Rund um und auf den Borsberg

Dreiseithof

Wer Bonnewitz nicht kennt, muss kein schlechtes Gewissen haben: Viel los ist nicht in dem Örtchen, das auf halbem Weg rechtselbisch zwischen Dresden-Pillnitz und Pirna am Fuße des Borsbergs liegt. Wer aber einmal in Bonnewitz war, wird seine Reize loben. Der denkmalgeschützte Dorfkern ist ein slawischer Rundling und auf das Allerlieblichste auf Vordermann gebracht, es gibt ein Gasthaus und Parkplätze sowie die Endhaltestelle eines Dresdner Stadtbusses: Da kommt man also hin und auch wieder weg, wenn’s sein muss.Der slawische Rundling, muss man wissen, ist ein sehr beliebter Siedlungstyp hier in der Gegend. Die Häuser (meist nicht mehr als acht bis zehn) sind rund um einen Platz angeordnet – meistens gucken die Giebel zum Platz. Solche Dörfer gibt es nicht nur rund um Dresden, aber eben doch besonders häufig und oft auch noch gut wieder zu erkennen. Flur- und Dorfmamen, die auf -itz enden, deuten übrigens in der Regel auf slawischen Ursprung hin – und da das gesamte Gebiet um Dresden ehedem von Slawen besiedelt war, gibt’s davon reichlich.

Vom Eise befreit...
Vom Eise befreit…

Bonnewitz also, das slawische Runddorf, ist ein idealer Ausgangspunkt für diverse feine Wanderungen. Unsere Weihnachtswanderung mutete österlich an, denn “der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück. Von dort her sendet er, fliehend, nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises in Streifen über die grünende Flur.” Soweit unser aller Goethe anlässlich des Osterspaziergangs. Auch wenn wir die Rückkehr des kalten Meisters noch vor Ostern gewärtigen, sollte uns an diesem Weihnachtstag vor allem das muntere Plätschern zahlreicher Bäche begleiten.Das Wegenetz ist nicht gering, und wie in Sachsen üblich gut ausgeschildert. Wandervereine, Tourismusvereine, Gott und die Welt kümmern sich um die Wegeführung und Ausschilderung, so dass man im Prinzip auch gut ohne Kartenmaterial voran kommt. Manchmal sind Karten sogar hinderlich: Wenn die Routenführung einer Wanderung geändert wurde, passen Karte und Wirklichkeit nämlich nicht mehr so gut zusammen. Gut beraten ist, wer sich das auf die Schilder und nicht auf die Karte verlässt – aber dazu später mehr.

Am Rundling Bonnewitz
Am Rundling Bonnewitz

Wir erkunden also zuerst den Rundling. Wer Fachwerk mag, kommt auf seine Kosten. Neben dem Gasthof gibt es auch noch ein Haus mit Ferienwohnungen. Dann geht’s ab in den Wald, immer am Bach entlang, der munter vor sich hin plätschert und halb zugefroren, halb aufgetaut das eine oder andere Fotomotiv abgibt. Kaum hat man sich das abgeknipst, kommen neue Motivsensationen: Brücken! Und von der Art, wie man sie in einem Wald halbwegs in der Pampa nicht findet: Aus Stein und mit Bögen, darunter sogar die zweistöckige “Hohe Brücke”.

Brücken
Brücken

Derlei Brückenbauten erfreuen sogar die Augen der kritischsten Dresdner, die ja in puncto Brücken trefflich streiten können und sich mit der Waldschlösschenbrücke den zweifelhaften Ruf von Welterbe-Schändern eingehandelt haben. Wie Vieles von den schönen Dingen in und um Dresden haben auch diese Brücken höfischen Ursprung: Die Herrschaften gingen auch in diesem Gebiet auf Jagd und ritten zwischen den Burgen und Schlössern in Pillnitz, Lohmen und Stolpen so für sich hin. Die Brücken machten den Ritt komfortabler, musste die Pferde doch nicht bis runter ins Tal und wieder hoch. Und sie (die Brücken, nicht die Pferde) gaben, weil eben auch fürs Auge gebaut, der Landschaft einen zusätzlichen Reiz. An der Hohen Brücke mit ihren Stichbögen und Bogenstockwerken, so lese ich, seien die Handschriften Marcolinis und seines Architekten F. Exner deutlich zu erkennen.Von den etwas ausgeglicheneren Höhenlinien profitieren nun auch wir Wanderer, und die kleinteilige Brückenarchitektur lohnt bei besserem (wärmer! heller! grüner!) Wetter sicher eine erneute Exkursion. Wir sind über mindestens neun veritable Steinbrücken gegangen, was den hochkarätigen Ohrwurm von den sieben Brücken allerdings nicht verhindern konnte.

Schönfelder Hochland
Schönfelder Hochland

Wir verlassen den Wald und sehen zur Rechten auf das sanft gewölbte Schönfelder Hochland sowie links hinunter ins Elbtal mit der Sächsischen Schweiz im Hintergrund. Auch hier gilt die alte Binsenweisheit: Bei richtig schönem Wetter sieht das sicher toll aus! Wir können es uns nur vorstellen, denn der alte Winter beliebte mit Eintrübung und eisekaltem Wind kund zu tun, dass er keineswegs komplett gegangen sei. Der Wind pfeift uns “Am Waldrand” entgegen, aber wir kommen dennoch frohen Mutes nach Zaschendorf, wo gleich am Ortseingang links ein Leihgerät des “Volkseigenen Betriebs Zwickauer Ladenbau” zurückzugeben vergessen wurde. Eine mit Trabi bemalte Garagentür und eine im Oktober 2009 bemalte Tür der Freiwilligen Feuerwehr künden von der Liebe zur realistischen Malerei und sind natürlich Fotos wert! Sonst gibt es in Zaschendorf nicht mehr viel zu sehen.

Die Wiesen sind kaum noch weiß, die Pferde schon noch
Die Wiesen sind kaum noch weiß…

Wir verlassen den Ort und sehen schimmelige Pferde, ganz in weiß auf weiß-grüner Wiese. Die Straße Richtung Borsberg (der Ortschaft) führt vorbei am Borsberg – mit irgendwo über 350 Metern der höchste Berg des Schönfelder Hochlands. Zur Bergeshöhe variieren die Angaben munter: Die Wikipedia schlägt 361 Meter vor, das Schild an einem Baum auf dem Borsberg versucht es mit 362 Metern, hier sind es 354, dort 355 Meter. Der Berg, der ganz früher Golk und später dann Porsberg hieß, bevor die Sachsen ihn zum Borsberg eingenüschelt haben, weist mehrere Besonderheiten auf. Erstens hat der Graf Marcolini hier 1780 auf Befehl von König Friedrich August dem Gerechten eine künstliche Grotte bauen lassen, die mit einem Aussichtsgerüst geschmückt war. Ein beliebtes Ausflugsziel – damals. Denn heute befindet sich die Grotte in einem grottigen Zustand, und das Holzgerüst ist wegen Baufälligkeit gesperrt. Auch die Bergwirtschaft gleich nebenan hat schon einmal deutlich bessere Zeiten gesehen. Sie ist geschlossen, vernagelt, dicht. Eine fiese Geste für durstige und/oder hungrige Wandersleut! (Außerdem habe ich – durch Kommentare Wissender – gelernt, dass der Borsberg gar nicht mehr der höchste Hügel dort ist:  ”Seit der Einheimsung des Hochlandes ist der Triebenberg das Höchste, was Dresden zu bieten hat.” Stimmt, er ist 384 Meter hoch…)

Triangulationssäule
Triangulationssäule

Noch gut anzuschaun ist allerdings die Triangulationssäule. Das ist nicht etwa schwäbisch für ein kleines Schwein der Triangulations-Rasse, sondern etwas ganz Bedeutendes im Leben der Kartographie: Zwischen 1862 und 1890 wurde Sachsen erstmals ordentlich wissenschaftlich-geodätisch vermessen. Das Dreiecksverhältnis der insgesamt 158 Säulen war seinerzeit hochmodern: Im Abstand von 50 bis 60 Kilometern standen die 36 Säulen 1. Ordnung, von jeder sah man direkt mindestens drei weitere. Engmaschiger waren die Säulen 2. Ordnung gesetzt: alle 20 Kilometer gab es eine. Die “Station Porsberg” wurde 1865 errichtet und 2003 anlässlich des hundertsten Todestages von Prof. Christian August Nagel, dem Begründer der “Königlich Sächsichen Triangulirung” (genau so, ohne e!) mit einer Plakette verzieret.

Treppen
Treppen

Vom Borsberg geht’s nun aber wieder zurück – zuerst viele Treppen herunter, dann laut Plan den alten Jagdweg entlang. Doch hier hat die tourismusfördernde Reiterlobby der Nachwendezeit einen Sieg errungen und das Wanderzeichen mit dem grünen Strich schwarz übertünchen lassen: Der Jagdweg ist, wie früher!, als Reitweg markiert. Wir sind ihn dennoch gegangen, was der Herr über ausgleichende Gerechtigkeit auch prompt bestrafte, denn er ließ mich einmal ganz elegant ausrutschen. Das sah so aus, dass die Füße im schmuddeligen Untergrund schneller bergab rutschten als der in Trägheit verharrende Restkörper, was zu beidseitigem Pobackenkontakt führte. Von hinten betrachtet sah das irgendwie nicht gut aus, aber da wir fast alleine unterwegs waren, hat auch keiner meckern können.

Feen-See
Feen-See

Ein kleines Highlight gab es dann noch vor dem Ziel, als sich ein zugefrorener See im Restlicht des sich neigenden grauen Tages ins Blickfeld schob. Wahrscheinlich war es gar kein See, sondern nur ein Feuchtgebiet, denn es ragten lauter Bäume aus der Eisfläche heraus. Sah aber gut aus und mystisch – aber leider waren die Feen, die sehr harmonisch zum Bild gepasst hätten, ausgeflogen. Schade, denn so eine Begegnung wäre kurz vor Schluss der Wanderung noch mal eine feine Sache gewesen!

[Karte der Wanderung]

Besuch auf dem Dresdner Striezelmarkt

Herrnhuter Sterne

Eigentlich müsste man ja nachdenklich werden, wenn eine Stadt damit wirbt, dass ihr Weihnachtsmarkt der älteste der Stadt, des Landes, des Universums und überhaupt sei. Aber die Leute lesen das und finden es supertoll, so dass Jahr für Jahr vor allem am Wochenende Unmengen von Touris sich durch die Stadt und über den Striezelmarkt schleppen – 2005 laut Wikipedia 2,5 Millionen Menschen. Wer in Dresden wohnt, muss da nicht unbedingt hin, oder besser doch wenigstens einmal, um dabei gewesen zu sein. Heute war ich dran.

Der 573. Striezelmarkt hat eine neue Heimat, weil auf oder besser unter der alten gebuddelt wird: Eine Tiefgarage auf dem Altmarkt entsteht, der Striezelmarkt geht. Nun findet er auf dem Ferdinandsplatz statt, der nur Platz heißt, aber eigentlich eine Brache ist – aber wer bietet sich schon gern auf Ferdi’s Brache (natürlich mit Apostroph) an? Der Umzug bedeutet, dass die Standplätze aller Anbieter neu verwürfelt wurden. Man kann also nicht einfach schnurstracks zu seinem Lieblingsglühweinstand laufen, sondern muss ihn suchen (Glühwein vom Winzer an der Ecke bei den Tannen unweit der Pyramide, falls wir uns da mal verabreden wollen). Den hatte ich schnell gefunden, aber wo ist der Stand mit den Herrnhuter Sternen? Ich brauchte einen neuen und bin Gang für Gang abgelaufen, ohne ihn zu sehen (nein, das lag nicht am Glühwein).

Die 254 Stände des Striezelmarktes sind eine bunte Mischung aus den üblichen Verdächtigen futtern, glühweinen, handwerkeln, dem Kitsch fröhnen und Mützen kaufen. Die Anbieter heißen laut der Ausschilderung an den Buden Maronen, Kastanien, Bratwurst und Terrine (”heiße Maronen!”, “heiße Kastanien”, “heiße Bratwurst!”, “heiße Terrine!”). Sie sind sehr beliebt und hart umkämpft. Die anderen Stände sind leer, aber die Verkäufer(innnen) haben ja ein Handy und schwatzen mit der Außenwelt.

Die größte Gemeinheit ist der Stand mit dem Knoblauchbrot, denn das riecht im Umkreis von einigen Metern dermaßen gut, dass man es gleich kaufen möchte. Ob es schmeckt, weiß ich nicht, denn ich suchte ja die Herrnhuter Sterne. Zweimal hätte ich sie beinahe gefunden, aber das waren nur Nippesnachbauten aus dem fernen Osten, wo doch jeder weiß, dass Herrnhut im ganz nahen Osten liegt – grob Richtung Görlitz, im Kreis Löbau-Zittau. Die habe ich natürlich verschmäht und bin einfach nochmal alle Reihen abgeklappert, wobei der kleine Stand zwischen der zweiten und der dritten Umrundung offensichtlich ganz schnell vorne in der Nähe des Eingangs aufgebaut worden ist, denn dann habe ich ihn gefunden und konnte das Bild machen sowie einen Stern käuflich erwerben…

Gesichter auf Kirschkernen und Gold in Hülle und Fülle

Das Grüne Gewölbe in Dresden

Dirk Syndram ist einer der witzigsten Museumsdirektoren Dresdens. Wenn der promovierte Ägyptologe und Direktor des Grünen Gewölbes von Dresden redet, dann hängen alle an seinen Lippen: So spritzig können nur wenige die hehre Kunst vermitteln, und man ahnt: Der Job macht dem Mann Spaß.

In diesen Tagen vor der Wieder-Eröffnung des Grünen Gewölbes ist Dr. Dirk Syndram ein gefragter Mann, denn das “Grüne Gewölbe”, die Schatzkammer August des Starken und einer der bei Besuchern begehrtesten Anziehungspunkte der an Höhepunkten nicht armen Dresdner Museumslandschaft, wird wieder seine Tore öffnen. Als Schlossdirektor hat er vor etwa einem Jahr die museale Konzeption für das Dresdner Residenzschloss vorgelegt – nun beginnt sie Gesicht anzunehmen. Seit Februar war die Schatzkammer geschlossen, die seit1958 im Albertinum bei den Neuen Meistern Dauergast war. Nun ist das “Neue Grüne Gewölbe” dort, wo es seit 1729 ursprünglich war: Im Residenzschloss. Das “Neue” ist eine Etage über den historischen Gewölberäumen angesiedelt, die zum Stadtjubiläum im Jahr 2006 ebenfalls reaktiviert werden.

Doch bis dahin kann man sich erst einmal die 1020 Kunstwerke ansehen, die in fast 200 Vitrinen in zehn Räumen untergebracht sind. Modernste Technik sorgt für gutes Klima in den Vitrinen, die Beleuchtung ist ausgeklügelt und außerhalb der Vitrinen angebracht – dioe Wärmebelastung in den Vitrinen ist dadurch minimiert, und dank entspiegelter Gläser kann der Besucher dennoch alles bestens sehen. Blendschutz in den Fenstern reduziert das Tageslicht, gibt aber immer wieder lohnenswerte Blicke auf die berühmte Dresdner Kulisse frei.

Das Grüne Gewölbe steckt voller Hingucker – das ist kein Museum für den eiligen Besucher. Zum Beispiel im “Mikro-Kabinett”: Da finden sich im südwestlichen Eckturm des Schlosses die mittlerweile berühmten Kirschkerne. Syndram merkt mit Blick auf die Chip-Technologen vor den Toren der Stadt verschmitzt an, dass Dresden offensichtlich schon seit Jahrhunderten führend in der Kern-Technologie sei…

Der Kirschkern mit geschnitzten Köpfen aus der Zeit kurz vor 1589 zeigt – offensichtlich je nach Zählweise – 185, 85 oder (derzeit gültiger Wert) 113 menschliche Gesichter. Nachzählen ist rein theoretisch möglich, macht aber schwermütig…

“Das Goldene Kaffeezeug” aus der Werkstatt von Johann Melchior Dinglinger ist eines der berühmtesten Prunkstücke des Grünen Gewölbes. 1697 bis 1701 entstand es – in einer Zeit, wo Kaffee, Kakao und Tee gerade in Mode kamen. Modeschmuck ist das Kaffeezeug aber nicht: Hauptmaterial ist Gold, auch die Tassen haben einen massiv goldenen Körper. Das Grundthema der vier Elfenbeinskulpturen sind die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde; diese Themen findensich auch auf den Tassen und den anderen Bestandteilen des Goldenen Kaffeezeugs wieder. Ansonsten steckt auch dieses Ausstellungsstück voller Details – bei der Mitternachtsführung während einer Dresdner Museumsnacht hatte Dirk Syndram noch in den alten Räumlichkeiten über eine Stunde faszinierende Details gezeigt…

Ebenfalls im Dinglinger-Saal steht das Kabinettstück “Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb.” Dieses einzigartige Hauptwerk der europäischen Juwelierkunst des Barock hat Johann Melchior Dinglinger mit seinen Brüdern und 14 Gehilfen zwischen 1701 und 1708 ohne Auftrag geschaffen. Sie kannten ihren Kurfürst und dessen Spleen nur zu gut: August der Starke kaufte das Kunstwerk. Und er bezahlte gut – der Preis entsprach in etwa dem des Ritterguts Pillnitz, das August der Starke seinerzeit für die (damals noch geliebte) Gräfin Cosel erwarb.

Weniger aufwändig und doch einen Hingucker wert: Der “Koch, der auf dem Bratrost geigt”. Ein unbekannter Künstler schuf diese Groteskfigur aus Barockperlen, Gold, Email, Silber, Diamanten und Eisen. Eigentlich sieht der Koch mit seinem großen Kopf und den kurzen Beinchen ja ganz nett aus, aber noch mehr Vergnügen bereiten die Details. Am Rücken hängt eine Gans, am Diamantbesetzten Gürtel trägt er Feldflasche und Messer. In der rechten Hand hält der Koch einen Bratenspieß, mit dem er den Bratenrost Musik entlocken will – was der gute Koch trotz eindeutiger Haltung wohl vergeigt haben dürfte…

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten · 09/2004

Dresdner Osterspaziergang

Ostern 2003 -
Drei Spaziergänge (Karfreitag, Ostersonntag morgens und Ostersonntag am Nachmittag)

Dresdner Osterspaziergang

[img src=http://stipvisiten.de/wp-content/flagallery/dresdner-osterspaziergang/thumbs/thumbs_pict1756.jpg]Zwinger - Blick aufs Taschenbergpalais
[img src=http://stipvisiten.de/wp-content/flagallery/dresdner-osterspaziergang/thumbs/thumbs_pict1757.jpg]Im Zwinger
[img src=http://stipvisiten.de/wp-content/flagallery/dresdner-osterspaziergang/thumbs/thumbs_pict1758.jpg]Im Zwinger
[img src=http://stipvisiten.de/wp-content/flagallery/dresdner-osterspaziergang/thumbs/thumbs_pict1761.jpg]Im Zwinger
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(Für eine automatisch ablaufende Diashow unten rechts den linken Knopf SL,
für eine formatfüllende Großansicht den rechten Knopf FS drücken)

Kamelienblüte in Pillnitz

Kamelie

Sie sei eine dendrologische Kostbarkeit in Europa, kann der Besucher an der Informationstafel lesen, die vor der etwa 240 Jahre alten Kamelie im Schlosspark Pillnitz bei Dresden steht. Das mag sehr wohl sein, aber vor allem ist sie – hübsch. Wie sie da so zu blühen begonnen hat, tiefrot und vor allem massenhaft: Das hat einfach was. 35.000 Blüten trägt die Pillnitzer Kamelie, die fast neun Meter hoch ist und einen Kronendurchmesser von 12 Metern hat. Die Blüte dauert von Mitte Februar bis Ende April, und besonders schön ist es, wenn die ersten Blätter abgefallen am Boden liegen und sich immer wieder neue Knospen öffnen.

Der Himmel über Pillnitz
Der Himmel über Pillnitz

Solange es draußen empfindlich kalt ist, steht die Kamelie in einem High-Tech-Haus, das 1992 den Vorgängerbau ersetzte. Das Glashaus ist fahrbar und unterscheidet sich nicht nur dadurch von all seinen Vorgängern, sondern auch durch die Computersteuerung von Temperatur, Belüftung, Luftfeuchte und Beschattung. Das Haus ist 13,2 m hoch, wiegt 54 Tonnen und umfasst einen Luftraum von 1864 Kubikmetern.

Kamelienhaus
Kamelienhaus

Die Kamelie ist noch nicht lange in Europa bekannt. Sie stammt eigentlich aus Südost- und Ostasien, und von dort brachten im 17. Jahrhundert Kaufleute die Camelia japonica mit nach Europa. Der Pillnitzer Baumstrauch (auch so ein Wort von der Info-Tafel…) soll der schwedische Botaniker Karl Peter Thunberg (1743 – 1828) von seiner Japanreise 1779 mitgebracht haben, aber so genau weiß man das nicht. Thunberg brachte vier Kamelien mit in die Königlichen Botanischen Gärten Kew bei London. Eine blieb dort, die anderen drei kamen in die Gärten Herrenhausen bei Hannover, Schönbrunn bei Wien und Pillnitz. Wenn die Geschichte bis dahin stimmt, dann ist die Pillnitzer Kamelie die einzig überlebende; zwischen 1780 und 1790 kam sie an den Dresdner Hof.

Kamelie
Kamelie

Ab 1801 sehen wir klarer: Da pflanzte der Hofgärtner Carl Adolf Terschek die Kamelie an ihren heutigen Standort. Von Anfang an wurde sie vor den Winterfrösten geschützt, zuerst mit Stroh- und Bastmatten, später durch Holzhäuser, die immer mühsam auf- und abgebaut werden mussten. Einmal, es war der 2. Januar 1905, brannte das Holzhaus lichterloh. Die Kamelie überstand den Brand, weil es bitterkalt war: Bei minus 20 Grad gefror das Löschwasser und schützte die Pflanze, die im Frühjahr wieder austrieb, als sei nichts gewesen.

So derbe geht man heute nicht mehr mit der sensiblen Seltenheit um. Die Temperatur ist computergeregelt, die gleiche Technik bewegt Lamellen und schützt die Kamelie vor zuviel Licht und Wärme. Und die Technik bewegt das Haus: Wenn es draußen warm genug ist, öffnen sich alle Tore und das Haus fährt dezent hinter die Kamelie…

[Lage | mehr Kamelien in Zuschendorf]

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten · 16. März 2003

Flut August 2002 in und um Dresden

Das Hochwasser im August 2002 hat das Leben vieler Menschen in Sachsen nachhaltig verändert. Wir waren selbst nicht direkt betroffen, weil wir in einiger Entfernung von hochwasserführenden Gewässern und etwas bergauf in der Südvorstadt wohnen.

Während der Flut entstand diese Dokumentation, um Verwandte, Freunde und andere Interessierte zu informieren – schnell und journalistisch, aber ohne Sensationslust und möglichst mit Hintergrundinformationen, die die großen Medien zu anstrengend fanden.

Der Newsletter der STIPvisiten, sonst Restaurantkritiken und Reiseberichten vorbehalten, war schnell umfunktioniert – die je über 50.000 Seitenzugriffe in den Monaten August und September zeigen, dass das Angebot genutzt wurde.

Die Seiten sind – inhaltlich unbearbeitet – jetzt von den STIPvisiten auf die private Homepage stipriaan.de umgezogen, weil die Datenmenge erheblich und dort mehr Platz ist. Hinzugekommen sind bei der Gelegenheit zwei Dokumentationen – eine ausführliche Chronologie und die Dokumentation der Bürgerstiftung Dresden über den Verbleib von Spendengeldern. Auch die STIPvisiten hatten über diese Organisation um Spenden gebeten und erfreulicher Weise knapp 80.000 Euro für die Opfer der Flut einwerben können. Dafür: Danke!

Chronologie(328 KB PDF)   Flut-Dokumentation (2 MB PDF)

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten · 10/2002

Zwischen BH und Barock

Ohne Dresden sähe die Welt heute anders aus. Nein, nicht wegen Semperoper und Museen, sondern viel einfacher: Hier wurden Dinge erfunden, die die Welt veränderten. Der Kaffeefilter zum Beispiel – Melitta Bentz kam 1908 auf die Idee. Und auch das „Leibchen, das die Brust in Form hält“, wurde hier (am 5. September 1895) patentiert – der BH ist ein Sachse, so wie die erste industriell gefertigte Kondensmilch Sächsin ist und von den Gebrüdern Pfund in ihrer Molkerei hergestellt wurde. Das Haus gibt‘s heute noch und nennt sich „schönster Milchladen der Welt“. Pilsener aus Radeberg bei Dresden ist Deutschlands ältestes (und immer noch eins der besten), was auch die Erfindung des Bierdeckels nach sich zog. Und dann das Porzellan! Hier erfunden von einem Alchemisten namens Böttger, der seinem Fürsten Gold versprochen hatte und es dann wenigstens zum „Weißen Gold“ gebracht hat.

Das alles und noch viel mehr gehört zum Erbe dieser Stadt – und sie ist sehr stolz darauf. Auf ihre Vergangenheit lassen die Dresdner nichts kommen, und an der Zukunft arbeiten sie längst. Chipfabriken sind nicht der Renner für Wochenendtouristen – aber wenn weltweit IT-Leute entlassen werden und die Fabriken in Dresden immer noch Personal suchen, dann strahlt das in die Stadt hinein. Für die italienischen Momente im Leben bietet „Elbflorenz“ reichlich Gelegenheit, wobei das Angebot so vielfältig ist wie die Geschmäcker der Welt.

Zum Beispiel in der Neustadt rechts der Elbe. In Deutschlands größtem geschlossenen Gründerzeitviertel und Dresdens größten rund um die Uhr geöffneten Szeneviertel leben, kaufen, essen und trinken Punks und Banker in friedlicher Koexistenz. Tagsüber ist die Neustadt eine aufregende Mischung von alternativen und alteingesessenen Geschäften und Boutiquen, abends ein Dorado für Bummler: So viel Absacker kann gar niemand vertragen wie es hier Bars und Kneipen gibt!

Ein Muss ist die Königstraße. Hinter kleinen Schaufenstern verbergen sich feine Geschäfte und Cafés sowie wunderbare Restaurants und Bars: ein Restaurant mit Michelin-Stern; zwei spanische Lokale mit gemeinsamem Hof (links Restaurant, rechts Tapas Bar) teilen sich den Ruf des besten Spaniers der Stadt, eine Sushi Bar, der übliche Italiener, ein gutbürgerliches Restaurant sowie ein tschechisches für diejenigen, die Bier und Knödel lieben.

Ach ja: Die Semperoper gibt‘s natürlich auch noch in Dresden (an Karten kommt man schwer!). Und: Museen, Museen, Museen! Oder Sie spazieren einfach gemütlich durch die Stadt und lassen die ganze barocke Pracht auf sich wirken.

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: Madame 1/2002

Dresden – wie Anno 1722?

Linkselbisch: Barock von August bis zum Zwinger
Rechts der Elbe: Bummeln, Shoppen, Essen, Trinken

Ob die Dresdner das wirklich wollen? Ihre Stadt in den Grenzen von 1722? Es hat den Anschein, denn vieles von dem, was Dresden Anfang des 21. Jahrhunderts ausmacht, geht auf diese Zeit zurück. Es ist die Zeit eines Mannes, der als “August der Starke” in die Geschichte eingegangen ist. Eigentlich hieß er Friedrich August I. und war seit 1694 Kurfürst von Sachsen sowie (seit 1697) als August II. König von Polen.

Weniger kompliziert als die Namensgebung und vor allem bis ins Heute reichend waren die Lebensmaximen des starken August: Macht, Frauen, Kunst. Ein Genussmensch, dem nichts Irdisches fremd war und der in nachgeradezu vorbildlicher Weltoffenheit die jeweils Besten nach Dresden holte. Dass dabei manch enttäuschtes Frauenherz und mannigfach gehörnte Männer ebenso den Weg säumen wie nicht immer astreine Mittel der Geldbeschaffung, nimmt die Geschichtsschreibung billigend in Kauf. Was zählt sind Ergebnisse: Der Zwinger. Die Frauenkirche. Das Taschenbergpalais. Die Neustadt auf der anderen (der rechten) Elbseite. Die einzigartige Pretiosensammlung des Grünen Gewölbes. Kurzum: Fast alles, weswegen man nach Dresden kommt, hat mit August dem Starken zu tun. Nur die Semperoper entstand viel später – passt aber ganz gut ins Bild. Übrigens wird in dieser Oper wirklich Musik gemacht und kein Bier gebraut, wie es die Werbung vermuten lässt.

Nach der fast völligen Zerstörung Dresdens am Ende des zweiten Weltkriegs schuf der Sozialismus rund ums alte Zentrum seine monotonen Plattenbauten, von denen heute einige ein erstaunliches Remodelling erfahren und dadurch sogar (zumindest optisch) erträglich werden. Doch Sozialismus hin und neue Weltordnung her: Im kurfürstlich augusteischen Zentrum wurde originalgetreu wieder aufgebaut. Der Zwinger war 1964 vollendet, die Semperoper am 13. Februar 1985 (exakt vierzig Jahre nach ihrer Zerstörung).
Andere Vorhaben blieben der Zeit nach dem Mauerfall vorbehalten – spektakulär der 250 Millionen Mark kostende Wiederaufbau der Frauenkirche, für den weltweit Freundeskreise Spendengelder aufbringen. Weniger aufregend, obschon gleich teuer und völlig privat finanziert das Taschenbergpalais: Auferstanden aus Ruinen ist ein Hotel, das eines der schönsten in Deutschland ist.

Bei einem Stadtspaziergang kann man das alles, weil es so eng beieinander liegt, in gut einer Stunde bewältigen und wird auch nicht durch einladende Schaufensterpassagen abgelenkt: Sowas gibt‘s im historischen Zentrum kaum, denn hier regiert die Kunst. Die kann einen freilich tagelang in Bann ziehen: Die Gemäldegalerie “Alte Meister” mit der Überraschung für viele: die niedlichen beiden Engel sind eigentlich nur Staffage am unteren Rand von Raffaels “Sixtinischer Madonna”, die schon erwähnte fürstliche Schatzkammer “Grünes Gewölbe” und immer wieder sehenswerte Sonderausstellungen im Schloss.

So viel Geschichte! So viel Barock! So viel Kunst! Ist Dresden ein Museum, in dem knapp eine halbe Millionen Menschen leben und deswegen keinen Eintritt zahlen? Nein! Denn auch Dresden hat seine Einkaufstraße (die Prager Straße), und vor allem gibt es das rechtselbisches Dresden mit seiner prächtigen Königstraße. Hier kann man nun wirklich Geld loswerden, und das sogar auf durchaus geschmackvolle Art und Weise. Hinter kleinen Schaufenstern (alles rekonstruierte Originalfassaden aus dem 18. Jahrhundert und entsprechende denkmalschützende Auflagen) verbergen sich feine Geschäfte und Cafés für den Tagesbummel sowie wunderbare Restaurants und Bars für den Abend: ein verdient besterntes Restaurant, zwei spanische Lokale mit gemeinsamem Hof (links Restaurant, rechts Tapas Bar) teilen sich den Ruf des besten Spaniers der Stadt, eine Sushi Bar, der übliche Italiener, ein gutbürgerliches Restaurant sowie ein tschechisches für diejenigen, die Bier und Knödel lieben. Wem das alles nicht reicht, der geht ein paar hundert Meter weiter und befindet sich in Deutschlands größtem geschlossenen Gründerzeitviertel und Dresdens größten rund um die Uhr geöffneten Szeneviertel. Hier leben, kaufen, essen und trinken Punks und Banker in friedlicher Koexistenz nebeneinander, hier gibt es mehr Kneipen und Shops für die merkwürdigsten Dinge der Welt als Parkplätze – aber man muss ja nicht mit dem eigenen Wagen kommen, denn neben Taxen funktioniert in Dresden der Nahverkehr noch recht ordentlich. Auch nachts.

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

Der ultimative Besucher-Spaziergang

Es soll sie ja immer noch geben: Leute, die noch nie in Dresden waren. Die allenfalls diese tolle Brauerei aus der Werbung kennen und sich fragen, wo in derart traumhafter Umgebung denn Hopfen und Malz die innige Verbindung zur Bierwerdung eingehen? Die Auflösung erfolgt in solchen Fällen oft erst dann, wenn in Vorbereitung auf den ersten Besuch die vermeintliche Brauerei im Prospekt mit „Semperoper“ bezeichnet wird, was zu spürbarer Erleichterung und einem seufzenden „Hab’ ich mir doch gleich gedacht“ führt: Die Welt ist wieder in Ordnung – Opern sehen so aus und Brauereien auch manchmal schön, aber eben anders.

Dennoch kann man den Radebergern eigentlich gar nicht dankbar genug sein, dass sie dieses starke Stück Dresden so eindrucksvoll inszeniert in die Welt hinaus schicken. So hat man denn wenigstens einen Anknüpfungspunkt, wenn Onkel Günther mit Tante Elisabeth sich aufraffen, den hier schon seit zehn Jahren lebenden Neffen zu besuchen.

Wobei das mit dem „Anknüpfungspunkt“ nicht so wörtlich zu nehmen ist, denn ob man umweltbewusst mit der Bahn als einer von täglich rund 30.000 Ein-, Aus- und Umsteigern am Postplatz ankommt oder sich mit dem Auto ins Zentrum traut und einen der knapp 500 Parkplätze unterm Taschenbergpalais oder unter dem Haus am Zwinger erwischt: Unser Startpunkt ins historische Zentrum der Stadt beginnt mit einem Stück Neues Dresden.

Das „Haus am Zwinger“ bietet ja nicht nur den Vorteil, den Bummel angesichts bevorstehender Anstrengungen mit einer Rast zu beginnen (ein Café, drei Gaststätten für die vorzüglichste Befriedigung unterschiedlichster geschmacklicher Bedürfnisse), sondern ist obendrein auch mit seiner gewagten architektonischen Form ein Ansatzpunkt, über die Stadt ins Reden zu kommen. Da sitzen wir nun also und sind prompt unterschiedlicher Meinung. Elisabeth hätte das gesamte Zentrum am liebsten so wie viele Dresdner: barock. Doch Onkel Günther, offenbar doch belesener und besser vorbereitet als wir dachten, wirft völlig korrekt ein, dass es ohne ein gewisses Quäntchen an Querdenken und Mut gar nicht geht, und selbst der Zwinger sei ja seinerzeit für Dresden auch was Neues und das barocke Bauen für viele der damals gerade gut 20.000 Dresdner sehr verwegen gewesen…

Nun grenzt also dieses Haus am Zwinger den barocken Kern der Stadt mit dem direkten Nachbarn Taschenbergpalais und dem namengebenden Zwinger gegenüber zur Nachkriegsstadt ab – und es hätte wahrlich schlimmer werden können, muss sogar unsere skeptische Lisbeth zugeben. Kann natürlich sein, dass sie der Bummel entlang des Hauses die Frage von Form und Inhalt zu Gunsten des Inhalts hat verschieben lassen: Bei den Modegeschäften beispielsweise musste sie erst mal rein und feststellen, dass ihr das Angebot sehr gut gefällt –und in den erzgebirgisch geprägten Geschenke-Shops war dann auch gleich genug Mitbringsel-Material für die daheim Gebliebenen gefunden!

Wir waren dann sogar noch mehr drin: Klaus-Peter Junge, der das nicht leichte Geschäft der Vermietung des Hauses übernommen hat, brachte uns hoch in ein noch nicht vergebenes Büro (insgesamt hat das Haus einen Vermietungsstand von 60 Prozent, was Junge als „ganz ordentlich und wie erwartet“ bezeichnet). Tiefe Einblicke in den Zwinger gibt es da, und Onkel Günther scherzte, dass er sofort einziehen würde, wenn seine Firma hier und nicht im Westfälischen wäre. Auf eine Niederlassung in Dresden wollte er sich freilich auf die Schnelle nicht einlassen, und so zogen wir weiter: natürlich in den Zwinger.
Dieses Meisterwerk des Barock – eine „Faschingslaune der Architektur“ nannte es mal einer, der aber mit dem Begriff Fasching nur Gutes verband – steckt so voller Kunst und Sehenswertem innen wie außen, dass der eine gemütliche Spaziergang durch Glockenspielpavillon, Kronentor und Nymphenbad nur ein Appetitholer ist. Der Zwinger ist, wenn man die Zeit hat und sich mit dem einen oder anderen schlauen Buch oder Stadtführer bewaffnet, einen halben Tag und mehr wert. Und Filmmaterial sollte auch nicht zu knapp bemessen werden…

Eins konnten wir uns – man muss den Verwandten ja zeigen, was diese Stadt zu bieten hat – nicht verkneifen: den Quicki durch die Alten Meister. Sixtinische Madonna (die ja neuerdings weltweit nur auf die beiden kleinen Süßen am unteren Ende des Bildes reduziert wird), ein wenig Rubens und ganz viel Canaletto, der seit 1747 Hofmaler war und monatlich ein Bild abliefern musste. Er ließ sich nicht lumpen und wählte trotz des Stresses ein großzügiges Format. Canalettos Stadtansichten sind erstens in Ermangelung der damals noch nicht erfundenen Fotografie ein nettes Abbild der Zeit und zweitens neben der Detailliebe auch noch humorvoll arrangiertes Stilleben. Wer Dresden – das ja nicht umsonst Elbflorenz genannt wird und klimatisch (sehr zur Freude der Winzer in der Gegend) durchaus nennenswerte Durchschnittstemperaturen zu bieten hat – wer also Dresden bei Regen erwischt, kann sich bei Canaletto die Sonne zumindest in den Sinn holen.

Dem Glücklichen aber scheint die Sonne vom Himmel: also raus aus dem Museum!
Und plötzlich steht sie vor dir: Die Sächsische Staatsoper Dresden, kurz „Semperoper“. Am Theaterplatz mit dem Reiterdenkmal von König Johann (der unter seinem Pseudonym Philaletes Dantes „Göttliche Komödie“ nach Meinung von Fachleuten hervorragend übersetzt hat) kumuliert das alte Dresden: Die Semperoper (seine zweite am Platz, Nummer eins brannte 1869 ab) wurde wie fast alles im Februar 1945 ein Opfer der Bomben. Wiedereröffnet exakt 40 Jahre nach der Katastrophe am 13. Februar 1985, ist sie jetzt nicht zuletzt durch den Bierwerbespot ein Muss für alle Touristen – wobei denen, die zuhause nie in die Oper gehen, die musikfreien Führungen tagsüber empfohlen seien, weil die sehenswerte Architektur die gleiche ist wie während der Aufführung…

Zur Elbe hin muss ich Onkel und Tante natürlich das „Italienische Dörfchen“ zeigen. Erstens weil es sowieso Mittag ist und das Angebot an möglichen Ess-Orten der Gegend ja mal gesichtet werden muss und zweitens, weil man angesichts des Namens auch über Themen reden kann, die die Welt bewegen. In der augusteischen Zeit gab es da, wo jetzt die Gaststätte steht, nämlich die Baubuden der Steinmetze aus Italien, die die Hofkirche bauten. Architekt Gaëtano Chiaveri und seine Bauleiter kamen ebenfalls aus Italien: Des starken August Sohn – Friedrich AugustII. – hatte sie gerufen, um Sachsens größte Kirche (und Dresdens letzten Barockbau) zu errichten. Die Dresdner, so scheint‘s, hatten mit den Zugereisten allerdings offensichtlich Probleme: Nach zehn Jahren Bautätigkeit reiste Chiaveri mit dem Gefühl ungenügender Unterstützung ab.

Seine jetzige Form erhielt das Italienische Dörfchen übrigens erst Anfang des 20. Jahrhunderts – ebenfalls von einem Nicht-Dresdner, nämlich vom Bamberger Hans Erlwein, der auch an anderen Stellen der Stadt beachtliche Spuren hinterlassen hat. Wo früher die Steinmetze wohnten, gibt‘s heute Gastronomie für alle – auch italienisch geprägte: eine späte Verneigung vor den Namensgebern des Ensembles?

Nett wär‘s ja und eine richtige Geste allemal. Zumal es gerade ein Wesenszug von in Dresden Geborenen zu sein scheint, dass eben nur gebürtige Dresdner das richtige Gefühl für die Stadt entwickeln können – was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie viele Zugereiste das Stadtbild wesentlich geprägt haben und einen klanghaften Namen hinterließen: Der Zwinger von Pöppelmann (wie Onkel und Tante: aus Westfalen!) und Permoser (ein Oberbayer, der zuvor in Italien gearbeitet hatte), die Oper von Semper (ein Hamburger), die Kirche von Chiaveri. Am Schloss haben naturgemäß über die Jahre so viele rumgemährt, dass es sich verbietet, nur einen Namen zu nennen. Das Taschenbergpalais, das unser nächstes Ziel ist, ist das Werk der Westfalen Karcher und Pöppelmann, und das neue Haus am Zwinger vom Wiener Architekten Heinz Tesar.

Die Geschichte des Taschenbergpalais erzählt sich immer besonders gut, und weil sie etwas länger währt, wollen Onkel und Tante mal wieder eine Auszeit nehmen. Gelegenheit dazu gibt‘s reichlich: Vom schnellen Espresso in der Kaffeebar über den vornehmen Kaffee oder Fünf-Uhr-Tee im Vestibül des Hotels mit Blick auf das Pöppelmannsche Treppenwunder (eine doppelläufige Anlage, die den Bombenangriff im Februar 1945 halbwegs überstand und beim 250 Millionen Mark teuren Wiederaufbau zum Hotel originalgetreu einbezogen wurde), vom urig-deftigen Essen nach bayerischer Art im Paulaner‘s oder im Sophienkeller (mit echten alten Stadtmauern und Gewölben aus dem 13. Jahrhundert sowie nachgebautem „Zeithainer Lager“ aus augusteischen Zeiten) bis zum hochgelobten Restaurant Intermezzo, das zum Kempinski Hotel gehört, ist für nahezu jeden Geschmacksnerv (und unterschiedlich voluminöse Geldbeutel) etwas dabei. Theoretisch könnte man sich gut zwei Tage ohne Wiederholungsbesuch mehr als grundernähren – und hätte für den Absacker nächtens sogar noch die zum Hotel gehörende Allegro Bar mit ihren fast 300 Cocktails zur Verfügung.

Wir haben uns fürs Intermezzo entschieden, weil das erstens ganz passend Zwischenspiel heißt und zweitens in den einschlägigen Gastro-Führern gehörig gelobt wird. Zwischen Bestellung und Servieren ist Zeit, nochmal über August den Starken nachzudenken. Er hielt sich, wie seinerzeit nicht unüblich, Mätressen. Anders als heutzutage die heimlichen Geliebten waren das durchaus akzeptierte Nebenfrauen. Die Cosel, die August einem seiner Minister ausgespannt hatte, ertrotzte sich sogar einen richtigen Ehevertrag. Der half ihr allerdings, als die Liebe des potenten Potentaten vorbei und die Interessenslage des Königs von Polen sich verändert hatte, auch nicht mehr – und so landete die Gräfin Cosel auf Burg Stolpen, knapp 30 Kilometer Richtung Elbsandsteingebirge von der Residenz entfernt, im Gefängnis. Das war, auch wenn es sich heute wunderbar restauriert und publikumsnah gestaltet präsentiert, kein Zuckerschlecken!

Die besten Tage ihres Lebens aber verbrachte Gräfin Cosel im Taschenbergpalais – dem Palais, das August ihr zu Ehren hat bauen lassen. Die Verbindung, die es heute zwischen Schloss und Palais gibt, wurde übrigens wie der gesamte Ostflügel erst später errichtet, so dass die nette Geschichte vieler Stadtführer, dass August nächtens über diesen Gang zu seiner Geliebten schlich, leider nur als gut erfunden eingestuft werden muss.

Wirklich lustig allerdings ist, dass der Frauenheld den Bau doppelt bezahlt hat: Einmal beim eigentlichen Bauen, dann später nochmal, als er die Cosel rausgeworfen hatte und das Palais für sich wieder haben wollte (soviel gab der Vertrag dann doch her): Rückkaufen hat also auch Tradition hierzulande.

Auch nach dem unfreiwilligen Auszug der Cosel erlebte das Taschenbergpalais gute Zeiten, mit An- und Umbauten. So entstand in Dresdens erstem barocken Palais einige Jahre später eine Hauskapelle, die als Höhepunkt des Rokoko in Dresden gefeiert wird.

Beim Wiederaufbau des Palais (1992–1994) hat man die Kapelle in den Ausmaßen erhalten, aber nicht dem Überschwang des Rokoko nachempfunden: Schlicht gestaltet steht sie als Teil des Hotels für Tagungen zur Verfügung, aber dann und wann auch der hehren Kunst – mit Ausstellungen einheimischer Künstler einerseits und Verkaufsausstellungen von Weltkunst andererseits. Der Geist des Hauses scheint überhaupt Kunst auszustrahlen: Besagte Galerie ist das ganze Jahr – also auch, wenn es nicht gerade zwischen Ostern und Pfingsten ist – gleich mit zwei Shops präsent, und der Juwelier oder das Porzellangeschäft sind ja auch eher dem Schöngeistigen zugewandt. Im Juweliergeschäft strahlt die Kunst dann auch wieder zurück: Georg Leicht hatte im Grünen Gewölbe den „Heiligen Georg zu Pferde“ als Original entdeckt und das Motiv in den heimischen Werkstätten nachgestalten lassen. Vom Verkaufserlös fließt ein beachtlicher Teil ans Grüne Gewölbe, was im Zeitalter ohne wirkliche Fürsten durchaus als nettes Mäzenatentum dankbar entgegen genommen wird.

Das Taschenbergpalais verlassend möchten Onkel Günther und Tante Elisabeth noch mal schnell an die Elbe. Das Schloss rechts, Schinkelwache, Semperoper und Italienisches Dörfchen links liegen lassend gehen wir die Stufen zum Flussufer hinab – und Günther sieht Marion! Das ist nicht etwa eine alte Freundin, sondern der Theaterkahn von Friedrich Wilhelm Junge. Eigentlich wollten wir dann ganz spontan in die Abendvorstellung – aber die war ausverkauft (also nächstes Mal besser Karten bestellen!). Aber wo wir schon mal da waren: Auch auf dem Kahn gibt‘s ein Restaurant: Kahnaletto, ein schönes Wortspiel. Und da die Küche stimmt, waren wir versöhnt mit dem Abend ohne Theater. Es war dann sogar noch Platz für den abendlichen Absacker – ganz lustig: An der Mauer (Elisabeth meinte: in der Mauer!) zur Brühlschen Terrasse: Der Radeberger Spezialausschank machte den Tag komplett, den wir mit dem Opern-Brauerei-Irrrtum begonnen hatten. Die Auflösung gefiel uns!

PS: Das Auto haben wir in der Garage stehen lassen und ein Taxi genommen, war auch besser so nach den vielen Zwischenstopps…

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: Augusto 2001

Die höheren Weihen sächsischer Mathematik

Mit der „Kurort Rathen“ die Sächsische Weinstraße entlang

Heute haben wir in unserer Sonntagsschule „Sächsische Mathematik“. Das ist ein ganz seltenes Fach, und es wird nur an Bord des Dampfschiffes „Kurort Rathen“ gegeben. Das haben wir nämlich betreten, um einen ganzen Sonntag lang die Schönheit der Elbe zwischen Dresden und Meißen nebst den rechtselbisch gelegenen Weindörfern Diesbar und Seußlitz zu genießen.

Um neun Uhr legt das Schiff (manchmal auch ein anderes, aber wir hatten dieses) am Dresdner Terrassenufer ab. Linie zwei, Sächsische Weinstraße. Stromab über Radebeul (eigentlich: Kötzschenbroda, aber das gehört zu Radebeul), Meißen und Diesbar bis Seußlitz sind es exakt drei Stunden: Wer mit dem Dampfschiff unterwegs ist, hat zwar ein Ziel – aber vor allem den Weg!

Die erste Irritation bei den halbwegs geografisch firmen Passagieren ist wie ein Schreck in der frühen Morgenstunde: Das Schiff legt ab und dampfert in aller Seelenruhe Richtung Pillnitz – elbaufwärts statt flussab! Macht das der Kapitän, um den Fotografen die einmalige Kulisse der Brühlschen Terrasse zu bieten? Naja, ganz ehrlich: Eigentlich ist das nur der ganz alltägliche Kampf mit der Elbe. Die braucht nämlich sowohl eine gewisse Breite wie auch möglichst über diese Breite eine gewisse Tiefe, damit das Dampfschiff drehen kann. Denn immerhin ist so ein Schaufelraddampfer wie die Kurort Rathen ziemlich lang.

Wie lang genau? Bildungshungrig und immer darauf bedacht, den Lesern von „trialog“ nur die erstklassigsten Informationen zukommen zu lassen, wählen wir den Weg der einfachen Recherche und lesen das sauber polierte Schild mit den technischen Daten im Schaubereich der Maschine: 55 Meter 76 steht da.

Während wir, sehr zur Beruhigung der Irritierten unter den Reisenden, nun wirklich stromab schaufeln und der Kapitän obendrein alle „auf der Fahrt nach Meißen, Diesbar, Seußlitz“ ganz lieb begrüßt, finden sich weitere Informationsquellen: Zum Beispiel ein Blatt, das die Geschichte des Schiffes übersichtlich zusammenfasst. Man lernt, dass es 1896 gebaut wurde, damals „Bastei“ hieß und bei einem Tiefgang von lediglich 46 Zentimetern 612 Passagieren Platz bot. Außerdem wird der tragische Tod zweier Besatzungsmitglieder in früher Zeit erwähnt, wobei den einen der Blitz traf und der andere ohne Nennung von Details über Bord ging und in den kalten Fluten der Elbe ertrank. Außerdem erfahren wir, dass das Schiff 55 Meter 52 lang sei.

Mit der Erkenntnis, dass offensichtlich alles relativ ist und nicht nur die Theorie des Herrn Einstein, begeben wir uns an Deck, um Dresden an uns vorbeifahren zu lassen. Eigentlich bewegen ja wir uns mit dem Schiff, aber mit unseren neuesten Erkenntnissen zur Relativitätstheorie formulieren wir das einmal passagierzentriert so, wie es ist: Erst schiebt sich die bereits erwähnte Kulisse der Brühlschen Terrasse an uns vorbei. Schon jetzt wirkt die Frauenkirche auf die Kulisse ein – eingerüstet, aber erkennbar majestätisch. Dann Schloss und Hofkirche, die Semperoper, der Landtag. Am anderen Ufer das Japanische Palais, dann die ersten Dresdner Dörfer: Mickten, Pieschen, Briesnitz. Da es Sonntagmorgen ist, hält sich die Betriebsamkeit auf den Straßen in argen Grenzen. Eine Brünette im grünen Bademantel genießt die Sonne dieses Sonntags am Fenster ihrer Wohnung. Ein netter Anblick, finden die Passagiere, und auch der Kapitän kann es sich nicht verkneifen, Dampf abzulassen. Da tuuuuuhtet das Schiff, die Passagiere grinsen, die Dame winkt. Idyllische Romantik, und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen soll: Wie eine Reise in die Vergangenheit mutet an, was sich da bei öffnendem Elbtal offenbart. Schafe grasen das Gras kurz, Kühe (mit Kälbchen, wie im Film) weiden unter schattigen Weiden, Kinder baden in der Elbe und schreien ihr Bibbern raus, winken sich warm. Ein Floß huscht vorbei, und im Hintergrund rechterhand sieht man die ersten Weinberge.

„Kurort Rathen“ in Höchstform: Der Strom fließt mit gut fünf Stundenkilometern dahin, das erhöht die eigene Geschwindigkeit, mit pfeilschnellen 25 Stundenkilometern nähern wir uns Meißen. Einige gehen, andere kommen, wir bleiben: Seußlitz oder (nur wenige Meter davor) Diesbar sind zwar nicht so bekannt, lohnen aber die weitere Reise. Für viele der Einheimischen an Bord, die das Schiff wie ein ganz normales Transportmittel nutzen, ist das Ziel am Anleger schnell definiert: Sowohl in Diesbar als auch in Seußlitz gibt es Gaststätten, die schon lange einen Namen haben. Keine Edelküche, aber im Frühjahr ausgezeichneten Spargel (in Diesbar wächst, wie in so vielen anderen Gegenden Deutschlands, der beste!) und ansonsten Winzerkost und immer akzeptable Weine der Gegend zu sauber kalkulierten Preisen. Zwei Stunden Aufenthalt in Seußlitz reichen neben dem Mittag in Lehmanns Weinstube – einer Institution wie Vincenz Richter in Meißen sogar noch zu einem kleinen Spaziergang zum Schloss. Wer länger spazieren will, muss auf die Rückfahrt mit dem Schiff verzichten und den Bus oder das Taxi nehmen.

Wir nahmen das Schiff. Gegen die Strömung dauert‘s zwar länger, aber das Nachmittagslicht verleiht der Landschaft eine andere Stimmung. Die Behäbigkeit des langsameren Vorankommens findet ihren Gegenpart bei den gesättigten Passagieren, und die eiligen Weinproben an Land machen sich auch bemerkbar. Die fleißige Bordgastronomie ist drauf eingestellt und bringt gegen die Müdigkeit neben Kaffee und Kuchen auch gerne Wein – man soll ja Gleiches mit Gleichem bekämpfen…

Halb dösend die Nachmittagssonne genießend ist es Zeit, sich Prospekten zu widmen und auf Erkundungsgängen sich mit letzten weißen Flecken an Bord auseinanderzusetzen. Und siehe da, es ereilen uns die höheren Weihen sächsischer Mathematik. Denn zu den zwei sowieso schon konkurrierenden Längenangaben aus der Vormittagsrecherche gesellen sich zwei neue hinzu: 57 Meter 10 verkündet der Prospekt, und eine Zeichnung der Laubegaster Werft, in der die Kurort Rathen 1993 komplett überholt und technisch wie optisch auf Vordermann gebracht wurde, weist 55 Meter 66 aus. Da hat man doch bis Dresden genug Stoff zum Nachdenken…

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: trialog 3/2000
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