Alles Liebling, oder was?

Wine&Dine

Wine & Dine mit drei Winzern im bean&beluga

Natürlich haben wir unsere Lieblingswinzer, unsere Lieblingsköche, unsere Lieblingssommeliers und -bedienungen. Da ist es ein schöner Zufall, wenn man mal an einem Abend gleich einige aus jeder Kategorie zusammen treffen und genießen kann. Im bean&beluga waren mit Markus SchneiderKarl-Friedrich AustFrédéric Fourré drei Winzer, deren Weine wir sehr schätzen, zu Gast. Stefan Hermann schickte elf Gerichte aus der Küche, natürlich passend zu den Weinen der Winzer. Es gab Vorschläge, welcher Wein wozu passen würde – aber wenn Jens Pietzonka da ist, sollte man ihn besser fragen: Da gibt’s schon mal einen Tipp außer der Reihe.

Tagesbar und Feinschmeckerrestaurant waren gleichermaßen in das Geschehen einbezogen und nahezu komplett besetzt. Allerdings gab es die Einladung, nicht dauernd am Tisch sitzen zu bleiben, sondern herumzugehen: Die Winzer hatten jeweils ihren eigenen Stand, an dem man mit ihnen ins Gespräch kommen und die mitgebrachten Weine auch außerhalb der Menüfolge probieren konnte. Das klappte vor dem Essen ganz gut und mittendrin noch einmal, als Stefan Hermann am Herd der Kochschule stand und das Leipziger Allerlei fertig stellte – natürlich eins, das diese Bezeichnung wirklich verdient, mit frischen Morcheln und Flusskrebsen. Und was für welchen: groß, festes Fleisch, geschmackvoll.

Das Leipziger Allerlei war für uns einer der Höhepunkte. Zwei andere: Spargel / Melone, wobei der Spargel als Mousse sehr intensiv schmeckte und dem Frühlingsklassiker endlich mal eine ganz andere Konsistenz gab. Und dann muss man, wenn Stefan Hermann Maibock zubereitet, nochmal darauf hinweisen, dass er das unverschämt gut macht.

Bei den Weinen ging’s uns ähnlich wie beim Essen: Alle gefielen, aber einige dann doch mehr als die anderen. Der 2011 Weissburgunder & Grauburgunder von Karl-Friedrich Aust, der 2011 Grauburgunder von Frédéric Fourré, der 2009 Vet rooi Olifant Stellenbosch von Markus Schneider (zum Maibock!) wären unsere Lieblinge gewesen, wenn nicht… Ja, wenn nicht an solchen Abenden die Winzer sich oft einen Spaß daraus machen, geheimnisvoll von Tisch zu Tisch zu huschen und unter vorgerhaltener Hand einzuschenken, was es eigentlich gar nicht geben dürfte (manchmal laufen sie nicht mal rum und man muss zur rechten Zeit am rechten Platz sein…). Ein ganz fantastisch knackiger Riesling Reserve von Markus Schneider gehörte dazu, und Frédéric Fourré empfahl nicht ohne Grund zur Dessertzeit seinen Morio Muskat.

Das Essen.
Saibling / Kopfsalat / Sauerrahm
Roastbeef / Spargel /Salsa Verde
Gazpacho / Wildkräuter
Spargel / Melone
Leipziger Allerlei / Flusskrebse
Risotto / Bärlauch / Calamaretti
Milchkalb / Kartoffel-Gurkensalat
Maibock /Spitzkohl
Roquefort / Portwein /Hibiskus
Crême Brulée / Rhabarber
Erdbeersüppchen / Grießknödel

Die Weine.
Karl-Friedrich Aust / Radebeul, Sachsen
2010 Kerner / 2011 Weissburgunder & Grauburgunder / 2011 Bacchus
Frédéric Fourré / Radebeul, Sachsen
2011 Gutedel / 2011 Weissburgunder / 2011 Grauburgunder
Markus Schneider / Ellerstadt, Pfalz
2011 Weissburgunder / 2011 Viognier / 2010 Blackprint / 2009 Vet rooi Olifant Stellenbosch
Übermut Rot

bean&beluga
Bautzner Landstr. 32
01324 Dresden

Tel. 0351 / 44008800
http://www.bean-and-beluga.de

Geöffnet:
Gourmetrestaurant: Di – Sa 18.30 – 22.00 Uhr
Tagesbar: Di – Sa, 10 – 23 Uhr

[Besucht am 12. Mai 2012 | Lage und Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Nichts dem Zufall überlassen

Uma

Omakase-Menü im berliner Uma

Omakase ist ein japanischer Begriff, schreibt sich (wenn die Wikipedia uns nichts vorgaukelt) eigentlich お任せ und meint, etwas flapsig ausgedrückt: Mach’s mir doch wie du es willst! In besseren Sushi-Restaurants heißt das: Man überlässt dem Meister die Zusammenstellung und Auswahl der Gerichte und verlässt sich auf seinen guten Geschmack – was meist auch finanziell ein attraktiver Deal ist. Unter dem Dach des noblen Adlon in Berlin überlässt man natürlich nichts dem Zufall, weswegen der Überraschungsfaktor beim Omakase im Restaurant Uma (ab zwei Personen, 80 Euro pro Person bei acht Gängen, 120 Euro bei zwölf) nur für denjenigen groß ist, der sich nicht vorher im Internet schlau gemacht hat.

Wir wussten Bescheid, fanden es aber nicht schlimm, denn die eigentliche Überraschung war ja, wie geil das alles schmeckte (habe ich gerade geil geschrieben? Oh, pardon: wie vorzüglich sollte es natürlich heißen!). Die uneigentliche Überraschung war, wie ungezwungen es im Uma – trotz desnoblen Daches! – zugeht. Ein überaus kompetenter und freundlicher Service agiert ohne all die Phrasen, die wir im Laufe zahlreicher Restaurantbesuche kennen und nicht lieben gelernt haben, und die Gäste an den Tischen rundherum plaudern genau so ungezwungen. Mithin: es herrscht eine angenehme Atmosphäre.

Acht Gänge klingt viel – alles ist aber so geschickt miteinander verwoben, dass man hinterher klaglos das Uma verlässt. Die ersten drei Gänge kamen gemeinsam, und ich schreib sie hier mal bewusst so schlicht auf, wie sie auf der Karte standen:
spinatsalat | soja curd
spargelsalat | lachs | löwenzahn | radieschen
beeftatar | sauce gribiche | brot chip

Nun ist derlei Schlichtheit keineswegs neu und sensationell, aber doch meist ein Zeichen für eine gradlinige Küche. Und so war’s dann auch. Der Spargelsalat (im Prinzip eine zerdrittelte Stange Spargel pro Person) mit dem Lachs und den Salaten sehr leicht und frisch, das Beeftatar eine Würzwucht, vor allem wenn man es (wie vom Service empfohlen) mit der Sauce Gribiche vermengte. Und der Spinatsalat? Zum Reinsetzen. Aber das macht man ja nicht, auch wenn es leger zugeht…

Gang vier und fünf von acht kamen wieder zusammen, dieses Mal nur noch gekuschelter als die drei zuvor: Im Teller weisse spargelsuppe | strandkrabben | ingwer und auf dem Tellerrand 2erlei blumenkohl. Öhm, das kann man natürlich Gang nennen, aber man hätte auch Deko oder zusätzliches Geschmackstupferl dazu sagen können. Geschmacklich ging das feine Spiel der Geschmäcker weiter, und insgeheim bedauerten wir auch, dass von Blumenkohlpaste und Blumenkohlröschen nur ein Probierhauch gereicht wurde. (Andererseits: Bei größeren Mengen wäre das Vergnügen insgesamt eben doch nicht so schön gewesen!)

Zum Fischgang mit maischolle | grüne bohnen | trüffelkartoffeln | koriander mussten wir feststellen: Ohne Koriander kommt die fernöstlich inspirerte Küche nicht aus. Wir mögen ihn und waren zufrieden – wem bei dem Kraut allerdings der Geruch von Katzenpipi ins Hirn kommt, muss leiden. Zu Trüffel gibt es derlei Assoziationen erfreulicherweise nicht…

kalbsfilet | shiitake | junglauch | trüffel glacé zum Hauptgang gefiel neben dem feinen kleinen Trüffelanschluss wegen des wunderzarten kross gebratenen Kalbsfilets, das unter einem Shiitake-Pilz ruhte. Shiitake, habe ich gelernt, gehört zur Gruppe der Speisen, die den fünften Sinn anregen. Also auf der Zunge. Umami spricht neben süß, sauer, salzig und bitter eigene Rezeptoren in der Zunge an, hat es aber im Deutschen noch nicht zu so einem treffenden Begriff gebracht: “Hmm, das ist mir zu umami?” Noch nie gehört! Aber es ist doch ein schöner Zufall der japanischen Sprache, dass da Uma drin vorkommt, oder?

Zum Dessert erwarteten wir laut Menü maibowle | erdbeeren | waldmeister – und hatten Schlimmes befürchtet. Wie naiv wir waren, denn natürlich gibt es die Maibowle anders als erwartet. Waldmeisterblättchen im Geleewürfel, dazu Erdbeeren und Eis wären eigentlich schon ein schöner Abschluss gewesen. Aaaaaaber: Jetzt noch, so on top, ein wenig lauwarme Schokolade, vielleicht als Soufflé? Eigentlich, meinte die Dame vom Service, sei das ja schon ausverkauft, aber vielleicht sei ja noch eins da! Sprach’s, huschte in die Küche und kam alsbald zurück mit einem dann wirklich krönenden schokoladigen Abschluss.

Wer uns kennt, ahnt übrigens, dass nun noch ein paar Zeilen zu den Getränken kommen. So soll’s sein: Zum Omakasemenü wird eine Cocktailbegleitung angeboten (pro person 25 Euro)! Das fanden wir so gewagt, dass wir uns nur einmal trauten, was ein Fehler war. Nicht, dass der Wein des Anderen unpassend gewesen wäre, aber die Cocktails waren zumindest das ungewöhnlichere und vor allem jeweils extrem zum Essen passende Vergnügen. Lediglich die Namen der Cocktails fanden wir verspielt-affig, aber die standen ja nur auf der Karte und nicht auf dem Tisch.

Für die Statistik und zum Anregen – es gab:
say you zu sake
yuzu sake | massenez melone | zitronensaft | prosecco bellussi
the herbal plumster
basilikum | zuckersirup | limettensaft | pflaumensake | chatreuse
uhrwerk orange
mariegold sake | cointreau | limette | zuckersirup | frischer ingwer
dream a little dream
sake dreamy clouds | taylors port | marashino luxardo
kome in and find out
waldmeister | roses lime cordial | kome shochu

uma Restaurant
Behrenstraße 72
10117 Berlin

Tel: +49 30 301117-324
www.uma-restaurant.de

Geöffnet: täglich 11 – 23 Uhr

[Besucht am 2. Mai 2012 | Lage]

Disclaimer: Ich kenne die Restaurantleiterin des Uma, weil wir – wie sie einmal unvergleichlich charmant in einer E-Mail formulierte – eine gemeinsame gastronomische Vergangenheit haben. Außerdem hat sie uns einen Begrüßungschampagner spendiert. Aber auch ohne diese beiden vergnüglichen Tatbestände hätte ich wohl kaum etwas anderes geschrieben. Nur ein Glas weniger getrunken ;-)

Köstliche Sushi und Sashimi zum Sattwerden

Tokyo Café Restaurant

In einem Jugenstilhaus genießt man im Tokyo Café Restaurant all you can eat

Haus Spui 15
Haus Spui 15

Die Lage ist gut: am Spui, einem der touristischen Zentren von Amsterdam. Das Haus fällt auf, weil es aus dem Rahmen fällt: Jugendstil ist im Backstein-geprägten Amsterdam eher die Ausnahme, aber das Mosaik mit den Worten “M. Buttinghausen * Fotografie * Artistique” ist auf jeden Fall ein Hingucker. Nicht ganz passend die Leuchtreklame im Erdgeschoss, die klar macht: Hier ist kein Fotograf mehr tätig, das Glasdach des um 1900 vom Architekten G. van Arkel für den Fotografen Buttinghausen gebauten Hauses hat seine Schuldigkeit getan. Heute residiert hier ein Sushi-Restaurant, aber trotz der exponierten touristischen Lage ein hervorragendes.

Man könnte à la carte essen, aber das macht hier wohl keiner, denn es gibt ein unschlagbares all-you-can-eat-Angebot: Für 22,80 Euro (mittags: 17,80 Euro) kann man sich zwei Stunden lang bedienen lassen. Auf einem Zettel notiert man, was der Tisch haben möchte, das bringt der Service dann an den Tisch. Wir waren zu viert mit zwei erfahrenen Tokyo-Gängern und bestellten reichlich: “Wollen Sie wirklich fünf Mal die Lachs-Sashimi? Jede Portion besteht aus drei Scheiben!” fragte die Bedienung und sah erstaunt, dass auch der Rest des Bestellzettels gut gefüllt war. Doch doch, wir wussten es und wollten es, und nicht nur das. Aus gutem Grund: Lachs und Thunfisch waren taufrisch, der Lachs wunderbar marmoriert – und ja, wir bestellten in Runde zwei davon noch einmal nach, was die Bedienung dann doch irgendwie unfassbar fand.

Aber die Regeln des Hauses hatten wir befolgt: Es darf erst nachbestellt werden, wenn alles aufgegessen wurde. Ansonsten kann man so oft bestellen wie man mag, große Portionen, kleine Portionen – egal. Wir hatten (für vier Euro mehr pro Person, geht – vernünftigerweise – nur tischweise) das Deluxe upgrade genommen, weil dort die besseren (und teueren) Dinge wie Sashimi drin sind. Rechnet sich aber schnell!

Wir saßen im oberen Teil des Restaurants, wo wir von der Hektik des Eingangsbereichs und dem Trubel kommender und gehender Gäste nichts mitbekommen haben. Dieser Teil ist mit Holzbänken und -tischen zurückhaltend modern eingerichtet, Kissen sorgen für angenehmen Sitz. Aber da man nach zwei Stunden sowieso raus sein sollte, um der nächsten Schicht von All-You-Can-Eatern Platz zu machen, ist das Sitzfleisch eh nicht das große Argument.

Wie gesagt, Dank mehrerer Vorbesuche unserer local scouts konnten wir die Higlights des Hauses gezielt aussuchen. Da sie aber alle mundeten, wage ich einmal die Behauptung: Eigentlich egal, was man im Tokyo bestellt – es scheint alles gut zu sein. Also erwähne ich nur einmal, dass die spicy tuna roll tatsächlich ihren Namen verdient und angenehm scharf war, dass der seaweed salad herrlich nach Sesam schmeckte und perfektes Dressing hatte – und dass wir beim nächsten Besuch sicher wieder einen Tisch dort reservieren werden! Aber vielleicht lieber mittags, denn dann bleibt mehr Zeit, sich den vollen Magen leer zu laufen!

Tokyo Café Restaurant
Spui 15
1012 WX Amsterdam
Tel. 020 489 7918
www.tokyocafe.nl

Geöffnet: täglich 11 – 23 Uhr

[Besucht am 5. Mai 2012 | Lage]

Dem Sonnenuntergang entgegen

Winzerhof Golk 2012

Nein, das Herz der Welt ist Golk nicht. Andere Körperteile, weiter hinten und weiter unten, kämen vielleicht eher für eine Beschreibung in Frage. Andererseits gibt es in Golk den Winzerhof, den wir einmal zufällig während einer Wanderung entdeckt und dann gezielt besucht hatten. Wir fanden’s toll und hatten uns den Winzerhof als ideales Ausflugsziel schon vorgemerkt – da hatte er geschlossen. Nun gibt es “einen Neubeginn mit neuen Wirtsleuten”, steht auf der Homepage.

Wir also hin – und denken uns: Den Wirt kennste doch? Genau: Er hatte uns schon 2009 bedient und ist nun auch (zusammen mit seiner Frau) Pächter. Mit dem Rollenwechsel hat sich die charmante Art glücklicherweise nicht verändert, schnell und unaufdringlich liest Marcelli Ossadnik den Gästen die Wünsche von den Augen ab.

Eigentlich wollten wir ja nur ein wenig Spargel essen – aber es kam dann doch ein wenig anders. Und damit meine ich nicht den Gruß aus der Küche: Ein klitzekleiner Salat mit einem Klacks saurer Sahne. Eine nette Idee, knackig und erfrischend. Zum Spargel hatten wir Zunge einerseits und ein Schnitzel vom Schwein andererseits bestellt, beides mit Buttersauce. Die gab es reichlich, und zwar schon auf dem Teller und nicht in einer separaten Sauciere, so dass das Fleisch ganz schön schwimmen lernen musste. Wir waren nicht amüsiert (und erhielten am Ende, als wir das thematisierten, zumindest verbalen Zuspruch). Der Spargel war von der schlanken Sorte, aber ordentlich, das Schnitzel okay und die Zunge auch ohne Butterbad von der nicht ganz so mageren Sorte.

Aber das war kein Grund aufzuhören – zumal die Sonne sich so langsam zum Untergehen entschloss und die Landschaft in bezauberndes Licht tauchte. Obendrein hatten wir auf der Karte etwas gefunden, das unsere Aufmerksamkeit erregt hatte: Einen sächsischen Landkäse Belsagio. Eigentlich als kleiner Snack zum Wein gedacht, machten wir ihn zum Dessert. Der Käse aus Leppersdorf, der ein wenig an ganz jungen Parmesan erinnert, wäre uns in der Originalportionierung ein wenig zu groß gewesen – also fragten wir: Na klar, ging auch als halbe Portion! Und die Erdbeeren mit Vanilleeis ohne Sahne? Selbstredend! Sollte ja auch nicht schwer sein – aber dass wir dann die Sahne vom Dessertpreis abgezogen bekamen und für den Käse auch nur exakt die Hälfte zahlen mussten, fanden wir schon ungewöhnlich. Ungewöhnlich gut.

Fazit: Wir werden wieder hin, wenn uns der Weg mal in die Gegend führt!

Winzerhof Golk
Zum Forsthaus 7
01665 Diera-Zehren/OT Golk

Tel.: 03521/738835
Handy: 0171/5535154
http://www.winzerhofgolk.de/

geöffnet
Mi-Fr ab 16.00 Uhr
Sa/So/Feiertags ab 11.00 Uhr

[Besucht am 28. April 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Besuch 2009]

Schlappmacher vs. Endorphine

Roque Cano

Wanderung im Vallehermoso zum Roque Blanco und Roque Cano

Bei unserer Lieblingswanderung um den Roque Cano gab es wieder zahlreiche Anlässe, erneut über diese berühmten Glückshormone nachzudenken. Wie kommt es beispielsweise, dass bei mir die Serotonine und Endorphine immer den Kürzeren ziehen und von den Schlappmachern besiegt bzw. verdrängt werden? Und wie soll man eine vernünftige Antwort auf derlei drängende Fragen finden, wenn während der Wanderung nicht einmal das Internet funktioniert?

Nach 400 Metern Aufstieg kamen erst die qualmenden Socken an, gefolgt von der pfeifenden Lunge und dem buppernden Herzen. Dann, nach einiger Zeit, kamen Serotonin und Endorphin und fragten: is was? „Verpisst Euch!“ sagten die Schlappmacher und trieben uns an, die nächsten 170 Meter zu steigen, um dann letztendlich doch klein beizugeben. Angesichts des Restaurante Roque Blanco, das außer uns alle bequem mit dem Auto erreicht haben, markiert den Scheitelpunkt der Wanderung, denn von da an geht’s bergab. Da kommt Freude auf!

Im Restaurant sitzt die einheimische Bevölkerung, draußen auf der Terrasse mit wehenden Papiertischdecken das Touristenvolk. Bedient werden allerdings alle gleich freundlich!

Restaurante Roque Blanco
Restaurante Roque Blanco

Wir probierten einen „mittleren Salat“, der als Vorspeise deklariert war und uns beiden völlig ausreichte. Außerdem eine gomerische Spezialität: Überbackener Käse mit Palmhonig. Der Käse erinnerte ein wenig an Halumi, quietschte auch so zwischen den Zähnen. Insgesamt ein schöner Zwischenstopp, und mit Blick auf die gomerisch-amerikanische Truppe am Nebentisch, die Kaninchen, Hähnchen und andere Leckereien bestellt hatte, wahrscheinlich auch einen eigenen Ess-Besuch wert. Wir würden dann auch, um weniger verschwitzt anzukommen, das Auto nehmen.

Dass die Glücklichmacher ausgerechnet dann Oberhand bekamen, als wir ein in gefrosteten Gläsern serviertes Dorada-Bier aus der Flasche als Wanderbier genossen, haben wir unter allen kritischen Aspekten später ausführlich erörtert. Erst einmal fanden wir es nur herrlich!

Schafe
Schafe

Der Rückweg über den Roque Cano war so prächtig wie vor fünf Jahren, sogar die Schafe waren wieder da – wenn auch an anderer Stelle. Und wahrscheinlich waren es auch andere Schafe, jedenfalls glotzten uns alle wie Unbekannte an. Wie immer gab es Nachzügler: Dieses Mal lugte erst ein Schäfchen etwas verunsichert über einen Steinfels, und als es uns in durchaus freundlicher Absicht nur mit den Kameras bewaffnet sah, drehte es sich kurz um und sagte im astrein gomerisch akzentuierten Schäfisch: „Die wollen nicht schlachten, die wollen nur knipsen!“, worauf drei weitere Schäfchen über den Kamm schauten und freundlich in die Kameras lächelten. Klick klick klick, und schon stieben sie davon…

Hier geht’s zur GPS-Aufzeichnung dieser Tour:

Vallehermoso – Roque Blanco

Wo auch der Fischer gerne isst

Trasmallo

Das Restaurante Trasmallo ist der optisch auffallende Mittelpunkt des Restaurant-Trios am Plaza de la Señora del Carmen von Vueltas – mit dem Fischrestaurant EL Puerto zur Rechten und dem sich etwas feiner gebenden Tuyo zur Linken. Wir waren relativ früh am Abend da, weil es später erfahrungsgemäß rappelvoll ist. So ergatterten wir noch einen Tisch am offenen Fenster.

Seit acht Jahren gibt es das Trasmallo an diesem Platz, in der offenen Küche werkelt seitdem Julian Armas. Im Service huschen mehrere Leute herum – wir wurden freundlich und schnell bedient. Die Fischauswahl kann à la carte oder viel besser an der Vitrine erfolgen. Wir entschieden uns für die beiden lokalen und fangfrischen Fische Cantarero und Cherne. Der 86 Jahre alte Fischer, der Morgen um Morgen in seinem kleinen Boot rausfährt und dem Restaurant die Fische (oder einen Teil derselben) liefert, saß übrigens an einem Ecktisch und löffelte eine Fischsuppe und genoss später seinen Fisch…

Den Fisch bereiten sie im Trasmallo (wie auch in anderen Restaurants auf Gomera) „wie ein Buch“ zu, das heißt: er wird längsseits aufgeschnitten und dann aufgeklappt und gegrillt. Ich muss zugeben, meine Bücher noch nie gegrillt zu haben, aber ansonsten ist das Bild vom aufgeklappten Buch sehr nett. Beide Fischsorten waren mit gekräutertem Öl bestrichen, was ihnen zusätzlich zum Eigengeschmack eine sehr würzige Note verlieh. Die papas arugadas waren köstlicher als die an anderen Orten genossenen, die Saucen (rote und grüne) wurden als Salsa aus der Tube in sterilen Plastikbehältern serviert – sie erinnerten an Senfspender an deutschen Bratwurstständen. Das sah zwar gewöhnungsbedürftig aus, aber die salsas schmeckten erstklassig – und mit dieser Serviermethode sind Reste wohl hygienisch einwandfrei weiter verwertbar.

Was uns noch auffiel, war das Personal. Einmal die etwas unsicher wirkende, aber durchaus charmante blonde Kellnerin, die offensichtlich erstmals da war und dann ein smarter Jüngling, der es ihr nur zu gerne zeigte und tagsdrauf mittags mit fettem BMW und laut dröhnender Musik vorfuhr: offensichtlich einer der Chefs. Dass wir beide abends noch einmal sehen würden, war dann allerdings eine Überraschung…

Trasmallo
Plaza de la Señora del Carmen
38870 Valle Gran Rey
La Gomera

Tel. 922 805 092
www.trasmallo.eu/index.php/de/

[Besucht am 20. März 2012 | Lage]

Mittagessen auf der Finca Argayall

Finca Argayall

“Vor mehr als 20 Jahren stand so einer in klein im Wohnzimmer meiner Eltern!“ sagt die Frau an der Bar der Finca Argayall.” Es ist Ute, sowas wie der Guest Relations Manager der Finca. Sie serviert uns gerade den besten Espresso der Insel und gehört seit 2010 zum Team der Finca Argayall. Seit 1986 gibt es den “Platz des Lichts” (das bedeutet argayall in der Sprache der kanarischen Ureinwohner, der Guanchen). Über die Vergangenheit erfährt man auf der aktuellen Homepage nichts, in älteren Quellen kann man lesen, dass eine Gruppe von Sannyasins die Finca gegründet haben soll. An die Lehren Bhagwans erinnert vielleicht noch das Motto “Der Platz ist, durch Dich wird er” – aber ansonsten ist die Finca ein mittlerweile auch von großen Firmen gebuchter Platz für Meditation und Seminare (während wir da waren, lief gerade das Coaching-Seminar “Lust auf Veränderung”).

Wir waren am Vortag von einer Küchenhilfe der Finca von Aurure mit ins Tal genommen worden und hatten beim Gespräch im Auto herausgefunden, was er macht: Er gehört für drei Monate dem mittleren der drei Kreise an, die die “alternative, experimentell und erfahrungsorientierte Lebensgemeinschaft” (Zitat Webseite) der Finca bildet. Der innere Kreis sind die derzeit etwa 15 Gründer bzw. Teilhaber, die immer dort leben und arbeiten, der äußere die Gäste, die das nötige Geld bringen.

Die Küche des Hauses ist vegetarisch, es gibt mittags wie abends ein Buffet. Man kann aber nicht einfach hineinschlendern, sondern muss sich anmelden. Uns wollte die Küchenhilfe anmelden, aber entweder er hatte es vergessen oder wir waren der Rezeptionistin suspekt mit unseren beiden fetten Kameras, jedenfalls wurde in der Küche erst einmal nachgefragt, ob wir willkommen seien. Die Antwort: Zum Essen ja, ansonsten aber eher nicht. Unsere Frage, ob wir uns ein wenig mehr umsehen könnten (zum Beispiel den für die Versorgung wichtigen Garten) wurde abschlägig beschieden – wir könnten allerdings an den donnerstags stattfindenden Führungen teilnehmen.

Das (für uns begehbare) Areal macht einen sehr netten Eindruck: Es gibt rund um einen Pool Plätze im Schatten und solche an der Sonne. Wir wählen uns einen Tisch auf einem Holzpodest aus und sitzen somit direkt an der Innenseite der Grundstücksmauer – mit Blick auf Pool und Riesengummibaum (rechts von uns) sowie das Meer (links von uns) mit Hafen von Vueltas und der steil aufragenden Wand des Tequergenche. Der Strand direkt vor der Finca ist steinig – also wie geschaffen zum Erbauen von Steinmännchen, die dann auch brav in Reih und Glied aufgereiht dort stehen.

Um eins läutet die Küche zum Buffett – es ist drinnen aufgebaut (wir haben, um die gewünschte privacy zu respektieren, dort keine Fotos gemacht) und sieht sehr gut aus. Salate, Früchte, Suppen, Warmes und Tee stehen bereit. Wir nehmen hauptsächlich Rohkost, probieren die Suppe und ein wenig Spaghetti – und geschmeckt hat es in genau dieser Reihenfolge zwischen super und naja. Will heißen: die Salate waren knackig frisch und mit feinen Dressings eine Köstlichkeit, die Suppe schmeckte eher beliebig und den Spaghetti fehlte irgendwie eine gute Sauce (nein, es muss nicht unbedingt eine fleischige Bolognese sein!). Die Früchte, die wir uns zum Dessert nahmen, machten das allerdings wieder wett – ist doch schön, wenn man den Garten vor (oder hier: hinter) der Tür hat. Insgesamt für die bezahlten elf Euro ein angenehmes Mittagessen in nicht alltäglicher Atmosphäre. Denn wie sagt einer der Teilhaber im Imagevideo der Finca (@2:13): “Es ist zwar kein Paradies, aber es sieht so aus, und das ist schon ‘ne ganze Menge…”

Finca Argayall
E-38870 Valle Gran Rey
La Gomera
Kanarische Inseln

Telefon +34-922-697008
www.de.argayall.com

[Besucht am 21. März 2012 | Lage]

Ein Abend im El Puerto

Ein Abend im El Puerto

Frischer Fisch und schneller Service

Wir hatten schon arge Befürchtungen, denn im Netz las man kaum was bzw. kaum was Gutes über unser Lieblingsrestaurant “El Puerto”. Unsere These: Der Mann wird gedisst, weil er unbequem anders ist. Im Valle-Boten, dem abgedrehten Magazin eines deutschlandflüchtigen Journalisten, wird es gar nicht erwähnt. Das Nachbarrestaurant Trasmallo „hingegen entwickelt sich zur Nummer 1 am Hafen“, lesen wir – und stellen verzückt fest, dass das Trasmallo eine ganze Seite Anzeige gebucht hat und El Puerto keine. Honi soit qui mal y pense (genau!).

Der beleibte Chef des El Puerto gibt nach außen immer noch ein wenig den Muffel, aber aus den Augenwinkeln kommt immer so ein verschmitztes Etwas. Wir mögen ihn! In der Küche das gleiche Personal wie vor fünf Jahren, auch im Service erkannten wir etliche Gesichter. Nach wie vor geht es flottflott – und wer sich vom Chef den Fisch des Tages zeigen lässt, weiß auch was frisch ist und was aus der Tiefkühlung kommt (bei unserem Besuch: Seezungen. Die seien „gut, aber nicht frisch“ meinte el Cheffe).

Unsere Wahl:  Rascacio, der Madeira Drachenkopf – ein Riesentier, aber nach dem Zerteilen durchaus schaffbar. Davor ein Salat, der kaum bestellt, schon auf dem Tisch war: Die vorbereitende Logistik des Hauses ist großartig, der Salat guter Durchschnitt. Dafür waren papas arrugadas (Runzelkartoffeln) und mojos in Ordnung. Eine halbe Stunde nach Öffnungszeit war das Restaurant übrigens voll, eine Stunde später der tagesfrische Fisch ausverkauft. Merke: Wer früh kommt, hat mehr Auswahl!

Restaurante El Puerto
Av Maritima el Puerto de Vueltas
38870 Valle Gran Rey
La Gomera

Tel. 922 805 224

[Besucht am 15. März 2012 | Lage | Besuch 2007]

Wenn die Bedienung den Gast fürs Aufessen lobt

Bistro in der Bülow Residenz

Ein Besuch in Bülow’s Bistro

Nein, wir regen uns nicht mehr auf über den überflüssigen Apostroph im Namen des Restaurants – aber wenn wir können, schreiben wir dann eben lieber vom Bistro im “Bülow Palais” (obwohl: da hätten wir ja gerne einen Bindestrich eingefügt, die Umschreibung hilft also auch nicht wirklich). Und nein, wir regen uns auch nicht mehr darüber auf, dass man in dem Bistro sich auf ein Polster niederlässt, in dem man so tief sinkt, dass man (als nicht so hoch aufgeschossener langer Lümmel) fast auf Augenhöhe mit der Tischkante is(s)t. Regen wir uns denn überhaupt gar nicht mehr auf? Doch: Über merkwürdige Servicekräfte regen wir uns gerne auf – und von denen hatten wir mehr als eine.

Unsere Hauptbedienung gefiel uns beispielsweise ganz besonders, weil sie uns am Ende eines jeden Ganges immer lobte, dass wir so brav aufgegessen hatten. “Toll!” sagte sie nach der Vorspeise, und um sich zu steigern, räumte sie die leeren Teller nach dem Hauptgang mit einem anerkennenden “Wunderbar! Sieht gut aus!” ab. Da fühlten wir uns doch gleich mal bestätigt!

Auch nicht schlecht war die Kollegin, die (ganz am Anfang) zwei Teller brachte, von denen einer an unseren Tisch gepasst hätte als Vorspeise, der andere aber gar nicht. Als wir das monierten, grummelte sie so etwas wie “musswohlfalschertischsein” und schob mit dem einen Teller ab – ließ sich dann aber doch noch von uns überreden, den anderen auch mitzunehmen. Und weil wir ja keinen auslassen wollen, erwähnen wir an dieser Stelle auch noch den Kollegen, der zum Dessert an den Tisch kam mit einem beherzten “Ja dann noch einmal herzlich willkommen!”

Derlei Begebenheiten lieben wir, weil man dann ja immer Gesprächsstoff am Tisch und immer was zu Lachen hat. Es ging also, zumindest an unserem Tisch, heiter-beschwingt zu in Bülow’s Bistro, das wir im Rahmen der Kochsternstunden besuchten, um zum persönlichen Abschluss noch einmal in den Genuss eines Menüs von einem Sterne-Koch zu kommen. Dirk Schroer, seit 2006 in Dresden, hat im Hauptrestaurant “Caroussel” nicht nur einen Michelin-Stern erkocht (und gehalten), sondern wird auch von anderen Gastro-Guides hoch gelobt. So etwas, dachten wir, färbt doch auch aufs Bistro ab!

Und es ging auch gleich gut los: Wunderbar frisches und schmackhaftes Brot, dann als Amuse Gueule eine kleine Tasse mit Spargelsüppchen und einem Happen Lachs – ein feiner Gruß! Danach kam, wie bereits geschildert, erst einmal ein Fehlschuss und 20 Minuten später tatsächlich die Vorspeise: Geräucherter Heilbutt mit Zitrusfruchtsalat und Vanillevinaigrette. Eine frisch-fruchtige Sache, bei der nach meinem Geschmack der Heilbutt allerdings ein wenig unterging. Wir fanden im 2007 Riesling feinherb von Joh. Jos. Prüm, 
Mosel den Geschmack der Grapefruit wieder, die auch im Salat war – und waren eh ein wenig begeistert, was der Prüm für tolle Weine macht.

Ans Warten hatten wir uns ja schon gewöhnt, der Hauptgang kam 40 Minuten nach der Vorspeise bzw. etwa eine halbe Stunde nachdem die Teller derselben abgeräumt wurden. Fanden wir ein wenig lang, zumal Bistro ja vom russischen Wort быстро für schnell kommt. Aber man kann die Zeit ja nutzen, um durch die Lobby zu schlendern und die wirklich sehenswerten Toiletten (noch einmal) zu besuchen. Außerdem sorgte unsere Lieblingsbedienung wieder einmal für Gesprächsstoff, weil sie beim Einschenken des Weines zum Hauptgang – einen 2009 Château la Liquière, Faugerés – nicht nur über den Namen des Weines stolperte, sondern dann auch noch im Zugabeteil scheiterte: “Der passt gut zu…” (Augenrollen, kurzes Zögern, dann die Lösung:) “…zum Hauptgang!” Ok, sie wusste also nicht, dass dann Zweierlei vom Rind mit Artischocken-Spinat-Gemüse und Kreuzkümmeljus kommen würde, wie seit mehr als vier Wochen bei den Kochsternstunden üblich. Das Zweierlei bestand einerseits aus einem Stück Bäckchen (das in dieser Saison sowas wie ein Liebling der Köche zu sein scheint) und einem wunderbar zubereiteten Stück Filet – wie so oft konnten wir feststellen: Wenn schon Fleisch, dann gutes – und das perfekt gegart.

Zum Abschluss gab es eine gar zauberhafte (und so gut noch nicht verkostete) Café Creme Brulée mit Gewürzananas (hätten wir am liebsten noch mal geordert!) und einen dazu sehr passenden 2010 Moscato d`Asti, Oddero, der uns wieder einmal lehrte, dass ein Wein durchaus natürliche Süße haben darf – wenn’s denn passt. Wie formulierte der Service fachmännisch nach korrekter Namensnennung: “Und… er ist frisch!”

Nach dem Abschluss kommt: Der Schluss, meist in Form der Rechnung. Bei unserem Besuch im Bistro dachten wir wehmütig an die Restaurant-Besuche in Italien oder jüngst auf La Gomera zurück, wo wir fürs Wasser zwischen zwei und drei Euro zahlten. Hier waren es 6,20 Euro für 0,75 Liter.

Bülow’s Bistro
Hotel Bülow Palais
Königstraße 14
01097 Dresden

Tel.: 0351 | 8 00 30
www.buelow-hotels.de

Geöffnet: täglich 11.30 Uhr – 23.00 Uhr

[Besucht am 7. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Eine Kleinigkeit neckt die nächste..

Bilder zur Restaurantkritik von Mario Pattis im Lippe'schen Gutshaus

Mario Pattis setzt im Lippe’schen Gutshaus-Restaurant Geschmacksakzente

Seit einiger Zeit kocht Mario Pattis im Lippe’schen Gutshaus–Restaurant in Zadel bei Meißen. Genau, das ist der, der als ganz Jungscher in die Kochgeschichte Sachsens einging, weil er 1994 als erster Koch in den neuen Bundesländern mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Damals kochte er noch in Familie auf dem Weißen Hirsch im Restaurant “Erholung” (dem der Focus bescheinigte, “eher ein größeres Wohnzimmer mit Küche” zu sein). Nichtsdestoweniger war Große Küche sein Ding, mit Vorbildern auch in der höfischen Küche Sachsens und natürlich bei der klassischen französischen Küche. Seine Desserts, die er nach der “Erholung” im Gourmetrestaurant des Romantikhotel Pattis im Zschoner Grund servierte, waren legendär, erreichten aber auch Spitzen der Verspieltheit.

Nun also ist er beim Prinzen im Weingut – und er macht sich da, um das Ergebnis vorwegzunehmen, bestens. Alles, was wir früher gern trotz aller Kochkunst bekrittelten, ist nicht mehr. Pattis kocht gradliniger und schafft es, auch Einfaches hochgenüsslich zu servieren. Wobei, bitteschön, “zu servieren” ernst gemeint ist, denn der Chef kommt mit an den Tisch und erklärt den Gästen sein Essen. Wir waren entzückt, zumal zum Ende des Abends, wenn der Stress in der Küche nachlässt, durchaus noch Zeit für ein Schwätzchen übrig bleibt. Und das lieben wir bekanntlich über alle Maßen (jetzt zum Beispiel, denn wir sind ja immer noch nicht auf den Punkt gekommen! Aber jetzt gleich, versprochen!).

Im Gutshaus-Restaurant agiert der Service zwar nach allen Regeln der Kunst, aber glücklicherweise überhaupt nicht steif. Wir sahen (im Vergleich zu unseren vorherigen Besuchen) neue Gesichter, und zwar hübsch strahlende. Und wir sahen zur großen Freude Mario Pattis, der den ersten von zwei Grüßen der Küche servierte: Einen getrüffelten Kartoffelschaum (der roch vielleicht angenehm!) und darin ein Kartoffel-Eis mit Curry-Geschmack. Wow! Eine verrückte Idee, aber eine sehr leckere (hier jetzt die üblichen Verdächtigen unter den beschreibenden Vokabeln ergänzen: locker aufgeschlagen, angenehme Würze, betörender Trüffelduft und dergleichen: passen alle!).

Wir hatten, sollte ich vielleicht erwähnen, das Kochsternstunden-Menü bestellt inklusive Weinbegleitung (pro Person 60 Euro, ohne Wein 35 Euro). Da stand als erster Gang “Amuses Bouches” – das ist Mehrzahl! Also freuten wir uns auf die zweite Mundfreude – und die kam in Form einer Felsenauster auf Passionsfrucht mit einem Klacks Kokossahne on top (Mario Pattis hat das etwas formvollendeter angekündigt, als er’s brachte…). So könnte es ewig weitergehen, dachten wir, eine Kleinigkeit neckt die nächste, alles schmeckt fein und die Weine des Prinzen (bis hierhin ein 2009 Riesling Kabinett Kloster Heilig Kreuz vom Ufer gegenüber und einen 2009 Weißburgunder - beides eher leichte Vertreter ihrer Art) fügen sich prima ein in die Gaumenfreuden.

Mit einem “Nun aber die richtige Vorspeise!” kündigte Mario Pattis Tatar vom Lausitzer Saibling mit pochiertem Bioei und marinierten Kräutern in Curry-Zitronengrasschaum an. Spätestens hier wurde uns dann klar, dass Pattis, seitdem er beim Prinzen zur Lippe geschmacksbildend wirkt, aufs Höfische mit seinen gehäuften Anbeiaufs verzichtet. Das pochierte Ei zerlief, einmal angeschnitten, in die Sauce und verfeinerte sie. Wir waren begeistert und fanden auch nicht, dass es zuviel Schaumschlägerei war, die uns da an den Tisch gebracht wurde.

Zum Hauptgang gab’s einen 2008er Dornfelder! Der hat hier nichts vom alten Image als Deckwein zur Farbgebung, sondern war ein exzellenter Begleiter zu Zweierlei vom Lamm mit mediterranem Gemüse und einem Kartoffel-Parmesantörtchen, bei dem uns das zarte Lammcarrée besonders begeisterte und fast noch besser gefiel als der Lammrücken. Beides rosa und butterzart, wie es sein sollte. Bei solchen Kleinigkeiten merkt man dann eben schnell, dass ein Meister am Herd steht.

Vor der angekündigten “Dessertinspiration” gab’s schon mal ein Vor-Dessert! Eine – natürlich alkoholfreie – Pina Colada, die uns hauptsächlich wegen des begleitenden Glases gefiel, in dem sich hauseigener Sekt mit Quittenlikör aus der (auch hauseigenen, was anderes kommt hier nicht auf den Tisch!) Meissener Spezialitätenbrennerei vermählt hatten. Und dann, zum krönenden Abschluss, die Dessertinspirationen. Nougat-Törtchen kam unserem geheimen Wunsch nach irgendwas mit Schokolade schon sehr nahe, zart schmelzendes Mango-Eis passte gut dazu und überraschte mit kleinen Sprengstoffexplosionen im Mund (nicht neu, aber immer wieder nett!). Dazu reichte der Service ein Glas Porto, jenes nicht Portwein sich nennen dürfende Getränk, dass (‘tschuldigung:) verdammt wie Portwein schmeckt. Ein edelsüßer Roter aus Frühburgunder und Dornfelder, der mit seinem üppigen Bouqet nach mehr schmeckt!

PS: Wer sich das Bild aufmerksam ansieht, wird hier etwas vermissen. Oben rechts sieht man den Proschwitzer Klassiker im Weckglas serviert: Bäckchen mit Sellerieschaum und Trüffel. Das brachte uns Mario Pattis (ich denk: außerhalb der normalen Menüfolge) an den Tisch. Wahrscheinlich wollte er, dass wir deswegen mal wiederkommen. Ist ihm gelungen!

Lippe‘sches Gutshaus-Restaurant
Dorfanger 19
01665 Zadel

Tel.: 03521 | 76 76 73
www.schloss-proschwitz.de

Geöffnet Mittwoch bis Sonntag ab 12.00 Uhr

[Besucht am 5. April 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | vorherige Besuche im März 2011 und im November 2010]