Zur Schlucht Gola su Gorroppu

Gola su Gorroppu

Geschichten aus Sardinien (11)

Die Genna Silana ist ein windiger Pass, 1017 Meter hoch mit schönem Rundumblick auf die Gipfel des Supramonte. Vor allem aber gibt es hier einen Parkplatz an einem der verlassenen roten Häuser entlang der SS 125: Startpunkt der Wanderung zum Riu Flumineddu, der sich einen Weg durch das Massiv des Monte Oddeu gebahnt und dabei „die großartigste Schlucht Sardiniens“ (Eberhard Fohrer im Wanderführer Sardinien) geschaffen hat.

Um das zu erleben, muss man vom Pass 600 Meter runter (und später ebensoviel auch wieder hoch) laufen. Als unvernunftbegabte Wesen suchten wir uns für diese Wanderung einen schönen heißen Tag gleich am Anfang des Urlaubs aus – ein wenig Training kann ja nicht schaden.

Cowgirl Sylke
Cowgirl Sylke

Unsere Tour hatten wir im sehr schönen Wanderführer von Sandra Lietze (MM-Wandern Sardinien) gefunden. Alle 35 Touren des Buches gibt es auch für das eigene GPS-Gerät, da macht die Wanderung dem Tech-Man gleich doppelt Spaß. Manchmal ist die vorgegebene GPS-Route wirklich hilfreich – hier, wo es nur einen Weg runter gibt, spielt das weniger eine Rolle. Also bleibt Zeit für die Beobachtung von Naturphänomen links und rechts des Weges. Wilde Alpenveilchen in der Wasserrinne begeisterten nicht nur die Blumenfotografin, und Kühe oder Wildschweine (naja: zahme Wildscheine, vielleicht sogar, nein: wahrscheinlich Hausschweine) sind eine Herausforderung der besonderen Art. Wie so oft bibbert das Herz – fragt sich nur, ob das der Tiere oder unsere heftiger schlugen.

Erdbeerbaum
Erdbeerbaum

Wir kamen an merkwürdigen Bäumen vorbei und debattierten im Abstieg die bemerkenswerten baumerotischen Formen und mögliche Folgen für nicht aufgeklärte Kinder – ein sehr schönes Thema, wenn sonst nichts ansteht. Auch die Fragen, warum sich Äste umeinander ineinander verschlingen und warum es so etwas wie einen Erdbeerbaum gibt, kürzten die gefühlte Wegezeit erheblich ab – und dank GPS wussten wir auch immer, dass wir auf dem Strich gingen, also nicht ob unserer philosophschen Naturbetrachtungen vom Wege abgekommen waren.

So ein Wanderführer (nun wieder: das Buch!) ist sowieso was Feines, denn er sagt einem, was man sieht: Ein Geröllfeld. Marmorierte Felsen. Eine verlassene Schutzhütte. Und haste nicht gesehen sind wir unten am Fluss, der eher bächleinmäßig vor sich hin plätschert. Deutlich lauter sind die Wandergruppen, die hier zusammen treffen (es gibt mehrere Wege zur Schlucht, unser war nahezu menschenleer und schon deswegen sehr schön). Ein buntes lautes Palaver!

Gola su Gorroppu
Gola su Gorroppu

Aber es gibt auch stille Ecken. Oh, pardon, da sitzen schon zwei, leicht entkleidet. Aber nebenan ist Platz! Das Wasser steht hier im weißen Fels, es sieht algengrün aus. Sylke wollte nach der Brotzeit in die Schlucht hinein, ich fand die Idee auch reizvoll: Bizarre Felsen, immer mal wieder ein wenig Wasser, steil aufsteigende Felsen links wie rechts sind schon gute Argumente. Doch nach gut 50 Metern wilden Rumgekraxels ließ der Reiz deutlich nach, und nach weiteren zwölffuffzich erblasste er vollends: zu viele Fehlversuche, zu wenig Orientierung. Also kehrten wir um – und das war gut so.

Gola su Gorroppu
Gola su Gorroppu

Denn wir mussten ja zurück. 600 Meter hoch! Und es war immer noch warm, da kennt die sardische Sonne nichts. Und wir waren ja so verdammt untrainiert, dass jede Pause als “Fotostopp” getarnt wurde. Der eine oder andere hat sich allerdings wirklich gelohnt, zumal einige Felsen plötzlich in ganz anderem Licht standen. Sogar beim Geröllfeld tat sich was: Eine Gemse heischte sich an, vorbei zu huschen. Als sie uns sah, blieb sie stehen und sagte: “Mensch, was hast du mich erschrocken! Du riechst ja wie ein Schaf!” Ich entschuldigte mich und gelobte nach der schweißtreibenden Tour ein Duschbad. Aber da hatte dann die Gemse nichts mehr von.

Die Buchten nördlich von Cala Gonone

Golfo di Orosei

Geschichten aus Sardinien (10)

Während die Schiffe (Schiffe? Kutter! Seelenverkäufer!) wie verrückt die Buchten südlich von Cala Gonone anfahren, meiden sie die Tour gen Norden. Das hat einen Vorteil: Die Buchten dort sind leerer! Man erreicht sie mit dem Auto und gegebenenfalls ein bisschen Tippelei – aber keineswegs mit Wanderaufwand: kleine Spaziergänge reichen – und lohnen sich!

Der Weg zum Spiaggia Cartoe und zum Spiaggia Osalla führt von Cala Gonone über einen alten Pass mit kurvenreicher schmaler Straße. Gegenverkehr gibt’s hier häufiger von Schafen und Ziegen als von Autos – aber die Vierbeiner haben natürlich auch ihren Stolz und können einen schon ein wenig aus der Fassung bringen. Bei Schafen auf der Straße ist es wie bei einem Feuer im Hochhaus: Als erstes muss man Ruhe bewahren. Wenn die einen stur angucken – einfach zurückfotografieren. Wenn sie näher kommen – einfach Gas geben (aber langsam, Tierfreund!). Irgendann geben die Schafe meist auf und gehen wieder auf die Wiese, wo sie sich Geschichten von touristischen Autofahrern erzählen, denen sie es mal wieder ordentlich gegeben haben. “Hast du gesehen, mit was für einer miesen Kamera der uns fotografierte?” und ähnliche Kommentare könnte man da hören, wenn man nur richtig schäfisch spröche!

Gegenverkehr
Gegenverkehr

Die Schafherde auf dem Weg zur Cala Cartoe kam gesenkten Hauptes auf uns zu – so als ob sie den Asphalt abfuttern wollten. Je mehr sie sich unserem Panda (jaja: ein Panda!!!) näherten, desto häufiger lunschten sie auch mal hoch. So aus dem Augenwinkel. Das blieb eine ganze Weile so, und erst nach etlichen Minuten mähten die Schafe deutlich hörbar ein “Der Klügere gibt nach”, drehten sich um und trollten sich, als ob nichts gewesen wäre, von hinnen.

Spiaggia Cartoe
Spiaggia Cartoe

Die Straße zum Strand von Cartoe endet irgendwann einfach, genauer: Sie hört auf, eine komfortable Straße zu sein. Freundlicherweise gibt es kurz vorher einen Parkstreifen, an dem man das Auto abstellen sollte, denn bei Weiterfahrt drohen nur das Nichtfinden eines besseren Parkplatzes und eine längere Rückwärtsfahrt, weil es zum Wenden zu eng wird. Man läuft also die letzten paar hundert Meter zum Strand hinab und wird – wie so oft – mit bezaubernden Blicken belohnt. Hinten das wirkliche Meer, im gewohnten Blau des reflektierenden Himmels, vorne ein kontrastierend gelbes Blütenmeer von Mittelmeer-Margeriten, in dem sich zur großen Fotografenfreude hin und wieder eine rote Mohnblume verirrt hat.

Der Strand selbst ist vor allem eins: fast menschenleer. Weitere Pluspunkte: Feiner Sand, Wasser mit Wellen, schönes Hinterland. Nachteil: Keinerlei touristische Versorgung, aber wir hatten natürlich unsere Wasserflaschen dabei.

Lonely Tree
Lonely Tree

Auf dem Rückweg stellten wir übrigens fest, dass die Steigung erträglich ist. Der leichte Aufstieg zum Parkplatz bot, das liegt in der Natur der Sache, völlig neue Blickwinkel, zumal die Sonne mittlerweile deutlich tiefer stand als bei der Ankunft. Der einsame Baum hoch oben auf dem gegenüberliegenden Felsen war uns auf dem Weg zum Strand entgangen – jetzt war er der Blickfang schlechthin. Beachtlich, was die Natur da manchmal so in die Landschaft stellt, nur um uns Heimwanderern den Weg zu versüßen!

Jump!
Jump!

Der Spiaggia Osalla ist nur eine Bucht weiter – aber geregelt kommt man von Cartoe nach Osalla nur, indem man die Straße mehrere Kilometer landeinwärts fährt und dann nahezu parallel wieder zur Küste. So ist das in Landschaften, wo sich Bergzüge und Täler abwechseln. Zwischendurch gibt es von der Straße einen schönen Blick auf die Bucht mitsamt Fluss, der freilich nur kurz vor dem Meer diesen Namen halbwegs verdient. Dafür sind seine Ausläufer extrem sprunganimierend und somit ein nie versiegender Born der Heiterkeit.

Spiaggia Osalla
Spiaggia Osalla

In der Saison ist hier deutlich mehr los als am Strand von Cartoe – man kommt halt noch leichter hin und kann mit dem Auto quasi vorfahren. Bei unserer STIPvisite war es schön leer (und zu kalt zum Baden), obwohl der Sandstrand und das blaue Wasser recht einladend waren. Kioske und Strandbars gibt es hier auch, aber mangels Touristenansturm hatten sie noch geschlossen. Dafür schlenderte ein Verkäufer heimischen Obstes den Strand entlang und pries seine Waren an.

Schiffe versenken - Treffer
Schiffe versenken – Treffer

Einen kleinen Hafen gibt es hier auch, bei dem ein Schiff beim beliebten “Schiffe versenken” deutlich den Volltreffer abbekommen hatte. Es lag als Wrack so für sich hin und wird da wohl neben der Hafenmauer auch liegen bleiben, bis es verrottet ist – als Fotomotiv, als Versteck für kleine Fische, für Taucher – was weiß ich.

Der vier Kilometer lange Strand hinterm Hafen bietet im Rücken noch eine nette Besonderheit: ein Pinienhain mit Fluss. Dann und wann eine Brücke über den Osalla ermöglichen Rundspaziergänge: Fabelhaft, hier im Schatten zu schlendern!

Von den Buchten

Golf von Orosei

Geschichten aus Sardinien (9)

Der Golf von Orosei ist eine große Bucht im Osten der Insel. Das Schönste an ihr ist die Tatsache, dass sie aus zahlreichen kleinen Buchten besteht, die zu uneingeschränkten Freudesausrufen reizen. Aaaahhhh und Oooohhh sowie bo, ey oder Waaaahnsinn haben, mögen sie auch noch so banal dahergerufen sein, ihre Berechtigung. Die Buchten haben bezaubernde Namen: Cala di Luna! Cala Goloritze! Cala Cartoe! Cala Osalla! Die beiden Erstgenannten liegen südlich von Cala Gonone und sind nur mit dem Boot oder nach einer längeren Wanderung zu erreichen, die beiden anderen sind besser mit dem Auto zu erreichen, liegen nördlich des Urlaubsortes und somit außerhalb der Touri-Bootslinien. Ein wenig laufen muss man bei der Bucht von Cartoe allerdings auch, denn die Zubringerstraße endet reichlich zwanzig Gehminuten vor der Bucht.

Cala Luna
Cala Luna

Cala di Luna, die Mondbucht, war vor Jahrzehnten einmal das Lieblingsziel alternativer Touristen. Damals, als die Elterngeneration noch alles “Hippie” nannte, was nicht mit Neckermann reiste und Vollpension gebucht hatte, waren derlei Aussteiger auf Zeit den meisten Menschen suspekt – ach, was schreib ich da: Damals? Unangepasste sind auch heute noch ungewohnt und unerwünscht, und selbst dem Herrn Fohrer hört man die innere Abscheu an, wenn er im Sardinien-Buch des Müller-Verlags über die Hippies schreibt: “Nachts war man unter sich. 1982 verboten die Behörden das Nächtigen im Umkreis von 1 km von der Cala di Luna, seitdem nehmen die Boote keine Passagiere mit Gepäck mehr mit und die Idylle (?) hat ein abruptes Ende gefunden.” Das Fragezeichen, lieber Kollege, verrät den heimlichen Spießer! Mal ganz abgesehen davon, dass man auch zu Fuß und mit Gepäck zur Bucht kommt, denn wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.

Wir kamen zu Fuß, aber dem Fohrer zur Ehr’ ohne Gepäck. Die etwa zweistündige Wanderung beginnt entweder direkt in Cala Gonone oder am Ende der Stichstraße, die vom Ort bis zur Cala Fuili führt. Das ist eine nicht ganz so spektakuläre Bucht, deren einziger Vorteil die bequeme Erreichbarkeit ist. Der Fußweg von hier zur Cala di Luna ist ein ziemliches Auf und Ab: Jede Schlucht wird mitgenommen. Trotz des teils beschwerlichen Geröllwegs und leichter Kraxelpartien macht es Spaß, im Schatten der Bäume entlang zu wandern – wenn man ordentliches Schuhwerk hat. Wer da mit Flipflops langläuft, dürfte den Weg in weniger netter Erinnerung haben.

Während wir so dahin trotteten, überholte uns ein Familienclan, den wir schon lange hinter uns schnattern gehört hatten. Sie waren alle gut drauf und hatten einen Zacken drauf, als ob es am Ende ein Preisgeld geben sollte. Mir war das Tempo schon fast ein wenig peinlich – aber als wir eine halbe Stunde später den kompletten Club unter Bäumen rasten sahen und nun unsererseits die Führung übernahmen, bewahrheitete sich mal wieder die Weisheit: In der Ruhe liegt die Kraft!

Nussschale
Nussschale

Wer nicht läuft, kommt mit dem Boot. Von Cala Gonone schippern Nussschalen (pardon: Kutter) im Quasi-Linienverkehr die Buchten an. Die Tickets kosten so viel wie ein günstiger Flug nach Sardinien, die Bootseigner sind gegeelte Machos – aber sie haben die Macht und das Wissen, dass nur die ganz Harten die Wanderung hin und zurück genießen. Also löhnten wir für das One-Way-Ticket zurück von der Bucht in den Heimathafen fast soviel wie für die Rundreise – aber egal.

 

Cala di Luna
Cala di Luna

Was gibt’s über die Bucht zu schreiben? Dass sie wirklich bezaubernd ist: Weißer Sandstrand. Blaues und kristallklares Wasser. Steile Felsen. Kuschelige Höhlen (ohne Hippies). So, wie es in jedem besseren Reiseführer steht. Und außerdem: Eine sehr knackige Kletterin, die die Wand hochkraxelte und dabei eine sehr überzeugende Figur abgab. Fotografiert wurde sie von zwei Mannsleuten, die ihre britische Herkunft weder leugnen wollten noch es konnten. Der eine ein Hagespecht, der andere eher so der gemütliche Typ. Beide mit schwerster Fototasche, prall gefüllt mit netten Objektiven. Später merkte ich dann, dass die Engländer ihre Motive so wenig bestellt hatten wie ich und auch nur nahmen, was vor die Wechseloptik kam.

Cala Goloritze
Cala Goloritze

Die Cala Goloritze gilt vielen Sardinien-Kennern als Perle unter den Buchten. Widersprechen mag man dem nicht, selbst wenn man vielleicht etwas anderes kennt, das auch ganz nett ist. Wie kommt’s? Wahrscheinlich passt einfach ales: Karibisches Feeling beim Sandstrand und dem Türkiswasser. Wenig Menschen, weil die Bootstour bis hierhin am längsten dauert und am teuersten ist. Und der Fußmarsch hin und zurück ist noch ein wenig ungemütlicher als der zur Cala di Luna, denn er führt erst mal rund 50 Meter hoch und dann 460 Meter runter – und unter umgekehrten Vorzeichen natürlich wieder zurück. Die Chance auf ein Boot ist hier geringer – aber wer genießen will, nimmt das gerne alles in Kauf, zumal die Blicke auf die Bucht, die sich auf dem Hinweg ergeben, fantastisch sind.Am Anfang bzw. eher am Ende der Tour bietet sich auf der Hochebene von Golgo die Gelegenheit, in ein Restaurant einzukehren. Hei, was zischt das Bier im Su Porteddu! Es kostet zwar ein Vermögen, aber die Cooperative denkt sich sicher: Woher sollen wir’s denn nehmen, wenn nicht von den doofen Touris? Die kommen doch sowieso nicht wieder! Das Wort “Cooperative” steht auf Sardinien nach meinen Erfahrungen sowieso eher für teure als für preisgünstige Gelegenheiten, aber wenn man das weiß, ist es ja nicht schlimm!

[Die beiden eingangs erwähnten Buchten nördlich von Cala Gonone bekommen ihren eigenen Beitrag]

Authentisches mit Wurst und Wein

Agriturismo Nuraghe Mannu

Geschichten aus Sardinien (8)

Unweit des Nuraghe Mannu gibt es einen der zahlreichen Betriebe Sardiniens, die sich neben der Landwirtschaft auch mit Touristen beschäftigen. Wir hatten Gutes über Agriturismo Nuraghe Mannu gelesen und erinnerten uns an die einfachen Köstlichkeiten von Dona Efigenia auf La Gomera – also gar keine Frage: Da müssen wir hin. Nach dem Besuch des Nuraghe Mannu steuerten wir das Gehöft an, um zu reservieren, denn essen kann man dort entweder als Übernachtungsgast oder auf Vorbestellung.

Der nette Landwirt, dem wir als erstes begegneten, sprach nur die Landessprache, so dass wir es mit den üblichen Mitteln (Freundlichkeit und ggf. Zuhilfenahme der Hände) versuchten. Wagemutig bestellte ich also am Freitag für Montag, ließ mir die Startzeit nennen und hoffte, dass alles klappen würde. Unsere Namen waren dem Herrn zu schwer, er meinte, er würde den Tisch für “die Deutschen” reservieren.

Und so war es dann auch: Als wir am Montag exakt zur verabredeten Zeit kamen, waren alle eingedeckten Tische des Nebengebäudes bereits besetzt. Alle außer einem: Auf dessen rot-weiß-karierter Papierdecke stand schwungvoll mit schwarzem Filzer geschrieben: TEDESCI. Auf dem Tisch standen ein Krug Wasser und Krug mit Wein: Hier wurde nicht lange gefragt, hier ließ man Fakten sprechen.

Die freundliche Bedienung brachte, kaum dass wir saßen, die Vorspeise: Ein Holzbrett mit Speck, Wurst und Peccorino. Es war ein schönes altes Holzbrett – der Versuch, im Laufe des Urlaubs so etwas Authentisches zu kaufen, schlug fehl: Die angebotenen Touribretter hatten deutlich weniger Patina und Seele. Unpretentiös, einfach und gut kam so Spitzenfleisch und Käse auf den Tisch, zusammen mit einem Korb sardischen Brotes. Das ist hauchdünn, knusprig und – wenn es denn gut ist – leicht gesalzen. Dieses pane carasau war gut!

Der zweite Gang bestand aus Sardischen Gnocchi mit Ragout – wobei das Ragout wegen sparsamsten Fleischeinsatzes nicht weiter ins Gewicht fiel. Vielleicht gar nicht so schlecht, denn der Hauptgang bestand quasi nur aus Fleisch mit ein wenig Salat: In Wein geschmortes Zicklein, serviert wie gewachsen: manchmal viel Knochen und wenig Fleisch, aber wenn man der Bedienung sozusagen Dackelaugen machte, gab es beim Nachlegen auch viel Fleisch und kaum Knochen!

Beim Dessert stellte sich die Frage, ob gesund oder schlemmernd erst gar nicht: es gab beides! Zuerst Obst (Birne, Apfel, Orange), dann Seadas. Das sind frittierte Süßigkeiten, gefüllt mit Ricotta oder Ziegenkäse, außen mit Honig eingepinselt. Garantiert nicht kalorienarm – aber erstaunlicherweise finden derlei Süßigkeiten auch nach einem opulenten Essen immer noch ihren Weg. Und der Kaffee nebst Verdauer (Mirto gab’s und noch einen anderen, dessen Namen ich vergessen habe) sind damit auch gerechtfertigt!

Wir zahlten im Mai 22 Euro pro Person, was schon fast unanständig wenig für das Gebotene war. Derzeit steht auf der Webseite ein Preis von 25 bis 35 Euro pro Person, je nach Angebot – auch das wäre in Ordnung gewesen für den Abend!

Von den Nuraghen

Nuraghe Mannu

Geschichten aus Sardinien (7)

Wenn man sich ein bisschen vorbereitet auf den Sardinien-Urlaub oder offenen Auges durch die Gegend fährt, stolpert man früher oder später über den Begriff „Nuraghe“. Das sind, erfährt man, so alte Türme, von den Nuraghern. Auf einer vornehmen Gesellschaft würde man an dieser Stelle wohl sagen: „Ach so, von den Nuraghern? Ist ja interessant!“ und sich schnell abwenden und dabei denken: „Was das nun wieder soll! Nuragher, nie gehört!“

Nuraghe Mannu
Nuraghe Mannu

Aber dann steht er eines Tages vor dir: Ein Turm aus großen Steinblöcken, ohne Mörtel einfach aufeinander gelegt. Wenn man Glück hat, steht neben dem Turm ein Mensch und erklärt einem ein wenig das Wie und Wann und vielleicht sogar das Warum. Wir hatten Glück: Der Nuraghe Mannu (der “große Nuraghe”) ist Teil eines archäologischen Komplexes. Er liegt in schönster Lage etwa 200 Meter über dem Meer zwischen Cala Gonone und der Cala Luna, so ziemlich in der Mitte des Golfes von Orosei – aber um dahin zu kommen, muss man von der Straße abbiegen, die von Cala Gonone nach Dorgali führt, auf immer schlechter werdender Straße ins Landesinnere fahren und letztendlich noch knapp einen Kilometer laufen. Und dann kommt: Ein Kiosk! Der geringe Eintritt von drei Euro in das Areal zum Nuraghe Mannu, der dort entrichtet werden muss, lohnt schon deswegen, weil der Mann an der Kasse ein kompetenter Auskunftgeber ist. Er kam von der Kooperative Ghivine, sprach gut deutsch, wusste ordentlich Bescheid und beantwortete geduldig die Fragen unvorbereiteter Touristen. Außerdem hatte er, so klein ist die Welt, unserer Vermieterin beim Schriftverkehr mit dem Ferienhausvermittler geholfen!

Nuraghe Ola
Nuraghe Ola

Der “große Nuraghe” ist trotz seines Namens vergleichsweise klein, Durchmesser außen etwa zwölf Meter, verbliebene Höhe 4,70 m. Die Steinblöcke aus Basalt und Trachit liegen wuchtig übereinander, und vom Eingang, der Richtung Osten zeigt, führt links eine Treppe hoch. Weil dem Turm in den vergangenen Jahrtausenden oben der korrekte Abschluss abhanden gekommen ist, endet die Treppe irgendwie sinnlos im Nichts. Bei erhaltenen Nuraghen führt sie auf eine Aussichtsplattform, die ganz sicher nicht für Touristen gemacht wurde, sondern als Ausguck zur Beobachtung diente: Feinde kamen von weiter her, manchmal aber auch vom Nachbarn um die Ecke.

Nuraghe Nuradeo
Nuraghe Nuradeo

Nuraghen gibt es auf Sardinien sozusagen wie Sand am Meer – aber es gibt sie so nur auf Sardinien. Die von mir sehr geschätzte Wikipedia hält manchmal schöne Stilblüten bereit, denn wenn es um die Menge der Nuraghen auf Sardinien geht, kann man Folgendes lesen: „Nach neuerer Schätzung wurden etwa 6.500 errichtet. 1962 waren durch Lilliu (s. Literatur) noch Überreste von ca. 7.000 Nuraghen registriert worden.“ (Version 20:42, 27. Jun. 2009). Das ist schon spannend, dass da mehr registriert als gebaut wurden! Aber da das Zeitalter der Menschen, die diese Türme gebaut haben, schon sehr lange her ist, muss man sich doch gar nicht um die genaue Zahl streiten: Es reicht zu erwähnen, dass quasi das ganze Land mit diesen Türmen überzogen war und ist.

Nuraghe Ola
Nuraghe Ola

Die Nuraghenkultur wird immer noch kräftig erforscht: Was da zwischen etwa 1.800 und 300 vor Christi Geburt passierte und das Leben bestimmte, ist keineswegs gesichert. Wachtürme allein waren die Nuraghen sicher nicht, denn die archäologischen Grabungen brachten allerlei Alltagskram zu Tage. Der Nuraghe Mannu wurde 1927 erstmals von A. Tamarelli erforscht, der unter anderem herausfand, dass die Steine rund um den Turm viel jüngeren Datums sind und auf eine römische Siedlung zurückgehen. Seit 1994 buddeln über 700 Freiwillige unter archäologischer Anleitung, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Doch neben all dem Wissen, was dabei herauskommt, ist es letztendlich ein ganz unwissenschaftliches Gefühl, das das gewisse Kribbeln erzeugt: Diese Stufen sind vor 3.500 Jahren schon Leute hochgegangen, die sich am gleichen Stein festgehalten und aufs schon damals blaue Meer gesehen haben!

Cala Gonone

Golfo di Orosei

Geschichten aus Sardinien (6)

Unser Ferienhaus ist am Ende der Welt und doch mittendrin. Es liegt direkt am Wasser – allerdings in der dritten Etage: 35 Meter hoch. Es gibt wenig Bilder von außen, die das Haus zeigen, weil es am Hang liegt. Um es einmal gesamt zu sehen, müsste man fliegen können. Oder eine Bootstour unternehmen und es mit dem Tele heran zoomen.

Aber es gibt Meerblick! In die eine Richtung gen Hafen und darüber hinaus die weit geschwungene Küstenlinie des Golfo di Orosei entlang – mit den vielen kleinen Buchten, die nur mit dem Boot oder als Wanderung zu erreichen sind. Zwei von ihnen, die Cala Luna und die Cala Goloritze, stehen auf dem Plan. Noch aber sind sie terra incognita und verschwinden in den Wolken, die tief hängen am Morgen.

In die andere Richtung, unter drei Palmen sitzend, verfolgen wir ein nettes Spektakel: Mondaufgang bei Vollmond. Das ist ein vollwertiger Sonnenaufgangsersatz, der uns, wie schon mehrfach gebeichtet, wegen der frühen Morgenstunde meist verwehrt bleibt. Und da an einer klassischen Westküste die Sonnenuntergänge mit Wasserspiegelung extrem selten vorkommen, war die Sache mit dem Vollmond eine willkommene Abwechslung.

Mondaufgang
Mondaufgang

Einige Minuten vor dem als Mondaufgang im Kalender verzeichneten Zeitpunkt beginnt sich das Wasser – an diesem Abend ist es wunderbar ruhig – in ein rot-blaues Zebra zu verwandeln. Da tut sich was, signalisieren die Schlieren! Wenig später steigt ein feurig roter Ball aus den dunkelblauen Fluten: Wie bei einem veritablen Sonnenaufgang, ich bin begeistert! Nur dass es statt heller nun dunkler wird – und der Mond auf dem Weg in die Nacht das Rot abwirft, gelblich-weiß leuchtet und seine gewohnte Kleinheit einnimmt.

Bis zum Meer sind es 98 Stufen und eine Straßenüberquerung. Netter Frühsport, um an frische Mortadella, Panini, Milch und Tomaten zu kommen! Aber auf dem Weg zum Supermercado ist ein Restaurant, das zwar noch nicht wirlich geöffnet hat – aber due cafe bekommen wir immer, während der Chef die Kasse einrichtet und die Servicekraft die Tische eindeckt. Erst a banco, an der Theke. Ab dem dritten Tag werden uns die beiden Espressi nach draußen an den Tisch gebracht – zum gleichen Preis wie stehend drinnen. Der Chef der Bar Gelateria Fronte del Porto hat ein sehr fotogenes Gebiss, mit Naturwuchs und Lücken. Da er immer freundlich ist, sieht man es häufig. Später im Supermarkt an der Wurst- und Käsetheke sehen wir uns wieder. Während gute Lage ja oft ein Killer von Qualität ist, ist im Fronte del Porto alles bestens, auch bei unserem einen Mittagbesuch (mit Pizza und Meeresfrüchtesalat): netter Service, sehr guter Espresso und vernünftige Preise bei ordentlicher Qualität.

Sonnenbad
Sonnenbad

Am Strand von Cala Gonone ist nicht viel los. Der Hausstrand mit feinem Kies – gelblich bis rötlich – macht nicht viel her, aber sonntags ist es hier auch in der Vorsaison richtig voll, weil die italienischen Familien generationenübergreifend auf Achse sind. Zum Baden lud uns das nicht ein, zum Entlangschlendern mehrfach. Zum Ende der Bucht wird der Kiesstreifen immer schmaler und geht dann in Felsen über, die man munter entlang kraxeln kann.

Rot-grün-blau
Rot-grün-blau

Hinunterblickend sieht man tief ins Wasser, das schön klar und natürlich in allen Türkisvarianten schillernd die Felsen formt. Und wenn man dann nach oben guckt, blickt man auf eine andere Farbkomposition: steil aufragende rote Felsen, grün bewachsen – natürlich vor blauem Himmel. Diese Farben können einen besoffen machen. Und das sogar ganz ohne Nebenwirkung!

Von Posada nach Cala Gonone

Posada

Geschichten aus Sardinien (5)

Weiterfahren! Dieses Mal gar nicht so weit, denn das nächste Ziel ist Posada. Man kann die Stadt nicht übersehen, denn sie liegt (wenn man wie wir südlich fährt: linker Hand) auf einem Hügel, der zudem auch noch mit einer Burg gekrönt ist. Die Burg trägt den wunderschönen Namen “Castello della Fava” – Saubohnenburg. Kein normaler oder gar typischer Name für einen mächtigen quadratischen Steinturm! Wie konnte es also dazu kommen?

Posada
Posada

Die Leute von Posada (etwas über 2.600 Einwohner hat die Stadt, aber nicht alle leben im alten Teil) erzählen gerne die Geschichte von der Taube, die wir so oder so ähnlich (allerdings meist mit Hunden oder Schweinen) schon oft gehört haben. In Stichworten: Belagerung (hier: durch sarazenische Piraten), Feind will Posada aushungern, Leute von Posada greifen in die Trickkiste: Füttern Taube mit Saubohnen. Taube fliegt zum Feind. Feind schlachtet Taube, sieht die vielen Bohnen – und gibt entsetzt auf: Wenn die noch so viel in ihre Tauben stecken, dann werden sie selbst noch genug haben. Schöne Geschichte, immer wieder!

Castello della Fava
Castello della Fava

Tauben haben wir gar nicht gesehen, aber dafür Bauarbeiter. Sie bauen an der engen Straße, die hoch zum Turm führt. Es sieht so aus, als ob sie das Kopfsteinpflaster gegen Beton austauschen – ein schlechter Tausch, was das Ambiente anbelangt. Und sicher ein guter für die Rutschfestigkeit an den steilen Wegen. Wir wählten die alte Kopfsteinvariante, passierten ein altes Stadttor und wurden Dank dreisprachiger Hinweisschilder (italienisch, englisch, sardisch) immer bestens informiert, was zu sehen ist. Vorbei am Dichterplatz, auf dem bis in die 1960er Jahre in der Woche nach Ostern Poeten zum Wettbewerb antraten, durch das Stadttor hoch zur Burg.

Kirche
Kirche

Direkt vor dem Eingang ins Burgareal steht die Kirche – beide aus dem 12. Jahrhundert. Die Kirche steht noch, von der Burg blieb nur ein Turm, den man allerdings besteigen darf. Es lohnt sich, denn von oben gibt es einen wahrlich gigantischen Rundumblick, und man kann gar nicht anders als die Landschaft rund um Posada mit den Feldern und dem mäandrierenden Fluss (der auch Posada heißt und 13 Kilometer weiter im Landesinneren zu einem großen See aufgestaut ist) liebreizend zu nennen.

Eigentlich müsste man mehr Zeit haben für Stadt und Umgebung! Zeit aber haben wir aber nicht im Überfluss, weswegen wir nur noch einen kurzen Abstecher zu den beiden Seen machen, die wir von oben gesehen hatten. Sehr romantisch…

Capo Comino
Capo Comino

Weiterfahren! Die SS125 führt zuerst am Meer entlang, biegt dann aber ab ins Landesinnere. Aber nicht weit ist es bis zu einer Abzweigung zum Capo Comino. Wir waren nicht die einzigen, die den Weg wählten – aber die meisten hielten schon drei Kurven vor dem eigentlichen Capo, weil da ein Restaurant war und auch der famose Sandstrand. Wir haben das einfach mal ignoriert und fuhren bis zum Leuchtturm und waren somit am östlichsten Zipfel Sardiniens – wenn das nichts ist! Am Leuchtturm werkeln sie herum, so dass er eingerüstet da steht, aber die Felsen und das Meer, der Wald und die Blütenpracht sind ja von der Renovierung ausgeschlossen.

Die Straße endet am Leuchtturm (auch wenn Karten, z.B. bei Google Maps oder in meinem GPS) etwas anderes zeigen. Also geht’s den gleichen Weg zurück – dem Ziel Cala Gonone entgegen.

… doch zuerst gibt’s eine nette Umleitung. Bei der zu Recht unbekannten Ortschaft Sas Linnas Liccas ging’s schildweisungsgemäß ab in die sardische Walachei. Na gut, lernen wir auch Feldwege kennen, die uns sonst erspart geblieben wären! Ganz schön staubige Angelegenheit. Unschuldige Bäume mussten ihr Grün geben und hüllten sich in aufgewirbeltes Weiß. Marmorstaub? Dort in der Gegend gibt es jedenfalls einschlägige Fabriken. Sie sehen gigantisch aus mit den großen Marmorblöcken – aber trotz des unschuldigen und schönen Weiß ist es eben auch nur eine dreckige Industrie. Auf dem Weg hinter Orosei machen sie ganze Berge platt. Nie wieder Marmor!

Cala Gonone
Cala Gonone

Gleich sind wir da: Dorgali wird quasi innerstädisch umfahren, nicht weit hinter der Stadt führt ein Tunnel durch die Berge. Es mutet an wie eine Kopie des Valle Gran Rey auf La Gomera: Man kommt durch den Tunnel von der Landseite des Berges und sieht hinunter bis ans Wasser. Eine Straße windet sich bergab, speziell als Beifahrer möchte man gerne kotzen – tut es aber nicht, weil es viel zu schön ist. Unten liegt Cala Gonone, für die nächste Woche unser Domizil. Aber das ist eine andere Geschichte.

Von Olbia nach Budoni

Punta Coda Cavallo

Geschichten aus Sardinien (4)

Der Flieger landete in Olbia – doch da der moderne Flughafen im Süden der Stadt liegt und das Ziel Cala Gonone ebenfalls, ist man schnell in ländlicher Umgebung. Unser bevorzugter Leihwagen: Ein Panda! Gerade groß genug für zwei Menschen, zwei Koffer und zwei Rucksäcke – und klein genug, auch Altstadtgassen zu meistern.

Gleich zu Beginn unserer Tour musste ich mich über das Leistungsspektrum moderner Kleinstwagen erfreuen: Der Wagen fiepste immer, wenn ich in der Ortschaft schneller als 50 fuhr. Dankbar nahm ich die Geschwindigkeitswarnung an. Begeisterung, was der alles kann. Es dauert, bis ich merke, dass Black Magic Panda immer piepst, wenn ich die 50 überschreite. Es dauert noch länger, bis ich lerne, das nervige Geräusch auszuschalten. Denn merke: Um das Fiepsen zu vermeiden, müsste man im kurvigen Gelände immer schneller als 50 fahren – das wäre lebensmüde. Oder immer langsamer als 50 – das wäre langweilig. Also fährt man immer 45, 47, 49, pieeps, 53, 55, 49, 47, pieeps, 51, 52, 48, pieeps….

Wo frühstücken wir? Erst mal gibt’s Mitgebrachtes aus dem Flieger an der Punta Coda Cavallo. Mein erster sardischer Strand – und gleich einer, der nicht schlecht ist: feiner weißer Sand, glitzerndes blaues Wasser mit changierendem türkis – und eine Insel zum Draufsehen direkt vor der Bucht: die Isola Tavolara. Etwas fotografenfeindlich liegt sie am Vormittag im Gegenlicht, aber so als erster Eindruck sollte man nicht gleich meckern.

„El Sol“
„El Sol“

Weiterfahren! Und gleich wieder anhalten: Die erste (und nicht die letzte, das sei schon mal verraten) Wiese mit Blumen will abgelichtet werden. Während sich Sylke um die Blumen kümmert, sehe ich mir Stromleitungskunst an – beides hat seinen Reiz. Und dann wirklich ab nach Porto San Paolo. In der Bar „el Sol“ gab’s den ersten sardischen Cappucino, inklusive Hinter-Glas-Blick auf die Isola di Tavolara. Der Ort hat einen kleinen Hafen, eine kleine Badebucht, Inselblick und ein Zentrum, das mir etwas zu neumodisch für so einen betulichen Ort ist. Alles sieht sehr adrett aus – manch einer würde sagen: sauber. Für meinen Geschmack zu adrett und ein wenig zu aufgeputzt – obwohl die Blütenpracht im Garten des Hotels und anderswo schon nett anzusehen war.

Polpi Fresci con Patate
Polpi Fresci con Patate
Carpaccio vom Schwertfisch
Carpaccio vom Schwertfisch

Weiterfahren! Auf der 125, die immer brav an der Küste entlang führt und nur manchmal sich etwas ins Landesinnere verirrt – wie auf dem Weg nach Budoni. Das sollte die nächste Station sein – wobei uns streng genommen die Stadt nicht so interessierte wie der Strand: Lang und bestens zum Baden geeignet, was auf einem Transfer aber eigentlich egal ist. Aber an der Spiaggia Mare e Pineta gibt es auch ein Restaurant, und so etwas muss man zur Mittagszeit doch probieren! Im Strandlokal La Tavernetta wurde drinnen an weiß eingedeckten Tischen und draußen auf der Terrasse etwas rustikaler auf Karo rot-weiß serviert – aber das Essen kam aus der gleichen Küche: Carpaccio vom Schwertfisch und ein Salat Polpi Fresci con Patate enttäuschten uns nicht – und der Preis von je zehn Euro ging auch in Ordnung. Und mit der netten Bedienung wurde gleich beim ersten Restaurantbesuch einen Serie sehr angenehmer Begegnungen eingeleitet. Hach!

Spiaggia Mare e Pineta
Spiaggia Mare e Pineta

Mare e Pineta heißt der Strand, da ist es nicht schwer zu erraten, was sich hinter dem Meer befindet: Richtig, ein kleiner Pinienwald. Schön schattig, also gerade richtig für einen kleinen Verdauungsspaziergang. Weniger effektiv für die Abkühlung, aber dafür doppelt schön für Knipswütige: Solitäre, die windgebeugt geduldig stillhalten, wenn sie abgelichtet werden!

Von den italienischen Männern

Salve!

Geschichten aus Sardinien (3)

Als ich vor Jahren einmal mit den damals noch pubertierenden Töchtern nach Rom reiste, schwärmte ich vorab von der klassischen Schönheit der Römerinnen – mit dem Ergebnis, dass mich die beiden bei nahezu jedem halbwegs schönen Weibchen fragten: Ist das jetzt eine klassische Schönheit? Meist musste ich verneinen: Sind ja doch nicht alle sooooo schön wie im Bilderbuch annonciert.

Aber die Männer!

Die italienischen Männer sind etwas ganz Besonderes. Meine Grundthese ist ja, dass sie alle schwul sind – so gut gekleidet wie sie sind, so adrett gestylt, so zärtlich miteinander umgehend, so körperkontaktig. Aber dann kommen sie mit den aufregendsten Schnecken daher und man denkt sich, Gast der man ist im Land: Wie machen die das?

Sie machen es ganz perfide. Seit mehreren Jahren beobachte ich das, nun kann ich es verraten: Italienische Männer lieben am meisten – sich selbst. Eigentlich sieht man das immer, egal wo man hinguckt. Die ganz alten Männer, die auf der Bank sitzen und miteinander disputieren. Die beiden Alten mit den schnieken Lederschuhen, die mit dem wandernden Schatten des Denkmals ihren Platz wechseln. Aber vor allem der muskulöse Waschbrett-Dinosaurier, der der schönsten Badebucht der Insel Maddalena das Krönchen aufsetzte.

Gelb-Lila
Gelb-Lila

Als wir kamen, stand er mit seinem Kumpel in der lila Badehose knietief im Wasser und war mir auf Anhieb sympathisch. Ich liebe Leute, die nicht schwuppdiwupp und mit Schmackes ins Wasser gehen, sondern sich peu a peu vortasten, um sensiblen Körperteilen eine langsame Gewöhnung an das den Menschen artfremde Umgebungsmedium Wasser zuzugestehen. Ich dachte daher bislang, dass ich am meisten mich selbst lieben muss, denn alle anderen sind schneller im Wasser, so lange es unter 25 Grad warm ist jedenfalls. Aber hier standen nun zwei und mieden die Untiefen des nassen Elements wie der Teufel das Weihwasser – sehr sehr angemessen!

Der Waschbrett-Dinosaurier trug eine knallgelbe Badehose, die seinen Astralkörper auf das Allertrefflichste betonte. Ein Hingucker, sozusagen. Ihn zu malen fiele einem abstrakt den Pinsel schwingenden Künstler nicht schwer: Kleiner brauner Punkt oben, darunter ein sehr breites, sich nach unten verjüngendes Dreieck, auch braun. In der Mitte ein gelber Badehosenklecks – fertig. Pardon: Etwas kleiner den Klecks, bitte.

Noch schöner war es, ihn außerhalb des Wasser zu beobachten. Er ölte sich ein, damit der Glanz des Universums sich auf ihn konzentrieren möge. Er legte sich hin und drehte sich fast so oft, dass er Hähnchengrillstationen Konkurrenz hätte machen können. Er stand wieder auf, spannte den Körper flitzebogenmäßig nach rechts und streichelte den Oberschenkel mit der rechten Hand. Ich muss nicht erwähnen, dass er diese Arbeit sanft und geschmeidig und voller Liebe zu sich selbst verrichtete. Aber ich sollte erwähnen, dass er nach dem rechten den linken Flitzebogen gab, sich nach den Oberschenkeln um die Arme und die Brust kümmerte. Wohl eine halbe Stunde lang wiederholte sich die Show: Hähnchengrill, Ölgötze, Hähnchen, Öl.

Weiß-Schwarz
Weiß-Schwarz

Wer so bemüht um sich ist, behandelt sich natürlich ganzheitlich. Das heißt, auch die leidlich gelb bedeckten Körperteile erfuhren ihre Zuwendung. Wie das detailliert geht, konnten wir nicht nur hier, sondern am gleichen Tag auch an einem anderen Badeort beobachten. Da saßen nämlich in der Bar an der Spiaggia Spalmatore eine weiße Badehose und eine schwarze Badehose. Die dazu gehörenden Herren flätzen gelangweilt in den Bistrostühlen und guckten Löcher in die Luft. Abwechselnd griff mal der eine und dann der andere mit fester Hand beherzt zu. Sie taten es so inbrünstig, dass wir (es war Mai, Michael Jackson lebte noch) schon dachten, sie wollten den Wacko-Jacko-Griff für eine Bühnenshow üben. Andererseits deuteten die eher gelangweilten Gesichter darauf hin, dass die Jungs ganz anderes im Schilde führten: Mangels Hasenpfoten, die bekanntlich in Hosen auch etwas hermachen, versuchten sie sich an einer halbherzigen Eigenerregung. Denn eines ist immer wichtig, nicht nur in Italien: Bella Figura!

 

Von den Felsen, die gerne etwas Anderes geworden wären

Caprera

Man kennt das ja von den Kindern. Die verkleiden sich unheimlich gerne – ein Spaß, der irgendwann nachlässt und nur regional zur Karnevalszeit bei den Alten wieder ein wenig aufflackert. Ganz anders in der Natur! Da tarnen sich Felsen als Fabelwesen (der überlebensgroße Mutant einer Steinlaus frisst sich durch die Bergwelt der Isola Caprera) oder geben den Brummbär (nicht weit weg von der Steinlaus am Capo d’Orso – allerdings sieht der Bär die Steinlaus mit dem Hintern an). Weiter im Innenland fanden wir einen Hasen, zu dem es nichts weiter zu berichten gibt – außer, dass er weder mümmelte noch Haken schlug, sondern sich brav fotografieren ließ.

Roccia dell'Elefante
Roccia dell’Elefante

Warum machen sie das, die Felsen? Keine Ahnung. Vielleicht fühlen sie sich zu Höherem berufen. Oder sie haben eine wichtige Mission, eine Aufgabe. Der Roccia dell’Elefante in der Nähe von Castelsardo steht beispielsweise in einer zwar schönen Landschaft, aber an einem eigentlich touristisch nicht übermäßig interessanten Fleck. Aber dank des elefantösen Felsens kommen die Touris gefahren – und sogar in der Vorsaison stehen zwei fliegende Händler am Straßenrand, um allerlei Unnützes zum Kaufe feil zu bieten. Der Fels, der ein Elefant sein wollte, ist von der Staatsstraße 134 gut zu erreichen – wer auf der SP13m unterwegs ist, hat Pech: Ein Schild weist auf die Sehenswürdigkeit hin, aber man sieht sie nicht – die Straße wurde tiefer gelegt.

Capo Testa
Capo Testa

Können Felsen stolz sein? Vielleicht. Jedenfalls gibt der eine am Capo Testa sehr trefflich und überzeugend einen vornehmen Indianerhäuptling. Wobei, halt: Vielleicht ist das ja gar kein Häuptling, sondern ein stolzer Wächter und Beobachter? Der Indianerfelsen sieht hinüber nach Korsika – geologisch zwar gleiches Land wie dieser Teil Sardiniens, aber so rein menschlich waren da oben auf Korsika meist eher Feinde als Freunde.

Capo Testa
Capo Testa

Früher – heute ist das natürlich alles ganz anders. Und überhaupt: Heute ist man ja viel freizügiger als früher. Sogar die Felsen geben sich hin und wieder die Blöße – oder zeigen sie dem Betrachter ihren Hintern, um dadurch Abscheu für den Tourismus allgemein und Unverständnis für herumhirschende Fotografen auszudrücken?

Fragen über Fragen – und die Felsen wollen sie nicht beantworten.