Hoch im Norden

Mühle

Es war (lang, lang ist’s her) am Ende der Sommerferien in der Sexta eines Bielefelder Gymnasiums. Da stellte der Deutschlehrer die typische Nach-den-Ferien-Frage: Wo ward ihr? Alle hatten eine ordentliche Antwort parat außer einem: Der sagte, er sei in Norden gewesen. Ja, fragte der Deutschlehrer (noch) höflich nach: Wo denn da, im Norden? Na, in Norden! Der Dialog des Aneinandervorbei währte noch ein wenig, wobei der Deutschlehrer aus heutiger Sicht eindeutig der Verlierer war: Hätte er seine Landkarte besser gelesen oder im Erdkundeunterricht aufgepasst, dann hätte er gewusst: Hoch im Norden gibt es eine Stadt eben dieses Namens.

LudgerikircheNorden in Ostfriesland, die älteste Stadt dieses Landstrichs, wird erstmals in der Karolingerzeit erwähnt und erhielt im 13. Jahrhundert Stadtrecht. Die trutzige Ludgeri-Kirche aus dem Jahr 1445 mit der Barockorgel von Arp Schnitger macht den Ort zumindest unter Musikliebhabern über die Grenzen der Stadt bekannt – ansonsten sind es eher die Orte rund um Norden, die zum Ruhm der Gegend beigetragen haben: Über Norddeich Radio ist jahrelang der Funkverkehr zu den Schiffen auf allen Weltmeeren hergestellt worden. 1998 wurde die Station geschlossen – ersetzt durch „neue Technik“ und Satelliten.

GreetsielNoch nördlicher liegt die Insel, das Eiland, vor dem Norder Festland: Norderney. Deutschlands erstes Inselbad (seit 1797) buhlte lange um den Ruhm, auch Deutschlands Inselbad Nummer eins zu sein. Der Wettlauf kann als verloren gelten, denn zumindest in der Jetztzeit liegen Sylt und neuerdings vielleicht sogar Rügen vorne. Und dann ist da noch, etwas südwestlich, Greetsiel: Ein Bilderbuchdorf mit lauter Postkartenmotiven, von den Zwillingsmühlen bis zum pittoresken Hafen. Leider sind die Windmühlen nicht mehr nach dem Wind und untereinander auch nicht immer gleich gleich ausgerichtet, so dass selbst Laien den fake bemerken. Auch der Hafen hat was von einem potemkinschen Dorf, seit die Landgewinnung in der Gegend so erfolgreich war: Greetsiel mutierte zum Binnenhafen mit Meeranschluss. Viele Kutter liegen übrigens in Norddeich (womit der Kurzausflug in den friesischen Südwesten beschlossen wird).

Als der Sextaner in Norden seinen Sommerurlaub verbrachte, hatte der Ort noch etwas Gemütliches: Es gab eher rudimentären Tourismus, und die Einheimischen nannten ihre Heimatstadt voll respektloser Liebe „Pott Nörden“. Das war die Zeit, als noch Pferdefuhrwerke durch die Stadt fuhren und ist doch noch keine fünfzig Jahre her. Es gab Schmieden, viel Kopfsteinpflaster auf den Straßen und – weiter vom Zentrum entfernt – pferdefreundliche und damenfeindliche Wege aus festgetretenem Lehm und Schotter.

Die Zeiten haben sich geändert: Heute ist die Stadt saniert, es gibt eine verkehrsberuhigte Einkaufsmeile und an feriensensiblen Wochenenden kilometerlange Autoschlangen. Ganz Norddeich, ehedem ein verschlafenes unattraktives Fischerdorf, mutiert außerhalb der Saison zum größten Fanclub von Götz Alsmann und Christine Westermann: Überall „Zimmer frei“! Im Sommer oder zu Ostern und in den Herbstferien sucht man als Spontananreisender derlei Schilder zumeist vergeblich. Als ob das Ruhrgebiet sich unisono den Friesennerz übergezogen und gen Norden begeben hätte, der guten Luft und des gesunden Klimas wegen.

Die Luft und das Klima haben es wirklich in sich. Sehr oft regnet es, was zu Hause meistens zu abgebrochenen Kommentaren wie „keinen Hund vor die Tür…“ führt. In Norden heißt die Devise: „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung!“, und tout Ruhrgebiet ergeht sich übern Deich. Das machen auch die Norder – doch was die Touris von Einheimischen unterscheidet: Die temporären Nordländer reden. Die Friesen schweigen. Sie wissen um die tragende Kraft des Windes und beschränken die Kommunikation auf das Notwendigste. Was sie dann sagen, verstehen die Touris meistens nicht: In Ostfriesland wachsen die Leute schon vor Schulbeginn zweisprachig auf. Untereinander reden sie platt und mit anderen Hochdeutsch.

GranatVon der Sprache übernehmen die Feriengäste schnell das „Moin Moin“, was keineswegs mit „Guten Morgen“ zu übersetzen ist: Ganztags entbieten die Ostfriesen diesen Gruß, und das geht, weil es von „moi“ kommt, was schön heißt. Was muss man noch lernen? Dass sich hinter „Granat“ die kleinen Dinger verbergen, die eigentlich Garnelen sind und nach dem Fangen schon an Bord der Schiffe gekocht werden. Das mühsame Pulen der Krabben allerdings muss man schon selber machen (oder beim lokalen Fischer von fleißigen Ostfriesenhänden gepulte Krabben kaufen, was aber den Preis saftig in die Höhe treibt). Die fernab der Küste verkaufte Massenware wird übrigens zumeist in Marokko oder Polen vom Panzer befreit: Ein ökologischer Schwachsinn und zwar billiger, aber nicht halb so lecker: Nur wirklich frisch schmecken die Kleinen – im Rührei oder auf Schwarzbrot – am besten!

Ulrich van Stipriaan

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