„Dresdner müssen das Genießen lernen!“

Ein Gespräch beim Essen mit Ernst-Heinrich Klöden

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„Ich bin der Straßburger Platz!“ stellte der Mann sich vor, als wir uns das erste Mal sahen. Das erinnert natürlich an den vierzehnten Ludwig und an dessen gar nicht zeitgemäßes absolutistisches Gehabe. Gleichzeitig reichte der „Straßburger Platz“ verschmitzt über den Brillenrand lächelnd seine Visitenkarte herüber, die ihn als Ernst-Heinrich Klöden einerseits und als Geschäftsführer der Ausstellungsgesellschaft Dresden andererseits outete.

Gewirkt hat der Spruch, denn als wir uns fast ein Jahr später im Intermezzo treffen, um beim Lunch das Gespräch für dieses Heft zu führen, ist er immer noch präsent. Ernst-Heinrich Klöden kommt im hellen Anzug mit Weste und sagt auch gleich, warum: „Blau und gedeckt tragen doch alle, so falle ich wenigstens ein wenig auf!“ Selbstbewußt sagt er es, aber – wie schon damals bei der Vorstellung – ohne eine Spur von Arroganz. Denn auffallen will er nur, um sein Kind, die Ausstellung, positiv ins Gespräch zu bringen. Und das tut Klöden, der mit Veranstaltungen wie der Antikmesse (nächster Termin: 21. bis 23. November 1997) oder der Kunstmesse (21. bis 24. April 1998) Pflöcke ins Dresdner Kunstleben geschlagen hat.

Witz und Geist zeigt er beim Gespräch, zitiert Kästner und Goethe, um Positionen zu Dresden und dem Wesen des Handelsmannes zu unterstützen.

Dabei entwickelt er durchaus philosophisches Gedankengut, sinniert über das in Dresden allgegenwärtige Thema Denkmalschutz („Ich bin Denkmalbewahrer mit Leib und Seele!“) und das weltweit aktuelle Thema Lebenslust („Aber natürlich müssen die Ausstellungen Geld bringen. Aber ich will mit Lust Geld machen!“) und über das universellsteThema aller Themen: Die Frauen. Sie kommen immer wieder vor im Gespräch, meistens bei geschäftlichen Überlegungen wie dieser: „Im Messetourismus sind die Damen wichtiger als die Herren – denn die Damen sind es, die in der Satdt einkaufen.“ Und weil das so ist, freut er sich über die bisher vorhandenen Möglichkeiten zum Einkaufen („Hier im Taschenbergpalais ist schon fast eine kleine Stadt, und auch die Königstraße hat viel zu bieten –aber das ist alles immer noch zu wenig!“). Die Stadt dürfe nicht zur Museumsstadt werden, sie müsse „delikat vermarktet“ werden, damit die Gäste kommen.

An dieser durchaus spannenden Stelle bricht das Gespräch erst einmal ab zugunsten der soeben auf roten Zwiebeln und Lauch servierten pochierten Austern, zu denen es einen Grauburgunder vom Prinzen zur Lippe gibt. Das bis dahin flüssige Gespräch gerät ins Stocken, und immer wieder hört man nur ein wohliges „hm, hm, hm“ oder auch ein ganz leises, eher für sich selbst gesagtes, „sehr gut“.

Den roten Faden verliert Klöden aber nicht: Zurück von den Damen zu den Messen („Die Eigenmessen brauchen ihre Zeit, aber sie behaupten sich am Markt“). Klöden sieht sogar in den „öden Hallen“ (so hat er sie wirklich genannt!) einen Vorteil, weil die Menschen in ihnen enger zusammengerückt seien. Äußere Bescheidenheit und innere Werte prägten den Ort: „Perfektion macht doch steril!“

Sagt‘s und möchte es am liebsten gleich zurücknehmen, denn die nun servierte gefüllte Taubenbrust provoziert die schon bekannten Pausen und einen Stoßseufzer: „Da reden wir von so profanen Dingen wie Messen – wenn Sie doch nur übers Essen schreiben würden!“

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: TaschenbergNews 5/1997
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