Dem Sonnenuntergang entgegen

Winzerhof Golk 2012

Nein, das Herz der Welt ist Golk nicht. Andere Körperteile, weiter hinten und weiter unten, kämen vielleicht eher für eine Beschreibung in Frage. Andererseits gibt es in Golk den Winzerhof, den wir einmal zufällig während einer Wanderung entdeckt und dann gezielt besucht hatten. Wir fanden’s toll und hatten uns den Winzerhof als ideales Ausflugsziel schon vorgemerkt – da hatte er geschlossen. Nun gibt es “einen Neubeginn mit neuen Wirtsleuten”, steht auf der Homepage.

Wir also hin – und denken uns: Den Wirt kennste doch? Genau: Er hatte uns schon 2009 bedient und ist nun auch (zusammen mit seiner Frau) Pächter. Mit dem Rollenwechsel hat sich die charmante Art glücklicherweise nicht verändert, schnell und unaufdringlich liest Marcelli Ossadnik den Gästen die Wünsche von den Augen ab.

Eigentlich wollten wir ja nur ein wenig Spargel essen – aber es kam dann doch ein wenig anders. Und damit meine ich nicht den Gruß aus der Küche: Ein klitzekleiner Salat mit einem Klacks saurer Sahne. Eine nette Idee, knackig und erfrischend. Zum Spargel hatten wir Zunge einerseits und ein Schnitzel vom Schwein andererseits bestellt, beides mit Buttersauce. Die gab es reichlich, und zwar schon auf dem Teller und nicht in einer separaten Sauciere, so dass das Fleisch ganz schön schwimmen lernen musste. Wir waren nicht amüsiert (und erhielten am Ende, als wir das thematisierten, zumindest verbalen Zuspruch). Der Spargel war von der schlanken Sorte, aber ordentlich, das Schnitzel okay und die Zunge auch ohne Butterbad von der nicht ganz so mageren Sorte.

Aber das war kein Grund aufzuhören – zumal die Sonne sich so langsam zum Untergehen entschloss und die Landschaft in bezauberndes Licht tauchte. Obendrein hatten wir auf der Karte etwas gefunden, das unsere Aufmerksamkeit erregt hatte: Einen sächsischen Landkäse Belsagio. Eigentlich als kleiner Snack zum Wein gedacht, machten wir ihn zum Dessert. Der Käse aus Leppersdorf, der ein wenig an ganz jungen Parmesan erinnert, wäre uns in der Originalportionierung ein wenig zu groß gewesen – also fragten wir: Na klar, ging auch als halbe Portion! Und die Erdbeeren mit Vanilleeis ohne Sahne? Selbstredend! Sollte ja auch nicht schwer sein – aber dass wir dann die Sahne vom Dessertpreis abgezogen bekamen und für den Käse auch nur exakt die Hälfte zahlen mussten, fanden wir schon ungewöhnlich. Ungewöhnlich gut.

Fazit: Wir werden wieder hin, wenn uns der Weg mal in die Gegend führt!

Winzerhof Golk
Zum Forsthaus 7
01665 Diera-Zehren/OT Golk

Tel.: 03521/738835
Handy: 0171/5535154
http://www.winzerhofgolk.de/

geöffnet
Mi-Fr ab 16.00 Uhr
Sa/So/Feiertags ab 11.00 Uhr

[Besucht am 28. April 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Besuch 2009]

Eine Kleinigkeit neckt die nächste..

Bilder zur Restaurantkritik von Mario Pattis im Lippe'schen Gutshaus

Mario Pattis setzt im Lippe’schen Gutshaus-Restaurant Geschmacksakzente

Seit einiger Zeit kocht Mario Pattis im Lippe’schen Gutshaus–Restaurant in Zadel bei Meißen. Genau, das ist der, der als ganz Jungscher in die Kochgeschichte Sachsens einging, weil er 1994 als erster Koch in den neuen Bundesländern mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Damals kochte er noch in Familie auf dem Weißen Hirsch im Restaurant “Erholung” (dem der Focus bescheinigte, “eher ein größeres Wohnzimmer mit Küche” zu sein). Nichtsdestoweniger war Große Küche sein Ding, mit Vorbildern auch in der höfischen Küche Sachsens und natürlich bei der klassischen französischen Küche. Seine Desserts, die er nach der “Erholung” im Gourmetrestaurant des Romantikhotel Pattis im Zschoner Grund servierte, waren legendär, erreichten aber auch Spitzen der Verspieltheit.

Nun also ist er beim Prinzen im Weingut – und er macht sich da, um das Ergebnis vorwegzunehmen, bestens. Alles, was wir früher gern trotz aller Kochkunst bekrittelten, ist nicht mehr. Pattis kocht gradliniger und schafft es, auch Einfaches hochgenüsslich zu servieren. Wobei, bitteschön, “zu servieren” ernst gemeint ist, denn der Chef kommt mit an den Tisch und erklärt den Gästen sein Essen. Wir waren entzückt, zumal zum Ende des Abends, wenn der Stress in der Küche nachlässt, durchaus noch Zeit für ein Schwätzchen übrig bleibt. Und das lieben wir bekanntlich über alle Maßen (jetzt zum Beispiel, denn wir sind ja immer noch nicht auf den Punkt gekommen! Aber jetzt gleich, versprochen!).

Im Gutshaus-Restaurant agiert der Service zwar nach allen Regeln der Kunst, aber glücklicherweise überhaupt nicht steif. Wir sahen (im Vergleich zu unseren vorherigen Besuchen) neue Gesichter, und zwar hübsch strahlende. Und wir sahen zur großen Freude Mario Pattis, der den ersten von zwei Grüßen der Küche servierte: Einen getrüffelten Kartoffelschaum (der roch vielleicht angenehm!) und darin ein Kartoffel-Eis mit Curry-Geschmack. Wow! Eine verrückte Idee, aber eine sehr leckere (hier jetzt die üblichen Verdächtigen unter den beschreibenden Vokabeln ergänzen: locker aufgeschlagen, angenehme Würze, betörender Trüffelduft und dergleichen: passen alle!).

Wir hatten, sollte ich vielleicht erwähnen, das Kochsternstunden-Menü bestellt inklusive Weinbegleitung (pro Person 60 Euro, ohne Wein 35 Euro). Da stand als erster Gang “Amuses Bouches” – das ist Mehrzahl! Also freuten wir uns auf die zweite Mundfreude – und die kam in Form einer Felsenauster auf Passionsfrucht mit einem Klacks Kokossahne on top (Mario Pattis hat das etwas formvollendeter angekündigt, als er’s brachte…). So könnte es ewig weitergehen, dachten wir, eine Kleinigkeit neckt die nächste, alles schmeckt fein und die Weine des Prinzen (bis hierhin ein 2009 Riesling Kabinett Kloster Heilig Kreuz vom Ufer gegenüber und einen 2009 Weißburgunder - beides eher leichte Vertreter ihrer Art) fügen sich prima ein in die Gaumenfreuden.

Mit einem “Nun aber die richtige Vorspeise!” kündigte Mario Pattis Tatar vom Lausitzer Saibling mit pochiertem Bioei und marinierten Kräutern in Curry-Zitronengrasschaum an. Spätestens hier wurde uns dann klar, dass Pattis, seitdem er beim Prinzen zur Lippe geschmacksbildend wirkt, aufs Höfische mit seinen gehäuften Anbeiaufs verzichtet. Das pochierte Ei zerlief, einmal angeschnitten, in die Sauce und verfeinerte sie. Wir waren begeistert und fanden auch nicht, dass es zuviel Schaumschlägerei war, die uns da an den Tisch gebracht wurde.

Zum Hauptgang gab’s einen 2008er Dornfelder! Der hat hier nichts vom alten Image als Deckwein zur Farbgebung, sondern war ein exzellenter Begleiter zu Zweierlei vom Lamm mit mediterranem Gemüse und einem Kartoffel-Parmesantörtchen, bei dem uns das zarte Lammcarrée besonders begeisterte und fast noch besser gefiel als der Lammrücken. Beides rosa und butterzart, wie es sein sollte. Bei solchen Kleinigkeiten merkt man dann eben schnell, dass ein Meister am Herd steht.

Vor der angekündigten “Dessertinspiration” gab’s schon mal ein Vor-Dessert! Eine – natürlich alkoholfreie – Pina Colada, die uns hauptsächlich wegen des begleitenden Glases gefiel, in dem sich hauseigener Sekt mit Quittenlikör aus der (auch hauseigenen, was anderes kommt hier nicht auf den Tisch!) Meissener Spezialitätenbrennerei vermählt hatten. Und dann, zum krönenden Abschluss, die Dessertinspirationen. Nougat-Törtchen kam unserem geheimen Wunsch nach irgendwas mit Schokolade schon sehr nahe, zart schmelzendes Mango-Eis passte gut dazu und überraschte mit kleinen Sprengstoffexplosionen im Mund (nicht neu, aber immer wieder nett!). Dazu reichte der Service ein Glas Porto, jenes nicht Portwein sich nennen dürfende Getränk, dass (‘tschuldigung:) verdammt wie Portwein schmeckt. Ein edelsüßer Roter aus Frühburgunder und Dornfelder, der mit seinem üppigen Bouqet nach mehr schmeckt!

PS: Wer sich das Bild aufmerksam ansieht, wird hier etwas vermissen. Oben rechts sieht man den Proschwitzer Klassiker im Weckglas serviert: Bäckchen mit Sellerieschaum und Trüffel. Das brachte uns Mario Pattis (ich denk: außerhalb der normalen Menüfolge) an den Tisch. Wahrscheinlich wollte er, dass wir deswegen mal wiederkommen. Ist ihm gelungen!

Lippe‘sches Gutshaus-Restaurant
Dorfanger 19
01665 Zadel

Tel.: 03521 | 76 76 73
www.schloss-proschwitz.de

Geöffnet Mittwoch bis Sonntag ab 12.00 Uhr

[Besucht am 5. April 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | vorherige Besuche im März 2011 und im November 2010]

Gasthaus Oberschänke

Kochsternstundenmenü in der Oberschänke

Verzeihn Sie, mein Herr,
Fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?
Er schafft’s vielleicht,
Wenn’s mit der Kohle noch reicht.

Kötzschenbroda-Express

Altkötzschenbroda! Mein Lieblings-Anger in der Gegend, schon weil der Name so toll ist und Bully Buhlan den Ort 1946 in seinem Swing verewigte (1983 machte Udo Lindenberg dann den Sonderzug nach Pankow daraus). Der ganze Ort ist liebreizendst restauriert und insgesamt eine veritable Kneipenmeile. Ganz am Ende (oder, wenn man von eben da kommt: ganz am Anfang) gibt es neben der Friedenskirche das Gasthaus Oberschänke. Das klingt so richtig altbacken – und ist das genaue Gegenteil!

Wir erlebten einen sehr herzlichen und fröhlichen Abend – mit einer Bedienung, die bestens drauf war, sich um unser Wohl(ergehen) kümmerte und auch im Stress noch Zeit für beschwingte Unterhaltung fand. So haben wir das gerne (und wünschen es uns auch andernorts!). Unser Viergang-Menü im Rahmen der Kochsternstunden kam erstaunlich flink – wir hatten den Eindruck, dass andere Gäste, die á la carte bestellt hatten, länger warten mussten. Allerdings schienen die auch entspannt und gelassen, so dass der Eindruck auch trügen kann. Wartezeiten sind ja per se auch nichts Schlimmes, schon gar nicht, wenn wirklich frisch gekocht wird.

Und frisch zubereitet ist es in der Oberschänke! Unsere Vorspeise von Garnele, Wachtel und Ziegenkäse war ein klar arrangiertes Trio mit vielen Geschmacksexplosiönchen, die Freude bereiteten. Dazu gab’s dann übrigens einen halbtrockenen Riesling (2010 feinherb von Josef Rosch).

Schön kräftig schmeckte das Filet vom Seesaibling mit Kartoffelkruste, Borschtschgraupen und Parmesanschaum (der separat auch nachgereicht wurde, was uns gut zupass kam ;-)  ) – und einmal mehr durften wir entdecken, dass Graupen durchaus köstlich schmecken können. Auch Rote Bete (im Gemüsebett unterm Fisch) sind viel besser als ihr Ruf, wenn man sie denn richtig zubereitet. Es machte “hhmmm” und “hhhhmmmmm” am Tisch, wozu ein apulischer 2009 Chardonnay (!) von Tormaresca durchaus beitrug (und wir etwas entsetzt feststellen mussten, das Weingut bei unserem Besuch in Apulien verpasst zu haben)!

Eigentlich waren wir ja hauptsächlich wegen der Geschmorten Kalbsbäckchen, Osso Buco Gemüse & Kartoffeltörtchen nach Altkötzschenbroda gefahren – eine Weltreise, wenn man im Süden Dresdens wohnt ;-) . Aber es hat sich gelohnt! Die Kalbsbäckchen butterzart – sie zerfielen vor Scham, wenn man sie nur ansah. Aber sie waren keineswegs trocken! Das Gemüse unterm Bäckchen fein abgeschmeckt, der Broccoli bissfest – nur das Kartoffeltörtchen vielleicht ein wenig zu trocken und käselastig (aber wenn man’s mag…). Auch hier wurde in einer Sauciere was zum Ditschen nachgereicht: Das mag zwar nicht die feine Küche sein, aber die leckere ist es! (Die Weinempfehlung, ein 2010 Merlot von Torres, war mir ein wenig zu grantig für das feine Bäckchen. Aber das haben wir unter “Geschmackssache” verbucht).

Zum Dessert gab es ein Arrangement köstlicher Süßigkeiten – ein nett arrangierter Mix aus weißem Tobleronemousse auf Rhabarberkompott, Rote-Grütze- und Granatapfeleis, Rhabarbermuffin und einer Obstgarnitur. Und eigentlich noch ein Birnen-Lavendel-Sorbet, denn das gab’s als zusätzlichen Gruß aus der Küche vor dem Dessert! Taylor’s 2004 Vintage Port erwies sich als durchaus passender Begleiter zu den hausgemachten Süßigkeiten…

Gasthaus Oberschänke 
Altkötzschenbroda 39
01445 Radebeul

Tel.: 0351 / 838 88 13
www.oberschaenke.de

Geöffnet:
Montag bis Freitag ab 17.00 Uhr Samstag, Sonntag und Feiertags ab 12.00 Uhr

[Besucht am 26. März 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Das Lied vom Zug nach Kötzschenbroda in einer, hm, sagen wir: gewöhnungsbedürftigen Fassung

Traditionelles modern interpretiert

Charlotte K

Zitzschewig ist einer der vielen Orte im Osten der Republik, bei denen man am besten gar nicht so genau hinsieht, wie da die Konsonanten aufeinander prallen. Dabei ist es ganz einfach, wie man mit diesem slawischen Gezische umgeht: Vernuscheln. Einfach mal das z zwischen dem t und dem sch weglassen, und dann geht’s doch!

Dieser kleine Exkurs macht es uns ein wenig leichter, sich für Charlotte K. im Radebeuler Ortsteil Zitzschewig zu verabreden. Hier kocht seit dem 1. Dezember 2007 Ines Kuka, eine der wenigen Chefinnen in der Garde der besten Köche im Land. Zum Stil des Hauses gehört auch, dass man die Köche zu sehen bekommt, da sie oft die Teller (mit) an den Tisch bringen. Deswegen kennt und begrüßt die Chefin ihre Stammgäste (deren es viele gibt) dann auch und hat immer ein freundliches Wort übrig – so viel Zeit muss sein.

Das Wohlfühlen spielt also im 1827 gebauten Zweiseithof eine große Rolle. Als wir da waren, gab’s keine freien Plätze mehr – das Konzept scheint also anzukommen. Wir entschieden uns für die Drei-Gang-Variante des angebotenen Menüs und verzichteten auf die Suppe – aber nicht auf den dazu angebotenen Wein: auf den 2010 Grauburgunder „Brüssele“ von Graf Adelmann wollten wir nun wirklich nicht verzichten! Und bis zur Vorspeise kamen immerhin zwei Grüße aus der Küche, die die Wartezeit angenehm verkürzten.

Salat vom Kalbsbäckchen auf Bohnen & Birnen im Kräutersud als Vorspeise waren einerseits eine schöne Erinnerung an heimische Küche (in der es Birnen-Bohnen-Speck gab) und andererseits ein feinschmeckender Beweis dafür, wie man Traditionelles modern interpretieren kann. Die Bäckchen zart und der Kräutersud ein köstlich-würziges Bett für Birnen und Bäckchen. Der dazu gereichte 2010 Rosé „Saigner“ von Markus Schneider ist für sich allein getrunken schon einer unserer Lieblinge, aber zu den Bäckchen legte er noch einmal zu.

Der Rollbraten vom Kaninchen auf Karotten-Lauch -Ragú mit Senfhollandaise erschien uns ein wenig zu trocken – ein bekanntes Phänomen bei Kaninchen. Dafür hatte es Geschmack und somit die zweite Klippe bei Kaninchengerichten bestens umschifft, was auf eine kenntnisreich-liebevolle Behandlung in der Küche schließen lässt. Der passende Wein dazu war ein 2010 Gelber & Roter Traminer Umathum aus dem Burgenland.

Das Dessert hatte das Zeugs, unseren absoluten Liebling bei Charlotte K. auf die Plätze zu verweisen: Eine Schokoladen-Bayrisch-Creme mit Mango. Nicht gerade etwas zum Abnehmen, dafür aber zum Abschlecken (ging aber nicht, da wir keine Chamäleon-Zunge haben und die Creme im Weckglas serviert wurde. Chic, aber unpraktisch und ein gutes Mittel zur Tischsittenerziehung…)

Charlotte K.
Coswiger Straße 23
01445 Radebeul

Tel.: 0351 / 833 6876
http://www.charlotte-radebeul.de
http://www.kochsternstunden.de/index.php/charlotte-k.html

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag ab 18 Uhr

[Besucht am 3. Februar 2012 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Frühere Berichte von den Besuchen 2008 und 2010

Erfrischendes auf dem Weg ins Erzgebirge

Weimer's Landgasthof

In Oberhäslich verwöhnt Thomas Weimer die Gäste in seinem Landgasthof

Als die Politiker uns vor reichlich zwanzig Jahren “Blühende Landschaften” versprachen, wünschten sich nahezu all diejenigen, die gerne essen und trinken gehen, dass dieser Wunsch auch in der Gastrolandschaft in Erfüllung gehen möge. In den Städten wie Dresden, Leipzig oder auch Görlitz hat das ja auch ganz gut geklappt – aber auf dem Land sieht es von wenigen Ausnahmen abgesehen immer noch aus wie in der kulinarischen Öde.

In Oberhäslich (bitte mit langem “ä” und einfachem “s” sprechen!) hat sich Thomas Weimer etwas getraut, was man sich viel häufiger wünscht: Er hat den alten Dorfgasthof zu einem Landgasthof umgemodelt, der eine herrliche Frische ausstrahlt. Der Gastraum ist hell, eine lustige Bordüre über der Holzpaneele mit hellgrün gemalten Küchengeräten gibt ihm etwas Freundliches.

Die Karte ist übersichtlich, was uns meist mehr erfreut als 300 Gerichte, die mehr Nummern als Speisen repräsentieren. Sechs Vorspeisen, fünf Hauptgerichte und drei Desserts reichen allerdings aus, sich schmackhafte Menüs zusammenzustellen. Und das taten wir dann auch – beinahe. Denn wir wollten (wegen kleinen Hungers) nur zwei Vorspeisen. “Nummer drei” am Tisch bat um einen zusätzlichen Löffel, um von der Steckrübensuppe mit gerösteten Walnusskernen (3,90 Euro) naschen zu können. Es gab, wie wunderbar, Besteck reihum für alle Vorspeisen: “Damit sich das Naschen lohnt!” Derlei unkompliziert mögen wir es, und “Nummer drei” genoss nicht nur die schaumig aufgeschlagene schmackhafte Suppe, sondern auch den Karamelisierten Ziegenkäse auf süß-sauer eingelegtem Radicchio mit Pinienkernen und Walnüssen (8,90 Euro), der zwar nur lauwarm serviert wurde, aber kräftig karamelisiert war und mit dem Radicchio einen wunderbar köstlichen Geschmack im Mund entfachte.

Der Service, der dies möglich machte, bediente uns den ganzen Abend freundlich und dezent-zurückhaltend, war aber immer zur Stelle, wenn dies nötig war. So sollte es sein. Schön ist auch, dass Thomas Weimer gegebenenfalls die Küche verlässt, um die Teller an den Tisch zu bringen. Erstens ist das Essen so wirklich warm und zweitens hat man das Gefühl, in familiärer Atmosphäre im Wohnzimmer zu sitzen: Alles läuft recht unkompliziert.

Die drei Hauptgänge lassen sich auf einen Nenner bringen: Lecker! Alle drei Fleischgerichte (es gibt auch Fisch, aber danach war uns nicht – lediglich Vegetarier müssen sich wohl etwas intensiver beraten lassen, denn Fisch- oder Fleischloses findet man nicht auf der Karte) waren auf den Punkt gegart, zart und saftig. Geschmorte Kalbsschulter auf Rahmwirsing mit Kartoffelrösti (13,90 Euro) zerschmolz auf der Zunge, kam mit ausreichend Sauce und lieferte mit den Rösti die Beilage des Abends. Die werden wir wieder ordern, egal was es dazu gibt!

Das Schnitzel des Herrn Weimer hatten wir ja schon im Dresdner Spizz gelobt, als er dort Küchenchef war. Hier erschien es uns nahezu perfekt – auch in der Darreichungsform in mehreren kleinen Stücken und nicht als ein überbordender Lappen. Die Bratkartoffeln dazu gehören zweifelsohne zu den besten der Gegend: kross-knusprig und angenehm gewürzt (Wiener Schnitzel klassisch vom Kalb mit knusprigen Bratkartoffeln und kleinem Salat für 14,90 Euro).

Prinzipiell hegen wir bei Geflügel ja eher Bedenken, dass uns das zu trocken und fade auf den Tisch kommen könnte. Weit gefehlt: Gebratene Maispoulardenbrust auf frischem Blattspinat mit Kartoffel-Parmesan-Gratin und Pfefferschaum war saftig, geschmackvoll und wurde mit einem traumhaften Sößchen serviert. Man muss Vorurteile auch mal über Bord werfen dürfen…

Zu den Desserts nur ein Satz: Gut, dass wir zu dritt waren und rundum naschen konnten. Hat sich gelohnt! (Aber wenn ich mal allein da wäre, würde ich Tonkabohnen-Crème brûlée mit Apfel-Zimt-Kompott und einer Kugel Schokoladeneis (6,90 Euro) nehmen und fragen, ob die Portion ein wenig größer sein könnte…)

Weimers Landgasthof
Dresdner Str. 9
01744 Dippoldiswalde

Tel: +49 3504 629550
www.weimers-landgasthof.de

Geöffnet:
Mittwoch & Donnerstag ab 17.30 Uhr
Freitag, Samstag, Sonntag sowie an Feiertagen ab 11.30 Uhr
[Besucht am 26. Januar 2012 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Niemanns Tresor

Niemanns Tresor

Gegenüber der Thomaskirche in Leipzig am Thomaskirchhof 20 steht ein ehemaliges Bankhaus. Der Architekt Peter Dybwad, der in Leipzig 1895 das Reichsgerichtsgebäude mit entworfen hat, hatte es 1905 für das Bankhaus Meyer & Co. gebaut. Da gibt es repräsentative Räume – auch wenn das Haus von außen “sich durch eine zurückhaltende Modernität auszeichnet und durch die Wahl vornehmlich traditioneller Stilelemente sehr gut in die städtebauliche Situation Leipzigs einfügt”, wie es in der Wikipedia über Dybwads Bauten heißt.

Um “Niemanns Tresor” zu finden, muss man also schon wissen, wo man ihn zu suchen hat: Im Hochparterre eben jenes Hauses. In einem Fenster flimmert ein Flachbildschirm nach außen, im Sims unterm Fenster gibt es dezent den Schriftzug des Restaurants: Nur wer’s weiß, sieht’s.

Drinnen verliert sich die Zurückhaltung, aber aufdringlich wird es nicht: hohe Räume, holzvertäfelte Zwischenwände, großformatige Bilder an den Wänden, satte warme Farben an der Decke und an Pfeilern, leinengedeckte Tische – irgendwie passt alles für eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre. Es gibt eine Raucher-Lounge, so dass – wer das braucht – nicht wie ein Hund vor die Tür gejagt wird. Und im Keller befindet sich der Tresor, der dem Restaurant dem Namen gab.

Wir waren nicht an irgendeinem Tag in Niemanns Tresor, sondern zu Silvester. Es gab nur ein Menü, aber man konnte kommen, wann man wollte (das hatten wir auch schon anders: da mussten alle zur gleichen Zeit da sein!).

Wo es gediegen-festlich zugeht, da sollte ein Glas Champagner am Anfang nicht fehlen: Die Auswahl ist ordentlich, und in der rosé Variante eine köstliche Einstimmung. Der Service – vier Leute wuselten im Gastraum herum – war supergut drauf, was ja an so besonderen Abenden nicht immer der Fall ist, denn schließlich müssen die Damen und Herren arbeiten, während andere feiern. Aber sie schienen alle gute Laube zu haben und brachten das bis nach Mitternacht auch rüber. Die Weinkarte des Hauses bietet genug Auswahl, um das Passende zum Essen zu finden – und dennoch entschlossen wir uns für eine der Weinempfehlungen aus dem Silvestermenü: Eine trockene Grauburgunder Spätlese vom Weingut Pawis (eins der beiden Saale-Unstrut VDP-Weingüter).

Und schon geht’s los: Brot (von der Sorte: zu lecker um es liegen zu lassen), Butter, Öl und grobes Salz und eine Schieferplatte mit dem Gruß aus der Küche (Lachs, Wachtelei und ein kleines Gurken-Joghurtmousse-Türmchen) – sah gut aus und regte die Geschmacksnerven an. Die sollten in diesem vergnüglichen Zustand bleiben, denn die folgende halbe Wachtel (aufgeteilt und in unterschiedlichen Texturen) mit Entenstopfleber an Rotkohl-Preiselbeersalat erfreute ebenfalls Aug’ und Gaumen. Schön schaumig aufgeschlagen und kräftig im Geschmack war die Selleriecremesuppe mit (erfreulicherweise gar nicht trockener!) Kanichenroulade.

An dieser Stelle baten wir erst einmal um eine Pause, denn bis dato ging es Schlag auf Schlag – kein Problem: “Geben Sie einfach ein Zeichen, wenn es weitergehen soll!” sagte die Gast-freundliche Bedienung. Nach dem Zeichen gab’s Hummerravioli auf Erbsenpurée und Morchelschaum (feiner intensiver Geschmack) und dann ein Stück vom Bentheimer Landschwein an getrüffeltem Spitzkohl. Oh oh, das war superklasse: zart und saftig das Fleisch, fein abgeschmeckt und ausbalanciert der Spitzkohl. Schade, dass man auch bei wohl bemessenen kleinen Portionen irgendwann satt ist, denn dieser Gang wäre eine Zugabe wert gewesen!
Der Käsegang (Fourme d’Ambert mit Pflaumen-Gewürzmousse) war nach unserem Geschmack der einzige geschmacklich etwas unterbelichtete im Menü – aber der dann folgende Abschluss war mehr als ein Trost: Mit der Champagner Zuckerkugel an rosa Grapefruitsorbet schloss sich der Kreis zum Beginn des Abends: was zum Gucken und Schmeckleckern…

Niemanns Tresor
Thomaskirchhof 20
04109 Leipzig
Telefon-Nr: 0341 4800947
www.niemannstresor.de

Besucht am 31.12.2011 | Lage

Auf der Wartebank

Vincenz Richter

Das „Romantikrestaurant Vincenz Richter“ in Meißen bietet ordentliche Küche und desinteressierten Service

Da stehen sie nun, die beiden Schoppen mit Weißwein. Ein Riesling und ein Grauburgunder. Für die zehn Leute in der Gaststätte gibt es zwei Bedienungen: “Er” hatte den Wein ausgeschenkt, “Sie” war irgendwie anders beschäftigt. Und während wir auf den Wein warteten, sah “Er” sich erst einmal an, wie der Wein auf der Theke warm wurde und erklärte später aufwändig und wortgewandt der Kollegin, welches denn nun der Riesling und welches der Grauburgunder sei.

Wir saßen, eng an eng mit je zwei uns Fremden rechts und links, in Meißens Traditionsgasthaus “Vincenz Richter”. Nebenan war eine Tafel für sechs Personen eingedeckt, direkt hinter uns eine für acht. Sicher, es war nett vom Tisch rechts alles über Vorverstärker und High-End-Stufen zu erfahren, auch konnten wir im Laufe des Abends mit den Nachbarn zur Linken einige Nettigkeiten austauschen, ohne die Stimme sonderlich erheben zu müssen. Romantisch fanden wir das allerdings nicht, auch wenn wir im ersten Romantik-Restaurant in den neuen Bundesländern dinierten.

Aber vielleicht bezog sich die Aufnahme vor fast zwanzig Jahren in den erlesenen Kreis der Romantik Hotels und Restaurants ja nur auf die Ausstattung und das Gemäuer des Hauses. Da kann und will man nämlich gar nicht meckern: Teils hundert Jahre alte Möbel und ein Stammtisch, der aus dem Holz der letzten Schiffsmühle der Elbe gefertigt ist, eine wundersame Waffensammlung an den Wänden: Das hat alles schon Bilderbuchcharakter.

Die Wirklichkeit kommt dann aber in Form der Vorspeise an den Tisch. “Gratinierter Ziegenkäse auf geröstetem Brot mit Ahornsirup und Apfel-Chutney” wurde eher lau als warm serviert. In vornehmer Blässe machte der Käse keinen gratinierten Eindruck, und wir vermissten auch den Geschmack von Ahornsirup. Gerne hätten wir uns wegen der Temperatur beschweren wollen, aber die beiden Servicekräfte hatten sich ins Backoffice verabschiedet, so dass das erst nach der Hälfte der Vorspeise gelang. Der verbliebene Ziegenkäse kam dann so temperiert, wie er von Anfang an hätte sein können. Und was fragte die Bedienung am Ende des Ganges (zu dem beim Gegenüber auch eine schön kräftige und sogar heiße Weißweinbouillon gehörte)? “War alles zu Ihrer Zufriedenheit?” Was soll man da, nachdem man die Unzufriedenheit schon kund getan hatte, nur antworten? Wir entscheiden uns für ein stereotyp angepasstes “Lecker!” und bestellten für den Hauptgang zwei neue Wein: Einen Schieler (den muss man bei Vincenz Richter getrunken haben!) und einen Dornfelder. Es kam: Nur der Schieler (und das kannten wir ja nun schon: jemanden zu erwischen, um sich schnell zu beschweren, ist schwer).

Damit war der Ärger aber auch fast vorbei, denn das servierte Essen war dann nahezu perfekt: Ein ordentliches Stück wirklich “Rosa gebratenes Kalbsrückensteak” mit einer guten Auswahl knackig gegarten Gemüses und einem Stück saucenfreundlichen schmackhaften Kartoffelbaumkuchen hier, drei mal gerade so “Rosa gebratene Medaillons vom Hirschrücken mit Maronensauce, Speck-Rosenkohl, Preiselbeeren und Gnocchi” gegenüber (wobei wir uns immer wieder fragen, warum man drei dünne Medaillons serviert statt eines gleichgewichtigen dicken – da lässt es sich doch viel leichter rosa garen!). Den Abschluss bildete ein Dessertteller mit Rieslingeis und einem sächsischem Quarkkäulchen: Beides so, dass man es jederzeit auch Freunden empfehlen könnte.

Ende gut, alles gut? Fast. Dreimaliges Fragen, ob alles zu unserer Zufriedenheit gewesen sei, kürzte die Zeit des langen Wartens auf die bestellte Rechnung ab.

Romantikrestaurant Vincenz Richter
An der Frauenkirche 12
01662 Meißen

Tel.: 03521 / 453285
www.vincenz-richter.de

[Besucht am 22. Dezember 2011 | Veröffentlich am 5. Januar 2012 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Das Beste im Nirgendwo

Ente im Gasthof Bärwalde

Eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen von Freunden ist diese: “Wo soll ich denn mit meinem Freund / meiner Freundin / meinen Eltern essen gehen?” Meist mit dem Zusatz: “Du kennst dich doch aus!”

Pustekuchen. Na klar, wir sind manchmal unterwegs und machen ja auch kein Hehl daraus – aber wo es uns schmeckt, muss es ja anderen nicht gefallen, und nur weil wir die Bedienung nett fanden, kann sie an einem anderen Tag anderen Gästen ja ganz anders kommen. Oder gar eine andere sein!

Trotz aller Rumeierei (“Wieviel willst Du denn ausgeben?” – “”Welche Richtung soll’s denn sein?”) ist allerdings ein Name gesetzt: Der vom Gasthof Bärwalde. Hier kocht Olav Seidel, was seine Frau Manuela im Service an den Tisch bringt. Das muss ja schon besonders sein, wenn man den Gasthof Bärwalde als das Lieblingsrestaurant in Dresden bezeichnet…

Wir waren neulich wieder da, und das Geschehen an diesem Abend zu erzählen mag begründen, warum man (von Dresden aus) bis hinter Moritzburg fährt, um im Nirgendwo das Beste zu finden. Die Geschichte beginnt beim Besuch im März. Da lasen wir in der Menü-Karte auf einem Extra-Blatt, was man so alles bekommen kann, wenn man nur rechtzeitig mit dem Koch redet. “Auf Vorbestellung und je nach Saison bereite ich für Sie zu” stand da, und etwas weiter unten: “Bärwalder Bauernente aus dem Ofen – serviert in zwei Gängen (2011 limitiert auf 20 Stück)”. Das fanden wir toll und reservierten schon mal eine!

Im November erhielten wir einen Anruf: Die Enten seien dann so weit! Wir könnten einen Termin ausmachen, aber bitte nicht für sofort, denn zehn Tage müssten sie nach der Beförderung ins Jenseits noch abhängen! Kein Problem für jemanden, der sich seit März freut, sich dann auch noch auf einen Termin im Dezember zu freuen!

Eine Ente aus Bärwalde (aufgewachsen und einige glückliche Tage hatte sie zwei Häuser und einen Garten weiter quer gegenüber vom Gasthof) reicht, um vier Leute glücklich zu machen und lässt dann auch noch Platz für Vorspeise und/oder Dessert. Das “Süppchen vom Muscade de provence mit steirischem Kürbiskernöl” war eine schaumig aufgeschlagene cremig-gelbe Einstimmung in den Abend, auf die zu verzichten doppelt dumm gewesen wäre. Einerseits, weil man schon einmal einen ganz fantastischen Geschmack im Mund hat und andererseits auch, weil sie eine gute Überbrückung bis zur Ente ist. Denn die war noch im Ofen als wir kamen, und gut Ding will bekanntlich Weile haben. Aber mit dem zuvor gelieferten (wunderbar frischen) Brot und der Suppe gab’s keinerlei Ohnmachtsanfälle!

Manuela Seidel präsentierte uns die Ente auf dem Silbertablett – sie (also in diesem Fall die Ente, über Servicepersonal würde ich ja so nie schreiben) machte einen guten Eindruck: braun und weihnachtlich verziert. Dann verschwand sie (also die Frau Seidel, die Ente war ja aktiv dazu nicht mehr in der Lage) und kam wenig später zurück: Vier reichliche Portionen mit durchgehend rosa Entenbrust auf einem Wirsinghügel im Saucensee. Das Gespräch am Tisch, bis dahin munter und auf gewissem intellektuell vertretbaren Niveau gehalten, glitt flugs ab: Aaaaahhhhh! Oooohhhh! Hhhhhmmmm! und derlei mehr, manchmal auch ein “Waaahnsinn!” oder “Feinfeinfein”. Sogar ein schlichtes “lecker!” war zu hören, was zu schreiben mir die verehrte Kollegin nachgeradezu verboten hatte, sich aber nun, da es gesagt wurde, nicht vermeiden ließ. Kartoffelgratin und eine Sauciere mit noch mehr von der figurschaffenden Sauce waren zusätzlich zum schon ansehnlich gefüllten Teller serviert worden, eine durchaus köstliche Kombination!

Eigentlich waren wir danach satt. Und so war es nicht weiter schlimm, dass die Reste der Ente – zwei Keulchen, aufgeteilt auf vier Leute, klein und leider auch nicht ganz so fein gerieten: Das zarte Rosa der Brust ist nicht gut für das Laufwerk, das hätte mehr – viel mehr – Zeit benötigt und war uns allen ein wenig zu wenig durch sowie (wohl auch daher) zu bissfest. Aber mit dem mitgelieferten Salat und seinem Seidelschen Dressing (sahnig, sag ich!) gab das einen akzeptablen Zwischengang her. Außerdem muss man die Teller ja nicht immer so blitzsauber zurückgeben, dass sie wie frisch aus der Vitrine aussehen. Offensichtlich teilte die Küche – ohne dass wir was gesagt hatten – unsere Einschätzung und berechnete die Keulen nur als “warmen Zwischengang” mit 5 Euro pro Portion, was mehr als fair war (die Brust war mit 16,50 Euro schon fast unterbezahlt, so wie sie uns mundete).

Hatte ich gerade geschrieben, dass wir eigentlich schon vor dem Keulengang satt waren? Ja, hatte ich. Aber im Gasthof Bärwalde auf das Dessert zu verzichten, ist Frevel. Und Frevler sind wir nicht, schon gar nicht im Advent. Also gab’s was es immer gibt für uns: “Crème d’Anjou mit marinierten Kumquats”. Und bevor jemand sagt: Damals hattet ihr doch diesen bezaubernden “Leichten Weißkäse mit Tahitivanille” – das ist das gleiche Gericht, nur mit anderem Namen…

15 Punkte erhielt Olav Seidel im jüngst erschienen Gault Millau – ein hoher Einstiegswert. Das werden nun die Redakteure der anderen Restaurantführer lesen, auch hingehen und ihn ebenfalls gut bewerten. Dann wird es voll werden in Bärwalde, was schön ist – gönnen wir doch jedem Gastronom ein volles Haus. Aber vorsichtshalber haben wir für Mai 2012 schon einen Tisch rserviert!

Gasthof Bärwalde
01471 Bärwalde
Kalkreuther Straße 10a
Tel. 035208 / 342901

Geöffnet
Donnerstag – Montag ab 18 Uhr
Sonntags auch 12 – 14 Uhr
Wegen Teilnahme am Forschungsprojektes „Ernährungsgeschichte in Sachsen” (Bärwalde ist die Projektküche) bis Oktober 2012 nur Freitag und Samstag ab 18 Uhr geöffnet
Reservierung empfohlen

[Besucht am 12. Dezember 2011 | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Besuche März 2011 und Februar 2010]

Erfreuliche Gast-Freundlichkeit

Erbgericht Tautewalde

Kulinarischer Leuchtturm in der Oberlausitz: Das Erbgericht Tautewalde

Erbgerichte gibt es viele in der Gegend zwischen Elbe und Neiße – aber das Erbgericht ist seit Jahren unangefochten jenes in Tautewalde. Schon vor zehn Jahren, als mit der feinen Küche hierzulande noch nicht so viel Staat zu machen war, war das dunkelrote Landgasthaus im 360-Seelen-Dorf ein Lichtblick für Feinschmecker. Anders als früher im Mittelalter die Erbrichter, die (der Name deutet es an) ihr Amt vererbten und neben dem Richteramt auch Schank- und Braurecht hatten, gab es in der Neuzeit Besitzer- und diverse Köchewechsel. Seit einigen Jahren kocht nun schon Enrico Schulz in Tautewalde.

Die Gaststube ist erfreulich unplüschig eingedeckt, man sitzt auf einer rundum laufenden Bank oder auf bequemen Stühlen mit hellem Holz, was schon einmal eine gewisse Heiterkeit ausstrahlt. Unverkrampft-freundlich und somit passend zum Ambiente wurden wir auch bedient. Die Karte ist übersichtlich und liest sich angenehm unkompliziert. Wir bestellten das Menü mit Extrawünschen: Kein Problem, einen Gang auszutauschen, und obschon die von uns gewählte Vorspeise in der Karte deutlich teurer war als die vorgesehene, ging das unkompliziert und ohne Aufpreis. Sehr Gast-freundlich!

Bevor es richtig losging, schickte die Küche nette Verführer zur Einstimmung: Zuerst dreierlei frisches Brot mit drei Belägen (inklusive einem Traum von Gänseschmalz) und dann einen Dreiklang aus Rosenkohlschaumsüppchen, Geflügelleberpastete und Salatbouqet, bei dem uns die Leichtigkeits des Süppchens begeisterte und die Balsamicokunst auf dem Teller irritierte – die hat der Koch doch nicht nötig (zumal sie nicht einmalig war, sondern sich auch über den Feldsalat der Vorspeise zog). Beim “Feldsalat mit Preiselbeerdressing, gebratenem Kaninchenfilet und Ziegenkäse” klang der Tenor des Abends an: es schmeckt, es ist handwerklich sauber – aber uns fehlte manchmal der letzte Pfiff. “Meckern auf hohem Niveau” nennen wir selbst das, aber was soll’s: Der Ziegenkäse ein feiner Frischkäse, der kaum nach Ziege schmeckte, das Kaninchen sehr kross und würzig sowie (die hohe Schule) innen noch saftig – aber zu unserer Überraschung kalt. Bei der gebratenen Entenstopfleber und Jacobsmuschel an Zweierlei von Kürbis kam uns der Kürbis sehr einerlei im Geschmack vor, trotz unterschiedlicher Zubereitung. Zum Balsamicomuster sagen wir jetzt besser nichts!

Die beiden Hauptgänge zeigten uns, dass die Küche mit Fisch wie mit Fleisch gleichberechtigt perfekt umgeht: “Auf der Haut gebratenes Zanderfilet an Spitzkohl, Orangen und Balsamico-Linsen” kam, wie auch die “Glasierte Entenbrust an Honig-Schalottenjus mit Kürbis-Lauchgemüse und Macaire-Kartoffeln” mit einem bemerkenswerten Sößchen, und während wir Dorade uneingeschränkt genossen, rätselten wir über das nicht so zarte Fleisch bei der Ente: So wie sie aussah (außen sehr kross, innen perfekt rosa) muss es am Tier gelegen haben. Vielleicht hatte es ja Stress…

Fazit: Der Lichtblick in der Oberlausitz von vor zehn Jahren ist immer noch ein Leuchtturm, den zu besuchen sich lohnt!

Landhotel Erbgericht Tautewalde
OT Tautewalde 61
02681 Wilthen
Tel.: 03592 38300
Fax: 03592 383299
erbgericht@tautewalde.de

Geöffnet
11:30 bis 14 Uhr (tägl. außer dienstags)
17:30 bis 22 Uhr (tägl., So bis 21:30 Uhr)

[Besucht am 19. November 2011 |  | Veröffentlicht am 8.12.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung |  Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Besuch 2010]

Ehre wem Ehre gebührt

Platzhirsche und Newcomer

Mit den Köchen ist das ja so: Eitel sind sie alle, betonen aber immer, dass sie es nicht sind. Dennoch merkt man den besseren jedes Jahr im Herbst eine gewisse Unruhe an: Die einschlägigen Restaurantführer erscheinen und wissen es natürlich, mit viel Tamtam die Marketingtrommel zu rühren. Und dann: Pressekonferenz, Sperrfrist, Insiderwissen – traraaaa: Habemus Fressführer!

Der Michelin vergibt seine Sterne – das trifft immer recht wenige, vor allem in unserer Gegend. In diesem Jahr blieb faktisch alles beim Alten, denn dass einer, den es nicht mehr gibt, keinen Stern mehr hat, ist ja irgendwie naheliegend (dem Maurice in Dresden ging das so – aber wir haben eh nie verstanden, warum es da überhaupt einen Stern gegeben hatte, nach unseren Erlebnissen…).

Wie gesagt, ansonsten hierzulande nichts Neues unterm Sternehimmel, also Falco in Leipzig zwei Sterne, der Stadtpfeifer in Leipzig einen Stern, und in Dresden geben sich Dirk Schröer vom Caroussel und Stefan Herrmann vom bean&beluga die Ehre.

Nun erschien auch wenige Tage nach dem roten guide mit dem Reifenmännchen der für seine feinen ironischen Texte geliebte und verhasste (je nach dem…) Gault Millau. Dort kann man sich maximal 20 Punkte erkochen. Aber wer ist schon perfekt?

Platz 1 der kulinarischen Hitparade des Gault Millau in Sachsen hält mit 18 Punkten Dirk Schröer vom „Caroussel“ in Dresden: „Bei dessen Variation von der Raf-Tomate, der fast kernlosen, fleischigen Urtomate aus Spanien, die ihm ein Gemüsebauer aus Radebeul züchtet, weiß man mal wieder, wie gut Tomate eigentlich schmecken kann und sollte. Ein heißer Tipp ist auch die kalt-warme Vorspeise aus gebratenem Langostino mit geeistem Süppchen von Kopfsalat und Franzosenkraut sowie einem Löffel geeisten Rotweinessigs. Eine perfekte Komposition mit langem Nachklang, auch an verwöhnten Gaumen, ist der mit würzigem Knödelteig gefüllte und mit Trüffelmayonnaise ‚eingecremte’ Ochsenschwanz in einem intensiven Schmorsaft mit Sellerie-Trüffelgemüse.“ heißt es im Gault Millau, der nur zwölf Köche bundesweit besser bewertet als Dirk Schröer!

Ihm auf den Fersen ist Stefan Hermann vom bean&beluga, dem die Redaktion attestiert, „geschickt zwischen Klassik und Moderne [zu pendeln] – bei geschmackssicherer, akkurater Zubereitung. Das Speisenangebot ist namensgerecht breit gefächert: von weißen Bohnen als stimmiger Beilage mit Apfelstiften in fruchtigem Fischfond zu gebratenem Rochenflügel und dünn aufgeschnittenem Oktopus bis zu Beluga-Kaviar als Krönung eines grünen Gazpacho mit wunderbar zarter Königskrabbe“.

Stefan Hermann wurde auch für seine Kochkurse gewürdigt und bekam die Auszeichnung „Kochschule des Jahres“, weil „er nicht nur Fitness am Herd, sondern auch Kochkunst, Lebensfreude und Genusserlebnis fördern will“.

Insgesamt glauben die Tester(innen) “einen sachten Aufschwung im Mittelfeld der sächsischen Spitzengastronomie” erschmeckt zu haben – wer sagt’s denn! Was uns besonders freut: Olav Seidel vom „Gasthof Bärwalde” in Moritzburg ist mit 15 Punkten erstmals dabei – ein hoher Einstieg, aber ein verdienter (Notizen unserer Besuche 2010 und 2011). Seidel beeindruckte mit „gebratener Forelle aus dem nahen Steinbach in einer Weißburgundersauce, die eher eine Beurre blanc von schön buttriger Konsistenz und feiner Säure ist, und als Dessert mit einer Schüssel duftender dunkler Erdbeeren (die ein Obstbauer der Gegend aus der dunklen, nicht so süßen Urerdbeere und gezüchteter Walderdbeere kreuzte) mit luftig schaumigem Weißkäse“.

14 Punkte und ebenfalls neu dabei: Stephan Mießner vom „Elements“ in Dresden. Er überraschte durch „gebackene Salatherzen mit Ziegencamembert und gepfefferten Kirschen oder originelle Currywurst vom Kalbskopf mit Tomatenconcassé von milder Curryschärfe und luftigem Kartoffelschaum“. (Wir waren in der Tagesbar…)

[Die Bilder zeigen Stefan Hermann (oben links), Dirk Ströer (oben rechts), Olav Seidel (unten links) und Stephan Mießner (unten rechts).]