STIPvisiten Venedig: Ein Reiseverführer

STIPvisiten Venedig

In der Politik würde man schreiben: Ich bin gebeten und gedrängt worden. Im wirklichen Leben ist es meist einfacher – nämlich so, dass man ja auch mal was in der Hand haben möchte und nicht immer nur virtuell auf irgendwelchen Servern dieser Welt. Deswegen gibt es jetzt den ersten Band einer Reihe von Reiseverführern der STIPvisiten. Die Venezianischen Impressionen, die erstmals hier erschienen, sind dort zusammengefasst und mit Bildern (die meisten auch hier schon mal gezeigt) in Szene gesetzt.120 Seiten Hardcover im Querformat mit etwas ungewohnten 25×20 Zentimetern sind dabei heraus gekommen. Das Buch liegt bei Blurb – weil ich mit diesem Anbieter privat schon ganz gute Erfahrungen gemacht habe, was Qualität und Service anbelangt. Wer eine Geschenkidee braucht: Der Reiseverführer Venedig ist käuflich zu erwerben!

[Text: 10. Dezember 2008,
Update 21. Oktober 2011: Nun auch als eBook zum deutlich günstigeren Preis!]

Die vierte Brücke

Venezianische Impressionen (13)

Ponte della Costituzione
Ponte della Costituzione

Über Brücken kann man gehen, aber auch trefflich streiten – wir in Dresden wissen das sehr wohl, sind aber keineswegs allein mit dem Brückenstreit. In Venedig, der an Brücken weiß Gott nicht armen Stadt, hatte man 1999 beschlossen, den Canal Grande mit einem vierten Bauwerk zu überspannen. Man gewann mit dem Spanier Santiago Calatrava einen der vorzüglichsten Brückenbauer unserer Zeit (die Wikipedia nennt ihn “Architekt, Bauingenieur und Künstler”).Calatravas Entwurf war, wie nicht anders zu erwarten, ein wenig unvenezianisch. Streng genommen hat er gar nichts vom alten Venedig – außer vielleicht ein paar Anklänge in den Materialien Kupfer und (istrischer) Stein. Aber die Gesamtwirkung kommt doch von anderen Dingen – beispielsweise dem verbauten Glas (Geländer und sogar die Stufen sind on top of the bridge aus Verbundglas – insgesamt stecken 56 Tonnen Glas in der Brücke!). Oder im Schwung, der in der Brücke steckt: Sie ist unterschiedlich breit – unten an den Ufern 5,58 Meter, in der Mitte 9,38 Meter.

Ponte della Costituzione
Ponte della Costituzione

Gerade weil die Brücke so leicht und schwungvoll wirkt, passt sie tatsächlich nicht zu den anderen. Aber an dieser Stelle ist Venedig sowieso nicht sehr traditionsreich: Der Piazzale Roma ist so ziemlich das Hässlichste, was die Stadt zu bieten hat, ein Busbahnhof, von dem man nur eins will: schnell weg. Und das geht – entweder mit den Bussen aufs Land (und zum Flughafen) oder mit den Booten der ACTV durch die Kanäle Venedigs. Drei kleinere Brücken ermöglichten auch Fußgängern die Flucht vom unansehnlichen Piazzale Roma hinüber in den netteren Teil von S. Croce und weiter zum Rialto oder nach San Marco. Und wer nach Cannaregio wollte, war auch schnell da: Gleich hinterm Bahnhof (dem für Züge) gibt’s die Ponte degli Scalzi über den Canal Grande. Statt bislang zwei braucht man nun also nur noch eine Brücke, um vom einen zum anderen Bahnhof zu kommen: Die Ponte della Costituzione. Aber wer will schon mit dem Bus ankommen und mit der Bahn gleich wieder abfahren?Die 94 Meter lange und an höchster Stelle 9,28 Meter hohe Brücke wurde nach fünfjähriger Bauzeit am Abend des 11. September 2008 quasi in aller Stille der Öffentlichkeit übergeben – auch ein Zeichen für die Unbeliebtheit des Bauwerks. Dabei ist es wirklich eine optische Bereicherung für die Stadt – und auch die heute alten Brücken waren zu ihrer Zeit modern und meist nicht unumstritten.

Ponte della Costituzione
Ponte della Costituzione

Wie schon erwähnt, sind die Stufen teils aus Glas. Dennoch kann man von oben nicht runter sehen – aber von unten sieht man die schemenhaft vorüber huschenden Brückengänger. Rutschig ist es auch nicht auf dem Glas – wir hatten ja eigens Regen bestellt, um den Glitschtest zu machen… Von der Brücke hat man – das ist ja ein bei umstrittenen Brücken gerne vernachlässigter Teil der Argumentation – einen schönen Blick auf den Canal Grande.Bei Dunkelheit beleuchten fluoreszierende Lampen den Handlauf und die Stufen. Das ergibt ein schönes Bild – Fotografen sollten also keineswegs ihr Stativ vergessen! Aus der Entfernung sieht das so elegant aus wie aus der Nähe. Wenn man weiter weg ist und Richtung Piazzale Roma sieht, wünschte man sich die Brücke des Herrn Calatrava allerdings gerne etwas weniger schlank – denn so verdeckt sie kaum das hell erleuchtete Grauen der Platzmoderne…

Auf dem Fischmarkt

Venezianische Impressionen (12)

 
Fischmarkt
Fischmarkt

„What news on the Rialto?“ lässt Shakespeare seinen Shylock in der dritten Szene des ersten Aktes vom „Merchant of Venice“ fragen. Gute Frage: Was gibt’s Neues auf dem Rialto? Ehrlich gesagt nicht mehr so viel wie damals. Riva alto, die Insel mit dem etwas höheren Land und somit ein wenig hochwassersicherer als andere Teile der Stadt, war vor 500 Jahren das kaufmännische Zentrum von Venedig.Man sieht diese Vergangenheit der Brücke noch heute an – auch wenn der Trubel dort oben rein touristischer Natur und deswegen von unsereins absolut zu meiden ist: Sind wir denn Touristen? Nein, wir sind Besucher der Stadt und wollen keinen Klimbim, der nach dem Prinzip “Schlechtes muss nicht preiswert sein!” verkauft wird. Unser Problem ist natürlich, dass wir auch nicht wirkliche Venezianer sind, also den Fisch- und Gemüsemarkt gleich unterhalb des Rialto nicht als Käufer besuchten, sondern als Gucker.

Fisch legen
Fisch legen

Eins ist klar: Wenn ich in Venedig wohnen würde, wäre ich jeden Tag dort und würde rumgehen, schwatzen, kaufen. Was für eine Pracht! Was für eine Frische! Und wie liebevoll die HändlerInnen mit den ihnen anvertrauten Waren umgehen: Alles ist fein säuberlich ausgerichtet und ergibt ein Bild – eins, das mit den daneben liegenden Lebensmitteln sich zu einem Mosaik verbindet, das täglich neu entsteht und sich stündlich verändert, weil es eben nicht nur Touris und Gaffer gibt, sondern auch Käuferinnen und Käufer. Letztere kommen übrigens schon frühmorgens (naja: wir waren so gegen acht Uhr da, also nicht ganz so früh) in feinem Zwirn gewandet und bestens beschuht mit ihrer Aktentasche unterm Arm vorbei, um nach dem üblichen freundschaftlichen Gespräch Fisch und Gemüse zu kaufen. Da stellt sich doch die Frage: Lagern sie den Fisch im Büro?Die Verkäufer und (deutlich weniger) Verkäuferinnen an den Ständen sind natürlich alles keine null-acht-fuffzehn-Typen, sondern eben Marktverkäufer. Dass sie ihre Ware lieben, sie streicheln, begutachten, sortieren ist das eine. Dass sie sie anpreisen, ist selbstverständlich – aber wie sie das tun! Am besten gefallen hat mir der eine Fischverkäufer, der die Zahlen nicht sprach oder gar herausschrie, sondern sang! Ich komm’ nicht auf den Titel, aber die Melodie war irgendwas Klassisches. Verdi, wahrscheinlich. Der Text dramatisch, aber gesungen doch so melodisch: “quattordici e quindici!” Gut gefiel mir, dass der Kollege am Stand gegenüber gleich einfiel, die inhaltsschwangeren Worte aufgriff und mit gleicher Meldodie, doch hübscherer Phrasierung, antwortete: “quattordici e quindici!”

Das Leben kann so einfach und so fröhlich sein!

So war der ombra mal gemeint…

Rotweinschatten

Venezianische Impressionen (11)

Vor der Kirche dei Tolentini gegenüber vom deutschen Honorarkonsulat, unweit des Piazale Roma, gibt es eine veritable Restauration, die vorzustellen sich lohnt: Bacareto da Lele heißt die kinderzimmerkleine Lokalität am Kirchplatz. Zwei Türen gibt’s, und der Raum vor der Theke ist klitzeklein. Aber er ist ja auch nur zum Bestellen gedacht, denn dann geht man raus und hat auf dem Campo dei Tolentini genug Platz zum Plaudern.Von Draußen hinterlässt da Lele einen durchaus ungewissen, vielleicht sogar bei vielen voreingenommenen Betrachtern einen gewissen Eindruck: Nämlich den, da nicht hinein zu gehen. Fahrlässig grob betrachtet könnte man den Ort für einen Pennertreff halten. Richtig ist: Da stehen Männer (seltener Frauen) in Arbeiterkleidung, haben ein Glas Wein in der Hand, reden laut – ob das das richtige für uns ist?

Gemischte Gesellschaft
Gemischte Gesellschaft

Der erste Blick ist typisch deutsch und trügerisch: Erstens stehen da Männer von der Müllabfuhr neben dem Rechtsanwalt im edlen Zwirn. Zweitens ist das Glas Wein so klitzeklein, wie das nur in Venedig geht – und drittens reden italienische Männer immer laut. Wir also rein!Drinnen trennt die Theke das da Lele in den Kundenbereich – da passen vielleicht zehn stehend zusammen rein – und den Bedien- nebst Küchenteil. Zwei freundliche Herren wuseln da herum – der eine bediente uns (und sprach leidlich deutsch, wer hätte das erwartet?), der andere kümmerte sich um Nachschub bei den cichetti, den kleinen Leckereien. Es gibt verschiedene Sorten Rot- und Weißwein, es gibt Prosecco – aber keinen Espresso – so eine große Maschine passt in den Laden wohl nicht rein (zwei Espressobars sind aber gleich nebenan).

Nur Mut...
Nur Mut…

Hier scheint ganz Venedig (bzw. der Teil, den es hier vorbeiführt auf dem Weg zur und von der Arbeit) Gast zu sein. Und die beiden Jungs scheinen alle zu kennen – jedenfalls plaudern sie so mit ihnen, trinken auch mal einen mit und sind immer gut drauf. Dass die Gäste auch gut drauf sind, liegt einerseits an der ehrlichen Qualität der Weine (aus dem Fass kommen sie in die Zweiliterflasche und von dort aus in die Ombra-Gläschen) und den vorzüglich schmeckenden kleinen belegten Brötchen – es liegt auch am Preisgefüge: 60 Cent für das Gläschen Cabernet und 90 Cent für ein Häppchen (zum Beispiel Peperonisalami/Käse oder Mortadella/Paprika).

Bacareto Da Lele
Campo dei Tolentini
183 Santa Croce
Kein Telefon.

[Karte Essen und Trinken in Venedig]

Aqua alta

Venezianische Impressionen (10) 

Gespiegelt
Gespiegelt

“Ich“,sagte der Nachtportier des Locanda Salieri, der – wie die meisten seiner Kollegen – den Eindruck eines Rentners mit Zusatzeinkommenswunsch macht, „ich würde nicht mehr raus gehen!“ Er zeigte auf das Wasser, das vor die Tür plätscherte – und das zehn Minuten zuvor, als wir ankamen im Hotel am Fondamente Minotto, noch nicht da war.

Aqua alta, Hochwasser. Die Venezianer kennen es, denn Venedig ist extrem nah am Wasser gebaut, und das Wasser steigt und fällt sowieso und immer im sechsstündigen Tidenrhythmus von Ebbe und Flut. Normalerweise bemerkt man das gar nicht beziehungsweise achtet nicht drauf, aber bei Hochwasser kann es dann doch ganz schnell gehen. Fünf Zentimeter die Stunde heißt: Bei Ankunft im Hotel kommst du trocken an, beim Gang ins nebenan liegende Restaurant gibst du den Ballettänzer und machst einen auf Spitzentanz – und nach dem Essen steht dir das Wasser bis zur Wade.

Aqua alta
Aqua alta

„Wade in the Water“ spielte das Ramsey Lewis Trio vor Jahrzenten – ach so haben sie das gemeint! Im Restaurant lachten sie, als wir Schuhe und Socken auszogen. Die meisten Gäste hatte man hinten raus geschickt: Da ist es etwas höher. Aber wir mussten ja vorne raus, weil unser Hotel nur vier schmale Häuser weiter rechts liegt.. Auf hundert Meter etwa ist das Ufer hier niedrig und hochwassergefährdet. Die Menschen wissen damit unterschiedlich umzugehen, aber wie sie es auch machen: Griesgrämig ist keiner dabei. Man lacht und arrangiert sich.

Als wir – mit bläcke Föös, wie der Kölner sagt (also barfuß) das Lokal verließen, kam gerade einer vorbei, der seine Frau/Feundin huckepack trug und an der nächsten Brücke auf trockener Stufe ablud. Andere hatten Stiefel an: schlichte grüne die Einheimischen, blümchenbunte die Touristen. „Ich habe meine Stiefel oben im Büro“ sagte der Chef des Restaurants: Aqua alta – business as usual.

Schlafen, Essen, Trinken

Venezianische Impressionen (9)

Viele einschlägige Reiseführer empfehlen für eine Stadterkundung Museen, Kirchen und andere Hochkultur. Eigentlich tun das sogar die meisten, und irgendwie wollen die Leute ja auch dringend wissen, wie der Vater und der Bruder des Domenico Robusti hießen, und warum.

So spannend und kulturgeschichtlich wertvoll die Anhäufung derlei Wissen auch sein mag – man kann sich einer Stadt auch anders nähern. Schlendernd, beobachtend und immer wieder einhaltend, um Land und Leute zu studieren. Und wie sollte das besser geschehen als bei einer Tasse Caffé oder einem Glas Wein?

Hier nun also eine Zusammenfassung der einschlägigen Erlebnisse, subjektiv sowieso und keineswegs repräsentativ: Wir sind wirklich spontan und uninformiert in die Läden gegangen, die uns nett und gut erschienen – und nicht enttäuscht worden.

In der Reihenfolge, wie wir sie besucht haben, hier die Kurzkritiken:

Pane Vino & San Daniele

Spezialität: San Daniele
Spezialität: San Daniele

Nicht weit von der Rialto-Brücke und deutlich touribefreit fanden wir Pane & Vino – ein kleiner einfacher Laden mit Holztischen und einfachem Angebot. Vorspeisenteller 7 Euro, zweiter Gang (bei uns: Hauptgang) 10 Euro – unspektakulär war’s, wir hätten den Schinken nehmen sollen, denn der sah gut aus (bei der Antipasti war er auch dabei und schmeckte!). Eine Flasche Hauswein 11 Euro, und sie war genießbar!
Calle dei Boteri 1544, S. Polo Tel. 03428700276

Trattoria Pizzeria Antica Capon

Campo Santa Margherita
Campo Santa Margherita

Am Campo Santa Margherita findet man – weil es lange genug als Geheimtipp gehandelt wurde – genug Touristen, um es nicht mehr nett zu finden – aber auch ausreichend Einheimische und (dies vor allem abends!) Studenten, um doch zu bleiben. Über die Anmache der Tourifänger habe ich schon berichtet, dass es dennoch gut schmeckte, auch. Im Antica Capon lässt der Chef die Bedienung tanzen – er sieht nach dem Rechten und hält seine Jungs an, schnell zu servieren – wer fertig ist, geht und macht den Weg frei für neue Gäste. Wenn man sich aber nicht scheuchen lässt, lassen einen die Ober in Ruhe und man kann es locker angehen lassen und die Schönheit des Platzes genießen. Wir hatten Penne (7 EUR) und Pizza (8 EUR), und beides war in Ordnung, der Wein dazu auch.
Campo S. Margherita Dorsoduro, 3004 | Tel. 041/ 52.85.252 | www.anticocaponristorante.com

Caffé in Castello

Bar in Castello
Bar in Castello

Oh wie peinlich, da habe ich keinen Namen. Es war am Campo S. Maria Formosa, wahrscheinlich an der Ecke zur Calle Lunga. Es gab jede Menge Außenplätze, und drinnen ging es venezianisch-rustikal zu, mit lautstarkem Dialog zwischen Cheffe und la Mamma. Wir nahmen nur zwei Caffé an der Theke und waren zufrieden. Und wie das heißt, krieg ich auch noch raus!(Es ist an einer Ecke, und es hat auf der grünen Markise “Bar Gelateria Pizze Toast …” stehen. und es sind wohl nicht das Al Mascaron, Calle lunga Santa Maria Formosa, 5525, 30122 Venezia, Tel. 041 52 25 99 5, Calle Lunga S. Maria Formosa 5225, Castello, Tel. 04 15 22 59 95 und auch nicht die Enoteca Mascareta, Calle Lunga Santa Maria Formosa,Castello 5183, Venice, Tel.041/523-0744)

[Nachtrag 2009:] 
Na also: Das ist die Bar All’Orologio. Castello 6130, Campo Santa Maria Formosa, Tel. 041 / 5230515

Osteria al Bomba

Osteria Al Bomba (3)
Osteria Al Bomba (3)

Die Calle de l’Oca findet man garantiert nicht, wenn man gezielt nach ihr sucht – sie ist klein genug, um auf normalen Stadtplänen namenlos zu bleiben. Wenn man allerdings nur so durch Cannaregio läuft und auch mal links und rechts der Hauptstraßen einen Blick riskiert, findet man sie. Die Osteria al Bomba leuchtete in der einbrechenden Abenddämmerung bis zur Haupteinkaufsstraße des Sestiere Cannaregio, der Strada Nova – und wir fühlten uns irgendwie magisch angezogen, dort einmal nach Spritz und Cichetti zu schauen.Eine lange Theke, hinter deren Glas tatsächlich Leckereien lagen, an der Wand jede Menge Flaschen und reichlich Zettel mit lustigen Sprüchen oder Werbung fürs Essen und Trinken. Vor der Theke zwei, drei Einheimische, dahinter der Wirt mit hochgekrempeltem Hemd und Pullover – und Sonnenbrille, hoch ins schwarze Haar geschoben. Wir hatten so was wie eine Eckkneipe erwischt, nur dass sie nicht an der Ecke lag.

Wir waren, nur wenige Schritte von der viel begangenen Starda Nova, in einer der besten kleinen Osterias des Viertels gelandet. Der Wirt empfahl “Spritz” – und irgendwann muss man die Mischung aus Aperol, Wein und Kohlensäure ja mal probieren. Die Leute links und rechts neben uns an der Theke bestellten alle etwas zu essen, und es sah hinter dem Thekenglas auch sehr verlockend aus. Wir hatten für den Abend vor, ins Al Brindisi zu gehen – also gönnten wir uns nur einen Teller voll Pulpo-Salat. Es war: köstlich! So einfach gemacht, aber eben einfach gut!

Calle de l’Oca, Cannaregio | Tel. 041 5205175 | www.osteriaalbomba.it

Al Brindisi

Al Brindisi
Al Brindisi

Dazu gibt’s bereits einen ausführlichen Bericht - ein netter Ort für einen schönen Abend. Wenn es wärmer ist, kann man sicher auch abends draußen sitzen und das pulsierende Leben am Campo genießen.
Campo S. Geremia, Cannaregio, Tel. 041 716968Cantine del Vino gia Schiavi / Al Bottegon

Cantine del Vino gia Schiavi
Cantine del Vino gia Schiavi

Auch zum Al Bottegon, das viele eher unter dem Namen Cantine del Vino gia Schiavi kennen, weil das überm Eingang steht, gibt es einen ausführlichen Bericht, den man wie folgt zusammen fassen kann: Es lohnt sich, wieder hierhin zu gehen – auch wenn es manchmal sehr voll ist, weil sich das herum gesprochen hat!
Al Bottegon | Fondamenta Nani, Dorsoduro 992 | Tel 041 523 0034

Caffé Belle Arti

Im Caffé Belle Arti
Im Caffé Belle Arti

Unweit der Accademia werden auch anderweitig die schönen Künste gepflegt – im Caffé Belle Arti mühen sich zwei Männer ungemein freundlich, dass sich im engen Laden die Touristen wohl fühlen. Wir waren nur auf eine Kaffee an der Theke dort und beobachteten das muntere Treiben, und ich glaube, dass ich dort auch nur für einen Kaffee (und nicht zum Essen) wieder hingehen würde. Das aber jederzeit!
Dorsoduro | Calle Gambara (an der Accademia)

Osteria Al Bacareto

Pause
Pause

In San Marco, aber nicht so im Zentrum der Besucherströme gelegen, fanden wir die Osteria Al Bacareto. Rammelvoll, viele Italiener aus der Gegend, die hier ein Häppchen an der Theke oder auch am Tisch nahmen. Venezianisches ist im Angebot: Fisch, Gemüse – alles sah gut aus. Uns reizte das Vitello tonnato (9,50 EU), eins von der besseren Sorte, wie sich zeigen sollte, mit hauchdünnem zarten Fleisch und feiner Tun-Sauce. Wein und Espresso zu den üblichen Theken-Preisen (2 EU das Glas, 1 EU das Tässchen).
Calle Crosera, S. Samuele 3447, San Marco | Tel. 041 5289336

Cantina Vecia Carbonera

Cantina Vecia Carbonera
Cantina Vecia Carbonera

Am Ende der Rio Tera de la Maddelena in Cannaregio lädt die Cantina Vecia Carbonera ein, eine Weinbar. “Andar per ombre” – in den Schatten gehen, nennen die Venezianer ihre Ausflüge in die vielen sich anbietenden Gaststätten und Bars. Diese Cantina ist ein elendig langer Schlauch, wo es vorne an der Bar zum üblichen Spottpreis von 1 Euro den Schatten (ombra) gibt – trinkbarer Zechwein, weiß oder rot. Außerdem Spritz (Aperol, Weißwein, Prosecco, Kohlensäure) und natürlich Kleinigkeiten zu essen. “Cicheti” wie Schinken, Tintenfische, die beliebten Sardinen a saor – ach, das einfache Leben kann so nett sein!
Campo della Maddalena, Cannaregio 2329 | Tel. 041 71 03 76

La Cantina

La Cantina
La Cantina

La Cantina ist das begehrteste Ziel an der Strada Nova, viel ChiChi mit BussiBussi und nicht nur mit Cicheti, sondern auch mit größeren Häppchen, die Mitbesitzer Francesco Zorzetto mit Wissen um die Effekte in der offenen Miniküche zubereitet. Wer will, kann auch nur ein Glas Wein trinken – die Auswahl ist reichlich, allein die etwa 40 offenen lassen keine Wünsche übrig (ausführlicherer Bericht).
La Cantina | Campo San Felice/Strada Nuova, Cannaregio 3689 | 041 522 8258

Trattoria La Rosa dei Venti

Rio Gaffaro
Rio Gaffaro

Fernab der Touristenströme in der eher beschaulicheren Ecke Santa Croces sitzt man gar nicht so schlecht in der Windrose (im Bild bei tag aufgenommen: vorne links). Die Tische eher einfach-rustikal, das Essen eine Mischung aus der italienischen Varianten von “gutbürgerlich” und “typisch venezianisch” – nicht allererste Wahl, aber wenn das Hotel (“unser” Hotel!) gleich nebenan ist, ein praktischer Ort, den Abend angemessen zu verleben. Zum Preisgefüge: Vorspeisenteller (sehr gut) 9 Euro, Hauptgerichte zwischen zehn und 15 Euro, eine Karaffe Hauswein (halber Liter, wenn ich mich recht erinnere) 5 Euro, Espresso 1,50. Nette Bedienung – aber die hatten wir eigentlich überall!

Taverna Ciardi
Eine Cicheteria in Cannaregio, etwas abseits gelegen, aber man kann es gut in einen Cannaregio-Bummel einbauen. Wir waren zu einer unmöglichen Zeit da – so gegen elf am Vormittag. Unmöglich? Nicht für ein Gläschen Wein, dort gereicht mit Oliven. Die Karte las sich so, dass man noch einmal abends hin sollte. Supernetter Wirt hinter der Theke – und siehe da: Eigentlich sind sie zu zweit, und offenischtlich greifen sie abends schon mal beide zur Gitarre und singen. Ordentliche Songs, ohne Italoschmalz.
Calle dell‘ Aseo, 1885 | Cannaregio | 30100 Venezia |Tel. +39 041 5241026
www.tavernaciardi.it | armando@tavernaciardi.it

Paradiso Perduto

Paradiso Perduto
Paradiso Perduto

Das “verlorene Paradies” ist eher als Szene-Treff für gute Musik bekannt, wir fanden es in Cannaregio direkt am Rio della Misericordia. In der Küche steht ein Inder, der Chef selbst ist Trompeter – eine lustige Kombination. Uns hat’s geschmeckt, und wir fanden es (anders als die Kollegen vom Max Cityguide) auch nicht zu teuer für venezianische Verhältnisse: großer guter Antipasti-Teller 12 Euro, Spaghetti mit Pesto 10 Euro, ein halber Liter Hauswein 6 Euro, Espresso 1,50. Wir saßen mittags draußen – zu den Toiletten (die etwas abenteuerlich sehr küchennah im Hof liegen, aber das hat man ja oft) geht’s durch die Kneipe vorbei an Poster, Postkarten und anderem Ansehenswerten.
Fondamenta della Misericordia 2540 | Tel. 041 / 720581Übernachtet haben wir in einem kleinen Hotel, dem Locanda Salieri. Für venezianische Verhältnisse mehr als günstig – und für unsere Zwcke gut gelegen: Nahe am Busbahnhof, nahe am Canal Grande. Einfaches Zimmer unterm Dach, Frühstück nebenan – aber nettes Personal. Was also will man mehr?
160, Fondamenta Minotto – Rio del Gaffaro – 30135 Santa Croce | www.hotelsalieri.com

Ach ja, um noch einmal auf den Anfang zurück zu kommen: der Vater von Domenico Robusti war Jacobo Tintoretto, sein Bruder hieß Marco, und den Namen Tintoretto hatten die Robustis, weil Il Tintoretto „das Färberlein“ heißt – und das war der Beruf des Vaters von Jacobo. So steht’s in der Wikipedia und nun auch hier… Werken des Malers Tintoretto begegnet man in Venedig quasi auf Schritt und Tritt – beispielsweise im Dogenpalast und auf der Klosterinsel St. Giorgio Maggiore.

[Karte bei Google-Maps]

S. Giorgio Maggiore

Venezianische Impressionen (7)

Der Klassiker
Der Klassiker

Es gibt schöne Tage und es gibt verregnete. Wir hatten das ausgesprochene Glück, beide zu erleben, und so war es uns vergönnt, die Serenissima auch einmal grau in grau zu erleben. Regen ist gut gegen Staub und harte Schlagschatten.Unser erstes Ziel (zu erreichen mit Booten der Linie 2): Die Klosterinsel Isola die S. Giorgio Maggiore. Sie liegt gegenüber vom Markusplatz und dem Dogenpalast – aber da Wasser zwischen diesen übervölkerten touristischen Anziehungspunkten und der Kircheninsel liegt, ist es hier bezaubernd leer.

Ein früher Escher
Ein früher Escher
Dabei hat es die von Andrea Palladio entworfene (und erst nach seinem Tod gebaute) Kirche in sich: Unter anderem drei Bilder von Jacobo Tintoretto, wobei das “Abendmahl” dank der Privatführung durch einen zufällig anwesenden Priester unsere besondere Aufmerksamkeit erhielt. Wir lernten schöne Details durch ihn – zum Beispiel die Einmaligkeit, dass bei diesem Abendmahl auch Frauen auf dem Bild zu sehen sind. Oder dass der Fußboden nicht nur ein wenig an Bilder von M.C. Escher erinnert…
San Giorgio Maggiore
San Giorgio Maggiore

Der Geheimtipp auf S. Giorgio Maggiore schlechthin: Die Turmbesteigung. Erstens gibt’s keine Warteschlange (gegenüber auf dem Markusplatz steht man sich mindestens eine halbe Stunde die Füße platt). Zweitens kostet der Aufstieg (was heißt hier Aufstieg? Es geht per Fahrstuhl hoch!) nur drei Euro gegenüber acht am Campanile de San Marco. Und drittens: Von hier aus sieht man den Marcusplatz mit dem Campanile – wenn man den bestiegen hat, ist der ja schlechterdings unter einem und daher nicht wirklich sichtbar. (Das ist übrigens weltweit so ein Phänomen – Dresden-Besuchern rate ich deswegen auch von einer Besteigung der Frauenkirche ab und empfehle alternativ den Hausmannturm am Schloss: Preiswerter und weniger überlaufen ist’s da und man sieht mehr! Obwohl es oben auf der Frauenkirche auch schön ist…)Von der Klosterinsel empfiehlt sich ein wenig Inselhopping, das klassische Venedig immer im besten Fotografierlicht (Sonne im Rücken ist des Fotografen Entzücken): La Giudecca heißt die Insel mit le Zitelle (lohnt sich nicht wirklich) und Redentore. Die beiden Kirchen von San Giorgio Maggiore und Il Redentore haben übrigens mit Andrea Palladio den gleichen Baumeister. Hier könnte man rein (wir haben es nicht gemacht), hier könnte man auch ein wenig bummeln (haben wir auch sein gelassen, obwohl die Häuserreihe durchaus viel versprechend aussah). Was also haben wir gemacht? Wir sind mit der Linie 2 zurück aufs andere Ufer zur Station Záttere gefahren. Natürlich nicht ohne Grund, denn am Vortag sind wir hier ja an zwei Punkten vorbei gekommen, die einen ausführlicheren Besuch lohnen…

Cannaregio

Venezianische Impressionen (6)

Unverhofft kommt oft. Cannaregio, das Viertel hinterm Bahnhof, hatten wir uns – ähm: gar nicht vorgestellt. Auf dem Weg via Linea 2 von St. Marco kommend gab das spätnachmittagliche Spätwinterlicht sich allerdings alle Mühe, uns zu spontanem Handeln zu verleiten. Und was soll ich schreiben? Des Lichtes Mühen waren von Erfolg gekrönt.

Ponte degli Scalzi
Ponte degli Scalzi
Eine Station vor der angepeilten Stazione Maritima am Busbahnhof sahen Sylke und ich uns an, nickten und stiegen aus: Ferrovia, der Stop am Bahnhof, hatte immerhin eine Brücke – eine von dreien über den Canale Grande. Die aus istrischem Kalkstein gebaute Brücke ist die zweite, die der Ingenieur Miozzi Anfang der 30er Jahre realisierte – die andere ist die Ponte dell’Accademia. Auch diese Brücke ist (wie die Accademia) ein Ersatzbau für eine zuvor am gleichen Platz stehende Eisenbrücke.
San Geremia
San Geremia
Das Licht zieht uns ins Viertel, das von Anfang an wenig von typischen Bahnofsvierteln hat: Die Straße mit dem netten Namen Rio Terá Lista de Spagna wartet mit einer Menge eher normaler Läden auf, die allenfalls ein wenig Touri-neppig aussehen. Das “Rio” im Namen deutet darauf hin, dass hier mal ein Kanal war, der zugeschüttet wurde – kein Einzelschicksal in der Lagunenstadt! Keine 300 Meter von der Brücke entfernt öffnet sich die Straße zu einem Platz: Am Campo San Geremia sieht man rechter Hand die gleichnamige Kirche und linker Hand das von uns am Vorabend besuchte Restaurant “Al Brindisi”. Die Kirche im Abendlicht ist ein Fotografentraum. Nebenbei bekommt man auch noch einen der ältesten Campaniles der Stadt mit aufs Bild – der Bau aus roten Ziegeln stammt, wie auch die Vorgängerbauten der Kirche, aus dem 12. Jahrhundert. Die jetzige Fassade der Kirche stammt aus dem Jahr 1871, falls das jemanden interessiert.
Gemüsestand
Gemüsestand
Geht man weiter, kommt man über die Ponte delle Guglie, die über den Canale de Cannaregio führt. Der zweitgrößte Kanal der Lagunenstadt (nach dem Canal Grande) war früher mal die Haupteinfallsstraße nach Venedig. Von der Brücke nach links geht es ins Jüdische Viertel, vorbei an der Brücke mit den drei Bögen – doch das ist ein eigener Spaziergang, dazu also später mehr). Geradeaus kommt die Einkaufsmeile, Abteilung Gemüsestände. Vor allem im abendlichen Gegenlicht auch ein optisches Vergnügen – und immer ein Grund zum Neidischwerden: So viel Leckereien, so frisch, so toll präsentiert!
Teatro Italia
Teatro Italia
Am Ende öffnet sich Rio Terra San Leonardo zu einem Platz, der wenigsten wegen zwei Dingen erwähnt werden muss. Rechter Hand liegt ein Schmeckleckerladen mit Suchtpotential. Hausgemachte Dolce, Schokolade, Mandorla, gebrannte Mandeln – das ganze Arsenal, das Zahnärzte in Verzückung versetzt, weil es so gut schmeckt, dass man alle Vorsichtsregeln vergisst. Beim ersten Bummel sind wir zufällig dran vorbeigekommen und konnten widerstehen, beim zweiten führte der Weg gezielt dorthin, und es war ein Traum! Schräg gegenüber ein sehenswertes Haus, zu dem ich bislang nichts gefunden habe: Teatro Italia steht an der Fassade. Was könnten diese Steine uns erzählen, wenn sie unsere Sprache beherrschten?
Cantina Vecia Carbonera
Cantina Vecia Carbonera
Wir bewegen uns heute nur auf zugeschütteten Flüssen: Am Ende der Rio Tera de la Maddelena gibt es (das wundert jetzt nicht wirklich jemanden, oder?) drei Dinge: Eine Brücke mit Kanalblick (romantisch), einen Platz umsäumt von verfallenen Häusern (so typisch) und die Cantina Vecia Carbonera, eine Weinbar. “Andar per ombre” – in den Schatten gehen, nennen die Venezianer ihre Ausflüge in die vielen sich anbietenden Gaststätten und Bars. Diese Cantina ist ein elendig langer Schlauch, wo es vorne an der Bar zum üblichen Spottpreis von 1 Euro den Schatten (ombra) gibt – trinkbarer Zechwein, weiß oder rot. Außerdem Spritz (Aperol, Weißwein, Prosecco, Kohlensäure) und natürlich Kleinigkeiten zu essen. “Cicheti” zum Reinsetzen, was – wörtlich genommen – unvernünftig wäre, denn dann landet man ja mit einer Gegend auf den Leckereien, die sie eigentlich erst viel später zu Gesicht bekommen sollten. Schinken, Tintenfische, die beliebten Sardinen mit Geschmack (Zwiebeln, Rosinen – wir hatten das schon!) – ach, das einfache Leben kann so nett sein!
Eau de Mief
Eau de Mief

Wir haben uns, ohne es zu wollen, immer in gehörigem Abstand zum Canal Grande bewegt, aber nahezu in paralleler Linienführung. Da der Canal ein Knick macht, macht es nach unserem Kantinenausflug (!) auch die Straße – hinter der Brücke geht’s rechts ab auf die Strada Nova. Noch mehr Einkaufsstraße! Wieder Marktstände, dieses Mal von der erheiternden Seite: Parfum-Fakes und andere Dinge, die man auch für kleines Geld nicht braucht! Die Kreativität bei der beinahe-Namensvergabe hat aber was: Water Ovanoff – Jommy – Chen Number 5 – DIK – Jeep Nigh – und so weiter und so fort. Klar, als Originalparfumer würd’ mir das stinken, aber so fand ich’s eher belustigend (wenn auch nicht kaufanregend).Die “Evangelische Kirche” im Viertel heißt tatsächlich so, es ist hier keine Übersetzung: Ein Hinweis auf die ehedem starke deutsche Kolonie in Venedig. Es gibt auch das Handelshaus der Deutschen (fondaco dei tedeschi) nahe der Rialtobrücke und eine Wohnung von H. Schmidt in San Marco – aber das scheint mir ein anderer als unser Altbundeskanzler zu sein…

La Cantina
La Cantina

Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, aber andar par ombre ist sonnenunabhängig zu verstehen: La Cantina ist das begehrteste Ziel an der Strada Nova, viel ChiChi mit BussiBussi und nicht nur Cicheti, sondern auch größere Häppchen, die Mitbesitzer Francesco Zorzetto mit Wissen um die Effekte in der offenen Miniküche zubereitet. Wenn er den Schinken an der mannshohen Handkurbelmaschine schneidet, wiegt sich sein Körper wie in der Ballettstunde, wenn er die Pfanne schwenkt, singt und pfeift er munter dazu. Stammgäste (und das sind hier alle, außer uns Eintagesgästen, hatte ich den Eindruck) werden geherzt und betuddelt. Die Spezialität des unkonventionellen Cichetimachers sind seine Käseplatten, aber wer ihm zusieht und nahe des Passes sitzt, an dem die Gerichte den Küchenbereich verlassen, möchte am liebsten alles probieren. Da das an einem Abend nicht geht und auch das Probieren aller 150 Weine (davon 40 offen serviert) kurzfristig nicht so sinnvoll ist, kommen alle wieder: voilá: Alles Stammgäste, sag ich doch!

Abends im Al Brindisi

Venezianische Impressionen (5)

Unser Reiseführer hatte das Restaurant Al Brindisi wärmstens empfohlen, und nicht nur wir waren offensichtlich deswegen dort – die Herrschaften am Nebentisch erwähnten ihn im trauten Zwiegespräch (ja, ich habe zugehört!) und zwei Tische weiter in die andere Richtung hatte die aufregend hübsch zurechtgemachte Freundin des auffallend unaufgeregt aussehenden Freundes ihn auch in der Hand – also den Reiseführer.

Die Herrschaften nebenan meckerten: Sie müssten dringend dem Herrn Marco Polo schreiben, wie schlecht es hier sei im Vergleich zum Preis, also quasi kein Leistungsverhältnis, das da! Und wenigstens warm hätte man das Essen servieren können – ein Punkt, der uns aufhorchen ließ, denn manche mögen’s heiß. Da die Herrschaften nebenan aber irgendwie einen so nörgeligen Eindruck hinterließen, beschlossen wir, nicht spontan zu gehen, sondern zu bestellen: Zweimal das Dreigangmenü. Und das war gut so!

Es gab:

  • Venusmuscheln und Miesmuscheln in Weißweinsauce, mit dem Gewürz der Seligen.
  • Spaghetti in Tintenfischsauce
  • Gemischte Fischplatte

und

  • Sardine Saor
  • Spaghetti mit Meeresfrüchten
  • Kalbsleber venezianische Art

 

Sarde saór
Sarde saór
Spaghetti mit Meeresfrüchten
Spaghetti mit Meeresfrüchten
Leber Venezianische Art
Leber Venezianische Art

 

Alles warm, alles sehr fein, und der Preis von 25 Euro kann in Venedig als sensationell günstig bezeichnet werden – zumal der Chef in der Küche mit guten Zutaten nicht geizte. Während wir drinnen gemütlich saßen und aßen, tobte draußen ein heftiges Gewitter. Wir hatten schon Angst um unsere Frisuren, aber kaum hatte der Regen so richtig angefangen, stand draußen vor der Tür ein Schirmverkäufer. Endlich mal was Praktisches, dachte ich und fand, dass auch die heimischen Rosenverkäufer auf Handtaschenschirme umstellen sollten – ist doch bei unserem Wetter ein krisensicherer Job! Ich überlegte mir schon, wieviel ich für so einen drei-Euro-Schirm zu zahlen bereit wäre… Aber als wir fertig waren, hatte der Regen aufgehört und der Schirm-Inder ging wieder Rosen anpreisen, so dass wir den Preis nie erfahren haben…

Castello

Venezianische Impressionen (4)

Wenn Italien wie ein Stiefel aussieht (und darauf hat man sich ja mal geeinigt, dass dem so sei), dann sieht Venedig aus wie – ein Hühnerbein? Eine Stiefelette? Jedenfalls hat es unten auch so eine Hacke. Das ist, bis zum Knöchel hoch (haben Hühnerbeine Knöchel? Ich sehe, das Bild ist schief!), also bis zum Knöchel hoch ist es das Sestier Castello. Es beginnt famoserweise gleich hinter dem Markusdom, man muss nur einmal rechts um die Ecke und über eine Brücke gehen, schon ist man da. Wobei eine dieser Brücken zumindest früher nicht wirklich beliebt war: Die Seufzerbrücke führte vom Dogenpalast (Sestier San Marco) hinüber ins Gefängnis (Sestier Castello). Die anderen Brücken sind aber OK…

Gemüseladen in Castello
Gemüseladen in Castello
Und was soll ich sagen? Wenn man sich quasi durchs Bein vorarbeitet und nicht zum Fuß runter geht, ist alles gleich vom Tourismus befreit und mit echten richtigen Italienern, wahrscheinlich sogar Venezianern, belebt. Ein Traum! Zur Fußspitze hin ist Castello noch fest in fremder Hand: Nobelhotels wie das Danieli, die Uferpromenade Riva degli Schiavoni, das Biennale-Gelände, die alte Schiffswerft Arsenale: Muss man gesehen haben – oder auch nicht, wenn die Zeit nicht reicht. Und die Calle al Ponto de l’Anzolo, den Kanal an der Fondamenta Cavagnis oder den Gemüseladen im Hinterland des Ospedale muss man nicht gesehen haben – aber es ist schön, es zu sehen, wenn man sich dafür Zeit nimmt.
Gasse in Castello
Gasse in Castello

Castello hat kleine Gassen von der Art, dass man besser im Gänsemarsch durchmarschiert. Es gibt die bei uns so schmählich gemiedenen (und daher ausgestorbenen) Tante-Emma-Läden, die hier oft von Onkel Bruno betrieben werden. Natürlich waren wir auch hier wieder in einer dieser famosen Bars, wo man “al banco”, also am Tresen stehend, alles bekommt, was einem Freude macht. Wir brauchten Caffé (Espresso, hier: doppio – doppelten) zum Wachwerden und genossen dazu einen typisch italienischen Streit zwischen Mama am Kaffeeautomaten und dem Chef (ihrem Mann). Es fehlten uns einige Vokabeln, aber ich glaube, es ging darum, dass sie das Zauberwort mit den beiden tt beherzigen möchte, also bitte etwas flott zu sein. Gut fünf Minuten ging das Hin und Her, und in der Zeit ging schon mal gar nichts flott. Aber dann kam der Espresso, serviert von einer strahlenden Bedienung (nicht Mama, eher ihre hüsche Tochter!), und alles war gut.Gegenüber vom Hospedale haben die Venezier eine eigene Insel für die Toten. Ìsola di San Michele, laut Wikipedia “unbewohnt”. Da auch wir um Mitternacht nicht da waren, lassen wir das mal so stehen.

Die nördliche Uferpromenade ist ganz im Gegensatz zum südlichen Prunkstück eher unauffällig, man kann bei gutem Wetter und richtigem Licht den ein oder anderen netten Blick auf St. Michele und Burano werfen. Aber, so im Vertrauen und unter uns: Wenn man den genießt, ist man schon nicht mehr in Castello, sondern im Sestier Cannaregio…