Erfrischendes auf dem Weg ins Erzgebirge

Weimer's Landgasthof

In Oberhäslich verwöhnt Thomas Weimer die Gäste in seinem Landgasthof

Als die Politiker uns vor reichlich zwanzig Jahren “Blühende Landschaften” versprachen, wünschten sich nahezu all diejenigen, die gerne essen und trinken gehen, dass dieser Wunsch auch in der Gastrolandschaft in Erfüllung gehen möge. In den Städten wie Dresden, Leipzig oder auch Görlitz hat das ja auch ganz gut geklappt – aber auf dem Land sieht es von wenigen Ausnahmen abgesehen immer noch aus wie in der kulinarischen Öde.

In Oberhäslich (bitte mit langem “ä” und einfachem “s” sprechen!) hat sich Thomas Weimer etwas getraut, was man sich viel häufiger wünscht: Er hat den alten Dorfgasthof zu einem Landgasthof umgemodelt, der eine herrliche Frische ausstrahlt. Der Gastraum ist hell, eine lustige Bordüre über der Holzpaneele mit hellgrün gemalten Küchengeräten gibt ihm etwas Freundliches.

Die Karte ist übersichtlich, was uns meist mehr erfreut als 300 Gerichte, die mehr Nummern als Speisen repräsentieren. Sechs Vorspeisen, fünf Hauptgerichte und drei Desserts reichen allerdings aus, sich schmackhafte Menüs zusammenzustellen. Und das taten wir dann auch – beinahe. Denn wir wollten (wegen kleinen Hungers) nur zwei Vorspeisen. “Nummer drei” am Tisch bat um einen zusätzlichen Löffel, um von der Steckrübensuppe mit gerösteten Walnusskernen (3,90 Euro) naschen zu können. Es gab, wie wunderbar, Besteck reihum für alle Vorspeisen: “Damit sich das Naschen lohnt!” Derlei unkompliziert mögen wir es, und “Nummer drei” genoss nicht nur die schaumig aufgeschlagene schmackhafte Suppe, sondern auch den Karamelisierten Ziegenkäse auf süß-sauer eingelegtem Radicchio mit Pinienkernen und Walnüssen (8,90 Euro), der zwar nur lauwarm serviert wurde, aber kräftig karamelisiert war und mit dem Radicchio einen wunderbar köstlichen Geschmack im Mund entfachte.

Der Service, der dies möglich machte, bediente uns den ganzen Abend freundlich und dezent-zurückhaltend, war aber immer zur Stelle, wenn dies nötig war. So sollte es sein. Schön ist auch, dass Thomas Weimer gegebenenfalls die Küche verlässt, um die Teller an den Tisch zu bringen. Erstens ist das Essen so wirklich warm und zweitens hat man das Gefühl, in familiärer Atmosphäre im Wohnzimmer zu sitzen: Alles läuft recht unkompliziert.

Die drei Hauptgänge lassen sich auf einen Nenner bringen: Lecker! Alle drei Fleischgerichte (es gibt auch Fisch, aber danach war uns nicht – lediglich Vegetarier müssen sich wohl etwas intensiver beraten lassen, denn Fisch- oder Fleischloses findet man nicht auf der Karte) waren auf den Punkt gegart, zart und saftig. Geschmorte Kalbsschulter auf Rahmwirsing mit Kartoffelrösti (13,90 Euro) zerschmolz auf der Zunge, kam mit ausreichend Sauce und lieferte mit den Rösti die Beilage des Abends. Die werden wir wieder ordern, egal was es dazu gibt!

Das Schnitzel des Herrn Weimer hatten wir ja schon im Dresdner Spizz gelobt, als er dort Küchenchef war. Hier erschien es uns nahezu perfekt – auch in der Darreichungsform in mehreren kleinen Stücken und nicht als ein überbordender Lappen. Die Bratkartoffeln dazu gehören zweifelsohne zu den besten der Gegend: kross-knusprig und angenehm gewürzt (Wiener Schnitzel klassisch vom Kalb mit knusprigen Bratkartoffeln und kleinem Salat für 14,90 Euro).

Prinzipiell hegen wir bei Geflügel ja eher Bedenken, dass uns das zu trocken und fade auf den Tisch kommen könnte. Weit gefehlt: Gebratene Maispoulardenbrust auf frischem Blattspinat mit Kartoffel-Parmesan-Gratin und Pfefferschaum war saftig, geschmackvoll und wurde mit einem traumhaften Sößchen serviert. Man muss Vorurteile auch mal über Bord werfen dürfen…

Zu den Desserts nur ein Satz: Gut, dass wir zu dritt waren und rundum naschen konnten. Hat sich gelohnt! (Aber wenn ich mal allein da wäre, würde ich Tonkabohnen-Crème brûlée mit Apfel-Zimt-Kompott und einer Kugel Schokoladeneis (6,90 Euro) nehmen und fragen, ob die Portion ein wenig größer sein könnte…)

Weimers Landgasthof
Dresdner Str. 9
01744 Dippoldiswalde

Tel: +49 3504 629550
www.weimers-landgasthof.de

Geöffnet:
Mittwoch & Donnerstag ab 17.30 Uhr
Freitag, Samstag, Sonntag sowie an Feiertagen ab 11.30 Uhr
[Besucht am 26. Januar 2012 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Niemanns Tresor

Niemanns Tresor

Gegenüber der Thomaskirche in Leipzig am Thomaskirchhof 20 steht ein ehemaliges Bankhaus. Der Architekt Peter Dybwad, der in Leipzig 1895 das Reichsgerichtsgebäude mit entworfen hat, hatte es 1905 für das Bankhaus Meyer & Co. gebaut. Da gibt es repräsentative Räume – auch wenn das Haus von außen “sich durch eine zurückhaltende Modernität auszeichnet und durch die Wahl vornehmlich traditioneller Stilelemente sehr gut in die städtebauliche Situation Leipzigs einfügt”, wie es in der Wikipedia über Dybwads Bauten heißt.

Um “Niemanns Tresor” zu finden, muss man also schon wissen, wo man ihn zu suchen hat: Im Hochparterre eben jenes Hauses. In einem Fenster flimmert ein Flachbildschirm nach außen, im Sims unterm Fenster gibt es dezent den Schriftzug des Restaurants: Nur wer’s weiß, sieht’s.

Drinnen verliert sich die Zurückhaltung, aber aufdringlich wird es nicht: hohe Räume, holzvertäfelte Zwischenwände, großformatige Bilder an den Wänden, satte warme Farben an der Decke und an Pfeilern, leinengedeckte Tische – irgendwie passt alles für eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre. Es gibt eine Raucher-Lounge, so dass – wer das braucht – nicht wie ein Hund vor die Tür gejagt wird. Und im Keller befindet sich der Tresor, der dem Restaurant dem Namen gab.

Wir waren nicht an irgendeinem Tag in Niemanns Tresor, sondern zu Silvester. Es gab nur ein Menü, aber man konnte kommen, wann man wollte (das hatten wir auch schon anders: da mussten alle zur gleichen Zeit da sein!).

Wo es gediegen-festlich zugeht, da sollte ein Glas Champagner am Anfang nicht fehlen: Die Auswahl ist ordentlich, und in der rosé Variante eine köstliche Einstimmung. Der Service – vier Leute wuselten im Gastraum herum – war supergut drauf, was ja an so besonderen Abenden nicht immer der Fall ist, denn schließlich müssen die Damen und Herren arbeiten, während andere feiern. Aber sie schienen alle gute Laube zu haben und brachten das bis nach Mitternacht auch rüber. Die Weinkarte des Hauses bietet genug Auswahl, um das Passende zum Essen zu finden – und dennoch entschlossen wir uns für eine der Weinempfehlungen aus dem Silvestermenü: Eine trockene Grauburgunder Spätlese vom Weingut Pawis (eins der beiden Saale-Unstrut VDP-Weingüter).

Und schon geht’s los: Brot (von der Sorte: zu lecker um es liegen zu lassen), Butter, Öl und grobes Salz und eine Schieferplatte mit dem Gruß aus der Küche (Lachs, Wachtelei und ein kleines Gurken-Joghurtmousse-Türmchen) – sah gut aus und regte die Geschmacksnerven an. Die sollten in diesem vergnüglichen Zustand bleiben, denn die folgende halbe Wachtel (aufgeteilt und in unterschiedlichen Texturen) mit Entenstopfleber an Rotkohl-Preiselbeersalat erfreute ebenfalls Aug’ und Gaumen. Schön schaumig aufgeschlagen und kräftig im Geschmack war die Selleriecremesuppe mit (erfreulicherweise gar nicht trockener!) Kanichenroulade.

An dieser Stelle baten wir erst einmal um eine Pause, denn bis dato ging es Schlag auf Schlag – kein Problem: “Geben Sie einfach ein Zeichen, wenn es weitergehen soll!” sagte die Gast-freundliche Bedienung. Nach dem Zeichen gab’s Hummerravioli auf Erbsenpurée und Morchelschaum (feiner intensiver Geschmack) und dann ein Stück vom Bentheimer Landschwein an getrüffeltem Spitzkohl. Oh oh, das war superklasse: zart und saftig das Fleisch, fein abgeschmeckt und ausbalanciert der Spitzkohl. Schade, dass man auch bei wohl bemessenen kleinen Portionen irgendwann satt ist, denn dieser Gang wäre eine Zugabe wert gewesen!
Der Käsegang (Fourme d’Ambert mit Pflaumen-Gewürzmousse) war nach unserem Geschmack der einzige geschmacklich etwas unterbelichtete im Menü – aber der dann folgende Abschluss war mehr als ein Trost: Mit der Champagner Zuckerkugel an rosa Grapefruitsorbet schloss sich der Kreis zum Beginn des Abends: was zum Gucken und Schmeckleckern…

Niemanns Tresor
Thomaskirchhof 20
04109 Leipzig
Telefon-Nr: 0341 4800947
www.niemannstresor.de

Besucht am 31.12.2011 | Lage

Auf der Wartebank

Vincenz Richter

Das „Romantikrestaurant Vincenz Richter“ in Meißen bietet ordentliche Küche und desinteressierten Service

Da stehen sie nun, die beiden Schoppen mit Weißwein. Ein Riesling und ein Grauburgunder. Für die zehn Leute in der Gaststätte gibt es zwei Bedienungen: “Er” hatte den Wein ausgeschenkt, “Sie” war irgendwie anders beschäftigt. Und während wir auf den Wein warteten, sah “Er” sich erst einmal an, wie der Wein auf der Theke warm wurde und erklärte später aufwändig und wortgewandt der Kollegin, welches denn nun der Riesling und welches der Grauburgunder sei.

Wir saßen, eng an eng mit je zwei uns Fremden rechts und links, in Meißens Traditionsgasthaus “Vincenz Richter”. Nebenan war eine Tafel für sechs Personen eingedeckt, direkt hinter uns eine für acht. Sicher, es war nett vom Tisch rechts alles über Vorverstärker und High-End-Stufen zu erfahren, auch konnten wir im Laufe des Abends mit den Nachbarn zur Linken einige Nettigkeiten austauschen, ohne die Stimme sonderlich erheben zu müssen. Romantisch fanden wir das allerdings nicht, auch wenn wir im ersten Romantik-Restaurant in den neuen Bundesländern dinierten.

Aber vielleicht bezog sich die Aufnahme vor fast zwanzig Jahren in den erlesenen Kreis der Romantik Hotels und Restaurants ja nur auf die Ausstattung und das Gemäuer des Hauses. Da kann und will man nämlich gar nicht meckern: Teils hundert Jahre alte Möbel und ein Stammtisch, der aus dem Holz der letzten Schiffsmühle der Elbe gefertigt ist, eine wundersame Waffensammlung an den Wänden: Das hat alles schon Bilderbuchcharakter.

Die Wirklichkeit kommt dann aber in Form der Vorspeise an den Tisch. “Gratinierter Ziegenkäse auf geröstetem Brot mit Ahornsirup und Apfel-Chutney” wurde eher lau als warm serviert. In vornehmer Blässe machte der Käse keinen gratinierten Eindruck, und wir vermissten auch den Geschmack von Ahornsirup. Gerne hätten wir uns wegen der Temperatur beschweren wollen, aber die beiden Servicekräfte hatten sich ins Backoffice verabschiedet, so dass das erst nach der Hälfte der Vorspeise gelang. Der verbliebene Ziegenkäse kam dann so temperiert, wie er von Anfang an hätte sein können. Und was fragte die Bedienung am Ende des Ganges (zu dem beim Gegenüber auch eine schön kräftige und sogar heiße Weißweinbouillon gehörte)? “War alles zu Ihrer Zufriedenheit?” Was soll man da, nachdem man die Unzufriedenheit schon kund getan hatte, nur antworten? Wir entscheiden uns für ein stereotyp angepasstes “Lecker!” und bestellten für den Hauptgang zwei neue Wein: Einen Schieler (den muss man bei Vincenz Richter getrunken haben!) und einen Dornfelder. Es kam: Nur der Schieler (und das kannten wir ja nun schon: jemanden zu erwischen, um sich schnell zu beschweren, ist schwer).

Damit war der Ärger aber auch fast vorbei, denn das servierte Essen war dann nahezu perfekt: Ein ordentliches Stück wirklich “Rosa gebratenes Kalbsrückensteak” mit einer guten Auswahl knackig gegarten Gemüses und einem Stück saucenfreundlichen schmackhaften Kartoffelbaumkuchen hier, drei mal gerade so “Rosa gebratene Medaillons vom Hirschrücken mit Maronensauce, Speck-Rosenkohl, Preiselbeeren und Gnocchi” gegenüber (wobei wir uns immer wieder fragen, warum man drei dünne Medaillons serviert statt eines gleichgewichtigen dicken – da lässt es sich doch viel leichter rosa garen!). Den Abschluss bildete ein Dessertteller mit Rieslingeis und einem sächsischem Quarkkäulchen: Beides so, dass man es jederzeit auch Freunden empfehlen könnte.

Ende gut, alles gut? Fast. Dreimaliges Fragen, ob alles zu unserer Zufriedenheit gewesen sei, kürzte die Zeit des langen Wartens auf die bestellte Rechnung ab.

Romantikrestaurant Vincenz Richter
An der Frauenkirche 12
01662 Meißen

Tel.: 03521 / 453285
www.vincenz-richter.de

[Besucht am 22. Dezember 2011 | Veröffentlich am 5. Januar 2012 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Das Beste im Nirgendwo

Ente im Gasthof Bärwalde

Eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen von Freunden ist diese: “Wo soll ich denn mit meinem Freund / meiner Freundin / meinen Eltern essen gehen?” Meist mit dem Zusatz: “Du kennst dich doch aus!”

Pustekuchen. Na klar, wir sind manchmal unterwegs und machen ja auch kein Hehl daraus – aber wo es uns schmeckt, muss es ja anderen nicht gefallen, und nur weil wir die Bedienung nett fanden, kann sie an einem anderen Tag anderen Gästen ja ganz anders kommen. Oder gar eine andere sein!

Trotz aller Rumeierei (“Wieviel willst Du denn ausgeben?” – “”Welche Richtung soll’s denn sein?”) ist allerdings ein Name gesetzt: Der vom Gasthof Bärwalde. Hier kocht Olav Seidel, was seine Frau Manuela im Service an den Tisch bringt. Das muss ja schon besonders sein, wenn man den Gasthof Bärwalde als das Lieblingsrestaurant in Dresden bezeichnet…

Wir waren neulich wieder da, und das Geschehen an diesem Abend zu erzählen mag begründen, warum man (von Dresden aus) bis hinter Moritzburg fährt, um im Nirgendwo das Beste zu finden. Die Geschichte beginnt beim Besuch im März. Da lasen wir in der Menü-Karte auf einem Extra-Blatt, was man so alles bekommen kann, wenn man nur rechtzeitig mit dem Koch redet. “Auf Vorbestellung und je nach Saison bereite ich für Sie zu” stand da, und etwas weiter unten: “Bärwalder Bauernente aus dem Ofen – serviert in zwei Gängen (2011 limitiert auf 20 Stück)”. Das fanden wir toll und reservierten schon mal eine!

Im November erhielten wir einen Anruf: Die Enten seien dann so weit! Wir könnten einen Termin ausmachen, aber bitte nicht für sofort, denn zehn Tage müssten sie nach der Beförderung ins Jenseits noch abhängen! Kein Problem für jemanden, der sich seit März freut, sich dann auch noch auf einen Termin im Dezember zu freuen!

Eine Ente aus Bärwalde (aufgewachsen und einige glückliche Tage hatte sie zwei Häuser und einen Garten weiter quer gegenüber vom Gasthof) reicht, um vier Leute glücklich zu machen und lässt dann auch noch Platz für Vorspeise und/oder Dessert. Das “Süppchen vom Muscade de provence mit steirischem Kürbiskernöl” war eine schaumig aufgeschlagene cremig-gelbe Einstimmung in den Abend, auf die zu verzichten doppelt dumm gewesen wäre. Einerseits, weil man schon einmal einen ganz fantastischen Geschmack im Mund hat und andererseits auch, weil sie eine gute Überbrückung bis zur Ente ist. Denn die war noch im Ofen als wir kamen, und gut Ding will bekanntlich Weile haben. Aber mit dem zuvor gelieferten (wunderbar frischen) Brot und der Suppe gab’s keinerlei Ohnmachtsanfälle!

Manuela Seidel präsentierte uns die Ente auf dem Silbertablett – sie (also in diesem Fall die Ente, über Servicepersonal würde ich ja so nie schreiben) machte einen guten Eindruck: braun und weihnachtlich verziert. Dann verschwand sie (also die Frau Seidel, die Ente war ja aktiv dazu nicht mehr in der Lage) und kam wenig später zurück: Vier reichliche Portionen mit durchgehend rosa Entenbrust auf einem Wirsinghügel im Saucensee. Das Gespräch am Tisch, bis dahin munter und auf gewissem intellektuell vertretbaren Niveau gehalten, glitt flugs ab: Aaaaahhhhh! Oooohhhh! Hhhhhmmmm! und derlei mehr, manchmal auch ein “Waaahnsinn!” oder “Feinfeinfein”. Sogar ein schlichtes “lecker!” war zu hören, was zu schreiben mir die verehrte Kollegin nachgeradezu verboten hatte, sich aber nun, da es gesagt wurde, nicht vermeiden ließ. Kartoffelgratin und eine Sauciere mit noch mehr von der figurschaffenden Sauce waren zusätzlich zum schon ansehnlich gefüllten Teller serviert worden, eine durchaus köstliche Kombination!

Eigentlich waren wir danach satt. Und so war es nicht weiter schlimm, dass die Reste der Ente – zwei Keulchen, aufgeteilt auf vier Leute, klein und leider auch nicht ganz so fein gerieten: Das zarte Rosa der Brust ist nicht gut für das Laufwerk, das hätte mehr – viel mehr – Zeit benötigt und war uns allen ein wenig zu wenig durch sowie (wohl auch daher) zu bissfest. Aber mit dem mitgelieferten Salat und seinem Seidelschen Dressing (sahnig, sag ich!) gab das einen akzeptablen Zwischengang her. Außerdem muss man die Teller ja nicht immer so blitzsauber zurückgeben, dass sie wie frisch aus der Vitrine aussehen. Offensichtlich teilte die Küche – ohne dass wir was gesagt hatten – unsere Einschätzung und berechnete die Keulen nur als “warmen Zwischengang” mit 5 Euro pro Portion, was mehr als fair war (die Brust war mit 16,50 Euro schon fast unterbezahlt, so wie sie uns mundete).

Hatte ich gerade geschrieben, dass wir eigentlich schon vor dem Keulengang satt waren? Ja, hatte ich. Aber im Gasthof Bärwalde auf das Dessert zu verzichten, ist Frevel. Und Frevler sind wir nicht, schon gar nicht im Advent. Also gab’s was es immer gibt für uns: “Crème d’Anjou mit marinierten Kumquats”. Und bevor jemand sagt: Damals hattet ihr doch diesen bezaubernden “Leichten Weißkäse mit Tahitivanille” – das ist das gleiche Gericht, nur mit anderem Namen…

15 Punkte erhielt Olav Seidel im jüngst erschienen Gault Millau – ein hoher Einstiegswert. Das werden nun die Redakteure der anderen Restaurantführer lesen, auch hingehen und ihn ebenfalls gut bewerten. Dann wird es voll werden in Bärwalde, was schön ist – gönnen wir doch jedem Gastronom ein volles Haus. Aber vorsichtshalber haben wir für Mai 2012 schon einen Tisch rserviert!

Gasthof Bärwalde
01471 Bärwalde
Kalkreuther Straße 10a
Tel. 035208 / 342901

Geöffnet
Donnerstag – Montag ab 18 Uhr
Sonntags auch 12 – 14 Uhr
Reservierung empfohlen

[Besucht am 12. Dezember 2011 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Besuche März 2011 und Februar 2010]

Erfreuliche Gast-Freundlichkeit

Erbgericht Tautewalde

Kulinarischer Leuchtturm in der Oberlausitz: Das Erbgericht Tautewalde

Erbgerichte gibt es viele in der Gegend zwischen Elbe und Neiße – aber das Erbgericht ist seit Jahren unangefochten jenes in Tautewalde. Schon vor zehn Jahren, als mit der feinen Küche hierzulande noch nicht so viel Staat zu machen war, war das dunkelrote Landgasthaus im 360-Seelen-Dorf ein Lichtblick für Feinschmecker. Anders als früher im Mittelalter die Erbrichter, die (der Name deutet es an) ihr Amt vererbten und neben dem Richteramt auch Schank- und Braurecht hatten, gab es in der Neuzeit Besitzer- und diverse Köchewechsel. Seit einigen Jahren kocht nun schon Enrico Schulz in Tautewalde.

Die Gaststube ist erfreulich unplüschig eingedeckt, man sitzt auf einer rundum laufenden Bank oder auf bequemen Stühlen mit hellem Holz, was schon einmal eine gewisse Heiterkeit ausstrahlt. Unverkrampft-freundlich und somit passend zum Ambiente wurden wir auch bedient. Die Karte ist übersichtlich und liest sich angenehm unkompliziert. Wir bestellten das Menü mit Extrawünschen: Kein Problem, einen Gang auszutauschen, und obschon die von uns gewählte Vorspeise in der Karte deutlich teurer war als die vorgesehene, ging das unkompliziert und ohne Aufpreis. Sehr Gast-freundlich!

Bevor es richtig losging, schickte die Küche nette Verführer zur Einstimmung: Zuerst dreierlei frisches Brot mit drei Belägen (inklusive einem Traum von Gänseschmalz) und dann einen Dreiklang aus Rosenkohlschaumsüppchen, Geflügelleberpastete und Salatbouqet, bei dem uns die Leichtigkeits des Süppchens begeisterte und die Balsamicokunst auf dem Teller irritierte – die hat der Koch doch nicht nötig (zumal sie nicht einmalig war, sondern sich auch über den Feldsalat der Vorspeise zog). Beim “Feldsalat mit Preiselbeerdressing, gebratenem Kaninchenfilet und Ziegenkäse” klang der Tenor des Abends an: es schmeckt, es ist handwerklich sauber – aber uns fehlte manchmal der letzte Pfiff. “Meckern auf hohem Niveau” nennen wir selbst das, aber was soll’s: Der Ziegenkäse ein feiner Frischkäse, der kaum nach Ziege schmeckte, das Kaninchen sehr kross und würzig sowie (die hohe Schule) innen noch saftig – aber zu unserer Überraschung kalt. Bei der gebratenen Entenstopfleber und Jacobsmuschel an Zweierlei von Kürbis kam uns der Kürbis sehr einerlei im Geschmack vor, trotz unterschiedlicher Zubereitung. Zum Balsamicomuster sagen wir jetzt besser nichts!

Die beiden Hauptgänge zeigten uns, dass die Küche mit Fisch wie mit Fleisch gleichberechtigt perfekt umgeht: “Auf der Haut gebratenes Zanderfilet an Spitzkohl, Orangen und Balsamico-Linsen” kam, wie auch die “Glasierte Entenbrust an Honig-Schalottenjus mit Kürbis-Lauchgemüse und Macaire-Kartoffeln” mit einem bemerkenswerten Sößchen, und während wir Dorade uneingeschränkt genossen, rätselten wir über das nicht so zarte Fleisch bei der Ente: So wie sie aussah (außen sehr kross, innen perfekt rosa) muss es am Tier gelegen haben. Vielleicht hatte es ja Stress…

Fazit: Der Lichtblick in der Oberlausitz von vor zehn Jahren ist immer noch ein Leuchtturm, den zu besuchen sich lohnt!

Landhotel Erbgericht Tautewalde
OT Tautewalde 61
02681 Wilthen
Tel.: 03592 38300
Fax: 03592 383299
erbgericht@tautewalde.de

Geöffnet
11:30 bis 14 Uhr (tägl. außer dienstags)
17:30 bis 22 Uhr (tägl., So bis 21:30 Uhr)

[Besucht am 19. November 2011 |  | Veröffentlicht am 8.12.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung |  Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Besuch 2010]

Ehre wem Ehre gebührt

Platzhirsche und Newcomer

Mit den Köchen ist das ja so: Eitel sind sie alle, betonen aber immer, dass sie es nicht sind. Dennoch merkt man den besseren jedes Jahr im Herbst eine gewisse Unruhe an: Die einschlägigen Restaurantführer erscheinen und wissen es natürlich, mit viel Tamtam die Marketingtrommel zu rühren. Und dann: Pressekonferenz, Sperrfrist, Insiderwissen – traraaaa: Habemus Fressführer!

Der Michelin vergibt seine Sterne – das trifft immer recht wenige, vor allem in unserer Gegend. In diesem Jahr blieb faktisch alles beim Alten, denn dass einer, den es nicht mehr gibt, keinen Stern mehr hat, ist ja irgendwie naheliegend (dem Maurice in Dresden ging das so – aber wir haben eh nie verstanden, warum es da überhaupt einen Stern gegeben hatte, nach unseren Erlebnissen…).

Wie gesagt, ansonsten hierzulande nichts Neues unterm Sternehimmel, also Falco in Leipzig zwei Sterne, der Stadtpfeifer in Leipzig einen Stern, und in Dresden geben sich Dirk Schröer vom Caroussel und Stefan Herrmann vom bean&beluga die Ehre.

Nun erschien auch wenige Tage nach dem roten guide mit dem Reifenmännchen der für seine feinen ironischen Texte geliebte und verhasste (je nach dem…) Gault Millau. Dort kann man sich maximal 20 Punkte erkochen. Aber wer ist schon perfekt?

Platz 1 der kulinarischen Hitparade des Gault Millau in Sachsen hält mit 18 Punkten Dirk Schröer vom „Caroussel“ in Dresden: „Bei dessen Variation von der Raf-Tomate, der fast kernlosen, fleischigen Urtomate aus Spanien, die ihm ein Gemüsebauer aus Radebeul züchtet, weiß man mal wieder, wie gut Tomate eigentlich schmecken kann und sollte. Ein heißer Tipp ist auch die kalt-warme Vorspeise aus gebratenem Langostino mit geeistem Süppchen von Kopfsalat und Franzosenkraut sowie einem Löffel geeisten Rotweinessigs. Eine perfekte Komposition mit langem Nachklang, auch an verwöhnten Gaumen, ist der mit würzigem Knödelteig gefüllte und mit Trüffelmayonnaise ‚eingecremte’ Ochsenschwanz in einem intensiven Schmorsaft mit Sellerie-Trüffelgemüse.“ heißt es im Gault Millau, der nur zwölf Köche bundesweit besser bewertet als Dirk Schröer!

Ihm auf den Fersen ist Stefan Hermann vom bean&beluga, dem die Redaktion attestiert, „geschickt zwischen Klassik und Moderne [zu pendeln] – bei geschmackssicherer, akkurater Zubereitung. Das Speisenangebot ist namensgerecht breit gefächert: von weißen Bohnen als stimmiger Beilage mit Apfelstiften in fruchtigem Fischfond zu gebratenem Rochenflügel und dünn aufgeschnittenem Oktopus bis zu Beluga-Kaviar als Krönung eines grünen Gazpacho mit wunderbar zarter Königskrabbe“.

Stefan Hermann wurde auch für seine Kochkurse gewürdigt und bekam die Auszeichnung „Kochschule des Jahres“, weil „er nicht nur Fitness am Herd, sondern auch Kochkunst, Lebensfreude und Genusserlebnis fördern will“.

Insgesamt glauben die Tester(innen) “einen sachten Aufschwung im Mittelfeld der sächsischen Spitzengastronomie” erschmeckt zu haben – wer sagt’s denn! Was uns besonders freut: Olav Seidel vom „Gasthof Bärwalde” in Moritzburg ist mit 15 Punkten erstmals dabei – ein hoher Einstieg, aber ein verdienter (Notizen unserer Besuche 2010 und 2011). Seidel beeindruckte mit „gebratener Forelle aus dem nahen Steinbach in einer Weißburgundersauce, die eher eine Beurre blanc von schön buttriger Konsistenz und feiner Säure ist, und als Dessert mit einer Schüssel duftender dunkler Erdbeeren (die ein Obstbauer der Gegend aus der dunklen, nicht so süßen Urerdbeere und gezüchteter Walderdbeere kreuzte) mit luftig schaumigem Weißkäse“.

14 Punkte und ebenfalls neu dabei: Stephan Mießner vom „Elements“ in Dresden. Er überraschte durch „gebackene Salatherzen mit Ziegencamembert und gepfefferten Kirschen oder originelle Currywurst vom Kalbskopf mit Tomatenconcassé von milder Curryschärfe und luftigem Kartoffelschaum“. (Wir waren in der Tagesbar…)

[Die Bilder zeigen Stefan Hermann (oben links), Dirk Ströer (oben rechts), Olav Seidel (unten links) und Stephan Mießner (unten rechts).]

Dornröschen war in Sörnewitz

Weinhaus Schuh, Sörnewitz

Ein klassischer Fall von Untertreibung:
Das Weincafé zur Bosel der Familie Schuh serviert auch richtig gute Speisen

Sörnewitz, rechtselbisch etwa fünf Kilometer vor Meißen gelegen, hat in den Ohren der meisten Touristen gar keinen Klang: Und selbst bei der Durchfahrt mit dem Auto erschließt sich das Straßendorf mit seinen rund 600 Einwohnern nicht wirklich. Aus der Entfernung, zum Beispiel von der anderen Elbseite oder auch vom Dampfer auf der Elbe, sieht das schon anders aus: Mit der Bosel und fotogenen Weinbergen im Hinterland ergibt sich ein derart pittoreskes Bild, dass man gerne einmal dort wäre!

Das lässt sich einrichten! Mitten in Sörnewitz hatte sich 1990 der Winzer Walter Schuh etwas vorgenommen: Aus einem nahezu verfallenen Bauerngut mit Fachwerkhaus aus dem Jahr 1819 und Scheune von 1874 ein modernes Weingut zu machen – wer es heute sieht, glaubt an Märchen á la Dornröschen. Eine Generalsanierung gab es auch für die Weinberge, auf denen Schuhs Reben stehen: Seit 1993 wurde erst einmal tabula rasa gemacht und dann neu aufgerebt, mit einer Besonderheit: Es gibt 43 Prozent Rotweinanteil.

Unser Besuch im Weinhaus Schuh begann mit einem Aperitif in der Dependance am Meißner Markt: In der Vinothek kann man tagsüber Weine aus allen deutschen Anbaugebieten kaufen und probieren. Trotz des extrem kitschigen Etiketts entschieden wir uns für die hauseigene “Träumerei”, in der Müller-Thurgau und Traminer eine erfrischende Allianz eingehen. Nach Sörnewitz sind wir dann gelaufen und kamen zu einer Zeit an, die essenstechnisch eher ungünstig ist: Halb vier Uhr nachmittags. Aber da es mittags lediglich die kleine Träumerei gegeben hatte, waren wir hungrig – und wurden nicht enttäuscht: Natürlich könnten wir auch um diese Zeit essen! versicherte die Chefin Martina Schuh.

Es gab: Das volle Angebot. Derartige Gast-Freundlichkeit wünschen wir uns häufiger, zumal wenn sie mit Lächeln und Charme gepaart ist! Die Küche verwendet ausschließlich frische Zutaten, und soweit möglich, Kräuter und Gemüse aus biologischem Anbau. Erfreulich, aber nicht verwunderlich, denn auch die Weine entstehen beim Schuh nach den Vorgaben des kontrollierten, umwelt­schonenden Wein­baues.

Nun haben wir ja schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass zwischen Wollen und Können häufig ein Riesenunterschied besteht und waren gespannt. Aber schon die Vorspeisen stellten die Weiche in die richtige Richtung: Lauwarmer Linsensalat mit schwarzem Sesam (vom Dreigangmenü) mit pikantem Dressing und knackig frischen Kräutern und Salatblättern war mehr als ein veritabler Ohnmachtshappen! Die beiden Suppen der Mit-Esser konnten mithalten, wobei die “Feine Kürbiscremesuppe” dank schönen Eigengeschmacks aus dem Beliebigen herausstach.

Drei Hauptgänge, drei verschiedene Saucen! Und dreimal war die nicht so spärlich, sondern in gerade richtiger Menge zum Ditschen (mit Knödeln bzw. krossen Rösti) auf dem Teller. Wir waren begeistert, denn zu oft haben die Saucen mehr mit Tüten als mit dem Fleisch zu tun! Der Regent, der in der Sauce zu den zarten und bestens gegarten Medaillons vom Hirschrücken Teil des Wohlgeschmacks war, erwies sich dann auch als ein guter Begleiter zum Essen.

Gebackene Apfelringe mit Vanilleeis (aus dem Menü) waren ein gelungener Abschluss, aber die Zwei ohne Menü hatten einen krönenden: Walnussparfait mit in Schieler-Weinbrand marinierten Trauben: Genial einfach, aber genial gut!

Weincafé zur Bosel
Weinhaus Schuh
Dresdner Straße 314
01640 Sörnewitz

Telefon: 03523 84810
www.weinhaus-schuh.de

Geöffnet
Mo-Fr ab 17:00 Uhr
Sa+So ab 11:00 Uhr
22.12.2011 – 31.01.2012 Winterpause; Februar/März Mo-Mi geschlossen

[Besucht am 22.10.2011 | Veröffentlicht am 10.11.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Der Restaurantkritiker

Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist,
Denn ich bin beruflich Pharmazeut,
Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist:
Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.

Georg Kreisler, Musikkritiker

Essen gehen und drüber schreiben – das muss doch ein großes Vergnügen sein! Ja, ist es – aber es ist auch Arbeit. Unbefangen den Abend genießen geht nicht, und geschrieben werden will die Kritik ja auch! Weil immer mal wieder Fragen auftauchen, wie so ein Testessen denn funktioniert, gibt es hier einige Antworten…

Die wichtigste vielleicht gleich zu Beginn: Natürlich gehen wir anonym in die Gaststätten, die wir besuchen. Zur Anmeldung (denn ohne geht’s ja meistens nicht) wählen wir am Telefon einen anderen als den wirklichen Namen und riskieren dabei lediglich, den ganzen Abend vom aufmerksamen Personal falsch angeredet zu werden. Meistens aber verpasst das Personal diese Chance und redet uns gar nicht an. (Dass es auch anders geht, durfte ich einmal in Berlin im Hotel Adlon erfahren: Dort wird man zum Frühstück empfangen und gibt seine Zimmernummer an – so weit nichts Unübliches. Aber dass dann die Servicekraft, die uns zum Tisch geleitete, uns mit Namen ansprach, fand ich schon bemerkenswert.)

Und was ist mit Gaststätten, wo man Euch kennt? Die gibt’s, natürlich. Aber man kennt uns ja dort, weil wir mehr als einmal da waren – und dann fällt es auch nicht auf, wenn man ausgerechnet bei demeinen Besuch dienstlich wird.

Kann man denn da noch objektiv sein? Na klar kann man das! Wenn dann was nicht gepasst hat, hat das allerdings beim nächsten Besuch meist längere Gespräche zur Folge!

Wir kommen also weitgehend unerkannt und benehmen uns eher touristisch. Wir bestellen prinzipiell unterschiedliche Dinge, um möglichst viel mitzubekommen von der Küchenleistung. So die Karte es zulässt also sowohl Fisch als auch Fleisch, möglichst etwas Vegetarisches und eine Suppe. Und wenn es geht, auch noch ein Dessert.

Wie schafft man das? Man muss ja nicht aufessen, auch wenn die Bedienung dann manchmal enttäuscht guckt. An das Märchen mit dem guten Wetter bei leergegessenem Teller glauben ja nicht mal mehr Kinder – wir auch nicht. Außerdem funktioniert auch in Deutschland, was andernorts (Italien beispielsweise) gang und gäbe ist: Sich eine Portion zu teilen. Zumindest bei der Vorspeise, eventuell dem Zwischengang und auf jeden Fall beim Dessert. Außerdem hat es sich bewährt, ein wenig neugierig die Tische rundum zu beobachten: Wie sehen andere als die selbst bestellten Gerichte aus? Was sagen die anderen Gäste (manchmal reicht es schon, deren Mimik zu beobachten)?

Und, wenn etwas nicht so ist wie es sein sollte – sagt Ihr dann was? Einer der ganz heiklen Punkte bei der Restaurantkritik, denn natürlich bedeutet jede Äußerung eine Beeinflussung des Tests. Im Theater kommt es ja auch äußerst selten vor, dass bei der Premiere einer Oper sich jemand im dritten Rang erhebt, um lauthals die Regie zu hinterfragen. Wir greifen also nur ein, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt – wenn beispielsweise das “Rosarot gebratene Lamm” der Karte grau wie ein Endsechziger daherkommt. Meistens wird aus der Ess- dann eine Bedienkritik, aber es gibt durchaus hervorragende Kellner(innen), die das Desaster elegant zu handhaben wissen. Das gibt dann Pluspunkte!

Wie bewertet Ihr eigentlich? Gibt es nachvollziehbare Kriterien? Nun – die einen sagen so, die anderen sagen so! Natürlich gibt es objektive Dinge, über die man gar nicht diskutieren muss. Das graue rosa Lamm fällt in diese Kategorie, aber schon bei der Menge des Salzes oder dem Gargrad von Gemüse kann man unterschiedlicher Meinung sein. Was hilft? Die Dinge zu beschreiben, wie sie sind, statt sie zu interpretieren. Das ist übrigens schon seit Journalisten-Generationen eine bewährte Methode – der Prager Journalist Egon Erwin Kisch (* 29. April 1885; † 31. März 1948), eins der schreibenden Vorbilder, hat die Grundregeln aufgestellt.

Ansonsten sind wir ganz normale (naja…) Gäste, die sich hauptsächlich wohl fühlen und einen netten Abend haben wollen. Ganz wichtig: Wir versuchen die Lokale da abzuholen, wo sich selbst einordnen. Also gibt es andere Erwartungshaltungen in der Dorfkneipe nebenan als beim Edelitaliener, der durch Arrangement und Preis zu erkennen gibt, wer er sein möchte. Da Köche übrigens eine sehr sensible Berufsgattung sind, gibt es hier die meisten Enttäuschungen: Wenn jemand mehr sein möchte als er kann und dabei erwischt wird…

Natürlich ist jede Kritik subjektiv – so wie die Küche gute und schlechte Tage haben kann, hat auch ein Schreiber gute und schlechte Momente. Man schleppt ja sein ganzes Leben jeden Tag mit sich herum! Ein Teil der Professionalität ist allerdings, mit den eigenen Launen / Vorlieben / Antipathien etc so objektiv wie möglich umzugehen. Da hilft es manchmal schon, ein oder zwei bis drei Tage das Erlebte sacken zu lassen und erst dann zu schreiben. Und dann das Geschriebene nach einer Nacht nochmal zu lesen und gegebenenfalls zu überarbeiten! Verrisse schreiben sich übrigens deutlich schwerer als Lobhudeleien!

Muss denn immer genörgelt werden? Nein, muss es nicht! Aber leider gibt es nur selten Abende, wo alles stimmt. Manchmal ist es übrigens noch schlechter als wir schreiben möchten – aber meistens schreiben wir dann lieber gar nicht!

Und, wenn’s schlecht war, geht Ihr dann noch mal hin für eine zweite Chance? Nein – es sei denn, der Wirt würde zu uns kommen und sagen: “Sorry, wir hatten heute einen schlechten Tag – Sie müssen nicht zahlen!” Übrigens: Wenn es gut war, sollen wir dann auch nochmal hin, bis wir die Küche an einem schlechten Tag erwischen? Eben!

Geschmackssache

Ein Abend mit Geheimnissen

Schlemmerzimmer Bei Schumann

Das Schlemmerzimmer im Hotel „Bei Schumann“ ist sicher nur ein kleiner Mosaikstein im Gesamtplan der „erlebten Sinnlichkeit“ des Hauses. Umso mehr interessierte es uns, welche Folgen für das kulinarische Niveau der Weggang des erst vor einem Jahr mit großem Presserummel angekündigten Kochs Robert Klaus, ehemals „L‘Ambiente“ Bautzen, wohl hat. Heiko Mühlig, sein Nachfolger in Kirschau, jedenfalls verspricht uns auf der Speisekarte, dass wir „erfahrene handwerkliche Kochkunst“ erwarten dürfen.

Die Bedienung überraschte uns gleich zu Beginn des Besuchs mit einer überraschenden Entscheidung: Wir bestellten ein stilles Wasser und bekamen – ungefragt – 0,375 Liter einer norwegischen Spezialität für 6,90 Euro. Darüber waren wir nicht wirklich glücklich – weniger wegen der Gerüchte, die vor einem Jahr kursierten und besagten, dass es sich bei VOSS letztendlich um Leitungswasser handele (was die Firma dementierte), sondern weil wir prinzipiell regionale Produkte bevorzugen. Also fragten wir nach und bekamen ein Oppacher (das, genau wie das Voss, nicht auf der Karte steht).Das Menü verzeichnet acht Positionen, aus denen man sich ein Dreigang-, Fünfgang- oder Komplett-Menü zusammenstellen kann. Die umfangreiche Weinkarte bietet etliche Positionen auch offen im 0,1-l-Glas an. Wir ließen uns auf die fachkundige Empfehlung ein und bestellten die passenden Weine zum Essen, dass man übrigens auch als “Überraschungsmenü” bestellen kann. Die Überraschung besteht darin, die Karte vorweg nicht lesen zu dürfen (“denn dann wissen Sie ja, was es gibt”). Ähnlich geheimnisvoll kam der Wein an den Tisch, eingewickelt in eine Serviette: Der Gast darf probieren und raten.

Das durchaus schmackhafte Essen lieferte immer wieder Diskussionsstoff wegen der handwerklichen Verarbeitung. Bei der Entenstopfleber war glücklicherweise nur die beiliegende Brioche zu trocken, aber die (vorzüglichen) frischen Waldpilze kamen in einer arg hart-mehligen Nudeltasche. Und auch das eigentlich perfekt rosa gebratene Bisonfilet war erstaunlich saftlos – und Saucen sind ja bei vielen Köchen immer noch nur ein Hauch von Irgendwas (in diesem Fall wenig sehr dickflüssiger Trüffeljus). Mehr Glück hatten wir bei “Weisser Heilbutt mit Kohlrabi-Salpicon und Rote-Bete-Schaum”, weil hier Geschmackskombination und Gargrade keine Wünsche offen ließen. Die beiden Desserts schließlich setzten nachhaltige Akzente – mit einer Käseauswahl vom Brett, bei der auch die Beratung stimmte und einem Mousse-Teller, von dem jeder Löffel wie Schaum auf der Zunge zerging.

Schlemmerzimmer
im Hotel Bei Schumann
Bautzener Str. 20
02681 Schirgiswalde-Kirschau

Tel. 03592 – 520-520
www.bei-schumann.de

Öffnungszeiten: Di – Sa ab 19.00 Uhr

[Besucht am 17.09.2011 | Veröffentlicht am 22.09.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Tafelspitz und MascarBombee

Eutschützer Mühle

In der Eutschützer Mühle kommen Wanderer auf ihre Kosten

Nein, ein Feinschmeckertempel ist das nicht – will es auch gar nicht sein. Aber ein Ort, den man als fußmüder und hungriger (und selbstredend auch durstiger) Wandersmensch anstrebt, ist die Eutschützer Mühle allemal. “Das Befugnis zum Setzen fremder Gäste und zur Verabreichung kalter Speisen, zum Tanzmusik halten an Feiertagen” ist seit 1848 verbrieft, die Mühle selbst gibt’s schon länger: In diesem Jahr begeht man das 300jährige Jubiläum, außerdem gilt es ein 15jähriges zu feiern, denn 1996 wurde die zuvor baufällige Mühle nach gründlicher Renovierung als Pension und Landgasthof wiederöffnet. Inhaber Michael Mittag hat ein Faible für Musik, so dass die Mühle in Bannewitz schon mal zum Konzertsaal wird. Unter anderem waren Klaus Renft, Annamateur und Thomas Stelzer da – alle wahrlich nicht irgendwer. 

Drinnen gibt es einen großen Saal für hundert Personen – außerhalb von Feiern eine eher ungemütliche Angelegenheit. Tagesgäste essen im Gastraum, der mit allerlei Gesammeltem erfolgreich ein wenig vom nullacht-fuffzehn-Mobiliar ablenkt. Draußen sitzt es sich auch ganz wunderbar – und das nicht nur im Sommer: Im Winter haben wir hier draußen an verschneiten Tischen schon dick eingemummelt Glühwein genossen.

Wirte, die so etwas mitmachen, meinen es gut mit den Gästen. Bleibt die Frage, ob die Küche genauso denkt! Wir bestellten einen Griechischen Bauernsalat – wir wollten ihn uns teilen und sagten das bei der Bestellung auch so. Dann kam der Salat – auf einem Teller. Ein zweiter hätte uns gut gefallen! Glücklicherweise steht genug Besteck im Bierkrug auf dem Tisch, da konnten wir uns bedienen. Der Salat selbst war nicht wirklich griechisch-bäuerlich mit den Blattsalaten, aber wir sind ja in Bannewitz und nicht in Griechenland: da darf man das! Zumal der Salat knackig und fein angemacht war – und gut schmeckte. Also wollten wir nicht meckern und fanden lediglich die rund um den Tellerrand gestreuten Petersilienfitzel irgendwie unpassend.

Der gleiche Grünkranz außen herum zierte den “Gekochten Tafelspitz mit Meerrettichsauce, Wurzelgemüse und Klößen”. Im Zentrum des Tellers: erfreulich knackiges Gemüse, ein etwas zu harter Tafelspitz und gute Klöße. Ob die Meerrettichsauce ein wenig mehr Meerrettich vertragen hätte, beschäftigte uns eine Zeitlang – unterm Strich blieb: Hätte vielleicht, aber es ging auch so!

Von der saisonalen Pfifferlingskarte hatten wir die Version mit Schweinerücken-Schnitzel bestellt und haben es nicht bereut: ein schönes krosses Schnitzel, die Pfifferlinge mit Speck und Zwiebeln angebraten. So stellen wir uns bürgerliche Küche in einem Ausflugslokal vor – und das grüne Band rundum auf dem Tellerrand nahmen wir als Hauskonstante nun schon beruhigt wahr.

Eigentlich waren wir ja schon satt, denn die Portionen sind in der Eutschützer Mühle nicht klein. Aber da die Karte lustvoll eine MascarBombee als “das beste Dessert der Welt” anpries, versuchten wir es nochmals mit der Variante “Eins für Zwei” und bekamen in einem Glas ein gar köstliches Tiramisu. Hausgemacht, ohne Petersilienrand und mit zwei Löffeln!

Eutschützer Mühle
Mühlenweg 2
01728 Bannewitz

Telefon: 03 51 / 40 50 20
http://www.eutschuetzer-muehle.de

Öffnungszeiten:
Mo – Fr 11:00 – 14:00 Uhr und 16:00 – 24:00 Uhr
Sa, So + Feiertage 11:00 – 24:00 Uhr; durchgehend warme Küche

[Besucht am 10.08.2011 | Veröffentlicht am 18.08.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung |Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]