Italienische Erlebnisse – mitten in Dresden

Kochsternstunden im Rossini

Ich solle, schrieb mir die verehrte Kollegin, doch mal wieder das Wort “schnippisch” benutzen bei der Beschreibung eines – nein: dieses – Restaurant-Besuchs. Nein, antwortete ich ihr, das läge mir fern: Denn erstens sei schnippisch für ganz besondere Fälle reserviert und zweitens war unsere Bedienung doch nicht schnippisch, sondern allenfalls arrogant! Aber auch darüber müsse ich noch mal nachdenken.

Wir waren im Rossini. Nicht allein, sondern mit etlichen Mitessern (nein, keine Pickel, sondern die männliche Form der Mitesserinnen) der Kochsternstunden. Dort gab’s zum eh schon sensationellen Preis von 29 Euro ein Dreigangmenü, bei dem wir allein den Warenwert auf geschätzt mindestens 20 Euro taxierten. Vielleicht aber noch mehr, und das kam so: Zur Vorspeise war Hausgemachte Pasta im Pecorino-Laib mit Riesengarnelen und pikanter Tomatensauce vorgesehen. Auftritt ein veritabler halber Laib, fein lauwarm angeschmolzen und mit recht gut gemachten Riesengarnelen verziert. Schnell kamen wir auf die Idee, auch den Käse aus dem Laib zu löffeln – der schmeckte sogar ohne Nudeln! Aber was macht man nun mit so einem angeknabberten Halblaib?

Wiederverwerten werden sie ihn in der feinen Küche des Rossini ja wohl nicht – also fragten wir den Kellner, ob man ihn den Pecorino nach dem Essen mitnehmen könne? Das sei doch eine Schande, so viel Käse (ein Halblaibchen war für zwei Personen vorgesehen) wegzuwerfen! Darauf guckte uns die Bedienung ein wenig entsetzt an, und der Blick wurde nicht besser, als wir betonten, es ernst zu meinen: Wegwerfen sei doch schade und weiternutzen undenkbar!

Entsetzt ist ja nicht schnippisch, aber das Setting war damit gut vorgegeben. Nächste Steilvorlage: Vornehmerweise standen die individuell bestellten Wasser- und Weinflaschen weit weg auf einem Serviertisch, und die Bedienung – ein Sizilianer, der den Gästen sehr deutlich machte, wie auf der Insel gebliebene Landsleute nicht sind (bzw. wir sie vor Ort noch nie erlebt haben): mit einem Hauch cool-freundlich lächelnder Arroganz – schenkte im Vorübergehen immer mal wieder nach. Mal Wasser (hätten wir freiwillig sicher mehr getrunken, andere am Tisch lieber weniger), mal Wein (auch in noch nicht leere Gläser). Hei, gab das am Ende des Abends ein erfreuliches Durcheinander, als er die Gäste fragte, wieviel sie denn gehabt hätten? Da interpolierte ein(e) jede(r) so gut es ging, was zu nicht so eleganten Situationen führte.

Aber egal, nicht unser Problem, wenn zum Schluss dann noch ein fader Nachgeschmack bleibt. Aber wir sind ja noch gar nicht am Schluss, sondern erst beim Hauptgang: Rinderfilet “Rossini” mit Gänsestopfleber, frischem Gemüse und Thymiankartoffeln. Dafür, dass dies das namensgebende Gericht des Hauses ist, hätten wir es besser erwartet. Das leidliche Problem: Filet eher rare als medium zu servieren, fällt offensichtlich vielen Köchen trotz vorheriger flehentlicher Bitte schwer. Dabei ist es doch so leicht, wenn man weiß, wie viele Gäste das Gericht bekommen, die sich noch mit Vorspeise und Geschnatter die Zeit vertreiben! Aber, der Wahrheit die Ehre: Was nicht exzellent ist, kann ja trotzdem gut sein, und das war’s.

Dafür mundete das Tiramisu mit feinem Beerensalat um so besser. Und nein, wir sind es nicht leid, diesen Klassiker immer wieder zu essen – zumal dann nicht, wenn er so fluffig leicht ist und einfach nach mehr schmeckt! Und diesen Wunsch konnte auch die jahreszeitlich extrem unangemessene und sehr nach Winter schmeckende Erdbeere nicht verhindern. Wobei Köche, die im März keine Erdbeeren servieren, in unseren Augen mehr Respekt verdienen als solche, die sie sich von sonstwoher besorgen, auf Fadgeschmack-komm-raus.

Ristorante Rossini
im Hotel Hilton
An der Frauenkirche 5
01067 Dresden

Tel. 03 51 / 8 64 28 55
www.hilton.de/dresden

www.kochsternstunden.de/index.php/rossini-restaurant-hilton-dresden-hotel.html

[Besucht am 8. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Unsere Besuche 2002 und 2004 im Rossini]

Curry & Co

Dreigangmenü mit Champagner bei Curry & Co

Oha, das wäre beinahe schief gegangen: Beim Reservierungsanruf am Nachmittag kam ein leichtes Stöhnen vom anderen Ende der Leitung. “Sie verderben mir den Feierabend… Stand da nicht was von 24 Stunden vorher reservieren?” Nein, davon steht nix im Heft der Kochsternstunden - und weil das so ist, dürfen wir dennoch am gleichen Abend kommen.

…und haben offensichtlich der netten Dame am Telefon nicht mal den Feierabend verdorben, denn es waren zwei Jungs im Curry & Co, das sich in diesem Jahr den Spaß erlaubt und bei den Kochsternstunden mitmacht. Laut Programmheft außerhalb der Wertung, weil es sich um ein “Spezialmenü” handele – aber haben sie das nicht alle?

Das Ambiente im kultigen Curry&Co ist dem Sujet angepasst: Die beiden Jungs bedienen mit schwarzer Wollmütze als Kochhaube, aber sie sind extrem nett. Nur mit dem Du oder Sie sind sie sich nicht so einig, aber das können wir verschmerzen (Du wäre sicher sehr OK gewesen, oder?). Wir bekommen beim Hereinkommen eine schmucke Kiste in die Hand gedrückt und einen Tisch zugewiesen, den wir uns mit Hilfe des Kisteninhalts selbst kuschelig fürs Candlelight-Dinner im Separée mit Küchen-Blickkontakt gestalten können: Ein weißer Tischläufer, zwei Abdecker für die Löcher im Tisch (die sonst die Pommes-Tüten halten helfen), zwei Champagner-Gläser, zwei normale Gläser, zwei Servietten, zwei Pommeswurstgabeln, je zwei große und zwei kleine Löffel, eine Kerze (mit Ständer!) und Streichhölzer. Witzig – und perfekt! Kein Plastik!!! Außerdem gab es zwei Zettel nebst Kuli, in denen wir unsere Speise- und Getränkewünsche ankreuzen konnten. Champagner (eine Flasche Lanson für je ein 0,1-l-Glas zu Suppe und Hauptgang oder drei andere Getränke nach Wahl). Wir mixten: Einmal Schampus, dreimal Flaschbier (Flens Weizen, Rothaus Tannenzäpfle, Astra Rotlicht).

Serviert wurde on demand – will heißen: Es kann alles ganz schnell gehen, man kann sich aber auch Zeit lassen und schwatzen. Wir wählten die letzere Variante und blieben in diesem Schnellimbiss fast so lange wie in einem normalen Restaurant (was auch ging, weil wir keinem den Platz wegnahmen, dafür aber mit unserem schnieke eingedeckten Tisch andere Gäste in freudiges Erstaunen versetzten).

Die Suppen in offenen Weckgläsern serviert waren nicht so der Hit. Zwar waren sie mikrowellenwarm, was ja im Ernstfall schon die halbe Miete ist, und Currypulver über der Currysuppe konnte auch als Haube durchgehen – aber deswegen würden wir ganz bestimmt nicht wieder kommen. Bei den landesweit gerühmten Pommes und der Wurst sah das schon anders aus. Bei den Pommes war das ja zu erwarten gewesen, denn die liebenswerte Kollegin Dana P. nennt sie “die besten Pommes der Stadt” – und sie kennt sich da aus! Der mich begleitende sonst eher fleischaffine Kollege hatte sich im Sinne der Test-Erfahrung die vegane Wurst bestellt, was man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann. Für Veganer/Vegetarier sicher eine köstliche Alternative zu dem anderen Zeugs, was unsereinen so begeistert, für uns aber kein Grund, sich kulinarisch umzuorientieren. Die Rindercurrywurst kam unserem Geschmacksempfinden schon eher entgegen, auch wenn für die Herstellung dieser Sorte treuherzig-lieb guckende Rindsviecher ihr Leben lassen müssen. Fünf Saucen standen zur Auswahl, je zwei durften wir wählen. Hausgemacht sind sie (steht auf der Webseite), einen Liebling identifizierten wir nicht. Beim nächsten normalen Besuch wird’s wahrscheinlich die scharfe Currysauce werden, die nicht wirklich so scharf ist, dass einem die Tränen kommen…

Curry & Co
Louisenstraße 62
01099 Dresden

Tel.: 0351 | 209 31 54
www.CurryundCo.com

http://www.kochsternstunden.de/index.php/curry-und-co.html 

Öffnungszeiten:
So bis Do 11.00 Uhr – 22.00 Uhr
Fr bis Sa 11.00 Uhr – 02.00 Uhr

[Besucht am 6. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Traditionelles modern interpretiert

Charlotte K

Zitzschewig ist einer der vielen Orte im Osten der Republik, bei denen man am besten gar nicht so genau hinsieht, wie da die Konsonanten aufeinander prallen. Dabei ist es ganz einfach, wie man mit diesem slawischen Gezische umgeht: Vernuscheln. Einfach mal das z zwischen dem t und dem sch weglassen, und dann geht’s doch!

Dieser kleine Exkurs macht es uns ein wenig leichter, sich für Charlotte K. im Radebeuler Ortsteil Zitzschewig zu verabreden. Hier kocht seit dem 1. Dezember 2007 Ines Kuka, eine der wenigen Chefinnen in der Garde der besten Köche im Land. Zum Stil des Hauses gehört auch, dass man die Köche zu sehen bekommt, da sie oft die Teller (mit) an den Tisch bringen. Deswegen kennt und begrüßt die Chefin ihre Stammgäste (deren es viele gibt) dann auch und hat immer ein freundliches Wort übrig – so viel Zeit muss sein.

Das Wohlfühlen spielt also im 1827 gebauten Zweiseithof eine große Rolle. Als wir da waren, gab’s keine freien Plätze mehr – das Konzept scheint also anzukommen. Wir entschieden uns für die Drei-Gang-Variante des angebotenen Menüs und verzichteten auf die Suppe – aber nicht auf den dazu angebotenen Wein: auf den 2010 Grauburgunder „Brüssele“ von Graf Adelmann wollten wir nun wirklich nicht verzichten! Und bis zur Vorspeise kamen immerhin zwei Grüße aus der Küche, die die Wartezeit angenehm verkürzten.

Salat vom Kalbsbäckchen auf Bohnen & Birnen im Kräutersud als Vorspeise waren einerseits eine schöne Erinnerung an heimische Küche (in der es Birnen-Bohnen-Speck gab) und andererseits ein feinschmeckender Beweis dafür, wie man Traditionelles modern interpretieren kann. Die Bäckchen zart und der Kräutersud ein köstlich-würziges Bett für Birnen und Bäckchen. Der dazu gereichte 2010 Rosé „Saigner“ von Markus Schneider ist für sich allein getrunken schon einer unserer Lieblinge, aber zu den Bäckchen legte er noch einmal zu.

Der Rollbraten vom Kaninchen auf Karotten-Lauch -Ragú mit Senfhollandaise erschien uns ein wenig zu trocken – ein bekanntes Phänomen bei Kaninchen. Dafür hatte es Geschmack und somit die zweite Klippe bei Kaninchengerichten bestens umschifft, was auf eine kenntnisreich-liebevolle Behandlung in der Küche schließen lässt. Der passende Wein dazu war ein 2010 Gelber & Roter Traminer Umathum aus dem Burgenland.

Das Dessert hatte das Zeugs, unseren absoluten Liebling bei Charlotte K. auf die Plätze zu verweisen: Eine Schokoladen-Bayrisch-Creme mit Mango. Nicht gerade etwas zum Abnehmen, dafür aber zum Abschlecken (ging aber nicht, da wir keine Chamäleon-Zunge haben und die Creme im Weckglas serviert wurde. Chic, aber unpraktisch und ein gutes Mittel zur Tischsittenerziehung…)

Charlotte K.
Coswiger Straße 23
01445 Radebeul

Tel.: 0351 / 833 6876
http://www.charlotte-radebeul.de
http://www.kochsternstunden.de/index.php/charlotte-k.html

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag ab 18 Uhr

[Besucht am 3. Februar 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Frühere Berichte von den Besuchen 2008 und 2010

Mehr Sein als Schein

Kochsternstunden im Elements

“Essen muss immer spannend bleiben!” sagen Stephan Mießner und Martina Starovicova vom Elements – und treiben die Spannung gegebenenfalls ganz schön auf die Spitze. Bei den Kochsternstunden – einer Veranstaltungsreihe mit in diesem Jahr 25 teilnehmenden Restaurants in und um Dresden – lesen sich Menü und Weinbegleitung extrem simpel.
– Kartoffeln und Quark, Leberwurst (…einfach? …lecker)
– Ragout Fin – Milchkalb (…vom Feinsten)
– Bienenstich (…doch noch Suppe)
Aber wir kennen das Restaurant ja und ahnen bereits: es wird schon keine Schulspeisung geben…

Und so ist es denn auch. Und hier beginnt nun der Eiertanz des Schreibers, der den Schleier der Muttiküche nicht so ganz wegnehmen möchte, sich aber schon ein wenig äußern will. Fangen wir also da an, wo es losging: Beim Apero. Die Bar im Elements ist gut sortiert, und da kann man auch schon einmal mit einem Dessert Wine (so steht’s auf dem Etikett!) anfangen: Ein Pineau des Charentes, auf Eis serviert und weder geschüttelt noch gerührt, sondern einfach genossen. Super Einstimmung!

Ein Dutzend Leute hatten sich für diesen Abend an einem Tisch getroffen – ohne dass sich vorher alle kannten. Hinterher war das schon anders, dazwischen lagen einige Stunden mit vereintem Essvergnügen und beispielsweise die wundervolle Idee eines Mitessers, mit einem Extra-Wein die Lücke zwischen Aperetiv und Essensbeginn zu füllen. Eine Scheurebe, sieh an – darauf muss man ja erst mal kommen, denn da haben wir schon gruseliges Zeugs getrunken. Aber die vom Weingut Max Müller I. im fränkischen Volkach hat uns eines Besseren belehrt: Merken und wieder bestellen, vor allem wenn’s draußen mal so richtig Sommer werden sollte! (Anmerkung: Wir haben nicht so lange durchgehalten und zum Absacker die Runde mit eben jener Scheurebe beschlossen. Naja…)

Nun aber essen! Der erste Gang, in der Aufzählung oben weggelassen, hieß Knuspriger Blumenkohl, Eigelb, Edelkrebs und bot insofern keine Überraschung, als dass es knusprigen Blumenkohl, Eigelb und Edelkrebs gab. Der Blumenkohl kam zusätzlich zur Knusper-Varianrte als Stampf, leider etwas zu lau für unseren Geschmack (zumal die anderen Dinge natürlich, da überbacken, richtig warm waren). Dafür kribbelte Kaviarkorn unterm Edelkrebsüberbackenem, was uns sehr gut gefiel.

Und dann Kartoffeln, Quark und Leberwurst. Das isst man (zumindest in Sachsen) gerne und es kann – mit Leinöl und unter tunlichster Verwendung allerbester Zutaten – sogar richtig gut schmecken. Aber in so einem Elements-Menü ist die schlichte Variante nur schwer vorstellbar. Aber mit den Zutaten kann man ja spielen und die Leber kann bekanntlich so oder so zubereitet werden, Wurst ist das nicht. Wir verraten nichts, außer: Es hätte uns noch viel besser geschmeckt, wenn nicht (wieder) die Temperatur zu wünschen übrig gelassen hätte. Speziell bei der Nicht-Wurst…

Weniger geheimnisvoll müssen wir beim Ragout-Fin sein, weil es andeutungsweise auch auf der aktuellen Karte des Restaurants schon verraten wird. Glückliche (hoffen wir mal) Milchkälber gaben ihr Leben, um Genießer glücklich zu machen: Mit Filet und Bries. Spargel (grüner und weißer), Möhre, Zuckerschoten waren fest und knackig, die Sauce Mornay eine ideale Ergänzung: Frühling, Du kannst bitte kommen!

Zum Dessert war Bienenstich angekündigt, mit dem geheimnisvollen Zusatz: doch noch Suppe. Die kam aber in umgedreht aufgetischten Schüsseln, und das ohne auszulaufen. Trommelwirbel, die Spannung steigt – oh ja, hm. Überraschung gelungen (hätten wir uns aber, wenn wir vorher noch genauer in die Menükarte gesehen hätten, auch denken können…).

Zu allen Gängen gab es den passenden Wein, den Steffen Weber mit bekannt kenntnisreichen Worten anzupreisen wusste. Wobei anpreisen gar nicht nötig war, denn bei alten Bekannten wie einem 2009 Riesling trocken Schloss Johannisberg oder (für uns) Neuentdeckungen wie dem 2010er Spätburgunder Hand in Hand von Meike Näkel (Tochter unseres Lieblingswinzers von der Ahr, Werner Näkel) und Markus Klumpp aus Baden greift doch jeder gerne zu…

Elements Deli & Restaurant
Königsbrücker Straße 96
01099 Dresden

Tel.: 0351 | 27 21 696
www.restaurant-elements.de

http://www.kochsternstunden.de/index.php/elements-deli-restaurant.html 

Öffnungszeiten Restaurant:
Montag bis Samstag 11.00 Uhr – 23.00 Uhr, sonntags 10 – 14 Uhr

[Besucht am 2. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

“Durch unsere Adern fließt Riesling”

Aus dem Archiv nie geschriebener Beiträge® hier einer, der in Fragmenten schon seit fast einem Jahr in der Wiedervorlage herumdümpelte. Ihn zu Ende zu schreiben und endlich zu veröffentlichen hat einen Grund: Roman Niewodniczanski vom Weingut Van Volxem ist vom Genießer-Magazin Falstaff zum Winzer des Jahres gekürt worden. Und womit? Na klar: Mit Recht!

Roman Niewodniczanski

Roman Niewodniczanski vom Weingut Van Volxem im Gasthaus zur Post

“Ich will Ihnen heute gar keine Märchen von Pfirsich und Maracuja erzählen!” sagt Roman Niewodniczanski. Er steht, gefühlte Zweimeterzweiundzwanzig groß (in Wirklichkeit ist er nur unwesentlich kleiner, nämlich 2,03 Meter) im Biedermeier-Salon des Gasthaus zur Post im westfälischen Ladbergen und fesselt bei einem Weinabend rund um seine Weine sein Publikum gleich doppelt: Einmal mit den Saarweinen Großer Lagen, die er mitgebracht hat von seinem Weingut Van Volxem, dann aber auch durch seine Persönlichkeit: Der Mann kann reden, er strahlt unendliche Energie aus – aber ohne dieses unangenehme Getue, das Möchtegernmotivatoren auszeichnet.

Und so steht er denn locker-lässig am Tisch und erzählt. Davon, dass er als Seiteneinsteiger (gelernter Beruf: Berater) und eher vom Pils-Umfeld geprägter Mensch (sein Vater war Geschäftsführer der Bitburger-Getränkegruppe) sich das eigentlich ganz anders vorgestellt habe: “Ein Castello di Irgendwas – das ist doch Lebensqualität!” Aber dann wurde es das “renommierte, aber heruntergekommene Weingut “Van Volxem”, das alles vereinte, was sich der Jungwinzer erträumte: Dramatisch steile Hänge, skelettreiche Schieferböden und eine Weinbaugemeinde mit hoher Anzahl unterschiedlicher Terroirs” (aus dem Portrait auf wein.de).

Sein Ziel sei, Weine zu machen wie anno 1900 – denn die waren richtig gut, damals an der Saar. Und das heißt nicht nur, dass damals sehr gute Preise erzielt wurden für Saar-Weine, sondern auch: Keine Zusatzstoffe, oder mit den Worten von Roman Niewodniczanski: “Wein kann auch aus Trauben bestehen!” Kein Zufall also, dass der Begrüßungssekt im Gartenzimmer des Hauses ein 2007 Brut 1900 war!

Menü zu Weinen von Van Volxem
Menü zu Weinen von Van Volxem

Das Menü begann mit einer Überraschung – typisch Niewodniczanski (ja, ich schreibe jetzt den Namen so lange, bis ihn jede/r gelernt hat!): “Durch unsere Adern fließt Riesling!” sagte er – und hatte einen 2009 Weißburgunder eingeschleust. Vorgesehen war der nicht, aber “als ich das Menü las, dachte ich: der aromatische und leichte Weißburgunder muss es sein!” Und siehe da: Zur Terrine vom Nordsee-Steinbutt mit getrüffelten Artischocken und Kresse-Salat war er wirklich allererste Wahl, und der 2008 Saar Riesling danach gab einen bezaubernden Nachhall. Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass man immer zwei Weine pro Gang haben müsste?

Zum nächsten Gang Ris de veau mit gegrilltem Hummer und gefüllter Ofenkartoffel gab es zwei Rieslinge aus dem gleichem Jahrgang: 2009 Saar Riesling im einen und 2009 Alte Reben Riesling im anderen Glas. Der Saar Riesling war 2010 von der Weinwirtschaft zum “Weißwein des Jahres” gekürt worden – das sollte man wissen, wenn ich etwas verschämt zugeben muss, dass die Alten Reben des gleichen Jahrs uns um Längen besser zum Kalbskopf gefielen. Mit 11,5 % Alkohol folgt er der Devise bei Van Volxem, keinen Wein mit mehr als 12 % Alc. auszubauen. Das erfordert Arbeit im Keller – aber sie lohnt sich. Die bis zu 120 Jahre alten Reben wurzeln tief und bringen körperreiche Weine hervor.

Vor dem Hauptgang (Blanquette vom heimischen Kaninchen im offenen Raviolo mit glasierter Bete, dazu wieder zwei Weine: 2009 Scharzhofberger Riesling und 2003 Altenberg Alte Reben Riesling) noch einige Informationen zum Weingut: Im Jahr 2000 hat Roman Niewodniczanski Van Volxem übernommen – sagen wir mal vorsichtig: Nicht in allerbestem Zustand. Aber die Lagen rundum gehören zu den besten der Gegend (ein Nachbar ist Egon Müller…). Und mit “preußischen Tugenden” (Roman Niewodniczanski über sich) wurde mit Spaß und Arbeit (und wohl auch Spaß an der Arbeit sowie viel Geld) konsequent Qualität angestrebt. Mit Handarbeit, anders geht das nicht, wird Mist aufgebracht, werden die Reben von Hand geschnitten. Ein gigantischer Aufwand bei 43 ha Weinbergen. Niewodniczanski, der Hüne im Weinberg, steht grinsend mit dem Glas in der Hand am Tisch des Biedermeyer-Salons im Gasthaus zur Post und sagt: “Weine lieben die Sonne. Aber noch mehr lieben sie den Schatten ihres Herrn!”

Doch doch, wir hingen nicht nur am Mund des Erzählers, wir haben auch gegessen und getrunken: Das Kaninchen haben wir als eine würdige, weil nicht trockene Begleitung zu den beiden trockenen Rieslingen genossen. Der eine vom kühlsten Weinberg Deutschlands, der andere aus einem heißen Jahr vom wärmsten Weinberg des Weinguts, vom bis zu 70% steilen Hang des Kanzemer Altenbergs. “Das ist kein Berg, das ist eine Wand!” meinte Roman Niewodniczanski.

Zu Geschmolzenen Vacherin Mont d ́Or, Polentaplätzchen und Tréviso Salat gab es – Überraschung! – was Süßes. “Nicht unser Stil” meinte Niewodniczanski, aber wenn’s passt, dann passt’s eben. Und besser als ein Roter sei der 2008 Rotschiefer Riesling allemal! Müder Scherz am fortgeschrittenen Abend: Aber es sei doch ein ROTschiefer…

Den Abschluss bildeten Chiboust von der Passionsfrucht mit karmellisierter Banane und marmoriertem Mango-Kokosnuss-Sorbet zu einem 2005 Scharzhofberger Riesling Auslese.

Weingut Van Volxem
Roman Niewodniczanski
Dehenstr. 2
54459 Wiltingen / Saar

Tel.: +49 (0)6501-16510
www.vanvolxem.de

Gasthaus zur Post
Dorfstr. 11
49549 Ladbergen

Tel.: +49 5485 93 93 0
http://www.gastwirt.de

[Besucht am 5. März 2011 | Lage]

Disclaimer:
Das Gasthaus zur Post ist Kunde von mir – dieser Text aber außerhalb der Aufträge entstanden.

Restaurant Vincent

Restaurant Vincent

Kinnings, wie die Zeit vergeht! Noch keine zehn Jahre ist es her, da schwärmten wir für die Küche des Schloss Eckberg – und meinten damit, auch wenn es in den Kurzbeiträgen für den Feinschmecker so nicht stand, die Leistung von Vincent Clauss. Acht Jahre profitierte das Eckberg von seinem elsässischen Koch, der sich jetzt nach zwei Ausflügen in die Dresdner Erlebnisgastronomie und nach Leipzig einen Wunsch erfüllte: ein eigenes Restaurant.

Das Vincent hat in Striesen, dem Dresdner Viertel guter Restaurants, ein feines Plätzchen gefunden: Die hellen Räumlichkeiten mit großen Fenstern sind geradlinig und geschmackvoll eingerichtet – ein Spiegel der Küche von Vincent Clauss.

Bei unserem Besuch an einem Freitagabend war das Restaurant gut besucht, aber längst nicht alle Tische besetzt. Dennoch haben wir lange auf unser Essen warten müssen – zu lange (an den Fotos kann man es nachvollziehen: Amuse Geule 20.37 Uhr, Vorspeise 21.03 Uhr, Hauptgang 21.37, Dessert 22.05). Aufgefallen war uns das bei der Vorspeisen, die ja mehr oder weniger fertig sind: Austern, Suppe, Salat.

Womit wir bei dem wären, weswegen wir ins Vincent gegangen sind: dem Essen. Kann man an Austern (2 Stück, mit Chesterbrot 4,20 Euro) was falsch machen? Nöö, denn wenn sie frisch sind, sind sie ja sich selbst überlassen. Und sie waren frisch – obgleich uns die Lagerung auf einem (natürlich geeisten) Show-Teller doch nachdenklich stimmte und der dort ebenfalls drapierte Steinbutt am Ende des Abends ganz traurig guckte, weil ihn keiner haben wollte.

Gar köstlich geraten war die Bouillabaisse à la Vincent mit Sauce Rouille und Baguettescheiben (5,80 Euro) – ohne Anspruch auf vollständiges Wissen denke ich mal, die derzeit beste in Dresden: kräftiger Fond, viel Fisch, dezente Schärfe. Wenn man bedenkt, wie weit weg das Elsass (und erst recht Dresden!) von Marseilles entfernt ist…

Hauptgang Nummer eins ist eine humorige Anspielung auf sächsisches Französisch: ”Kokowääh – Coq au vin” nach elsässer Art. Das in Wein geschmorte Huhn wird viel zu selten angeboten! Freundlicherweise war das Hühnchen saftig – und wir hoffen mal, dass es vom Stamme der Glücklichen war… (14,20 Euro). Perfekt geraten auch der Skrei, der mit Trüffelgraupen serviert wurde. Winterkabeljau ist ja per se ein Genuss, und das große Stück war wirklich auf den Punkt gegart. Die Graupen erlebten in der servierten Machart eine Rehabilitation – wer sie in schlechter Erinnerung hat und im gleichen Atemzug von Risotto schwärmt, sollte sie hier probieren und “Tschuldigung, Graupe!” sagen.

Zum Abschluss gönnten wir uns, da sind wir phantasielos, die Crême brûlée mit Ananas-Minz-Salat (5,20 Euro) und beschlossen, nächstes Mal mehr Mut zu haben. Woraus der erfahrene Leser (wie auch die erfahrene Leserin, natürlich!) schließen kann: Die CB war nicht die beste der Stadt, sondern lediglich ordentlich. Aber wir fanden’s insgesamt doch wiederbesuchenswert…

Restaurant Vincent
Wittenberger Straße 49 / Ecke Bergmannstraße
01309 Dresden

Tel.: 03 51/31 90 64 04
www.restaurantvincent.de

Geöffnet: 
Dienstag 17-23 Uhr
Mittwoch bis Sonnabend 12 bis 23 Uhr
Sonntag und Feiertage 11 bis 23 Uhr

[Besucht am 24. Februar 2012 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Sex and Drugs, no Rock’n'Roll…

im Red Light District

Man hört ja immer wieder, dass Leute nur nach Amsterdam fahren, weil es dort alles geben soll von diesem Sex, diesen Drugs und zur Entspannung wohl auch Rock’n'Roll. Dabei muss man gar nicht deswegen nach Amsterdam fahren – man stolpert schnell über all die Dinge, die die Stadt kribbeln lassen. Zuerst schlenderten wir, völlig unvorbereitet, ins Rotlichtviertel. Und das kam so: Wir waren gerade angekommen und gingen vom nahe gelegenen Hotel Richtung Zentrum. Kurz vorm Neumarkt fanden wir einen Thailänder: Song Kwae Thai. Als wir (so gegen 21 Uhr) ankamen, war es rappelvoll, aber der wieselflink durchs Restaurant huschende Service signalisierte schon: Da wird gleich was frei.

Song Kwae Thai Restaurant
Song Kwae Thai Restaurant

Der Zufallsfund entpuppte sich als gute Wahl: Seit 1995 gibt’s das Restaurant, die Karte liest sich sehr authentisch. Hinten, am Ende des schlauchartigen Restaurants, kann man in die offene Küche sehen – Geheimnisse scheinen die Köche nicht zu haben. Einen guten Einblick verschaffte die gemischte Vorspeisenplatte Song Kwae Mix Lek (9,25 Euro) mit Satéspieß vom Huhn, Frühlingsrolle, Garnele und Gehacktem. In bester Erinnerung blieb die Sauce, die dazu gereicht wurde!

Moe Himmaplaan (XX Euro) war ganz harmlos Schweinefleisch, Cashewkern und Gemüse: lekker lekker, wie die Niederländer sagen, wenn’s ihnen schmeckt. Gar nicht harmlos, weil rattenscharf, brannte sich Kaeng Daeng Kai (xx Euro) ins Gedächtnis ein: Huhn, Bambus, Bohnen – und das alles in rotem Curry. O-ha!

im Red Light District
im Red Light District

Noch während unseres Essens leerte sich das Restaurant: In den Niederlanden geht man eher früh essen und macht sich dann auf, was anderes zu erleben. Wir starteten den Verdauungsspaziergang am Neumarkt entlang und kamen ins chinesische Viertel, wunderten uns noch voll naiv, warum es links in den Seitenstraßen so voll war und liefen immer weiter, bis wir den Bahnhof erblickten. Da wollten wir aber nicht hin, also links ab – und waren dann mittendrin im Rotlichtviertel. Die Damen in ihren Verrichtungszellen sind blöde Touris nicht nur gewöhnt, sie leben davon. Gleich gruppenweise – nein, nicht was Sie jetzt denken: laufen die Leute vorbei. Aber manchmal wird dann eben doch einer reingeschickt, die draußen geiern sich halb scheckig, der drin hat sein Vergnügen und hinterher beim Bier was zu erzählen.

im Red Light District
im Red Light District

Es gibt Abteilungen für jeden Geschmack: Unglaublich Dicke und unwahrscheinlich Dürre, Farbige und Blasse, Blonde und blond Gefärbte. Was den Touristen Spaß bereitet, schafft hinter den Kulissen Ärger – von Menschenhandel ist die Rede und anderen unschönen Dingen. In der englischsprachigen Wikipedia steht der Satz einer ehemaligen Amsterdamer Prostituierten, die jetzt im Stadtrat sitzt: “Es gibt Leute, die wirklich stolz auf das Rotlichtviertel als Touristenattraktion sind und es für einen wunderbaren fröhlichen Ort halten. Aber es ist eine Jauchegrube. Es gibt eine Menge von schwerer Kriminalität. Es gibt eine Menge von Ausbeutung von Frauen und viel soziales Elend. Das ist nichts, worauf man stolz sein kann.”

Priscilla Jourdan
Priscilla Jourdan

Vor den Kulissen freilich ist alles eben rosapuffrot und heiter. Fotografieren ist, aus verständlichen Gründen, nicht erwünscht – außer bei den zu Modeläden oder Galerien wie der von Priscilla Jourdan umfunktionierten Schaufenstern (ihr Il Gioiello, sagt sie, sei die kleinste Galerie der Welt). Denn als vor einigen Jahren das Geschäft mit der Prositution überhand zu nehmen drohte, ließ die Stadtverwaltung des liberalen Amsterdam einige Schau-Fenster mit Hinterland zwangsweise schließen und stellte sie einem Projekt zur Verfügungt, dass auf ganz andere Weise dem Voyerismus entgegen kommt: Mode-Designer stellen jetzt dort ihre Puppen aus, die Red Light Fashion soll dem 6.500 Quadratmeter großen Viertel einen weniger anrüchigen Anstrich geben. Nach unseren Beobachtungen interessierten sich die herumtrollenden Heerscharen der Touristen aber nicht für Mode.

Ersatzteillager
Ersatzteillager

Tagsüber sind alle Fenster grau, aber Farbe kommt dennoch ins Viertel durch viele bunte Geschäfte. Ein Sexshop hier, Fetische dort, nebenan eine bunte Mischung aus Augenlidern, Ersatzgliedern und Brüsten, eine wundersame Ausstellung von Plaste und Elaste aus Schkopau- Zwischendurch finden sich Coffeeshops, in denen es für “positive people with good vibes” (Schild gesehen am Barneys) Gras und Haschisch a la carte gibt. Der süße Duft bleibt natürlich nicht in den Coffeeshops, so dass, wer nur mal schnuppern will oder unter 18 ist, auch genüsslich draußen langschlurfen kann.

Magic Truffels
Magic Truffels

Auch legal in Amsterdam: Kahlköpfe. Also nicht die extrem dummen Jungs, sondernPsilocybe. Magic Mushrooms, halluzinogene Pilze – oder, wie die Österreicher es charmant nennen: Narrische Schwammerl. Nicht meine Welt, weswegen wir dran vorbei gegangen sind…

Song Kwae Thai Food
Kloveniersburgwal 14a
1012 CT, Amsterdam
Tel. 020 624 2568
www.songkwae.nl

Geöffnet: täglich 13 bis 22.30 Uhr
[Lage]

Gasthaus Hellerau

Kaffee Hellerau

Wer als Tages- oder Wochenendtourist nach Dresden kommt, schafft es meistens nicht in die Gartenstadt Hellerau im Norden der Stadt. Das ist ein Fehler, aus vielerlei Gründen. Zu allererst verpasst man dann natürlich die 1909 von Richard Riemerschmidt geplante Gartenstadt, zu der so wunderbare Straßenzüge wie “Am grünen Zipfel” (was für ein bezaubernder Straßenname!) gehören. Und natürlich ergibt sich ohne Besuch von Hellerau auch nicht die Gelegenheit, ins Gasthaus am Markt einzukehren. Was schade ist, denn da ist es richtig nett.

Man könnte dort als flüchtiger Besucher auf der Suche nach einem Restaurant vorbei gehen, denn in feiner Bauhaus-Schrift stehen die Worte Hellerau und Kaffee am Haus, und an der Ecke wartet schon seit 1930, als das Haus gebaut wurde, ein Bäckersjunge mit einem Sandsteinkuchen auf dem Arm auf Kundschaft. Drinnen aber befindet sich seit 2008 (als das Haus durch den Wirt Torsten Pötschk renoviert wurde) eine Kneipe im einen und ein Restaurant im anderen Zimmer.

Im Kneipenteil gibt’s schon mal Fußball im Fernsehen für die Stammgäste und auf jeden Fall Pils vom Fass (0,3l Radeberger für 2,10 Euro) – im Restaurantteil gepflegtes Hintergrundgedudel in schöner Atmosphäre. Für die sorgt, was Hellerauer nicht wundert, Heike Pötschk von der “grünzeug” Floristik gegenüber mit geschmackvollen Blumenarrangements.

Wir probierten Ziegenkäse-Crostini auf Ruccolasalat (5,90 Euro) und wunderten uns, dass die Weißbrotscheiben so gar nicht kross waren. Doch der Geschmack und das schlichte, aber ordentliche Dressing trösteten über die nicht erfüllte Erwartungshaltung hinweg. Die Holundersuppe mit Calvadosapfelspalten (4,10 Euro) wurde in einem schwungvoll designten Teller serviert – und schmeckte prima: So richtig was für die kalte Jahreszeit.

Sehr erfreut waren wir, wie ernst die Küche das Wort rosa bei der Entenbrust genommen hatte. Zart war das Fleisch auch, und zusammen mit der Thymiansauce und dem knackigen Gemüse sowie den Hellerauer Quarkzipfeln (15,90) war dieser Gang ein Genuss, der uns ein fröhliches “Geht doch!” entlockte. Ebenso positiv fiel das auf der Haut gebratene schön saftige Zanderfilet aus (14,90 Euro), wobei der dazu servierte Blattspinat besonders gefiel und fast ein Grund wäre, noch einmal nur deswegen wiederzukommen (das Geheimnis: ein Hauch Knoblauch und ein Schuss Weißwein im frischen Spinat).

Dessert oder nicht? Wir blätterten noch einmal durch die liebevoll gestaltete Karte, blieben aber an den Hellerauer Skizzen von Carola Finkenwirth hängen, weil einfach kein Platz mehr war für Crêpe oder Quarkzipfel…

Gasthaus Hellerau
Markt 15
01109 Dresden-Hellerau
Telefon: ( 03 51 ) 8 83 44 70
www.gasthaus-hellerau.de

Öffnungszeiten:
Dienstag – Freitag 16:00 – 22:00 Uhr
Samstag 11:00 – 23:00 Uhr
Sonntag 11:00 – 21:00 Uhr
Montag Ruhetag

[Besucht am 17. Februar 2012 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Im Jordaan

Lindenhof

Das Viertel ist angesagt – seit einigen hundert Jahren, wenn auch für unterschiedliche Schichten oder Zielgruppen. Früher war der Jordaan eher ein Arbeiterviertel, heute findet man dort die unvergleichliche Mischung aus Wohnen und Ausgehen, aus Einheimischen und Touristen, aus Kitsch und Kunst. Am besten erläuft man sich das Viertel zwischen den Kanälen Prinsengracht, der Looiersgracht, der Lijnaansgracht und der Browersgracht im freien Zickzack der Gassen, die sich hier der Grachten-Symmetrie des Amsterdamer Zentrums verweigern: Jordaan legt sich quer und ist ein bisschen schräg…

Quinta
Quinta

Wir betraten das Viertel über die Brücke Leliegracht gleich hinter dem Anne Frank Haus. Und sofort ist man drin im Vergnügen: Quinta wirbt mit fijne wijnen, absinthe, jenevers und behauptet in aller Bescheidenheit, der beste Ort in ganz Amsterdam für den wirklichen Absinth zu sein. Wir also hinein und erst mal mit dem Inhaber ins Gespräch gekommen, der nach niederländischer Begrüßung und englischer Antwort gleich mal ins Deutsch wechselte. Wir ließen uns in den Abteilungen Absinth und Jenever beraten, wobei es den Jenever – ein Wacholderschnaps – auch zu probieren gab. Hier lernten wir, dass die Reihenfolge “jonge jenever – oude jenever – lekker jenever” erstens logisch ist und zweitens leider auch was mit dem Preis pro Flasche zu tun hat.

Absinth-Lektion
Absinth-Lektion

Für die Absinth-Beratung durften wir uns dann hinsetzen! Es folgte eine kleine Geschichtslektion, die nicht wirklich sensationell war, weil das auch alles so oder so ähnlich in der Wikipedia steht. Was dort freilich fehlt, ist die Begeisterungsfähigkeit des Vortragenden, der Schalk in den Augen bei der Begründung des Verbots (alles Machenschaften von Lobbyisten zur Förderung des Weinkonsums) – und die Möglichkeit, sich für den Eigenbedarf ein Fläschen mitzunehmen. Was im Vortrag (vielleicht verständlicherweise) fehlte, war der Hinweis, dass der Amsterdamer Weinhändlerkollege Menno Boorsma mit seiner Klage erreicht hat, das Absinth seit 2004 in den Niederlanden wieder verkauft werden darf.

Café Chris
Café Chris

Der Bummel durchs Viertel macht Spaß, es ist der Beweis, was für schöne Häuser man aus Klinker bauen kann. An vielen Giebeln sieht man Jahreszahlen: 1642, 1763, 1624. Die letztgenannte steht auf dem Fenster des Café Chris, der ältesten Gaststätte des Viertels und eine der vielen, die von sich sagen: die älteste in Amsterdam. Es ist eines der “bruine Cafés”, der braunen Cafés. Die findet man überall in Amsterdam, und es handelt sich keineswegs um Cafés im deutschen Sinne – eher sind es Nachbarschaftskneipen. In allen (aber auch wirklich: allen) unseren Quellen stand: Die heißen “braun”, weil das Mobiliar vom Rauchen im Laufe der Jahre braun geworden seien. Überall steht dann, dass es keine Musik gibt in den braunen Cafès – und das ist, mit Verlaub, großer Quatsch: Im Chris gab’s chilligen Jazz, in anderen von uns besuchten “Braunen” dudelte es ebenfalls. Auch Klischees wie “Holzfußboden mit feiner Sandschicht” sind nicht gelebte Praxis, sie lesen sich nur gut.

Karthuizerhof
Karthuizerhof

Auf dem Weg ins Café Chris konnten wir eine andere Spezialität des Viertels erleben: Schmucke Innenhöfe, hofjes auf niederländisch. Bei den hofjes handelt es sich um Witwenhäuser, meistens als Stiftungen (von wohlhabenden Bürgern) für Arme errichtet. Über 200 gibt es davon in den Niederlanden, 47 davon in Amsterdam. Und die Hälfte aller Amsterdamer hofjes befindet sich im Jordaan – da waren die Grundstücke vergleichsweise preiswert. Einige Höfe sind der Öffentlichkeit zugängig, zum Beispiel der Karthuizerhof. Ein schmucker Garten kennzeichnet den Komplex, der 1650 für Witwen und ledige Mütter mit ihren Kindern errichtet wurde.

Mamma Rosetta
Mamma Rosetta

Zum Mittagsimbiss landeten wir bei einem (offensichtlich recht neuen) Italiener: Mamma Rosetta. Der Chef ist Sohn italienischer Einwanderer, sein Vater war wohl auch schon Koch und ganz wichtig: Die Großmutter. Denn deren Rezepte kochte schon der Vater und nun auch der Enkel. Mama Roisetta ist unten ein alimentari und oben eher ein Bistro, es gibt Ciabatta, Pasta und einige wenige Fleischgerichte (Wildschein und Lamm, immerhin). Angeblich besonders gut sein soll die Lasagne – aber das habe ich erst später zu Hause gelesen. Meine Spaghetti ließen aber erahnen, dass das Gerücht stimmt ;-) – auf jeden Fall war der kurze Ausflug in die Toscana mitten im Jordaan nicht schlecht!

Orgel
Orgel

Der unverwechselbare Klang einer typisch holländischen (!) Drehorgel lockte mich während des Besuchs nach draußen. Die Romantik ist ein wenig hin, seitdem Dieselmotoren die Walzen in Bewegung versetzen – aber immerhin lieferte das Prachtexemplar noch ein Jordaan Potpourri. Das ist allerdings keine Aneinanderreihung von Heimatgesängen aufs Viertel, sondern Musik von Johnny Jordaan. Das war ein Amsterdamer Sänger, singender Kellner und zumindest in der Jugend ein wenig unvorsichtiger Mann – er verlor im Alter von neun Jahren bei einer Rauferei ein Auge. Ihm zu Ehren gibt es weiter südlich im Viertel den Johnny Jordaan-Plein in der Elandsgracht – aber das war ein anderer Spaziergang…

Quinta
New Leliestraat 4
1015 SP Amsterdam
Tel.: 020-4270226
Mobil: 06 44028228
www.quinta-wijnen.nl
Geöffnet:
Montag – Freitag: 12.00 bis 18.30 Uhr
Samstag: 10.00 bis 18.30
Sonntag: 12.00 bis 18.30 Uhr

Cafe Chris
Bloemstraat 42
1016LC Amsterdam
Tel: 020-6245942
www.cafechris.nl
Geöffnet:
Montag bis Donnerstag: 15.00 bis 01.00 Uhr
Freitag & Samstag: 15.00 bis 02.00 Uhr
Sonntag: 15.00 bis 21.00 Uhr

Mamma Rosetta
Lindengracht 158
1015 KK Amsterdam
Tel. 020-7520603
www.mammarosetta.nl
Geöffnet:
Montag – Samstag: 11.00 bis 21.00 Uhr
Sonntag: 12.00 bis 21.00 Uhr

Gut gesagt!

Rauchen ist tödlich - entdecke mehr!

Die Menschen in den Niederlanden sind freundliche Leute. Nur manchmal gucken sie etwas genervt – Fußballer können da ebenso ein Lied von singen wie Sprachwissenschaftler, obwohl die ja sonst kaum Berührungspunkte haben. Fußball interessiert uns nicht so, aber was die Holländer so mit der Sprache machen, ist schon spannend.

Es geht ja damit los, dass ich hier “die Holländer” geschrieben habe, wo doch “die Niederländer” viel korrekter gewesen werde. Ergo heißt es auch nicht “holländisch”, sondern “niederländisch” – aber ganz egal wie man das nun nennt, so oder so ist das kein Dialekt des Deutschen. Umgekehrt wird allerdings manchmal ein Schuh draus: Rund um Kleve und bis hinein ins Bergische Land kann man die Eingeborenen einen Dialekt des Niederländischen reden hören (wenn sie es denn noch können…).

Trotz der vielen Sprachgemeinsamkeiten vor allem im Grenzbereich, wo die Dialekte des Deutschen und die des Niederländischen einander sehr ähneln, gibt es Dinge, wo unsereins sich schmunzelnd freut und der gemeine Niederländer nicht versteht, warum so ein Schild auch noch fotografiert werden muss: “Geen steentjes in het water gooien” lesen wir und freuen uns, dass dieses Schild im Wasser von zahlreichen Steinen gehalten wird. Wer’s nicht lassen kann, muss das Schild wörtlich nehmen und vor allem auf das -tjes achten: Die im Niederländischen sehr beliebte Verkleinerungssilbe könnte doch ein Hinweis darauf sein, dass man es mit größeren Steinen durchaus versuchen könnte…

Manchmal erscheint uns Teutonen das Niederländische doch wie Poesie: “Verboden fietsen te plaatsen” klingt so musisch und unterscheidet sich vollinhaltlich doch überhaupt nicht vom “Fahrräder anlehnen verboten!” Auch der Hinweis auf den Störfaktor von Handies klingt niederländisch charmant: “Niet mobiel bellen!”

Verbote, Verbote, Verbote: Die Welt ist hier wie da die gleiche. Aber wenn unsere westlichen Nachbarn den Hunden der Welt, die unter uns gesagt gar keine Menschensprache sprechen, lieber angliziert als nederlands kommen und ein Schild “No Poop Zone” ins Fenster hängen, dann zeugt das von Universalaufgeschlossenheit.

Wer derart liberal gesinnt ist, der weiß auch dem in jeder Zigarettenschachtel lauernden Tod von der Schüppe zu huppen. Discover more, entdecke mehr: Rauchen ist tödlich, oder wie der Holländer sagt: roken is todelijk!