Dresden – wie Anno 1722?

Linkselbisch: Barock – Rechts der Elbe: Bummeln, Essen, Trinken

Ob die Dresdner das wirklich wollen? Ihre Stadt in den Grenzen von 1722? Es hat den Anschein, denn vieles von dem, was Dresden Anfang des 21. Jahrhunderts ausmacht, geht auf diese Zeit zurück. Es ist die Zeit eines Mannes, der als “August der Starke” in die Geschichte eingegangen ist. Eigentlich hieß er Friedrich August I. und war seit 1694 Kurfürst von Sachsen sowie (seit 1697) als August II. König von Polen.

Weniger kompliziert als die Namensgebung und vor allem bis ins Heute reichend waren die Lebensmaximen des starken August: Macht, Frauen, Kunst. Ein Genussmensch, dem nichts Irdisches fremd war und der in nachgeradezu vorbildlicher Weltoffenheit die jeweils Besten nach Dresden holte. Dass dabei manch enttäuschtes Frauenherz und mannigfach gehörnte Männer ebenso den Weg säumen wie nicht immer astreine Mittel der Geldbeschaffung, nimmt die Geschichtsschreibung billigend in Kauf. Was zählt sind Ergebnisse: Der Zwinger. Die Frauenkirche. Das Taschenbergpalais. Die Neustadt auf der anderen (der rechten) Elbseite. Die einzigartige Pretiosensammlung des Grünen Gewölbes. Kurzum: Fast alles, weswegen man nach Dresden kommt, hat mit August dem Starken zu tun. Nur die Semperoper entstand viel später – passt aber ganz gut ins Bild. Übrigens wird in dieser Oper wirklich Musik gemacht und kein Bier gebraut, wie es die Werbung vermuten lässt.

Nach der fast völligen Zerstörung Dresdens am Ende des zweiten Weltkriegs schuf der Sozialismus rund ums alte Zentrum seine monotonen Plattenbauten, von denen heute einige ein erstaunliches Remodelling erfahren und dadurch sogar (zumindest optisch) erträglich werden. Doch Sozialismus hin und neue Weltordnung her: Im kurfürstlich augusteischen Zentrum wurde originalgetreu wieder aufgebaut. Der Zwinger war 1964 vollendet, die Semperoper am 13. Februar 1985 (exakt vierzig Jahre nach ihrer Zerstörung).
Andere Vorhaben blieben der Zeit nach dem Mauerfall vorbehalten – spektakulär der 250 Millionen Mark kostende Wiederaufbau der Frauenkirche, für den weltweit Freundeskreise Spendengelder aufbringen. Weniger aufregend, obschon gleich teuer und völlig privat finanziert das Taschenbergpalais: Auferstanden aus Ruinen ist ein Hotel, das eines der schönsten in Deutschland ist.

Bei einem Stadtspaziergang kann man das alles, weil es so eng beieinander liegt, in gut einer Stunde bewältigen und wird auch nicht durch einladende Schaufensterpassagen abgelenkt: Sowas gibt‘s im historischen Zentrum kaum, denn hier regiert die Kunst. Die kann einen freilich tagelang in Bann ziehen: Die Gemäldegalerie “Alte Meister” mit der Überraschung für viele: die niedlichen beiden Engel sind eigentlich nur Staffage am unteren Rand von Raffaels “Sixtinischer Madonna”, die schon erwähnte fürstliche Schatzkammer “Grünes Gewölbe” und immer wieder sehenswerte Sonderausstellungen im Schloss.

So viel Geschichte! So viel Barock! So viel Kunst! Ist Dresden ein Museum, in dem knapp eine halbe Millionen Menschen leben und deswegen keinen Eintritt zahlen? Nein! Denn auch Dresden hat seine Einkaufstraße (die Prager Straße), und vor allem gibt es das rechtselbisches Dresden mit seiner prächtigen Königstraße. Hier kann man nun wirklich Geld loswerden, und das sogar auf durchaus geschmackvolle Art und Weise. Hinter kleinen Schaufenstern (alles rekonstruierte Originalfassaden aus dem 18. Jahrhundert und entsprechende denkmalschützende Auflagen) verbergen sich feine Geschäfte und Cafés für den Tagesbummel sowie wunderbare Restaurants und Bars für den Abend: ein verdient besterntes Restaurant, zwei spanische Lokale mit gemeinsamem Hof (links Restaurant, rechts Tapas Bar) teilen sich den Ruf des besten Spaniers der Stadt, eine Sushi Bar, der übliche Italiener, ein gutbürgerliches Restaurant sowie ein tschechisches für diejenigen, die Bier und Knödel lieben. Wem das alles nicht reicht, der geht ein paar hundert Meter weiter und befindet sich in Deutschlands größtem geschlossenen Gründerzeitviertel und Dresdens größten rund um die Uhr geöffneten Szeneviertel. Hier leben, kaufen, essen und trinken Punks und Banker in friedlicher Koexistenz nebeneinander, hier gibt es mehr Kneipen und Shops für die merkwürdigsten Dinge der Welt als Parkplätze – aber man muss ja nicht mit dem eigenen Wagen kommen, denn neben Taxen funktioniert in Dresden der Nahverkehr noch recht ordentlich. Auch nachts.

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

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