Zum Torre, zum Kloster und zum Mirador

Wanderung im Naturschutzgebiet bei San Telmo

Mirador d'en Josep Sastre

Am Tag vor unserem Abflug nach Mallorca kam eine E-Mail, deren Inhalt uns dann die Woche auf der Insel immer wieder beschäftigen sollte. Sie kam vom Michael Müller Verlag und betraf den Tod von Dietrich Höllhuber. Höllhubers Wanderführer Mallorca war schon 2010 unser Begleiter auf der Insel und natürlich mit im Gepäck – Tour 1 und Tour 2 standen dieses Mal auf dem Plan. Außer vom Lesen und Nachwandern kannte ich Höllhuber nicht, obgleich er (wie ich dem Nachruf des Verlags entnahm) Wahldresdner war. „Mit einer unglaublichen kulturgeschichtlichen Kenntnis und einer Uneitelkeit ausgestattet, die sehr selten in unserem Gewerbe ist, war die Arbeit mit ihm immer auch freundschaftlich“, schreibt Michael Müller in seinem Nachruf und beschließt ihn mit den Worten: „Wir werden Dietrich Höllhuber als den in Erinnerung behalten, wie er sich selbst gesehen hat: als Reisenden, als Suchenden, als einen, der unterwegs sein wollte und sich getraut hat, diese Leidenschaft auch zu leben.“

In Gedanken waren wir also bei unserer Wanderung von San Telmo zum Kloster Sa Trapa, die wir um zwei lohnenswerte Abstecher verlängern wollten, auch bei Dietrich Höllhuber. Den einen Abstecher, den zum Mirador d’en Josep Sastre, fanden wir so nur bei ihm und nicht in anderen Quellen. „Natürlich sieht man wieder die Insel Dragonera – und für den Autor [d.i. Höllhuber] ist dieses Bild der Insel, die von hier aus besonders schmal und hoch wirkt, das schönste!“ Was Dietrich Höllhuber nicht dazu geschrieben hat: Man sollte früh loswandern, denn sonst genießt man zwar einen reizvollen Blick auf Sa Dragonera mit der Felskanzel (die auch den schönen Namen „Teufelskanzel“ trägt) im Vordergrund, blinzelt aber gegen die Sonne. Wir waren recht spät dran und hatten Gegenlicht im Dunst – aber im Gedenken an Dietrich Höllhuber ist sein Lieblingsblick das Startbild dieses Beitrags. In seinen wunderbaren Texten lebt D.H. fort!

Baum

Unsere Wanderung beginnt in San Telmo. Wir wohnten dort, hatten also keine Anreise – aber man erreicht den Start der Wanderung fast am westlichen Ende der Insel Mallorca auch mit dem Auto (es gibt Parkplätze!) oder dem Bus (die Fahrpläne im Netz sind nicht unbedingt aktuell, am besten Fahrpläne vor Ort lesen oder nachfragen). Der Weg ist – für mallorquinische Verhältnisse – recht gut ausgeschildert: Sa Trapa, die Reste des schon lange eher ruinösen Trappistenklosters, ist ein beliebtes Ziel, die Wanderung offensichtlich eine Sonntagsstandardtour. Und es war Sonntag, als wir losgingen. Während wir (Heimvorteil!) nicht die Avinguda de La Trapa als Anfang der Wanderung nahmen, sondern den Pfad rechts daneben im kleinen Wald, trabten mehrere Gruppen den Asphalt bergan.

WandergruppeEine entwickelte sich zu unserer Lieblingswandergruppe, weil man an ihr alle erdenklichen Theorien über Wandertruppen on tour ableiten kann. Beispielsweise ist es ein Grundgesetz für Wandergruppen über zehn Teilnehmern, dass sie stets nebeneinander herlaufen und sich dabei laut unterhalten. Wichtig ist, dass sich die Person ganz rechts mit der in der Mitte unterhält und die ganz links mit der rechts neben jener in der Mitte. Der Rest kann sich wahlweise in das eine oder das andere dieser Gespräche einmischen, gerne auch in beide. Spätestens nach jedem dritten Satz ist ein Drittel der Gruppe verpflichtet zu lachen, wohingegen das restliche Drittel wenigstens zur Hälfte kreischen muss vor Vergnügen und der Rest laut prustet.

Sa DragoneraWir gaben dem Trupp unter dem inneren Vorwand, etwas zu Hause vergessen zu haben, eine halbe Stunde Vorsprung und gerieten beim Wiederaufstieg an eine sechsköpfige mallorquinische Familie mit Opi, Teens und Hund: die waren nett. Mal überholten wir sie, mal sie uns – freundliches Grüßen, kein Gejohle, allenfalls mal gemeinsames Anstehen am bestmöglichen Fotografenstandpunkt. Von denen gab es reichlich, die Bandbreite reicht von schattigem Wald über Trockenmauern (eine mit Rotkehlchen, sehr schmuck) bis zu immer anderen Aussichten auf Sa Dragonera. Zuerst sieht man die 4,2 Kilometer Länge und bis zu 900 Meter breite Insel immer nur abschnittsweise durch Baum-Rahmen hindurch. Mal das südwestliche Ende mit dem Cap des Llebeig, dann die Mitte mit den beiden Erhebungen Puig des Aucells (312 m) und Na Pòpia (353 m) mit dem ehemaligen Leuchtturm Far Vell, und dann das flache Ende der Insel mit dem Cap de Tramuntana (und noch einem Leuchtturm) im Nordosten.

Cala en Basset mit TorreEs geht stetig bergan, meist aber sehr gemütlich. Neben der Dracheninsel gibt’s auch Blicke auf den Wachturm Torre de Cala en Basset, der das Ziel unseres zweiten Abstechers am Ende der Tour sein wird. Unser erstes Ziel, das Kloster, verlangt allerdings noch eine kleine Kraxelei vorab. Wir hatten unsere hessische Lieblingswandergruppe mittlerweile überholt (die machten gerne ausgiebig Pausen, um mal im Pulk statt in Reihe zu lachen) und somit ein gutes Argument, es halbwegs schnell zu schaffen – bevor die uns einlachen! Kraxeleien werden ja meist belohnt: Zuerst eine fabelhafte Rundumsicht, runter nach San Telmo, rüber zur Insel und zum ersten Mal auch aufs Kloster.

Die Grenze des WaldbrandsWeit ist es nicht mehr bis zum Sa Trapa, aber beim kurzen Weg dahin sehen wir die Folgen des verheerenden Waldbrandes im Sommer vergangenen Jahres. Am 26. Juli 2013 hatte – pardon, aber da fällt mir keine andere Bezeichnung ein – ein Idiot noch glühende Grillkohle in den knochentrockenen Wald hinter Andratx entsorgt. Daraus entwickelte sich, durch Trockenheit und Wind begünstigt, ein riesiger Fächenbrand. Wir sehen: rechts des Weges verkohlte Bäume, links des Weges grüne Pflanzen. Bizarr und ein wenig schauerlich. Aber auch phantastisch, wie sich stellenweise die Natur erholt und neu ergrünt (wo sie das nicht tut, hilft die Naturschutzgruppe GOB nach).

La TrapaSa Trapa wurde 1810 von Trappisten gegründet, die im heimischen Frankreich vor Napoleons Kirchenpolitik geflohen waren. Sie schufteten reichlich, um das Val de Sant Joseph zu terrassieren und Gebäude zu bauen: Das Kloster mit Kapelle, eine Mühle, einen Dreschplatz, Installationen um Holzkohle zu produzieren und einen Kalkofen. Die Ackerterassen gehören zu dem schönsten und spektakulärsten Mallorcas – die unteren zwei sind heute beliebte Ausguckpunkte. Die GOB hatte das 81 Hektar große Gelände 1980 gekauft, um zu verhindern, dass dort der ganz normale Mallorca-Bauwahn ausbricht. Seitdem kümmern sich immer mal wieder Freiwillige darum, die Natur zu hegen und zu pflegen sowie die Gebäude zu sanieren. Ein löbliches Vorhaben, aber ein sehr langsamer und langwieriger Prozess…

WaldbrandWobei mir da beim Wandern eine teuflische Idee kam (mittlerweile waren wir schon beim Abstecher zur Teufelskanzel): Wenn man sich so die Aushänge bei den Immobilienhändlern ansieht, da glaubt man sich meist in einer anderen Welt. Da gehen ja sogar Häuser für 25 Mio. Euro übern Ladentisch, bei denen nicht mal jedes Schlafzimmer auch ein Badezimmer hat. Unfassbar. Genauso wie das erlesene Herrenhaus, in dem es mehr Badezimmer als Schlafzimmer gibt (26,5 Mio Euro). Da könnt’sch mich drüber uffrejen! Also, dieses wissend, dachte ich munter vor mich hin schreitend: Was wäre denn, wenn bei jedem Verkauf nur ein Prozent freiwillig der GOB gestiftet wurde. Für neue Bäume. Für Leute, für Material. Da käme ganz schon was zusammen…

KüsteDer Abstecher zum Mirador ist deutlich weniger begangen als der Ausflug zum Kloster. Es geht nochmal hundert Meter weiter hoch, aber im manierlichen Anstieg. Oben, kurz unterhalb des 492 Meter hohen Puig de ses Basses, eröffnen sich plötzlich Wahnsinnsausblicke auf den Küstenabschnitt Richtung Estellencs und Banyalbufar. Warum da mitten in der Landschaft dann in gut 430 Metern Höhe nahezu senkrecht überm Meer eine gemauerte Kanzel klebt, konnte ich nirgendwo nachlesen. Sie ist halt da, sehr beeindruckend und mit feinstem Blick, wenn man den korrekten Sonnenstand und die Klarheit der Luft bei sich weiß.

SerpentinenVon nun an geht’s zurück. Bis zum Kloster auf dem gleichen Pfad – aber natürlich mit anderem Licht und neuen Perspektiven. Ab dem Abstecherabzweig ist der Weg dann neu für uns, er führt zuerst zu einem schönen Rastplatz mit (aus Klostersicht) Blick hintern Berg, also einerseits ein wenig hinein in die Serra de Tramuntana und andererseits hinunter in die Bucht von San Telmo. Die meisten mir bekannten Wanderführer schildern den Weg dramatisch „über unzählige Serpentinen“ führend, aber so leid es mir tut: Die konnten dann alle nicht bis ungefähr 42 zählen – oder sie meinten ungezählte. Egal, es sind viele, sie sind breit (Fahrzeuge können da lang, tun es auch, obwohl eigentlich verboten) und es ist staubig. Dafür blüht es links und rechts, was den halbwilden Ziegen viel Spaß bereitet, die da meckernd durchs junge Grün toben.

Torre de Cala en BassetMan kann die unzähligen Serpentinen verlassen, bevor sie uns in die Unendlichkeit des Nirvanas entlassen, um wieder den Waldweg daneben zu nutzen. Der führt dann irgendwann zu der Kreuzung, an der es für Genug-Gewandert-Heute-Leute links zurück nach San Telmo geht, Anfang und Ende der Tour wären dann gleich. Wir aber nutzen den Abstecher zum Torre de Cala en Basset, den wir ja schon auf dem Hinweg von weitem sahen. Abstecher ist gut: Es geht jraduss! Kein aufregender Weg, nicht mal die Anmerkung in einem unserer Wanderführer, dass man an einer Stelle höllisch aufpassen müsse, weil es da nur einen kleinen roten Pfeil gäbe, brachte uns durcheinander.

Sa DragoneraDer Torre selbst ist dann zwar ein nettes Ziel, aber irgendwie unspektakulär nach all dem anderen, das bislang war. Na gut: man steht Dragonera vis-a-vis und hat’s gegebenenfalls im Sonnenuntergangslicht (wir: kurz davor). Außerdem kann  man versuchen, La Trapa zu finden – ein schönes Suchspiel. Ansonsten ist das halt einer von vielen Türmen, die als früher SMS-WhatsApp-Ersatz die Signalkette zur Warnung vor Piraten startete, also nichts Aufregendes.

WellenknipserAufregend, wenn man so ein exaltiertes Wort für eine so ruhige Gegend mal benutzen darf, ist das Meer bei San Telmo am Ende der Wanderung: Es gibt richtig schöne Wellen, die zwei Surfer dann auch mehr oder weniger geschickt zu nutzen wissen. Außerdem versuchen sich zwei Fotografen (nein, nicht wir, die anderen beiden!) daran, sich im Sonnenuntergang brechende Wellen so zu fotografieren, dass sie selbst dabei nicht nass werden. Sehr spaßig! Ich saß derweil gemütlich in einem der vielen Felslöcher, das die Einheimischen als Bootsgaragen nutzen: Etwas höher gelegen, trocken und in der abendlichen Restsonne durchaus angenehm temperiert.

Sa Dragonera Sunset

Dietrich Höllhuber: Wanderführer Mallorca MM-Wandern
Michael Müller Verlag, 204 Seiten + Karte (Leporello), 2. Auflage 2013, farbig, 14,90 EUR. ISBN 978-3-89953-819-9

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