Genusswelten: Noch Luft nach oben

Gelungene Premiere mit insgesamt positivem Gesamteindruck

Showtime

Der spätgeborene Nachkömmling der Taste Festivals in London, Paris und anderswo heißt Genusswelten und fand in diesem Jahr erstmals in Dresden statt. Draußen, was angesichts der hiesigen Wetterlagen ganz schön gewagt ist – aber weitgehend klappte. Über 4.000 Besucherinnen und Besucher, so Veranstalter Mirco Meinel hinterher, seien zum See-Areal vom Ostrapark gekommen. Da sei, sagte er, noch Luft nach oben – aber zum Weitermachen reicht’s: nächste Runde nächstes Jahr.

Das ist schön, dass es eine Wiederholung gibt, denn erstens waren die Genusswelten in der Gesamt-Rückschau eine gute Idee für diejenigen, die sich für lokale und regionale Esskultur begeistern können – und zweitens bietet eine Neuauflage des Events ja die große Chance, die nicht so gelungenen Dinge besser zu machen. Einige davon seien hier mal genannt.

Da es ums Essen geht, kacken wir mal gleich zu Beginn Korinthen. „Genießen Sie 100 Probiermenüs, kreiert von 26 Spitzenköchen!“ hieß es plakativ in der Werbung zur Veranstaltung, die sich Veranstalter Mirco Meinel (er macht auch die Schlössernacht und weihnachtliche Dinnershows wie Mafia Mia) mit einem Eintrittsgeld von 22,50 € bezahlen ließ (im Vorverkauf 16,90 €). Dafür bekam man: freien Eintritt, Kochshows und Musik. Denn natürlich kostete jeder Happen und jeder Schluck extra, und zwar zwischen vier und acht Euro pro Gang, von denen drei in der Regel ein Menü machten. Wer jetzt hochrechnet und sich bei 26 Köchen exakt 26 Menüs mit rund 78 Gängen (es gab auch welche mit vier Angeboten fürs Menü) verspricht, irrt erneut – neben den sechs Köchen der Jeunes Restaurateurs, die am Sonntagabend noch ihren eigenen Auftritt hatten, gab es noch elf weitere Kochstationen, mithin 17 zusammen und somit keineswegs 100 Gänge, geschweige denn „die mehr als 100 köstlichen Probiermenüs“, die im laufenden Text auf der Webseite erwähnt werden. Das ist doch Verdummbeutelung des Publikums!

GenussweltenUnd dabei wäre das nicht nicht einmal nötig, denn auch von 3 x 17 Gängen wird man mehr als satt bzw. hat genug Auswahl. Wir haben an diesem Sonnabend im Laufe der Zeit zehn Kostproben genossen plus Austern, die es gleich am Eingang gab. Darunter war übrigens nur ein echtes Menü, das wir in der vom Koch (in diesem Fall: Frank Schreiber vom Goldenen Hahn in Finsterwalde) vorgesehenen Reihung aßen, den Rest haben wir uns wild zusammengestellt: Vorspeise hier, die nächste dort, anderswo ein Hauptgang und viel zu selten ein Dessert. Weine gab es an den einzelnen Ständen zu fair kalkulierten Preisen und ganz besonders bei den Jungs aus der Neustadt: Eins der Zelte bestand nämlich aus einer Kooperation von Villandry und Weinzentrale, unterstützt von den Jungs vom Onkel Franz: Da kam zusammen, was wir mögen.

GenussweltenThomas StraußDie einzelnen Gänge waren übrigens, soweit wir sie probiert haben, ausnahmslos köstlich. Die Bilder zu den Gängen hingen an den Ständen aus, einige davon kannten wir von der Webseite der Genusswelten: wunderbar fotografiert, appetitlich angerichtet. Sah aus wie Meissener Porzellan – auf den Bildern. Im wirklichen Leben sah es aus wie Einweggeschirr mit Plastikbesteck und war das auch. Gourmetgenuss auf fragwürdigem Niveau, wie uns Thomas Strauß – Küchenmeister und Hotelbetriebswirt / Vizepräsident vom Verein der Köche Deutschlands – erklärte und gleich mal so ein Näppel umdrehte und mit dem Schmuckkraut aus dem Hut des Koches dekorierte: So sähe das nach was aus! Mancher Koch guckte auch etwas befremdet aus der Wäsche, aber Profis können sich natürlich arrangieren und hoffen auf Verbesserung. Immerhin muss man sagen: der Abräumservice klappte perfekt – das ist leider bei so großen Veranstaltungen oft ärgerlich, wenn leere Teller (ob Pappe oder Porzellan oder was dazwischen) leer gegessen auf den Tischen stehen. In dieser Hinsicht also Respekt und großes Lob.

Was uns, nun einmal auf der Schiene der lobenden Eindrücke gelandet, auch beeindruckt hat: wie kollegial und toll die Köche miteinander umgingen. Das war vom Eindruck her eher wie ein Freundestreffen, so was wie Konkurrenz war überhaupt nicht zu spüren. Alle waren bester Stimmung und wir trafen keinen, der über zu wenig Publikum jammerte – auch wenn mehr Umsatz immer gewünscht und ein gutes Argument ist. „So hat man wenigstens Zeit, selbst mal rumzugehen!“ hörten wir mehr als einmal.

MENÜ DER JEUNES RESTAURATEURS

Am Sonntagabend dann der festliche Abschluss der Veranstaltung, vorsorglich und vernünftigerweise drinnen (am Abend schüttete es draußen auch verheerend). Ganz im Stil des Hauses war die Gala (Preis pro Person: 159,00 €) als das exklusivste Menü der Stadt angepriesen – ohne Superlativ geht offenbar nüschte. Auch hier reicht eigentlich eine nüchterne Zusammenfassung des Gebotenen, um in Kauflaune (oder jetzt nachträglich: ins Schwärmen) zu geraten. Sechs Köche der Jeunes Restaurateurs gestalteten den Abend kulinarisch – und zwar sechs von der Sorte, die man gerne auch mal an ihren heimatlichen Orten besuchen möchte.

Genuss-Gala hinter den KulissenHeimspiel hatten Benjamin Biedlingmaier vom Caroussel im Bülow-Palais. Er ist ausgezeichnet von Testern unter anderem mit einem Michelin-Stern und (was fast ebenso wichtig ist) von Haus aus mit ebenso viel Phantasie wie guter Laune ausgestattet. Ebenfalls als Sternekoch geht immer noch Mario Pattis durch, der zweite der sechs Köche mit Heimvorteil. Den Stern hat man, wir sind da ja penibel, immer nur als Koch in Verbindung mit dem Restaurant, in dem man ihn erkocht hat. Aber kochen wie ein Sternekoch kann Pattis natürlich immer noch, und wer ihn länger kennt, könnte vielleicht dem Urteil jetzt noch stilsicherer und zeitgemäßer vielleicht folgen…

Aus der näheren Umgebung kamen Benjamin Unger (Hotel Blauer Engel, Aue) und Frank Schreiber (Goldener Hahn, Finsterwalde): Familienhotels alle beide, und beide hatten auch Familie mit in Dresden: Claudius Unger sorgte während der Gala mit für den exzellenten Service, Iris Schreiber (ebenfalls im Service) war offensichtlich am Stand geblieben und dort weiterhin für den verbindlichen Charme zuständig. Wir waren ja schon sowohl in Finsterwalde als auch in Aue und wussten von daher, dass es sich lohnt! Und die Tester vom Gault Millau zeigten sich mit 16 Punkten für Frank Schreiber und 17 Punkten für Benjamin Unger ja auch sehr angetan…

Die anderen beiden jungen Gastwirte hatten weitere Anreisen. Der eine kam aus Magdeburg, der andere aus Lübeck. Magdeburg ist bei uns ja so gar nicht auf dem Schirm, aber Sebastian Hadrys versicherte uns beim nachmittäglichen Besuch am Vortag, dass es sich lohnen würde! Wir werden also demnächst mal nach Magdeburg reisen, um Vorurteile abzubauen! Und der Koch mit der längsten Anreise kam aus Lübeck – und mit Frau: Roy und Manuela Petermann, die mit dem Wullenwever ebenfalls besternte Küche nach Dresden brachten, komplettierten das Team.

Team sagt und schreibt sich so leicht, ist aber im wirklichen Leben keineswegs selbstverständlich gelebt. Unser Samstags-Eindruck wurde bei mehreren Stipvisiten in der Küche dann allerdings bestärkt: Diese Spitzenköche können gut miteinander. Wenn einer dran ist, gibt es einen Musterteller – und von dem gucken sich dann die anderen ab, wie es sein soll und machen, Stern oder nicht Stern, von hier oder von dort, ihren Job. Großartig. Gelacht wurde auch, und Töpfe flogen keine. Jedenfalls nicht, während der Fotograf sich dort herum drückte…

Zu den einzelnen Gängen könnte man natürlich seziererisch was sagen, aber ein ganz unjournalistisches „hhhmm“ muss reichen, denn was immer die Köche taten: den Gästen mundete es.

Das Menü:

Genuss-GalaBenjamin Biedlingmaier
Saiblingsceviche / Holunderblüte / Gurke / Dill / Nelke

Sebastian Hadrys
Wolfsbarsch / Tomaten / Thymian / grüner Spargel / Balsamico

Mario Pattis
Hummer / Wasabi-Avocado / Blumenkohl / Blutampfer / Kaviar

Benjamin Unger
Bauernfrühstück – Landei / Zwiebel / Kartoffel

Roy Petermann
Rehbockrücken aus der Sommerjagd / Pfifferling / Gerstenrisotto / Parmesan

Frank Schreiber
Blanc Satin Schokolade & Lausitzer Erdbeeren / Holunderblüte / Basilikum / Krokant
Köche, Winzer, Entertainer

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