Ausdruck der Seele

Tanz, Gesang und Gitarren im Ana Maria

Man hat ja so seine Vorstellungen, wenn es um Flamenco geht. Rassige Frauen, brillante Gitarristen und der Klang der Kastagnetten gehören dazu. Eine Riesenshow eben, mit viel Publikum. Denkt man – und liegt nur knapp daneben. Im Ana Maria, dem ultimativen Ort für authentischen Flamenco, wenn man in Estepona weilt, lernt man dann die ganze Wahrheit kennen: Ja, die Frauen sind schön, sehr schön sogar. Ja, der Gitarrist spielt wunderbar Gitarre, und singen kann er auch. Nur die Kastagnetten können Sie vergessen: Die Damen und Herren nehmen, wie es sich gehört, die Hände. Und selbst wenn es voll ist im Ana Maria: Viele sind es nicht, die in das alte kleine Haus passen.

Der Stimmung tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: Da sitzt man eng an eng an kleinen Tischen, die gerade die Weingläser fassen (die eigenen Hände braucht man ja für den Rhythmus) und lässt sich mitreißen. Das Programm beginnt um Mitternacht, und drei Stunden Zeit sollte man schon mitbringen. Die Künstler stehen ganz in der Tradition des meist nur mündlich überlieferten Flamenco – und mehr als Show für Touristen ist das Ausdruck von Leidenschaft, von Freude und vom Ernst des Lebens. Es ist mithin so, wie es sein sollte: Die Seele tanzt und singt.

Drei Tänzerinnen zeigen abwechselnd ihr Können, begleitet einerseits von einem Sänger und Gitarristen, andererseits vom rhythmischen eigenen Klatschen sowie dem der beiden nicht tanzenden Frauen. Müde scheinen sie nicht zu werden, obwohl gerade die ursprünglichen Flamencos sowohl dem Sänger wie auch den Tänzerinnen tiefste emotionale Ausdruckskraft abverlangen.

Man erlebt Geschichte (was wäre Flamenco ohne den Einfluss der Zigeuner, was ohne die siebenhundert Jahre währende maurische Besetzung Andalusiens?), man erlebt Freud und Leid des Alltags – wobei die Faszination des Abends sicher auch darin liegt, dass selbst bei den traurigsten und leidenschaftlichsten Tänzen der Zuschauer zum Schluss immer den Eindruck hat, ein Stück andalusischer Lebensfreude gesehen zu haben.

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: Kempinski Olé 3/1999
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