Carovigno

Apulische Augenblicke (3)

Castello Carovigno

Eigentlich sollte es einem zu denken geben, wenn der Reiseführer Carovigno gar nicht erwähnt. Wo dort doch nahezu jede Milchkanne Erwähnung findet! Und findet man mal was über Carovigno, dann ist es auch nicht sehr hilfreich – so wie bei Theodor Mommsen in seinem 1850 erschienen Buch über „Die unteritalischen Dialekte“: „Wenden wir uns endlich noch zu den grossen Inschriften, so sind die von Monopoli und Carovigno so schlecht copirt, dass nichts damit anzufangen ist.“ Mist!

Dazu passt dann auch, dass die örtliche Touristeninformation „Pro Loco“ beim ersten Besuch geschlossen ist und beim zweiten nur zwei im Dunklen miteinander parlierende Damen präsentierte, die außer ihrer Muttersprache keine andere beherrschten. Freundlich zeigte die eine auf einen Stapel mit Broschüren, von denen eine (natürlich auch italienisch, wir sind schließlich in Italien) auf 28 Seiten ausführlich Auskunft über die Perle Apuliens gibt (Carovigno – perla di Puglia).

Also mit den Touristen aus aller Herren Länder wird’s so nichts, aber vielleicht hat’s uns ja auch deswegen so gut gefallen. Wir gehörten schnell zu einem Teil der Lebensgemeinschaft dieser Kleinstadt mit etwas über 15.000 Einwohnern, und das kam so: Jeden Morgen fuhren wir von unserem etwas außerhalb der Stadt gelegenen Domizil in die „Bar Jolly“, in der wir schon am zweiten Tag als Stammgäste betrachtet wurden. Ähnlich nett begrüßte man uns beim Gemüsehändler (Stichwort frisch gepresster Orangensaft!) und im Kaufladen für Brötchen, Wurst und Käse.

Carovigno CastelloCarovigno liegt, wie die meisten Städte in der Gegend, auf einem Hügel. Glücklicherweise gibt es genug Hügel in der Gegend, so dass man sich von Berglein zu Berglein zuwinken kann. Die Vorliebe für Anhöhen hat natürlich was mit der nicht immer ungeteilten Freundschaft der Menschen zueinander zu tun: Von oben herab ließ es sich besser verteidigen, und wenn der Ferind erstmal durch die Hitze den Berg ansteigen musste, mochte er die Burg gar nicht mehr erobern. Eine Burg, ein Castello, gehört im Apulischen zum guten Ton: Jede Stadt hat eine! Carovignos Schloss ist 1163 erstmals urkundlich erwähnt, seitdem hat es viel Fehden, Meuchlereien, Piratenangriffe und andere unschöne Dinge gesehen. Wenn die Steine (die heute wunderbar restauriert goldgelb in der Sonne reflektieren) erzählen könnten, gäbe es nette Geschichten von Baronen, die ihren Verpflichtungen als Feudalherren nicht nachkamen (also nicht so viel zahlten wie sie sollten). Die Liste der Besitzer und Bewohner des Schlosses über die Jahrhunderte ist ein nettes Who is Who in Puglia – wer mag, kann es ja nachlesen – mit großem Amusement auch in der automatischen Übersetzung durch Google.

carovigno-kathedrale_3059Auf dem Weg zum Schloss standen wir vor einer Kirche und suchten, wie so oft, mit der Kamera nach einem außergewöhnlichen Motiv. Da kam ein älterer Herr des Wegs und deutete uns freundlich an, ihm zu folgen. Er bog links ab in eine unspektakuläre Gasse und dann rechts in eine noch nichtssagendere. Einige Schritte noch ging er, dann hielt er, drehte sich um – und uns stand der Mund offen. Das Rosettenfenster der Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert. Das hätten wir hier nicht vermutet – Rosettenfenster gehören über den Eingang der Kirche und nicht versteckt um die Ecke herum! Gar nicht so schlecht gedacht – denn unter dem Rosettenfenster war einmal der Eingang – man hatte ihn später lediglich verlegt. Vor dem jetzigen Eingang ist ein Platz (wie sich das für eine Kathedrale gehört), vor dem alten enges Gassengewirr, so dass – hätte uns der freundliche Insider nicht mitgenommen – wir das tolle Fenster vielleicht gar nicht entdeckt hätten. Mille grazie, signore!

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