Auf den Spuren von David Černý

Prager Palaver (8)

Doppelt pinkeln ist doppelt Kunst

Im Hof des Hauses Cihelná 2b – einer ehemaligen Ziegelei – stehen zwei Männer und pinkeln. Sie stehen sich gegenüber, drehen sich dabei in der Hüfte und schwenken das Glied, das sie mit spitzen Fingern der rechten Hand halten, hin und her. Sie gucken dabei recht unbeteiligt, eher geradeaus als nach unten. Damen, die vorbeikommend erröten, genieren sich ein wenig wie pubertierende Teenager und hüpfen aufgeregt hin und her, ob denn auch alles drauf komme, lassen sich aber dennoch mit den Prager Pinklern fotografieren. Ist doch Kunst!

Pinkeln ist KunstDavid Černý, Prager Bildhauer und für seine deutliche, humorvoll-ironische und nicht immer konformistische Skulpturen-Bildsprache bekannt, hat die beiden Gentlemen in den Hof des Franz-Kafka-Museums gesetzt. Wenn alles klappt, pinkeln die Männer mit dem stoischen Gesichtsausdruck Texte ins Wasser, theoretisch sogar die der Besucher: Man kann den beiden eine SMS schicken, wonach sie deren Inhalt mit fröhlichem Wasserstrahl schreiben. Doch es ist Winter, da friert es auch einem Denkmalpinkler. Der linke pullerte eindimensional schlaff vor sich hin, da bewegte sich gar nichts mehr, dem rechten war der Hüftschwung abhanden gekommen, so dass er nur noch hoch und runter sein ewiges illi lili oder so absetzte. „Piss“ heißt die Bronzeskulptur aus dem Jahr 2004, wer hätte das gedacht?

Hanging OutEine Tour durch Prag auf den Spuren von Černý würde sich lohnen – man kommt gut rum und sieht interessante Dinge. Das Metronom ist von ihm, und 2002 hatte ich plötzlich einen an einer Stange aus einem Haus hängenden Mann vor der Linse. Hanging out gibt’s, der Mann (also Černý, nicht der hangman) muss ja auch mal Geld verdienen ohne neue Idee, mittlerweile an verschiedenen Orten der Welt. Auch die Babies, die wir später nach dem Essen auf der Kampa-Insel sehen werden, sind echte Černý-Kreaturen. Vorgemerkt!

Das Kafka-Museum gibt es erst seit 2004, und so richtig angekommen ist der gute alte Franz immer noch nicht in seiner Heimatstadt. Die Webseite ist gewöhnungsbedürftig (wenn auch freundlicherweise dreisprachig), aber sie verzeichnet die Weihnachtsöffnungszeiten des Jahres 2006, dem Jahr der Eröffnung der Dauerausstellung „Die Stadt des Franz K. und Prag“: Da steckt echt Engagement und Pflege hinter!

SchwaneneskorteEin paar Häuser weiter müssen wir mal schnell auf eine Ampel drücken – aber nicht, um über die Straße zu kommen, hier in den engen Gassen fahren kaum Autos: Nein: Es führt eine schmale Stiege herunter zur Moldau. Naja, eigentlich zu einer Gaststätte mit Freisitzen (im Sommer). Lohnt sich, hier zu gucken, denn erstens gibt es einen schönen Blick auf die Karlsbrücke und zweitens kann man vielleicht erleben, wie ein Touristenboot harmlose Prager Schwäne vor sich herscheucht. Oder sind die Schwäne die Eskorte für die Touris? Egal: Ein schönes Bild! Und das mit der Ampel hat ja auch was!

Frempde GesdeDie Míšeňská ist eine Gasse, in der man gut barockes Gefühl bekommen kann. Die Häuser größtenteils runderneuert, das Kopfsteinpflaster stöckelschuhfreundlich (kein Problem im Winter, sollte man denken) – und wie das bei solchen Gassen ist: es entwickelt sich eine Kneipenkultur. Nicht die schlechteste, wie wir bummelnd ferststellten – und abends führte uns unsere charmante Prager Gastgeberin Semmi dann auch prompt in ein Lokal genau hier. Aber das ist eine eigene Geschichte… Die Gasse, denke ich, ist wie gemacht zum Filmen – und lese später, dass just hier die ersten Szenen von Milos Formans Amadeus gedreht wurden.

Italienischer HimmelWir rasteten dann quasi unterm Brückenkopf der Karlsbrücke in einem Restaurant, das alles andere als „echt tschechisch“ zu nennen ist: Casanova pries sich mit einem „Chef Italiano“ an, und da konnten wir einfach nicht nein sagen. Zumal es schon deutlich nach der üblichen Mittagszeit war – bei so etwas wissen wir uns in italienischen Händen eigentlich immer gut aufgehoben! Der Fernseher lief, die Lampen waren hell, die Familie plauderte lautstark, der Kellner kam, war freundlich und brachte uns leckere Sachen. Als wir fertig waren, kam der Chef aus der Küche und setzte sich mit seinem Macbook ins Restaurant, um ein wenig drahtlos im hauseigenen WLAN zu surfen: Wir waren richtig!

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