Panoramatour durch die Rote Wand

Wanderung von Agulo durch die Rote Wand zum Mirador de Abrante und weiter zurück nach Agulo

Rote Wand

Agulo, lesen wir im Wanderführer, sei das schönste Dorf auf La Gomera. Wer legt das eigentlich fest? Egal: schön ist Agulo in der Tat, wenn auch bei unseren Besuchen gern mal in graue Wolken gehüllt. So ist das halt im Norden der Insel im November. Aber neben dem subjektiven Ding mit der Schönheit hat Agulo noch was echt Steiles zu bieten: die rote Wand. Wenn man unten im Dorf steht, könnte man meinen, die Felswand geht senkrecht hoch, und man fragt sich, wo da der Weg sein soll.

Aufstieg Rote Wand 1Am besten: ausprobieren. Wir erwischen einen leidlich schönen Tag – nicht nur im Valle, wo der Vollmond bei klarem bauen Himmel schon mal Gutes verhieß. Auch bei der Ankunft in Agulo sah’s gut aus – mit Fernsicht rüber nach Teneriffa. El Teide hatte einen lockeren Wolkengürtel um und schaute unten wie oben raus, also alles prima.

Wir fanden direkt an der Hauptstraße GM-1 einen Parkplatz direkt am Einstieg in den Berg, was uns am Anfang einige Aufstiegsmeter ersparte. Dafür nahmen wir die fehlenden Höhenmeter ganz zum Schluss des Rundwegs mit – letztendlich ist es also egal, wo man parkt, es gibt die ausgleichende Höhenmetergerechtigkeit.

Aufstieg Rote Wand 2Der Wanderweg ist, wie auf La Gomera üblich, bestens ausgezeichnet, und wir sehen: weit ist es nicht bis zum ersten Zwischenstopp, dem Mirador de Abrante – 1,4 km nur, sagt das Schild. Dafür geht’s recht schnell rund 350 Meter hoch. Den Mirador sehen wir schon von unten, denn der neu erschaffene Aussichtspunkt ragt mit einem gläsernen Skywalk einige Meter in die Luft.

Aufstieg Rote Wand 3Die ersten Höhenmeter am Anfang des Weges nehmen wir stufenweise: es gibt eine Steintreppe. Die geht bald über in Serpentinwege, die sich durch die Wand hoch schlängeln. Wir hatten im Rother Wanderführer gelesen, dass Trittsicherheit und Schwindelfreiheit vonnöten sei – aber als bekennender Schwindler muss ich sagen: halb so schlimm, alles immer safe.

Aufstieg Rote Wand 4 El TeideWas von unten wie eine unbezwingbare Wand aussieht, ist eigentlich ein toller Wander-Spaziergang: Es geht zwar immer irgendwie hoch, aber mit jeder kleinen Wendung gibt es grandiosere Ausblicke auf Agulo und Teneriffa mit dem Teide, der optisch immer mehr auf Augenhöhe kommt.

Da fährt man ans Meer, um die unendliche Weite genießen zu können – und dann ist man doch irgendwie froh und glücklich, wenn der Horizont sich nicht so einfach hingibt, sondern dem Auge Halt bietet. Und wer könnte das besser als der höchste Berg Spaniens? Der gibt sich im November meist oben nackt – im Frühjahr trägt er aber gerne Zipfelmütze, weil der Schnee auf dem 3.718 Meter hohen Berg sich noch eine ganze Zeit lang hält.

Aufstieg Rote Wand 6 Aufstieg Rote Wand 7Fast oben angelangt, gibt es ein Stück Weg, das mit einem Holzgeländer gesichert ist. Keine Ahnung, ob das schon immer da war – aber ohne diese Gehhilfe wäre hier (Obacht, schlechter Wortwitz…) Ende Gelände gewesen. Zumindest für mich, wegen der Berufskrankheit nicht frei von Schwindeln zu sein. Vielleicht war ja deswegen bei unseren ersten Besuchen der Insel das Wetter im Norden immer so verhalten – damit die Rother-Leute mit ihrer Schwindelwarnung den baufreudigen Gomeros eine Chance geben, den Weg durchgehend stipfähig zu gestalten.

Versuch gelungen, muss man konstatieren, kurz nach dieser Stelle ist man auch schon fast oben und kann erstmal einen Blick werfen auf das komplette Amphitheater von Agulo mit seinen gut erkennbaren drei Ortsteilen La Montañeta, Las Casas und El Charco. Den Blick gibt’s so nur hier beim Mirador de Agulo, der aber nicht (mehr) die Hautattraktion der Tour ist, denn es gibt da einen Neuen. Und der ist das nächste Ziel!

Mirador de AbranteWir können ja solche Glückspilze sein! Wir kamen nämlich genau eine Woche vor Eröffnung des spektakulären Aussichtspunkts dort an und hatten weder Zeit noch Lust, die verbleibenden sieben Tage vor dem abgeschlossenen Tor zu rütteln. Also sahen wir uns von außen um. Auffällig bei diesem Mirador ist natürlich die freitragende und transparente Konstruktion. Der Skywalk schwebt etwa sieben Meter lang über dem Abgrund, unten liegt Agulo, in der Ferne all das, was man auch sieht, wenn man nicht drin ist. Der Architekt Jose Luis Bermejo hat den Mirador entworfen, der 625 Meter hoch über dem Meeresspiegel liegt. Man muss diese Sichtbeton-Glas-Kombi nicht mögen, man muss schon gar nicht die allmächtige Firma Fred.Olsen S.A. mögen, die das Objekt (bei immerhin freiem Eintritt!) verwaltet und die Bewirtung übernommen hat – aber ein Hingucker ist der Mirador schon. Man kann da auch mit dem Auto (oder gar dem Bus…) hin, muss also nicht wandern, obwohl man sich so den Caffe natürlich am ehesten verdient hat. Der gläserne Guckkasten hat täglich geöffnet, im Sommer (Juni bis September) von 11 bis 19 Uhr, in den anderen Monaten von 10 bis 18 Uhr.

Rote ErdeBeim Weiterwandern fragen wir uns, ob es solche Mammut-Ausblicke braucht, wo doch auch ganz ohne Gebäude alles zu sehen ist. Es gab keinen Streit, weil kein Wettbüro den Unterschied zwischen nöö und nee erkennen konnte. Also erfreuten wir uns, mal wieder einig, an der einzigartigen roten Marslandschaft. Ein Info-Schild macht uns schlau und wir lernen ein neues Wort: Ferralitisierung. Im Zusammenhang liest sich das so: „Die rote Erde entstand durch chemische Prozesse, die von der Verwitterung durch Wasser verursacht wurden, beispielsweise durch Einspülung und Ferralitisierung. Hinzu kam die Erosion, durch die eine Abfolge sanfter Hügel entstanden ist, die von zahlreichen Wassergräben durchzogen und nur spärlich bewachsen sind. Hauptsächlich wächst hier Gebüsch, vor allem Baumheide (Erica arborea), Gagelbaum (Myrica faya) und hier und da ein Adlerfarn (Pteridium aquilinum).“ Weißte Bescheid.

Rückweg nach Agulo Friedhof von AguloVon nun an geht’s bergab. Auf zu gut ausgebauten Wegen, mit Stufen (wo nicht nötig) und Geländer (wo nicht nötig) und Kopfsteinpflaster (wenn’s nass ist : rutschig. Hier wären Treppen fein, da sind aber keine!). Nicht so spektakulär wie der Aufstieg, aber mit hübschen Bildern von der anderen Seite der Wand, die Agulo einkesselt: die übliche Mischung aus Montes y Mar.

Bis zum Friedhof von Agulo, der hinter dem Felssporn auftaucht, sind es knapp 500 Meter auf Serpentinen bergab, immer oberhalb der Straße. Wenn die durch den Tunnel geht, muss man rüber und macht gemütlich weiter auf dem Wanderpfad. Ab dem Friedhof geht es dann wieder bergauf, immer mit Blicken auf Agulo und die Rote Wand (und, wenn man geneigt ist nach links zu schauen, natürlich den Teide am Horizont). Von da an geht’s wieder bergauf bis zum Parkplatz. Aber auf dem Weg dahin kann man erstens Rast machen in einem feinen kleinen Restaurant und sch zweitens Agulo anschauen. Lohnt sich, beides!

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