Erst Liebe, dann Hiebe

Was für ein Werk! Am Anfang ist eigentlich alles eitel Sonnenschein, sozusagen Friede, Freude, Eierkuchen. Am Ende gibt es fürchterliches Gemetzel, Leid und Trauer. Dazwischen liegen etliche Geschichten des Stoffes, aus dem heutzutage Fernsehserien gestrickt werden: Hübsche Frauen, starke Männer, Liebe, Abenteuer, Mord…

Die Geschichte heißt Nibelungenlied, der Dichter ist unbekannt. Vielen bekannten Schreibern wollte die Wissenschaft die insgesamt neununddreißig Abenteuer bereits zuschreiben: Wolfram von Eschenbach, Konrad von Würzburg, Walther von der Vogelweide – aber keiner von ihnen ist’s gewesen.

Was der Herr der Nibelungen da zusammengereimt hat, ist inhaltlich wie formal grandios. Im zwischen 1200 und 1204 geschriebenen Nibelungenlied sind nämlich nicht nur seinerzeit aktuelle Ereignisse reportagenhaft aufgezeichnet (ein früher Ersatz für die Zeitung oder das Nachrichtenmagazin mit einer gehörigen Portion Klatsch und Tratsch), sondern auch noch zwei eigentlich sehr unabhängige Sagen miteinander verknüpft: Siegfried der Drachenkämpfer ist Held der einen Sage, der Hunnenkönig Attila die tragische Hauptfigur der anderen. Während Attila im Jahre 453 tatsächlich starb (in der Hochzeitsnacht an einem Blutsturz – aber wer glaubt denn sowas? Da macht sich die Sage eines Mordes doch viel besser!), ist es mit Siegfried etwas mysteriöser. Das fängt mit der Drachen-Geschichte an, geht weiter mit dem Gewinn eines verfluchten Schatzes, einer trügerischen Brautwerbung und endet mit Siegfrieds Ermordung. Sie sehen: Harte Zeiten für Helden waren das – immer mussten die ‘ne Menge durchmachen, um dann meist sehr gewaltsam oder sonstwie mysteriös zu sterben.

Das burgundische Königskind Kriemhild leitet die Abenteuer ein:  Zwar war sie enorm schön („solch edel Mägdelein, dass in allen Landen nichts Schönres mochte sein“), doch sollte sie im Laufe des Liedes eine weniger angenehme Rolle spielen, was der Dichter uns auch schon recht früh andeutungsweise klarmacht: Sie war „ein schönes Weib, um die viel Degen [das sind: Ritter] mussten verlieren Leben und Leib“.

Siegfried kommt aus Xanten am Niederrhein, ist auch Königssohn (wie praktisch, dass es damals so viele Königsreiche gab…) und außerdem ein Held. Das bewies er einmal, als er die Nibelungen besiegte und den Nibelungenschatz erbeutete – seitdem war er der Siegfried „von Nibelungen Land“. Als später nach Siegfrieds Tod die Burgunden den Schatz in Besitz nahmen, ging auch der Name auf sie über. Siegfried erhielt jedoch nicht nur Schatz und Namen, sondern auch noch das Schwert Balmung (damals hatten Schwerter noch Namen) und eine Tarnkappe – ein äußerst praktisches Kleidungsstück, das einen unsichtbar machen konnte.

Die andere heldenhafte Angelegenheit ist der Kampf mit dem Drachen: Ein Lindwurm, in dessen Blut nach erfolgreichem Kampf Siegfried badete. Da bekam er eine Hornhaut, die ihn unverletzlich machte. Aber man kennt das ja aus der Antike: Irgendwo gibt’s auch bei solchen Unverletzlichen immer einen Fleck, an dem sie dann irgendwann scheitern. Um es einmal sehr gewagt zu formulieren: Siegfrieds Achillesverse war eine Stelle zwischen den Schulterblättern. Dorthin kam nämlich wegen eines just vom Baum gewehten Lindenblattes kein Drachenblut – und das war für Siggis Leben gar nicht gut…

Zurück zur Handlung des Liedes: Der tapfere Siegfried möchte die schöne Kriemhild freien. Er hatte sie zwar nie gesehen, aber das ist ja eher eine neumodische Erscheinung, dass man sich sehen muß, bevor man sich liebt: Erst die Heirat, der Rest wird schon kommen – das war jahrhundertelang die Devise. Bei Siegfried und Kriemhild ging das mit der Zuneigung sehr schnell: „Mit lieben Blick der Augen sahn einander an der Held und das Mägdelein; das indes ward heimlich getan“ verrät der Dichter und mutmaßt zugleich (obwohl er es nicht gesehen hat!), dass die beiden zärtlich die Hände drückten – sie knutschten, würde man heute sagen, still und heimlich vor sich hin.

Es folgen ganz spannende Szenen, bei denen einerseits die Liebe von Kriemhilds Bruder Gunter zur (natürlich ebenfalls schönen, zusätzlich aber ungeheuer starken und außerdem weitab in Island beheimateten) Königin Brünhild eine Rolle spielt und andererseits Siegfried sich als echter Kumpel zeigt, indem er unter die Tarnkappe schlüpft und es der starken Brünhild zeigt: Im Kampf besiegt er (unsichtbar) sie, während Gunter (sichtbar) den Hampelmann mimt und nur kämpferische Gesten zeigt.

Das ist alles sehr pikant und spannend wie bei Dallas inszeniert, weil die starke Brünhild ja eigentlich den starken Siegfried haben wollte. Der aber hatte (weil in Kriemhild verknallt) sich als Lehnsmann, als Untergebenen von Gunter ausgegeben – und so einen heiratete man früher nicht. Dass sich blaues Blut mit ganz normalem Menschenblut überhaupt mischen kann, wissen wir erst, seitdem es die hübsche Silvia direkt von der Olympiade in München von der Dolmetscherin zur Königin von Schweden brachte.

Weil er saubere Arbeit geleistet hat, darf Siegfried nun Verlobung mit Kriemhild feiern – worüber sich Brünhild sehr wundert: Kriemhild, die Königstochter, und (der von ihr verehrte) Siegfried, ein Untergebener?!? Sie rächt sich auf ihre Art und verweigert dem Gunter schlicht das Bett beziehungsweise das, was darin normalerweise nach der Hochzeit so passiert, wenn man nicht gerade schläft. Doch auch hier ist Siegfried ganz nett, zieht sich seine Tarnkappe über und opfert sich im Bett der Königin von Island… Dann begeht er, nach erfolgreicher Tat, noch einen verhängnisvollen Fehler: Er nimmt den Gürtel und einen Ring von Brünhild, um ihn seiner Kriemhild zu schenken. Sowas kann nicht gutgehen!

Geht es auch nicht: Vor dem Wormser Dom kommt es zum Eklat. Kriemhild will als erste durch die Tür, die Königin Brünhild sieht das nicht ein, ein Wort gibt das andere – und da zeigt Kriemhild keck auf ihren Gürtel und behauptet, daß Brünhild die Kebse (wie man Nebenfrauen und Geliebte so schön nennt) ihres Siegfrieds sei. Diesen Spruch (nicht die Sache) empfinden Brünhild und auch ihr König Gunter als große Schande und verlangen eine Rechtfertigung. Siegfried meint dann zwar, dass er nichts verraten habe, äußert sich aber wohlweislich auch nicht zu dem nächtlichen Abenteuer. Das nun ruft Hagen von Tronje, einen echten Lehensmann Gunters, auf den Plan: Er schwört Rache und will es Siegfried geben.

Gesagt, getan: Hagen erfährt durch eine fiese List von Kriemhild, wo Siegfrieds verwundbare Stelle ist und tötet Siegfried nach einem noch gemeineren Plan während der Jagd – es ist ein Meuchelmord, hinterrücks (also besonders gemein) und nicht ohne Folgen. Denn von nun an geht es jäh bergab, von nun an sind nicht mehr die Liebe und der Hof mit seinen schillernden Farben und Prächtigkeiten das Thema, sondern nur noch wilde Rauferei: Das sechzehnte Abenteuer „Wie Siegfried erschlagen ward“ macht den Anfang, und je weiter sich das Lied dem Ende neigt, desto mehr edle Ritter werden erschlagen. Die meisten freilich, muss man zur Ehrenrettung sagen, im ehrlichen und offenen Kampf.

Kriemhild ist über den Tod ihres geliebten Mannes natürlich erbost und schwört Rache – zumal sie den Mörder genau kennt: Als Hagen an die Totenbahre von Siegfried tritt, beginnt die Wunde erneut zu bluten. Und das das galt in jenen Tagen als sehr eindeutiger Beweis!

Nach angemessener Zeit echter und tiefer Trauer begab es sich, dass der Hunnenkönig Etzel [das ist: Attila] seine Frau Helke verliert, ebenfalls ein wenig trauert und dann um Kriemhilds Hand anhält. Die denkt gar nicht daran, ihn zu lieben, sinniert aber fürderhin nach Rache und sagt dem Überbringer des Heiratsantrags: Okay, so soll es sein – wenn Du, lieber Rüdiger von Bechelaren, mir den Treueeid leistest und alles Leid, das man mir antut, rächen wirst. Rüdiger sagt leichtsinnigerweise zu.

Kriemhild heiratet also Etzel, liebt ihn nicht, schenkt ihm aber dennoch einen Sohn („wat mut dat mut“ sagt man in Norddeutschland…) und plant nach dreizehn Jahren Pflichtehe die Rache an Siegfried zu vollenden. Etzel lädt die Wormser zu sich ein, ein großes Gelage sollte es geben. Und was war? Die Wormser kamen mit 1060 Recken und 9000 Knechten (es war nur eine kleine Abordnung), sahen  und fanden, dass das Wort Gelage bei ihnen irgendwie eher netten Charakter hatte, während es an Etzels Hof wegen Kriemhilds böser Gedanken eher vernichtend sein sollte: Intrigen gibt es und nicht standesgemäße Behandlung. Kriemhild schreckt vor nichts zurück, die Dinge nehmen ihren Lauf, bis dass so nach und nach alle gegeneinander kämpfen und „vom Blute nass und auch rot“ waren, was eine sehr vornehme Umschreibung für den Umstand ist, dass sie am Ende alle nicht mehr leben.

So nimmt die aufregende Geschichte ein überaus tragisches Ende, das der unbekannte Dichter treffend zusammenfaßt: „Mit Leid war beendet des Königs Festlichkeit, wie ja stets am Ende die Freude gelohnt wird mit Leid.“

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Lumpenhund oder Gentleman?

Johannes Bückler, ein 27jähriger Herr und trotz seiner Jugend schon Chef eines Unternehmens mit über 60 Mitarbeitern, lässt sich eigentlich durch nichts so schnell aus der Ruhe bringen. Überlegenheit ist halt Teil seines Erfolgs, da geben ihm seine Leute recht. Aber an diesem 8. November stehen die Karten gar nicht gut um ihn. Er führt ein sehr ernsthaftes Gespräch, bei dem es um eine Menge geht: Die Frage ist nämlich, wie der Herr Bückler hingerichtet werden soll. Richtig: Nicht ob, sondern wie. „Ist es wahr“, fragt der Schinderhannes genannte Johannes Bückler, „dass ich gerädert werden soll? Das wäre doch sehr schrecklich!“

In der Tat, das wäre kein wirklich nettes Ende. Aber der Herr Gerichtspräsident kann seinen Gesprächspartner beruhigen: Nein, für den Herrn Bückler sei die Guillotine vorgesehen! Und er habe auch noch ein paar Tage Zeit bis dahin: Am 21. November sei es dann soweit…

Warum man dem erfolgreichen Jungunternehmer so ein brutales Ende schaffen will? Weil er zwar erfolgreich ist, aber den falschen Beruf gewählt hat: Der Schinderhannes ist nämlich Räuberhauptmann. Allerdings von einer Art, die romantisch-verklärt keineswegs als Ekelpaket in die Annalen eingeht, sondern als eine Art liebes Räuberlein, das nur den Reichen nimmt und den Armen gibt, wie es der Inbegriff dieser Räubergattung – ein gewisser Robin Hood – in den Wäldern um Sherwood vorgelebt haben soll. Der Robin Hood des Hunsrück, der im Hessischen, im Siegerland, an der Nahe und zwischen Rhein und Mosel seinen zweifelhaften Geschäften nachging, ist jener Johannes Bückler. Er hat es zu reichlich Ruhm gebracht – der für seine Phantasie zu recht gerühmte Volksmund hat die eine oder andere Mär erdacht und dem Schinderhannes angedichtet, und Carl Zuckmayer hat sogar ein ganzes Drama nach ihm benannt und darin Volkes Mund als Dichters Kunst festgehalten.

Sich ein umfassendes Bild des Schinderhannes zu machen, ist gar nicht so leicht – denn einerseits steht fest, daß es in dem Prozess zu Mainz um 53 verschiedene Anklagepunkte ging, die vom Straßenraub bis zum Mord nicht gerade eine schmeichelhafte Liste der Aktivitäten des Unternehmers Schinderhannes abgeben.

Andererseits aber sind da diese vielen Geschichten, die – wenn nicht wahr, so doch gut erfunden – auf ganz nette Züge des Herrn Bückler schließen lassen: Ein Schelm war er, und dann und wann konnte er sogar richtig nett zu den Leuten sein (zumindest zu einigen, und das auch meistens auf Kosten anderer, wie wir noch sehen werden!).

Da ist zum Beispiel die Geschichte im Gasthof „Grüner Baum“ an der Nahe, die man bei Zuckmayer nachlesen kann: Da ging der Schinderhannes hin und befahl dem Wirt, „dene Leut ihre Schuldstriche von der Tafel zu wische“ – und den Gästen ohne Barschaft auch noch eine Runde zu spendieren sowie was Ordentliches zu Essen zu bringen. Klar, dass sowas bei den Leuten schwer Eindruck schindet, außer beim Wirt natürlich.

Oder die Geschichte mit der armen Frau und der Kuh. Die geht so: Eine Frau wollte sich eine Kuh kaufen, besaß aber nur zehn Taler. Da gab ihr der Schinderhannes erstens zehn weitere Taler und zweitens einen Rat: Sie möge sich bitte eine recht ordentliche Kuh für das Geld kaufen und eine Quittung geben lassen. Diese Quittung bekam der Schinderhannes, nachdem die Frau eine Kuh erstanden hatte. Und was tat er? Er ging zum Viehhändler, um dort Quittung gegen Geld zurückzutauschen. Unter Hinweis darauf, dass er der Schinderhannes sei, natürlich, was dem Händler die Entscheidung leichter machte: Er gab das Geld zurück und behielt dafür immerhin sein Leben. Die Frage ist natürlich, ob der Schinderhannes in diesem Fall nun wirklich nur nett gehandelt hat – denn immerhin hatte er ja seinen Einsatz binnen kürzester Zeit verdoppelt und somit eine traumhafte Rendite erzielt.

Kniffliger war da schon die Sache mit Napoleon. Dem soll der Schinderhannes (sagen jedenfalls die Leute im Siegerland) anlässlich einer Begegnung gesagt haben: „Du ein großer, ich ein kleiner!“ Die Frage ist natürlich: Was hat der Herr Bückler dem Kaiser damit sagen wollen? Natürlich hätte der Kaiser nachfragen können, aber dann wäre aus dieser Angelegenheit ja keine Geschichte geworden. Also hat Napoleon das Fragen sein gelassen und lediglich gedacht: Dieser Mensch wird wohl gemeint haben, dass er ein kleiner und ich ein großer Spitzbube sei. Mag sein, dass Napoleon da gar nicht so falsch lag und vielleicht ganz heimlich für sich diese Wertung sogar teilte. Aber so etwas kann ein Kaiser natürlich nicht zugeben, weswegen er nach außen hin den Beleidigten mimte und den Schinderhannes später nicht begnadigen wollte.

Ach so, richtig. Die Geschichte hat natürlich noch eine Fortsetzung, an der man sieht, wie sehr den großen Feldherrn die Angelegenheit beschäftigt hat. Als Napoleon nämlich einmal mit seinen Generalen zusammensaß, soll er sie nach einer Interpretation des Schinderhannes-Satzes gefragt haben. Daraufhin die Antwort eines Generals (wohl auch, um selbst nicht in Ungnade zu fallen): „Du ein großer Feldherr, ich ein kleiner!“ Das war natürlich genial, und eigentlich hätte Napoleon darauf auch selber kommen können. Naja, er fühlte sich jedenfalls geschmeichelt, wollte nicht nachtragend sein und „den Kerl jetzt aber bitte sofort begnadigen“, was er als oberste Instanz in Gerichtssachen gut hätte machen können. Da aber war es zu spät: Der Schinderhannes war – so die Geschichte – genau eine Stunde zuvor hingerichtet worden.

Das war am 21. November 1803. Was für ein Tag für die Mainzer, die ja damals alle weder das ZDF noch irgendein anderes Fernsehen hatten und deswegen auf Natur- und andere grandiose Ereignisse angewiesen waren, um sich zu amüsieren! Das Volk strömte zwei Tage lang in die Stadt, um dem Schauspiel beizuwohnen. In der Zeitung stand hernach zu lesen: „Alle Straßen, durch welche der Zug ging, alle Fenster waren mit Menschen besetzt. Die Wälle und benachbarten Anhöhen wimmelten von Neugierigen. Über die Hälfte gehörte zum weichen, zärtlichen Geschlecht…“ Womit die Attraktivität des Mannes trotz seines Standes (verheiratet, ein Kind) erwiesen wär!

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Warten unterm Berg

Felsen und Wald, die Mauern einer längst verfallenen Burg. Unter den trüben Wolken kreisen die Raben um den Turm, und an hellen Tagen schimmert ein eisgrauer Bart durch den kalkigen Fels. Der Bart wächst seit achthundert Jahren durch Tisch und Stein. Er gehört Kaiser Rotbart, Friedrich I. von Hohenstaufen, von seinen italienisch sprechenden Untertanen „Barbarossa“ genannt. Der schläft in dem Berg an seinem Tisch, und mit ihm schläft ein Gefolge geisterhafter Ritter. Seine blonde Tochter Uta sitzt dabei und spinnt den goldenen Flachs.

Einmal in hundert Jahren wacht der Kaiser auf. Dann schickt er einen Hirtenjungen nachzusehen, ob denn die Raben immer noch um das Gemäuer kreisen. Tun sie es noch, so schläft er wieder ein. Sollten sie einmal nicht mehr kreisen, wird der Kaiser wiederkommen und den Deutschen Ordnung, Recht und Frieden bringen. Kyffhäuser heißt der Berg, in dem der Kaiser schläft; er liegt in Thüringen und ist man gerade 477 Meter hoch.

Und der Kaiser? Stellen Sie sich eine Art Boris Becker vor, sehr hell, sehr blond sehr nördlich-deutsch. Aber jetzt denken Sie ihn sich viel kleiner! Nein, noch ein Stück kleiner! Jetzt noch ein roter Bart – und schon haben Sie Kaiser Friedrich vor sich und auch das Thema seines Lebens: Nord und Süd! Traum und Trauma eines geordneten, einigen, westlichen Reiches … wir würden heute sagen: Europas.

Mit Barbarossa ist ein historischer Herrscher in die Sage eingegangen. Damit sowas passiert, müssen die Zeiten, in denen er gelebt hat, fern und wild gewesen sein. Und genau das waren sie!

Gehen wir doch einmal zurück – in großen Schritten, um auch halbwegs anzukommen. Vor 100 Jahren gingen auf dem weiten Grasland Nordamerikas die „Indianerkriege“ zuende; vor 200 Jahren köpften hosenlose Franzosen ihren König und damit ein galantes Zeitalter. 300 Jahre sind schon weit entfernt: In Deutschland brannten die Scheiterhaufen der Hexenverfolgung, und in Holland blühten der freie Geist Spinozas und die Aktienkurse der Ostindischen Kompanie. Wenn wir gar 400 Jahre zurückgehen, sind wir dann bei Elisabeth, der jungfräulichen Königin, und ihrem wüsten Ritter Francis Drake. Und das alles ist erst die Hälfte des Weges! 1990 jährte sich nämlich Kaiser Barbarossas Todestag zum achthundertsten Mal! In solchen langen Zeiträumen kann es schon vorkommen, dass die Erinnerung träumerisch und verschwommen wird, und dass ein Kaiser in den Berg kommt.

Friedrich war dreißig Jahre alt, als er deutscher König wurde. Und „König werden“, das gefiel dem Ritter mit dem roten Bart! Wie schafft man das ein zweites Mal? Friedrich wies nach, daß seine junge Frau mit ihm verwandt sei, ließ sich scheiden und heiratete die Erbin von Burgund. Das war sein zweites Königreich. Jetzt hatte er Übung. „Kaiser werden“ lautete das nächste Ziel!

Und Kaiser sein, hieß Oberhaupt des Reiches werden. Und „Reich“ gab’s nur eins: das römische… Geteilt in Westreich und Byzanz. Friedrich wollte es nochmal versuchen, das Reich zu einen. Sein Pech: In Frankreich und England, beide zum alten Reich gehörig, kamen eben die Nationalstaaten auf; und in Rom, im Zentrum des Reiches, da saß der Papst inmitten seiner Länder fest auf seinen Schenkungsurkunden.

Fast siebzigjährig zog Friedrich zum Kreuzzug aus. Sein Heer zählte hunderttausend, sein Traum war die Vereinigung von Ost und West in den alten Grenzen des Imperiums. Als er an einem Sonntag bei brütender Hitze in Kleinasien an den Fluß Saleph kam, gedachte Barbarossa ein Bad zu nehmen. Er hätte der Versuchung widerstehen und lieber schwitzen sollen. Der Kaiser ertrank nämlich bei dieser Abkühlaktion: Herzschlag.

Heinrich, sein Sohn, erfüllte dann beinah seinen Traum: Die Provence, die Dauphine, die Schweiz, Mähren, Sizilien und ganz Italien mit Ausnahme der päpstlichen Ländereien gehörten zum Reich. England erkannte seine Lehnshoheit an; Zypern und Antiochien baten um Aufnahme ins Reich. Zu erobern blieben nur noch Spanien, Frankreich und Byzanz. Dann starb auch Heinrich – mit dreiunddreißig zu jung, als daß ihm die Vergeblichkeit all seines Jagens und Strebens hätte aufgehen können; und in Palermo wurde der Enkel Barbarossa im Kindergartenalter von vier Jahren König. Mit zwölf Jahren verjagte er die eingesetzten päpstlichen Regenten, übernahm seine Länder selbst und wurde der mächtigste und aufgeklärteste Kaiser des deutschen Mittelalters: Friedrich II.

All das ist lange her, und die Gestalten verwischen sich im Nebel der Geschichte. Lange noch blieb unklar, wer nun eigentlich im Kyffhäuser begraben liegt – Barbarossa oder Enkel Friedrich Zwei.

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Die Nacht der Feuer

Sie konnten einem lange Zeit schon leid tun – denn schließlich sind Hexen ja auch nur Menschen! Und sie haben ein Anrecht auf ihre angestammten Plätze. Einer von ihnen, der Brocken im Harz, in Hexenkreisen besser als Blocksberg bekannt, war im irreal existierenden Sozialismus militärisches Sperrgebiet der DDR. Seitdem die Grenze quer durch den Harz nicht mehr existiert, dürfen Hexen und ihnen nahestehende Wesen wieder spuken – beispielsweise in der Walpurgisnacht.

Die Nacht zum 1. Mai hat es in sich – auf dem Brocken, aber auch anderswo, ist dann die Hölle los. Sogar Goethe, den wir ja immer wieder gerne zitieren, war begeistert und ließ seiner Phantasie freien Lauf, als er im Faust die Walpurgisnacht beschreibt: „Verlangst Du nicht nach einem Besenstiele? Ich wünschte mir den allerderbsten Bock“, sagt Mephisto und verrät damit gleich, was man eigentlich braucht, um an einer ordentlichen Walpurgisnacht teilnehmen zu können. Die Hexen jedenfalls bedienten sich gerne der Besen, um geschwinder voranzukommen – oder, wieder mal Goethe: „Es trägt der Besen, trägt der Stock, die Gabel trägt, es trägt der Bock!“

Warum das alles?

Eigentlich ganz einfach: Denn während die Natur bereits zu neuem Leben erwacht, sah es im Mai für die Bauern hierzulande übel aus – es begann am 1. Mai für sie das sogenannte Hunger- oder Kuckucksvierteljahr, weil die Vorräte verbraucht und die neuen Sachen noch nicht herangereift waren. Zuversicht und Hoffnung mußten da schon groß sein – und ein wenig Prophylaxe, wie man heute sagen würde, kann in solchen Situationen nicht schaden. Die Abwehr der Dämonen in der Nacht zum ersten Mai gehört dazu.

Wenn man schon nicht die Dämonen und Hexen verbrennen kann in dieser Nacht, dann doch wenigstens ihre Fortbewegungsmittel: Alte Besen, die den ganzen Winter über in Gebrauch waren, kommen auf einen Haufen und werden angezündet. Mistgabeln werden in die Erde gesteckt, die Böcke aus dem Stall genommen und irgendwo zusammengepfercht.

Mit Krach vertreibt man Geister – also wird Krach gemacht. Naja, und weil es im Maien halt überall sehr frühlingshaft sprießt und sich regt, kann man die Gelegenheit der ersten lauen Nächte vielleicht auch noch anderweitig nutzen, um etwas gegen das Böse zu tun…

So gesehen verhalten sich die normal Sterblichen dann nicht anders wie die Hexen auf dem Blocksberg: Der Teufel erwartet die Hexen, besprengt sie mit Wasser aus dem Teufelsnapf und läßt sich von den Hexen ihre Taten erzählen. Als erfahrener Böser erteilt er dann gute Ratschläge, woraufhin ein großes Gelage beginnt. Es gibt Fleisch und Obst und Bier, und hinterher den Hexenreigen. Der Tanz um den Bock ist freilich noch nicht das Ende der Nacht, die in teuflischen Hexenkreisen gewöhnlich mit derben sexuellen Orgien endet. Sagen die Volkskundler und, wenn man ihn genau liest, auch Johann Wolfgang von G., als Faust mit so einer netten jungen Hexe das Tanzbein schwingt: „Einst hatt’ ich einen schönen Traum: Da sah ich einen Apfelbaum, zwei schöne Äpfel glänzten dran, sie reizten mich, ich stieg hinan.“ Daraufhin die Schöne, gar nicht so schlecht gereimt: „Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, und schon vom Paradiese her. Von Freuden fühl’ ich mich bewegt, dass auch mein Garten solche trägt.“

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Beim Rübenzählen von Emma gehörnt

Wir wissen nicht viel von ihm – eigentlich eher gar nichts. Außer dass er ein ziemlicher Riese gewesen sein muß. Und, aber da kommt es schon sehr drauf an, wen man gerade befragt, ein Unhold oder ein ganz fürchterlich netter Mensch. Er hat, wenn man das mal so flapsig ausdrücken darf, nette junge Mädchen vernascht und hochwohlgeborene Herren an der Nase herumgeführt – aber er hat eben auch armen Köhlern geholfen. Wie auch immer: Er hat sich einen Namen gemacht: Rübezahl? Das ist doch der aus dem Riesengebirge!

Wie Rübezahl zu seinem Namen gekommen ist? Also, wenn nicht alles täuscht, war das die etwas peinliche Geschichte mit Emma. Rübezahl, der Riese, der Berggeist, verspürte nämlich dann und wann sehr männlich-menschliche Regungen. Als er beispielsweise Emma sah, die keineswegs Leitfigur der gleichnamigen Emanzenzeitschrift war, sondern leibhaftige schlesische Königstochter, da rührte es ihn doch immer ganz frühlingshaft an. Vor allem, wenn Emma mit ihren Freundinnen an einem einsamen Ort baden ging.

Rübezahls erster Versuch einer Annäherung muss als gescheitert gelten: Er verwandelte sich in einen Raben, flog hoch über die Büsche und sah so zwar mehr – aber den Raben interessierte die junge Maid trotz ihrer äußerst sparsamen Badekleidung so gut wie gar nicht: Als Rabe war er auf Waldmäuse aus.

Also überlegte er sich einen übleren Trick, verzauberte Emma und lockte sie in sein unterirdisches Reich. Dort fühlte Emma sich erstaunlicherweise irgendwie dem Riesen hingezogen, und auch über der Erde ging bald alles wieder seinen Gang: Vater König weinte ein bisschen, setzte jedoch bald darauf die abgebrochene Jagdpartie fort. Erdenkönige, so weiß der Rübezahl-Erzähler Museus zu berichten, fühlen nämlich keinen Kummer als den Verlust ihrer Krone…

Doch zurück zu Emma, die es in der Zwischenzeit unterirdisch mit Rübezahl ganz nett fand. Es handelte sich um echte Liebe, wie er ihr gestand und sie ihm errötend abnahm. Dennoch: Es fehlte ihr etwas. Die netten jungen Damen, beispielsweise, mit denen sie zu scherzen beliebte. Außerdem gab es da noch, und das war schon etwas peinlicher für die junge Liebe, den Fürsten Ratibor. Und an den erinnerte sich Emma, nachdem die Lust des unterirdischen Neuen erst einmal vorüber war. Doch wie sollte sie zu ihm kommen?

Da ersann sie eine List: Sie tat so, als ob sie Rübezahl heiraten wollte – doch als ein Zeichen seiner Liebe verlangte sie kategorisch: „Gehe auf den Acker und zähle die Rüben. Aber verzähl Dich nicht!“ Da ging er zählen. Einmal, zweimal, dreimal – weil er es ja auch alles ganz richtig machen wollte. Emma nutzte die Zeit und floh. Floh, bis sie sich dem Geliebten in die Arme werfen konnte. Und unser gehörnter Berggeist hatte seinen Spottnamen weg: Rübenzähler, Kurzform Rübezahl.

Damit der gute Rübezahl nicht ganz so trottelig und überhaupt schlecht davonkommt, noch ein Hinweis auf die gute Seite des Rübezahl, der mal als Männlein, häufiger aber als Riese dargestellt wird: Da gab es einmal einen Bauern, der unverschuldet arm geworden war und dem nur ein krankes Weib nebst sechs hungrigen Kindern geblieben waren. Der Bauer wollte sich bei seinen Verwandten Geld leihen – aber die jagten ihn fort. Also rief er Rübezahl an, der prompt in Form eines rotbärtigen Köhlers mit mächtiger Keule in der Hand erschien. Um es kurz zu machen: Bauer Veit erhielt sein Geld, ordentlich quittiert auf einem Schuldschein. Doch als er es nach drei Jahren zurückbringen wollte, fand er Rübezahl nicht mehr. Das betrübte den ehrlichen Bauern – doch bevor er noch in Gram versinken konnte, flatterte der Wind ein Papier durch den Wald: Es war der Schuldschein, oben eingerissen und unten mit einem Satz Rübezahls versehen: „Betrag dankend erhalten!“

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Er lügt, dass sich die Balken biegen…

Der Herr heißt Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen. Er wurde 1720 in Bodenwerder an der Weser geboren. Adelig ist er – und lügt, dass sich die Balken biegen.

Seine Jugend verlief, wie sich das seinerzeit für einen adeligen jungen Mann gehörte: Irgendwann kam der Knabe zum Militär und zog in den Krieg.

Münchhausen verschlug es nach Russland, wo er an den türkisch-russischen Kriegen teilnahm und dennoch Zeit genug hatte, sich privat umzusehen: Er fand dort seine erste Frau Jakobine von Dunten. Mit ihr zog er Ende 1750 nach Bodenwerder, um das Gut zu übernehmen.

Dort, in einem Gartenhaus, gab es an den Abenden jene legendären Runden mit Nachbarn und Freunden, in denen der Gutsherr seine Geschichten zu erzählen pflegte. Das Ambiente, wie man so etwas heutzutage zu nennen pflegt, war angemessen: Münchhausen hatte seine Meerschaumpfeife gestopft und ein Glas dampfenden Punsches neben sich. Und man kann, selbst wenn es nicht überliefert ist, davon ausgehen, dass die anwesenden Herren auch gehörig schmökten – damals gab es ja noch keine Gesundheitsminister, die entsprechende Warnungen auf irgendwelche Steuerbandarolen drucken ließen…

„Tja, meine Herren!“ hub also der Baron an über seine Zeit im fernen Russland zu berichteten, „ich will Ihnen hier nichts erzählen von der Verfassung, den Wissenschaften und den Künsten…“ Und dann legte er los: Zum Beispiel die Sache mit dem Ritt auf der Kanonenkugel.

„Bei der Belagerung einer türkischen Festung wollte unser Feldmarschall gerne wissen, wie die Sache beim Gegner stünde. Ich stellte mich neben eine unserer Kanonen, und als sie abgefeuert wurde, sprang ich auf die Kugel, um mich in die Festung tragen zu lassen. Unterwegs kamen mir allerdings Bedenken: Man könnte mich ja auf der Festung als Spion erkennen und am Ende gar erhängen! Also nahm ich die Gelegenheit wahr, als eine Kugel aus der Festung auf uns abgefeuert wurde: Als sie an mir vorüberflog, sprang ich auf diese hinüber – was, wie Sie sich denken können, kein einfaches Unterfangen war. Ich setzte mich auf der glatten Kugel zurecht und kam heil bei den Unsrigen an!“

Und weil er nun gerade, nachdem er sich des wohlwollenden Nickens aller seiner Zuhörer versichert hatte, dabei ist, gibt der Hausherr noch eine Geschichte zum besten: Die Geschichte mit den festgefrorenen Tönen.

„Das war auf dem Rückweg aus der Türkei. Wir gelangten in einen Hohlweg, und ich sagte zu dem Postillion: ‘Blase er sein Horn, damit wir nicht mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammenstoßen!’ Der Postillion blies aus Leibeskräften, aber kein Ton kam aus dem Horn heraus. Wie es das Unglück wollte, kam natürlich gerade in diesem Augenblick eine Kutsche entgegen. Da sprang ich aus der unsrigen und spannte die Pferde aus, nahm selbst den Wagen und sprang über die entgegenkommende Kutsche hinweg – was eben keine Kleinigkeit war, wie Sie sich denken können. Anschließend ließ ich die Pferde wieder einspannen, und wir gelangten glücklich in die Herberge.

Dort hängte der Postillion sein Horn an den Ofen, und ich setzte mich neben ihn. Und nun, meine Herren, passen Sie auf, was da geschah: Auf einmal machte es Trärä, Täteretär, Trärä! Da staunten wir nicht schlecht – doch bald fanden wir die Ursache: Die Töne waren bei der barbarischen Kälte im Horn festgefroren. Nun, da sie aufgetaut waren, kamen sie heraus…“

So ist das also gewesen. Und wer es nicht glaubt, der kann es heute noch nachvollziehen – in Bodenwerder. Dort gibt es im ehemaligen Gutshof derer von Münchhausen ein „Münchhausen-Zimmer“ mit den deutschen und fremdsprachigen Ausgaben der Geschichten des Lügenbarons.

Erstmals erschienen die Erzählungen übrigens 1785 (da lebte Münchhausen noch) in England. Fünf Ausgaben erschienen in drei Jahren. Der Re-Import nach Deutschland erfolgte wenig später, allerdings übersetzt.

Und Münchhausen? Der stirbt 1797, nachdem es privat in den letzten Jahren noch etwas hektisch zugegangen war: Seine erste Frau starb nach 46 Jahren Ehe. Der Baron nahm sich – welcher Teufel mag ihn da wohl geritten haben? – eine 17jährige zur Frau, die (wie die Leute damals sehr unverhohlen tuschelten) einen liederlichen Lebenswandel führte. Münchhausen gerät darob zuerst in Rage und dann in beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten – zwei gute Gründe also, sich scheiden zu lassen. Im Prozeß sagt dann er gegnerische Anwalt etwas, was später zum Markenzeichen für den Herrn Baron werden sollte: Er spricht vom Lügenbaron.

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Ohne Furcht, doch mit Tadel

Zugegeben: ganz so riesig war er dann wohl doch nicht: Roland „der Riese“, so wie er auf zahlreichen norddeutschen Marktplätzen zu bewundern ist, mag zwar für seine Zeit ein überragender Mann gewesen sein – aber auf zehn Meter und mehr hat er es natürlich nicht gebracht!

Vor allem aber war Roland in den Köpfen der Leute riesig: Ein Held, ein furchtloser Kämpfer, der leider einmal ein wenig Pech gehabt hat – und das hieß in den wilden Zeiten vor mehr als tausend Jahren dann eben, dass er es nicht überlebt hat.

Doch der Reihe nach. Roland, der von den Säulen und aus dem französischen Rolandslied, ist nicht nur ein sagenhafter Held; er hat tatsächlich gelebt. Er war, wie man überall lesen kann, ein Paladin Karls des Großen (wobei die einschlägigen Autoren allesamt davon ausgehen, dass jeder weiß, was denn ein Paladin sei, nämlich einer von zwölf Angehörigen des Heldenkreises am Hofe Karls des Großen). Roland gab es tatsächlich, es ist der Graf Hruotland aus der Bretagne.

Dieser Roland hat das Glück gehabt, was man braucht, um Held diverser Volkssagen zu werden. Ein wesentlicher Bestandteil ist: Man muss vor langer Zeit gelebt haben – möglichst weit weg von irgendwelchen Schreibern, die die Wahrheit notieren. Unserem Roland ist dieses Glück widerfahren – sein Tod im August 778 liegt weit vor der ältesten Fassung des Rolandsliedes – einer Handschrift, die um 1100 datiert.

Eine weitere wichtige Zutat für eine ordentliche Sagengestalt ist natürlich, dass irgendetwas ganz Tolles passiert sein muss. Vor tausend Jahren hieß das meistens: Frauen mussten hübsch und in irgendwelche (meist vollkommen aussichtslose) Liebschaften verstrickt sein – und die Männer hatten ganz fürchterlich stark zu sein und in den Kämpfen Mann gegen Mann alles niederzumetzeln. Das Tüpfelchen auf dem i ist dann meistens, daß trotz allen Heldenmuts diese Männer dennoch das Zeitliche segnen, indem irgendein Schuft ihnen einen Hinterhalt stellt.

Soweit die (zugegeben: sehr pointierte) Theorie. Nun die Praxis am Beispiel von Roland!

Das war also im Jahr 778, genauer am 15. August. Die Franken sind unterwegs von Spanien nach Frankreich. Drei Wege gab es da seinerzeit: Am Meer entlang oder durch die Berge. Diesmal ging es durch das Tal von Ronceval in den Pyrenäen. Der Großteil des fränkischen Heeres ist schon übern Berg, hat den steilen Abstieg hinter sich. Die Nachhut mit Roland hat aber noch ein heftiges Scharmützel zu gewärtigen.

Oliver, ein Freund Rolands, hat es als erster bemerkt: „Von Spanien sehe ich ein großes Gewimmel heranziehen!“ Alles Feinde, die es auf die Nachhut und deren Gepäck abgesehen haben. Oliver gibt seinem Freund einen guten Rat: er möge doch, bitteschön, in das berühmte Horn stoßen. Doch Roland will sein Horn Olifant nicht stoßen – weil er mehr noch als den Feind die Schmach fürchtet. Laut Rolandslied sagte er die verhängnisvollen Worte: „Ich verlöre in Frankreich meinen Ruhm! Ich will kämpfen und mit meinem Schwert Durendal gewaltige Schläge austeilen.“

Hätte er doch sofort ins Horn gestoßen und so Karl mit dem Hauptheer alarmiert – er hätte vielleicht einen Teil des Ruhms verloren, aber nicht unbedingt das Leben. Erst als es aussichtslos wird, bläst Roland den Olifant – zu spät, denn als Karl kam, sind die Helden tot.

Was blieb? Natürlich die Geschichten, das Horn und das Schwert. Bei der Beliebtheit des Themas und des Mannes eigentlich kein Wunder, daß man Horn und Schwert an mehreren Orten bewundern kann: Roland gehört eben allen! In Bordeaux und Toulouse gibt es Olifanten, Blaye am rechten Ufer der Gironde reklamiert Schwert und Grab Rolands für sich.

Und die norddeutschen Städte – was haben die damit zu tun? Warum haben die ihren Roland, groß und mit dem Schwert versehen, auf dem Markt herumstehen? Wenn man es – aus der zeitlichen Entfernung betrachtet – so sagen darf: Nichts eigentlich. Denn wahrscheinlich sind die vielen Rolandsäulen eigentlich welche, die Rügeland heißen. Und das wiederum bedeutet Gerichtsstätte. Also eigentlich haben sie nichts mit dem Roland zu tun! Aber da das Volk sie schon dazu gemacht hat und der sagenhafte Roland für alles Gute zu haben ist, warum denn nicht auch das? Also ist er, den Statuen sei Dank, auch der Vertreter der Marktgerichtsbarkeit…

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Der kleine Mann und das Fass

Grafik: Einhart Grotegut ©1996

Er war man nur hundertzehn Zentimeter groß – aber, mit Verlaub, einer der größten Säufer seiner Zeit. Ist das der Stoff, aus dem man Vorbilder oder Statuen schnitzt? Gemeinhin nicht, aber in diesem Fall schon: Die Rede ist von einem gewissen Clemens, besser bekannt als „Perkeo“. So hieß er, weil er in Tirol aufgewachsen war und auf entsprechende Nachfrage nämlich italienisch zu antworten pflegte: „Wollt Ihr noch ein Gläschen?“ – „Perché no!“. Was soviel heißt wie: Warum nicht?

Eine gute Frage! Denn zu trinken hatte Perkeo reichlich. Man sagt, er habe es auf fünfzehn bis achtzehn Flaschen Wein gebracht. Täglich. Bis zu seinem Tode, der angeblich nur eingetreten sein soll, weil er – auf ärztlichen Rat hin – einmal ein Glas Wasser getrunken hat.

So etwas macht man nicht ungestraft, wenn man im Heidelberger Schloss beschäftigt ist. Da hatte Perkeo nämlich einen Traumjob für Weinliebhaber: Er musste das Heidelberger Fass bewachen. Und da verhalten sich achtzehn Weinflaschen zum Fass wie eine Sekunde zur Ewigkeit: 220.000 Liter Wein fasst das Fass – da steht man fassungslos davor, oder auch obendrauf, und fragt sich: Wozu das?

Eine gute Frage, die sich recht einfach beantworten läßt: Sportlicher Ehrgeiz war es, ein Wettstreit zwischen dem Kurfürsten von der Pfalz und dem sächsischen Kurfürsten. Die Herren hatten seinerzeit nicht viel anderes zu tun und beschlossen, das größte Fass der Welt bei sich zu haben. Beschlossen und verkündet: Zum ersten, zum zweiten und zum dritten. Denn jeweils drei Fässer standen im Heidelberger Schloss und auf der Festung Königstein unweit von Dresden.

Angefangen hatte es 1586: Da hatten die Heidelberger ein Fass, das für normale Menschen groß genug gewesen wäre, denn 1.185 Hektoliter Wein passten hinein. Daraufhin entstand auf der Festung Königstein ein Fass mit 1.450 Hektolitern Inhalt. Das ließ dem Pfälzer keine Ruhe: 1666 war Fass Nummer zwei fertig, 1.651 Hektoliter Inhalt galt es zu schlagen.

1680 war es soweit: Königstein meldete: Wir haben ein neues Fass aufgemacht, 2.235 Hektoliter passen rein!

Die Freude währte jedoch nicht lange, das Fass fiel auseinander. Weswegen prompt ein neues gebaut wurde – eins mit fast 250.000 Litern Fassungsvermögen. Oder, wie man rund um Dresden damals zu rechnen pflegte: Eins mit 3.709 Dresdner Eimern Inhalt. (Wobei galt: 1 Eimer = 72 Kannen = 13,5 Stübchen = 67,36 Liter.)

Gut Ding will Weile haben – 1751 gab es dann wieder Nachricht aus Heidelberg: Ein Fass mit einem Durchmesser von sieben Metern, einer Länge von 8,50 Metern – und es passten hinein über 220.000 Liter.

Als Erbauer des Fasses gilt der Kurfürst Karl Theodor, obwohl der natürlich selbst gar nicht Hand angelegt hat. Das tat er lediglich beim Entleeren des Fasses: Ordentlich zu bechern war Sitte am kurfürstlichen Hof – 2.000 Liter sollen es pro Tag gewesen sein, die dafür sorgten, daß alle mal „wieder fol gewesen“ sind (wie es Kurfürst Friedrich IV ins Tagebuch zu schreiben pflegte).

Dermaßen sagenhafte Gelage regten natürlich die Phantasie der Zeitgenossen an – dem Zwerg Perkeo sagt der Dichter Victor von Scheffel gar nach, in den Weinkeller gestiegen und erst wieder hochgekommen zu sein, als das Fass leer war: Nach 15 Jahren.

Die Wirklichkeit sieht meist weniger verklärt aus: Hobbies wie das der Heidelberger oder Königsteiner Herren sind eine kostspielige Angelegenheit – und sowas fällt irgendwann auf. Auf der Festung Königstein ward das große Fass bald marod, so dass man noch vor den Zeiten des Herrn Potemkin dessen Idee vom mehr Schein als Sein vorwegnahm: In das Riesenfass hängten die Sachsen ein kleines, aus dem der Wein den Gästen dargeboten wurde…

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Nach seiner Pfeife tanzen sie gerne

Ratten sind eine Plage, da können noch so viele Biologen und Verhaltensforscher über die Gelehrsamkeit und das nette Verhalten von Ratten schreiben. Und wenn wir, aufgeklärt wie wir sind, schon heute die Ratten nicht so recht leiden mögen – wie denn dann früher?

Genau: Da war es ein Hundeleben für die Ratten. Keiner wollte sie, und die Väter der Stadt gaben sogar Geld demjenigen, der die Ratten verjagt. Kein Wunder also, dass es (schon damals) Spezialisten gab, die sich aufs Rattenaustreiben verstanden. Ihr Werkzeug: Klein und unscheinbar, aber mit wunderlichem Klang. Eine Flöte, richtig gespielt, und der Zauber hatte ein Ende.

So ist es jedenfalls aus Hameln an der Weser überliefert. Dort erschien im Jahre 1284 ein Mann, der nach damaligen Verhältnissen auffällig gekleidet war – sehr bunt war sein Rock. Aber Künstler hatten schon immer etwas Merkwürdiges an sich, und da dieser Mann versprach, Spezialist in Sachen Rattenvertreibung zu sein, sah man über den vielfarbigen Rock hinweg. Und nicht nur das: Er werde sogar einen äußerst großzügigen Lohn erhalten, wenn er nur die Ratten aus der Stadt vertreibe! Sagten die Herren der Stadtverwaltung.

Da zog der Buntgescheckte eine Pfeife und spielte auf – und Ratten wie Mäuse kamen aus den Häusern und folgten dem Mann. Der zog durch alle Straßen der Stadt – und das Getier folgte ihm auf den Fuß. Bis zur Weser ging er und dann auch noch hinein. Die Sage erzählt dann, dass dort die Ratten ertranken (wozu Biologen und Verhaltensforscher sicherlich die eine oder andere Anmerkung zu machen hätten – aber solche Leute gab es ja damals nicht!).

Was dann in Hameln passierte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Menschen allgemein und die Politiker im besonderen: Wenn sie ein Zipperlein plagt, sind sie zu fast jeder Schandtat bereit und versprechen dies wie das. Sobald es ihnen aber wieder besser geht, erinnern sie sich an nichts mehr und schelten nette Gaukler wie den Flötenspieler mit dem bunten Rock. Genauso geschah es, der gute Mann bekam keinen Lohn und ging verbittert von dannen.

Sowas läßt sich kein noch so bunter Flötist gefallen. Heute würde er zur Gewerkschaft oder gleich vors Gericht ziehen und den ihm zustehenden Lohn einklagen. Das ist freilich dermaßen unspektakulär, dass wir und unsere Nachfahren sich nicht wundern dürfen, wenn später einmal keiner mehr Sagen aus heutiger Zeit erzählt, sondern alle nur noch stapelweise Akten aufarbeiten.

Doch zurück nach Hameln 1284: Am 26. Juni kehrte der Mann zurück und zog erneut die Pfeife. Diesmal kamen freilich keine Ratten (denen hatte er ja bereits den Garaus gemacht), sondern Jungen und Mädchen aus den Häusern. Spielend ging der Mann, der diesmal als Jäger mit gar schrecklichem Angesicht erschienen sein soll, durch die Straßen – und die Kinder folgten ihm durch die Stadt und heraus durchs Ostertor in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.

130 Kinder der Stadt hatte das Schicksal getroffen – sozusagen alle, bis auf zwei Nachzügler. Doch von denen war einer blind und der andere stumm, so dass die nicht viel berichten konnten. Was wir wissen, verdanken wir einem Knaben, der zurückgelaufen kam, weil er seinen Rock holen wollte. Und die Mutter des Herrn Dekan Johann von Lüde, die hat es ebenfalls gesehen und nicht verhindern können – steht in einer Handschrift, die knapp hundert Jahre später verfasst wurde.

Dieser Kinderauszug aus der Stadt ist nicht nur in der Sage der Gebrüder Grimm überliefert, sondern außer in der erwähnten Handschrift auch im Stadtbuch. Der 26. Juni 1284 als Datum und die Zahl 130 als Zahl der Kinder sind so exakt, dass ja wohl was Wahres dran sein muss an der Rattenfängerei.

Fragt sich nur, was. Spekulationen gibt es viele – beispielsweise, dass es sich beim Auszug der Kinder um eine Abwerbung gehandelt haben soll: Der Rattenfänger als Werber von jungen Leuten für die Besiedlung des Sudetenlands? Dafür spricht, dass die Gebrüder Grimm in ihrer Sage schreiben: „Einige sagen, die Kinder seien in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.“ Aber ein wirklicher Beweis ist das nicht…

Was es allerdings gibt, sind Touristenspektakel: Jeden Sonntag von Mitte Mai bis Mitte September spielt nämlich in Hameln der Rattenfänger zum Auszug auf. Die Geschichte macht heutzutage viel Spaß. Was wohl auch daran liegt, dass kein Kind mehr vom Rattenfänger in den Berg geschleppt wird. Allenfalls ziehen die modernen Rattenfänger die Kinder an, die nämlich, wenn das Wetter gut ist, Papi und Mami nach der Rattenfängerei in die nächste Eisdiele abschleppen!

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Gut, dass es Böses gibt…

Grafik: Einhart Grotegut ©1996

Sie können sicher davon ausgehen, daß der edle Ritter Mengis von der Aducht vor mehr als 600 Jahren nicht anders dachte als Sie heute: Diebe sind Halunken und überhaupt nicht nett. Aber in dieser Welt gibt es nun mal solche Halunken – und das ist auch gut so, wie wir gleich sehen werden. Der Herr Mengis von der Aducht und seine liebe Frau Richmodis jedenfalls haben 1357 in Köln am Rhein erfahren dürfen, dass selbst die übelsten Schurken den Lauf des Lebens durchaus positiv beeinflussen können.

Die Geschichte fängt damit an, dass die Pest über Köln kam und – da kannte der Schwarze Tod nichts – auch vor der reichen Frau Richmodis nicht halt machte. Wer etwas von den Zeiten weiß, in denen die Pest hierzulande täglich tausende von Menschen hinwegraffte, der hat vielleicht auch eine Ahnung davon, was da in den Städten los war: Aus Angst vor Ansteckung wurden die Verstorbenen schnell aus dem Haus geschafft und so schnell wie möglich beerdigt.

Der schönen Frau Richmodis, die gerade erst vier Jahre mit ihrem Mengis verheiratet war, erging es natürlich nicht anders. Sie lag, bevor sie beerdigt werden sollte, noch auf dem Friedhof in ihrem Sarg. Und sie hatte, was dann ihr Glück werden sollte, ihren goldenen Trauring um und eine wertvolle Halskette angelegt bekommen.

Dieses hatte der Totengräber gesehen und sich gedacht: Was nützt es der Frau Richmodis, wenn sie da unter der Erde den Schmuck trägt? Derlei schändliche Gedanken wusste der Totengräber auch noch mit einem Knecht zu teilen – und so gingen denn die Beiden des Nachts auf den Friedhof, um die Leiche zu fleddern. Das Halsband war auch leicht abzunehmen, aber der Ring ließ sich dann doch nicht mühelos vom Finger ziehen. Also zerrten die beiden ein wenig herum – und bekamen dadurch nicht den Ring, sondern einen gehörigen Schrecken: Die Frau von Richmodis, tot wie sie war, stöhnt einmal laut und vernehmlich und blickt zu allem Überfluss den beiden Männern dann auch noch tief in die Augen. Und als ob das nicht schon genug wäre, richtet sich die Tote auf! Kein Wunder, dass Knecht und Totengräber das Weite suchen…

Aber auch Richmodis von der Aducht hatte sich gehörig erschrocken in ihrem Sarg. Und wer mag es ihr verdenken, daß sie so schnell wie möglich da herauskletterte und den Weg Richtung Neumarkt suchte, wo ihr prächtiges Haus stand? Gespenstergleich huscht sie in ihrem weißen Totenhemd durch die Nacht. Für eine, die eigentlich schon tot geglaubt ist, läuft sie recht schnell und kommt, immerhin ja auch durch die Krankheit geschwächt, völlig erschöpft zu Hause an.

Nun ist es aber immer noch Nacht, und daheim die Leute (neben dem Hausherrn Mengis auch noch jede Menge Knechte und Mägde) schlafen. Also muss Frau von Aducht ganz schön lange rufen und schreien, bis einer der Knechte wach wird und zur Tür eilt. Dort hört er dann eine Stimme: „Lasst mich doch endlich herein!“ – und glaubt an Gespenster. Die Stimme kennt er. Aber die, zu der die Stimme gehört, ist doch gestorben? Wer also kann es sein? Ein Geist, ohne Zweifel.

Völlig erschrocken macht also der Knecht keineswegs die Tür auf, sondern rennt zu dem restlichen Gesinde, um es zu wecken. Da stehen sie nun alle, lauschen der Stimme von Frau Richmodis und glauben, es sei nur ihr Geist – und so einem macht man natürlich nicht auf.

Natürlich verläuft all dies nicht ohne erhebliches Palaver, und davon wird letztlich auch Mengis von der Aducht wach. Irritiert erkundigt er sich, was denn der Krach vor der Haustüre soll? Wahrheitsgemäß antwortet ein Knecht: „Die Herrin steht vor der Tür und will herein!“ – aber das glaubt Mengis nicht. Hatte er selbst doch am Vortage festgestellt, dass bei seiner geliebten Frau kein Herzschlag mehr zu vernehmen war, und auch kein Atem. „Nein“, sagt Herr Mengis, „das ist nicht meine Richmodis!“ Und dann fügt er etwas hinzu, was aus dieser bis jetzt schon sehr aufregenden Geschichte eine wirklich spannende Erzählung macht: „Es müssten wohl“, sagt Mengis von der Aducht etwas verärgert und wohl auch ein wenig erschrocken über all diese nächtlichen Ereignisse, „meine beiden Gäule unten aus dem Stall die Stiege hinaufkommen, um mich zu rufen, ehe ich glaube, dass Richmodis noch am Leben ist!“

Nun können Sie sich sicher denken, was dann passierte: Es gibt einen ungeheueren Krach, und die Treppe herauf kommen zwei wunderbare Schimmel, gehen an dem total perplexen Mengis von der Aducht vorbei und stoßen das Fenster auf. Und wie sie da so runtersehen, da steht auch Mengis auf, geht zum Fenster und schaut auf die Straße. Und wer steht da? Kein Geist, sondern seine Richmodis.

Jetzt kann es dem Mengis nicht schnell genug gehen. Er hastet die Treppe herunter und öffnet die Tür, nimmt seine Frau in die Arme. Und wie im Märchen lebten die beiden noch lange glücklich und zufrieden, und Kinder bekamen die beiden auch noch.

Wie – Sie glauben das alles nicht? Dann gehen Sie doch mal nach Köln (Sie dürfen auch fahren…) und dort in die Straße am Neumarkt. Da sehen Sie, wie aus einem Haus ganz oben am Giebel zwei Pferdeköpfe herausschauen!

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.