Auf dem Jakobsweg

Lengerich – Ladbergen

Seit nahezu tausend Jahren beschreiten Pilger den Jakobsweg – sie alle haben ein Ziel: Santiago de Compostella. Das ist, zumindest nach den Vorstellungen der Alten, am Ende der Welt. Und dahin zu gehen, zu Fuß hunderte von Kilometern zurück zu legen, war schon eine besondere Leistung – denn atmungsaktive Schuhe und Hightech-Klamotten waren den Pilgern damals fremd, um das einfach mal so in Erinnerung zu rufen.

Wer heute pilgert (und es werden immer mehr: 1978 kamen 13 Menschen Santiago an, im “Heiligen Jahr” – wenn der 25. Juli als Festtag des hl. Jakobus d. Ä. auf einen Sonntag fällt – sind es schon immer mehr gewesen, 2004 aber bislang unschlagbare 179.944), wer also heute pilgert, hat meist andere Gründe als die Pilgerväter. Die Wikipedia, der ich auch die eben genannten Zahlen entnehme, nennt einen nicht unwesentlichen: “2007 machte sich der “Kerkeling-Effekt” auf dem Camino francés bemerkbar. Nach Angaben der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft stieg die Zahl der deutschen Pilger, die bei ihrer Ankunft in Santiago registriert wurden, im Vergleich zum Vorjahr überproportional von 8.097 auf 13.837. Damit waren 12 Prozent aller Pilger, die in Santiago angekommen sind, Deutsche.”

Pilgermenü am Westfälischen Jakobsweg
Pilgermenü am Westfälischen Ja…

Moderne Pilger benehmen sich also durch und durch anders als traditionelle Büßer – und da kann man es sich auch erlauben, nur mal so einfach einen Wegeabschnitt zu laufen, weil er eine nette Wanderung abgeben könnte. In Westfalen wurden im April dieses Jahres die Wege der Jakobspilger in Westfalen komplettiert, und eine Station ist Ladbergen. Da wollte ich immer schon mal zu Fuß hingehen, wenn auch nicht aus Dresden (das wäre mir zu lang!) – aber aus Lengerich, der nächsten größeren Stadt, könnte ich mir das gut vorstellen!Im Gasthaus zur Post in Ladbergen bieten sie ein Pilgermenü an – ein leichtes dreigängiges Essen, das der Küchenchef Oliver Lisso aus dem aktuellen Angebot zusammenstellt. Das sollte die Belohnung sein für meinen Einstieg in die Pilgerei!

Die Pilgermuschel
Die Pilgermuschel

In Lengerich geht’s an der Evangelischen Stadtkirche (St. Margareta) los. Wenn man die Döppen auf hat (“Döppen” ist westfälisch und meint die Augen!), sieht man einen Findling mit dem Zeichen der Jakobspilger, einer Jakobsmuschel. Das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der die Wegführung erforscht hat, herausgegebene Buch mit den Wegen der Jakobspilger in Westfalen lässt einen gleich am Anfang etwas im Stich – wie in allen Städten, wo die dezente Pilgerbeschilderung (gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund, geschätzt zehn Quadratzentimeter klein) im kommerziellen Werbeschilderwald untergeht: “Wir verlassen”, lese ich da leicht verzweifelt, “die Innenstadt nach Süden.” Wir sind wahrscheinlich erst mal nach Norden gegangen, was aber auch sehr hübsch war, durch ein altes Torhaus hindurch, das sie heute “Römer” nennen, ohne zu wissen warum.

Der Römer
Der Römer

Wir mogeln uns also aus Lengerich heraus und wählen als Wiedereinstieg einen Punkt, der leicht zu finden ist: Die L 555 kreuzt den Jakobweg – beziehungsweise: Der neue Jakobweg, wie wir ihn laufen, kreuzt den ursprünglichen, der schon damals die Verbindung zwischen Lengerich und Ladbergen war und heute ziemlich viel befahrene Landstraße ist: Die L555 also ist der ursprüngliche Jakobsweg – da bin ich schon mehrfach mit dem Auto lang gedüst, nichts ahnend.

Allee
Allee

Die neue Wegeführung ist fußgängerfreulicher und geht parallel zur 555 durch die wunderschöne münsterländische Parklandschaft. Den Einstieg kann man nicht verfehlen, denn die Allee zu Haus Vortlage ist ausgeschildert. Haus Vortlage ist ein Gräftenhof und liegt – der Öffentlichkeit nicht zugänglich – gut versteckt im Park. Gräften hat man im Münsterland gerne: Das sind Wassergräben rund ums Gehöft, die ungewünschten Besuch auf Distanz halten. Die Vortlage’sche Brücke über die Gräfte ist aus barocken Zeiten und macht sich sehr gut in der Idylle. Ansonsten scheint der Privatbesitz hermetisch abgeschirmt, und auch auf den informativen Seiten des Landschaftsverbandes findet man vielsagende Sätze wie diesen: “Nach mündlichen Hinweisen ist auf der Begräbnisinsel eine Gruft aus dem frühen 20. Jahrhundert angelegt.”

Fachwerk
Fachwerk

Aber man kann sich ja umdrehen und woanders hinsehen: da gibt es direkt am Weg ein nettes Fachwerkhaus mit roten Fensterläden und Bank davor – Postkartenmotiv! Das nächste Fachwerk ist ein Klinkerbau (das davor war weiß gekalkt) und trägt die Jahreszahl 1787 im Balken. Die Inschriften auf den Balken zu lesen lohnt übrigens immer – man bekommt einen tiefen Einblick in die westfälischen Machtverhältnisse und merkt, dass bestimmte Namen immer wieder auftauchen…

Parklandschaft
Parklandschaft

Zwischen den Häusern: Weite offene Landschaft. Wiesen, Baumgruppen, Getreidefelder, zwei Vögel im Duett, hoppelnde fette Hasen, grasende Kühe in der Ferne. Nur der Blick nach oben könnte besser sein: Da dräut sich was zusammen! Graublaue Wolken sind die, die nichts Gutes verheißen! Kaum ist der Gedanke ausgedacht, fängt es an zu dröppeln (westfälisch für: zu tropfen). Und kaum ist der Kameradeckel auf dem Objektiv, hört es auf zu dröppeln – um wie ein Sturzbach sich zu ergießen. “Eine Pilgerreise ist kein Zuckerschlecken!” kann ich Sylke noch zurufen, aber das will sie glaub’ ich gerade nicht hören. Wir suchen Schutz unter den dichten Blättern der Allee-Bäume, und ich erinnere mich an eine FAZ-Reportage, in der vom täglichen Regen in Galizien die Rede war. Jakobspilger scheinen es nass zu lieben…

Sturzregen
Sturzregen

Vergleichweise schnell war die Gießkanne da oben bei Petrus im Garten leer, so dass es weiter gehen konnte. Die Strecke ist gut ausgeschildert, wenn man sich einmal auf die blau-gelben Zeichen eingeguckt hat, klappt es. Außerdem sind die Pilger- und Wanderwegmacher im Westfälischen nicht so kreativ, für jeden eigenen Marketing-Weg einen eigenen Verlauf zu finden: Der (neue) Jakobsweg folgt zwischen Osnabrück und Münster weitgehend dem Friedensweg, der mit 1648 oder einem X markiert ist – beides in weiß und leicht zu sehen. Irgendwann später gesellt sich noch ein Radwanderweg hinzu, kurz vor Ladbergen kommen die Jungs und Mädels vom Nordic Walking auf der gleichen Strecke entgegen. Wegevielfalt ist Wegeeinfalt!

Hast Du mal ein Zucker?
Hast Du mal ein Zucker?

Uns war das egal, wir waren nahezu allein unterwegs. Schöne Straßennamen haben sie in Westfalen: “Schäfers Ruh” , “Am Piekel” und “In der Wildbahn” lassen erahnen, wie dort die Post abgeht! Wir laufen vergleichsweise häufig über Asphalt und hätten theoretisch auch mit dem Auto pilgern können, aber diese Idee haben wir als stillos verworfen: Man sieht nur mit der Entschleunigung des Fußgängers gut!Hin und wieder taucht ein Gehöft auf – in der Bauerschaft Settel haben sie rührige Vereine (die Schützen und der Männergesang!), die alle großen Bauernhöfe abgelichtet und auf eine Tafel  gebracht haben. So könnte man, wiederum rein theoretisch, durchs Gehei pirschen und die wildfremden Leute gleich mit korrektem Gruß anreden: “Tach, Grote-Pöppelskirchen, wie geiht jü dat?”

Die meisten Häuser sind tip-top herausgeputzt – im Münsterland hat man erstens das geld dazu und zweitens immer genug lästernde Nachbarn, wenn man sich und die Ordnung ums Haus gehen lässt. Ein munterer Wettbewerb des manchmal doch arg kleinbürgerlichen Kitsches, aber insgesamt nett anzusehen.

Hof Große Stockdiek
Hof Große Stockdiek

Wir überqueren – es hat mal wieder angefangen zu regnen, damit wir unsere Büßerhaltung mit leicht gebeugtem Haupt wahren können – die L 555 und sind dankbar, dass das nicht als offizieller Jakobsweg ausgeschildert ist: Zu viel moderne Fortbewegungsmittel! Hof Große Stockdiek liegt gleich hinter der 555. Ein schöner Hof, das Jahr 1733 steht über dem großen Tor. Mittlerweile hat die Moderne hinter den Kulissen Einzug gehalten: Eine 500-Watt-Biogasanlage kann etwa 1.000 Haushalte mit Strom versorgen. Mais, Gülle und Grassilage wird hier vergoren, und aus der Abwärme wird Heizluft fürs Wohnhaus und die Stallungen.Sonne kann Große-Stockdiek nicht zaubern, die Technologie ist also ausbaufähig. Wir stapfen weiter, kommen an einen See. Der Angler grüßt eher missmutig und bringt die dritte Rute in Stellung. Regentropfen pitschen aufs Wasser – als Fisch würde ich bei so einem Scheißwetter nicht raus gehen! Am anderen Ende des Teiches steht ein Schild: “Fischzuchtteiche. Baden und Angeln verboten!”

Sanddünen vermutet man als Laie ja nicht mitten im Münsterland – aber es gibt sie! Bis vor hundert Jahren wanderten die Dünen noch, aber nun geben sie Ruhe. Eichen und Birken formieren sich zum Waldgebiet – schöne Schattenspender, theoretisch. Aber wir wollen nicht meckern: Kurz bevor wir Ladbergen erreichen, bricht die Sonne hervor. Ein Zeichen, ganz sicher!

In Ladbergen selbst wird die Führung durch Zeichen und unser Wanderbuch wieder etwas spärlich – aber wir kennen uns ja aus und finden nach einem schönen Abschluss-Abschnitt entlang des Mühlbaches unser Ziel: Das Gasthaus zur Post. Dort soll es ein Pilgermenü geben, und wir sind gespannt, wie das wird – das Haus ist ja eher für engagierte und nicht so sehr für einfache Kost bekannt. Es ist schon fast Nachmittag, aber der Chefkoch Oliver Lisso ist noch da, kommt selbst an den Tisch. Wir beratschlagen uns kurz und lassen uns dann überraschen.

Das Dreigangmenü (für 19,50 EU) hat nichts Spartanisches: Vitello Tonato vorweg, als Hauptgang frisch zubereitete (wissen wir, weil der Chef in unserem Gespräch den Hecht erwähnte, den er noch habe) Hechtklößchen mit Flußkrebsen in Rieslingsauce, glasierten Gurken und Petersilienkartoffeln und als Dessert gratinierte Früchte mit Waldmeistersabayone. So macht Pilgern Spaß…

Vitello Tonato
Vitello Tonato
Hechtklößchen mit Flußkrebsen in Rieslingsauce, glasierten Gurken und Petersilienkartoffeln
Hechtklößchen mit Flußkrebsen…
Gratinierte Früchte mit Waldmeistersabayone
Gratinierte Früchte mit Waldme…

Gasthaus zur Post
Dorfstr. 11
49549 Ladbergen
Tel.: +49 5485 93 93 0
http://www.gastwirt.de

[Lage]

Koksen im Spreewald

Koks

Am Morgen zwei Koks, und der Tag ist dein Freund. Reimt sich nicht, stimmt aber wie beim Original, wo es der Joint ist und nicht der Koks. Wie ich heute ans Koksen kam, ist eine nette Geschichte, die mit einem unverfänglichen Ausflug in den Spreewald beginnt. Auf der Suche nach einem Picknick-Platz für einen geplanten Ausflug fuhren wir über uns nicht bekannte Straßen, als rechter Hand plötzlich ein Häuflein betrachteter Frauen in der Erde wählte. Natürlich gab es eine Notbremsung, ich entschwand mit der Kamera Richtung working ladies. Auf dem Weg dahin wurde ich sanft aber bestimmt angehalten: Ob ich Koks wolle…

Koks

Das hatte ich im Spreewald nicht erwartet! Aber wenn Einheimische einen fragen, soll man nichts abschlagen – ich fragte zwar vorsichtig, was das sei, was aber eigentlich überflüssig (im wahrsten Sinn des Wortes!) war: Zwei Schnapsgläser füllten sich mit Wilthener Goldkrone, dann kamen drei Kaffeebohnen hinein und ganz zum Schluss ein Stück Würfelzucker: “Das müssen Sie mit einem Schluck in den Mund nehmen, aber nicht runterschlucken! Dann zerkauen Sie alles!”

Ich guckte blöd, versuchte es (”Ach machen Sie ruhig, beim sechsten spätestens klappt das!”) – und war begeistert. Schmeckt, ehrlich. Ein langes Gespräch entspann sich, warum Wilthener (”ist doch eher unsere Dresdner Gegend hier!” – “Ach, das ist doch wie von hier!”), wie man das macht mit dem Trinkessen oder Esstrinken (”Alles in den Mund, dann kauen!”) und so weiter und so fort.

Kokser

Ach ja: Den Koks gab’s auf lau – umsonst, für umme. Die Beiden im Bild waren meine Gesprächs- und Trinkpartner – DANKE! Wir haben dann noch (freiwillig!) Kartoffelpuffer vom feinsten gegessen und einen kleinen Sack Adretta, die leckerste Kartoffel für Sachen mit Sauce überhaupt, gekauft. Und in Dresden Kaffee in Bohnen, Wilthener Goldkrone und Würfelzucker…

Spaß mit Team B

Es waren einmal ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn. Was die erlebten, erzählten die Gebrüder Grimm. Sie (die Tiere, nicht die Grimms) sind zwar nie in Bremen gelandet, aber die Stadt zeigt die vier in ihrer typischen Position noch heute. Die bekannteste Variante stapelt sich an der Westseite des Rathauses, ist aus Bronze und 1951 von Gerhard Marcks gestaltet. Die Stadtmusikanten gibt es in fast allen Spielarten, deren lustigste vielleicht das B-Team auf einem Plakat von P. Gay ist und Schwein, Huhn, Fisch und Schmetterling (so es denn einer ist…) immerhin recht fröhlich darstellt.

Ansonsten lebt der Tourismus der Stadt hauptsächlich von drei nahezu benachbarten Bereichen, die der Auszubildende an der Rezeption des Hotels mit seinem roten Filz (und das in Bremen: roter Filz!) auf der Stadtplankopie zielsicher markiert: Ein Kringel rund um den Markt , ein weiterer um das Schnoor-Viertel, ein dritter markiert die “Schlachte” entlang der Weser, aber “da ist nur im Sommer was los: Kneipen und so!” Danke, wir haben verstanden – und wenden uns als erstes am Abend ganz woanders hin, nämlich weg von der Altstadt Richtung Bürgerpark. Stadthalle, Kongresszentrum (bremisch: Congres Centrum) und Messehallen sind hier zu finden, und am Ende des Höllersees demonstriert das Parkhotel bremische Gediegenheit. Hier kommt der Bremer gerne hin, wenn er mal fein ausgehen will – und die Küche hat, nach einigen Versuchen der fernöstlich inspirierten Zubereitungsart, nun derlei Irritationen abgelegt und versucht sich klassisch mit norddeutschem Akzent.

Die Altstadt mit dem Markt eignet sich prächtig, den ersten Teil der alten Geschichte Bremens zu erzählen. Mehr als 1.200 Jahre alt ist die “Freie Hansestadt Bremen”, wovon der Dom in seinen diversen Varianten am meisten gesehen hat. Die wesentlichen Häuser am Markt haben immerhin gut die Häfte der Zeit auf dem Buckel: Das Rathaus aus der Zeit von 1405 – 1410 hat im Prinzip eine sehr sehenswerte Weserrenaissance-Fassade, doch im Oktober war die noch zur Hälfte verhüllt – ein Umstand, den das Werbeheft der Bremer Touristik-Zentrale sogar positiv zu verkaufen weiß: “…noch bis November: Erleben Sie das verhüllte Bremer Rathaus!” Ja! Wir haben es erlebt! Und es war… nichtssagend.

…ganz im Gegensatz zum Bremer Ratskeller, dessen Schätze sich uns nicht praktisch erschlossen, sondern nur theoretisch. Man nennt ihn im Touristendeutsch gern das “köstliche und angenehme Fundament” des Rathauses und spielt damit an auf die lobenswerte Tradition, seit 1404 hier nur deutsche Weine auszuschenken. Die Qual der Wahl aus 650 verschiedenen Kreszenzen ist nichts für den frühen Samstagmorgen, weswegen wir auf die Führung durch die mächtigen Gewölbe (inkl. einem Schoppen Wein) verzichteten und uns dem Bremer Roland zuwandten.

Die Geschichte des Rolands ist ja nicht wirklich an Bremen gebunden, aber hier steht – seit 1404 – die größte der 27 Rolandstatuen Deutschlands als Zeichen für Recht und Freiheit – und wir freuen uns, dass der Roland offensichtlich auch ein Verbündeter des deutschen Weintrinkers ist, denn auch da war ja die zu merkende Jahreszahl 1404. Zu den einzelnen Häusern rund um den Markt gibt es viel zu erzählen, zumal die ja teilweise auch einige hundert Jahre auf dem Buckel haben. Doch es lockt schon die Böttcherstraße!

Die knapp über hundert Meter lange Fußgängerpassage geht vom Markt ab und führt Richtung Weser. Auf diesen hundert Metern gibt es viel zu sehen, was letztendlich auf Ludwig Roselius zurückzuführen ist, dem wir auch den koffeinfreien Kaffee zu verdanken haben. Der Bremer Kaufmann inspirierte und Bernhard Hoetger setzte um: Vom “Lichtbringer” am Eingangstor über die Paula Becker-Modersohn-Kunstschau bis zum Himmelssaal ist die Böttcherstraße der Beweis, dass Inspirierte die Welt verändern und nicht Erbsenzähler.

Wenn man es nicht gesagt bekäme, würde man sicher bei der Entstehungszeit der Böttcherzeit daneben tippen: 1923 bis 1931 entstand das Ensemble und ist somit vergleichsweise jung. Ganz im Gegensatz zur dritten Bremer Attraktion: Das Schnoorviertel geht zurück aufs 15. und 16. Jahrhundert, hatte schon erheblich schlechtere Zeiten erlebt und wurde quasi in letzter Minute gerettet: Stadtsanierung einmal eher vorbildlich am historischen Vorbild orientiert und nicht nach der P&P-Methode (Plattmachen und Platte bauen).

Die kleinen Häuser an den verwinkelten Gassen sind natürlich nicht mehr das Zuhause für Fischer und Hufschmiede: Tourismus in allen Schattierungen ist eingezogen in den Schnoor. Es gibt Kneipen in allen Variationen, Künstler und Kunsthandwerker mit Werken unterschiedlichsten Geschmacks, man findet im Vorübergehen das Institut für Niederdeutsche Sprache und einen nicht in jeder Jahreszeit passend wirkenden Weihnachtsladen.

Vom Schnoor ist es nicht weit zur Kunsthalle, die (bis zum 26. Januar 2003) mit einem Leckerbissen aufwartet: “Felder” heißt die Ausstellung, die mit rund 50 Gemälden und Zeichungen Vincent van Goghs Landschaftswerke zusammen führt.

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

Zwischen Besinnlichkeit und großer Weltpolitik

Ladbergen ist eine Gemeinde im Münsterland, die viele, wenn überhaupt, nur vom Vorbeifahren kennen: Die Ausfahrt 39 der Autobahn A1 von Hamburg ins Ruhrgebiet weist auf den Ort hin. Wer hier abfährt, hat entweder keinen Sprit mehr oder einen guten Tipp bekommen: Das scheinbar unscheinbare Ladbergen ist nämlich ein durchaus liebliches Gemeinwesen und bietet dem Ahnungslosen die eine oder andere nette Überraschung.

Zweimal wehte sogar schon ein Hauch der Geschichte durch Ladbergen. Allerdings ist das schon so lange her, dass sich heute nicht einmal mehr die ganz Alten erinnern, wenn man es ihnen nicht vorliest oder aus berufenem Munde hört. Das erste Mal ist genau datiert: Am 22. Mai 1246 versammelten sich Vertreter der Städte Münster, Osnabrück, Minden und Herford, um sich im “Ladberger Marktbund”, einem Vorläufer der späteren Hanse, zu vereinen. So beschreibt es zumindest der Internet-Dorfchronist und nennt auch gleich drei Namen von seinerzeit teilnehmenden Gütern: die der Herren von Codenhorst, der Herren tho Holte und der Hallen von Ladbergen.

Das zweite Ereignis mit – heute würde man sagen: weltpolitischem – Charakter liegt nicht ganz so lang zurück, und es gibt zwar keine Zeitzeugen, aber beredte Erzähler der Geschichte. Günther Haug, der das Gasthaus zur Post in Ladbergen leitet und sich trotz seiner Vergangenheit als Top-Hotelier bei Kempinski heute schlicht “Gastwirt” nennt, weiß aus den Tagen des 30jährigen Kriegs zu berichten: “In der Chronik vom Gasthaus zur Post, das schon im 17. Jahrhundert im Familienbesitz war, gibt es ganz spannedne Hinweise! Im Vorfeld des Westfälischen Friedens sind die Gesandten auf ihren Wegen zwischen Münster und Osnabrück durch Ladbergen nicht nur durchgeritten. Mehr als wahrscheinlich ist, dass die Parteien sich auf halbem Wege entgegenkamen, wenn zum Beispiel aktuelle oder besonders diskrete Fragen kurzfristig geklärt werden sollten. So ist verbürgt, dass in den Räumen des Gasthauses zur Post die Vorverhandlungen nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Abschluss des Westfälischen Friedens 1648 stattfanden!”

Bei den Vorverhandlungen blieb es dann, angeblich aus politischen Gründen – dem Vernehmen nach aber schmeckte den schwedischen Gesandten das Essen im kriegsgebeutelten Ladbergen nicht. Tempi mutantur, die Zeiten ändern sich: Heute sieht man auf dem Parkplatz neben dem Gasthaus oft Wagen mit schwedischen Kennzeichen. Neben den schwedischen Gäste kommen viele andere teils oft von weit her, meistens aber aus Münster, um hier eine ganz eigenartige Mischung zu erleben: Man spürt im alten Gebälk den Geist der Jahrhunderte und erfreut sich an moderner leichter Küche und der zeitgenössischen Kunst, die Günther Haug und seine Frau Elisabeth (die im gleichen Haus ein Antiquitätengeschäft betreibt).

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

Hoch im Norden

Es war (lang, lang ist’s her) am Ende der Sommerferien in der Sexta eines Bielefelder Gymnasiums. Da stellte der Deutschlehrer die typische Nach-den-Ferien-Frage: Wo ward ihr? Alle hatten eine ordentliche Antwort parat außer einem: Der sagte, er sei in Norden gewesen. Ja, fragte der Deutschlehrer (noch) höflich nach: Wo denn da, im Norden? Na, in Norden! Der Dialog des Aneinandervorbei währte noch ein wenig, wobei der Deutschlehrer aus heutiger Sicht eindeutig der Verlierer war: Hätte er seine Landkarte besser gelesen oder im Erdkundeunterricht aufgepasst, dann hätte er gewusst: Hoch im Norden gibt es eine Stadt eben dieses Namens.

Norden in Ostfriesland, die älteste Stadt dieses Landstrichs, wird erstmals in der Karolingerzeit erwähnt und erhielt im 13. Jahrhundert Stadtrecht. Die trutzige Ludgeri-Kirche aus dem Jahr 1445 mit der Barockorgel von Arp Schnitger macht den Ort zumindest unter Musikliebhabern über die Grenzen der Stadt bekannt – ansonsten sind es eher die Orte rund um Norden, die zum Ruhm der Gegend beigetragen haben: Über Norddeich Radio ist jahrelang der Funkverkehr zu den Schiffen auf allen Weltmeeren hergestellt worden. 1998 wurde die Station geschlossen – ersetzt durch “neue Technik” und Satelliten. Noch nördlicher liegt die Insel, das Eiland, vor dem Norder Festland: Norderney. Deutschlands erstes Inselbad (seit 1797) buhlte lange um den Ruhm, auch Deutschland Inselbad Nummer eins zu sein. Der Wettlauf kann als verloren gelten, denn zumindest in der Jetztzeit liegen Sylt und neuerdings vielleicht sogar Rügen vorne. Und dann ist da noch, etwas südwestlich, Greetsiel: Ein Bilderbuchdorf mit lauter Postkartenmotiven, von den Zwillingsmühlen bis zum pittoresken Hafen. Leider sind die Windmühlen nicht mehr nach dem Wind und untereinander auch nicht immer gleich gleich ausgerichtet, so dass selbst Laien den fake bemerken. Auch der Hafen hat was von einem potemkinschen Dorf, seit die Landgewinnung in der Gegend so erfolgreich war: Greetsiel mutierte zum Binnenhafen mit Meeranschluss. Viele Kutter liegen übrigens in Norddeich (womit der Kurzausflug in den friesischen Südwesten beschlossen wird).

Als der Sextaner in Norden seinen Sommerurlaub verbrachte, hatte der Ort noch etwas Gemütliches: Es gab eher rudimentären Tourismus, und die Einheimischen nannten ihre Heimatstadt voll respektloser Liebe “Pott Nörden”. Das war die Zeit, als noch Pferdefuhrwerke durch die Stadt fuhren und ist doch noch keine fünfzig Jahre her. Es gab Schmieden, viel Kopfsteinpflaster auf den Straßen und – weiter vom Zentrum entfernt – pferdefreundliche und damenfeindliche Wege aus festgetretenem Lehm und Schotter.

Die Zeiten haben sich geändert: Heute ist die Stadt saniert, es gibt eine verkehrsberuhigte Einkaufsmeile und an feriensensiblen Wochenenden kilometerlange Autoschlangen. Ganz Norddeich, ehedem ein verschlafenes unattraktives Fischerdorf, mutiert außerhalb der Saison zum größten Fanclub von Götz Alsmann und Christine Westermann: Überall “Zimmer frei”! Im Sommer oder zu Ostern und in den Herbstferien sucht man als Spontananreisender derlei Schilder zumeist vergeblich. Als ob das Ruhrgebiet sich unisono den Friesennerz übergezogen und gen Norden begeben hätte, der guten Luft und des gesunden Klimas wegen.

Die Luft und das Klima haben es wirklich in sich. Sehr oft regnet es, was zu Hause meistens zu abgebrochenen Kommentaren wie “keinen Hund vor die Tür…” führt. In Norden heißt die Devise: “Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung!”, und tout Ruhrgebietergeht sich übern Deich. Das machen auch die Norder – doch was die Touris von Einheimischen unterscheidet: Die temporären Nordländer reden. Die Friesen schweigen. Sie wissen um die tragende Kraft des Windes und beschränken die Kommunikation auf das Notwendigste. Was sie dann sagen, verstehen die Touris meistens nicht: In Ostfriesland wachsen die Leute schon vor Schulbeginn zweisprachig auf. Untereinander reden sie platt und mit anderen Hochdeutsch.

Von der Sprache übernehmen die Feriengäste schnell das “Moin Moin”, was keineswegs mit “Guten Morgen” zu übersetzen ist: Ganztags entbieten die Ostfriesen diesen Gruß, und das geht, weil es von “moi” kommt, was schön heißt. Was muss man noch lernen? Dass sich hinter “Granat” die kleinen Dinger verbergen, die eigentlich Garnelen sind und nach dem fangen schon an Bord der Schiffe gekocht werden. Das mühsame Pulen der Krabben allerdings muss man schon selber machen (oder beim lokalen Fischer von fleißigen Ostfiresenhänden gepulte Krabben kaufen, was aber den Preis saftig in dei Höhe treibt). Die fernab der Küste verkaufte Massenware wird übrigens zumeist in Marokko oder Polen vom Panzer befreit: Ein ökologischer Schwachsinn und zwar billiger, aber nicht halb so lecker: Nur wirklich frisch schmecken die Kleinen – im Rührei oder auf Schwarzbrot – am besten!

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

Zurückhaltend fortschrittlich

Prinzipalmarkt

“Münster und die Münsteraner gefallen mich nich!” polterte General Blücher vor 200 Jahren. Das muss auf Gegenseitigkeit beruht haben – und es ist Geschichte. Heute gibt es, wenn man dem Oberbürgermeister der Stadt Glauben schenken darf, nur zwei Sorten von Menschen: Solche, die in Münster wohnen und solche, die es gerne täten. Nun sind Oberbürgermeister schon von Berufs wegen Heimatoptimisten, doch auch wenn man nicht unbedingt in Münster leben muss, so lohnt auf jeden Fall ein (verlängertes) Wochenende.

Manch Gemecker hatte auch positive Folgen: “Cavete Münster!” betitelte vor fast einem halben Jahrhundert einmal ein mutiger Jurastudent einen Zeitschriftenbeitrag. Das ist Latein und heißt: Hütet Euch vor Münster! Die Warnung hatte vielfache Folgen, von Abscheu und Entsetzen (die eingeborenen Münsteraner, die man in der Stadt selbst Paohlbürger nennt) bis zu verständnisvollem Nicken im Rest der Republik. Die schönste Konsequenz freilich ist eine Gaststätte im “Kuhviertel”: Die erste Studentenkneipe der Stadt und heute immer noch ein Treffpunkt. Der Unterschied zu den frühen 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist allenfalls, dass die Cavete nur eine von ganz vielen Kneipen des Viertels ist…

Mit Neuem tun sich die Westfalen immer wieder gerne schwer. Das mussten die Cavete-Gründer feststellen, das merkten auch die Kunstmacher, als sie 1977 in der gern als konservativ vorverurteilten Stadt mit der “Skulptur” eine bahnbrechende Ausstellung von zeitgenössischer Kunst in der Stadt planten. Das übliche Spiel: Zeter und Mordio, die Zeitungen voller Leserbriefe mit wenig Pro und viel Contra – und nun, nachdem im Abstand von zehn Jahren die Skulptur eine ernsthafte Gegenveranstaltung zur Kasseler Documenta geworden ist, waren sowieso schon immer alle dafür, und zwar natürlich von Anfang an. Die Münsteraner haben sich arrangiert mit den in der Stadt gebliebenen Kunstwerken, haben sie akzeptiert und würden nun wahrscheinlich Sturm laufen, wenn die drei Kugeln von Claes Oldenburg am Aasee oder der Dolomit zugeschnitten von Ulrich Rückriem im Univiertel fehlen würden.

Die zurückhaltend fortschrittliche Art ist es, die den Münsteraner auszeichnet. Man müsse ein Fass Salz zusammen essen, heißt es, um mit ihnen warm zu werden. Das ist Unfug: Einige Glas Pilsken oder vom heimatlichen hellen obergärigen Altbier, notfalls in Verbindung mit dem einen oder anderen Korn (es darf auch Wacholder sein) tun es auch. Örtlichkeiten dafür gibt es genug, wie eine andere immer wieder gern zitierte Münsteraner Binsenweisheit verrät, wonach es entweder regnet in Münster oder die Glocken läuten – oder es werde eine Kneipe eröffnet. Auch hier dementieren Münsteraner, die mit Herzen oder von Berufs wegen voll hinter der Stadt stehen, heftig: So oft würde es doch gar nicht regnen! Der Rest des Spruches aber gehe schon in Ordnung, schließlich habe die Stadt über hundert Kirchen und ungefähr 500 Gaststätten – so genau allerdings habe das niemand gezählt.

Dom und Markt

Von den Kirchen seien zwei erwähnt, an denen man nicht vorbei kommt: Zuerst natürlich der Dom im Herzen der Stadt, um den sich seit mehr als 1.200 Jahren alles dreht. Eine astronomische Uhr zeigt seit 1540 beständig nicht nur die Uhrzeit, sondern Tag, Monat, Jahr und den Lauf der Sonne an – und das noch bis zum Jahre 2071. Vor dem wuchtigen romanischen Sandsteinbau findet mittwochs und samstags ein farbenprächtiger Wochenmarkt statt, bei dem die Bauern und Gärtner der Umgebung den Städtern zeigen, was das Münsterland hergibt.

Lambertikirche

Kirche Nummer zwei ist die Lambertikirche, die vor allem wegen der drei am Turme hängenden Käfige berühmt ist: In denen endeten die drei Anführer der Wiedertäufer, die 1534 bis 1535 ein auch aus heutiger Sicht nonkonformes Regime führten – ihre religiösen Ansichten und auch der weltlich geprägte Lebensstil mit praktizierter Vielweiberei behagten der Obrigkeit rundum und vor allem der Kirche (was ja in weiten Teilen identisch war) nicht so sehr.

Heute sind die Käfige, bevor jemand gruselige Ideen bekommt, leer und nur noch bei Stadtführungen ein Grund, einmal den schlanken gotischen Turm hoch zu blicken. Immer noch nicht leer ist es freilich abends im Innern des Turms: Der Türmer von Lamberti, früher zum Erspähen von Feuern zuständig, klettert Abend für Abend die 298 Stufen bis zu seiner Stube. Als einer von wenigen Türmern bundesweit beobachtet er die Stadt aus luftiger Höhe und bläst den Nachteulen zwischen 21 Uhr und Mitternacht die Stunde – ein herrlicher Anachronismus!

Die Einsamkeit des Türmers von Lamberti findet seinen Gegenpol im bunten Treiben, das abends in den einschlägigen Szenekneipen den Ton angibt. Das Kuhviertel rund um die Jüdefelder Straße wurde schon erwähnt. Hier gibt es neben der erwähnten Cavete auch die Institution Pinkus Müller, der letzten münsterschen Altbierbrauerei (von ehedem einmal 150!) mit Ausschank. Die Tische sind, wie man das in Westfalen erwartet, blank gescheuert, gegessen wird deftig, getrunken heftig. Das Publikum nicht nur bei Pinkus Müller, sondern auch in den vielen anderen Gaststätten rundherum, ist eine bunte Mischung aus Touristen, Studenten und Einheimischen – was das Viertel vor dem Drosselgassensyndrom (wo man nur noch Touris findet) bewahrt hat.

Rund um die Kreuzkirche ist ein weiterer Kumulationspunkt münsterscher Gastlichkeit. Im „Schinderhannes“, der von den Leserinnen und Lesern einer lokalen Zeitung einmal zur gemütlichsten Kneipe des Jahres gewählt wurde, erlebt man “bei Hans und Heinz” Eckkneipenkultur auf hohem Niveau, mit urigem (teils sehr westfälischem) Essen. Was der Wirt empfiehlt, ist hausgemacht und gut!

Gleich um die Ecke (so das bei einer kreisförmig um die Kirche verlaufenden Straße geht…) findet man eine münstersche Institution: Zum „Nordstern“ sollte man frühestens um Mitternacht gehen, zum Absacker (es dürfen auch zwei oder drei werden). Seit Jahrzehnten kann man hier laut Karte viele Dinge essen, isst aber nur eins: Halbe Hähnchen.

Prinzipalmarkt

Nun besteht der Tag bekanntlich nicht nur aus dem Abend, was aber in Münster keineswegs zur inneren Leere führt. Je nach Gusto bieten sich an: ein Bummel über den Prinzipalmarkt mit den gotischen Häusern, die fast alle im Krieg zerbombt und danach original aufgebaut wurden, so dass sich zumindest äußerlich ein geschlossenes Bild wie zu Zeiten des westfälischen Friedens 1648 bietet. Wer genauer hinblickt, kann freilich Unterschiede feststellen: Das unversehrte Giebelhaus des Café Kleimann gegenüber der Lambertikirche weist prächtige Details auf – die Nachkriegs-Neubauten sind in der Gestaltung der Giebel und Fassaden erheblich schlichter.

Hinter den Fassaden hat man dem Umstand Rechnung getragen, dass heutige Bedürfnisse anders sind als zur Entstehungszeit des Marktes, der bis zum Jahr 1150 zurück reicht – die Kaufmannschaft, die in Münster schon immer selbstbewusst ein gehöriges Wörtchen mitgeredet hat, weiß es zu schätzen. „Unter den Arkaden“ kann man bei jedem Wetter bummeln, Schaufenster ansehen und stilvoll einkaufen.

Kulturbeflissene kommen nicht nur alle zehn Jahre mit der Skulptur auf ihre Kosten: Das Westfälische Landesmuseum wartet immer wieder mit spektakulären Ausstellungen auf, das Stadtmuseum (in der Kulisse eines denkmalgeschützten Kaufhauses) zeigt mehr als tümelnde Heimatkunde, und mit dem Picasso-Museum hat sich die Stadt endgültig das Tor zur Welt großer Kunst geöffnet…

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

Ostsee für die Seele

Natur pur und die Entdeckung der Langsamkeit
auf Hiddensee, Rügen und Usedom

Die Bäume links und rechts der schmalen Straße neigen sich zum Spalier. Hin und wieder schiebt der Wind die leichteren Zweige auseinander, die Sonne blitzelt hindurch: „Auf Rügen nur mit Licht“ hatte das Schild kurz nach Befahren der Insel geraten – nun wird klar, warum: Der stete Wechsel von Schatten und gleißender Sonne ist für Großstadtaugen ungewohnt. Und tatsächlich ist die Zahl der Unfälle seit Einführung der Aktion Licht auf Rügen um die Hälfte zurück gegangen. Aber am besten, man verlässt gleich die stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen und kreuzt – mit Licht und Lieblings-CD im Hintergrund – einfach so durchs Land.

RÜGEN
Königsstuhl und Kap Arkona

Rügen ist Deutschlands größte Insel – 974 Quadratkilometer, da passt Sylt zehn Mal rein! 56 Kilometer feinster weißer Sandstrand wären allein ein Grund, hier Badeurlaub zu machen.Ausgedehnte Buchenwälder, riesige Rapsfelder, grüne Wiesen – und natürlich immer wieder imposante Kreidefelsen: Wer hier nicht ins Schwärmen gerät, dem ist nicht zu helfen: »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent. Ja, hier bleiben wir!« flüstert Effi Briest ihrem Instetten beim Abendspaziergang entlang der Klippen angesichts der „stillen, vom Mondschein überzitterten Bucht“ ins Ohr. Der Königsstuhl ist das Romantiker-Motiv schlechthin, Caspar David Friedrich hat in der eingefangenen Stimmung nicht übertrieben. Lediglich die Form der Kreidefelsen hat sich seitdem gewaltig geändert, denn Wind und Wasser nagen gnadenlos an der Küstenlinie.

Mit dem Privat-PKW kommt man nicht zum Königsstuhl, sondern entweder mit dem Bus (Shuttle-Verkehr vom Parkplatz in Hagen) oder zu Fuß. Hier gibt es gleich drei Möglichkeiten, die alle ihren Reiz haben: Man nähert sich mit immer wieder neuen atemberaubenden Blicken auf Kreideküste und Ostsee über den Hochuferweg von Sassnitz aus, oder startet im kleinen Hafenstädtchen Lohme und wandert durch die große Stubbenkammer ebenfalls entlang der Küste zum Königsstuhl. Der Fußweg quer durchs Land mit ganz anderen Blickwinkeln beginnt auf dem Parkplatz in Hagen; man durchstreift ursprüngliches Waldgebiet, kommt vorbei an mystisch wirkenden dunklen Seen, in denen sich alte knorrige Bäume und das Uferschilf um die Wette spiegeln, und an den Resten der slawischen Herthaburg.
Natur pur auch weiter nördlich: Die Schaabe ist ein schmaler Streifen Land auf dem Weg zum Kap Arkona. Allerfeinster Sandstrand, wohin man schaut. Hier ist, wie zu DDR-Zeiten fast überall auf der Insel und den anderen Ostsee-Stränden, nahtloses Bräunen erlaubt. Dass es nicht mehr überall geht und FKK nur noch an besonders gekennzeichneten Stellen möglich ist, hat Anfang der 90er Jahre zu regelrechten Strandkriegen geführt. Mittlerweile haben sich alte Dauergäste und die neu hinzugekommenen Sonnenanbeter(innen) allerdings weitgehend arrangiert…
Kap Arkona selbst ist der nördlichste Punkt Rügens und wie der Königsstuhl nur per Pedes zu erreichen. Im denkmalgeschützen Dorf Vitt, gut zwei Kilometer vor dem Kap mit seinen beiden pittoresken Leuchttürmen, sind die Häuser reetgedeckt. Vom Hafen fuhren früher die Fischer zum Heringsfang – heute bringen die kleinen Boote die Touristen zum Kap.

Störtebeker in Ralswiek

Ein absolutes Muss während des Rügen-Aufenthalts ist ein Besuch der Störtebeker-Festspiele. Im romantischen Örtchen Ralswiek, immerhin Rügens älteste bekannte Siedlung und wegen seiner Lage am geschützten Jasmunder Bodden vor tausend Jahren der größte Seehandelsplatz der auf Rügen lebenden Ranen, geben Schauspieler jährlich eine neue Geschichte des sagenumwobenen Seeräubers Störtebeker: Grandioses Open Air, bei dem neben den Profis bis zu dreißig Pferde, dann und wann ein Adler und fast die ganze Dorfbevölkerung mitmachen. Der Jasmunder Bodden ist Teil der Bühne: Hier dürfen die Piraten auf eigens für die Vorstellung gebauten Schiffen realistisch räubern. Besonderes Highlight: Das Feuerwerk am sommerlichen Nachhimmel. Tagsüber und außerhalb der Festspielzeit ist Ralswiek eher beschaulich, mit nettem kleinen Hafen und Schloss im Stil der Neo-Renaissance.

Die Seebäder

Neben der Natur prägen die Städte mit der Bäderarchitektur des beginnenden 20. Jahrhunderts das Bild der Insel. Zum Beispiel Binz: Das größte Seebad Rügens entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert und entwickelte sich zum mondänen Badeort. Die 3,2 Kilometer lange Strandpromenade bringt einen Hauch des „Paseo maritimo“ von Marbella auf die Insel: Gehen, um gesehen zu werden, aber auch um selbst zu sehen – zum Beispiel die alten Villen, von denen die meisten liebevoll renoviert sind. Das Kurhaus von Binz ist seit dem vergangenen Dezember wieder die Perle des Ortes: Als 5-Sterne-Hotel bringt es einen Hauch von Glamour vergangener Tage zurück. Und während tagsüber (bei entsprechendem Wetter) die Terrasse als „Balkon von Binz“ heiß begehrt ist, lockt von Mitte Juni an abends im historischen Kurhaus-Saal das hauseigene Varieté „Boddenbarsch“ mit „Rügener Sommernachtsträumen“.

Vom Kurhaus hat man einen guten Blick auf eine Besonderheit der Ostsee-Insel-Hafenstädte: Weil die Ostsee so nett badefreundlich sanft abfällt, haben Schiffe es schwer. Also kommt man ihnen entgegen mit Seebrücken. Die reichen so weit ins Meer, dass die Schiffe die gewünschte Handbreit Wasser unterm Kiel haben. 370 Meter erstreckt sich die Binzer Seebrücke ins Meer, 330 die 1998 rekonstruierte Seebrücke von Sellin. Auf der Brücke ein Restaurant: Essen über der Ostsee könnte das Leitmotiv einer Insel-Rundreise bilden…
Gar keine Seebrücke hat Putbus, es liegt nämlich gar nicht an der Ostsee, sondern etwa zwei Kilometer vom Wasser entfernt. Dennoch wollte im vorvorigen Jahrhundert Malte von Putbus, der rührige Fürst und größte Grundbesitzer der Insel, Putbus zum Seebad machen. Das klappte aus den erwähnten nahe liegenden Gründen nicht, und so blieb es bei einem in seiner Bizarrheit dennoch sehenswerten Städtchen: Klassizistische Bauten nicht nur um den (kreisrunden) Circus, Theater im Park, wunderbare Alleen. Außerdem förderte Putbus den „Rasenden Roland“, eine trotz des Namens eher gemächlich schnaufende schmalspurige Bahn, die damals wie heute Putbus mit Binz verbindet: So gesehen liegt die Residenz eben doch an der See.

HIDDENSEE

Von oben ähnelt Hiddensee ein bisschen einem Seepferdchen, was man nur im Überflug oder bei einem Blick auf die Landkarte erkennt. Nach Hiddensee kommt man nur mit dem Schiff. Das Auto bleibt im Fährhafen Schaprode auf Rügen, denn Hiddensee ist autofreie Insel und personifizierte Langsamkeit. Hier geht man zu Fuß oder radelt. Lange dauert beides nicht, vom Wasser (Ostküste) zum Wasser (Westküste) sind es bei Vitte, der Inselhauptstadt, rund 300 Meter. Und bis zum Nordende auf den Leuchtturm braucht man eine Stunde, zu Fuß und mit Gegenwind.

Unterwegs erlebt man die Insel wie vor Jahrhunderten: Pferdefuhrwerke transportieren Menschen und Güter, vorbei an kleinen, meist flachen Häusern. Sie ducken sich vor dem scharfen Wind, und viele sind mit Reet gedeckt – was die Natur halt so hergibt in der eher kargen Landschaft.

Hotel-Neubauten sieht man hier eher selten – das Süßwasserreservoir der Insel ist beschränkt. Außerhalb der Ferienzeit ist eine Unterkunft kein Problem, aber zur Saison kann es schon mal eng werden auf Hiddensee. Das war nicht immer so, denn touristisch lag die kleine Insel lange im Windschatten des östlichen Nachbarn Rügen. Eine regelmäßige Schiffsverbindung gab es lange Zeit nicht, die ersten Besucher mussten sich vom inseleigenen Fährmann mit dem Ruderboot bis zur Fährinsel direkt vor dem Eiland schippern lassen. Dann spielte der Fährmann im Vorgriff auf die Diskos von heute so eine Art Insel-Türsteher: Er ließ die Männer die Hosen hochkrempeln und durchs Wasser waten. Und bei den Damen entschied er sich angeblich je nach Aussehen und vor allem Gewicht, ob er sie das letzte Stück Weges nach Hiddensee trug…

Derlei Abhängigkeit gibt es heute nicht mehr: Wassertaxis und mehrere Linienschiffe sind zuverlässige Zubringer. Sie steuern die drei Inseldörfer Neuendorf im Süden, Vitte in der Mitte und Kloster im Norden an. Die meisten Gäste sind Tagestouristen und kommen mit wenig Gepäck; wer länger bleibt, schnappt sich am Hafen einen der bereit stehenden Bollerwagen oder steigt in die Pferdekutsche: Die Insel hat ihren eigenen Rhythmus, der sich schnell auf die Besucher überträgt. Nicht ganz ohne Grund warnen die Hiddensee-Prospekte davor, dass diese Insel süchtig macht. Besonders anfällig für diese Sucht waren vor allem in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Künstler aller Art: Gerhart Hauptmann kam immer wieder zur Sommerszeit – sein Haus und auch sein Grab sind im Örtchen Kloster im Norden der Insel touristischer Anziehungspunkt. Gret Palucca, die 1925 in Dresden eine Schule für modernen Tanz gegründet hatte, verbrachte vom Jahre 1948 an viele Sommer auf Hiddensee und wurde dort auf dem Inselfriedhof 1993 mit 91 Jahren zur letzten Ruhe gebettet. Von ihr stammt der Satz: “Hier, auf Hiddensee, liegen die Wurzeln des Ausdruckstanzes” – weswegen seit 1996 Dresdner Studenten die große Ausdruckstänzerin mit einer Tanzwoche auf Hiddensee ehren.

USEDOM

Die zweitgrößte Insel der Republik liegt mit Rügen im edlen Wettstreit, wer denn nun die schönste im ganzen Land sei. Klar die Nase vorne hat die östlichste Insel Deutschlands in einer Kategorie, wo man auf Anhieb jede Wette verlieren würde: Usedom ist die sonnigste Urlaubsregion Deutschlands: 1917,5 Stunden im langjährigen Jahresmittel bestätigte der Deutsche Wetterdienst der Insel!

Also auf nach Usedom, was nach der Aktivierung des Inselflughafens sogar mit dem Linien-Flugzeug ab Dortmund geht. Für Berliner ist die Insel sowieso im wahrsten Sinne des Wortes „nahe liegend“, weswegen sie auch häufig Berlins Badewanne genannt wird.
Auf Usedom können wir unbekümmert die Seebrücken-Sammlung erweitern; wundervolle Exemplare finden sich in den drei Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf (508 Meter lang und mit sehr gutem Restaurant am Ende!) und Bansin. Der Kaiser selbst gab sich zwar nur in Heringsdorf die Ehre, aber die gemeinsame Strandpromenade und der kilometerlange feinsandige Strand verbinden. Hier kann man die Seele baumeln lassen: Baden, bräunen, bummeln…

Die Häuser in wilhelminischer Seebäderarchitektur sind schön wie vor hundert Jahren – und auch die Villen, die aus welchen Gründen auch immer noch nicht renoviert sind, strahlen morbiden Charme aus. Wer so etwas besonders mag, der sollte sich Swinemünde nicht entgehen lassen: Es ist die größte Stadt der Insel, heißt heute Swinoujscie und liegt jenseits der Grenze in Polen. Da das Bäderviertel im Krieg nicht zerstört wurde, gibt es noch sehr viele der Gründerzeitvillen im Fast-Original-Zustand.

Peenemünde am nordwestlichen Ende von Usedom ist ein über 700 Jahre alter Ort, der 1936 zum Sperrgebiet wurde: Offiziell als Zentrum für Weltraumforschung deklariert, wurden in Peenemünde militärische Waffen entwickelt. Die erste Fernrakete der Welt startete am 3. Oktober 1942. Der Bereich blieb auch nach dem Ende des Krieges Sperrgebiet, denn erst kamen sowjetische Raketenspezialisten, später ostdeutsches Militär. Seit 1991 ist die Anlage Historisch-Technisches Informationszentrum.

Eine Welt für sich ist das Usedomer „Achterwasser“. Es liegt zwischen nördlichen Teilen der Insel und dem Festland bzw. südlicheren Inselzipfeln. Mit der offenen See ist das Achterwasser durch den Peenestrom verbunden, doch als Quasi-Binnensee ruhiger als die Ostsee und noch romantischer. Das Schilfufer trägt seinen Teil dazu bei, aber vor allem die wundervollen Sonnenuntergänge. Strategisch gut liegt die Golfanlage mit einem 18-Loch Turnierplatz: Direkt am Achterwasser und in absolut himmlischer Ruhe.

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in Madame 7/2002

Die schönste K-Stadt der Republik

Lange ist’s nicht her, da sinnierte ganz Deutschland kürzelhaft über die “K-Frage”. Ganz Deutschland? Nein! In der schönsten K-Stadt der Republik gab es nämlich schön längst eine Antwort: K steht für Kirchen, Karneval, Kölsch und Kunst. Vielleicht auch noch für “Klävschmölzje”, was Mundart ist und soviel meint wie “lustige Gesellschaft von Trinkern, die sich nicht zum Heimgehen entschließen können” – eine eher umständliche hochdeutsche Umschreibung für so einen einfachen Tatbestand…

Im Szeneköln verschwindet das gute Dutzend Kölschkneipen schnell hinter anderen – wobei man immer wieder bei Bewährtem wie “Früh” oder “Päffgen” landet, wenn sie des In-Kneipen-Bummels überdrüssig ist und einfach nur abtauchen will. Was angesagt ist, kann schnell wechseln. Viel versprechend ist das “Baracuda” im Belgischen Viertel. Hier geht man hin, obwohl eine flüchtige Beschreibung der Einrichtung (Plastiksofas und Topfpflanzen) eher abschreckend wirkt. Die Cocktails entschädigen, und wer gern Leute aus der Medienbranche trifft, ist hier richtig.

Wer gerne mehr ausprobieren möchte, sollte ins Friesenviertel gehen. Früher als Rotlichtdistrikt nur in gewissen Kreisen beliebt, mausert sich der Stadtteil gerade zum Ausgehviertel schlechthin. Pflichtbesuche bitte beim “XX Dos Equis”) und “Lover’s Club”, der direkt anschließt. Hier finden auch Kunst-Events statt, so etwa eine Kunstversteigerung anlässlich der Art Cologne.

Überhaupt: die Kunst. Drei große Messen pro Jahr, etliche sehenswerte Museen. Die Zahl der Galerien liegt um die hundert, die Bandbreite von extrem etabliert bis zu „kaum da, schon wieder weg“. Kein Wunder, dass hier Deutschlands erste wirkliche Bananenrepublik entstehen konnte. 1986 begann ein damals noch Unbekannter, die krumme gelbe Frucht überall dort an die Wand zu sprayen, wo er Kunst vorzeigenswert fand. Natürlich regten sich damals alle auf, die eine Banane hatten, bis die Kunst zu wirken begann: Irgendwann regte sich nur noch auf, wer keine Banane hatte. Mittlerweile gilt die Banane als Gütesiegel, und der zudem anonyme sprayende Künstler hat sich 1991 geoutet. Er macht heute noch in Bananen, was nicht mehr wirklich hip ist. Wenn’s das sein soll, dann muss man nämlich einfach in die Galerie von Otto Schweins gehen, wo ein feinsinniger Kunstkritiker schon vor sechs Jahren den “einmaligen Mief der Moderne” festzumachen glaubte und konsequenten “Sehmalschutz” forderte…

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: Madame 3/2002

Weimar zu Fuß und zu Kutsch

Die Frage ist doch einfach: Wo ist der Anfang? Wo das Ende? In einer Stadt so klein und überschaubar wie Weimar möchte man meinen, alles sei übersichtlich und nahe beinander. Doch weit gefehlt: Eine nahezu verwirrende Vielfalt an Kultur und Geschichte stürzt auf den Gast ein, der schon nach den ersten Minuten sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass außer ihm sowieso schon alle einmal dagewesen seien…

Ein zaghafter Hilferuf im Hotel Elephant – schneller und unkomplizierter als gedacht kommt überraschende Hilfe. Sie erscheint in Form einer wohlbehüteten Dame, die sich vorstellt als Kulturreferentin des Hauses. Wo außer in Weimar gibt es das im Hotel: Eine Fachfrau für Kultur?

Wir machen den Familientest und stellen Kornelia Lukoscheck (so ihr Name, den sie natürlich bei der Vorstellung nannte und der nun endlich nachgeliefert werden muss) auf eine harte Probe: Weimar in zwei Stunden für drei veritable Teenager und zwei halbwegs gebildete Erwachsene.

Konni Lukoscheck schreckt das nicht, sie beginnt mit einem Lächeln. Neben dem profunden Wissen, auf das noch zurückzukommen sein wird, ist es vor allem der Witz, der sie auszeichnet. Wer ihr unter die Hutkrempe schaut und in die Augen, der bemerkt: Diese Frau lacht oft und gerne. Die einzigen Falten, über die man als Journalist ungestraft schreiben darf, hat sie in angenehm ausgeprägter Weise: Lachfalten!

Die Kinder werden schon mal beschäftigt, indem sie ein A-4-Blatt mit Fragen nebst einem Stift in die Hand gedrückt bekommen. Keine Angst: Was da gefragt wird, wird während der kommenden zwei Stunden beim Schwatz über Weimar erwähnt werden. Man muss halt nur aufpassen…

Auf der Suche nach der wahren Antwort auf die eingangs gestellte Frage ergibt sich mit dem Treffpunkt „Elephant“ eine glückliche Fügung: Wer hier sein Domizil auf Zeit aufgeschlagen hat, ist mittendrin, hat die Antwort im wahrsten Wortsinn gefunden: Hier im Elephant anfangen!

Wer da schon alles war! Goethe, natürlich, Herder, Wagner, Liszt. Die Bauhaus-Meister zu ihrer Zeit und in der Neuzeit viele von denen, die Rang und Namen haben und auf jeden Fall für Schlagzeilen gut sind.

Kaum verlässt man das Haus, ist man auf dem Markt und erfährt von seinem offenbar nie versiegenden Quell des Wissens, was es mit dem neuen Rathaus (linkerhand) und dem älteren (rechterhand) auf sich hat. Erste Namen fallen: Lucas Cranach der Ältere und (in diesem Jahr aus gegebenem Anlass noch deutlicher als sonst) Johann Sebastian Bach. Der hatte zwar Weimar im Knatsch verlassen, aber immerhin zwei seiner zwanzig Kinder hier gezeugt. Bachs Wohnstätte direkt neben dem heutigen Elephanten, erzählt Kornelia Lukoscheck, sei abgerissen, doch ein Schild erinnert noch daran. Die Kamera klickt, die Kinder hören erste Antworten auf die Zettel-Fragen und notieren sie eifrig.

Mehr Bach (eine Büste!), und unweit davon gleich drei Schlösser! Bereits bekannte Begriffe verdichten sich mosaikgleich zu einem Bild: Der Ginkgo-Baum am Haus der Charlotte von Stein – das reizt! Goethe war bekanntlich von beiden angetan, und die Kulturreferentin sozusagen von allen dreien: Der Frau von Stein, dem Ginkgoblatt und dem goetheschen Gedicht, das sie gleich auszugsweise rezitiert.

Goethe unter freiem Himmel hat was, und beim nachfolgenden Spaziergang durch den wunderschönen Park an der Ilm ergibt sich Gelegenheit, die eine oder andere Frage zu stellen.

Beispielsweise die, ob es dieser Frau in die Wiege gelegt ward, Kulturreferentin in einem der berühmtesten Hotels Deutschlands zu werden? Sie lacht ihr erfrischendes Lachen und erzählt: Geboren in Freyburg / Unstrut, aufgewachsen in Schulpforta, Studium Deutsch und Französisch in Leipzig. Dann („zu meiner großen Freude“) zum Schuldienst in Weimar beordert. Zum Schluss ihrer Lehrerkarriere war sie Direktorin – und unzufrieden: So viel Verwaltung! So wenig Pädagogik!

Aber diesen Teil des Beybringens hat sie sich ja auf anderem Weg gesichert: Als Stadtführerin in Weimar. Erste Schritte dazu unternahm sie bereits im real existierenden Sozialismus der DDR, nicht ohne Anfangsschwierigkeiten, weil jedes Museum und jede Gedenkstätte ihre eigene Eignungsprüfung (auch wenn das nicht immer so hieß) hatte.

Die Liebe zur Stadt und den Menschen, die in ihr wohnen und wohnten, merkt man der belesenen Frau eigentlich in jedem ihrer Beiträge an. Denn bummelnd nähern wir uns Goethes Gartenhaus, zu dem es ja viel zu erzählen gibt (auch und gerade jetzt, wo es wieder einzigartig im Park an der Ilm steht und nicht reale wie virtuelle Doubletten fürchten muss).

Weiter durch den Park, kurz verweilt bei Shakespeare (Wie, war der auch in Weimar? Nein, aber das Denkmal steht dennoch da und hat eine Geschichte), dann die Dichter kurz verlassend und hin zur Musik sowie dem Bauhaus-Museum. Wie schön, dass Weimar so fußläufig klein ist! Wie merkwürdig, dass alle diese bedeutenden Menschen ausgerechnet hier aus dem Vollen schöpfen wollten! Was ist so verlockend an der Provinz? Da gibt es viele Mutmaßungen, von denen eine sicher etwas hat: Anknüpfen an das, was war – auch wenn der eigene Geist ganz anderer Natur ist und sich sogar dran reibt.

Die nächste Station mit größerem Erklärungsbedarf ist erreicht: Goethes Wohnhaus am Frauenplan. Hier fällt nun auch zum ersten (aber nicht zum letzten) Male der Name Schiller, und der eingangs an die Kids verteilte Zettel füllt sich, weil gesprächsweise annähernd alle Antworten gegeben sind.

Vorbei an Schillers Wohnhaus-Museum, dem Theater, dem Bauhaus: wenig Schritte, aber es gibt viel zu hören und zu behalten!

Das Ende des zweistündigen Spaziergangs ist wie der Anfang am „Elephanten“. Was sich schon am Anfang als günstig erwies, ist jetzt eine Wonne: Die Terrasse im Garten hat geöffnet – und wo ließe es sich bei einem erfrischenden Glas Champagner der Spaziergang besser auswerten als hier?

Man möchte es ja nicht meinen, aber nach zweistündigem Stadtrundgang, Museumsbesuch und abendlichem Kneipenbummel freuen sich die Füße auf alternative Fortbewegungsmöglichkeit. Da kommen Volontär und Elbrus wie gerufen! Das sind die Namen zweier Pferde, und zwar just der beiden, die hinter sich eine Kutsche ziehen. Die Kutsche kann eine ungarische Wagonette sein oder ein Linzer, oder ein Schiffslandauer oder ein Modell Victoria – es gab ja auch vor Zeiten schon mehr als eine Möglichkeit des mehr oder minder bequemen Reisens.

Auf dem Kutschbock: Gunter Grobe. Das ist ein Mann, den man, so man das Glück hat, in so einer Kutsche zu sitzen, zuerst für einen veritablen Schauspieler hält: Sonore Stimme, durchaus belesen und (wenn man zuvor den soeben beschriebenen Rundgang gemacht hat) eine ebenso muntere, wenn auch offensichtlich aus anderen Quellen gespiesene Zeitung alter Weimarer Nachrichten.

Der Herr Grobe (der so witzig ist, das dies der falscheste aller Namen ist: Schalk oder so sollte er heißen!) ist aber gar kein Schauspieler, sondern zweierlei: Erstens ist er gelernter, ja sogar studierter Gastronom.

In Leipzig hatte er das Gaststätten- und Hotelwesen studiert (das war in der DDR ein richtig anerkannter Studiengang), und fünf Jahre hatte er sogar im Elephant gearbeitet. Da er aber nicht so denken und reden wollte, wie die politische Kaste das damals gern gehabt hätte, wurde nichts aus einer Karriere in der Gastronomie. Statt dessen besann er sich auf das, was er vom Vater ererbt: Der war Landwirt und Unternehmer, und so versuchte sich Gunter Grobe schon recht früh und weit vor der Wende im Tourismus. Da kutschierte er so durch, aber 1989 wurde ja einiges anders. Kutschen, befand Grobe schon damals, gehören doch ins Stadtbild von Weimar! Ein Gedanke, der sich so schnell nicht durchsetzte – obwohl diese Art der städtischen Fortbewegung auf mittleren und größeren Strecken ja durchaus Zukunft haben könnte.

Auf der gut zweistündigen Tour lernt man einiges über das Wesen eines vierjährigen thüringischen Warmbluts aus Moritzburger Zucht im Vergleich zur Gelassenheit des 18jährigen „Volontärs“ aus Oldenburger Zucht. Weiter lernt man viele Weimarer kennen (denn es scheint keinen zu geben, den der Kutscher nicht hoch vom Bock grüßt und freundliche Worte hinterherruft). Und letztlich erfährt man sich die Stadt auf alte neue Weise – und so wunderbar moderiert, als ob‘s der Kutscher des Geheimen Rathes persönlich sei, der es einem verrät.

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: trialog 3/2000
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