bitte auch keine Rückschlüsse vom Foto machen – wir sind Weltmeister im Verfremden!

Karlsbrücke
Karlsbrücke

Die Rotunde liegt gegenüber von einem Restaurant, plauderte Irene, das einem Adeligen gehöre. Manchmal würde er auch selbst bedienen, wenn einem danach sei, solle man nur einfach hingehen. Bürgerliche willkommen! Heute wollten wir aber nicht vom Adel geknutscht werden, sondern erst einmal über die Straße just an den Ort, an dem wir schon am Nachmittag Fotos von der Burg gegenüber gemacht hatten. Anschließend ging’s über die Karlsbrücke, die in dieser Jahreszeit nach Sonnenuntergang schnell leerer wird – echt kein Bummelwetter.

Kaficko
Kaficko

Auf der Kleinseite fanden wir dann die Bodega, von der Sylke bereits am frühen Nachmittag vermutet (und ein wenig gehofft) hatte, dass es uns abends hierhin verschlagen würde. Es war rappelvoll, gut dass Irene reserviert hatte! Wir plauderten munter deutsch und englisch und verfielen sogar für einige Minuten ins Russische, was sehr lustig war. Marx sei Dank hörte kein Russe zu, er hätte sich wahrscheinlich gewundert, was für ein Dialekt da geredet würde! Als es ans Bezahlen ging, geriet die Angelegenheit kurzfristig zum Desaster – hatten wir doch unsere Gastgeber einladen wollen und darauf vertraut, dass man in Prag nahezu überall mit Kreditkarte zahlen kann. Hier nicht! Und ausreichend Bares hatte ich, dem Rat aller einschlägigen Reiseführer, nicht mit. Gut, also wurde die Gastgeber kurzerhand wirklich welche und müssen dann eben beim Gegenbesuch in Dresden auf unsere Kosten leben! Sie können den Abend ja mit “Wir laden Euch ein!” beginnen!

Your Point
Your Point

So ungeradewegs wie wir kamen, gingen wir auch. Kurzer Stop am Moldauufer mit Blick auf die nächtliche Karlsbrücke und bei den Pinkelnden, die uns aber nichts Neues waren. Unser Ziel: Der Altstädter Ring – also über die Brücke, vorbei am Rudolphinum, ein wenig durch Josefa bis hin zum diesem kurz vor Mitternacht wunderbar leeren Platz. Den ganzen Weg über lernten wir ungeheuer hinzu – aber wer kann sich das schon um diese Tageszeit alles so genau merken, dass man es auch noch korrekt niederschreiben kannn? Ich nicht. Also müssen wir das nochmal machen, tagsüber, wenn es wärmer ist. Und vielleicht vor dem Wein am Abend ;-) Schließlich war es Curly’s Geburtstag!

Prager Palaver (9)

Blauer Fuchs

Die Kampa-Insel hat sich ein ganz eigenes Flair bewahrt – trotz der vielen Touristen, die sie mittlerweile heimsuchen, und trotz der Tatsache, dass sie gar keine richtige Insel ist: Im Süden hängt sie, unweit der Legii-Brücke, am Land. und auch sonst ist nicht viel Wasser drum herum: ein Nebenarm der Moldau, der Teufelsbach (Certovka) genannt wird, trennt sie vom Festland. Das und die niedrige Lage der Insel hat aber gereicht, um das Kampa-Land in frühren Jahrhunderten regelmäßig zu fluten. Erst seit dem 15. Jahrhundert hat man hier gebaut – Wassermühlen, Häuser für einfache Leute und – am Moldauufer – ansehnliche Palais: Und genau dieser Mix macht den Charme aus, denn heute ist alles aufs Feinste restauriert und sehr ansehnlich.

Karlsbrücke
Karlsbrücke

Man kann die Insel von der Karlsbrücke besteigen: Die Brücke steht mit ihren westlichen Pfeilern nämlich auf Kampa, und eine wunderbar fotogene Treppe führt rauf wie runter, wie das Treppen nun einmal so zweiseitig in sich haben. Man landet direkt auf dem Dorfanger, ein gemütlicher Platz mit ansehenswerten Häusern am Rande und einer Flaniermeile mit Bäumen in der Mitte. Im Sommer finden hier (wie früher) Töpfermärkte statt, als wir da waren, gab es open air Kunst: Die Tschechische Republik hat im ersten Halbjahr 2009 die EU-Ratspräsidentschaft übernommen, und das merkt man immer mal wieder in der Stadt. Auf angenehme Weise wird man hier mit Politik konfrontiert, zum Beispiel mit Kunst.

Europe without Barriers
Europe without Barriers

“Europe without Barriers”, ein Europa ohne Barrieren, ist das Thema, dem sich StudentInnen von tschechischen Kunst(hoch)schulen gestellt haben. Sie haben Poster entworfen, die nun auf dem Marktplatz von Kampa gezeigt werden. Schöne, anregende Werke sind dabei – und dass sie da so selbstverständlich mitten im Raum stehen, steht sowohl der Kunst wie auch der Politik bzw. der Auseinandersetzung von beiden ganz gut an. Die Namen der KünstlerInnen sind auf den Rahmen der Poster verzeichnet – aber eine gemeinsame Webseite habe ich nicht gefunden, auf der man alle Werke sehen kann, auch ohne in Prag zu sein. Muss man denn alles selber machen?

Babies
Babies

Ein wenig weiter südlich bzw. flussauf gibt es schon wieder Kunst, und zwar heftig: Da krabbeln drei Babies völlig nackicht über den Schnee. Sie haben wunderbar runde Knackärsche und einen gewöhnungsbedürftigen Gesichtsausdruck. Wer nun vermutet, dass so etwas Skuriles wahrscheinlich dem Herrn David Černý zuzutrauen ist: Stimmt. Krabbelnde Babies haben es ihm angetan, seit dem Jahr 2001 versuchen zehn dieser erstmals 1994 gezeigten Schnuckelchen, den Prager Fernsehturm hoch zu krabbeln…

Kampa Museum
Kampa Museum

Es ist natürlich kein Zufall, wo die drei Babies da auf der Insel Kampa sich rumtreiben: Direkt neben ihnen steht nämlich das Museum Kampa - eine umgebaute und für museale Zwecke erweiterte Mühle. Die private Sammlung von Jan und Meda Mládek ist hier zu sehen – wer moderne Kunst mag und/oder sich für architektionische Raumgefüge interessiert, sollte reingehen! Ein Spruch steht über dem Eingang, er ist das Motto des Hauses – man sollt sich ihn merken: If a nation’s culture survives, then so too does the nation.

um halb fünf
um halb fünf

Die Legii-Brücke bringt uns trockenen Fußes über die Moldau. Es lohnt sich, ab und an flussabwärts zu schauen: Die Burg links, die Karlsbrücke voraus, der Altstädter Brückenturm und das ihn umgebende Ensemble lohnen sich bei jedem Licht, aber besonders in der blauen Stunde, die bekanntlich im Winter höchstens 15 Minuten dauert (wir sind deswegen nochmal zurück gekommen, weil’s auf dem Hinweg noch zu hell war).

Jugendstilfront
Jugendstilfront

Am rechten Moldau-Ufer gehen wir weiter flussaufwärts. Die Häuserzeile am Flussufer wirkt sehr pariserisch – wobei stolze PragerInnen sicher sagen werden, dass ihnen die Häuser an der Seine sehr pragerisch vorkommen. Egal: Hier feiert der Jugendstil oft noch unrestauriert Urstände, und wenn es an der Magistrale nicht so laut wäre, könnte man hier mit Wahnsinnsblick auf Moldau und Kleinseite gegenüber wunderbar wohnen.

Dancing House
Dancing House

Das Ziel unserer Bummelei ist ein Haus, das 1996 fertig gestellt wurde uns damals – wie sich das gehört bei modernem dekonstruktivistischem Bauen – mit Aufschrei begrüßt wurde: Der tschechische Architekt Vlado Milunić hat das Tanzende Haus in Kooperation mit dem kanadischen Architekten Frank Gehry gebaut – und wie das so ist in unserer namenshörigen Zeit, erinnern sich die meisten nur noch an den Gehry als Architekten. Dafür bekommt der dann auch allein die Prügel ab, wenn Gerhard Matzig in der Süddeutschen Architekturkritik übt (Die Väter der Kulisse, SZ vom 2.2.2009). Das Ensemble wird übrigens manchmal auch Ginger und Fred genannt – wobei es erstaunlich ist, dass 1996 noch jemand Fred Astaire und seine Partnerin Ginger Rogers so gut kannte, um sie als Vorbild für ein Tanzpaar zu nehmen!

Oben auf dem Dach von Ginger und Fred gab es übrigens mal ein Restaurant, von dem man besonders die Aussicht rühmte. La Perle de Prague, das keineswegs preiswerte französische Küche servierte, hat zum 30. September 2008 geschlossen. (Die Webseite ist noch online, die Speisekarte auch).

Prager Spaziergänge mit Geotags bei Google

Prager Palaver (8)

Doppelt pinkeln ist doppelt Kunst

Im Hof des Hauses Cihelná 2b – einer ehemaligen Ziegelei – stehen zwei Männer und pinkeln. Sie stehen sich gegenüber, drehen sich dabei in der Hüfte und schwenken das Glied, das sie mit spitzen Fingern der rechten Hand halten, hin und her. Sie gucken dabei recht unbeteiligt, eher geradeaus als nach unten. Damen, die vorbeikommend erröten, gerieren sich ein wenig wie pubertierende Teenager und hüpfen aufgeregt hin und her, ob denn auch alles drauf komme, lassen sich aber dennoch mit den Prager Pinklern fotografieren. Ist doch Kunst!

Pinkeln ist Kunst
Pinkeln ist Kunst

David Černý, Prager Bildhauer und für seine deutliche, humorvoll-ironische und nicht immer konformistische Skulpturen-Bildsprache bekannt, hat die beiden Gentlemen in den Hof des Franz-Kafka-Museums gesetzt. Wenn alles klappt, pinkeln die Männer mit dem stoischen Gesichtsausdruck Texte ins Wasser, theoretisch sogar die der Besucher: Man kann den beiden eine SMS schicken, wonach sie deren Inhalt mit fröhlichem Wasserstrahl schreiben. Doch es ist Winter, da friert es auch einem Denkmalpinkler. Der linke pullerte eindimensional schlaff vor sich hin, da bewegte sich gar nichts mehr, dem rechten war der Hüftschwung abhanden gekommen, so dass er nur noch hoch und runter sein ewiges illi lili oder so absetzte. “Piss” heißt die Bronzeskulptur aus dem Jahr 2004, wer hätte das gedacht?

Hanging Out
Hanging Out

Eine Tour durch Prag auf den Spuren von Černý würde sich lohnen – man kommt gut rum und sieht interessante Dinge. Das Metronom ist von ihm, und 2002 hatte ich plözlich einen an einer Stange aus einem Haus hängenden Mann vor der Linse. Hanging out gibt’s, der Mann (also Černý, nicht der hangman) muss ja auch mal Geld verdienen ohne neue Idee, mittlerweile an verschiedenen Orten der Welt. Auch die Babies, die wir später nach dem Essen auf der Kampa-Insel sehen werden, sind echte Černý-Kreaturen. Vorgemerkt!

Das Kafka-Museum gibt es erst seit 2004, und so richtig angekommen ist der gute alte Franz immer noch nicht in seiner Heimatstadt. Die Webseite ist gewöhnungsbedürftig (wenn auch freundlicherweise dreisprachig), aber sie verzeichnet die Weihnachtsöffnungszeiten des Jahres 2006, dem Jahr der Eröffnung der Dauerausstellung “Die Stadt des Franz K. und Prag”: Da steckt echt Engagement und Pflege hinter!

Schwaneneskorte
Schwaneneskorte

Ein paar Häuser weiter müssen wir mal schnell auf eine Ampel drücken – aber nicht, um über die Straße zu kommen, hier in den engen Gassen fahren kaum Autos: Nein: Es führt eine schmale Stiege herunter zur Moldau. Naja, eigentlich zu einer Gaststätte mit Freisitzen (im Sommer). Lohnt sich, hier zu gucken, denn erstens gibt es einen schönen Blick auf die Karlsbrücke und zweitens kann man vielleicht erleben, wie ein Touristenboot harmlose Prager Schwäne vor sich herscheucht. Oder sind die Schwäne die Eskorte für die Touris? Egal: Ein schönes Bild! Und das mit der Ampel hat ja auch was!

Frempde Gesde
Frempde Gesde

Die Míšeňská ist eine Gasse, in der man gut barockes Gefühl bekommen kann. Die Häuser größtenteils runderneuert, das Kopfsteinpflaster stöckelschuhfreundlich (kein Problem im Winter, sollte man denken) – und wie das bei solchen Gassen ist: es entwickelt sich eine Kneipenkultur. Nicht die schlechteste, wie wir bummelnd ferststellten – und abends führte uns unsere charmante Prager Gastgeberin Semmi dann auch prompt in ein Lokal genau hier. Aber das ist eine eigene Geschichte… Die Gasse, denke ich, ist wie gemacht zum Filmen – und lese später, dass just hier die ersten Szenen von Milos Formans Amadeus gedreht wurden.

Itaienischer Himmel
Itaienischer Himmel

Wir rasteten dann quasi unterm Brückenkopf der Karlsbrücke in einem Restaurant, das alles andere als “echt tschechisch” zu nennen ist: Casanova pries sich mit einem “Chef Italiano” an, und da konnten wir einfach nicht nein sagen. Zumal es schon deutlich nach der üblichen Mittagszeit war – bei so etwas wissen wir uns in italienischen Händen eigentlich immer gut aufgehoben! Der Fernseher lief, die Lampen waren hell, die Familie plauderte lautstark, der Kellner kam, war freundlich und brachte uns leckere Sachen. Als wir fertig waren, kam der Chef aus der Küche und setzte sich mit seinem Macbook ins Restaurant, um ein wenig drahtlos im hauseigenen WLAN zu surfen: Wir waren richtig!

Prager Palaver (7)

St.-Veits-Dom

Wir verlassen den Dom, natürlich mit Mütze auf dem Kopf. Herrlich! Schnell noch ein Blick aufwärts zu den beiden 82 Meter hohen Türmen. Auch herrlich! Weil der Platz vor der Westfassaden sehr gering ist, muss man den Kopf schon arg in den Nacken legen – die Türme wirken so gleich noch höher. Guter Trick! Die Kölner mussten ihre Türme höher bauen, damit sie von weit weg immer noch groß aussehen! Um die Kirche halbwegs komplett und unverreckten Halses ansehen zu können, muss man den letzten Winkel des dritten Burghofs (in dem wir uns befinden) aufsuchen, sich ein wenig recken – und dann geht’s.

An der Längsseite des Doms fallen zuerst ein fetter Turm und dann ein weiteres Portal ins Auge (aua! ich sollte mir die Worte häufiger umdrehen bevor ich sie tippe…). Der Südturm ist 96 Meter hoch und älter als die beiden Türme, für die wir uns gerade den Hals verreckt haben: Matthias von Arras hatte, wie es seinerzeit so Sitte war, im Osten mit dem Chor begonnen, der Parler-Clan hatte seine Arbeit bis eben zu diesem Turm fortgesetzt (wenn auch nicht beenden könne, weil man – auch das war seinerzeit so Sitte in unserer Welt – erst mal ein bisschen Krieg spielen musste und den Bau ruhen ließ). Erst seit 1929 zeigt sich der Veitsdom in seiner äußeren Gestalt so wie wir ihn heute kennen.

Goldene Pforte
Goldene Pforte

Die Goldene Pforte gleich rechts neben dem Wenzelsturm (so heißt der nämlich auch!) ist ein Parlersches Prachtstück. Die Südseite des Doms ist die geplante Schauseite: Wenn die Könige (in vollem Ornat!) von der Stadt zu Fuß über die Brücke zur Krönung auf die Burg kamen, schritten sie durch dieses Tor in den Dom. Wieder gilt: Gold glänzt nur bei Sonne richtig schön, also wiederkommen (wie überhaupt das “goldene Prag” bei Schummerlicht nur ein Achtel so goldig aussieht. Macht aber nichts, Charme hat es auch so!).

Es ist aber in Prag sowieso nicht mehr alles Gold, was glänzt. Das Goldmachergässchen hat beispielsweise in den vergangenen Jahren seinen Namen völlig neu interpretiert: Das kostet jetzt Eintritt! Die beiden Herrschaften am Einlass hatten nicht viel zu tun, wir mussten sie aus Prinzip dann auch enttäuschen.

Zuckerdächer
Zuckerdächer

Also lassen wir die Burg hinter uns, genießen den vorerst noch kostenlosen Blick von der Bastei auf die verschneit-vernebelte Stadt und stapfen bergab. Unten angekommen ist man dann auch gleich wieder bei Sehenswertem: Die Kleinseite ist hier in Flussnähe besonders pittoresk. Es gibt verwinkelte Gassen, es gibt immer mal wieder Abstecher zum Fluss und Blicke in Innenhöfe. Aushängeschilder wie “Buchhandlung – Knihkupectvi” erinnern zweisprachig daran, dass Prag eine große literarische deutschsprachige Vergangenheit hat. Es lohnt sich sowieso, immer mal wieder hoch zu gucken: Oben thront die Burg mächtig über der Kleinseite!

Prager Palaver (6)

Pragblick

Irgendwie leiden die Touristen, wenn es draußen allzu grau und kalt ist. Dick eingemummt schafft es der Blick ja gar nicht, so zu schweifen wie sich das gehört. Einerseits. Andererseits steckt das Kloster Strahov so voller Ecken und Winkel, dass man einfach ein wenig rumstromern muss und garantiert immer wieder etwas entdeckt. Die einzige wirkliche Enttäuschung ist ein optisches Highlight bei besserem Wetter: Der Blick auf Prag, eingerahmt von der Burg (links) und dem Petrin-Hügel (rechts). Uns bot sich eine diesige Sicht auf die Dinge, so dass der Photographen Herzen alles andere als freudig erregt bumperten. Aber wir wollen ja wieder kommen!

Loreta
Loreta

Also nicht in die Ferne schweifen, sondern immer mal ganz nah gucken – ist sowieso nicht die schlechteste Idee. Im Prinzip bietet der Wallfahrtsort Loreta dazu viele Möglichkeiten – irgendjemand schrieb mal, das sei ein “barocker Amoklauf”, ein schönes Bild. Als wir kamen, waren die Tore leider geschlossen: In Prag macht das Personal der Kirchen Mittag und schließt die Kirche zu. Wir sind also nur draußen rumgeschlichen, haben es für wiederkommenswert befunden und sind weiter marschiert zur Burg.

Handschuhe
Handschuhe

Sich der Burg vom Kloster her zu nähern ist eine gute Idee. Es genau zur vollen Stunde zu tun nur dann, wenn man Wachablösungen mag. Es kurz danach einzurichten, ist auf jeden Fall doof: Alle Touris stolpern dann mit dir in die Burg und stehen immer nur im Weg. Zu kommen ohne Ahnung zu haben entfällt – wir haben uns ja schlau gelesen ;-) Auf dem Weg gibt es normale und Nepp-Restaurants, schöne Herbergen und prächtige Paläste. Mit anderen Worten: Eine wunderbare Schlendermeile, die wir nur wegen des unangenehmen Windes recht zügig absolvierten. Wie bei dem Sauwetter jemand seine Handschuhe verlieren konnte, bleibt mir ein Rätsel – aber Dank dem Finder, der sie so nett auf einem Hausvorsprung drapierte!

Nun also in die Burg! Sie ist über tausend Jahre alt und so groß, dass sie es ins Buch der Rekorde geschafft hat: größer ist keine auf unserer kleinen Welt. Nun ist Größe, wie wir alle wissen, nicht immer der wahre Maßstab aller Dinge – aber die Prager Burg hat es auch ohne die großen Ausmaße (über 570 m lang, ca 128 breit) in sich. Da, wo wir die Wachablösung gerne verpassen, residiert der Staatspräsident. Ob er wirklich da ist, signalisiert eine Flagge mit der Hussitenparole “Die Wahrheit siegt” – ein Spruch, über den man lange trefflich sinnieren kann. Meistens ist es ja die Wahrheit der gerade Herrschenden, und es gibt durchaus Zeiten, in denen die Wahrheit siecht.

St.-Veits-Dom
St.-Veits-Dom

Irgendwie beginnt die Burg gar nicht mächtig – bis man plötzlich beim Durchschreiten des zweiten Durchgangs ein beeindruckendes Tor vor sich sieht (das ist übrigens die Stelle für Fotografen, wo man heilfroh ist, keine posierenden Mädels vor sich zu haben. Die sind nämlich nie zufrieden mit den Bildern von sich selbst. Noch schlimmer sind eitle Jungs, die sich von ihren Freundinnen ablichten lassen. Ich hatte einen Knaben im Bild stehen, der die Seine fünf Mal zurückschickte, das Bild neu zu machen. So wie er stand, war das Tor übrigens gar nicht drauf, aber natürlich musste es genau da gemacht werden, das Starportrait!).

Das Portal, ob mit oder ohne Touris davor, gehört zum St.-Veits-Dom. Der Bau wurde auf Anweisung Karls IV. 1344 begonnen – von einem französischen Baumeister. Nach dessen Tod setzte Peter Parler die Arbeit fort, später dessen Söhne. So ein Bauwerk entsteht eben nicht über Nacht.

St.-Veits-Dom
St.-Veits-Dom

Durch das Portal betreten wir den Dom – und drinnen ist es genau so arschkalt wie draußen. Aller religiöser Respekt friert da ein: Ich lasse die Mütze auf. Denkste! Ein Jüngling (scheint der Tag der Knaben zu sein!) kommt auf mich zu und bittet mich freundlich, die Mütze abzunehmen. Natürlich mache ich das, frage mich allerdings, warum dieser Herrgott die Männer frieren lässt und die Frauen nicht – die durften nämlich alle oben mit rumlaufen.Man geht im Uhrzeigersinn durch die 124 Meter lange Kathedrale – es steht nirgendwo, es sagt einem keiner, aber irgendwie ist da so ein Sog. Das Schöne im Januar ist, dass es relativ leer ist: man kann in Ruhe die traumhaft bunten Fenster bewundern oder die Königsgräber suchen. Eng wurde es nur einmal – weil das silberne Hochgrab des Heiligen Johannes von Nepomuk einerseits sich in den Weg schiebt und andererseits auch so bemerkenswert ist, dass man da einfach mal stehen bleiben und ein Foto machen muss. Und wenn dann noch so ein smarter Jüngling…

Prager Palaver (5)

Theologischer Saal

“Auf der Orgel der Klosterkirche soll 1746 Wolfgang Amadeus Mozart gespielt haben.” Wenn ich sowas in der Wikipedia (oder sonstwo) lese, bekomm ich die Hummeln: Mal abgesehen davon, dass – wie Käthe korrekt kommentiert - es den Mozart zu dem Datum noch gar nicht gab: Ist die Orgel stolz darauf? Sieht man es ihr an? Klingt sie seitdem beseelter?

Nichts von alledem, sie schwieg bei unserem Besuch im Kloster Strahov. Über den Dächern von Prag liegt das 1140-1143 gegründete Prämonstratenserkloster. Ein schon an sich sehenswertes Gebäudeensemble, aber ein absolutes Muss ist die Bibliothek. Es sind nur zwei Säle sowie der Gang vom einen zum anderen Eingang – aber man mag sich gar nicht satt sehen an der Bücherpracht inmitten der reich geschmückten Räumlichkeiten. Im 17. und 18. Jahrhundert legte man eben noch Wert auf ein bombastisches Ambiente!

Philosophischer Saal
Philosophischer Saal

Der “Theologische Saal“ der Bibliothek ist der Ursprung der Klosterbibliothek, doch seit 1790 stehen dort nur die theologischen Werke. Er wurde 1671-1679 gebaut und 1721 erweitert. Der „Philosophische Saal“ kam 1783–1790 hinzu, weil die Bände eines anderen (säkularisierten) Klosters dem Bestand hinzugefügt wurden. Beide Räume kann man nicht betreten, sondern nur durch die geöffnete Tür bewundern – aus konservatorischen Gründen nachvollziehbar ist das, und es tut dem beklemmenden Gefühl auch keinen Abbruch, dass einen überkommen kann angesichts der Frage: Ob sich in vierhundert Jahren einmal die Menschen Disketten und Festplatten und all die anderen temporär modischen Speichermedien ansehen werden, die wir heute nutzen?

Abteikirche Mariä Himmelfahrt
Abteikirche Mariä Himmelfahrt

Da muss man ja kulturpessimistisch werden! Floppydiscs in Sichtbetongemäuern vs. handgeschriebenem Strahover Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert im fetten Ledereinband mit Schmuckbesatz – ach ja: The times, they are a-changing… Man verlässt also, obwohl man (hoffe ich doch!) nicht eins der Bücher angefasst hat, beschwingt die Bibliothek und betritt die Kirche. Als wir hereinkamen, wurde sie gerade als halbwegs warme Picknickstätte einer Gruppe fröhlicher Touristen missbraucht, was schon deswegen gemein war, weil auch ich gerne etwas Warmes zu trinken gehabt hätte. Die Orgel, auf der vielleicht Mozart schon mal gerne gespielt hätte, schwieg zu alledem…

Rybi Trh

Rybi Trh

Prager Palaver (4)

Ein Restaurant, das Fischmarkt heißt, klingt wie ganz nach meinem Geschmack. Im “Rybi Trh” (jaja, im Tschechischen kommt man ohne Vokale aus, manchmal. Also: Trh = Mrkt) kamen wir da voll auf unsere Kosten. Wobei das mit den Kosten durchaus doppeldeutig zu verstehen ist, denn es gibt in Prag durchaus weniger preisintensive Lokalitäten.

Das Restaurant liegt im Ungelt-Viertel. Ungelt ist ein schönes Wort, denkt man an Unkosten, Unwetter und andere vergleichbare Wort(un)schöpfungen. Hier waren es die Jungs vom Zoll, die im 14. und 15. Jahrhundert ihr Geld haben wollten – irgendwie für die meisten eher Ungeld, oder? Einen Fischmarkt gab es damals auch hier, die Bezeichung hat also Tradition. Wie auch immer: Es gibt da seit Mitte der 90er Jahre “Rybi Thr”, das zu den besten Fischrestaurants von Prag gehört.

Das Haus hat 19 Tische, besetzt waren zwei. Wir wurden sehr freundlich empfangen und durften zwischen Bar und Aquarium an Tisch elf sitzen – eigentlich ein schöner Platz. Aber wenn die Tür aufging, zog es beachtlich (sie ging aber nicht oft auf). Die Bedienung war sehr unkompliziert und aufmerksam, sprach dieses reizende Prager Deutsch und empfahl uns einen tollen tschechischen Wein: ein Welschriesling aus Moravien. Der Wein von Mikrosvín Mikulov passte hervorragend zum Essen.

Da wir zum Genießen dort waren und nicht zum Berichten, hatten wir die Kamera nicht dabei – es gibt also nur eine Selektion fantastisch unscharfer iPhone-Fotos. Wir erkennen darauf aber recht undeutlich den Hummersalat mit weißer Aprikosen-Vinaigrette und Argan Öl – eine leichte Köstlichkeit. Die Variation vom Tunfisch bestand aus feinem Tartar mit Masago Caviar, einer Tuna-Roulade mit Fenchel-Chutney und einer Tempura mit Zitronengras Sauce. Würde ich jederzeit wieder nehmen – aber ich bin ja auch bekennender Tuna-Fan.

Die Bouillabaisse mit Rouille war die Zweitbeste meines Lebens – würzig, fischig, einfach, gut (die beste gab’s in Südfrankreich in einem eher sehr unbedeutendem Restaurant am Mittelmeer. Aber sie war noch besser!).

Die Jacobsmuscheln mit gewürfelten Bratkartoffeln kamen mit einer Trüffelmayonnaise daher – insgesamt für unseren Geschmack etwas zu mächtig (obwohl als “kleiner Hauptgang” angeboten). Wobei die Jacobsmuscheln trefflich gegart waren – innen glasig, außen kross, so sollte es sein. Die Kartroffeln hatten mir zu viel Biss – das mag ich eigentlich nur bei Nudeln.

Eigentlich waren wir also gesättigt – aber wer kann schon einem Dessert widerstehen? Wir gönnten uns ein Mascarpone Carpaccio, deren Biscuit in Lamborghini Kaffee gebadet hatte sowie eine Créme brûlé mit Madagascarvanille und Wildbeeren, Creme de Cassis und Eis von schwarzen Johannisbeeren. Nicht gut für die Figur, sehr gut fürs Gemüt!

Das Vergnügen (ja, es war eins!) kostet dann mal locker knapp 200 Euro. Das und zehn Prozent Trinkgeld sollte man einkalkulieren, um nicht verdrießlich den Platz zu verlassen, der schon immer einer war, Leuten Geld abzunehmen. Ungelt eben…

Restaurant Rybí trh
Týnský dvůr 5
110 00 Praha 1
Tel.: +420 224 895 447
+420 602 295 911
E-mail: info@rybitrh.cz

Prager Palaver (3)

Klausensynagoge

Gleich hinterm Altstädter Ring – dem Platz zwischen Rathaus und Teynkirche – beginnt ein Viertel mit ganz eigener Ausstrahlung. Josefov (deutsch Josefstadt) heißt das Jüdische Viertel in Prag. Hier gibt es koschere Restaurants, das alte jüdische Rathaus, den alten jüdischen Friedhof und immerhin auf doch recht engem Raum sechs Synagogen. Sie lohnen einen Besuch – aber als wir Freitag Spätnachmittag da waren, schlossen bereits alle Einrichtungen, und am Sabbat ist eh geschlossen. Ein Grund zum Wiederkommen!

Café Kafka
Café Kafka

Erinnerungen an Franz Kafka findet man im Viertel – wenn man nicht an den richtigen Gedenkorten vorbei geht und an den falschen einkehrt: Das Café Kafka alliteriert zwar wunderschön, aber Kafka konnte seine Zeitungen dort gewiss nicht lesen, weil es damals schlichtweg nicht existierte. Und seien wir mal ehrlich: billige Alliterationen wären dem Herrn K. eh fremd gewesen. Der Hauptzielgruppe, fußmüde Touristen mit oberflächlichem Bildungshunger und tiefgründigem Kaffeedurst, wird’s egal sein, und so üppig ist das Angebot an Cafés in der Josefstadt erstaunlicher Weise nicht.

Kafka-Denkmal mit Touristin und Hund
Kafka-Denkmal mit Touristin un…

Lange Zeit haben die Prager den Franz Kafka gar nicht wahrgenommen. Im Dezember 2003 wurde ihm ein Denkmal gewidmet – vor der Spanischen Synagoge steht das eigenwillige Gebilde mit dem kleinen behüteten Mann auf dem (rund vier Meter großen) kopf-, hand- und fußlosen Getüm. Aber irgendwie passt das zu meiner Kafka-Vorstellung. Da passte es dann auch ganz gut, dass ich beim üblichen Doku-Foto die konfuse Situation hatte, die man auf dem Bild sieht: Ein Mann wollte seine Freundin vor dem Denkmal fotografieren, aber der mit anderen Menschen zufällig vorbei gekommene Hund wollte nicht weg. Also wartete er mit seinem Bild und ich mit meinem – bis ich dachte: Mit Hund und Mädchen kann das Bild nur gewinnen!

Auf dem Weg von der Spanischen zu Altneusynagoge kamen wir an einem Haus vorbei, das uns mit einem Stück Kunst aus Dresden konfrontierte: Ein Minimarket (Öffnungszeiten anders als die Museen, nämlich 10 bis 23 Uhr) warb mit den beiden Engeln der Sixtinischen Madonna. Irgendwann werde ich mal ein Album zusammenstellen müssen – wo die einem so überall begegnen…

Blick zur Burg von der Cechuv Most
Blick zur Burg von der Cechuv…

Am nördlichen Ende des Jüdischen Viertels fließt die Moldau – und man gelangt an die Cechuv-Brücke. Mit 105 Metern ist sie die kürzeste der Stadt. Eine der nettesten ist sie dennoch: Vor hundert Jahren (1905-1908) im Jugendstil gebaut, mit Sonnen auf den Lampen und sich weit übers Wasser beugenden Figuren. Sieht aus wie in Paris – oder sieht es in Paris aus wie in Prag? Von der Brücke kann man stromauf blicken und während der blauen Stunde die Burg im Zwielicht bewundern. Genau das haben wir gemacht. Und an die Brückenfans haben wir auch gedacht: Bogenbrücke aus Stahl mit den drei Feldweiten 47,8 m – 53,1 m und 59,2 m.

Cechuv Most mit Metronome
Cechuv Most mit Metronome

Links der Moldau steht oben auf dem Berg das Metronome an einem Platz, der lange anderweitig besetzt war: von 1955 bis 1962 stand hier das größte Stalindenkmal der Welt. Das zu sprengen war eine gehörge Portion Arbeit – das ihnen unliebsame System insgesamt zu sprengen kostete die Tschechen noch einige bitterböse Erfahrungen. Das Metronom wurde 1991 auf dem verbliebenen Sockel errichtet; zur Zeit tickt es sehr europäisch. Dass es dabei manchmal arg nach rechts ausschlägt (so wie auf dem Foto), ist bei einem Metronom übrigens normal: gleich danach geht’s wieder weit nach links. Ob das in der Politik aus so ist, kann bezweifelt werden.

We
We

An der linken Seite der Moldau geht’s flussauf vorbei am Gebäude der Staatsregierung und über die Manesuv Most zum Rudolfinum, dem Sitz der Tschechischen Philharmonie. Der Sandstein-Bau erinnert ja ein wenig an die Semperoper – aber nur von außen. Davor hockte eine Lichtplastik: Eine von sechs Lichtinstallationen, die während der tschechischen EU-Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2009 in der Stadt zu sehen sind.Transpirancy heißt das Open-Air Licht-Spiel, das schöne unvermutete Kontraste schafft. Die Plastik “WE” ist fünf Meter groß, wiegt schlappe 2.700 kg und ist mit Laserstrahlen aus Stahl geschnitten. Der Künstler Jaume Plensa sieht das interkulturelle Buchstabengewimmel als Zeichen für Hoffnung und Freiheits und möchte ein gutes Miteinander der Völker der Welt damit erreichen. Gerne doch!