Die Weine der Anderen

Sechs Winzer der Generation Pfalz in der Weinzentrale

Generation Pfalz

Wenn junge Winzer reisen, dann haben sie meist viel Spaß. Miteinander und mit den Gästen – meist über den mitgebrachten Wein. Parlieren und Probieren nannte sich dann auch nach hübschester Alliterationstitelfindung die Veranstaltung, zu der sechs (von insgesamt zwanzig) Winzer der Generation Pfalz in die Dresdner Weinzentrale gekommen warum – um zu reden und zu trinken, natürlich. Im Schlepptau hatten sie (oder hatte er sie im Schlepptau?) Axel Biesler, von dem wir auf seiner Webseite nicht nur erfahren, dass er „gelernter Winzer und Sommelier“ ist und in Köln „lebt, trinkt und schreibt“, Axel Biesler also moderierte den Nachmittag, stellte so überraschende wie informative Fragen und freute sich über die mitgebrachten Weine – je Winzer vier, also insgesamt 24. Es gab, zumindest während der Veranstaltung, eine großartige Spucknapfcuveée. Aber dem Nachmittag folgte ja der Abend, bei dem die Winzer blieben, die Gäste kamen und es (wie seit langer Zeit an jedem Montag) immer wieder volle Gläser statt leerer Parolen gab. Spucknäppel sah man da nicht mehr…

Die Generation Pfalz ist ein Marketingding, gemacht, um mit Hilfe der 20 jungen Winzerinnen und Winzer unter 40 Jahren „ein Jahr lang deutschlandweit die Lust auf den Pfälzer Wein und die Pfalz zu wecken“. Ausgesucht wurden die 20 Repräsentanten von einer Jury (eins der Mitglieder: Axel Biesler), unterwegs sind sie offenbar mit Begeisterung. Ob’s daran liegt, dass sie auch mal wieder ihren eigenen Wein trinken? Denn auf die Frage, welchen der eigenen Weine sie denn am liebsten mögen, kam meist eher ein zögerliches Nuscheln als Antwort: eigentlich trinke man doch am Abend gerne mal die Weine der Anderen. Um den Horizont zu erweitern, um Neues kennen zu lernen. Eigentlich nicht überraschend, so machen wir das ja auch…

…also uns den Horizont immer mal wieder andere Weine trinkend erweitern. Und so lernen wir dann ganz nebenbei die Diskrepanz von Vorzeigeweinen, Lieblingsweinen des Winzers und Lieblingsweinen der Kundschaft kennen. Man könnte es sich einfach machen und die 24 mitgebrachten Weine (vier von jedem Winzer…) haarscharf entlang der Linie schmeckt – schmeckt nicht einsortieren (is klar, wo die landen, oder?). Oder man könnte Geschichten erzählen, wie es die Winzer taten.

Christian NettSo wie Christian Nett, dessen Weine wir (haha: Wortspiel!) schon kannten und mindestens nett fanden. Sein Vorbild, meinte der Winzer, sei eindeutig Markus Schneider, der Winzer aus Ellerstadt, der es von einem quasi Namenlosen mit 1 ha auf den Motor der Gegend mit 92 ha gebracht hat. Das mit dem Vorbild hat irgendwie geklappt, was an Form und Inhalt liegt. Das 2006 eingeführte neue Branding gehört zum Marketing-Teil, der Inhalt zum Können der Leute auf dem Weingut. Christian Nett macht gerne Cuvées – Möglichkeiten gibt es da reichlich mit 19 verschiedenen Rebsorten im Angebot. „Mir kommt es nicht so sehr auf die Rebsorten an, sondern auf das Geschmacksbild!“ postuliert Nett – und hat als Beispiel seine Leib & Seele Weißwein-Cuvée mitgebracht. Der Wein ist feinherb – was dem Geschmack (nicht nur, aber auch) der Jungen entspricht. Die mögen’s meist nicht so trocken. Und der Wein erzeugt Trinkfluss – ein Lieblingswort der Winzer, weil das ja heißt: Läuft. Und was läuft, verkauft sich. Die Leib & Seele-Cuvee beispielsweise siebenmal besser als der klassische Müller-Thurgau (der auch drin ist, neben Silvaner, Kerner, Gewürztraminer und manchmal auch noch Spuren von anderen Sorten). Der Preis für Endkunden pro Flasche: sechs fuffzich. Da kann man gut mit leben. Der Müller aus der Nostalgie-Linie des Weinguts, das 300.000 Flaschen Wein jährlich produziert, ist übrigens trocken ausgebaut und kostet fünf Euro. Wenn’s schmeckt, kann es also durchaus etwas teurer sein… Der Lieblingswein des Winzers ist übrigens ein heißer Tipp für den Sommer: Ein Rosé (kräftig und fruchtig, auch 6,50 €), den man – verrät der Winzer so nebenbei – mit 1/3 Tonic spritzen kann.

Thorsten LangenwalterThorsten Langenwalter stammt aus einer alten Winzerfamilie, die seit dem 17. Jahrhundert Weinbau in der Pfalz betreibt. Dass man auf dem Weingut den Wein aber selbst auf Flasche zieht und vermarktet – das ist eher der jüngere Teil der Geschichte (und passiert erst seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts). 30 ha bewirtschaften Thorsten Langenwalter und sein Team in Weisenheim am Sand, die wichtigste Sorte ist Weißburgunder. Sein Ziel (auch) bei dieser Rebsorte: Mehr Mineralität! Das geht durch gezielte Arbeit im Keller („Das Holz soll dezent im Hintergrund bleiben!“), aber auch im Weinberg („Wir haben den Lesezeitpunkt nach vorne gelegt, um mehr Säure zu haben“). Drei der vier mitgebrachten Weine waren Weißburgunder – uns gefiel der am besten, den auch die Kundschaft bevorzugt (aha, ich bin massengeschmackskompatibel…): der 2016er Weißburgunder vom Löss. Ein Gutswein, also die einfachste der drei im Weingut gepflegten Qualitätsstufen (die man an der Kapselfarbe erkennt – wenn man denn weiß, was die Farben bedeuten: bronze sind die Gutsweine, die Alltagsweine – silber die Weine aus Trauben von guten Lagen aus Weisenheim und Freinsheim, deutlich im Ertrag reduziert – gold das Beste aus Weinberg und Keller, mit noch mehr Reduktion im Ertrag). „Ein Gutswein soll gut sein!“ sei die Devise – die ich gut finde! Der Weißburgunder vom Löss hat viel Stahl und wenig Holz gesehen, aber das wenige Holz verschafft ihm den gewissen Schmelz. Für 7,50 € ein feiner Wein!

Moritz SchneiderAch, die Weißburgunder! Unter den Publikumslieblingen der sechs Winzer kamen sie drei Mal vor, auch bei Moritz Schneider (Weingut Jesuitenhof) ist ein trockener Weißer Burgunder der Renner. Wieder ein Gutswein, wieder mit 6,20 € pro Flasche der Beweis, dass Gutes nicht teuer sein muss (ebenso wie leider Teures nicht immer gut sein muss, aber wem sag ich das?). Ein Wein, bei dem man vor lauter Trinkfreude gar nicht Zeit hat, das Wort Trinkfluss auszusprechen, geschweige denn es ordentlich zu notieren. Der mitgebrachte Lieblingswein von Moritz Schneider war übrigens ein Riesling – ausgebaut im traditionellen pfälzer Halbstückfass, zeigt der 2015 Mandelpfad „Halbstück“, dass mit dem Generationswechsel auch neue Ideen ins traditionsreiche Weingut Einzug hielten. Vater Klaus ist übrigens seit 2015 Präsident des Pfälzer Weinbauverbands, Moritz leitet mit ihm seit 2011 den 25 ha großen Betrieb.

Marius MeyerEs muss natürlich nicht immer Weißburgunder sein. Was haben wir denn noch so in der Pfalz? Riesling, na klar. Marius Meyer brachte zwei zum Vergleich mit – natürlich nicht ohne Grund. Die Weinberge des 14 ha großen (mit den Eltern gemeinsam geführten) Weinguts erstrecken sich über eine Strecke von acht Kilometern – und da hat’s unterschiedliche Böden. Riesling ist, um mal eine Binse zur Weisheit zu erheben, natürlich nicht gleich Riesling, und ob von Buntsandstein, Kalkmergel, Granit oder Rotliegendem – das macht schon was aus im Geschmack. Wer mal in Rhodt unter Rietburg ist, könnte sich bei den Meyers durchprobieren: 16 trockene Rieslinge aus den verschiedenen Lagen mit den verschiedenen Böden haben sie im Angebot. Diese Vielfalt reicht aber weder dem Winzer noch seinen Kunden: Er brachte als seinen Lieblingswein eine angenehm filigrane Scheurebe mit – und die Kunden bevorzugten weder diese noch einen der Rieslinge, sondern (mit weitem Abstand: doppelt so viel verkauft wie vom Platz zwei) einen Grauburgunder. Und das lag sicher nicht nur am Preis (6 € für diesen Gutswein).

Johannes JülgJohannes Jülg aus Schweigen in der südlichen Pfalz, fast schon im Elsass beim französischen Nachbarn, magPräzision, Dichte, Struktur. Wenn er redet, hört man diese Begriffe – allein oder in Kombination – immer wieder. Und wenn man seine Pinots (ja ja, die Nähe zu Frankreich…) probiert, dann schmeckt man, was er meint. Gute Sprüche hat er eine Menge auf Lager, aber sie haben Substanz. „Ich mag Pinots, die man essen kann. Aber nicht so wie Marmelade – die gehört aufs Brot!“ ist einer, seine Meinung zu Rotwein („das ist doch kühler dunkler Weißwein!“) ein anderer. Es reden zwar alle vom Terroir, aber natürlich ist es falsch, dass auf den (namengebenden) Boden zu reduzieren. Die Stilistik und das Können des Winzers (am Berg und im Keller) gehört ganz sicher auch dazu.Das schmeckt man den Spätburgundern von Jülg an, die das Zeug zum Altwerden haben. Es gab einen lebhaften Beweis mit einem Spätburgunder 2004, neben dem sich ein Jungspund als dem Jahr 2014 doch noch sehr zurückhaltend zeigte. Dass der Lieblingswein des Winzers ein Riesling Gutswein war, überraschte da dann doch schon ein wenig – wobei die Begründung: „bei den sommerlich-heißen Temperaturen passt der bestens!“ auf Anhieb glaubhaft war (wo doch alle wussten, dass das begleitende Heft bei echt kaltem Mistwetter in Druck ging).

Maximilian PetriRieslinge spielen im Weingut Petri die Hauptrolle, also brachte Maximilian Petri drei davon mit. Sein vierter Wein: ein Grauburgunder. Publikumsliebling… Muss man ja nicht verstehen, wo die Rieslinge selbst für Rieslingfans (die ja schon alles getrunken haben oder eh immer beim gleichen bleiben, Jahr um Jahr) neue Reize mitbrachten. Zum Beispiel der 2015 Riesling Spätlese trocken Herxheimer Honigsack – HAUTE FUTAIE, der im 600-Liter-Eichenholzfass gereift ist. Der Wein ist ein Projekt der beiden Brüder Maximilian und Philipp, die sich erfolgreich in der Weinlinie Generation 14 (weil sie die 14. Generation im Weingut sind) austoben und ausprobieren können. Wem dieser Riesling zu kräftig ist, wer es lieber – pardon: – süffiger hätte, greift vielleicht zu Winzers Liebling. Auch ein Riesling, ein Herxheimer Honigsack Kabinettwein. Wenig Alkohol, ein angenehmes Verhältnis Säure-Süße (8,2:4,6 g/L) und ein sehr pfälzischer Preis: 5,50 €. Seafood – Sonne – Spaß alliterierte der Winzer. Wobei dieser Riesling auch ohne Seafood für hervorragenden Trinkfluss sorgt. Oder, wie die Werbung sagt: Zum Wohl. Die Pfalz.

Weinzentrale
Hoyerswerdaer Straße 26
01099 Dresden

Tel. +49 351 / 89966747
www.weinzentrale.com

Öffnungszeiten:
Mo – Fr ab 16 Uhr

[Besucht am 19. Juni 2017 | alle angegebenen Preise ab Weingut (und ohne Gewähr!)]

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