Injeladen – nich uffgefordert.

Keiner kann Keinem hier böse mehr sein.
Zur Bestechung genügt ein Zigarrchen schon.
Mirjam, mein Leben, mein Kind, schlaf ein –
man nennt das bei uns nicht mehr Korruption.
Die Großindustrie hat Chefredakteure,
Sozis und Ministerialsekretöre
injeladen – nich uffgefordert.

Kurt Tucholsky als Theobald Tiger in:
Kleine Fingerübung, Weltbühne, Jg. 20, 1924, Nr. 12, S.362

Wie funktioniert das eigentlich mit der Presse? Können wir das glauben, was da steht? Sind die Schreiberlinge nicht alle bezahlt?

Die Gefahr besteht. Verlockungen gibt es viele – und das ist offensichtlich nicht neu, wie der Auszug aus dem Gedicht von Kurt Tucholsky (komplett hier) zeigt. Sein „injeladen – nich uffgefordert“ begleitet mich seit den frühen Tagen als Zeitungsjournalist. Es ist die Mahnung, Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung zu wahren – so gut das dann eben geht. Die Grenze zwischen Tuchfühlung und Kungelei zu ziehen, ist dabei die hohe Schule. Aber sowas hat man uns eben beigebracht, und es wirkt fort.

Die Verführungen sind mannigfach, vor allem für all‘ die Journalist*innen, die über die schönen Dinge des Lebens schreiben. Konzert- und Theaterkritiker, Auto- und Reisejournalisten sowie natürlich auch die Foodies, die sich um Restaurantkritik und Wein und all die feinen Dinge kümmern. Denn natürlich kennt man sich in der Szene über die Jahre, aber Freunde zu haben bedeutet für professionelle Journalisten ja nicht, mit denen zwischen den Zeilen zu kuschen.

Zwei konkrete Beispiele. Das eine spielt vor einigen Jahren in einem Dresdner Restaurant. Anders als sonst hatten wir nicht anonym reserviert, sondern im Laufe einer Facebook-Unterhaltung den Termin festgemacht. Insofern war der Chef gewarnt, aber ich denke, er hat sich nicht verstellt. Es war ein gelungener Abend,  mit vorzüglichen Speisen und einer supernetten Bedienung. Am Ende des Tages brachte sie, wie gewünscht, die Rechnung – die ich leider reklamieren musste: Es war nur ein Menü berechnet – „der Koch wolle mich einladen!“ Ich lehnte ab und sagte: „Wenn ich schreiben soll, dann zahle ich. Wenn ich eingeladen werde, schreibe ich nicht – der Koch solle entscheiden!“  Ich durfte zahlen – und das zuvor schon nette Verhältnis zum Chef wurde danach nur noch respektvoll-herzlicher.

Das andere Beispiel ist quasi ein Dauerproblem: Einer meiner Kunden hat ein Hotel mit Restaurant, und dort gibt es eine Menge sehr spannender Veranstaltungen. Warum sollte ich über die nicht schreiben, auch wenn das gar nicht zu meinem Job dort gehört? Gute Frage, klare Antwort: Ich schreibe, wie mir der Schnabel gewachsen ist bzw. die Finger auf die Tastatur klimpern. So steht das dann hier im Blog – mit einem erklärenden Absatz am Ende des Beitrags, der das Binnenverhältnis offen legt. Derlei Transparenz soll den Leser*innen helfen, die Dinge einzuschätzen.

Und was macht man mit Einladungen zu Pressekonferenzen oder auch Pressereisen, zu denen „die Presse“ meist vor der jeweiligen Veranstaltung eingeladen wird, um dann (gerne: möglichst nett) drüber zu schreiben? Man nimmt sie hin als wichtige pressetypische Rechercheform. Und auch wenn es auf derlei Veranstaltungen meist arg freundlich zugeht und die Journalisten mit Nettigkeiten gepampert werden, ist das doch kein Grund, sein Ethos über Bord zu werfen.

Was nämlich immer hilft: Seine Seele nicht zu verkaufen. Bei jedem „eingeladen“ sich zu fragen, ob das nicht eine stillschweigende Aufforderung ist. Und sich diese Frage nicht nur während des Termins, sondern auch beim Schreiben zu stellen. Es hilft…

Zum gleichen Thema: Der Restaurantkritiker

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