Von den Buchten

Geschichten aus Sardinien (9)

Golf von Orosei

Der Golf von Orosei ist eine große Bucht im Osten der Insel. Das Schönste an ihr ist die Tatsache, dass sie aus zahlreichen kleinen Buchten besteht, die zu uneingeschränkten Freudesausrufen reizen. Aaaahhhh und Oooohhh sowie bo, ey oder Waaaahnsinn haben, mögen sie auch noch so banal dahergerufen sein, ihre Berechtigung. Die Buchten haben bezaubernde Namen: Cala di Luna! Cala Goloritze! Cala Cartoe! Cala Osalla! Die beiden Erstgenannten liegen südlich von Cala Gonone und sind nur mit dem Boot oder nach einer längeren Wanderung zu erreichen, die beiden anderen sind besser mit dem Auto zu erreichen, liegen nördlich des Urlaubsortes und somit außerhalb der Touri-Bootslinien. Ein wenig laufen muss man bei der Bucht von Cartoe allerdings auch, denn die Zubringerstraße endet reichlich zwanzig Gehminuten vor der Bucht.

Cala di LunaCala di Luna, die Mondbucht, war vor Jahrzehnten einmal das Lieblingsziel alternativer Touristen. Damals, als die Elterngeneration noch alles „Hippie“ nannte, was nicht mit Neckermann reiste und Vollpension gebucht hatte, waren derlei Aussteiger auf Zeit den meisten Menschen suspekt – ach, was schreib ich da: Damals? Unangepasste sind auch heute noch ungewohnt und unerwünscht, und selbst dem Herrn Fohrer hört man die innere Abscheu an, wenn er im Sardinien-Buch des Müller-Verlags über die Hippies schreibt: „Nachts war man unter sich. 1982 verboten die Behörden das Nächtigen im Umkreis von 1 km von der Cala di Luna, seitdem nehmen die Boote keine Passagiere mit Gepäck mehr mit und die Idylle (?) hat ein abruptes Ende gefunden.“ Das Fragezeichen, lieber Kollege, verrät den heimlichen Spießer! Mal ganz abgesehen davon, dass man auch zu Fuß und mit Gepäck zur Bucht kommt, denn wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.

Wir kamen zu Fuß, aber dem Fohrer zur Ehr‘ ohne Gepäck. Die etwa zweistündige Wanderung beginnt entweder direkt in Cala Gonone oder am Ende der Stichstraße, die vom Ort bis zur Cala Fuili führt. Das ist eine nicht ganz so spektakuläre Bucht, deren einziger Vorteil die bequeme Erreichbarkeit ist. Der Fußweg von hier zur Cala di Luna ist ein ziemliches Auf und Ab: Jede Schlucht wird mitgenommen. Trotz des teils beschwerlichen Geröllwegs und leichter Kraxelpartien macht es Spaß, im Schatten der Bäume entlang zu wandern – wenn man ordentliches Schuhwerk hat. Wer da mit Flipflops langläuft, dürfte den Weg in weniger netter Erinnerung haben.

Während wir so dahin trotteten, überholte uns ein Familienclan, den wir schon lange hinter uns schnattern gehört hatten. Sie waren alle gut drauf und hatten einen Zacken drauf, als ob es am Ende ein Preisgeld geben sollte. Mir war das Tempo schon fast ein wenig peinlich – aber als wir eine halbe Stunde später den kompletten Club unter Bäumen rasten sahen und nun unsererseits die Führung übernahmen, bewahrheitete sich mal wieder die Weisheit: In der Ruhe liegt die Kraft!

NussschaleWer nicht läuft, kommt mit dem Boot. Von Cala Gonone schippern Nussschalen (pardon: Kutter) im Quasi-Linienverkehr die Buchten an. Die Tickets kosten so viel wie ein günstiger Flug nach Sardinien, die Bootseigner sind gegeelte Machos – aber sie haben die Macht und das Wissen, dass nur die ganz Harten die Wanderung hin und zurück genießen. Also löhnten wir für das One-Way-Ticket zurück von der Bucht in den Heimathafen fast soviel wie für die Rundreise – aber egal.

Cala di LunaWas gibt’s über die Bucht zu schreiben? Dass sie wirklich bezaubernd ist: Weißer Sandstrand. Blaues und kristallklares Wasser. Steile Felsen. Kuschelige Höhlen (ohne Hippies). So, wie es in jedem besseren Reiseführer steht. Und außerdem: Eine sehr knackige Kletterin, die die Wand hochkraxelte und dabei eine sehr überzeugende Figur abgab. Fotografiert wurde sie von zwei Mannsleuten, die ihre britische Herkunft weder leugnen wollten noch es konnten. Der eine ein Hagespecht, der andere eher so der gemütliche Typ. Beide mit schwerster Fototasche, prall gefüllt mit netten Objektiven. Später merkte ich dann, dass die Engländer ihre Motive so wenig bestellt hatten wie ich und auch nur nahmen, was vor die Wechseloptik kam.

Cala GoloritzeDie Cala Goloritze gilt vielen Sardinien-Kennern als Perle unter den Buchten. Widersprechen mag man dem nicht, selbst wenn man vielleicht etwas anderes kennt, das auch ganz nett ist. Wie kommt’s? Wahrscheinlich passt einfach alles: Karibisches Feeling beim Sandstrand und dem Türkiswasser. Wenig Menschen, weil die Bootstour bis hierhin am längsten dauert und am teuersten ist. Und der Fußmarsch hin und zurück ist noch ein wenig ungemütlicher als der zur Cala di Luna, denn er führt erst mal rund 50 Meter hoch und dann 460 Meter runter – und unter umgekehrten Vorzeichen natürlich wieder zurück. Die Chance auf ein Boot ist hier geringer – aber wer genießen will, nimmt das gerne alles in Kauf, zumal die Blicke auf die Bucht, die sich auf dem Hinweg ergeben, fantastisch sind.Am Anfang bzw. eher am Ende der Tour bietet sich auf der Hochebene von Golgo die Gelegenheit, in ein Restaurant einzukehren. Hei, was zischt das Bier im Su Porteddu! Es kostet zwar ein Vermögen, aber die Cooperative denkt sich sicher: Woher sollen wir’s denn nehmen, wenn nicht von den doofen Touris? Die kommen doch sowieso nicht wieder! Das Wort „Cooperative“ steht auf Sardinien nach meinen Erfahrungen sowieso eher für teure als für preisgünstige Gelegenheiten, aber wenn man das weiß, ist es ja nicht schlimm!

[Die beiden eingangs erwähnten Buchten nördlich von Cala Gonone bekommen ihren eigenen Beitrag]

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