Hinter den Kulissen

Semperoper

Über Opernbälle können sich die Menschen grandios streiten – weil sie (sagen die Einen) sinnentleerte Veranstaltungen für Superreiche seien oder weil sie (sagen die Anderen) großartige Gelegenheiten zum Feiern und Genießen seien. Unser Verhältnis zum Semperopernball ist eindeutig: Sollen die, die es mögen, doch feiern – und die, die es nicht mögen, nicht hingehen.

Dresden bietet übrigens für all diejenigen, die gerne mal zu so einem Ball gehen würden, es sich aber nicht leisten können, etwas Einmaliges an: Vor der Oper wird auch gefeiert. Ohne Eintritt, immer ein wenig vom Wetter abhängig, aber immer auch bestens besucht und mit viel Spaß verbunden. Und, da kennt der Dresdner mit seiner Dresdnerin nüschte, wenn von drinnen ein Walzer übertragen wird, tanzt man draußen mit. Mit Winterstiefeln auf Kopfsteinpflaster – ein rührendes Bild.

Spalier der Pressemeute
Spalier der Pressemeute

Drinnen regnet’s nicht, die Menschen sind unterteilt in mehrere Abteilungen: Promis und Pressemeute zum Fotografieren der Prominenz, Gäste mit Sitzplatz und Bummelanten mit Flanierkarten, die später kommen (müssen) und das Essen sowie das Programm verpasst haben. Außerdem jede Menge Leute, die an diesem Abend zum Feiern keine Zeit haben, weil sie arbeiten müssen. Zu dieser Kategorie gesellten wir uns in diesem Jahr, um mit der Kamera diejenigen zu begleiten, die dazu beitrugen, dass die Gäste von einem “unvergleichlichen Ereignis” sprachen: Wir waren mit Sternekoch Stefan Hermann und seinembean&beluga-Team unterwegs.

Schade, dass es kein Kilometergeld gab! Die Semperoper hat nämlich unendlich lange Gänge – und genau die mussten wir gehen, um von A nach B zu kommen. Zum Beispiel von der Küche links neben der Bühne zu jener rechts daneben. Der gerade, kürzeste Weg war leider durch zahlendes Publikum besetzt, das unter sich bleiben durfte – also außen rum. Und außen rum heißt eben manchmal auch: zwei Etagen runter, links rum, links rum, zwei Etagen hoch. Oder so – wir haben uns trotz einiger grundlegender Ortskenntnisse das eine oder andere Mal verlaufen und wurden dann von wissenden Köchen oder Servicekräften an die Hand genommen, um doch zum rechten Platz zu finden ;-)

Küchenbesprechung
Küchenbesprechung

Aber ich will nicht meckern: Eben jene stets froh gelaunten Köche und Bedienmenschen waren lange vor uns da und gingen auch erst sehr sehr lange nach uns – und zurückgelegte Kilometer will ich gar nicht erst vergleichen, weil da eh nur ein ehrenwerter letzter Platz bei heraus käme. Acht Küchen waren in allen möglichen und meist auch unmöglichen Räumen im Hinterland der Oper provisorisch eingerichtet worden. In denen wurde fertig gemacht, was zuvor vorbereitet worden war. Wir hielten uns die meiste Zeit in der Küche links der Bühne auf, von der aus dreihundertundweißtdunicht Essen geschickt wurden (314 oder 340, so genau hab ich’s nicht rausbekommen).

Nun ist aber ein Publikum, das für einen Zwölfer-Tisch bis zu 18.000 Euro und pro Person 350 Euro Eintrittsgeld zu zahlen bereit und in der Lage ist, in der Regel individualistisch und anspruchsvoll. Also kommt man eher peu à peu und nicht in einem Rutsch. Aber wie es sich gehört, wird immer tischweise serviert. Mithin schickt die Küche im Ernstfall quasi parallel Vorspeise für die Spätkommer und Dessert für die Frühchen des Abends – und den Hauptgang für die, die zwischendurch ihren Zehner- oder Zwölfertisch rundum besetzt hatten.

Die Drei von der Herdplatte
Die Drei von der Herdplatte

Aber in den Küchen werkelten Profis, und auch im Service gab es neben reichlich Aushilfen immer erfahrene Mitarbeiter. In “unserer” Küche half an dem Abend unter anderem Mario Pattis aus. Er hatte, wenn ich das richtig erinnere, den ersten Stern in Dresden erkocht, Stefan Hermann kam dann erst später in die Stadt. Die beiden kennen sich bestens, und das merkt man auch bei den kurzen Regie-Gesprächen vorab und zwischendurch. Auch Kai Kochan (“Hier kommt der Koch[an]“) vom Catering-Service Wok war mit von der Partie und gönnte sich den Stress des Opernballs mit großer Ruhe und Gelassenheit.

2.000 Gäste saßen in der eigens zum Ball umgeräumten Oper: Die Stühle im Parkett mussten Tischen weichen, die Bühne wurde zum Tanzparkett umgemodelt. Die Gäste saßen in Logen mit unterschiedlich großer Platzkapazität, zwischen sechs und 48 Personen (entspricht 6.300 bis 50.400 Euro für die jeweilige Loge plus 350 Euro pro People darin), in abgeschlossenen Räumen wie dem Spiegelzimmer oder anderen Proberäumen und auf den Rängen. Wer nicht direkten leibhaftigen Blick auf die Bühne hatte, konnte das Programm auf Riesenmonitoren verfolgen – da geht ja so einiges heutzutage…

Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwarzer Rettich
Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwar…

Über 300 Köche und Bedienungen sorgten dafür, dass diese Menschenmassen zu essen und trinken bekamen. Was gab’s? Vom Feinsten! Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwarzer Rettich zur Vorspeise. Der tuna gekräutert und nur kurz rundum angebraten, innen sushi-roh. Wir durften naschen, weil ein Gast das nicht wollte und der Teller gar nicht eingesetzt wurde und ungebraucht zurückkam. Schade eigentlich, dass die meisten es mochten, ich hätte spontan eine Tuna-Diät einlegen können! Wer genau hinsieht, entdeckt auf dem Teller auch Kresse. Es spricht für die Laune der Köche, dass ich mir folgende kurze Szene gemerkt habe: Es droht hektisch zu werden, weil irgendwas nicht auf Anhieb klappte. Der betroffene Koch droht wie ein HB-Männchen (für die Jungen: Da gab’s mal eine Werbung, bitte googeln!) in die Luft zu gehen. Da kommt ein anderer mit einem Topf frischer Kresse und grinst ihn an: “Einfach mal die Kresse halten!” Zack, Situation entspannt – alles lacht und freut sich.

Ochsenschwanzpastete, Gänseleber, Wurzelgemüse, Linsen
Ochsenschwanzpastete, Gänseleb…

Leider mochten offensichtlich alle Gäste Ochsenschwanzpastete, Gänseleber, Wurzelgemüse, Linsen, so dass da nichts zum Probieren abfiel ;-) War vielleicht aber auch besser so, denn als es beim Vorgespräch in der Küche darum ging, wie man alles korrekt vorbereitet und anrichtet, hörte ich Stefan Hermann sagen, wieviel Butter und anderer Geschmacksträger in der Pastete sei… Vor Beginn des Balls hechtete er im Wahnsinnstempo von Küche zu Küche, um das Personal ein letztes Mal zu briefen. Vielleicht gehen wir aber auch mal ins bean&beluga und fragen, ob’s das auch außer der Reihe gibt, mal sehen…

Mandelmilchcreme, Eierlikörschaum, Feigensüppchen
Mandelmilchcreme, Eierlikörsch…

Das Dessert mussten wir unbedingt außerhalb des stressigen Abrufes für Tisch 309 oder so fotografieren – und durften das Fotoobjekt dann anschließend vernaschen, so dass wir volles Verständnis für lippenleckende Opernballgäste hatten. Mandelmilchcreme, Eierlikörschaum und Feigensüppchen passten auf jeden Fall noch – aber das Essen sollte ja auch keine träge machende Übersättigungsbeilage zum Ball sein, sondern ein i-Tupfer. Verhungern musste eh keine(r), denn nach Aufhebung der strengen Sitzordnung und nach dem Programm gab es ja noch die Stände in den Wandelgängen der Oper: Austern, Blini, Caviar & Currywurst – was man halt so zum Schampus (Ruinart, den viele völlig zu Unrecht immer noch nicht kennen und spätestens seit dieser Nacht zu schätzen wissen) schnabuliert.

Meuteplätze
Meuteplätze

Essen und trinken sind natürlich nur ein Teil so eines Balls. Der vielleicht wichtigste ist das Sehenundgesehenwerden. Dafür gibt es einerseits die so genannten Promis, die im abgeschlossenen Bereich sitzen und so innerhalb des auserlesenen Ballpublikums ganz unter sich blieben. Aber was wären Promis ohne ihre Paparazzi? Die standen, ordentlich akkreditiert und (Respekt!) auch alle im Smoking, sauber in der Reihe und knipsten was ihnen vor die Linse kam. Später am Abend sah man dann die Klebestreifen auf dem Opernboden: DieSächsische Zeitung zwischen den beiden Agenturen dpa und dapd - und hinter ihnen in zweiter Reihe mit improvisierter Handschrift die Super Illu.

Mühlenbeine
Mühlenbeine

Das Programm des Abends (aus zweiter Reihe von hinten neben der Bühne stehend beobachtet) war bunt und kam auf jeden Fall bei den Anwesenden gut an – wobei die Damen des Balletts von Moulin Rouge, die Paris nur einmal im Jahr verlasen um auswärts zu tanzen und 2012 sich immerhin für Dresden entschieden hatten, auf jeden Fall extremlange Beine haben. Allerdings schmissen sie diese reichlich unkoordiniert durch die Gegend. Aber wer achtet schon auf derlei Kleinigkeiten, wenn es moulinrouge-getünchte Körper zu sehen gibt? Richtig: Keiner.

Gemütlich? Oder eher beengt?

Elbhang-Weihnachtsmarkt

Manche mögen’s eng. Die sind auf dem Weihnachtsmarkt des Elbhangfestes gut aufgehoben! Der 15. seiner Art ist gestern zu Ende gegangen – eine Besonderheit dieses Marktes, dass er nicht ewig dauert. Aber als Tipp kann man sich das merken, denn nach all den Erfahrungen wird der 16. so sein wie der 15., denn schon der war wie der 14. und all die anderen zuvor: Gemütlich, kuschelig – oder, wenn man nicht so gut drauf ist, viehisch eng.

Das liegt an der Örtlichkeit: Loschwitz und dort die Friedrich-Wieck-Straße ist nicht so weitläufig. Am rechten Elbufer vor dem Blauen Wunder gelegen geht es dort sehr dörflich und kleinteilig zu. Die Häuser sind so, wie man es sich für einen alten Fischerdorf-Marktflecken vorstellt, mit Fachwerk und eher geduckt-klein. Die Stände stehen parallel zu diesen kleinen Häusern, die mit ihrem Giebel zur Straße stehen. Der Platz dazwischen – pardon: wer oder was? Platz? Nein, da ist kein Platz. Da ist Luft für eine Schlange Menschen, die in die eine Richtung geht und Knuddelraum für die, die in die andere Richtung wollen. Die Einen mögen’s, die Anderen suchen den Umweg außen rum und finden dennoch Platz an einem der Glühweinstände.

Die sind, und auch das zeichnet diesen Markt aus, nicht in gefühlt erdrückender Überzahl: Handwerkliches überwiegt hier, und das Angebot ist ausgesprochen geschmackvoll (wie auch in den Läden, die quasi Teil des Marktes sind). Man kann hier gut und vielleicht auch gerne einiges Geld lassen, hat dafür aber auch was, was die Anderen nicht haben. Die zahlenmäßige Überlegenheit feinen Tuches bei Mänteln oder die deutlich sichtbar getragenen Markennamen auf den Jacken deuten allerdings darauf hin, dass es hier keine Falschen trifft. Umso erstaunlicher, dass die Preise für unser Lieblingsheißgetränk für Dresdner Verhältnisse unterdurchschnittlich sind (2 Euro der Becher, ein Euro Pfand für denselben) – woran man sieht, dass man mit Unterdurchschnittlichem auch überdurchschnittlich toll sein kann!

Loschwitzer Weihnachtsmarkt – vom 1. bis zum 4. Advent, täglich bis 20 Uhr

 

Jindrich Staidel im Kunsthof Gohlis

Jindrich Staidel Combo

Okay, zugegeben: Auch wir sind beim ersten Mal reingefallen. “Die können aber recht gut deutsch!” sagte meine Nachbarin mitten im Konzert der Jindrich Staidel Combo – und sie irrte nur geringfügig. Richtig wäre, dass die Kapelle richtig schlecht tschechisch spricht, auf der Bühne zumindest (was weiß ich wie das wirkliche Leben spielt). Denn (Achtung, Spoiler!) die Herren Jindrich Staidel, Tatra Skota und Pro Haska sowie die reizende Manitschka Krausonova sind so tschechisch wie der Striezelmarkt. Also gar nicht.

Die vier jazzen munter die Sprache und die Musik verbrämend vor sich hin. Im Kunsthof Gohlis, der nahe dem Arsch der Welt liegt, aber Insidern dennoch ein bekannter Ort für unkonventionelle Konzerte und familiäre Atmosphäre ist, stimmten sie auf die böhmische Weihnacht ein. Die ist, wie kaum anders zu erwarten bei Jindrich Staidel, weniger besinnlich und eher lustig. Da konnte es auch schon mal vorkommen, dass sich die Herrschaften (siehe Bilder oben) maskierten – wobei Manitschka dieses schwarze Tuch viel zu weit unten trug! Neben der bekannt tiefschürfenden Rhetorik des Herrn Pro Haska bei seinen Zwischentexten (“Wer tanzen möchte, der lässt das bitte bleiben”) ertönten die bekannten Klassiker der internationalen Weihnacht – aber eben mit einer gehörigen Portion Swing. Häufiger als sonst verließ die Band dien Rhythmus der böhmischen Polka, und das war gut so!

Hat Spaß gemacht!

Mittelalterlicher Weihnachtsmarkt

Stallhof

Romantik und Adventszeit – das geht gut miteinander. Lustigerweise finden wir es romantisch, wenn die Leute uns “das Mittelalter” vorgaukeln, obwohl es da im wirklichen Leben alles andere als anheimelnd war. Im Stallhof - der einst Platz für höfische Spiele war (aber eigentlich nur, der Name deutet es an, Hof zwischen Pferdestall und Schloss) gibt es seit 1997 einen mittelalterlichen Weihnachtsmarkt. Beschickt wurde er anfangs von einem auf derley Spektakel spezialisierten Veranstalter – und der machte sein Ding gut. Zwar salbaderten die Leute so merkwürdig, wie man das von Mittelalterspektakelgauklern kennt, aber ansonsten war es anheimelnd, mit Handwerk, Schauspielerei, dem üblichen Essen und Trinken sowie einigen Attraktionen wie einem badehaus, wo man Tapferen beim Spaß im badezuber zusehen konnte und einer Toilette, wo man nicht zusehen konnte, aber doch irgendwie mit dem Einlassmenschen seinen Spaß hatte.

Stallhof
Stallhof
2007 (genau: am 17. Dezember morgens zwischen sieben und halb acht) brannte es dann auf diesem Weihnachtsmarkt. Angeblich ein überlasteter Heizstrahler, aber speziell seitdem es einen anderen Betreiber gibt, lebt die Verschwörungstheorieseite auf und denkt laut über Brandstiftung nach (runterscrollen beim Link). Ja, der Kampf unter den Mittelalterlichen ist hart, und wenn’s um das Geschäft geht ist Schluss mit lustig.
Stallhof
Stallhof
Der neue Mitttelalterliche nach der Restaurierung des Stallhofes allerdings war am Anfang irgendwie uncool. Der Ort allerdings ist so bezaubernd, der Stallhof so charmant illuminiert, dass man da einfach mal hinmuss, und sei es nur zum Schlendern. Mittlerweile haben die Jungs und Mädel sch etwas gefangen, der Weihnachtsmarkt im Mittelalter ist durchaus ein lohnenswertes Ziel – zumal die meisten Attraktionen des Vorgängermarktes auch da sind (Bad und Bühne zum Beispiel). Auch vom Vorgänger übernommen hat man die (Un-)Sitte, am Wochenende Eintritt zu nehmen – was die Leute nicht hindert: Eine lange Schlange vorm Kassenhaus, wo man dann drei Euro “Wegezoll” abdrückt. Unter der Woche kann man sich die sparen – auch wenn man dann vielleicht so tolle Musiker wie die von Satolstelamanderfanz verpasst.
Satolstelamanderfanz
Satolstelamanderfanz

Neu in diesem Jahr: Der Markt macht Weihnachten nur Pause und ist “zwischen den Jahren” wieder geöffnet! Das heißt: Bis zum 23. Dezember kann man täglich bis 21:30 Uhr hngehen und dann vom 27. bis zum 30. Dezember wieder. Laut Ankündigung sollen dann “vor allem Wahrsager, Kartenlegerinnen und Bleigießer das Marktgeschehen ergänzen, schließlich sollen es ja magische Nächte und Tage voller Aberglauben sein.”

 

Weihnachtsmarkt an der Frauenkirche

Frauenkirche

Wenn wir den Titel für den romantischsten Weihnachtsmarkt zu vergeben hätten – dann würden wir ins Grübeln geraten. Einerseits ist der kleine Markt in Loschwitz ein ganz heißer Kandidat (den besuchen wir dieses Jahr noch später als sonst, was’n Stress!), andererseits gibt es ja den berühmten “Mittelalterlichen” im Stallhof, der trotz des ganzen Buheis, das die Mittelalter-Leute so drauf haben, schon arg romantisch ist. Aber zwischen “einerseits” und “andererseits” hat sich dann noch ein “aber hallo!” geschoben: Vor der Frauenkirche wächst seit drei Jahren etwas heran, was die anderen beiden Märkte in puncto Romantik toppen könnte.

Frauenkirche
Frauenkirche

Warum macht er das? Weil der Markt natürlich von der Lage vor der Frauenkirche profitiert: Das Ambiente kriegt man in Dresden nur dort hin. Dann aber haben die Macher sich ziemlich ins Zeug gelegt und beispielsweise zehn Tannenbäume über den Platz verteilt und diese obendrein auch noch mit Herrnhuter Sternen behängt wie andere Leute ihren Baum mit Kerzen schmücken: Also üppig. Die schiere Zahl der Tannen macht Leuten, die sich treffen wollen, das Leben übrigens nicht leichter: “Unterm Tannebaum” (mit ohne n) geht schon mal nicht…

Nachwerk
Naschwerk

Dann sind in den Buden auch noch alle Leute ein wenig auf Alt gemacht. Nicht mittelalt, sondern frischalt, so etwa achtzig, hundert Jahre. Manche reden dennoch wie auf dem Mittelaltermarkt, manche schwurbeln so jahrhundertwendig daher – aber insgesamt ergibt sich zumindest optisch ein netter Eindruck. Vor allem die hier busweise ausgekippten Japaner schnattern wie verrückt vor Freude und knipsen wild drauf los. 60 Stände gibt es insgesamt, und neben allerley Weihnachtsmarktkulinarik findet man auch Knopfmacher, Kerzenzieher, Herrnhuter Sternverkäufer und andere freundliche Einkaufsstätten.

Weihnachtsmarkt an der Frauenkirche
Weihnachtsmarkt an der Frauenkirche

Programm gibt es auch, zum Beispiel was mit Musik: Die Dresdner Kurrendesinger. Neulich trafen wir zwei, die mit einer Truppe nordeutscher Touristinnen heftig schäkerten und kaum noch zum Singen kamen – die Stimmung war allerdings prächtig, und irgendwann fingen die Girls zu singen an, was auch nicht schlecht klang.Der Weihnachtsmarkt an der Frauenkirche ist dieses Jahr noch täglich bis zum 18. Dezember von 11 bis 22 Uhr geöffnet.

Striezelmarkt 2011

Striezelmarkt 2010

So richtig schön mit Schnee tritt der Dresdner Striezelmarkt nicht alle Jahre auf: Das Bild oben wurde im vergangenen Jahr aufgenommen, in dem es erstens schon während der Adventszeit geschneit hatte und obendrein so eisekalt war, dass selbst hart gesottene Glühweintester zwischendurch mal nach nebenan in die Altmarktgalerie gingen, um sich zu wärmen.

Herrnhuter Sterne
Herrnhuter Sterne

In diesem Jahr ist alles anders: Kein Schnee, erträgliche Temperaturen – aber ansonsten ein nahezu identisches Panorama-Bild (nur halt ohne Puderzuckerkitschdächer). Der Striezelmarkt, der in diesem Jahr zum 577. Mal stattfindet, hat sich mittlerweile ganz schön gemacht. Die Qualität der Stände ist durch die Bank über die Jahre besser geworden, die Zusammenstellung der Stände auch – obwohl sich der Eindruck aufdrängt, dass die nicht-Ess- & Trinkstände nur als Alibi eingestreut wurden. Die Menschen gehen zum Adventsmarkt, um zu futtern, zu trinken und in dieser dunklen Jahreszeit gut drauf zu sein. Grillparty, Winter-Edition sozusagen.

Stefan Hermann
Stefan Hermann

223 Stände gibt’s insgesamt auf dem Altmarkt, aber wir besuchen regelmäßig immer nur zwei, drei. Weil wir schon eine Mütze haben, keinen Schwibbogen brauchen und nicht Kinderkarrussel fahren, verschlägt es uns meist zum Glühweintrinken und Bratwurst oder Suppe essen an den Stand von bean&beluga. Richtig, das ist auch der Name eines Sternerestaurants, oben auf dem Weißen Hirsch. Sternekoch Stefan Hermann ist seit 2009 auf dem Striezelmarkt mit seinem Stand vertreten (manchmal auch selber da) – und unserer wie immer teuflisch subjektiven Meinung nach ist seine Bratwurst die würzigste und der Glühwein der verträglichste. Und während die Billigheimer, die ihren Glühwein extrem günstig einkaufen, ihn mittlerweile für 3 Euro das Glas verkaufen, ist man bei bean&beluga mit 2,50 Euro dabei und hat den Preis nicht angehoben. Warum die Leute ihre heiße Tasse übrigens bei den 3-Euro-Typies kaufen und die nicht boykottieren, habe ich noch nicht verstanden – denn den unserer Meinung nach ebenfalls sehr trinkbaren Glühwein vom Winzer Keth gibt es auch nach wie vor für 2,50.

Kräppelchen und Quarkbällchen bilden das landestypische Dessert auf den Weihnachtsmärkten – und da müssen wir jedes Jahr neu suchen, um unseren Lieblingsstand des Jahres zu finden. Meist finden wir dann einen, der klein ist und nur das gar nicht dick machende Dessert produziert.

Die üblichen Verdächdigen
Die üblichen Verdächdigen

Und sonst so? Natürlich gibt es Theater für die Kinder, und mit etwas Glück sieht man auch die in dieser Gegend typischen Figuren wie den Pflaumentoffel, Bergmann und Engel oder die Striezelmarktkinder. Ein guter Ratschlag: Am Wochenende, besonders Freitagabend und am Sonnabend, ist es rappelvoll. Wer da nicht muss, sollte dann lieber nicht striezeln gehen! Besonders leer und nett ist es auf dem Striezelmarkt übrigens am Heiligen Abend, so um die Mittagszeit…

Zwischen Tiefgang und Klamauk

Peter Förster

Neben der Kasse steht Mephisto. Doch die Leute denken: das ist sicher der Stuhl-Boy, der noch mal schnell nachlegt, wenn’s voll zu werden droht. Und auch beim Mann an der Kasse irren sie sich, denn er ist nicht nur der Kassierer. Eher so eine Art Shakespeare von Dresden, obwohl das natürlich ein wenig übertrieben wäre. Aber irgendwie auch wieder nicht, denn was Peter Förster in der Kulturstadt Dresden treibt, ist schon ungewöhnlich und bemerkenswert: Er macht Theater (das machen andere auch), aber es wird nicht subventioniert (die von der Semperoper jammern schon, wenn sie mal eine halbe Millionen weniger bekommen).

Peter Förster ist: Kassierer, Organisator, Stückeschreiber, Regisseur – mindestens. Er hatte einen verxingten Cub von Marketing-Menschen auf einen Schwatz eingeladen, und er erzählte – nicht ganz ohne Grund – “erst einmal” etwas über seine Laufbahn. Er erzählte und erzählte und erzählte – und überschlägig kam dabei heraus, dass er etwa 124 Jahre alt sein müsste, um das alles geschafft zu haben. Ist er aber nicht: Geboren ist er 1965 in Dresden. Im zarten Alter von 22 arbeitete er in der sicherlich spannenden Zeit von kurz vor bis kurz nach der Wende am Dresdner Theater der Jungen Generation in der Abteilung Dramaturgie und Öffentlichkeit.

Nun zitiere ich mal eine Quelle: “1989 gehörte er zu den Mitbegründern des DIALOGtheaters Dresden und leitete es bis 1994. In dieser Zeit studierte Peter Förster an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig und war außerdem als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig.” Er machte Filme (erfolgreich: Sächsischer Fernsehpreis 1998), war als Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig engagiert und schrieb 2001 „Der Jahrhundertfall – Kindermörder Bartsch“ für das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen.

Alle Mann an Bord. Inklusive der Frauen
Alle Mann an Bord. Inklusive d…

Und dann kam die Idee des Sommertheaters, das seit 2004 im Bärenzwinger – einem legendären Dresdner Studentenclub – eine wachsende Schar von Zuschauern in den Bann zieht. Es ist Dresdens einziges Open-Air-Theater, das unter einem Dach spielt. Weil der Hof des Bärenzwingers überdacht ist, trotzt die Company dem Regen! Aber das eigentliche Geheimnis des zunehmenden Erfolgs ist: Shakespeare. Denn der hatte (auch wenn die meisten SchülerInnen das heute im Unterricht kaum wahrnehmen) Stücke fürs Volk geschrieben und mit seiner Company im Londoner Globe Theatre aufgeführt. Nun ist, bei allem Respekt, Förster nicht Shakespeare, weswegen Schüler oder Studenten auch keine Angst vor ihm haben müssen. Aber seine Texte und die Inszenierungen balancieren gerade richtig zwischen Tiefgang und Klamauk, um ein sehr gemischtes Publikum zu unterhalten (und, ganz im klassichen Sinne, zu belehren: Dümmer wird man nämlich nicht, wenn man mit den Anspielungen klar kommt).

Wagner ist klamm
Wagner ist klamm

Die Stücke spielen seit Jahren mit den Titeln der Vorbilder und heißen immer “Ein Shakespeare von…” – und statt der Punkte dann ein Klassikername. Dieses Jahr: Wagner. Der fliehende Holländer. Ganz dolle Wagnerianer werden die Musik vermissen, ganz dolle Wagner-Gegner darob entzückt sein. Für alle dazwischen: Mephisto, der Stuhl-Boy von der Kasse, ist ausgebildeter Sänger und darf auch einige Takte baritonisieren. Womit wir bei der Company wären. In diesem Jahr drei Damen und zwei Herren – alle jung, alle schön, alle gut. Keine Einzelkritik (obwohl, jucken tät’s schon…), weil es eben das Ensemble ist, das Vergnügen bereitet. Und in der Pause ganz normal draußen vor der Tür steht wie die Zuschauer auch: rauchend, scherzend. Nur das Glas Wein oder die Flasche Bier – die gönnen sie sich erst nach dem Schlussbeifall…

Sommertheater Dresden
täglich von Dienstag bis Sonntag, jeweils 20:00 Uhr
noch bis 12. September 2010

Einlass ab 19:00 Uhr · Beginn 20:00 Uhr · Eine Pause · Ende gegen 22:10 Uhr
http://sommertheater-dresden.de

…und im Winter: http://www.kammerspiele-dresden.de

Oh wie schön ist Olomuk

Mit der Jindrich Staidel Combo nach Tschechische Riviera

Ein Ausflug an Tschechische Riviera. Und zurück!

Manche Traumreisen führen ins Ungewisse. Manche sind Albtraumreisen. Aber was eine gelenkbusvolle Anhängerschar reichlich skurilen Humors am Abend des 1. Mai erlebten, war – ähm: eine Traumreise! Sie begann in der Dresdner Neustadt vor dem Wohnzimmer Dresdner Jazzfans, dem Blue Note: Einstieg in einen Bus der Dresdner Verkehrsbetriebe, die einen supercoolen Fahrer gefunden hatten, um eine Ameisenschar auf Droge zu kutschieren. Die Droge, bevor hier jemand auf dumme Gedanken kommt, hatte acht Beine mit anhängenden Menschen und nennt sich “Jindrich Staidel Combo“.

Die Kapelle spielt ziemlich verrückten Polkajazz – so eine Art knödelböhmisch für Dixieland. Der Herr Staidel bläst mal Tuba, mal Posaune und selten genug ein Ceskeridu - eine Dachrinnenvariante des bekannten australischen Folkloreinstruments. Hinzu spielt der Herr Staidel eine wichtige Rolle als Dressman in enganliegendem einteiligen Trainingsanzug, der wahrscheinlich an das Sperma von Woody Allan erinnert (also an das aus seinem Film, nicht persönlich gemeint…).

Der Kollege Pro Haska ist der lange Schlacksige mit dem schönen Tschechendeutsch – also deutsch so geradebergerbrecht wie man glaubt, dass Tschechen deutsch reden. Er hat eine blühende Phantasie, weswegen seinen Ansagen zu lauschen Pflicht ist. Man möchte meinen, er sei ein intimer Kenner Dresdner Verhältnisse und nicht aus Olomuk, was die Tschechen Olomouc schreiben und die Combo als Heimat angibt. Pro Haska steht im Bus und hält sich an eine dieser Handschlaufen fest und plappert und singt ohne Punkt und Komma.

Die anderen sitzen, also auch Manitschka Krausonova, die sich während der Fahrt an einem Schifferklavier die Finger wärmt. Später, viel später, bedient sie im Blue Note auch noch ein Organ, also die Orgel. Außerdem sitzt an so einer gelenkbusgeeigneten Trommel der Herr Matjes Polka, der seit Jahren einen sehr chicken blauen Anzug nach Art der Kollektion Präsent 20 trägt – kein Wunder, denn neu aufgelegt werden diese Maßschneidereien ja nicht mehr.

Im atemberaubenden Tempo kutschiert der Bus durch das dunkler werdende Dresden und kommt rechtzeitig an der Tschechischen Riviera an: Die blaue Stunde verabschiedet sich gerade, doch Kenner der Szene erkennen den Ort: Haben sie hier doch schon als Kind und später als heranwachsende Jungfrau… Mehr sei nicht verraten. Damals gab’s das nicht, aber heute (also am Abend des 1. Mai) stand da ein Kiosk, aus dem wohlbekannte Discolaute im tschechischen Idiom der munteren Reisetruppe entgegen schallen. Falcos “Jeanny” mit dem morbus bohemicus ist noch gruseliger als es eh schon gedacht ist! Es gab einen Becher mit dem danach benannten Becherovka für alle und Bockwurst für die, die es wollten.

…und die Musik spielt dazu, live vor dem still ruhenden See. Eine Stunde, von der alle noch lange schwärmen, auch dann noch, als sie auf dem Rückweg den Postplatz passieren (“ist ein Platz ohne Post – eine Spezialität in Dresden, Plätze nach Dingen zu benennen, die nicht da sind!”). Zurück im Blue Note geben Jindrich Staidel und Combo sich nochmals die Ehre und spielen die besten Hits der letzten neunzig Minuten und etliche andere.

Fichtepark – Hoher Stein – Plauenscher Grund (2/2)

Plauenscher Grund

Was bisher geschah

Unten im Tal führt dann ein Weg zur Hofmühle: Der Bienert-Wanderweg. Er ist im Rahmen einer großen Aktion und mit Fördergeldern der EU entstanden, was die zahlreichen informativen Hinweisschilder erklärt. Als Wanderweg für Uneingeweihte ist er freilich dennoch nicht geeignet: Bei unseren zahlreichen Spaziergängen dort haben wir noch keine Wegemarkierung entdeckt. Geld für die dafür nötige Farbe war bei den 695.000 Euro, die das Projekt gekostet hat, wohl nicht mehr drin. Der Weg unten durchs Tal ist dennoch schön und wird auch gut angenommen. Ganz am Anfang, wenn es noch an der Stichstraße zum Felsenkeller entlang geht, lohnen sich Blicke auf die beeindruckende Felswand. Vorbei geht es am alten Bahnhof, in dem jetzt (Glas-)Kunst zu Hause ist. Züge halten hier nicht mehr.

Hegereiterbrücke
Hegereiterbrücke

Anschließend beginnt der neu angelegte Wanderweg. Zuerst geht es zur Hegereiterbrücke, die an einem Wehr über die Weißeritz führt – ein toller Punkt, an dem anzuhalten sich lohnt. Das Weißeritzwehr gibt es an dieser Stelle seit 1594, die Hegereiterbrücke seit 1782. Sie ist die älteste Steinbogenbrücke Dresdens – und beide bilden ein Ensemble, das bei Dresdner Malern sehr beliebt war. Als Fotograf hat man es nicht so leicht, die Romantik einzufangen, zumal die Bahn auf modernen Geisen gleich daneben die Weißeritz quert. Aber egal – wir sind ja auch nicht mehr in Kutschen unterwegs. Alles hat seine Zeit…

Bienert-Wanderweg
Bienert-Wanderweg

Der Wanderweg verläuft nun entlang der alten Dresdner Straße, von der man aber nichts mehr erahnt. Kein Wunder, denn sie wurde bereits vor rund 90 Jahren ans andere Ufer der Weißeritz verlegt (wo sie heute noch verläuft). Später gelangt man zu den Resten von Bienerts Garten. 1902 war er als “romantischer Garten” angelegt, aber ihm erging es wie der Straße: Er verwilderte und ist von der Natur zurück erobert worden. Die erhaltenen Säulen der alten Umzäunung geben ein prächtiges Bild ab!

Bienerts Grabstelle
Bienerts Grabstelle

An der Hofmühle, die viele Dresdner auch Bienertmühle nennen, verlassen wir den Wanderweg und biegen ab zur Plauener Kirche und ihren Friedhof. Gottlieb Traugott Bienert, der sächsische Rockefeller, liegt hier begraben. Gleich nebenan gibt es ein sehr schlichtes Grab für Erwin Bienert (1869-1930) und Friedrich Bienert (1891-1969), das kein Geringerer als Walter Gropius geschaffen hat (und ich wette, dass auf die Frage nach einem “Gropius-Bau in Dresden” kaum einer dieses Grab nennen würde). Der Innere Plauensche Friedhof an der Plauener Auferstehungskirche ist auch letzte Ruhestätte für andere bekannte Plauener Industrielle wie den Direktor der Felsenkellerbrauerei A. Evereth, den Baumeister Fichtner (der den Fichteturm errichtet hat) und den Großindustriellen John Daniel Souchay, der viele Jahre Besitzer von Schloss Eckberg war.

Nach der Friedhofsbesichtigung haben wir uns den Besuch beim nahe gelegenen Lieblingsitaliener verkniffen und sind in den Bus gestiegen, der uns zurück zum Ausgangspunkt der Tour brachte…

Karte der Tour

Start und Ziel: Haltestelle Kotteweg, Linien 3 (Straßenbahn) und 63 (Bus)

Fichtepark – Hoher Stein – Plauenscher Grund (1/2)

Fichteturm

Am südlichen Rande Dresdens befindet sich der der Plauensche Grund – ein Tal, das es Romantikern wie Caspar David Friedrich weiland sehr angetan hat. Die Weißeritz drängelt sich hier Richtung Elbe und hinterlässt bei Hochwasser wildeste Spuren in der Landschaft. Hier lässt es sich (wenn nicht gerade Hochwasser ist, versteht sich) prima ein wenig lustwandeln bei einem stadtnahen Ausflug.

Wir haben unsere Rundwanderung allerdings nicht direkt im Grund begonnen, sondern gleich nebenan auf der Höhe im Fichtepark. Dort steht der Fichteturm, der sein Dasein als Bismarckturm begann. Damals hieß der kleine Park im Süden Dresdens, der 1890/91 errichtet wurde, noch Westendpark. Umbenannt wurde er 1937 zu Ehren des Philosophen Fichte, der Turm fogte weniger zu Ehren Fichtes denn aus Gründen der Ideologie (Bismarck passte nicht so recht ins realsozialistische Weltbild) 1954. Man kann den 27 Meter hohen Turm besteigen – aber die 153 Stufen der Wendeltreppe lohnen sich nur bei gutem Wetter, wenn die Aussicht hervorragend ist.

Kind mit Delphin
Kind mit Delphin

Der Park ist etwa 2,5 ha groß. Geschaffen hat ihn Carl Hampel, ein bedeutenden Garten- und Landschaftsarchitekten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Das Grundstück stellten die Gebrüder Bienert unentgeltlich zur Verfügung – welcher Fabrikant (die Bienerts waren Mühlenbesitzer, dazu später mehr) macht so etwas heute noch für “sein Viertel”? Zwei (von ursprünglich vier) Figurengruppen zeigen Kinder und Tiere – uns hatte es das “Kind mit Delphin” von Franz Weschke angetan, obwohl wir ehrlich gesagt den Delphin erst nach Recherche-Lektüre und erneutem Ansehen der Bilder identifiziert haben (und auf dem hier gezeigten Bild ist er schon gar nicht zu sehen, weil sich der Ausschnitt ja aufs Kindsgesicht konzentriert).

Hoher Stein
Hoher Stein

Unweit vom Park befindet sich der Hohe Stein. Geologen bekommen hier ganz feuchte Augen, denn sie sehen das Meer und deuten den Aussichtsturm als “Leuchtturm am Ufer des Kreidemeeres”. Unsereins kommt von der Küste und sagt sich: Meer sieht anders aus und Kreidezeit war mindestens vorvorgestern – freut sich aber dennoch, dass man von hier aus so wundervoll in die Gegend gucken kann. Der Brandungsklippe im Meer der Kreidezeit mit 190 Metern über Normalnull sei ebenso Dank wie einigen verdienstvollen Einzelpersönlichkeiten: Erstens dem Herr Friedrich August Frohberg aus Deuben erwarb 1862 das Gelände und errichtete zwei Jahre später den Turm, auf dem ein Schild allen Besuchern kund und zu wissen tut, dass es sich hier um “Frohbergs Burg” handelt.

Zweitens den Bossen der Brauerei Felsenkeller, die eigentlich unten im Tal (im Eiswurmlager – was für ein Name!) tätig war. Die Brauereileute erschlossen das Gelände rund um den Turm und vergaßen auch nicht, einige Aussichtsbastionen auf das Brauereigelände (seinerzeit das größte in und modernste in Sachsen) einzurichten. Und drittens mal wieder ein Bienert, dieses Mal Erwin: Der Sohn des Mühlenbesitzers kümmerte sich um das Areal westlich vom Turm. Den Bienertpark unten werden wir noch durchwandern! Und wir sind nicht allein – von Hans Christian Andersen über E.T.A. Hoffmann, Heinrich von Kleist Friedrich Schiller sowie Schopenhauer, Schlegel und Novalis haben sie sich alle hier schlendernd der Bewunderung hingegeben.

Nun also wir! Und zwar zuerst quer durch eine Streuobstwiese, die zu jeder Jahreszeit ihren ganz besonderen Reiz ausübt. Am nettesten ist sie natürlich bei der Blüte, dann während die Früchte hängen und selbstverständlich wenn sie abgefallen sind und auf der Wiese herumliegen. Nun also Winter und der weiße Mantel aus Schnee, der die Baumstrukturen so fein zur Geltung bringt. Hach!

Wo der Wildbach rauscht...
Wo der Wildbach rauscht…

Wir biegen in einen der zahlreichen Wege ab – hier kann man sich erstens trefflich verlaufen, weil es reichlich Trampelpfade gibt und zweitens findet man sich dann doch immer wieder am richtigen Punkt ein, weil eben nahezu alle Wege statt nach Rom unten zur Felsenbrauerei führen. Links plätschert ein Bächlein munter den Hang herunter. Weiter oben ist die Osterquelle, also mutmaße ich mal, dass wir hier den Osterbach querten – und das miten im Winter! Es hatte tüchtig geschneit in der Nacht zum Neujahrstag, was die Landschaft einerseits in dieses berühmte sanfte Kuscheltuch tauchen ließ, andererseits aber die Wege ungemütlich glatt machte.

Natürlich gibt es keine glatten Wege, sondern nur falsches Schuhwerk – aber zum Neujahrsspaziergang wollten wir doch chic sein! Die Anderen, die uns entgegen kamen, waren ähnlich beschuht. Da kommt man sich menschlich nahe, ruft freudig erregt “Gesundes Neues!” oder auch “Frohes Neues!” und vermeidet den “guten Rutsch” nicht nur, weil Silvester vorbei ist. Auf ebener Strecke und ohne Rutschgefahr waren die Menschen übrigens weniger kommunikativ und passierten mit Muffelbrausengesichtern, als ob sie noch 365 Tage eines schwierigen Jahres vor sich hätten.

Eiswurmlager
Eiswurmlager

Ein nun etwas größerer Bach ohne mir bekannten Namen gesellt sich zu uns, wenig weiter wird er in die Weißeritz münden. Die ist namensgebend für das Tal hier und manchmal ganz schön wild – vor allem, wenn es droben im Erzgebirge geregnet hat, führt sie reichlich Wasser mit sich. Die Mühlen, die es hier gab, machten sich diese Wasserkraft zu Nutze, so dass das romantische Tal ganz schön industrialisiert war. Industrie vor hundert Jahren brachte aber auf jeden Fall interessante Gebäude hervor – den Felsenkeller zum Beispiel. Das war ein schnell prosperierendes Unternehmen – und die Befürchtungen der Dresdner Brauereien, dass der Neubau im Örtchen Plauen vor den Toren der Stadt Dresden unangenehme Konkurrenz bringen würde, sollte sich bewahrheiten: Grundsteinlegung war 1857 – zur Jahrhundertwende war man marktbeherrschende Großbrauerei.

Des Eiswurms Lager
Des Eiswurms Lager

Und das trotz des Eiswurms, der sein Unwesen angeblich in den neun je 66 Meter langen Stollen im Fels getrieben haben soll, die man für die Lagerung des Bieres gebaut hatte. Die Legende half übrigens einigen wenigen Großaktionären der Brauerei ganz gut: Diverse Kleinaktionäre glaubten nämlich die Mär, dass der Eiswurm das hier gelagerte Bier verderben würde – und sie verkauften.

Bier wird im Felsenkeller nicht mehr gebraut – aber über 100 Gewerke und Dienstleister arbeiten in den Gebäuden. Wissenschaftler aus Rossendorf haben in den Tiefen es Berges ein Stralenmesslabor eingerichtet – und auch ein Händler für feine italienische Weine nutzt die gut klimatisierten und garantiert eiswurmfreien Stollen im Berg.

Teil 2 | Karte der Tour