Zu den Märzenbechern im Polenztal

Märzenbecher

Märzenbecher sind was Seltenes, und wer sie in seiner Gegend hat, wähnt sich offensichtlich gleich als Sieger: “Eines der größten Vorkommen in Deutschland dieser streng geschützten Pflanze ist der Leipziger Auwald (Stadtwald)”, schreibt die Wikipedia und fährt fort: “Größere natürliche Vorkommen wildwachsender Märzenbecher innerhalb Deutschlands finden sich auch im Polenztal der Sächsischen Schweiz zwischen Polenz und Hohnstein, am Schweineberg im Stadtforst Hameln, bei Haina (Grabfeld) sowie am Nordabhang der Fränkischen Alb bei Ettenstatt in Bayern.”Das Schild am Eingang zur Märzenbechergegend im Oberen Polenztal ist älteren Datums, wie man an der überschriebenen Staatszugehörigkeit sieht (wo heute “in der BRD” steht hieß es früher “in der DDR”). Auf dem Schild ist vom “größten Wildvorkommen” Sachsens die Rede – und ich frage mich, ob die Märzenbecher im wunderbaren Leipziger Auenwald zahm sind…

Russigmühle
Russigmühle
Apropos Eingang zur Märzenbechergegend: Deren gibt es zwei, die jeweils auch Ausgänge sind – je nachdem wo man anfängt und aufhört. Wir kamen von derRussigmühle etwas stromab der Polenz. Dort galt es ein paar hübsche Fotos des bestens restaurierten Hauses (1848 gebaut, steht über dem Eingang) zu machen und einen Schatz zu heben. Ersteres wegen der gerade korrekt im richtigen Winkel stehenden Sonne am Anfang der Tour, letzteres am Ende: Geocacher haben’s nicht so mit vorbei laufenden Spaziergängern. Doch zu Muggeln und Schätzen später mehr.
Da lang
Da lang

An der Heeselichtmühle - laut Sandsteinrelief neueren Datums von 1561 – warnt ein Schild lieb vor dem Hund. Die alte Mühle ist in Privatbesitz, der Wanderweg führt quer übers Grundstück – da braucht man gute Nerven! Selbst der Hund scheint kapituliert zu haben vor den Menschenmengen – oder er ist heiser vom vielen Besucher melden: gesehen haben wir ihn nicht. Ansonsten ist das ein Haus, an dem immer gewerkelt wird – und sie vermieten Zimmer. Hübsche Lage, aber tagsüber lauter Menschen am Wochenende vor der Tür…Die Polenz kommt einem munter plätschernd entgegen – nahezu auf Augenhöhe. Märzenbecher sieht man hier kaum – die kommen später. Dann und wann tauchen sie allerdings auf, zum Beispiel in kleinen Brachen zwischen Ästen und Zweigen: das ist die richtige Umgebung für die Frühlings-Knotenblume(Leucojum vernum). Am Wegesrand gibt es aber nicht nur Blumen, sondern auch Rost: Mit Freuden entdeckte ich den Bus, der bereits vor zwei Jahren an der Scheibenmühle vor sich hin rostete. Wie schön, dass es Konstanten im Leben gibt! Die Scheibenmühle ist mittlerweile im eher rüden Stil bewirtschaftet, falls das jemanden interessiert – wir waren nicht drin.

Märzenbecher-Wiese
Märzenbecher-Wiese

Direkt hinter der Scheibenmühle gibt es dann die ersten größeren Märzenbecher-Teppiche. Um die Mittagszeit liegen sie im Schatten, wir sind auf dem Rückweg eigens nochmal hierhin, um sie im Sonnenlicht zu erwischen. Die naturgeschüzten Märzenbecher stehen nämlich am liebsten auf Wiesen, die man aus gutem Grund nicht betreten darf. Hier gab’s kein Schild, keine Absperrung und am Rand genug Platz, um sich heranzupirschen, ohne etwas zu zerlatschen. Sylke, die sich für Blumen schon mal flach auf den Boden legt, fand sogar dafür Platz – und wo es zu eng für den flachen Bauchklatscher war, gab Curly die hockende Grazie.Der Wanderweg verlässt die Flussebene und geht ein wenig in die Höhe, so dass man auf die sich durchs Tal schlängelnde Polenz sehen kann. Muntere Bächlein kommen vom Berg herab, was den Weg manchmal etwas pitschepatschig macht – die meisten Menschen hier wissen das und verzichten auf Stöckelschuhe – und für die ganz verrückten Touristen aus der großen Stadt ist es ja noch nicht die Jahreszeit.

Kleiner Fluss mit großer Schleife
Kleiner Fluss mit großer Schle…
Wenn die Polenz in Schleifen wie die große Schwester Elbe durch die Gegend plätschert, dann gibt es zwangsläufig immer mal wieder einen Richtungswechsel- Beim kalten Märzwetter sind das temporäre Temperaturwechselbäder: In der Sonne ist es schön warm (Jacke auf), im Schatten empfindlich kalt (Jacke zu). Das klingt gemein, aber eigentlich hat die Natur ja doch einen großen und guten Plan, denn während auf der (märzenbecherfreien) Wiese am Waldesrand die Menschen in der Sonne sitzen, lugen auf der (menschenfreien) Aue im Schatten des Waldes die Märzenbecher aus den letzten Schneeresten.
Betreten verboten
Betreten verboten

Kurz vor der Bockmühle kommt das das größte zusammenhängende Märzenbecherareal. Hier wurden wir vor zwei Jahren von einer pensionierten Oberlehrerin angerungst, wiel wir uns zu dritt mit unseren Kameras den zierlichen Naturgeschützten von der Seite her genähert hatten (vgl. Originalbeitrag). In diesem Jahr verwiesen die Eulen der Naturschutzbehör.de darauf, dass das Betreten der Wiese verboten sei – was wir natürlich respektierten. Offensichtlich sind hunderte behende über die Auen hupfende Fotografen im Ergebnis dann doch eher einer Trampeltierherde gleich zu setzen…

Auf dem Gohrisch

Zwischen Papstdorf und Gohrisch

Auf dem Malerweg (2)

Der Gohrisch ist entweder 448 Meter hoch (so jedenfalls die Gravur auf der Bodenplatte der Wetterfahne, das offizielle Hinweisschild oben auf dem Plateau und die Malerweg-Info) oder nur 439,80 (Karte und Wikipedia) – aber in diesem sowieso nicht rekordverdächtigen Bereich spielt das vielleicht gar nicht so die große Rolle. So oder so ist der Gohrisch ein netter Tafelberg, der eine grandiose Rundumsicht bietet – wenn das Wetter mitspielt, natürlich nur. Wir wollten ihn, nach Sonnenaufgangsbeobachtungen auf dem gegenüber liegenden Papststein und Frühstück beim Rumpelt-Bäcker in Papstdorf besteigen und dann im weiten Rund ein Stück dem Malerweg folgend aus der Ferne würdigen.

Bäckerei Rumpelt
Bäckerei Rumpelt
Der Bäcker hat auch ein Café – aber so eins, wie es in kleinen Dörfern häufig anzutreffen ist: Kleine Ladentheke, nicht sonderlich überbordend. Nebenan ein Raum mit Rattanstühlen an Marmortischen – moderne Rustikale, sozusagen. Besonders einladend wirkt das nicht, aber eine nette Bedienung (ich denke mal: die Chefin) macht das wieder wett. Na klar könnten wir frühstücken, sagt sie – es ist halb zehn, das ist für hiesige Verhältnisse schon spät: das Café öffnet um sieben. Süß oder deftig? Ähm: erst deftig, dann süß, bitte. Und je einen Pott Kaffee! Die Brötchen suchen wir uns selber aus, den Rest bekommen wir: Ausreichend, mit einem halben Stück Butter – da können sich viele Hotels und Pensionen mal ein Beispiel nehmen. Der Kaffee schmeckt gut, ist aber leider etwas lau statt heiß. Aber ansonsten gefällt es uns, und beim süßen Nachschlag gibt’s sogar noch Mandelgebäck kostenlos obendrauf: “Das ist übrig geblieben – war zuviel für die konfektionierten Tüten!”
Am Rande des Dorfes parken wir das Auto und gehen eine Birkenallee entlang Richtung Gohrisch. Das Waldstück, in dem der Pfad parallel zur Straße führt, hatten wir uns überhaupt nicht spektakulär vorgestellt – aber wir hatten nicht mit der Sonne gerechnet, die sich durch den auflösenden Nebel strahlt und hinter jedem Baum neue Lichterspiele veranstaltet. Wir sind auf dem Malerweg – wenn auch nur auf einem Teil des modernen, von der Tourismusindustrie gestalteten: Der alte, originale Malerweg verlief nur rechtselbisch und kennzeichnete die Tour, auf die die Maler die Sächsische Schweiz erkunden wollten. So ganz exakt hat man ihn nicht nachempfunden – es fehlt das Stück rüber nach Tschechien zum Prebischtor, und statt dessen gibt es linkselbisch einen Rückweg nach Pirna – auf einem Teil davon befinden wir uns hier seit dem Papststein.
Strahlungen (1)
Strahlungen (1)

Irgendwann ist dann plötzlich Schluss mit lustig – die Bäume hören auf, der Fels beginnt. Ein Schild unten hatte zur Vorsicht gemahnt: Die Aufstiege seien mit Holzleitern versehen und erforderten unbedingte Tritttsicherheit. Sowas ficht mich nicht weiter an – solange der Spalt zwischen den Felsen meinem Astralkörper und dem Fotorucksack ausreichend Platz bietet und es nicht schwindel erregend bergab geht, mache ich das gerne mit und werde obendrein mit wohlwollenden Worten meiner Begleitung motiviert. Das Gekraxel hielt sich in Grenzen und schuppdiwupp hastenichtgesehen waren wir oben.Eine Schutzhütte steht da und lädt zum Ausruhen ein, leider war sie schon besetzt. Wir also weiter auf dem Plateau des Gohrisch bis zur Wettterfahne. Sie stammt aus dem Jahr 1985 und trägt die Inschrift “Berg Heil”, was mir unwillkürlich bedenklich vorkam in dieser Gegend, die ja unselige Heilsjünger gerne in örtliche und regionale Parlamente wählt. Aber die Wikipedia belehrte mich eines Besseren: “Unter Bergsteigern ist die Formel Berg Heil! geläufig, die insbesondere dann angewandt wird, wenn Bergsteiger einen Gipfel erklommen haben.” Und auf dem Gipfel steht die Wetterfahne ja!

Blick zum Pfaffenstein
Blick zum Pfaffenstein

Die Aussicht ist hier in der Tat faszinierend, und da fragt man sich doch, wieso der Gohrisch erst 1886 als einer der letzten Tafelberge der Gegend für den Tourismus fit gemacht wurde. Emil Grünewald, der bei diesem Namen ja gar nichts anders als Königlicher Oberförster werden konnte, hat für Treppen und Stufen gesorgt, so dass man da oben rauf und auch wieder runter kommt. Der hiesige Gebirgsverein hat dem Mann zu seinem 100. Todestag 1992 eine Bank errichtet mit Widmung in Stein, so dass man sich jetzt vor dem Auf- oder nach dem Abstieg ausruhend dankbar setzen kann.Der Malerweg, auf den man nun wieder nach dem Abstecher auf den Stein stößt, führt zur Stadt Gohrisch – die wir jedoch nicht erreichen, weil wir vorher links abbiegen in den Balzpfad. Warum der so heißt? Keine Ahnung. Pfade haben nun mal ihre Namen, und dieser ist eben der von der Balz. Ein Hochstand mit laveder unterer Stufe ist ansonsten stabil genug, zwei hungrigen Wanderern ein erhabener Rastplatz zu sein. Was sehe ich da auf der Lichtung? Einen Trog. Die Herren Jäger machen es sich ganz schön leicht…

Sonnenaufgang auf dem Papststein

Die Fotografin über dem Nebelmeer...

Auf dem Malerweg (1)

Das Elbsandsteingebirge hat, seit es im 18. Jahrhundert von den beiden Schweizer Künstlern Adrian Zinng und Anton Graff für den Tourismus entdeckt wurde (sie prägten den Begriff “Sächsische Schweiz“), vor allem Maler begeistert: Die Stimmungen dort sind durch Licht und Felsen immer wieder anders, sie changieren zwischen kitschig-romantisch und verwegen-bedrohlich. Ein 112 Kilometer langer Wanderweg durchzieht dieses Gebiet – von Liebethal bei Pirna schlängelt er sich rechtselbisch durch den Nationalpark bis zur tschechischen Grenze, wechselt die Elbseite und führt zurück bis Pirna.

Und nun kommt’s: Man muss die 112 Kilometer nicht an einem Tag abhecheln! Acht Touren schlagen die Malerweg-Organisatoren vor – für unsereins immer noch zuviel: da bleibt ja gar keine Zeit zum Fotografieren! Aber man kann sich die Häppchen noch kleiner schneiden: Wir versuchten es mit einem Besuch des Papststeins am Morgen und einem Rundgang (mit Besteigung) des Gohrisch.

Die Fotografin über dem Nebelmeer...
Die Fotografin über dem Nebelm…

Weil frühmorgens, wenn man Glück hat, die Nebel so schön durch die Täler wabern, sind wir quasi vor dem Aufstehen aus den Federn gekrochen und die 390 Holzbohlen-Natur-Stufen und 101 Treppenstufen zum 451 Meter hohen Papststein hoch gehechtet. Den letzten Tag der Sommerzeit nutzend, erwarteten wir gegen 7 Uhr 46 den Sonnenaufgang – und waren pünktlich um 7 Uhr 31 mit aufgebautem Stativ auf dem Plateau des Tafelbergs aufnahmebereit!Die Täler rundherum waren mit Wattebäuschen ausgefüllt – im Dämmerungs-Grau-in-Grau schmiegten sich die Nebel nahezu unbeweglich an die Berge rundherum. Den Gohrisch gleich gegenüber erkennt man natürlich gut, je nach eigenem Standpunkt lugt manchmal links dahinter der Pfaffenstein mit der Barbarine hervor.

Raute fliegen
Raute fliegen
Richtung Osten kam Farbe ins Spiel: der Himmel wurde hell und blau, am Horizont tat sich ein orangener Streifen auf, der sich bald an einer Stelle beulte: Sonnenaufgang! Wie auf Bestellung düste der Jetset herbei und kondensierte Rauten in den Himmel: Was hätten die Maler vor zweihundert Jahren wohl daraus gemacht? Sie haben gegenüber uns Fotografen ja den Vorteil, Wunsch und Wirklichkeit geschickt vermischen zu können, sie können idealisieren und fantasieren, störende Vordergründe weglassen, fehlende ergänzen – der Kreativität und künstlerischen Entfaltung sind da keine Grenzen gesetzt. “Der Wanderer über dem Nebel” vom begnadeten CDF beispielsweise zeigt eindeutig den Zirkelstein – aber die “Felsengruppe vor diesem Berg stellt den Gamrig bei Rathen dar”, wie die Wikipedia weiß. Eine schöne Animation zu diesem Bild fand ich übrigens hier - ganz unten auf der Seite. Einfach mal ansehen, lohnt sich!
Gohrisch
Gohrisch

Die Sonne verliert ihre morgendliche Schamesröte schnell, man mag nun gar nicht mehr direkt hinsehen – Zeit für einen Seitenwechsel: Den Blick gen Westen, auf den mit 448 Metern nahezu gleich hohen Nachbarn gerichtet – und auf die heute im allgemeinen Dunst eher zurückhaltende Festung Königstein weiter hinten. Rechter Hand lugt nur ein Zipfel des Lilienstein hervor – zwischen uns und diesem einzigen rechtselbischen Tafelberg liegt die Elbe – und dort treiben es die Nebel besonders dicke! 415 Meter hoch ist der Lilienstein – offensichtlich zu niedrig, um groß aus dem Wattebausch heraus zu lugen.Rund um den Königstein wabert es eher diffus: Aus dem Bodennebel im Tal wird ein Hochnebel, der sich als allgemeiner Dunst gar nicht gut auf die Fernsicht auswirkt. Aber man kann ja nicht alles haben – und nächstes Jahr sind wieder Elbnebel, ganz sicher! Wir haben uns ein Datum im Kalender schon mal notiert…

Leiden einer steinernen Jungfrau: die Barbarine am Pfaffenstein

Barbarine

Die Barbarine

Ach, Barabara, wärst Du doch nie in die Heidelbeeren gegangen! Aber Du musstest ja, anstatt in der Kirche andächtig zu frömmeln, auf dem Pfaffenstein naschen gehen. Und wir wollen mal hoffen, dass da nicht noch andere Dinge passiert sind, in den Heidelbeeren…

Wie auch immer: Die Mutter hat’s mitbekommen (warum war die eigentlich nicht in der Kirche?) und Dich verflucht. Und so bist du, liebe Naschkatze, zur Barberine geworden, um als “Stein gewordene Jungfer auf immer … alle ungehorsamen Kinder” zu warnen, wie es auf dem Schild an der Barbarine immer noch steht. 1755 fand man in der Königsteiner Chronik die rührselige Geschichte zum Felsen, der auch als Jungfernstein bekannt war.

Jungfräulich blieb er auch lange – bis in den September 1905. Da kamen, einmal am Abend des 18. September und dann nochmals am Nachmittag des 19. September zwei Männer – entschlossen, dieser steinernen Jungfrau in des Wortes verwegenster Bedeutung auf den Leib zu rücken.

Es war Sportsgeist, der Rudolf Fehrmann und Oliver Perry-Smith antrieb: Es war chic seinerzeit, Gipfel in der Sächsischen Schweiz zu besteigen – und natürlich wollte man erster sein. Perry-Smith hatte der Barbarine wohl überhaupt noch nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, ich selbst hatte sie zuerst 1895 als Junge von neun Jahren gesehen.

Die Barbarine ist eine 42,7 m hohe Felsnadel, gleich neben dem Pfaffenstein. Sie gilt heute als das Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz.

Der erste Aufstiegsversuch – heute vor hundert Jahren – geschah nicht unbeachtet: Ein Bauermit seiner Pflugschar hielt schirmend die Hand über die Augen und guckte, wie weit wir wohl inzwischen gekommen wären. Schlimmer als der einsame Ackersmann weit unten war das Spektakel gleich nebenan: Drüben an der Pfaffenstein-Aussicht hatte sich ein Schulausflug kiemer Mädchen eingefunden, und es erhob sich da ein Lärmen und Kreischen, daß mir ganz wüst im Kopfe wurde und ich mich kaum mit Perry-Smith verständigen konnte. Aber auch diese Qual ging vorüber, die Schar zog wieder ab.

Weiter ging’s, ohne Hilfsmittel, aber doch nicht ungesichert: Ein Eisenring zur Sicherung wollte und wollte nicht in den Sandstein – es dauerte wohl über eine Stunde, und die Hände von Fehrmann waren vom langen Hämmern und dem Festhalten des dünnen Meißels ziemlich müde geworden und wurden, wenn ich einen Gegenstand fest anpackte, vom Krampfe befallen. Es entspann sich ein kleiner Dialog – die Herren hingen zwar gemeinsam an einer Jungfrau, gingen aber doch recht förmlich miteinander um: “Nun, was denken Sie?” rief Perry-Smith herauf. “Nun, ich denke”, klang es nach unten zurück, “daß ich in einer Minute auf dem Gipfel stehen kann. Aber da meine Finger recht müde sind, habe ich nicht den Grad von Sicherheit, ohne den ich nicht gern steige.” “So? Nun dann gehen wir morgen wieder an die Barbarine und kehren jetzt um!” rief Perry-Smith wieder herauf. Dem Gipfel schon so nahe, daß kaum zwei Meter fehlten, um die Hand darauf legen zu können, kehrte ich doch um.

Cool. Also zurück ins Gasthaus, um es tagsdrauf nochmals zu versuchen. Doch am nächsten Tag pfiff ein heftiger Wind, den man auf der Barbarine-Aussicht zu spüren bekam. Dort nun bekamen wir den Südost so recht aus erster Hand. Der kam keuchend über das Hügelland gehetzt, stieß gegen die Steilwand des Berges und fuhr wie tollgeworden in dem Felswinkel herum. Dann stob er wieder hinaus, packte die Bäume des Waldes beim Schöpfe und zauste und schüttelte sie, daß sie stöhnten und pfiffen; wo er einen Laubbaum erwischte, riß er ihm die Blätter vom Leibe und wirbelte sie in den Himmel hinauf. Als er auch das satt hatte, machte er sich über die Straße, raffte Staub auf, soviel er fassen konnte und streute ihn über die Fluren. Wir hatten keine Lust, bei diesem Spektakel unsere Besteigung fortzusetzen.

Gegen 16 Uhr hatte der Wind die Puste verloren und war nach Hause gegangen, um auszurasten. Weg war er auf einmal, ganz weg! Die beiden Kletterer zogen wieder los, Vorarbeit war ja schon geleistet. Perry-Smith bediente das Seil, Fehrmann eröffnete den Reigen der durch Bergsteiger verursachten Schäden ( dann zog ich mich langsam und vorsichtig über den Überhang hinauf – da brach plötzlich der einzige Tritt, auf dem mein Fuß stand, weg) und überwand, anders als erwartet, den Überhang. Wenige Augenblicke später stand ich auf dem Gipfel und schrie vor jubelnder Freude in die Luft hinaus; da merkte mein Freund, daß nun alles, alles gewonnen sei und stimmte fröhlich ein. In kürzester Frist stand er neben mir und reichte mir die Hand. Und auch der Bauer, der wieder unten seine Pferde Furchen ziehen ließ, riß er den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn im Kreise, winkte uns zu und erwiderte eifrig unsere Rufe.

75 Jahre wurde die Jungfrau reichlich bestiegen, wobei sie zunehmend darunter litt. Seit 1975 gibt es ein Kletterverbot – Blitzeinschläge, Verwitterung und eben auch die Kletterer haben die Sicherheit und Standfestigkeit der Jungfrau gefährdet. Das geologische Naturdenkmal wird nun nur noch ausnahmsweise bestiegen – meist von Geologen und Wissenschaftlern, die weitere Schäden abwenden wollen.

Ulrich van Stipriaan

Fett gesetzt sind Zitate aus dem Bericht von Rudolf Fehrmann

STIPvisiten · 09/2005

Gesunde gefordert, Schwache gefördert

Die Geschichte des Sternes aus Herrnhut

Im Advent sieht man immer mehr wunderschöne Sterne, mit 17 viereckigen und acht dreieckigen Zacken. Sie hängen drinnen vor dem Fenster oder draußen, zwischen Bäume gespannt. Das sind Herrnhuter Sterne. Benannt ist der Stern nach dem kleinen Ort Herrnhut in der Oberlausitz, den Nachfahren der Evangelischen Brüderunität Mähren im Jahr 1722 gegründet haben. Wir wissen sogar den Tag: Es war der 17. Juni. Viele Eltern gingen hinaus, die Welt zu missionieren – und die Kinder kamen in Internate. Dort entstanden die ersten Herrnhuter Sterne.

Der “Unitäts-Knabenanstalt” in Niesky fällt die Ehre der ersten Sterne-Erscheinung zu: 1821 feierte man ein Fest zum fünzigsten Jahrestag der Anstalt. Im Hof schwebte ein beleuchteter Stern – wenn auch noch nicht der korrekte, denn er hatte 110 Zacken. Er hing auch nicht zur Adventszeit, denn die Jubiläumsfeier fand vom 4. bis 6. Januar statt.

Später wurde der Stern auch in den Internaten der Herrnhuter Unität in Niesky, Neuwied, Königsfeld und Kleinwelka gebastelt und zum ersten Advent aufgehängt. Von den Internaten kam der Stern in die Familien, von dort in die Welt: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts begannen manufakturmäßige Herstellung und Vertrieb der Herrnhuter Sterne, ab den 20er Jahren begann mit der Sterngesellschaft mbH in Herrnhut die industrielle Herstellung.

In der DDR führte der volkseigene Betrieb (VEB) “Stern” die Produktion fort, wenn auch unter den Bedingungen des Sozialismus mit staatlich festgelegten Rahmenbedingungen. 1968, also immer noch mitten in der DDR, gab’s einen Wechsel: Von da an wurden die Sterne in einem Betrieb hergestellt, der eigentlich Elektroanlagenzubehör herstellte (und das in einem Gebäude, das mal als Gaswerk gebaut wurde).

Warum diese Geschichte so ausführlich erzählt werden muss? Weil einerseits an Aussagen wie “nach zähen Verhandlungen mit den einschlägigen Ministerien erfolgte der Fertigungsbeginn im Installationsgeschäft” die ganze Malaise der DDR-Wirtschaft festgemacht werden kann, und weil andererseits aber auch klar wird, dass es immer und überall Nischen gab, die genutzt wurden.

Irgendwie ist die Sache mit der Nische über die Zeit gerettet, auch wenn unter heutigen Bedingungen die Nischen anders geartet sind. Heute produziert die Herrnhuter Sterne GmbH mit 45 Arbeitskräften ein Sortiment von über 60 verschiedenen Sternen nebst Zubehör für die Beleuchtung. Unterstützt wird er Betrieb durch eine Werkstatt für Behinderte, in der ständig 20 Personen an der Sternherstellung mitwirken. Zufall ist das nicht: “Für uns ist wichtig, dass bei der Vermarktung eines Artikels mit christlichem Bezug dieser so wenig wie möglich in seiner Symbolkraft beschädigt wird,” schrieb mir ein Angehöriger der Herrnhuter Sterne GmbH, und weiter: “Bei allem positiven Gewinnstreben darf die soziale Aufgabe eines kircheneigenen Betriebes, Arbeit für den Ort und die Region zu schaffen und behinderte Menschen in diesen Prozess zu integrieren, niemals verloren gehen. Ein wichtiges Anliegen der Firma sei, gesunde Menschen zu fordern und schwache zu fördern.

Ulrich van Stipriaan

Informationen
Herrnhuter Sterne GmbH
Oderwitzer Str. 8
02747 Herrnhut
Tel. 03 58 73 / 3 64-0 · Fax 03 58 73 / 3 64-16
www.herrnhuter-sterne.de · info@herrnhuter-sterne.de

Gästearbeit der Herrnhuter Brüdergemeine
Eberhard Clemens
Zinzendorfplatz 1
02747 Herrnhut
Tel. 03 58 73 / 3 06 77 · Fax 03 58 73 / 3 06 76 · Funktelefon: 01 75 / 1 59 29 62
gaestearbeit@bruedergemeine-herrnhut.de · www.bruedergemeine-herrnhut.de

Kultur- und Fremdenverkehrsamt
Comeniusstraße 6
02747 Herrnhut
Tel. 03 58 73 / 22 88 · Fax: 03 58 73 / 3 07 34
www.herrnhut.de · Tourismus@herrnhut.de

Originalbeitrag STIPvisiten

Genie und Exzentriker

Fürst Pückler und sein Park in Muskau

Pückler Park Bad MuskauSelbstverständlich muss der Mann, wie wir heute despektierlich sagen würden, einen Hau gehabt haben. Aber mal ganz ehrlich: Sind es nicht immer die Verrückten, die die Welt verändern und voran bringen? Normalos werden (nochmals pardon, und Sie sind natürlich die Ausnahme, werter Leser!) lieber Beamter.

Hermann Fürst von Pückler-Muskau war kein Beamter, sondern ein Exzentriker und ein Genie. Pückler lebte 1785 bis 1871 und wurde vor nicht allzu langer Zeit trefflich in der Zeitschrift GEO portraitiert.
Bad Muskau liegt, normale Geografie-Kenntnisse unterstellt, am Ende der Welt. Wer es suchen will: Berlin, rechts nach Cottbus, runter nach Görlitz – zwischen den beiden Letztgenannten liegt Muskau an der Neiße. Hinterm Fluss beginnt Polen – und dort liegt der größte Teil des Gartens. Seit 1991 wächst hier wieder zusammen, was in Jahren sozialistischer Bruderlandfreundschaft zuwucherte: Die alte Idee des Landschaftsparks im englischen Stil, die Pückler mit enormem Elan und unter Verlust all seiner finanziellen Mittel (inklusive der seiner reichen Frau) realisiert hat, wird wieder – und es macht Spaß, dem zuzusehen.

Pückler Park Bad Muskau“Gebäude sollten nie ganz frei gezeigt werden, sonst wirken sie wie Flecken, und stehen als Fremdlinge, mit der Natur nicht verwachsen da. Das halb Verdeckte ist ohnehin jeder Schönheit vorteilhaft, und es bleibt in diesem Gebiete immer der Phantasie noch etwas zu errathen übrig. … Gebäude sollen mit ihrer Umgebung in sinniger Berührung stehen.” Schrieb Pückler 1834, und er hatte Recht! Auch sonst sind die Notizen und Gedanken Pücklers keineswegs veraltet, sondern immer noch lesenswert, auch wenn die alterthümliche Sprache uns fremdelt. Und viele seiner Anmerkungen sind zwar für den Gartenbau gedacht, aber auch sonst nicht ohne Nutz und Frommen: “Die große Kunst und Schwierigkeit bei Anlegung eines Parks ist aber, (…), verhältnismäßig wenig Dinge so zu benutzen, dass sie viele und ganz verschiedene Bilder geben.”
Die Pücklerschen Landschaftsgärten sind bis ins Detail geplant, nichts ist dem Zufall überlassen – und doch wirkt das Zusammenspiel von Wasserläufen, Seen, Wegen und Anhöhen wie aus einem Guss gewachsen. Über 800.000 Bäume und reichlich 42.000 Sträucher machen den Park, der in nur drei Jahren entstand, zum größten Europas im 19. Jahrhundert.

Seit 2004 gehört der Fürst-Pückler-Park zum Weltkulturerbe.

Ulrich van Stipriaan

STIPvisiten · Zuerst im Weblog Aufgelesen

Morbider Charme in Deutschlands östlichster Stadt

Görlitz

Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands – und eine Stadt, die wie kaum eine andere im Wandel ist. Aus mausgrauen herunter gekommenen Häusern werden wieder ansehnliche Schmuckstücke – allerdings oft für den hohen Preis, dass sich kein Mensch das leisten kann oder will. Deshalb gibt es eine Menge Leerstand in Görlitz.
Die Stadt hatte, wie viele andere, schon einmal sehr viel bessere Zeiten gesehen. Die allerbesten sind schon sehr lange her, und weil sie so lange her sind, sieht man sie auch mit dem üblichen Quentchen Verklärung. Am nettesten ist diese zu ertragen, wenn tout Görlitz Theater spielt: Dann ist der Untermarkt eine Freilichtbühne mit wahrlich großer Kulisse, was schon sehr schön ist. Noch schöner allerdings ist es, wenn die Statisten und Schauspieler(innen) der Massenszenen den Markt verlassen und durch die Stadt bummeln. Mein Lieblingsbild ist das einer Nonne, die – Cola in der einen, Zigarette in der anderen Hand – sich angeregt mit einer anderen auf einer Bank außerhalb des Marktes unterhält.

BouillabaisseRechts an der Nonne vorbei ging es dann, eine Zufallsentdeckung, in die Höfe von Görlitz. Das ist ein Areal mit einigen Shops und – gegen 22 Uhr sehr willkommen – einer kleinen kulinarischen Entdeckung: Lucie Schulte. Benannt nach einer um 1890 im (wie Görlitz schlesischen) Breslau lebenden Gastronomin, überrascht Lucie den Gast unter historischem Tonnengewölbe (oder bei gutem Wetter unter freiem Himmel) mit angenehm leichter, auf frischen – oft regionalen – Produkten beruhenden Karte. Nicht nur, dass hier alles lecker war, wir eine treffliche Fischsuppe löffelten und die Weine extrem freundlich kalkuliert sind (sechs Euro überm Ladenpreis des Weinhandels nebenan) – nein: Die Lucie hat auch noch einen netten und gut schreibenden Chef. Axel Krüger, ein überzeugter Neu-Görlitzer seit vielen Jahren, schreibt sich die Finger wund und veröffentlicht in der Speisekarte wie im Internet und anderswo. Wir hatten ihn, neugierig geworden, an den Tisch gebeten. Es war ein lustiges, tiefschürfendes, langes Gespräch, das mit einem Glas “Fly me to the Moon” endete – einem mittlerweile leider ausgetrunkenen Riesling QbA 2003 von “Das Weinwerk”.

ArbeiterkleidungBeim Bummel am nächsten Tag machte die Kamera dann mindestens so viele Bilder von alten unrestaurierten Häusern wie von neuen – weil die einen morbiden Charme sonder gleichen ausstrahlen. Da ist das Haus, in dem Napoleon am 23. Mai 1813 schlief, da ist der Balkon mit Birkenwäldchen, da ist G. Schubert, der mit Arbeiterbekleidung und Heeresmaterialien sein Geld verdiente, da ist die Feinkosthandlung und das Haus mit der Klingel zum Obstpächter. Schade eigentlich, wenn all diese Details verschwinden…
…hinter glatten, farbigmörteligen Fassaden. Natürlich ist das Leben dahinter komfortabel, natürlich bewahrt das die Häuser vor dem Verfall – und wir haben im 1528 erbauten und 1997/98 restaurierten Hotel Tuchmacher sicher besser geschlafen als in einem unrenovierten Haus, selbst wenn Napoleon sich da vor mehr als hundert Jahren wohl gefühlt haben mag (was wir ja nicht mal wissen – so etwas steht ja nicht an den Tafeln). Das Tuchmacher mit Blick auf die Peterskirche atmet Geschichte, ist aber trotz bemaltem Balkenwerk im Erdgeschoss und in Görlitz einzigartigem Schlingrippengewölbe ein durch und durch modernes Haus – mit Internetanschluss und sehr sehr freundlichen Mitarbeiter(inne)n.

Karstadt Görlitz
Natürlich gibt es nicht nur das Tuchmacher, der Altstadtkern von Görlitz rund um Ober- und Untermarkt ist vollgepumpt mit frischgemachten Häusern. Renaissance, Gothik und andere Baustile lassen sich trefflich studieren – eine Stadtführung gerät je nach Guide lehrreich oder langatmig (was natürlich nicht nur für Görlitz gilt…). Aber man lernt auch ohne organisierte Führung. Dass das Kaufhaus aus dem Jahr 1913 ein Prachtstück des Jugendstils ist und als “Karstadt” wegen seiner geringen Größe sein Ende auf sich zukommen sieht – das ist für den Görlitzbesucher Allgemeingut. Aber dass das “Kaufhaus zum Strauß” schon 1929 von der Karstadt AG übernommen wurde und bis 1946 dem Konzern angehörte, war eine neue Information. 1991 bekam Karstadt das Haus zurück und bot – ich zitiere die Internetseite vom August 2005 – Tolles: “Das architektonisch einzigartige Gebäude läßt Ihren Einkaufsbummel auf einer Verkaufsfläche von 4.850 qm zum Erlebnis werden. Wählen Sie aus unserem bedarfsgerechten und übersichtlich präsentierten Sortiment.” Auch wenn zahlreiche Käufer(innen) vor allem auch aus dem polnischen Zgorcelec rechts der Neiße kamen, heißt es seit dem 3. August: Aus die Maus. Karstadt-Quelle hat sich von 74 kleineren Warenhäusern getrennt, darunter dem Jugendstil-Gebäude in Görlitz. Neuer Owner ist der britische Investor Dawney, Day Co., Ltd, der schon mal angekündigt hat, dass die neuen Häuser fünf bis zehn Jahre Bestand haben sollen. Mal sehen, wie das knuffigste aller Kaufhäuser, das heute noch mit schönen Treppen und ohne Rolltreppen auskommt, sein Hundertjähriges erleben wird! Und, Herr Karstadt, das muss auch noch gesagt werden: Schade, dass man sich 1991 wie verrückt freut und sich nun leidenschaftslos trennt…

Görlitz
Zgorcelec wurde ja eben beiläufig erwähnt. Das ist der polnische Teil von Görlitz – mehr Wohnstadt als Kulturmittelpunkt, obendrein in weiten Teilen im Baustil sozialistisch geprägt. Dennoch, und das verdient zumindest Respekt in diesen Zeiten, versuchen beide Hälften der bis zum Kriegsende einen Stadt gemeinsam was zu bewegen. Das größte Ding ist zweifelsohne das Bemühen um die Europäische Kulturhauptstadt 2010. Da tut sich eine Menge, nicht nur im offiziellen Rahmen mit Städtepartnerschaft rechts und links der Neiße, mit dem Titel “Europastadt” oder der Erneuerung des mittelalterlichen Sechs-Sädte-Bündnisses von 1346 mit grenzüberschreitender Kooperation zwischen Görlitz, dem heute polnischen Lauban (Luban), Bautzen, Zittau, Löbau und Kamenz, deren Wappen bis heute das Görlitzer Rathaus zieren.
Die Altstadtbrücke ist am 20. Oktober 2004 wieder eröffnet worden, nachdem die 1298 erstmals erwähnte Brücke nach bewegtem Brückenleben von der Wehrmacht am 7. Mai 1945 zerstört war. Heute verbindet sie West und Ost, auf beiden Seiten ist eine Kneipe – die in Polen ist günstiger, sagte der Grenzer uns um Mitternacht. Ansonsten trifft man in Görlitzer Kneipen Polen wie in Zgorcelecer Kneipen Deutsche. Die Kontrollen sind nicht sehr doll, zwei deutsche und ein polnischer Kollege waren um die Zeit vor Ort und ließen sich die Ausweise zeigen. Ein leicht angetüddelter Pole auf dem Weg nach Hause wollte unbedingt uns seinen Ausweis zeigen und war erst zufrieden, als wir ihn mit “OK” und freundlichem Nicken weiter schickten…

Ulrich van Stipriaan

STIPvisiten · 08/2005 – zuerst bei Aufgelesen

Barockgarten Großsedlitz

Der Barockgarten Großsedlitz gilt als eine der eigenwilligsten und vollkommensten Kompositionen im Bereich der barocken deutschen Gartenkunst – auch wenn der Garten nie wirklich fertig gestellt wurde: Es fehlte das Geld…

Am 21. Juli 1719 hatte Reichsgraf August Christoph von Wackerbarth das Rittergut Sedlitz gekauft, und die Dörfer Groß- und Kleinsedlitz zu einem günstigen Preis gleich mit erworben. Es entstand auch noch 1719/20 ein Schloss – Friedrichsburg, 1871 abgebrochen – und (nach Plänen von Johann Christoph Knöffel) die Obere Orangerie (1720/21). Doch am 30. Januar 1723 ging der Garten in den Besitz von König August dem Starken über, der dieses aber bis 1726 geheim hielt.

Großsedlitz war eins der Schlösser, die sich wie ein Gürtel um die Residenz legen sollten – jedes für nur einen Zweck, man hatte es ja: Großsedlitz war für das Fest des polnischen Weißen Adlerordens vorgesehen, das bis 1756 (dem Beginn des Siebenjährigen Krieges) auch dreizehn Mal dort stattfand. Beauftragt mit den Plänen waren die Besten: Neben Knöffel auch Matthäus Daniel Pöppelmann und ZachariasLonguelune. Doch 1732 wurden die Baumaßnahmen eingestellt: Von 96 geplanten Hektar Gartenanlage konnten lediglich zwölf verwirklicht werden, das vierflügelig geplante Schloss blieb unvollständig.

Was blieb ist die Anlage mit ihren zahlreichen Balustraden, Skulpturen, Putten, Blumenrabatten und Wasserspielen (“Spielwiese für Fürsten und Könige”). Mit seinen über 50 (von früher annähernd 400) eleganten überlebensgroßen Sandstein-Figuren von Apollo, Daphne bis Eros und Psyche hat er einen der wertvollsten Skulpturbestände im sächsischen Raum, wobei die meisten noch Originale sind.

Großsedlitz liegt 15 km südwestlich von Dresden.

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten · Stand 25.10.2003

Die drei Jubiläen von Zuschendorf

Landschloss Zuschendorf

Es ist nicht weiter schlimm, wenn Sie Zuschendorf nicht kennen, zumal es ja gar nicht so weit weg auch noch Zaschendorf gibt, das auch kaum einer kennt. Wer sich jedoch für den sächsischen Adel oder schöne Gärten interessiert, der kommt an Z*schendorf nicht vorbei: Die Burg Zuschendorf unweit von Pirna (und das liegt, für alle die in Ostkunde nicht aufgepasst haben, unweit von Dresden) ist der Stammsitz der Familie von Carlowitz – ein Name mit Klang in Sachsen. Und das Landschloss von Zuschendorf beherbergt eine der ansehnlichsten botanischen Sammlungen des Landes.

Der gemeine Tourismus hat Zuschendorf noch nicht so richtig für sich entdeckt. Ganz allein ist man in der traumhaft schönen Anlage dennoch nicht, denn die Sachsen kennen die schönsten Plätze im Lande natürlich…

Von drei Jubiläen war die Rede, hier sind sie:

Am 7. Mai 1403 erhielt Kunigund von Carlowitz eine wichtige Urkunde: Da wurde die Witwe von Otto von Carlowitz vom damaligen Markgrafen von Meißen (der mit dem wunderbaren Namen Wilhelm der Einäugige) mit dem Anwesen Zuschendorf belehnt.

1533 wurde die Burg unter dem Ritter Hans II. von Carlowitz zum Schloss umgebaut. Von diesem Carlowitz gibt es eine schöne Geschichte, die unbedingt einmal wieder erzählt werden muss. Es ist die Story um den Saukrieg. Es war die Zeit der Fehden, beziehungsweise: Eigentlich war diese Zeit just vorüber, weil Kaiser Maximilian 1495 auf dem Reichstag zu Worms derlei Handeln verboten hatte – aber Ritter Hans kümmerte sich Anno 1558 nicht drum und schlug einen Fehdebrief ans Stolpener Schloss. Im Verlauf der Fehde beschlagnahmte der Fehdeführer bei Wurzen 700 Schweine – was zwar hungrige Mäuler der Kämpfer langfristig stopfte, dem ganzen aber den nicht sehr freundlichen Namen Saukrieg gab. Aber wer kümmerte sich damals schon um PR? Genau: Kein Mensch. Hauptsache, der Kurfürst hatte hinterher mehr Macht, und so war’s ja auch.

Das dritte Jubiläum nach “600 Jahre von Carlowitz auf Zuschendorf” und “450 Jahre ein Schloss” ist weniger rund und auch nicht so imposant, wenn auch nicht weniger nachhaltig: Vor 15 Jahren begann der Wiederaufbau der ruinösen, vom Abriss bedrohten Anlage.

Am 9. Mai 1945 besetzte die Rote Armee Zuschendorf, die russische Armee nutzte bis Ende 1945 das Rittergut als Versorgungsgut. Im Januar 1946 wurde das Land auf zwölf Neubauern, einen Gärtner und 25 Siedler aufgeteilt. Aus Ställen wurden Neubauernhäuser für sudetendeutsche Vertriebene, den Park erhielt der Kleingärtnerverein Zuschendorf, um Gemüse anzubauen.

Kamelienblüte
Kamelienblüte

Auch sonst verliefen die realsozialistischen Jahre für Zuschendorf nicht gerade unter dem Aspekt des Denkmalschutzes: 1947 begannen Abbrucharbeiten, und was nicht abgebrochen wurde, verfiel nach dem bekannten Motto “Ruinen schaffen ohne Waffen”. Der 1. Oktober 1988 markiert den Neubeginn in jeder Hinsicht mit dem Kauf durch das VEG Saatzucht Zierpflanzen Dresden, der unter den gewiss nicht leichten Bedingungen des Bauens und Rekonstruierens in der DDR anfing, Zuschendorf vor dem Verfall zu retten. Und dann kam die Wende, die neben Problemen aber auch – vor allem Anfang der 90er – unkompliziert Gelder brachte, und auch ganz materielle Probleme wie die Beschaffung von Materialien für den Wiederaufbau ließen sich leichter lösen. Ein Förderverein wurde gegründet, und der ist heute noch am Werk.

Mittlerweile ist das Landschloss zwar noch nicht fertig, aber schon gut anzusehen. und es gehört zum Kuratorium der Botanischen Gärten der TU Dresden, was dem Landschaftsgarten zu Gute kommt. Zu den botanischen Sammlungen gehört unter anderem die Kameliensammlung. Die Zuschendorfer Sammlung steht übrigens unter Denkmalschutz, auch so etwas gibt’s. Zu den anderen Sammlungen gehören Hortensien, Bonsais und Efeu – mit anderen Worten: Irgendwas ist immer zu sehen…

Der Kamelienfotograf
Der Kamelienfotograf

Förderverein Landschloss Pirna-Zuschendorf e.V.
Am Landschloss 6
01796 Pirna
Telefax: 03501-527734
www.kamelienschloss.de

[Lage | mehr Kamelien in Pillnitz]

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten · Stand 11.5.2003

Die Unschuld verloren

Eine Wanderung entlang der Weißeritz hat im Herbst des Jahres 2002 prinzipiell den gleichen Reiz wie vor einem Jahr – und doch ist sie anders, denn das Hochwasser vom August hat seine Spuren sehr nachhaltig hinterlassen. Aber: Wenn nach der Flut der Flüsse nicht die der Pleite im touristischen Bereich kommen soll, braucht die Region Gäste. Und weil die Wälder über der Weißeritz eh über die Flut erhaben sind, spazierten wir die Weißeritz entlang als sei nichts gewesen.

Von Freital-Hainsberg sind es 18 Kilometer bis zum Mittelpunkt Sachsen – soweit soll es dieses Mal nicht gehen, sondern lediglich rechts der Weißeritz nur leicht bergan (und somit recht gemächlich) gen Tharandt. Der Fluss hat sich aufs normale Maß reduziert und plätschert gemächlich durchs Tal. Allenfalls die unglaublich ungewöhnlich aufgeräumten Flächen links und rechts der Weißeritz lassen darauf schließen, welche Wassermassen sich im August vom Tief “Ilse” via Gebirgsbächlein und -flüssen ihren zerstörerischen Weg durchs Tal bahnten: Niederschlagsmengen zwischen 250 bis 407 Liter pro Quadratmeter, das Drei- bis Vierfache der normalen Monatsmenge und etwa 40 Prozent des gesamtenNiederschlags in einem Jahr!

Der Heilsberger Park wurde im 18. Jahrhundert geschaffen – teilweise stehen die Bäume, die 1760 gepflanzt wurden, immer noch. Merke: Goethe hätte auch hier seinen Gingko besingen können. “Im Gebiet sind alle Handlungen verboten, die zur Zerstörung, Beschädigung oder nachhaltigen Zerstörung des geschützten Landschaftsbestandteils führen könnte” steht auf dem Schild am Parkplatz, das die Weißeritz leider nicht lesen konnte, so dass die ganze Gegend ihre Unschuld verloren hat.

Der Weg nach Tharandt führt vorbei an Fliegenpilzen und Bäumen, die direkt aus dem Felsen kommen. Am Ende des Waldwegs eine Brücke, die früher einmal die Eisenbahnstrecke überquerte. Diese wiederum wurde mit einer Brücke über die Weißeritz geführt. Die gerade fertig gestellte Eisenbahn gibt es nicht mehr, die Weißeritz hat die Schienen unterspült, weggerissen. Die Erneuerung der Strecke (und damit die Bahnanbindung nach Dresden) wird sicher ein bis zwei Jahre dauern. Bis dahin fahren aber Busse: Abgeschnitten von der Welt ist Tharandt nicht!

Ähnlich heftig hatte es die Forstwissenschaftler der TU Dresden getroffen - hier wie überall ist es mittlerweile zumindest äußerlich aufgeräumt. Zwei provisorische Brücken erschließen die Insel mit dem Cotta-Bau. Auf dem Weg zur Burg lohnt der Blick zurück ins Tal: Das Gelände ist freier als noch vor drei Monaten: Die Flut hat ganze Häuser weggerissen oder dermaßen zerstört, dass sie abgebrochen werden mussten.

Die Burgruine über Tharandt erzählt eine ältere Geschichte. Die Burg ist erstmals kurz nach 1200 erbaut worden. Burghauptmann Boriwo de Tarant verdanken wir die erste urkundliche Erwähnung – sie stammt aus dem Jahre 1216. Das Bauwerk hielt nicht lange und erlitt das übliche Burgenschicksal: Abgebrannt. Heinrich der Erlauchte baute sie nach dem Brande im Jahre 1224 wieder auf (oder, korrekter: er ließ sie wieder aufbauen…). Die Urkunden berichten von vielen Aufenthalten des Markgrafen in den Jahren von 1242 bis 1282.

Sehr nett formuliert der Texter der Webseiten der Burg, was später passierte: “In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erlebte die Burg nochmals eine Blütezeit. Herzog Albrecht von Sachsen hielt hier sein Beilager mit der böhmischen Königstochter Zedena (Sidonie), die Tharandt während dessen Abwesenheit zu Reichsdiensten oft zum Aufenthalt und nach seinem Tode im Jahre 1500 ganz zum Wohnsitz nahm, wo sie auch 1510 starb. Nach ihrem Ableben wurde die Anlage kaum noch genutzt.”

Ob der bald folgende Blitzschlag (und der damit verbundene Brand) ein Fingerzeig Gottes wegen des erwähnten Beilagers war, ist nicht überliefert. Jedenfalls wurde die Burg unbewohnbar und ihr Material ab 1568 für diverse Bauvorhaben genutzt. 1631 heißt es: ”Die Burg ist gantzlichen eingegangen.”

Teile der Burg Heinrichs des Erlauchten allerdings sieht man noch: Die romanische (um 1250 entstandene) Pforte wurde beim Bau der Kirche (1626-1629) versetzt und ist heute noch Teil der Kirche: beeindruckend, aber baulich nicht wirklich korrekt.

Während die Bergkirche als Teil der Unterburg fortbestand, wurde die Oberburg erst einmal ihrem Steinbruch-Schicksal überlassen. Friedrich Schiller, 1787 zu Gast in Tharandt, beklagte sich über das furchtbare Durcheinander. Anscheinend hat dann jemand aufgeräumt, denn am 3. September 1800 notierte Burgruinenbesucher Heinrich von Kleist: “Es war ein unglückseliger Einfall, die herabgefallenen Steine wegzuschaffen und den Pfad dahin zu bahnen. Dadurch hat das Ganze aufgehört eine Antiquität zu sein.” Insgesamt ist er aber dennoch ganz angetan, schwärmt ein wenig von der “schäumenden Weißeritz”, von “schroffen Felsen” sowie “Birken und Tannen”. Später kamen noch andere Popstars ihrer Zeit, darunter auch die Vielreiser Goethe (1813) und Alexander von Humboldt (1830). Und nun wir: Wir finden es romantisch, zumal die Fensteröffnungen in den Mauerresten immer wieder neue Blicke auf den Herbstwald freigeben. Praktischerweise ist unterhalb der Burg zwischen Kirche und Tharandter Schloss einRestaurant, so dass die Frage nach einer Rast schnell positiv beantwortet werden kann.

Neben der bereits erwähnten Weißeritz, die hier die “wilde” heißt und sich stromab in Freital mit der “roten” zusammentut, gibt es als Gewässer noch den außerhalb des Heimatkundebereichs unbekannten Schloitzbach – und natürlich ganz viel Wald rundherum. DerTharandter Wald gehört zu den schönsten Wandergebieten in Sachsen. Rund 200 Kilometer gut ausgeschilderte Wanderwege reichen aus, trotz vor allem am Wochenende erheblichen Begängnisses nicht das Gefühl von Massentourismus zu bekommen. Neben den bereits erwähnten Fliegenpilzen findet man auch eine Menge essbarer, wobei die Sachsen schon morgens früh “in die Pilze rammeln” und mit geschultem Auge die feinsten Steinpilze finden, die sie dann körbeweise nach Hause tragen. Wer da am frühen Nachmittag zu suchen anfängt, findet also nur Vergessenes (und erntet statt Pilzen gelegentlich Grinsen entgegen kommender Wanderer: Wer zu spät kommt…)

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten