Vieste (2)

Vieste

Apulische Augenblicke (17)

Vieste ist nicht wirklich groß, etwa 13.500 Einwohner. Aber im Gargano ist es die größte Stadt mit dem meisten Trubel und dem umfangreichsten touristischen Angeboten. Das kann schlimm sein, aber die Italiener kriegen das meistens so hin, dass es erträglich ist und eventuell sogar Spaß macht. Wir waren im Mai dort – und es war Vorsaison mit einem Hang zur anlaufenden Hauptsaison: ein idealer Zeitpunkt. Die Gaststätten haben bereits geöffnet, die Bedienungen und Köche sind nervlich noch nicht abgewrackt, auf dem Markt überwiegt die Zahl der Einheimischen, am Strand kann schon mal was los sein – aber wie die Sardinen muss man hier noch nicht liegen.

Vieste liegt – wie viele andere Städte hier – auf einem Felssporn. Das macht die Städte besonders pittoresk, und zwar von nahezu jedem Standpunkt. Nähert man sich dem Ort auf der schmalen Küstenstraße, sieht man es immer wieder mal: Die Küste ist keineswegs begradigt, also ist es die Straße auch nicht. Mit etwas Wetterglück gibt das ein schönes abwechslungsreiches Lichterspiel zwischen blauem Himmel, der türkis-smaragd-blauen Reflexion im Wasser, den weißen Wolken und den weißen Schaumkrönchen auf den Wellen einerseits und dem satten Grün des Waldes und dem gelben Sand des Strandes andererseits. Ach ja, das Paradies hat viele Namen…

Arco San Felice
Arco San Felice

Wenn man – wie wir – sich Vieste an der Ostküste des Gargano nähert, also über Manfredonia und Mattinata kommt, mäandert die Straße gewaltig durch die Berge, bevor man bei Testa del Gargano wieder an die Küste kommt. Auch wenn’s kurz vorm Ziel ist: Hier muss zwischengestoppt werden! Denn es erwartet den müden Reisenden (natürlich auch die hellwache Reisende!) der Arco San Felice – das berühmte Postkartenmotiv mit dem Felsentor. Zugegeben: Wir sind, weil beide müde und rechts spät dran, erst mal dran vorbeigefahren und haben es mit idealem Licht auch erst bei der Abreise im Morgenlicht richtig schön vor die Linse bekommen. Aber dort am Tor herumzustapfen ist auch ohne Fotolicht schön – und am aufregendsten ist es, wenn man eine Grottentour unternimmt und mit einem Touri-Schiff sich dem Bogen von der Wasserseite nähert. Jede Wette: Das machen wir später noch!

Spring!
Spring!

Den Felssporn mit der Altstadt von Vieste kann man sich täglich vornehmen und abends noch einmal: es gibt immer was zu entdecken! Die Gassen sind, wie es sich für süditalienische Städte gehört, eng und schattig. Die Ausblicke aufs Meer sind immer wieder überraschend und nicht selten atemberaubend schön. Die Gaststätten im Quartier sind auf Touristen ausgelegt – aber meistens gut bis sehr gut. Wir sind, eher zufällig, bei unserem ersten Stadtspaziergang auf der Terrasse von Ristorante e Pizzeria Saporo di Mare direkt über dem Meer hängen geblieben – und dort so herzlich bedient worden, dass wir dann noch zweimal da waren im Laufe der Woche. Da galten wir dann schon als Stammgäste, und das hat doch was!

Die Kultur in diesem Teil der Stadt könnte sein: Das Castello der Staufer (Friedrich II. – von wem denn auch sonst?) – aber das ist fest in Händen des Militärs und darf nur von außen angeguckt werden. Oder die Konventskirche San Francesco direkt an der Spitze des Felssporns – aber die wurde gerade renoviert und hatte geschlossen. Oder die Kathedrale Santa Maria Oreta, die man von weitem immer sieht, weil ihr Turm alles überragt. Was soll ich sagen: Zu war sie, aber wenn ich den schnattternden Führer einer Bildungsgruppe richtig verstanden habe, war das nicht weiter schlimm, denn so arg viel ist vom ursprünglich romanischen Innern aus dem 11. Jahrhundert nicht mehr erhalten.

Halten wir es also mit der Alltagskultur und erfreuen uns an spektakulär Unspektakulärem, an den liebevollen Details an den Häusern, den kleinen Gärten mit Zitronenbäumen und der Wäsche auf den Leinen vor den Fenstern. Erfreuen wir uns an den herumstehenden und miteinander redenden Alten, und ja – natürlich – an den Stühlen auf der Straße vor den kleinen Cafés und Bars.

Das Meer, das uns so romantisch erscheint, ist in Wirklichkeit ein gemeiner Typ, der dem Sporn immer wieder etwas vom Kalkfels klaut – was für die dort Wohnenden nicht wirklich lustig ist. Aber irgendwie scheinen die Menschen sich dort mit den Naturgewalten zu arrangieren. Gibt’s halt einen Balkon mehr, wenn das Erdgeschoss weggespült wird…

Vieste (1)

Feuerwerk

Apulische Augenblicke (16)

“Just a curiosity: on your arrival date: 10/05 in Vieste will be holy day, in fact on 09/05 is holy day for Santa Maria di Merino (Vieste’ patron Saint). So do not scare yourself because on about 12.00 in the night will hear fireworks !!!!” Schrieb mir Anna vom Reisebüro, das die Anlaufadresse für unsere Ferienwohnung war, im Februar.

Als wir am 10. Mai in Vieste ankamen und die Vermieterin des Hauses anriefen, damit sie uns den Weg zeigen konnte, war sofort klar: Das muss ein wichtiges Fest sein, denn Signora und ihr Mann waren schon festlich gekleidet. Ihr Ziel war, gleich nach der Ankunft, auch unser Ziel: Das historische Zentrum von Vieste, dort die passegiata auf dem Corso Lorenzo Fazzini - das Schaulaufen der lokalen Schönheiten und der (im Mai noch nicht so zahlreichen) Touristengockel.

Festschmuck
Festschmuck

Wenn Italiener ein Kirchenfest oder einen Heiligen (respektive Maria als kirchliche Quotenfrau) feiern, gibt es ein ganz bestimmtes Setting: Ein paar Tage zuvor kommt ein Lastwagen mit drei, vier wohlgelaunten jungen Männern vorbei, die dann bunte Lichterbögen aufbauen. Also streng genommen sind es weiße Bögen, an denen bunte Lampen hängen. Nächtens sieht das wunderbar kitschig aus, aber für eine festliche Promenade unterm Lichterbogen muss das so sein.

Die Promenierenden machen sich hübsch, dass es nur so eine Art hat: Stöckelschuhe (die Frauen) und die edlen Braunen (die Männer), feinen Zwirn, frische Frisur, güldene Handtäschchen (Ladies only) – schlampert läuft man da besser nicht rum! Die Eisdielen (davon gibt es reichlich!) haben zusätzliche Stühle herausgestellt und Schülerinnen als Aushilfskräfte engagiert, die munter giggelnd ihre Nachbarn, Lehrer und zukünftigen Lover bedienen. Freundlicherweise gibt es in den Eisdielen auch Wein und, wenn man mehr als ein Glas bestellt, etwas zu knabbern.

Padre Pio ist immer dabei
Padre Pio ist immer dabei

Gleich nebenan kann man Pizza zum Mitnehmen erstehen, der Laden ist höchstens zehn Quadratmeter groß. Über dem Kühlschrank mit nur alkoholfreien Getränken lächelt Padre Pio milde auf den Trubel herunter, neben ihm kämpft einer vom Pferd aus mit irgendeinem Unbill, wahrscheinlich ein Drachen (das war damals so). Aber wer sieht da schon hin und kümmert sich um die jungen und alten Heiligen? Hier sind alle, trotz der Enge, gut drauf, und der Chef weist darauf hin, dass man doch bitte gerne die Stühle und Tische draußen nutzen könne. Die stehen (schließlich ist das kein Restaurant) nur während der Feierlichkeiten hier, werden aber gerne genommen. Nebenan spielt eine Band den üblichen Italoschmalz, der die Herzen bewegt und die Füße klammheimlich mitwippen lässt.

Auf dem Weg zur Felsspitze wird es ruhiger, an einem Tisch sitzen alte Männer am Straßenrand und plaudern, ohne auch nur ein Getränk vor sich zu haben: das sind Zuständigen des Kommitees für das nächste Fest. Die Altstadt, die sich auf dem Felssporn ins Meer streckt, ist an diesem Abend ruhig: Heute wird rund um den Corso gefeiert!

Italo-Kuschelrock
Italo-Kuschelrock

Um Mitternacht, hatte Anna geschrieben, soll es ein Feuerwerk geben! Das wollten wir von unserer Unterkunft aus ansehen, die bergan mit Blick auf Hafen und Altstadt praktischerweise mt einem begehbaren Flachdach ausgestattet war. Nahezu pünktlich um Mitternacht Londoner Zeit ging es dann auch los – ein wenig unspektakulär im Bereich des neuen Hafens, also nicht vor der klassisch-schönen Kulisse. Nach und nach steigerte sich das Feuerwerk zu einem ganz ansehnlichen pfffft und rmmmmms in rot und grün und gelb und weiß und manchmal auch in blau.

Ach, dachte ich und hob genießend das Glas, eigentlich könnte man doch als ankommender Tourist immer so begrüßt werden!

Altamura und Gravina in Puglia

Altamura

Apulische Augenblicke (15)

Der Urlaub in Apulien war zweigeteilt: Nach dem Aufenthalt im eher unbekannten Carovigno mit reichlich Abstechern in die Umgebung folgte der Gargano mit der eher für touristischen Rummel bekannten Stadt Vieste. Den Weg vom einen zum anderen Quartier verbanden wir mit einem kleinen Umweg, um uns Altamura und Gravina in Puglia anzusehen.

Altamura

Eine gute Idee, samstags um die Mittagszeit in eine 65.000-Einwohner-Stadt hinein zu fahren. So gut, dass andere sie auch hatten: Wir stehen im Stau. Doch, das finde ich gut – gibt es doch auch dem Fahrer die Gelegenheit, dem bunten Treiben links und rechts der Straße zuzuschauen. Irgendwo scheint ein Markt zu sein – die Leute kommen gut bepackt aus dem Quartier zur Rechten. Wenn du die Stadt nicht kennst: Immer den größten Kirchturm im Auge haben und dahin, wo die Menschen her kommen!

Geklappt: Da ist tatsächlich ein Markt! Und dahinter lugen zwei Glockentürme hervor! Zwei Parksuche-Runden später sind wir mittendrin. Altamura, hatten wir gelesen, sei für sein Brot aus Hartweizen bekannt: außen kross und innen fluffig, und obendrein EU-geschützt. Quasi eine Art Dresdner Stollen, aber eben aus Brot und nicht in Dresden in Sachsen, sondern in Altamura in Apulien hergestellt. Wir haben es nicht probiert, weil die Chance auf einen Fehlgriff sicher hoch ist, wenn man sich nicht genau auskennt.

Kathedrale
Kathedrale

Dafür waren wir in der Kathedrale, die “Der Staufer” der Stadt beschert hat. Er musste mal was tun, um die katholische Kirche zu beruhigen, namentlich dem Papst zeigen, dass er (Federico di Svevia) noch nicht vom rechten Glauben abgefallen sei. Und da Altamura noch keine große schöne Kirche hatte, ließ er eine bauen – es sollte seine einzige bleiben. Aber immerhin: mit prächtigem Löwentor und sowieso ganz schön gewaltig. 1232 wurde der Bau begonnen – das heißt also: was man heute dort an barocker Pracht sieht, kam später hinzu (aber das kennt man ja von Kirchen und Schlössern, dass sie nie fertig sind). Nach seiner noblen Geste, der Stadt eine Kathedrale zu schenken, war der Staufer dann wieder ganz er selbst: 1248 sorgte Frederick dafür, dass Papst Innozenz IV. die Kathedrale aus der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Bari löste – sie wurde als “Pfalz-Kirche” so eine Art Palastkapelle…

Treppe
Treppe

Natürlich gibt’s noch mehr in Altamura: In der Kathedrale eine Hochzeit, eine nette Schlendermeile (Corso Federico II di Svevo), eine Kirche der ehemaligen griechischen Gemeinde (San Nicola dei Greci), einen veritablen Palast (Palazzo Viti de Angelis) aus dem 15. Jahrhundert sowie ein Museum, das rund um den Skelettfund des Uomo di Altamura, des Mannes von Altamura belehrt. Außerdem gab es eine Riesenbaustelle, die uns bei der Weiterfahrt ein wenig narrte und noch 30 zusätzliche Minuten Besichtigung uninteressanter Vorortstraßen ohne Wegweiser bescherte. Aber da Sylke manchmal auch nach hinten sah, fand sie doch noch ein wegweisendes Schild und wir konnten raus aus der Stadt Richtung Gravina in Puglia.

Gravina in Puglia 

Gravina in Puglia
Gravina in Puglia

Die Schluchtenstadt über Grotten und Höhlen empfing uns mit einem Abenteuer und einem ungewollt besinnlichen Moment. Das Abenteuer bestand darin, mit einem zwei Meter breiten Auto durch einsachtzig breite Gassen zu fahren. Okay, ich flunkere: das Auto war 1.687 mm und die Gasse 1.688 mm breit, aber aufgregend war es vor allem, weil spätestens nach der zwölften rechtwinkligen Kurve nicht absehbar war, ob die Gassen sich noch weiter verjüngen wollten oder uns irgendwann auf einen Platz ausspucken würden.

Es war dann die Platz-Variante, aber lustig wurde es da nicht – ein beeindruckend langer Beerdigungszug bewegte sich langsam durch die Stadt. Die eher typische süditalienische Hektik wich, Vespafahrer stiegen ab, Männer nahmen sich den Hut vom Kopf, Automotoren wurden abgestellt. Später, beim Rundgang durch die Stadt, sah ich an der Katherale, dass sie den elfjährigen Giuseppe an diesem Tag zu Grabe trugen.

Antipasti
Antipasti

Vor dem Rundgang (und also auch bevor einem bildlich gesprochen der Kloß im Hals stecken bleiben konnte) sind wir unserer Lieblingsbeschäftigung nachgegangen: Wir haben ein Restaurant gesucht, das einen leidlich untouristischen Eindruck machte. Die Trattoria zia Rosa war in unserem Reiseführer als Tipp empfohlen – und wir können das Urteil bestätigen! Die Antipasti waren reichlich, einfach und gut, und natürlich konnten wir auch auf hausgemachte Nudeln mit Ruccola und Käse sowie Kaffee und Keks nicht verzichten. Das Gedeck, das in Italien obligatorisch ist, bestand hier übrigens nicht aus unattraktivem Brot, sondern war mit Wasser und zwei Vorspeisentellern mehr als ein Appetithappen. Bezahlt haben wir für all das und den ebenfalls obligaten Hauswein zusammen 35 Euro – da kann man nicht meckern.

Schlucht und Höhlen
Schlucht und Höhlen

Gravina, das kennen wir vom Besuch in Massafra, heißt Schlucht (und Puglia ist Apulien). Also führt der Verdauungsspaziergang an den Rand der Schlucht – wo es den in diesem Fall berechtigterweise so genannten “spektakulären Blick” wo-auch-immer-hin gibt, zum Beispiel auf die Höhlen am Rande der Schlucht. Die Grottenkirche San Michele ist – Vandalismus sei Dank – abgesperrt, einen Tür öffnenden Menschen soll es im Museo capitolare arte sacra neben der Kathedrale geben – wir haben es nicht geprüft, weil dies ja nur ein Zwischenstopp sein sollte.

Vor der Kathedrale
Vor der Kathedrale

Die Kathedrale liegt an einem beeindruckend großen Platz. An diesem Samstag war er zugeparkt: Wir hatten den Eindruck, dass halb Gravina zur Beerdigung gekommen war. Eine Besichtigung der Kathedrale verbot sich unter diesen Umständen – aber schon von außen ist der im Kern über 900 Jahre alte Bau imposant. Eine Kuriosität entdeckt man übrigens an einer viel kleineren Kirche, die ebenfalls an der Piazza Cattedrale liegt: Die Familie Orsini gönnte sich dort 1644 die Privatkirche Chiesa del Purgatorio Santa Maria dei Morti, über deren Portal zwei Skelette nicht gerade einladend wirken.

Massafra

Massafra

Apulische Augenblicke (14)

Apuliens Küste ist lang. Der italienische Stiefel ist aber kein Stöckelschuh, und so hat auch der apulische Hacken stattliche Ausmaße. Der größte Teil des Landes grenzt an die Adria, doch am Innenteil der Hacke ist es das Ionische Meer, das die Strände bespült. Io war übrigens eine Geliebte des Zeus, und Segler lieben das Meer wegen seiner steten ruhigen Winde – ob es da Zusammenhänge gibt, weiß ich nicht, weil ich Io zu wenig kenne.

Massafra liegt etwas oberhalb des Ionischen Meers, nicht weit von der Hafenstadt Tarent, an zwei Schluchten: Der größte Teil Massafras ist links und rechts der Gravina di San Marco erbaut, am Ortsausgang beginnt die vier Kilometer lange Gravina Principale, die 40 m tief und 30 bis 50 m breit ist.

Höhlen in Massafra
Höhlen in Massafra

Na und? Genau, nur Stadt an einer gravina, einer Schlucht zu sein, kann imposant sein, aber wo bleibt das Besondere? Hier kommt’s: Die Hochebene von Apulien, die Murgia, besteht aus Kalk – und der ist bekanntlich relativ leicht wasserlöslich. Ideale Voraussetzugen für eine Karstlandschaft mit Grotten und Schluchten! In Massafra haben wir beides: in den Wänden der Schluchten jede Menge Höhlen, davon rund 50 als Kirche genutzt. In diesen Höhlen lebten nicht nur die üblichen Verdächtigen (Hirten, Einsiedler), sondern auch Mönche auf der Flucht sowie Piraten und Invasoren (wahrscheinlich war auch ihr Beweggrund nicht der Reiz der Landschaft).

Die Mönche waren Flüchtlinge aus Kleinasien und dem Balkan, denen man dort die Ikonenmalerei verboten hatte. In den Höhlen von Massafra jedoch durften sie malen – und sie taten es! Sie malten die zu Grottenkirchen ausgebauten Höhlenkirchen aus – vergrößerte Ikonenmalerei sozusagen. Man kann die Höhlen besichtigen, allerdings nur bei Führungen. Die wiederum gibt es nur nach telefonischer Voranmeldung (die Initiative, die sich um die durch Witterung und Vandalismus zerstörten Höhlen kümmert, erreicht man im Touristenbüro) – nichts für Halbtagsspontanbesucher also.

Lampendetail
Lampendetail

Es lohnt sich allerdings auch die Bummelei durch die Altstadt mit ihren Gassen und teils morbiden Häusern. Wie es sich für eine bedeutende Stadt in Apulien gehört, gibt es auch in Massafra ein Castello, und natürlich ist es ein normannisches. Es ist restauriert und wird genutzt: vom (als wir da waren geschlossenen) landwirtschaftlichen Museum Museo dell’olivio e del vino und von der Stadtbibliothek. Bevor wir dazu kamen, uns über besucherfeindliche Öffnungszeiten von Museen zu ärgern, erschien ein Mann am anderen Ende der Treppe und winkte uns heran. Er war offensichtlich der Bibliothekar, der uns alle Räume seines Bereichs aufschloss, damit wir von dort aus Fotos machen konnten! Das war mal wieder Balsam für unsere Seelen, denn derlei Freundlichkeit und (pardon für dieses banale Wortspiel) Aufgeschlossenheit hat man selten. Dabei kostet es nichts und bringt viel: Wir haben das Castello von Massafra in bester Erinnerung! La ringrazio, signor Bibliotecario!

Auf dem Rückweg zum Auto, das wir am Stadtrand geparkt hatten, stolperten wir auf der Suche nach einem Absacker zum Abschied von der Stadt in ein Viertel, das wir ohne diesen dringenden Wunsch verpasst hätten. Il Quartiere dei Santi Medici di Massafra, dem die heimische Kaufmannschaft noch das Attribut magico hinzufügt – irgendwie zu recht.

Quartiere dei Santi Medici
Quartiere dei Santi Medici

Während man im übrigen Massafra wunderbare Motive des Verfalls sehen kann, ist dieses Viertel komplett saniert: weiße Häuser, verwinkelte Treppen und Gassen – und eine Osteria! Die Türen zum “Il Basilico” standen offen – wir also hinein. Da war aber keiner, aber man weiß sich ja bemerkbar zu machen. Es erschien: der Koch. Eigentlich sei ja geschlossen…

Und uneigentlich? Ob wir jeder ein Glas Wein bekommen könnten? Der Koch guckte, als ob er sich selbst fragen würde – und er entschied: Natürlich! Roten oder weißen? Noch bevor wir, angesichts der Temperatur, bianco sagen konnten, kam il patrone um die Ecke und sagte: Den Roten! Auf jeden Fall den Roten! Den nahmen wir dann auch. Zwei Euro wollte er haben, zusammen – so unverschämt wenig wie noch nie für einen wirklich sehr annehmbaren Nachmittagswein! Der Chef erklärte uns dann noch die Gewölbe im Felsen: Harter Felsen und Tuff bildeten das Gemäuer. Hier hätten wir gerne etwas gegessen (es gibt dort Antipasti, Pizza und die ülichen Primi und Secondi) – aber die offizielle Öffnungszeit ist 20.30 Uhr, und so lange wollten wir nicht warten (Via SS Medici, Tel. 328 0059116).

Alberobello

Alberobello

Apulische Augenblicke (13)

An die drolligen Trullis mit ihrer lustigen Zipfelmützenoptik hatten wir uns in der Landschaft des Itria-Tals und dessen Ausläufern ja schon gewöhnt. Nun also auf nach Alberobello, wo die Trullis sich zur Stadt zusammengefunden haben.

Da stellt man sich natürlich die Frage: Was machen die eher schlichten Häuser, die ohne Mörtel nur durch geschicktes Steinauflegen gebaut werden, in der Stadt? Sie passen prima in die Olivenhaine, sie bezaubern am Horizont von Wiesen mit roter Mohnblumenpracht und wogendem Getreide. Aber in der Stadt, mit Nachbarn links und rechts?

Alberobello
Alberobello

Die Erklärung ist einfach und hat (wenn sie nicht nur gut erfunden, sondern wirklich wahr ist) einen Hauch von symphatischer Schlitzohrigkeit. Graf Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona fand nämlich eine Lücke in der Steuergesetzgebung und nutzte sie aus. Besteuert wurde der Grundbesitz seinerzeit nach der Zahl der dort stehenden Häuser – und Trullis waren doch nichts anderes als Steinhaufen, oder? Also zumindest wenn Inspektoren und Steuereintreiber kamen, waren sie das tatsächlich: Die losen Steine ließen sich (relativ) schnell tatsächlich zu Steinhaufen zusammenbrechen – und wenn die Herrschaften dann fort waren, wieder zum Trullo aufbauen.

Alberobello
Alberobello

Wann das war? Unsere Reiseliteratur (Michael Machatschek, Apulien, Michael Müller Verlag) und die Wikipedia behaupten: Im 17. Jahrhundert. Im Fernsehen wissen sie es besser und behaupten, Ende des 15. Jahrhunderts, wissen es im Filmtext sogar ganz genau: “Er siedelte 1481 Bauern auf seinen Gütern im Itria-Tal und ließ die Trulli-Stadt Alberobello errichten.” Ist ja auch egal, es ist lange her. Heute gibt es in Alberobello Trullis en masse – 1.430 in den beiden Vierteln Monti und Aia Piccola. Monti hat das größere touristische Potential – will heißen: Da wohnt kaum noch jemand Normales, weil Kneipen und Souvenirläden mehr Rendite bringen. Gegenüber ist es ohne Schnulli in den Trulli schöner. Erstens kann man da auf Hunderte von Zipfelmützen sehen, zweitens stören einen kaum (andere) Touris.

San Antonio
San Antonio

Ihren Reiz aber haben beide Viertel. Der Vorteil der touristischen Anbieter ist, dass sie die Leute in die Läden locken – man kann also in die Trulli gehen und manchmal lohnende Ausblicke von den Terrassen erheischen. Es gibt immer mal wieder Sensationelles – behaupten jedenfalls die Schilder an solchen Häusern. Nicht sensationell, aber sehenswert: Die Kirche San Antonio, die 1927 gebaut wurde und in 20 Metern Höhe – Trullidächer simuliert. Einerseits passt das zu Monti, andererseits ist ein Trullo nicht wirklich 20 Meter hoch, so dass diese Kirche auch gut in Disneyland stehen könnte, wo man auch nicht alles so ernst nehmen sollte.

Trullo Sovrano
Trullo Sovrano

Schon zweistöckige Trulli sind ja eine Sensation – normalerweise breiteten sich die Häuser nämlich eindimensional aus: Wurde es zu eng, baute man ein Trullo neben das vorhandene und verband sie miteinander. Auf diese Weise entstanden die Trulli-Drubbel, die man immer wieder sieht. So richtig in die Höhe geht der Trullo Sovrano, der mit zwölf der konischen Kuppeln bis zu 14 Metern hoch ist – und irgendwie gar nicht romantisch (und eigentlich auch nicht mal imposant) aussieht.

Santi Medici Cosma e Damiano
Santi Medici Cosma e Damiano

Das Haus steht auf der anderen Seite von Alberobello neben der Kirche Santi Medici Cosma e Damiano, der Wallfahrtskirche der Medici. Die ist ehrlicherweise nicht als Trullo getarnt, sondern empfängt den bergan steigenden Besucher mit einer neoklassizistischen Fassade aus dem Jahr 1885. Die Kirche selbst ist älter: Seit 1635 wurde an ihr gebaut, und Spuren der Renaissance entdeckt man vor allem in ihrem Innern. An den beiden Türmen gibt es eine Sonnenuhr und eine analoge normale Uhr, die sehr unterschiedliche Zeiten anzeigen – man kann hier sozusagen auch pünktlich kommen, wenn man zu spät ist.

Alberobello
Alberobello

Auf dem Weg dahin kommt man durch eher ursprüngliches Trullligebiet. Keine Häkelwarengeschäfte, kein Touristennepp – wunderbar. Das Museo del Territorio klärt viele Fragen rund um die Trulli. Es besteht aus etwa 20 Trulli, in denen man auch erfährt, was die großen weißen Zeichen auf den Schindeln der Dächer bedeuten, und wie vielfältig die Abschlusssteine der Dächer, die Pinnacoli, gestaltet sind.

Die Trulli von Alberobello gehören seit 1996 zum UNESCO Welterbe – und auch wenn sie kommerzialisiert werden, kommt dort kein Mensch auf die Idee, das Gesamtbild durch irgendwelche Baumaßnahmen zu zerstören. So dumm sind nämlich nur die Dresdner, die kräftig weiter an ihrer Waldschlösschenbrücke bauen und damit riskieren, den Titel zu verlieren und in die Welterbe-Geschichte einzugehen als Ignoranten und Arroganten. Aber das ist eine andere Geschichte

Die Bucht der verlorenen Schuhe

Schuhe

Apulische Augenblicke (12)

Plötzlich lag sie vor mir, einsam, verlassen, getrennt vom Partner, der ihn Zeit ihres Lebens in guten wie in schlechten Zeiten begleitet hatte: eine doppelt geschnallte Sandale mit Halteriemen an der Ferse. Gleißendes Licht umspielte die Verlassene, die aufrecht im Sand lag. Ich bedauerte die Sandale, versuchte sie zu trösten (“weißt du, beim letzten Waschgang fand ich auch eine verlorene Socke – so was kommt vor!”) und ging weiter.

Nach nur wenigen Minuten traf ich auf zwei weitere Alleingelassene, die sich offenbar gerade getroffen hatten: Ein schwarzer Flipflop aus “Itale”, die Richtung Westen geht, begegnet steuerbord eine blaue Flopflip mit blassblauem Plastikschmetterling vorne, der ostwärts steht. Die Blaue scheint etwas zu haben: Sand in den Schuhen und ein unwirscher Blechdraht deuten darauf hin, dass irgend etwas nicht stimmt.

Ich gehe weiter, nachdenklich. Das waren nun in kürzester Zeit schon drei einsame Schuhe – ein linker und zwei rechte. Hatte das etwas zu bedeuten? Ich konnte nicht lange nachdenken, denn ich traf Fila, eine blaue alte Dame mit zermürbtem Leder – und voller Sand! Und nicht nur das – beim zweiten Blick musste ich erkennen, dass hier nun wirklich alles zu spät war: Das Vorderblatt begann sich bereits aufzulösen, der Reißverschluss zwischen Quartier und Zunge steht schlapp offen.

Wenig weiter nur stolpere ich beinahe über eine Sandalette. Auch sie hatte ihr eigentliches Leben deutlich hinter sich gelassen. Ein Stoffstriemen hing nur noch an einem zerrottetem Faden, die lila Blüten, einst als Schmuck gedacht und eine Zierde des schlanken Fußes der Trägerin (sie war hübsch! das sieht man der Sandalette jetzt noch an!) – die lila Blüten verblassen.

Ich ging weiter – und das jämmerliche Bild wollte gar kein Ende nehmen, Schuhsohle um Schuhsohle, ohne Rücksicht auf Material und Herkunft, alle lagen sie im Sand, alle allein, alle verlassen. Kein rechter Schuh fand sich für die linken verlassenen, kein linkes Stück findet den rechten Anhang. Nacheinander fand ich schwarzes Gummi, mit der Oberseite nach unten, eine Holzsohle mit Blümchenplastikriemen, ein schwarzes Plastikgestell, das wie ein Hummer gebeugt über dem Sand steht, ein bis auf Naht und Sohle zerfallener Mokassin, eine schwarze Sandale mit starker Profilsohle, eine weitere schwarze Sandale mit rostigen Schnallen (nein, kein Paar: beides rechte Füße!), eine einfache “37″, ein kleiner Schuh in bleue, ein frottierter mit bedruckter Sohle.

Wer hat diese Schuhe hier in der Bucht ausgesetzt? Wer hat sie, vielleicht nach turbulentem Liebesspiel in der Einsamkeit des Naturschutzgebietes, einfach vergessen? Und was ist mit den anderen, hier nicht liegenden, aber genau so einsamen Schuhen, die ihren Partner verloren haben?

Vielleicht ist es aber auch alles ganz anders. Vielleicht hat sich hier ja der Club der Einbeinigen getroffen und sich demonstrativ von den künstlichen Gliedmaßen getrennt, sie als Opfer der Adria übergeben – natürlich so, wie der Orthopäde sie geschaffen hatte. Für die Schuhe war dann keine Verwendung mehr, sie wurden der Freiheit dieses schönen Reservats überlassen…

Torre Guaceto

Torre Guaceto

Apulische Augenblicke (11)

Türme gibt es an der apulischen Küste wie Sand am Meer. Torre hier, Torre da – sie sind nicht zufällig in Sichtweite zueinander aufgestellt, denn sie bildeten eine Verteidigungslinie gegen (damals: türkische) Angreifer. Mit Rauch (tagsüber) und Feuer (nächtens) wurden die Signale im 16. Jahrhundert gegeben – Mobiltelefone waren damals einfach zu teuer!

Einer der Türme ist der von Guaceto. Es ist insofern ein besonderer Turm, weil er Namensgeber für ein komplettes Naturschutzgebiet ist. Die 1.000 oder 1.200 ha große Riserva Naturale dello Stato di Torre Guaceto hat rund acht Kilometer Küstenlinie – ideal für eine Strandwanderung!

Olivenhain
Olivenhain

Das Gebiet ist gut erschlossen: Die Staatsstraße 379 von Bari nach Brindisi führt mitten hindurch. Nördlich der Straße ist der schmalere Landstreifen, in dem es viel mediterrane Macchia gibt, aber auch (dünn) besiedeltes Gebiet. Südlich herrschen Olivenplantagen vor und Landwirtschaft. Das Informationszentrum liegt touristisch etwas abseits im Südwesten. Der Weg zum Centro visite Torre Guaceto lohnt nicht wirklich, es sei denn, man möchte sich Fahrräder mieten, um das Gebiet zu durchradeln. Es gibt dort ansonsten: Hunde vor der Tür (die beißen nicht, sie wollen nur pennen), eine minimalistische Bildertafel-Ausstellung, zwei leidlich englisch sprechende Auskunftsdamen und eine nahezu nutzlose Karte mit der schematischen Darstellung der verschiedenen Zonen des Naturschutzgebietes.

Die Damen empfahlen den offiziellen Parkplatz  an der S.S. 379, den aber kaum jemand nutzt, so lange es direkt am Meer an der Punta Penna Grossa ausreichend verbotenen Parkraum gibt. Wir hatten diese Stelle bereits auf dem Rückweg von Oria nach Carovigno kennen gelernt und wussten: Hier steht man gut, wenn man weiter gehen will!

Gruß aus der Karibik!
Gruß aus der Karibik!

Das Wasser nördlich der Bucht  gehört zur so genannten “Zone B” – was heißt: Hier darf man baden. Eine gute Entscheidung, denn der Sandstrand ist von der Art “Bilderbuch” mit feinem Sand und steinfreiem Zugang zum Wasser, das zu allem vergnüglichen Überfluss auch noch schön blau den Himmel reflektiert. Wer sich zuvor für die Variante “Fahrradtour” entschieden hat, merkt jetzt: Dumm gelaufen – denn hier kann man nicht radeln. Schuhe aus und barfuß durch den Sand gewandert ist es aber höchst genussvoll! Das Wasser zur Linken  gibt sich viel Mühe, nicht so langweilig Adria-blau zu sein, sondern immer mal wieder karibisches Türkis vorzugaukeln. Rechter Hand gibt es Ansätze von (und einmal sogar richtige) Dünen. Kleine Pfade führen hinein in die Macchia, die verführerisch riecht – und wenn man zur richtigen Jahreszeit dort ist, kommen Blütenfotografinnen voll auf ihre Kosten.

Wegweisend
Wegweisend

Der ersten weitläufigen Badebucht folgen mehrere kleine, die etwas wilder sind. Jede hat ihren eigenen Charakter, so dass es nicht langweilig wird. Am spannendsten war die unangekündigt sich auftuende Bucht der verlorenen Schuhe, am lustigsten der Wegweiser nach “Kosovo, Croazia, Albania”. Leider macht sich, wer den Schildern folgt, strafbar: Wir befinden uns bereits in Zone A des Naturschutzgebietes, und da ist schwimmen verboten. Wie also soll man da rüber machen?

Torre Guaceto
Torre Guaceto

Den Torre Guaceto hat man nahezu den ganzen Weg lang gesehen, er wurde – wie sich das gehört, wenn man einem Gegenstand näher kommt – immer größer. Und plötzlich stand er vor uns: Eindrucksvoll ungemütlich, wie es sich für einen Turm mit dieser Aufgabe gehört – aber von einsichtigen Mitdenkern mit einer Bank zum Pausieren ausgestattet. Ehrensache, einmal den Turm zu umrunden, in die Ferne (nach Kroatien?) zu sehen, zurück zum Punta Penna Grossa zu blicken und auf die nächste Bucht – in der, zu meiner Freude, zwei Inseln liegen. Mitten in Zone A – also kann man nicht hinschwimmen (als Mensch – Tiere dürfen!). Landeinwärts steht viel Schilf, die Sumpfzone des Reservats lässt grüßen.

Dünen
Dünen

Zurück zu unserem Ausgangspukt wählen wir die Route etwas landeinwärts – und sind erneut entzückt: Bäume, Blumen, Blüten! Und Dünen mit verschlungenen Wegen! Zwei Radfahrer überholten uns – hier geht’s also!

Oria

Apulische Augenblicke (10)

Um frischen Fisch zu bekommen, fährt man am besten ans Meer. In Villanova, dem Strandort von Ostuni, gibt es vier bis sechs (ich habe sie nicht gezählt) Fischläden – und alle hatten keinen Fisch. Als wir einmal abends da waren, fand ich das gut: Abends muss Fisch entweder noch ungefangen im Meer schwimmen (vom Fisch bevorzugte Variante) oder auf dem Herd stehen (meine Vorzugsversion). Aber jetzt, am Morgen? Wir wollten doch Pesce Spada kaufen, den von uns so geliebten Schwertfisch!

Wir hätten vor Ort in Carovigno suchen sollen: dort entdeckten wir – eigentlich schon auf dem Weg zu unserem Tagesziel – eine Pesceria, und sie hatten dort alles, auch Schwertfisch. Mama sagte den Preis an (22 Euro/Kilo) und verzog sich dann zu einem Schwatz mit anderen Kunden, Sohnemann wetzte die Messer und ging dem Prachtkerl an die Kiemen. Genüsslich schnitt er den Kopf ab, legte ihn (Johannes der Täufer lässt grüßen) wieder in die Theke, kümmerte sich ausgiebig-liebevoll um die blutigen Innereien und grinste uns an: ob wir kotzen wollten? Eine derbe Ansprache für einen Fischhändler seinen Kunden gegenüber, aber wir wollten nicht. Wir wollten den Schwertfisch! Je nach Durchmesser ein, zwei oder drei Tranchen – da sind wir seit unserem Erlebnis auf den Liparischen Inseln vorsichtig geworden! Drei Tranchen sind es geworden, 600 Gramm – gerade richtig für zwei Schwertfischliebhaber!

Vor dem Gewittter

Oria

Unterwegs nach Oria. Ein veritables Gewitter mit senkrecht niedergehendem Blitz und blitzartig (haha!) folgendem Donner. Es gab helle Stellen am Himmel, aber da fuhren wir nicht hin. Wir fuhren nach Oria, hielten vor dem Tor zum jüdischen Viertel, gingen zur Piazza Manfredi - ein sizilianischer König, dieser Manfred, Sohn von Friedrich II. Über den könnte man Bücher schreiben, man könnte auch viele über ihn bereits geschriebene lesen. Der Schwabe aus Sizilien hatte jedenfalls einen Narren gefressen an Apulien und dem Land vor 800 Jahren gut getan. Viele Städte berufen sich heute auf ihn, die schönsten Friedrich-Orte haben wir aber gar nicht gesehen (und müssen also noch mal hin, auf den Spuren des ganz alten Fritz, sozusagen). Oria verdankt seine Burg jenem “stupor mundi” (dem “Staunen der Welt” – ein netterer Beiname als des zuvor über Apulien gekommenen Robert Guiscard, den man “terror mundi”, Schrecken der Welt nannte). Friedrich II. war ein bemerkenswerter Mann, der eine eigene Apulien-Rundreise (mit entsprechend vielen netten Geschichten) wert wäre. Mal sehen, vielleicht in einem der nächsten Jahre…

Jüdisches Tor
Jüdisches Tor

Wir sind also in Oria. Es ist die alte Königsstadt der Ur-Apulier, der Messapier – die Geschichte reicht also weit zurück. Zwei Stadttore sind gut erhalten, wir begannen unseren Rundgang bei der Porta Ebra, dem “Jüdischen Tor”. Dahinter liegt – was dann nicht weiter verwundert – das ehemalige jüdische Viertel. Sehr heimelige Gassen und Häuser, viele Fotomotive! Wer durchs andere Tor kommt, der Porta Manfredi, landet hingegen mitten im Trubel des Hauptplatzes, der Piazza Manfredi. Tor wie Platz haben, wie bereits eingangs erwähnt, ihren Namen nach Manfred, König von Sizilien und Sohn von Friedrich II. Laut Wikipedia lebte Manfred 1231 – 1266, laut Straßenschlaumachschild in Oria 1232 – 1266. Auf jeden Fall war er aus der Liason mit Bianca Lancia der Jüngeren hervorgegangen. Der tolle Friedrich und die schöne Bianca hatten drei Kinder gemeinsam. Geheiratet hat der Kaiser seine Geliebte aber erst, als sie schon im Sterbebett lag – so konnte er Sohn Manfred für legitim erklären. Die wahren Geschichten von Friedrich II und seinen insgesamt 19 Kindern, davon die meisten außerhalb der offiziellen Ehe gezeugt und geboren, sind sicher auch spannend!

Antica Trattoria Luce
Antica Trattoria Luce

Am oberen Ende der Piazza fällt ein schmales Haus auf – das ehemalige Gerichtsgebäude, in dem heute die Polizia Urbana beheimatet ist. Interessanter erschien uns aber ein äußerlich unauffälliger Bau am unteren Ende des Platzes, in Tornähe: Dort befindet sich die „Antica Trattoria Luce 1898“, ein eher schlichtes Restaurant. Sylke sah durchs Fenster rein, es war offensichtlich geschlossen – um halb drei ist das ja auch okay. Aber nichts da: Eine Signorina kam raus und bat uns rein. Sie ist nicht mehr die Jüngste, irgendwo zwischen 68 und 86. Ihre ältere und zumindest klappriger wirkende Schwester verzog sich gerade in die hinteren Gemächer. Die beiden haben die schönen Vornamen Chichina und Titina – aber ich habe versäumt zu fragen, wer denn nun wer sei!

Küche im "Luce"
Küche im “Luce”

Das Restaurant ist am besten mit dem Adjektiv “urig” zu beschreiben, was sich vor allem auf die liebenswürdig diktatorischen Züge der allein regierenden Chefin bezieht. Ob wir essen wollten? Eigentlich nicht, wir waren nur neugierig, also sagte ich “Ja, natürlich!” Auch trinken? Na klar: Wasser und Wein. Das reichte als Generalbestellung, und wir bekamen – sozusagen par ordre de mufti – Pasta al Forno. Normalerweise verbrennt man sich daran die Zunge, diese waren handwarm. Aber lecker: Makkaroni, Tomaten, Eier, vielleicht auch Käse. Dann kam ein Salat (extra-saurer Essig) mit frischem Brot, dann folgten Polpette – Hackfleischbällchen in Tomatensauce. Wir tranken Rotwein aus einer unetikettierten Flasche und zogen einen Limoncello den als Dolce offerierten Bananen vor. Fotografieren war – ich habe gefragt! – ausdrücklich erlaubt. Ich wurde sogar in die Küche gebeten, nachdem sie aufgeräumt war (und zwei Stunden später, als wir draußen zufällig wieder vorbei gingen, erneut herein gerufen: Ich sollte doch zusehen und fotografieren, wie sie Makkaroni macht). Ob 30 Euro für das Gastmahl recht seien, fragte sie uns nach dem Essen – wir bejahten, das war es wert!

Kathedrale
Kathedrale

Doch Oria zu bummeln macht Spaß: Jede Menge Heilige grüßen aus Wandnischen, die Kathedrale (Spätbarock, falls das jemanden interessiert) bietet eine grün-gelb-violett bunt geflieste Kuppel und – sozusagen am anderen Ende, nämlich unten in der Gruft – 15 aufrechte Mumien – letztere sind allerdings nur auf Anfrage zu besichtigen, was wir uns verkniffen haben. Ganz weltlich: Beim Weg zum Castello trifft man hier auf eine Filiale der Deutschen Bank, gut bewacht von einem Mann mit schwarzer Sonnenbrille – obwohl es gerade mal wieder regnete.

Torre Guaceto
Torre Guaceto

Das Kastell, an dem nicht nur Friedrich II gebaut hat, sondern alle jeweils aktuelllen Herrscher, kann man besichtigen, wenn man will. Wir wollten nicht, weil es schon später Nachmittag war und es uns nach Natur lüstete und nicht nach Mauern. Also verließen wir Oria, um auf dem Heimweg m heimeligen Abendlicht schon mal die Küste zu inspizieren: “Torre Guaceto” heißt das liebreizende Naturschutzgebiet, das sich vom Wasser bis ins Landesinnere erstreckt. Wir erklärten es zum Halbtagesausflusgziel – später also mehr darüber.

Pesce Spada

Abends zu Hause erwarteten uns drei Tranchen Pesce Spada, die wir kalt auswuschen, trockneten, salzten und pfefferten. Dann haben wir sie in wenig Öl in der Pfanne angebraten, gewendet und auch von der anderen Seite kräftig angebraten.

Ein Stück Butter begab sich in die Pfanne, gefolgt von einer geschnittenen Zwiebel und etwas gehacktem Knoblauch (ich glaub’, es waren drei Zehen für uns zwei). Der Saft einer Zitrone, über den Fisch geträufelt, löschte alles ab. Ein Schluck Weißwein (der, den wir auch tranken!) kam hinzu, eine Hand voll klein gehackter glatter Petersilie ebenfalls.

Dazu gab es Blattspinat (mit Zwiebel und Knoblauch in Butter gedünstet).

Eine Runde Monopoli

Mohn und Oliven

Apulische Augenblicke (9)

Schöne Städtenamen haben sie in Apulien: Über Ostuni haben wir ja schon sinniert, ob es nach einer Uni im Osten benannt sei, dann gibt es dort noch ein Torre Canne und ein Monopoli: Da wollen wir hin!

Auf dem Weg nach Torre Canne kommen wir an einem gigantischen Mohnblumenfeld mit alten Olivenbäumen vorbei. Anhalten und über die Mauer klettern! Mohnblumen machen süchtig, sagt Sylke, und meint es rein fototechnisch. Steine liegen auf dem Feld und vereinzelt stehen uralte Olivenbäume herum. Das sieht so unorganisiert, so uneffizient aus – und doch (oder deswegen?) so schön!

Die Kraft der zwei Brillen
Die Kraft der zwei Brillen

Nach dem ausgiebigen Stopp geht es weiter nach Torre Canne. Der Ort erinnert an englische Küstenbadeorte: Nur erträglich, wenn viel los ist, und selbst dann eher unerträglich! Die unermüdliche Quelle fröhlichen Recherchierens, die Suchmaschine von Google, scheint das ähnlich zu sehen und bietet kaum Wissenswertes zum Ort. Lediglich die Wikipedia vermeldet, dass sich hier ein vom rechten Weg abgekommener deutscher Polizeiobermeister im Herbst 1985 selbst richtete – die ganze Geschichte kann man ja nachlesen. Wir wussten davon nichts, liefen straßauf und -ab, lichteten den Namen gebenden Turm ab und tranken einen leidlich guten Weißwein in einem Restaurant über dem Meer, das zur Hochsaison sicher nicht erträglich ist, weil es dann dort von öligen Leibern nur so strotzt. So waren wir aber vorsaisonal fast allein, und die am Nebentisch Zeitung lesenden Italiener empfanden wir eher als sehr angenehm.

Himmelsblick
Himmelsblick

Die Strandstraße nach Monopoli führt am Ort Savelletri vorbei, wo man überraschend gut die Mittagspause verbringen kann: im Ristorante “la risacca” gab es Meeresfrüchtesalat, Antipasti italienische Art und Weißwein für drei Euro den halben Liter. Der Wirt empfahl nachdrücklich, abends noch einmal vorbei zu kommen, weil seine Pizza wenn wahrscheinlich die beste der Welt, aber auf jeden Fall wenigstens die beste im Umkreis von zehn Metern sei. Okay, er hat es anders formuliert, aber es klang sehr begeistert.

Castello von Monopoli
Castello von Monopoli

Mit aufziehenden Wolken erreichten wir Monopoli: Viele alte Häuser und Kirchen haben sie da, wobei sich manchmal der Eindruck aufdrängte, dass es mehr Kirchen als Häuser gab – aber das täuschte. Der alte Hafen ist pittoresk, aber der aktive Teil mit dem Fischfang sah nicht so überzeugend aus – ob wegen oder trotz der Tatsache, dass die abendliche Versteigerung die größte Fischauktion der Costa di Bari ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht waren ja auch nur zu falschen Zeit da – wer weiß?

Monopoli
Monopoli

Die Steine der Häuser und Kirchen und Paläste in Monopoli haben schon viel gesehen, sie stammen teilweise aus dem 12. Jahrhundert. Der Name ist griechischen Ursprungs und beinhaltet so etwas wie einen Alleinvertretungsanspruch: ΜΟΝΟΠΟΛΗ, mono polis, die einzige Stadt – das war einmal. Mit knapp unter 50.000 Einwohnern ist Monopoli nicht mehr wirklich die einzige, wenn auch eine durchstreifenswerte Stadt in Apulien. Also streifen wir, planlos und es einfach nur schön findend, von Gasse zu Gasse, von Kirche zu Kirche, vom Hafen zur alten Kanone am Rande des Castello, die jetzt nur noch zwei sich Liebenden als Schmuserückhalt dient und ihr grafitti-verziertes Rohr sinnentleert auf einen einlaufenden Kutter richtet.

Polignano a Mare

Polignano
Polignano

Über Grotten liegt, etwa 25 Meter über dem Meer, die hübsch zurecht gemachte Stadt Polignano, in der ein spekatakulärer Anblick (bzw. Ausblick) den nächsten jagt. In der Weinbar haben wir für ein Glas mehr gezahlt als anderswo für einen halben Liter (nämlich 3 Euro 50) – aber die Qualität rechtfertigte das! Die nicht bestellten, aber von der Wirtin dazu gestellten und von uns nicht ungern gegessenen Oliven kosteten einen Euro, die Häppchen (ebenfalls nicht bestellt und ebenfalls auch gegessen) 4,50. Macht zusammen 12.50 – und das ist in der Summe zu viel, denn die Neppgrenze in der Gegend liegt bei 10 Euro ;-) Was aber schlimmer war: Dem Himmel graute es ebenfalls, Wolken zogen auf – und wir ab…

Martina Franca

Sonntagnachmittag auf der Piazza

Apulische Augenblicke (8)

Wenn man aus einer Stadt kommt, die am liebsten im Barock verweilen würde bis in alle Ewigkeit, dann ist der Besuch einer Barockstadt natürlich eine Herausforderung. Martina Franca ist überall ein wenig barock – aber mit Dresden kein Vergleich! Ist das gut so? Ja, ist es: Martina Franca ist bürgerlicher Barock. Manchmal erinnern nur die opulenten Portale der ansonsten nach außen schlicht wirkenden weißen Häuser an barocke Baukunst, manchmal komplette Palazzi.

Martina Franca
Martina Franca

Unser inoffizieller Wanderweg brachte uns nach einem Aufstieg entlang eines wenig atraktiven Pfades durch einige Gassen direkt zur Hauptkirche des Ortes, dem Dom S.Martino an der Piazza Plebiscito. Barock, natürlich, und nach all den Trullis mal was anderes! Vier Heilige stehen in den Nischen, und überm Portal sieht man den Heiligen Martin auf dem Pferd, wie er gerade seinen Mantel teilt. Dreht man sich um und wendet der Kirche den Rücken zu, öffnet sich der großartige Platz Piazza Maria Immacolata mit prächtigen Kolonaden im halbrund. Schöne Restaurants gibt’s da – aber für uns in Wanderklamotten erschienen sie nicht angemessen. Wir trauten uns in die Osteria Piazetta Garribaldi – alte Steingewölbe, weißes Tischtuch, Gerberasträuße in Keramikkrügen auf den Tischen. Angesichts der leicht vorgeschrittenen Zeit und unserer rustikalen Kleidung in Verbindung mit nebenan sitzenden vornehmeren Herrschaften fragten wir, ob wir auch nur eine Kleinigkeit zu essen bekommen könnten. Aber sicher doch!

Wie so oft bestellten wir die Antipasti und wurden nicht enttäuscht. Alles sehr einfach, aber alles sehr lecker – und nicht enden wollender Nachschub. Sowohl der Chef des Hauses als auch die Chefin brachten uns – wie die sorgenden Vogel-Eltern ihren piepsenden Jungen – immer wieder einen Teller mit dem Hinweis, das sei echt gut und wir sollten nur probieren. Wenn wir nicht irgendwann abgewunken hätten, hätte man uns nach Locorotondo zurück rollen können.

Arte Funebre
Arte Funebre

Aber wir wollten doch laufen! Zuerst durch die Stadt und ihre verwinkelten nahezu menschenleeren Gassen (später Sonntag Nachmittag!) – was einerseits auch wunderbar geklappt hat, andererseits aber so ganz ohne Plan und Führer doch nicht alles offenbarte, was man hätte sehen können. Wir sahen also nicht den prächtigen Palazzo Ducale, erlebten dafür aber die verschiedenen Phasen einer Fernsehaufzeichnung des offenbar wichtigen Bestattungsunternehmers Basile: Arte Funebre, die Kunst des Sterbens, im Interview mit einem kleinen knorrigen Typen – die Sendung hätte ich gerne gesehen.  Den Weg zum hiesigen Belvedere, von dem man ins Valle d’Itria und zum Sart- wie Zielort Locorotondo sehen kann, haben wir gefunden. Den Blick hingegen, den schönen, fanden wir nicht: Wenn unterhalb der Terrasse gleich alles bebaut und mit Sat-Antennen zugepflastert ist, lohnt es sich nicht!

…Trulling home

Mohn
Mohn

Lang windet sich die Straße hinunter ins Land, den Barock lassen wir hinter uns und weitere Trullis des Itra-Tals liegen vor uns. Die Wegebeschreibung unserer Wahl war mal wieder befremdlich und passte an entscheidenden Stellen nicht – wir wählten daher die Variante, den Kirchturm des Zielortes anzusteuern und kamen auch tatsächlich an.

Der Weg zurück nach Locorotondo war länger als der Hinweg (weil nicht so gradlinig), aber er war auch liebreizender: Palmen, Olivenbäume, allerlei anderes Grün, Wein, Mohnblumen, Gerstenfelder, Gräser. Und Trullis, Trullis, Trullis. Vereinzelte und als Dorfansammlung, moderne und zerfallene: Die Kamera war schier besoffen von Zipfelmützen.

Trulli
Trulli

Locorotondo rückt näher, die Häuser bekommen Konturen, ihr Weiß changiert im Abendlicht ins Rötliche. Dennoch gibt es keinen Kitschalarm, was man der Landschaft ganz schön hoch anrechnen muss. Einzig der Aufstieg zur runden Stadt beginnt etwas merkwürdig: Man muss ganz mutig die Straße verlassen und auf einem Trampelpfad – natürlich an bellenden Hunden vorbei! – einen finsteren Tunnel ansteuern, der unter der Umgehungsstraße lang geht. Hat man das geschafft, ist die Welt aber sofort wieder in Ordnung: Eine lange Treppe führt zur Stadt hoch, vorbei an einer kleinen Kapelle und einem alten Steintor. Oben angekommen sind wir wieder am Belvedere und genießen im Abendlicht den Blick ins Land. Links der Straße unser Hinweg, hinten am Horizont Martina Franca, rechts die Landschaft des späten Nachmittags. Keine ausgezeichneter Wanderweg, aber – passt schon!