Immer mehr als einen Wein

WeinKulturBar

Versuch, das Phänomen Wein | Kultur | Bar in Dresden Striesen zu beschreiben

Manchmal lohnt es sich zu planen: Für Spontanbesuche ist die Wein | Kultur | Bar von Silvio Nitzsche zumindest am Wochenende nämlich nicht geeignet: Das Reservierungsbuch ist auf Monate hinaus gut gefüllt. Es gibt Ausnahmen: Wenn es Sommer ist und unverhofft gutes Wetter … dann findet sich manchmal auch spontan draußen noch ein Plätzchen. Oder wenn gar kein Wochenende ist und man auch nur zu zweit kommt – da geht’s manchmal schon. Allerdings kann keiner so schön “Tut mir leid!” sagen wie Silvio Nitzsche, weswegen man zwar traurig geht, aber nicht missmutig.

Damit wäre aber auch gleich zu Beginn schon alles gesagt, was einem keine Freude bereiten kann an diesem Ort fröhlichen und kulturvollen Genießens! Nicht ohne Grund ist die kleine Weinbar (ich habe nie gezählt, aber ich schätze sie mal auf höchstens 20 Plätze) in einem Eckhaus im Dresdner Genuss-Stadtteil Striesen von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Anfang 2010 zur Weinbar des Jahres gekürt worden.

20 Plätze – das klingt nach verdammt wenig. Ist es auch – aber mehr dürften es gar nicht sein, denn Silvio Nizsche kümmert sich intensiv um seine Gäste. Und nur weil es ein Eckhaus ist, ist die WeinKulturBar noch längst keine Eckkneipe! Der Gast kann wählen aus einem über 200 Seiten dicken Buch, in dem rund tausend Weine verzeichnet sind. Im Grunde genommen etwas für Abstinenzler, denn vor lauter Lesen kommt man ja nicht zum Bestellen. Also gibt es eine täglich wechselnde kleine grüne Karte, in der Weinempfehlungen stehen: Das ist schon mal eine Auswahl, auf die man sich verlassen kann. Oder man bittet den Gastgeber, einfach zu bringen, was er für gut hält. Der erkundigt sich dann noch nach Vorlieben, Antipathien und sonstigen Gemütszuständen, die den Trinkgenuss beeinflussen können – und bringt immer mehr als einen Wein.

Bis der kommt, ist es allerdings nicht leer auf dem Tisch: Ein bis drei hervorragende Olivenöle, vier Gläser mit Salz, vier Schälchen mit Snacks (Oliven, Kapern und derlei Dinge), Balsamessig, dazu Brot. Alles von der Art, dass man sich am liebsten reinsetzen würde (was man natürlich nicht tut, weil es ja nicht schicklich ist und obendrein eine gewisse sportliche Akrobatik voraussetzen würde). Eine wunderbare Grundlage für die Weine, die da kommen werden…

…und dann auch präsentiert werden: Wie gesagt, bei unserer lockeren Bestellart kommt Silvio Nitzsche gerne mal mit zwei Flaschen in der Hand – zumal wir auf die Frage “einer, der Vergnügen bereitet oder einer, der außergewöhnlich ist?” uns gerne mit dem Außergewöhnlichen anlegen. Das sind manchmal schon verwegene Gesellen – aber mit denen einen Teil des Abends verbringen zu dürfen, kann schon ein merkenswertes Vergnügen werden. Die Weine gibt’s offen im 0,1 l Glas, und natürlich darf man vorher probieren. Endlich mal ein Ort, wo diese Zeremonie nicht leer ist, sondern sinnvoll – weiß man doch oft gar nicht, was auf einen zukommt. Aber auf diese Weise geraten Abende in der WeinKulturBar zu einer vinophilen Lektion, die doppelt genussvoll ist: Einmal weiß der Herr Nitzsche, der in einem früheren Leben sicher einmal ein Wein-Lexikon war, immer sehr angenehm zu informieren – ach, was heißt hier angenehm: Er sprüht vor Begeisterung, er erzählt dies und das, stellt Zusammenhänge her, macht auf Details und Geschmacksnuancen aufmerksam. Man merkt: Hier gibt einer der begnadetsten Sommeliers der Republik (Nitzsche war fünf Jahre Sommelier beim 3-Sterne-Koch Dieter Müller) sein Wissen weiter. Und dann lässt er den Gast mit seinem Glas allein, auf dass der dann den zweiten Genuss erlebt: Den Wein zu trinken. Lebenslanges Lernen, wer mag es bestreiten, ist eine tolle Sache!

An dieser Stelle kommt das dicke Buch, das sich bescheiden Wein-Liste nennt, wieder ins Spiel. Wir haben zwar noch nie daraus bestellt, aber immer wieder gerne drin gelesen. Es lohnt sich, denn neben den Weinen (und Kaffees, Schokoladen, Tees, die es auch gibt hier) finden sich darin eine Menge bemerkenswerter und manchmal auch sehr lustiger Ideen. Zum Beispiel die Sache mit dem Taxi, das Nitzsche all denen empfiehlt, die instensiv studiert haben an so einem Abend. Zehn Prozent der WeinKulturBar-Rechnung übernimmt er für die Taxifahrt. (Wir nutzen den Service nie: Direkt vor seiner wie auch vor unserer Haustür gibt es eine Haltestelle der Dresdner Verkehrsbetriebe!) Oder die Seite, in der von ganz exklusiven Angeboten die Rede ist (uns gefällt besonders die Kategorie “Um jeden Preis”, wo es für 4,44 Euro eine Flasche gibt, zu der es heißt: “Schön, dass Sie den trinken, ich würde es nicht.” Ich glaube, diesen “äußerst fragwürdigen Tropfen” muss ich mal bestellen beim nächsten Besuch!

Die WeinKulturBar ist allerdings nicht nur the home of your Lieblingswein (steht so in der Karte!), sondern immer mehr auch home of your Lieblingskäse. Denn was Silvio Nitzsche dem Wein, ist Jana Weiske für den Käse. Aus bis zu hundert verschiedenen Sorten (Kuh, Schaf, Ziege) stellt die “Käsebeauftragte des Hauses” nun schon seit drei Jahren mit Erfahrung und Leidenschaft individuelle Teller zusammen. Serviert werden sie mit aufregend komponierten Begleitern (wie beispielsweise Rote Beete in Pfefferminz, Kirschen in Eierlikör und andere unglaubliche Kombinationen), die – Probieren ist hier mal wieder Studieren – aber die Geschmacksnuancen der Rohmilchkäse aufs Bezauberndste unterstützen. Und wenn die Käseplatte (kleine Portion mit 4-6 Stück 7,50 Euro, mittlere Portion mit 8-10 Stück 13 Euro, große Platte mit 20 Stück 25 Euro) an den Tisch kommt, werden die einzelnen Sorten genau so kenntnisreich vorgestellt wie die Weine.

PS: Die Weine, die man dort trinken kann, kann man auch als Flasche kaufen und zu Hause trinken. Und den Käse portionsweise mitnehmen. Kann auch ganz schön sein…

WEIN | KULTUR | BAR
Wittenberger Str. 86
01277 Dresden Striesen

Tel.: 0351/3157917
www.weinkulturbar.de

Geöffnet
Dienstag bis Samstag 15.00 bis mindestens 23.00 Uhr
Reservierung, auch langfristig, dringend empfohlen

[Zuletzt besucht am 30. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Gasthaus Oberschänke

Kochsternstundenmenü in der Oberschänke

Verzeihn Sie, mein Herr,
Fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?
Er schafft’s vielleicht,
Wenn’s mit der Kohle noch reicht.

Kötzschenbroda-Express

Altkötzschenbroda! Mein Lieblings-Anger in der Gegend, schon weil der Name so toll ist und Bully Buhlan den Ort 1946 in seinem Swing verewigte (1983 machte Udo Lindenberg dann den Sonderzug nach Pankow daraus). Der ganze Ort ist liebreizendst restauriert und insgesamt eine veritable Kneipenmeile. Ganz am Ende (oder, wenn man von eben da kommt: ganz am Anfang) gibt es neben der Friedenskirche das Gasthaus Oberschänke. Das klingt so richtig altbacken – und ist das genaue Gegenteil!

Wir erlebten einen sehr herzlichen und fröhlichen Abend – mit einer Bedienung, die bestens drauf war, sich um unser Wohl(ergehen) kümmerte und auch im Stress noch Zeit für beschwingte Unterhaltung fand. So haben wir das gerne (und wünschen es uns auch andernorts!). Unser Viergang-Menü im Rahmen der Kochsternstunden kam erstaunlich flink – wir hatten den Eindruck, dass andere Gäste, die á la carte bestellt hatten, länger warten mussten. Allerdings schienen die auch entspannt und gelassen, so dass der Eindruck auch trügen kann. Wartezeiten sind ja per se auch nichts Schlimmes, schon gar nicht, wenn wirklich frisch gekocht wird.

Und frisch zubereitet ist es in der Oberschänke! Unsere Vorspeise von Garnele, Wachtel und Ziegenkäse war ein klar arrangiertes Trio mit vielen Geschmacksexplosiönchen, die Freude bereiteten. Dazu gab’s dann übrigens einen halbtrockenen Riesling (2010 feinherb von Josef Rosch).

Schön kräftig schmeckte das Filet vom Seesaibling mit Kartoffelkruste, Borschtschgraupen und Parmesanschaum (der separat auch nachgereicht wurde, was uns gut zupass kam ;-)  ) – und einmal mehr durften wir entdecken, dass Graupen durchaus köstlich schmecken können. Auch Rote Bete (im Gemüsebett unterm Fisch) sind viel besser als ihr Ruf, wenn man sie denn richtig zubereitet. Es machte “hhmmm” und “hhhhmmmmm” am Tisch, wozu ein apulischer 2009 Chardonnay (!) von Tormaresca durchaus beitrug (und wir etwas entsetzt feststellen mussten, das Weingut bei unserem Besuch in Apulien verpasst zu haben)!

Eigentlich waren wir ja hauptsächlich wegen der Geschmorten Kalbsbäckchen, Osso Buco Gemüse & Kartoffeltörtchen nach Altkötzschenbroda gefahren – eine Weltreise, wenn man im Süden Dresdens wohnt ;-) . Aber es hat sich gelohnt! Die Kalbsbäckchen butterzart – sie zerfielen vor Scham, wenn man sie nur ansah. Aber sie waren keineswegs trocken! Das Gemüse unterm Bäckchen fein abgeschmeckt, der Broccoli bissfest – nur das Kartoffeltörtchen vielleicht ein wenig zu trocken und käselastig (aber wenn man’s mag…). Auch hier wurde in einer Sauciere was zum Ditschen nachgereicht: Das mag zwar nicht die feine Küche sein, aber die leckere ist es! (Die Weinempfehlung, ein 2010 Merlot von Torres, war mir ein wenig zu grantig für das feine Bäckchen. Aber das haben wir unter “Geschmackssache” verbucht).

Zum Dessert gab es ein Arrangement köstlicher Süßigkeiten – ein nett arrangierter Mix aus weißem Tobleronemousse auf Rhabarberkompott, Rote-Grütze- und Granatapfeleis, Rhabarbermuffin und einer Obstgarnitur. Und eigentlich noch ein Birnen-Lavendel-Sorbet, denn das gab’s als zusätzlichen Gruß aus der Küche vor dem Dessert! Taylor’s 2004 Vintage Port erwies sich als durchaus passender Begleiter zu den hausgemachten Süßigkeiten…

Gasthaus Oberschänke 
Altkötzschenbroda 39
01445 Radebeul

Tel.: 0351 / 838 88 13
www.oberschaenke.de

Geöffnet:
Montag bis Freitag ab 17.00 Uhr Samstag, Sonntag und Feiertags ab 12.00 Uhr

[Besucht am 26. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Das Lied vom Zug nach Kötzschenbroda in einer, hm, sagen wir: gewöhnungsbedürftigen Fassung

Runde Sache: Besuch im Cube

Cube

Den Tipp zum Besuch des Cube bekam ich vor einiger Zeit über einen Facebook-Kontakt: Da sei es toll, da solle ich unbedingt mal hin. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, denn irgendwie erschien es mir nach Betrachten der Webseite mehr Bar und Lounge als Restaurant zu sein. Aber man kann sich ja auch irren – wir waren nämlich jetzt im Rahmen der Kochsternstunden dort und schlichtweg begeistert!

Seit August 2011 gibt es das Cube, in dem Würfeliges das Design bestimmt. Allerdings nicht zum Anecken – eher gestaltete sich der Abend zu einer runden Sache, mit nur kleinen Irritationen der überschaubaren Art: Der Service unter der Leitung des einen von zwei Inhaber-Brüder David und William Georgi erschien uns nämlich eine Spur zu beflissen. Sich nach dem Wohlergehen der Gäste zu erkunden, ist ja ganz OK, aber quasi nach dem ersten Bissen schon ein gestelztes (und sich bei allen Gängen wiederholendes) Frage-Antwort-Spiel a la “Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?” – “Ja, Danke…” – “Das hören wir gerne!” anzuleiern, kann dann schon auf den Keks gehen, um das einmal bewusst salopp zu formulieren. Und die Wiederholung des Spiels nach jedem Gang macht’s auch nicht besser. Derlei Steifheit stört uns auch in durchaus vornehmeren Restaurants – aber in einem Szenerestaurant (als solches firmiert das Cube auf der eigenen Webseite) mögen wir sie gar nicht.

Das war’s aber auch schon, denn ansonsten war alles eher prima. Das Menü begann – weil wir mit dem Kochsternstunden-Veranstalter Clemens Lutz im Rahmen des “offenen Genuss-Tisches” da waren – mit einem zusätzlichen Amuse Geule. Aus der Küche kamen die an Genuss-Tisch-Abenden obligatorischen Sternenudeln, aber dezent zurückhaltend auf kräftig würzigem Rindercarpaccio und Proseccoschaum serviert. Ein geschmackvoller Gruß aus der Küche!

Kaltes Champagnerschaumsüppchen mit Melonen Kaviar beeindruckte nicht nur durch einen leicht säuerlichen frischen Geschack, sondern vor allem auch durch die Kügelchen der Melone (die optisch in der Tat an Forellenkaviar erinnerten). Der dazu servierte 2009 Schloß Wackerbarth Grauburgunder war eine perfekte Ergänzung.

Vom Aussehen erinnerten die Heilbuttnocken auf Rotebeete Carpaccio mit Safran-Zitronengrasschaum ein wenig an den Gruß aus der Küche, aber geschmacklich war das dann schon ein eigenes Erlebnis. Die Nocken ähnelten in Farbe und Konsistenz Mozarella, hatten aber (natürlich!) einen wunderbaren Eigengeschmack, der im harmonischen Gegensatz zur erdigen Roten Bete stand. Dazu tranken wir einen 2010 Spiess Chardonnay QbA Vom gelben Löss – ein trefflicher Begleiter!

Höhepunkt des Abends war dann allerdings das Rosa gebratene Rinderfilet an Kartoffelstroh und Fingermöhren mit Cognac Jus! Das Filet kam vom Limousin-Hof Klemm, den wir ja schon mal besucht hatten – beste Qualität also. Was uns aber so unglaublich ins Schwärmen gerieten ließ, war die Zubereitung: Endlich einmal wirklich rosa – und das, obwohl (konsequenterweise!) nicht gefragt wurde, wie wir es haben wollten: Das wurde (korrekt, korrekt!) einfach vorausgesetzt, dass es nur so und nicht anders geht. In einer Sauciere reichte der Service mehr vom Jus, was wir dankend angenommen haben. Spontan beschlossen wir: Für diesen Gang gehen wir nochmal ins Cube! Ach ja, for the records: Dazu gab’s 2006 Lamborghini Trescone

Zum Abschluss genossen (jawohl!) wir Schokoladen Spaghettinis gratiniert mit frischen Früchten und Weinschaum Sabayon, wobei die Schoko-Spaghetti überraschend schokoladig schmeckten und auch gut aussahen – “nach einem Monat Herumexperimentiererei!”, wie uns David Georgi versicherte. Dazu gab’s was Süßes: 2010 Marchesi di Barolo Moscato Zagara d‘Asti DOCG.

PS: Alle Gerichte haben wir so geschrieben, wie sie in der Karte standen. Freiwillig hätten wir Leerzeichen und/oder Bindestriche ja manchmal anders gesetzt…

PS 2: 4 Gang Menü 39,00 €, inkl. Weinbegleitung 52,50 €

Restaurant Cube
Herbststr.1
01139 Dresden

Tel.: 0351 / 657127 95
www.cube-dresden.de
www.kochsternstunden.de/index.php/cube.html

Geöffnet:
Montag bis Freitag ab 17.00 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertags ab 12.00 Uhr

[Besucht am 26. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Italienische Erlebnisse – mitten in Dresden

Kochsternstunden im Rossini

Ich solle, schrieb mir die verehrte Kollegin, doch mal wieder das Wort “schnippisch” benutzen bei der Beschreibung eines – nein: dieses – Restaurant-Besuchs. Nein, antwortete ich ihr, das läge mir fern: Denn erstens sei schnippisch für ganz besondere Fälle reserviert und zweitens war unsere Bedienung doch nicht schnippisch, sondern allenfalls arrogant! Aber auch darüber müsse ich noch mal nachdenken.

Wir waren im Rossini. Nicht allein, sondern mit etlichen Mitessern (nein, keine Pickel, sondern die männliche Form der Mitesserinnen) der Kochsternstunden. Dort gab’s zum eh schon sensationellen Preis von 29 Euro ein Dreigangmenü, bei dem wir allein den Warenwert auf geschätzt mindestens 20 Euro taxierten. Vielleicht aber noch mehr, und das kam so: Zur Vorspeise war Hausgemachte Pasta im Pecorino-Laib mit Riesengarnelen und pikanter Tomatensauce vorgesehen. Auftritt ein veritabler halber Laib, fein lauwarm angeschmolzen und mit recht gut gemachten Riesengarnelen verziert. Schnell kamen wir auf die Idee, auch den Käse aus dem Laib zu löffeln – der schmeckte sogar ohne Nudeln! Aber was macht man nun mit so einem angeknabberten Halblaib?

Wiederverwerten werden sie ihn in der feinen Küche des Rossini ja wohl nicht – also fragten wir den Kellner, ob man ihn den Pecorino nach dem Essen mitnehmen könne? Das sei doch eine Schande, so viel Käse (ein Halblaibchen war für zwei Personen vorgesehen) wegzuwerfen! Darauf guckte uns die Bedienung ein wenig entsetzt an, und der Blick wurde nicht besser, als wir betonten, es ernst zu meinen: Wegwerfen sei doch schade und weiternutzen undenkbar!

Entsetzt ist ja nicht schnippisch, aber das Setting war damit gut vorgegeben. Nächste Steilvorlage: Vornehmerweise standen die individuell bestellten Wasser- und Weinflaschen weit weg auf einem Serviertisch, und die Bedienung – ein Sizilianer, der den Gästen sehr deutlich machte, wie auf der Insel gebliebene Landsleute nicht sind (bzw. wir sie vor Ort noch nie erlebt haben): mit einem Hauch cool-freundlich lächelnder Arroganz – schenkte im Vorübergehen immer mal wieder nach. Mal Wasser (hätten wir freiwillig sicher mehr getrunken, andere am Tisch lieber weniger), mal Wein (auch in noch nicht leere Gläser). Hei, gab das am Ende des Abends ein erfreuliches Durcheinander, als er die Gäste fragte, wieviel sie denn gehabt hätten? Da interpolierte ein(e) jede(r) so gut es ging, was zu nicht so eleganten Situationen führte.

Aber egal, nicht unser Problem, wenn zum Schluss dann noch ein fader Nachgeschmack bleibt. Aber wir sind ja noch gar nicht am Schluss, sondern erst beim Hauptgang: Rinderfilet “Rossini” mit Gänsestopfleber, frischem Gemüse und Thymiankartoffeln. Dafür, dass dies das namensgebende Gericht des Hauses ist, hätten wir es besser erwartet. Das leidliche Problem: Filet eher rare als medium zu servieren, fällt offensichtlich vielen Köchen trotz vorheriger flehentlicher Bitte schwer. Dabei ist es doch so leicht, wenn man weiß, wie viele Gäste das Gericht bekommen, die sich noch mit Vorspeise und Geschnatter die Zeit vertreiben! Aber, der Wahrheit die Ehre: Was nicht exzellent ist, kann ja trotzdem gut sein, und das war’s.

Dafür mundete das Tiramisu mit feinem Beerensalat um so besser. Und nein, wir sind es nicht leid, diesen Klassiker immer wieder zu essen – zumal dann nicht, wenn er so fluffig leicht ist und einfach nach mehr schmeckt! Und diesen Wunsch konnte auch die jahreszeitlich extrem unangemessene und sehr nach Winter schmeckende Erdbeere nicht verhindern. Wobei Köche, die im März keine Erdbeeren servieren, in unseren Augen mehr Respekt verdienen als solche, die sie sich von sonstwoher besorgen, auf Fadgeschmack-komm-raus.

Ristorante Rossini
im Hotel Hilton
An der Frauenkirche 5
01067 Dresden

Tel. 03 51 / 8 64 28 55
www.hilton.de/dresden

www.kochsternstunden.de/index.php/rossini-restaurant-hilton-dresden-hotel.html

[Besucht am 8. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Unsere Besuche 2002 und 2004 im Rossini]

Curry & Co

Dreigangmenü mit Champagner bei Curry & Co

Oha, das wäre beinahe schief gegangen: Beim Reservierungsanruf am Nachmittag kam ein leichtes Stöhnen vom anderen Ende der Leitung. “Sie verderben mir den Feierabend… Stand da nicht was von 24 Stunden vorher reservieren?” Nein, davon steht nix im Heft der Kochsternstunden - und weil das so ist, dürfen wir dennoch am gleichen Abend kommen.

…und haben offensichtlich der netten Dame am Telefon nicht mal den Feierabend verdorben, denn es waren zwei Jungs im Curry & Co, das sich in diesem Jahr den Spaß erlaubt und bei den Kochsternstunden mitmacht. Laut Programmheft außerhalb der Wertung, weil es sich um ein “Spezialmenü” handele – aber haben sie das nicht alle?

Das Ambiente im kultigen Curry&Co ist dem Sujet angepasst: Die beiden Jungs bedienen mit schwarzer Wollmütze als Kochhaube, aber sie sind extrem nett. Nur mit dem Du oder Sie sind sie sich nicht so einig, aber das können wir verschmerzen (Du wäre sicher sehr OK gewesen, oder?). Wir bekommen beim Hereinkommen eine schmucke Kiste in die Hand gedrückt und einen Tisch zugewiesen, den wir uns mit Hilfe des Kisteninhalts selbst kuschelig fürs Candlelight-Dinner im Separée mit Küchen-Blickkontakt gestalten können: Ein weißer Tischläufer, zwei Abdecker für die Löcher im Tisch (die sonst die Pommes-Tüten halten helfen), zwei Champagner-Gläser, zwei normale Gläser, zwei Servietten, zwei Pommeswurstgabeln, je zwei große und zwei kleine Löffel, eine Kerze (mit Ständer!) und Streichhölzer. Witzig – und perfekt! Kein Plastik!!! Außerdem gab es zwei Zettel nebst Kuli, in denen wir unsere Speise- und Getränkewünsche ankreuzen konnten. Champagner (eine Flasche Lanson für je ein 0,1-l-Glas zu Suppe und Hauptgang oder drei andere Getränke nach Wahl). Wir mixten: Einmal Schampus, dreimal Flaschbier (Flens Weizen, Rothaus Tannenzäpfle, Astra Rotlicht).

Serviert wurde on demand – will heißen: Es kann alles ganz schnell gehen, man kann sich aber auch Zeit lassen und schwatzen. Wir wählten die letzere Variante und blieben in diesem Schnellimbiss fast so lange wie in einem normalen Restaurant (was auch ging, weil wir keinem den Platz wegnahmen, dafür aber mit unserem schnieke eingedeckten Tisch andere Gäste in freudiges Erstaunen versetzten).

Die Suppen in offenen Weckgläsern serviert waren nicht so der Hit. Zwar waren sie mikrowellenwarm, was ja im Ernstfall schon die halbe Miete ist, und Currypulver über der Currysuppe konnte auch als Haube durchgehen – aber deswegen würden wir ganz bestimmt nicht wieder kommen. Bei den landesweit gerühmten Pommes und der Wurst sah das schon anders aus. Bei den Pommes war das ja zu erwarten gewesen, denn die liebenswerte Kollegin Dana P. nennt sie “die besten Pommes der Stadt” – und sie kennt sich da aus! Der mich begleitende sonst eher fleischaffine Kollege hatte sich im Sinne der Test-Erfahrung die vegane Wurst bestellt, was man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann. Für Veganer/Vegetarier sicher eine köstliche Alternative zu dem anderen Zeugs, was unsereinen so begeistert, für uns aber kein Grund, sich kulinarisch umzuorientieren. Die Rindercurrywurst kam unserem Geschmacksempfinden schon eher entgegen, auch wenn für die Herstellung dieser Sorte treuherzig-lieb guckende Rindsviecher ihr Leben lassen müssen. Fünf Saucen standen zur Auswahl, je zwei durften wir wählen. Hausgemacht sind sie (steht auf der Webseite), einen Liebling identifizierten wir nicht. Beim nächsten normalen Besuch wird’s wahrscheinlich die scharfe Currysauce werden, die nicht wirklich so scharf ist, dass einem die Tränen kommen…

Curry & Co
Louisenstraße 62
01099 Dresden

Tel.: 0351 | 209 31 54
www.CurryundCo.com

http://www.kochsternstunden.de/index.php/curry-und-co.html 

Öffnungszeiten:
So bis Do 11.00 Uhr – 22.00 Uhr
Fr bis Sa 11.00 Uhr – 02.00 Uhr

[Besucht am 6. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Traditionelles modern interpretiert

Charlotte K

Zitzschewig ist einer der vielen Orte im Osten der Republik, bei denen man am besten gar nicht so genau hinsieht, wie da die Konsonanten aufeinander prallen. Dabei ist es ganz einfach, wie man mit diesem slawischen Gezische umgeht: Vernuscheln. Einfach mal das z zwischen dem t und dem sch weglassen, und dann geht’s doch!

Dieser kleine Exkurs macht es uns ein wenig leichter, sich für Charlotte K. im Radebeuler Ortsteil Zitzschewig zu verabreden. Hier kocht seit dem 1. Dezember 2007 Ines Kuka, eine der wenigen Chefinnen in der Garde der besten Köche im Land. Zum Stil des Hauses gehört auch, dass man die Köche zu sehen bekommt, da sie oft die Teller (mit) an den Tisch bringen. Deswegen kennt und begrüßt die Chefin ihre Stammgäste (deren es viele gibt) dann auch und hat immer ein freundliches Wort übrig – so viel Zeit muss sein.

Das Wohlfühlen spielt also im 1827 gebauten Zweiseithof eine große Rolle. Als wir da waren, gab’s keine freien Plätze mehr – das Konzept scheint also anzukommen. Wir entschieden uns für die Drei-Gang-Variante des angebotenen Menüs und verzichteten auf die Suppe – aber nicht auf den dazu angebotenen Wein: auf den 2010 Grauburgunder „Brüssele“ von Graf Adelmann wollten wir nun wirklich nicht verzichten! Und bis zur Vorspeise kamen immerhin zwei Grüße aus der Küche, die die Wartezeit angenehm verkürzten.

Salat vom Kalbsbäckchen auf Bohnen & Birnen im Kräutersud als Vorspeise waren einerseits eine schöne Erinnerung an heimische Küche (in der es Birnen-Bohnen-Speck gab) und andererseits ein feinschmeckender Beweis dafür, wie man Traditionelles modern interpretieren kann. Die Bäckchen zart und der Kräutersud ein köstlich-würziges Bett für Birnen und Bäckchen. Der dazu gereichte 2010 Rosé „Saigner“ von Markus Schneider ist für sich allein getrunken schon einer unserer Lieblinge, aber zu den Bäckchen legte er noch einmal zu.

Der Rollbraten vom Kaninchen auf Karotten-Lauch -Ragú mit Senfhollandaise erschien uns ein wenig zu trocken – ein bekanntes Phänomen bei Kaninchen. Dafür hatte es Geschmack und somit die zweite Klippe bei Kaninchengerichten bestens umschifft, was auf eine kenntnisreich-liebevolle Behandlung in der Küche schließen lässt. Der passende Wein dazu war ein 2010 Gelber & Roter Traminer Umathum aus dem Burgenland.

Das Dessert hatte das Zeugs, unseren absoluten Liebling bei Charlotte K. auf die Plätze zu verweisen: Eine Schokoladen-Bayrisch-Creme mit Mango. Nicht gerade etwas zum Abnehmen, dafür aber zum Abschlecken (ging aber nicht, da wir keine Chamäleon-Zunge haben und die Creme im Weckglas serviert wurde. Chic, aber unpraktisch und ein gutes Mittel zur Tischsittenerziehung…)

Charlotte K.
Coswiger Straße 23
01445 Radebeul

Tel.: 0351 / 833 6876
http://www.charlotte-radebeul.de
http://www.kochsternstunden.de/index.php/charlotte-k.html

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag ab 18 Uhr

[Besucht am 3. Februar 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Frühere Berichte von den Besuchen 2008 und 2010

Mehr Sein als Schein

Kochsternstunden im Elements

“Essen muss immer spannend bleiben!” sagen Stephan Mießner und Martina Starovicova vom Elements – und treiben die Spannung gegebenenfalls ganz schön auf die Spitze. Bei den Kochsternstunden – einer Veranstaltungsreihe mit in diesem Jahr 25 teilnehmenden Restaurants in und um Dresden – lesen sich Menü und Weinbegleitung extrem simpel.
– Kartoffeln und Quark, Leberwurst (…einfach? …lecker)
– Ragout Fin – Milchkalb (…vom Feinsten)
– Bienenstich (…doch noch Suppe)
Aber wir kennen das Restaurant ja und ahnen bereits: es wird schon keine Schulspeisung geben…

Und so ist es denn auch. Und hier beginnt nun der Eiertanz des Schreibers, der den Schleier der Muttiküche nicht so ganz wegnehmen möchte, sich aber schon ein wenig äußern will. Fangen wir also da an, wo es losging: Beim Apero. Die Bar im Elements ist gut sortiert, und da kann man auch schon einmal mit einem Dessert Wine (so steht’s auf dem Etikett!) anfangen: Ein Pineau des Charentes, auf Eis serviert und weder geschüttelt noch gerührt, sondern einfach genossen. Super Einstimmung!

Ein Dutzend Leute hatten sich für diesen Abend an einem Tisch getroffen – ohne dass sich vorher alle kannten. Hinterher war das schon anders, dazwischen lagen einige Stunden mit vereintem Essvergnügen und beispielsweise die wundervolle Idee eines Mitessers, mit einem Extra-Wein die Lücke zwischen Aperetiv und Essensbeginn zu füllen. Eine Scheurebe, sieh an – darauf muss man ja erst mal kommen, denn da haben wir schon gruseliges Zeugs getrunken. Aber die vom Weingut Max Müller I. im fränkischen Volkach hat uns eines Besseren belehrt: Merken und wieder bestellen, vor allem wenn’s draußen mal so richtig Sommer werden sollte! (Anmerkung: Wir haben nicht so lange durchgehalten und zum Absacker die Runde mit eben jener Scheurebe beschlossen. Naja…)

Nun aber essen! Der erste Gang, in der Aufzählung oben weggelassen, hieß Knuspriger Blumenkohl, Eigelb, Edelkrebs und bot insofern keine Überraschung, als dass es knusprigen Blumenkohl, Eigelb und Edelkrebs gab. Der Blumenkohl kam zusätzlich zur Knusper-Varianrte als Stampf, leider etwas zu lau für unseren Geschmack (zumal die anderen Dinge natürlich, da überbacken, richtig warm waren). Dafür kribbelte Kaviarkorn unterm Edelkrebsüberbackenem, was uns sehr gut gefiel.

Und dann Kartoffeln, Quark und Leberwurst. Das isst man (zumindest in Sachsen) gerne und es kann – mit Leinöl und unter tunlichster Verwendung allerbester Zutaten – sogar richtig gut schmecken. Aber in so einem Elements-Menü ist die schlichte Variante nur schwer vorstellbar. Aber mit den Zutaten kann man ja spielen und die Leber kann bekanntlich so oder so zubereitet werden, Wurst ist das nicht. Wir verraten nichts, außer: Es hätte uns noch viel besser geschmeckt, wenn nicht (wieder) die Temperatur zu wünschen übrig gelassen hätte. Speziell bei der Nicht-Wurst…

Weniger geheimnisvoll müssen wir beim Ragout-Fin sein, weil es andeutungsweise auch auf der aktuellen Karte des Restaurants schon verraten wird. Glückliche (hoffen wir mal) Milchkälber gaben ihr Leben, um Genießer glücklich zu machen: Mit Filet und Bries. Spargel (grüner und weißer), Möhre, Zuckerschoten waren fest und knackig, die Sauce Mornay eine ideale Ergänzung: Frühling, Du kannst bitte kommen!

Zum Dessert war Bienenstich angekündigt, mit dem geheimnisvollen Zusatz: doch noch Suppe. Die kam aber in umgedreht aufgetischten Schüsseln, und das ohne auszulaufen. Trommelwirbel, die Spannung steigt – oh ja, hm. Überraschung gelungen (hätten wir uns aber, wenn wir vorher noch genauer in die Menükarte gesehen hätten, auch denken können…).

Zu allen Gängen gab es den passenden Wein, den Steffen Weber mit bekannt kenntnisreichen Worten anzupreisen wusste. Wobei anpreisen gar nicht nötig war, denn bei alten Bekannten wie einem 2009 Riesling trocken Schloss Johannisberg oder (für uns) Neuentdeckungen wie dem 2010er Spätburgunder Hand in Hand von Meike Näkel (Tochter unseres Lieblingswinzers von der Ahr, Werner Näkel) und Markus Klumpp aus Baden greift doch jeder gerne zu…

Elements Deli & Restaurant
Königsbrücker Straße 96
01099 Dresden

Tel.: 0351 | 27 21 696
www.restaurant-elements.de

http://www.kochsternstunden.de/index.php/elements-deli-restaurant.html 

Öffnungszeiten Restaurant:
Montag bis Samstag 11.00 Uhr – 23.00 Uhr, sonntags 10 – 14 Uhr

[Besucht am 2. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

“Durch unsere Adern fließt Riesling”

Aus dem Archiv nie geschriebener Beiträge® hier einer, der in Fragmenten schon seit fast einem Jahr in der Wiedervorlage herumdümpelte. Ihn zu Ende zu schreiben und endlich zu veröffentlichen hat einen Grund: Roman Niewodniczanski vom Weingut Van Volxem ist vom Genießer-Magazin Falstaff zum Winzer des Jahres gekürt worden. Und womit? Na klar: Mit Recht!

Roman Niewodniczanski

Roman Niewodniczanski vom Weingut Van Volxem im Gasthaus zur Post

“Ich will Ihnen heute gar keine Märchen von Pfirsich und Maracuja erzählen!” sagt Roman Niewodniczanski. Er steht, gefühlte Zweimeterzweiundzwanzig groß (in Wirklichkeit ist er nur unwesentlich kleiner, nämlich 2,03 Meter) im Biedermeier-Salon des Gasthaus zur Post im westfälischen Ladbergen und fesselt bei einem Weinabend rund um seine Weine sein Publikum gleich doppelt: Einmal mit den Saarweinen Großer Lagen, die er mitgebracht hat von seinem Weingut Van Volxem, dann aber auch durch seine Persönlichkeit: Der Mann kann reden, er strahlt unendliche Energie aus – aber ohne dieses unangenehme Getue, das Möchtegernmotivatoren auszeichnet.

Und so steht er denn locker-lässig am Tisch und erzählt. Davon, dass er als Seiteneinsteiger (gelernter Beruf: Berater) und eher vom Pils-Umfeld geprägter Mensch (sein Vater war Geschäftsführer der Bitburger-Getränkegruppe) sich das eigentlich ganz anders vorgestellt habe: “Ein Castello di Irgendwas – das ist doch Lebensqualität!” Aber dann wurde es das “renommierte, aber heruntergekommene Weingut “Van Volxem”, das alles vereinte, was sich der Jungwinzer erträumte: Dramatisch steile Hänge, skelettreiche Schieferböden und eine Weinbaugemeinde mit hoher Anzahl unterschiedlicher Terroirs” (aus dem Portrait auf wein.de).

Sein Ziel sei, Weine zu machen wie anno 1900 – denn die waren richtig gut, damals an der Saar. Und das heißt nicht nur, dass damals sehr gute Preise erzielt wurden für Saar-Weine, sondern auch: Keine Zusatzstoffe, oder mit den Worten von Roman Niewodniczanski: “Wein kann auch aus Trauben bestehen!” Kein Zufall also, dass der Begrüßungssekt im Gartenzimmer des Hauses ein 2007 Brut 1900 war!

Menü zu Weinen von Van Volxem
Menü zu Weinen von Van Volxem

Das Menü begann mit einer Überraschung – typisch Niewodniczanski (ja, ich schreibe jetzt den Namen so lange, bis ihn jede/r gelernt hat!): “Durch unsere Adern fließt Riesling!” sagte er – und hatte einen 2009 Weißburgunder eingeschleust. Vorgesehen war der nicht, aber “als ich das Menü las, dachte ich: der aromatische und leichte Weißburgunder muss es sein!” Und siehe da: Zur Terrine vom Nordsee-Steinbutt mit getrüffelten Artischocken und Kresse-Salat war er wirklich allererste Wahl, und der 2008 Saar Riesling danach gab einen bezaubernden Nachhall. Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass man immer zwei Weine pro Gang haben müsste?

Zum nächsten Gang Ris de veau mit gegrilltem Hummer und gefüllter Ofenkartoffel gab es zwei Rieslinge aus dem gleichem Jahrgang: 2009 Saar Riesling im einen und 2009 Alte Reben Riesling im anderen Glas. Der Saar Riesling war 2010 von der Weinwirtschaft zum “Weißwein des Jahres” gekürt worden – das sollte man wissen, wenn ich etwas verschämt zugeben muss, dass die Alten Reben des gleichen Jahrs uns um Längen besser zum Kalbskopf gefielen. Mit 11,5 % Alkohol folgt er der Devise bei Van Volxem, keinen Wein mit mehr als 12 % Alc. auszubauen. Das erfordert Arbeit im Keller – aber sie lohnt sich. Die bis zu 120 Jahre alten Reben wurzeln tief und bringen körperreiche Weine hervor.

Vor dem Hauptgang (Blanquette vom heimischen Kaninchen im offenen Raviolo mit glasierter Bete, dazu wieder zwei Weine: 2009 Scharzhofberger Riesling und 2003 Altenberg Alte Reben Riesling) noch einige Informationen zum Weingut: Im Jahr 2000 hat Roman Niewodniczanski Van Volxem übernommen – sagen wir mal vorsichtig: Nicht in allerbestem Zustand. Aber die Lagen rundum gehören zu den besten der Gegend (ein Nachbar ist Egon Müller…). Und mit “preußischen Tugenden” (Roman Niewodniczanski über sich) wurde mit Spaß und Arbeit (und wohl auch Spaß an der Arbeit sowie viel Geld) konsequent Qualität angestrebt. Mit Handarbeit, anders geht das nicht, wird Mist aufgebracht, werden die Reben von Hand geschnitten. Ein gigantischer Aufwand bei 43 ha Weinbergen. Niewodniczanski, der Hüne im Weinberg, steht grinsend mit dem Glas in der Hand am Tisch des Biedermeyer-Salons im Gasthaus zur Post und sagt: “Weine lieben die Sonne. Aber noch mehr lieben sie den Schatten ihres Herrn!”

Doch doch, wir hingen nicht nur am Mund des Erzählers, wir haben auch gegessen und getrunken: Das Kaninchen haben wir als eine würdige, weil nicht trockene Begleitung zu den beiden trockenen Rieslingen genossen. Der eine vom kühlsten Weinberg Deutschlands, der andere aus einem heißen Jahr vom wärmsten Weinberg des Weinguts, vom bis zu 70% steilen Hang des Kanzemer Altenbergs. “Das ist kein Berg, das ist eine Wand!” meinte Roman Niewodniczanski.

Zu Geschmolzenen Vacherin Mont d ́Or, Polentaplätzchen und Tréviso Salat gab es – Überraschung! – was Süßes. “Nicht unser Stil” meinte Niewodniczanski, aber wenn’s passt, dann passt’s eben. Und besser als ein Roter sei der 2008 Rotschiefer Riesling allemal! Müder Scherz am fortgeschrittenen Abend: Aber es sei doch ein ROTschiefer…

Den Abschluss bildeten Chiboust von der Passionsfrucht mit karmellisierter Banane und marmoriertem Mango-Kokosnuss-Sorbet zu einem 2005 Scharzhofberger Riesling Auslese.

Weingut Van Volxem
Roman Niewodniczanski
Dehenstr. 2
54459 Wiltingen / Saar

Tel.: +49 (0)6501-16510
www.vanvolxem.de

Gasthaus zur Post
Dorfstr. 11
49549 Ladbergen

Tel.: +49 5485 93 93 0
http://www.gastwirt.de

[Besucht am 5. März 2011 | Lage]

Disclaimer:
Das Gasthaus zur Post ist Kunde von mir – dieser Text aber außerhalb der Aufträge entstanden.

Restaurant Vincent

Restaurant Vincent

Kinnings, wie die Zeit vergeht! Noch keine zehn Jahre ist es her, da schwärmten wir für die Küche des Schloss Eckberg – und meinten damit, auch wenn es in den Kurzbeiträgen für den Feinschmecker so nicht stand, die Leistung von Vincent Clauss. Acht Jahre profitierte das Eckberg von seinem elsässischen Koch, der sich jetzt nach zwei Ausflügen in die Dresdner Erlebnisgastronomie und nach Leipzig einen Wunsch erfüllte: ein eigenes Restaurant.

Das Vincent hat in Striesen, dem Dresdner Viertel guter Restaurants, ein feines Plätzchen gefunden: Die hellen Räumlichkeiten mit großen Fenstern sind geradlinig und geschmackvoll eingerichtet – ein Spiegel der Küche von Vincent Clauss.

Bei unserem Besuch an einem Freitagabend war das Restaurant gut besucht, aber längst nicht alle Tische besetzt. Dennoch haben wir lange auf unser Essen warten müssen – zu lange (an den Fotos kann man es nachvollziehen: Amuse Geule 20.37 Uhr, Vorspeise 21.03 Uhr, Hauptgang 21.37, Dessert 22.05). Aufgefallen war uns das bei der Vorspeisen, die ja mehr oder weniger fertig sind: Austern, Suppe, Salat.

Womit wir bei dem wären, weswegen wir ins Vincent gegangen sind: dem Essen. Kann man an Austern (2 Stück, mit Chesterbrot 4,20 Euro) was falsch machen? Nöö, denn wenn sie frisch sind, sind sie ja sich selbst überlassen. Und sie waren frisch – obgleich uns die Lagerung auf einem (natürlich geeisten) Show-Teller doch nachdenklich stimmte und der dort ebenfalls drapierte Steinbutt am Ende des Abends ganz traurig guckte, weil ihn keiner haben wollte.

Gar köstlich geraten war die Bouillabaisse à la Vincent mit Sauce Rouille und Baguettescheiben (5,80 Euro) – ohne Anspruch auf vollständiges Wissen denke ich mal, die derzeit beste in Dresden: kräftiger Fond, viel Fisch, dezente Schärfe. Wenn man bedenkt, wie weit weg das Elsass (und erst recht Dresden!) von Marseilles entfernt ist…

Hauptgang Nummer eins ist eine humorige Anspielung auf sächsisches Französisch: ”Kokowääh – Coq au vin” nach elsässer Art. Das in Wein geschmorte Huhn wird viel zu selten angeboten! Freundlicherweise war das Hühnchen saftig – und wir hoffen mal, dass es vom Stamme der Glücklichen war… (14,20 Euro). Perfekt geraten auch der Skrei, der mit Trüffelgraupen serviert wurde. Winterkabeljau ist ja per se ein Genuss, und das große Stück war wirklich auf den Punkt gegart. Die Graupen erlebten in der servierten Machart eine Rehabilitation – wer sie in schlechter Erinnerung hat und im gleichen Atemzug von Risotto schwärmt, sollte sie hier probieren und “Tschuldigung, Graupe!” sagen.

Zum Abschluss gönnten wir uns, da sind wir phantasielos, die Crême brûlée mit Ananas-Minz-Salat (5,20 Euro) und beschlossen, nächstes Mal mehr Mut zu haben. Woraus der erfahrene Leser (wie auch die erfahrene Leserin, natürlich!) schließen kann: Die CB war nicht die beste der Stadt, sondern lediglich ordentlich. Aber wir fanden’s insgesamt doch wiederbesuchenswert…

Restaurant Vincent
Wittenberger Straße 49 / Ecke Bergmannstraße
01309 Dresden

Tel.: 03 51/31 90 64 04
www.restaurantvincent.de

Geöffnet: 
Dienstag 17-23 Uhr
Mittwoch bis Sonnabend 12 bis 23 Uhr
Sonntag und Feiertage 11 bis 23 Uhr

[Besucht am 24. Februar 2012 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Sex and Drugs, no Rock’n'Roll…

im Red Light District

Man hört ja immer wieder, dass Leute nur nach Amsterdam fahren, weil es dort alles geben soll von diesem Sex, diesen Drugs und zur Entspannung wohl auch Rock’n'Roll. Dabei muss man gar nicht deswegen nach Amsterdam fahren – man stolpert schnell über all die Dinge, die die Stadt kribbeln lassen. Zuerst schlenderten wir, völlig unvorbereitet, ins Rotlichtviertel. Und das kam so: Wir waren gerade angekommen und gingen vom nahe gelegenen Hotel Richtung Zentrum. Kurz vorm Neumarkt fanden wir einen Thailänder: Song Kwae Thai. Als wir (so gegen 21 Uhr) ankamen, war es rappelvoll, aber der wieselflink durchs Restaurant huschende Service signalisierte schon: Da wird gleich was frei.

Song Kwae Thai Restaurant
Song Kwae Thai Restaurant

Der Zufallsfund entpuppte sich als gute Wahl: Seit 1995 gibt’s das Restaurant, die Karte liest sich sehr authentisch. Hinten, am Ende des schlauchartigen Restaurants, kann man in die offene Küche sehen – Geheimnisse scheinen die Köche nicht zu haben. Einen guten Einblick verschaffte die gemischte Vorspeisenplatte Song Kwae Mix Lek (9,25 Euro) mit Satéspieß vom Huhn, Frühlingsrolle, Garnele und Gehacktem. In bester Erinnerung blieb die Sauce, die dazu gereicht wurde!

Moe Himmaplaan (XX Euro) war ganz harmlos Schweinefleisch, Cashewkern und Gemüse: lekker lekker, wie die Niederländer sagen, wenn’s ihnen schmeckt. Gar nicht harmlos, weil rattenscharf, brannte sich Kaeng Daeng Kai (xx Euro) ins Gedächtnis ein: Huhn, Bambus, Bohnen – und das alles in rotem Curry. O-ha!

im Red Light District
im Red Light District

Noch während unseres Essens leerte sich das Restaurant: In den Niederlanden geht man eher früh essen und macht sich dann auf, was anderes zu erleben. Wir starteten den Verdauungsspaziergang am Neumarkt entlang und kamen ins chinesische Viertel, wunderten uns noch voll naiv, warum es links in den Seitenstraßen so voll war und liefen immer weiter, bis wir den Bahnhof erblickten. Da wollten wir aber nicht hin, also links ab – und waren dann mittendrin im Rotlichtviertel. Die Damen in ihren Verrichtungszellen sind blöde Touris nicht nur gewöhnt, sie leben davon. Gleich gruppenweise – nein, nicht was Sie jetzt denken: laufen die Leute vorbei. Aber manchmal wird dann eben doch einer reingeschickt, die draußen geiern sich halb scheckig, der drin hat sein Vergnügen und hinterher beim Bier was zu erzählen.

im Red Light District
im Red Light District

Es gibt Abteilungen für jeden Geschmack: Unglaublich Dicke und unwahrscheinlich Dürre, Farbige und Blasse, Blonde und blond Gefärbte. Was den Touristen Spaß bereitet, schafft hinter den Kulissen Ärger – von Menschenhandel ist die Rede und anderen unschönen Dingen. In der englischsprachigen Wikipedia steht der Satz einer ehemaligen Amsterdamer Prostituierten, die jetzt im Stadtrat sitzt: “Es gibt Leute, die wirklich stolz auf das Rotlichtviertel als Touristenattraktion sind und es für einen wunderbaren fröhlichen Ort halten. Aber es ist eine Jauchegrube. Es gibt eine Menge von schwerer Kriminalität. Es gibt eine Menge von Ausbeutung von Frauen und viel soziales Elend. Das ist nichts, worauf man stolz sein kann.”

Priscilla Jourdan
Priscilla Jourdan

Vor den Kulissen freilich ist alles eben rosapuffrot und heiter. Fotografieren ist, aus verständlichen Gründen, nicht erwünscht – außer bei den zu Modeläden oder Galerien wie der von Priscilla Jourdan umfunktionierten Schaufenstern (ihr Il Gioiello, sagt sie, sei die kleinste Galerie der Welt). Denn als vor einigen Jahren das Geschäft mit der Prositution überhand zu nehmen drohte, ließ die Stadtverwaltung des liberalen Amsterdam einige Schau-Fenster mit Hinterland zwangsweise schließen und stellte sie einem Projekt zur Verfügungt, dass auf ganz andere Weise dem Voyerismus entgegen kommt: Mode-Designer stellen jetzt dort ihre Puppen aus, die Red Light Fashion soll dem 6.500 Quadratmeter großen Viertel einen weniger anrüchigen Anstrich geben. Nach unseren Beobachtungen interessierten sich die herumtrollenden Heerscharen der Touristen aber nicht für Mode.

Ersatzteillager
Ersatzteillager

Tagsüber sind alle Fenster grau, aber Farbe kommt dennoch ins Viertel durch viele bunte Geschäfte. Ein Sexshop hier, Fetische dort, nebenan eine bunte Mischung aus Augenlidern, Ersatzgliedern und Brüsten, eine wundersame Ausstellung von Plaste und Elaste aus Schkopau- Zwischendurch finden sich Coffeeshops, in denen es für “positive people with good vibes” (Schild gesehen am Barneys) Gras und Haschisch a la carte gibt. Der süße Duft bleibt natürlich nicht in den Coffeeshops, so dass, wer nur mal schnuppern will oder unter 18 ist, auch genüsslich draußen langschlurfen kann.

Magic Truffels
Magic Truffels

Auch legal in Amsterdam: Kahlköpfe. Also nicht die extrem dummen Jungs, sondernPsilocybe. Magic Mushrooms, halluzinogene Pilze – oder, wie die Österreicher es charmant nennen: Narrische Schwammerl. Nicht meine Welt, weswegen wir dran vorbei gegangen sind…

Song Kwae Thai Food
Kloveniersburgwal 14a
1012 CT, Amsterdam
Tel. 020 624 2568
www.songkwae.nl

Geöffnet: täglich 13 bis 22.30 Uhr
[Lage]