Aqua alta

Venezianische Impressionen (10)

Gespiegelt

“Ich“, sagte der Nachtportier der Locanda Salieri, der – wie die meisten seiner Kollegen – den Eindruck eines Rentners mit Zusatzeinkommenswunsch macht, „ich würde nicht mehr raus gehen!“ Er zeigte auf das Wasser, das vor die Tür plätscherte – und das zehn Minuten zuvor, als wir ankamen im Hotel am Fondamente Minotto, noch nicht da war.

Aqua alta, Hochwasser. Die Venezianer kennen es, denn Venedig ist extrem nah am Wasser gebaut, und das Wasser steigt und fällt sowieso und immer im sechsstündigen Tidenrhythmus von Ebbe und Flut. Normalerweise bemerkt man das gar nicht beziehungsweise achtet nicht drauf, aber bei Hochwasser kann es dann doch ganz schnell gehen. Fünf Zentimeter die Stunde heißt: Bei Ankunft im Hotel kommst du trocken an, beim Gang ins nebenan liegende Restaurant gibst du den Ballettänzer und machst einen auf Spitzentanz – und nach dem Essen steht dir das Wasser bis zur Wade.

Aqua alta„Wade in the Water“ spielte das Ramsey Lewis Trio vor Jahrzehnten – ach so haben sie das gemeint! Im Restaurant lachten sie, als wir Schuhe und Socken auszogen. Die meisten Gäste hatte man hinten raus geschickt: Da ist es etwas höher. Aber wir mussten ja vorne raus, weil unser Hotel nur vier schmale Häuser weiter rechts liegt. Auf hundert Meter etwa ist das Ufer hier niedrig und hochwassergefährdet. Die Menschen wissen damit unterschiedlich umzugehen, aber wie sie es auch machen: Griesgrämig ist keiner dabei. Man lacht und arrangiert sich.

Als wir – mit bläcke Föös, wie der Kölner sagt (also barfuß) das Lokal verließen, kam gerade einer vorbei, der seine Frau/Feundin huckepack trug und an der nächsten Brücke auf trockener Stufe ablud. Andere hatten Stiefel an: schlichte grüne die Einheimischen, blümchenbunte die Touristen. „Ich habe meine Stiefel oben im Büro“ sagte der Chef des Restaurants: Aqua alta – business as usual.

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