„Wir müssen mehr unternehmen!“

Gespräch mit Leipzigs OB Wolfgang Tiefensee

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Die ersten Sätze eines Interviews, so lernt man als Journalist, sollten quasi im Vorfeld des offiziellen Gesprächs einen sanften Einstieg in die Unterhaltung bieten. Neudeutsch nennt man das warming up, und meistens klappt es auch. Was aber, wenn einer der Beteiligten aus Dresden kommt und das Gespräch in Leipzig stattfindet, zudem noch mit dem Oberbürgermeister der Stadt? Leben dann alte Animositäten auf? Lodert der altbewährte Streit, wer die Schönste im Land sei? Nein! Alles ist anders…

Wolfgang Tiefensee ist, normale Maßstäbe einer parteipolitischen Karriere angelegt, ein Spätentwickler. Im Juli 1998 wurde er für die SPD Oberbürgermeister der Stadt Leipzig – nach erst drei Jahren Parteizugehörigkeit. Normal ist das nicht, aber vielleicht ganz gut, denn Tiefensee hat sich ohne die Ochsentour durch alle Gremien weniger Kanten abgeschliffen als viele seiner altgedienten Kollegen – und mehr Frische und Charme hat er auch behalten. Und so ist es dann ein ganz und gar unkompliziertes Gespräch, das der Oberbürgermeister mit dem Geschäftsführenden Direktor des Kempinski Hotel Fürstenhof Leipzig während eines Frühstücks im Hofgarten des Hauses führen – ein Gespräch mit vielen ernsten Momenten (wenn es um Arbeit geht oder um Demokratie beispielsweise), aber auch eins mit vielen Lachern zwischendurch.

Sehr viel Spaß bereitete Tiefensee beispielsweise das Manager Orchester, das kürzlich in Leipzig auftrat: Bis auf den Dirigenten (Herbert Blomstedt vom Gewandhaus) saßen da nur Laien im Orchester, die im normalen Leben eben Manager oder Vergleichbares sind. Der OB beispielsweise hatte zwar in seiner Jugend Cello gelernt und sogar den Bachpreis gewonnen. Weil aber die politische Haltung des Katholiken und in kirchlichen Gruppen arbeitenden Tiefensee damals unbequem war, durfte er nicht studieren, schon gar nicht Musik. Und so blieb dann irgendwann das Cello auf der Strecke. „Nach 30 Jahren war das nun mein erstes Konzert – und es hat irre Spaß gemacht!“ Ein paar Sekunden hatte der OB über eine Auslandsreise nachgedacht, um so dem Termin geschickt auszuweichen. Aber dann entschloss er sich doch, „ein bisschen kräftig zu üben“ und mitzumachen. Mittlerweile bereut er das nicht, hätte sogar gern nächstes Jahr wieder so einen Termin in Leipzig: „Das passt zu uns, das Manager-Orchester!“

Weil da die Kunst die Wirtschaft trifft, und so hätte er sein Leipzig gerne. „Die Gefahr ist groß, dass Leipzig kein Gesicht hat. Aber wir brauchen eins!“ Als „Stadt der Unternehmenden“ könnte es voran gehen – denn die Leipziger seien eben nicht nur „Unternehmer“ im kaufmännischen Sinn. „Leipzig ist eine stolze Bürgerstadt, in der viel selbst gemacht wurde und wird!“ Ein wenig traurig stimme ihn schon, dass ausgerechnet in der Stadt der friedlichen Revolution zehn Jahre nach den entscheidenden Aktivitäten bei Wahlen so eine geringe Beteiligung für Minusrekorde sorge.

Untätigkeit ist nicht sein Metier: Wer in der Biographie liest, dass Wolfgang Tiefensee seinen Wehrdienst ohne Waffe als Bausoldat leistete, der bekommt eine Ahnung, was das für ein Mensch ist: Problemen geht man nicht aus dem Weg, man geht sie an. und mit der Meinung hält man nicht hinterm Berg, man diskutiert sie. Im irreal existierenden Sozialismus keine bequeme Grundeinstellung – aber wer sagt denn, dass im Leben immer alles bequem ablaufen muss?

So gesehen ist es kein Wunder, dass Tiefensee in den Tagen der Wende einer der Zehn am Runden Tisch war. Beinahe wäre er danach zurückgegangen zur Uni, wo er vor der Wende in einem berufsbegleitendem Studium als Ingenieur für Elektrotechnik diplomiert hatte – doch „da war es, als sei die Zeit stehengeblieben!“ – und so wurde Wolfgang Tiefensee Berufspolitiker, erst Dezernent und parteiloser Stadtverordneter, dem Bündnis 90 nahestehend, dann später Amtsleiter der Stadtverwaltung Leipzig. Anschließend Stadtrat und später Bürgermeister für Jugend, Schule, Bildung, Sport, jetzt Oberbürgermeister.

Macht das Spaß in Zeiten, in denen die wirtschaftliche Situation besser sein könnte, in denen der Wettbewerb härter und die Wirtschaftsstatistiken grauer geworden sind? Doch, unterm Strich schon. Optimistisch redet Tiefensee von Chancen und Potentialen, und dass man Gräben überwinden müsse. So wie den zwischen den beiden großen sächsischen Städten. Und glaubhaft versichert er dem aus der Landeshauptstadt angereisten Journalisten, dass diese beiden Städte ganz unterschiedlich seien und er den Wettbewerb sehr befruchtend finde. Nie sei er neidisch oder gar larmoyant. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Doch wehe, wenn er einmal Gelegenheit habe, mit einem Dresdner Wahrer und Hüter alter Pfründe hinter verschlossenen Türen allein zu sein – da werde er immer klar und deutlich Stellung nehmen…

Veröffentlicht in: trialog 4/99
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