Cannaregio

Venezianische Impressionen (6)

Ponte degli Scalzi

Unverhofft kommt oft. Cannaregio, das Viertel hinterm Bahnhof, hatten wir uns – ähm: gar nicht vorgestellt. Auf dem Weg via Linea 2 von St. Marco kommend gab das spätnachmittägliche Spätwinterlicht sich allerdings alle Mühe, uns zu spontanem Handeln zu verleiten. Und was soll ich schreiben? Des Lichtes Mühen waren von Erfolg gekrönt.

Eine Station vor der angepeilten Stazione Maritima am Busbahnhof sahen Sylke und ich uns an, nickten und stiegen aus: Ferrovia, der Stop am Bahnhof, hatte immerhin eine Brücke – eine von dreien über den Canale Grande. Die aus istrischem Kalkstein gebaute Brücke ist die zweite, die der Ingenieur Miozzi Anfang der 30er Jahre realisierte – die andere ist die Ponte dell’Accademia. Auch diese Brücke ist (wie die Accademia) ein Ersatzbau für eine zuvor am gleichen Platz stehende Eisenbrücke.

San GeremiaDas Licht zieht uns ins Viertel, das von Anfang an wenig von typischen Bahnhofsvierteln hat: Die Straße mit dem netten Namen Rio Terá Lista de Spagna wartet mit einer Menge eher normaler Läden auf, die allenfalls ein wenig Touri-neppig aussehen. Das „Rio“ im Namen deutet darauf hin, dass hier mal ein Kanal war, der zugeschüttet wurde – kein Einzelschicksal in der Lagunenstadt! Keine 300 Meter von der Brücke entfernt öffnet sich die Straße zu einem Platz: Am Campo San Geremia sieht man rechter Hand die gleichnamige Kirche und linker Hand das von uns am Vorabend besuchte Restaurant „Al Brindisi“. Die Kirche im Abendlicht ist ein Fotografentraum. Nebenbei bekommt man auch noch einen der ältesten Campaniles der Stadt mit aufs Bild – der Bau aus roten Ziegeln stammt, wie auch die Vorgängerbauten der Kirche, aus dem 12. Jahrhundert. Die jetzige Fassade der Kirche stammt aus dem Jahr 1871, falls das jemanden interessiert.

GemüsestandGeht man weiter, kommt man über die Ponte delle Guglie, die über den Canale de Cannaregio führt. Der zweitgrößte Kanal der Lagunenstadt (nach dem Canal Grande) war früher mal die Haupteinfallsstraße nach Venedig. Von der Brücke nach links geht es ins Jüdische Viertel, vorbei an der Brücke mit den drei Bögen – doch das ist ein eigener Spaziergang, dazu also später mehr). Geradeaus kommt die Einkaufsmeile, Abteilung Gemüsestände. Vor allem im abendlichen Gegenlicht auch ein optisches Vergnügen – und immer ein Grund zum neidisch werden: So viel Leckereien, so frisch, so toll präsentiert!

Teatro ItaliaAm Ende öffnet sich Rio Terra San Leonardo zu einem Platz, der wenigsten wegen zwei Dingen erwähnt werden muss. Rechter Hand liegt ein Schmeckleckerladen mit Suchtpotential. Hausgemachte Dolce, Schokolade, Mandorla, gebrannte Mandeln – das ganze Arsenal, das Zahnärzte in Verzückung versetzt, weil es so gut schmeckt, dass man alle Vorsichtsregeln vergisst. Beim ersten Bummel sind wir zufällig dran vorbeigekommen und konnten widerstehen, beim zweiten führte der Weg gezielt dorthin, und es war ein Traum! Schräg gegenüber ein sehenswertes Haus, zu dem ich bislang nichts gefunden habe: Teatro Italia steht an der Fassade. Was könnten diese Steine uns erzählen, wenn sie unsere Sprache beherrschten?

Cantina Vecia CarboneraWir bewegen uns heute nur auf zugeschütteten Flüssen: Am Ende der Rio Tera de la Maddelena gibt es (das wundert jetzt nicht wirklich jemanden, oder?) drei Dinge: Eine Brücke mit Kanalblick (romantisch), einen Platz umsäumt von verfallenen Häusern (so typisch) und die Cantina Vecia Carbonera, eine Weinbar. „Andar per ombre“ – in den Schatten gehen, nennen die Venezianer ihre Ausflüge in die vielen sich anbietenden Gaststätten und Bars. Diese Cantina ist ein elendig langer Schlauch, wo es vorne an der Bar zum üblichen Spottpreis von 1 Euro den Schatten (ombra) gibt – trinkbarer Zechwein, weiß oder rot. Außerdem Spritz (Aperol, Weißwein, Prosecco, Kohlensäure) und natürlich Kleinigkeiten zu essen. „Cicheti“ zum Reinsetzen, was – wörtlich genommen – unvernünftig wäre, denn dann landet man ja mit einer Gegend auf den Leckereien, die sie eigentlich erst viel später zu Gesicht bekommen sollten. Schinken, Tintenfische, die beliebten Sardinen mit Geschmack (Zwiebeln, Rosinen – wir hatten das schon!) – ach, das einfache Leben kann so nett sein!

Eau de MiefWir haben uns, ohne es zu wollen, immer in gehörigem Abstand zum Canal Grande bewegt, aber nahezu in paralleler Linienführung. Da der Canal ein Knick macht, macht es nach unserem Kantinenausflug (!) auch die Straße – hinter der Brücke geht’s rechts ab auf die Strada Nova. Noch mehr Einkaufsstraße! Wieder Marktstände, dieses Mal von der erheiternden Seite: Parfum-Fakes und andere Dinge, die man auch für kleines Geld nicht braucht! Die Kreativität bei der beinahe-Namensvergabe hat aber was: Water Ovanoff – Jommy – Chen Number 5 – DIK – Jeep Nigh – und so weiter und so fort. Klar, als Originalparfumer würd‘ mir das stinken, aber so fand ich’s eher belustigend (wenn auch nicht kaufanregend).Die „Evangelische Kirche“ im Viertel heißt tatsächlich so, es ist hier keine Übersetzung: Ein Hinweis auf die ehedem starke deutsche Kolonie in Venedig. Es gibt auch das Handelshaus der Deutschen (fondaco dei tedeschi) nahe der Rialtobrücke und eine Wohnung von H. Schmidt in San Marco – aber das scheint mir ein anderer als unser Altbundeskanzler zu sein…

La CantinaDie Sonne ist mittlerweile untergegangen, aber andar par ombre ist sonnenunabhängig zu verstehen: La Cantina ist das begehrteste Ziel an der Strada Nova, viel ChiChi mit BussiBussi und nicht nur Cicheti, sondern auch größere Häppchen, die Mitbesitzer Francesco Zorzetto mit Wissen um die Effekte in der offenen Miniküche zubereitet. Wenn er den Schinken an der mannshohen Handkurbelmaschine schneidet, wiegt sich sein Körper wie in der Ballettstunde, wenn er die Pfanne schwenkt, singt und pfeift er munter dazu. Stammgäste (und das sind hier alle, außer uns Eintagesgästen, hatte ich den Eindruck) werden geherzt und betuddelt. Die Spezialität des unkonventionellen Cichetimachers sind seine Käseplatten, aber wer ihm zusieht und nahe des Passes sitzt, an dem die Gerichte den Küchenbereich verlassen, möchte am liebsten alles probieren. Da das an einem Abend nicht geht und auch das Probieren aller 150 Weine (davon 40 offen serviert) kurzfristig nicht so sinnvoll ist, kommen alle wieder: voilá: Alles Stammgäste, sag ich doch!

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