STIPvisiten Florenz: Ein Reiseverführer

STIPvisitenFlorenz

Woran merkt die erfahrene Leserin dieses Blogs, dass es weihnachtet? Genau: So wie auch jeder erfahrene Leser dieses Blogs merkt sie es daran, dass ein neuer Band der STIPvisiten erscheint! Wie immer eröffnet sich hier die Chance, ein tolles Geschenk käuflich zu erwerben (und wie immer wird sich die Auflage bei 1 oder 2 bewegen – naja, ist halt print on demand).Der vierte Band der STIPvisiten-Reiseverführer ist fertig. Damit steht die Italienische Trilogie, die demnächst sicher (wie es sich bei einer guten Trilogie gehört) erweitert wird. Ich sag nur: Elba, Sardinien und Liparische Inseln. Grundlage dieses Buches sind die Texte und Bilder der hier erstmals veröffentlichten Berichte über Florenz und die Toskana. Das Buch kann man bei Blurb vorab ansehen und bestellen (Softcover | Hardcover).

Wer da sagt: “Ach, Florenz – ist ja gerade nicht mein Ziel. Aber Venedig oder Apulien, das wäre doch was. Oder mal so eine Zusammenfassung der ewig hungrig machenden Restaurantberichte…” – wer also so oder so ähnlich spricht, soll nicht leer ausgehen.

Hier geht’s lang:
Band 3: Aufgegessen – Aufgeschrieben (Hardcover | Softcover)
Band 2: Apulien (Hardcover)
Band 1: Venedig (Soft- und Hardcover)

Etwas für geneigte Leser

Turmstützer

Nach Pisa kommen viele Menschen nur aus zwei Gründen. Der andere heißt Galileo Galilei und ist ein nicht sonderlich attraktiver Flughafen. Aber in nur fünf Minuten ist man ja mitten in Pisa, denn ein Bummelzug verbindet den Aeroporto mit dem Bahnhof. Der ist ganz hübsch, aber keineswegs direkt an der Hauptattraktion der Stadt gelegen, dem Campanile. Aber den muss man doch gesehen haben, denn der schiefe Turm von Pisa ist so etwas wie die Mutter aller schiefen Türme – obgleich keineswegs der schiefste (der steht in Sur­huusen in Ostfriesland) oder höchste (der Turm des Montréaler Olympiastadions ist mehr als dreimal so hoch).

Weltkulturerbe Platz der Wunder
Weltkulturerbe Platz der Wunde…

Aber der schiefe Pisaner Turm hat wohl die schönste Lage und das beste Marketing. Er hat sich schon recht früh geneigt, weil er keinen Grund hatte: Zwölf Jahre nach Baubeginn 1173, man war gerade beim dritten Stock des auf über hundert Metern Höhe angelegten Turmes angelangt, war er bereits zu schwer für den Boden unter ihm geworden. Der gab dem Druck nach – an der einen Seite mehr als an der anderen, so sackte das Fundament ab und der Turm neigte sich. Die Flüche des Baumeisters sind nicht überliefert – aber was hätte er vor gut 800 Jahren denn sonst machen sollen? Außer: Erst mal Gras über die Angelegenheit wachsen lassen und das Bauen einstellen.

Geneigter Turm
Geneigter Turm

Fast hundert Jahre später traute sich Giovanni di Simone: Mit leichtem Knick in der Optik baute er weiter: Dank des Knicks sollten die nächsten Stockwerke den Spruch „alles im Lot!“ rechtfertigen. Aber vier Stockwerke mehr brachten mehr Gewicht, und der Turm neigte sich wieder in südliche Richtung. Zehn Jahre nach dem Wiederbeginn des Baus und genau hundert Jahre nach dem ersten Baustopp gibt es den zweiten. Und der Turm hat immer noch keinen Glockenstuhl! Doch er sinkt weiter in den lehmigen Boden, 1298 beträgt die Abweichung vom Lot 143 cm.

Manchmal gilt es ja schon als Erfolg, wenn etwas weniger schlimm ist: Weil die ständige Neigung des Turms sich verlangsamte, traute sich Tommaso Pisano 1360: Er wollte den Turm zum Campanile machen und ihm nun endlich den Glockenstuhl aufsetzen – wieder senkrecht auf den nun 163 cm vom Lot abweichenden Turm.

So sieht man ihn echt besser
So sieht man ihn echt besser

Wahrscheinlich wäre der Turm so oder so ähnlich in seiner Schieflage verharrt, wenn nicht ein gewisser Alessandro Gherardesca 1838 die Erde unten herum durch Marmor ersetzt hätte. Mehr Neigung war die Reaktion des Turms: Einen Überhang von 5,10 Metern maß man im Jahr 1918, ab dem dann wieder etwas Ruhe einsetzte. Doch 1990 musste er für Touristen geschlossen werden: Einsturzgefahr!Zu stark war die Zunahme der Neigung in den Jahren zuvor geworden: Man beschloss, den Turm aufzurichten. 690 Tonnen Blei an der Nordseite, „Hosenträger“ (bretelle) genannte Seile zum Abspannen, gezielte Entnahme von Erdmaterial im Untergrund: Hier konnten sich Bauleute und Wissenschaftler austoben.

Aber nicht allzu doll, nach 44 Zentimetern war Schluss mit Aufrichtigkeit: Schließlich wollte man das Alleinstellungsmerkmal eines schönen schiefen Turms an kulturträchtiger Stelle nicht verlieren! Denn Pisa ohne schiefen Turm – das wäre doch irgendwie langweilig…

Die ideale Kombination: Fein und einfach

Leopolda

Im alten Bahnhofsgebäude Leopolda Stazione di Ristoro
treffen sich die Genießer

Ganz früher, so in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war hier ein Bahnhof. Es war die Station Pisa der Leopolda-Bahn, die Florenz mit ­Livorno verband. Später wurde aus dem Bahnhof ein Markt – auf dem es natürlich auch Deftiges zu essen gab. Suppe beispielsweise, früh morgens um fünf.

Aber das ist lange her, und nun ist der Bahnhof weder Bahnhof noch Markt, sondern Restaurant. Aber nicht irgendeins, denn hier kocht Stefania Castaldo eine ganz einfache, aber sehr sehr feine Küche. Sie greift die traditionellen Rezepte auf und zaubert in der kleinen (und vom Gastraum aus einsehbaren) Küche wahre Leckereien.

Wir hatten in unserem Reiseführer vom Restaurant gelesen und hätten, kurz vorm Abflug, gerne dort etwas gegessen. Aber unser Navi sagte: Da bring ich Euch nicht hin, das liegt im Anliegerbereich. Also fuhren wir auf Gut Glück einfach so eine der Straßen gen Pisa hinein, parkten und hielten nach irgendetwas Ausschau, was uns nett erschien.

An drei Lokalitäten gingen wir vorbei, weil entweder die außen hängende Karte oder das Ambiente oder beides nicht nach unserem Geschmack waren. Aber dann machte eins von außen einen guten Eindruck, und nach dem Hereinschauen sowieso. Wir waren im alten Bahnhof Leopolda!

Da hatten wir also gefunden, was wir nicht gesucht aber uns doch irgendwie gewünscht hatten! An den alten Bahnhof erinnern noch einige Details: Zum Beispiel Stromleitungen, innenliegend! Oder dass man gleich mit der Tür ins Haus fällt beim Hereingehen. Ansonsten: Holzstühle mit Bast, Tische mit Deckchen und Servierten und ein eher sachlich-modernes Ambiente.

An einer Wandtafel stehen die Gerichte des Tages: Acht Positionen, aufgeteilt in Primi (je 5 Euro),Secondi (je 8 Euro) und Tagliata (15 Euro). Als wir kamen, war nur ein Tisch besetzt und wir ließen uns hinreißen, Primi und einen Hauptgang zu bestellen. Letzterer schaffte es allerdings nicht zu uns, weil der Laden binnen Minuten rappelvoll wurde und die Chefin ziemlich herumwirbeln musste (außer ihr gab‘s nur ein Mädel im Service).

Risotto con le Seppie e le bietole (Risotto mit Tintenfisch und Spinat) zerging auf der Zunge und gehört zu den traditionellen Gerichten des Hauses. Eine lustige Mischung, in der der Blattspinat eher zaghaft wie ein Gewürzkraut eingesetzt war. Tomaten waren auch noch drin, obwohl das nicht auf der Tafel stand: Köstlich köstlich!

Fusili con Fiori di Zucca Zafferano e Ricotta (Fusili mit Kürbisblüten und Ricotta), der zweite Appetitmacher, stand dem anderen in nichts nach. Natürlich waren die Fusili knackig al dente, natürlich waren sie gut gewürzt! Und der offene Wein zu alledem war auch der Tageszeit sehr angemessen!

Unser Hauptgang wäre Lamm gewesen (aus den Secondi ausgesucht) – aber irgendwie rannte die Zeit wie nichts, und Flieger warten ja nicht. Also entschuldigten sich alle Beteiligten mehrfach: Wir, weil wir abbestellten, die Chefin, weil wir hatten warten müssen. Ist aber doch nicht schlimm: Beim nächsten Besuch in der Gegend wissen wir doch, wo wir hin müssen!

Stazione di Ristoro Leopolda

Piazza federico domenico guerrazzi, 11
56125 Pisa

Tel. 050 48587 / 330 216068 |
http://www.stazioneristoroleopolda.it

[Lage | Besucht am 27. September 2010]

Ristorante Il Frontoio

Il Frontoio

Das Il Frontoio war uns vom Inhaber der Enoteca il Salotto empfohlen als ein Ort, an dem man hervorragend ein Bistecca Fiorentina genießen könne. Ein hervorragende Idee, die dann allerdings an einem klitzekleinen Detail scheitern sollte: Dem Gewicht. Das kleinste verfügbare Bistecca Fiorentina wog 1,5 Kilo! Die Bedienung brachte es zum Ansehen vor der Zubereitung – und die Entscheidung, es nicht zu nehmen, war gut. Denn statt dessen gab es Tagliata di Manzo vom gleichen Tier, nur nicht completo mit Knochen und allem, sondern schon in Tranchen. Aber eben das gleiche zarte und würzige Fleisch, die gleiche Zubereitungsart: Kross gegrillt außen und roh innen. 300 Gramm Fleisch für eine Portion waren auch mehr als genug, 200 hätten uns nach den Antipasti auch gereicht. Geschmeckt hat es köstlich – in der Rückschau besser sogar als die beiden Bistecca, die wir in Florenz probiert hatten.

Man hätte natürlich auf die Vorspeise nach Art des Hauses verzichten können (so wie es das junge Paar tat, das sich das 1,5-Kilo-Steak nach uns ansah und dann auch bestellte) – aber das wäre rein geschmackstechnisch ein Verlust gewesen, allein schon wegen der gefüllten Zucchiniblüten!

Bei der Gelegenheit: Was man essen kann und was man essen muss, wird in den meisten Reiseführern falsch vorgebetet: Alle Italienier nehmen, liest man da meistens, erst Antipasti, dann Primi, dann Secundi, dann Dolce. Das ist, mit Verlaub, Quatsch, denn in dieser Opulenz macht das kaum einer und schon gar nicht täglich. Kein Gast wird rausgeschmissen, wenn er nur einen Gang (und sei es von den Vorspeisen oder den Primi, also Nudeln) isst. Gang und gäbe ist, sich eine Vorspeise zu zweit zu teilen. Überhaupt geht in normalen Restaurants (auch guten!) alles meist sehr locker zu. Kleiderordnung: Kaum, es sei denn, das Restaurant ist überaus teuer. Neben uns im schon feineren Frontoio saßen “Turnschuhe” auf der einen und “Kapuzen-Hoody” auf der anderen Seite des Tisches. Ein Problem? Nein, denn gutes Benehmen und eine wunderbare Menüauswahl zählen mehr!

Ristorante Il Frontoio
Via del Castello 40
53034 Colle di Val d’Elsa
Tel. 0577 / 923652
www.ristorante-ilfrantoio.it

[Lage Colle di Val d'Elsa | Lage Il Frantoio]

Officina della cucina popolare

Officina della cucina popolare

Man muss schon besonders optimistisch sein, um an einem Samstagabend um kurz nach 21 Uhr in einem guten italienischen Restaurant noch einen Platz bekommen zu wollen. Aber wir sind ja tapfer und mutig! Und? Alles voll in der Officina della cucina popolare – und die Mädels vom Service rotieren! Nach einiger Zeit kommt eine zu uns: Ob denn noch zwei Plätze frei seien oder bald frei würden??? Gute Frage, Gegenfrage: Ob wir reserviert hätten? Nein? Keine Chance! Wir zogen weiter (und trafen es nicht wirklich gut, aber das nur nebenbei).

Tagsdrauf kommen wir in der Mittagszeit wieder vorbei – und erspähen einen freien Tisch! Den nehmen wir, den letzten! Um uns herum munteres Treiben in einer sehr angenehmen Mischung aus vielen Einheimischen und wenig Touristen. Da wir für den Abend schon was vorhatten, wollten wir nur die Atmosphäre in diesem sehr beliebten Restaurant genießen und ein wenig probieren. Das war vielleicht sogar eine gute Entscheidung, denn die Küche (und auch die Bedienung) werkelten am Rande ihrer Kapazität. Man könnte auch sagen: Es dauerte alles arg lange – aber wir hatten ja Urlaub und Zeit, waren außerdem auch nicht am Verhungern.

Beim Warten (leider auch auf Wein und Wasser – der Punkt, den wir nie verstehen, denn damit und mit etwas Brot kriegt man doch willige Gäste immer schnell zufrieden gestellt) war klar, warum der Laden so beliebt ist: Er strahlt eine ungeheure Atmosphäre aus! Flaschen, Gläser und Besteck sind in alten Schränken und Kommoden untergebracht, an der Wand gibt es lustige runde Bücherregale, Klinkerwände und Holzfußboden sowie rustikale Tische und Stühle (bequeme aber!) runden das Bild ab.

Das Haus wird von vier (jungen) Leuten geführt – und sie versuchen es so ökologisch wie möglich zu machen: Die Zutaten kommen in der Regel aus der Gegend, von ihnen bekannten Produzenten. Die Weine sind ohne Ausnahme Bio-Weine – im weinüberfluteten Chianti kann man so schon mal entdecken, was man sonst (zumindest als Tourist) kaum sieht und zu trinken bekommt. Die Preisgestaltung ist sehr freundlich – in so einer Öko-Kommune fühlten wir uns natürlich fast wie zu Hause (rumrennende Kinder sowie hin und wieder ein verwegener Koch, der aus der Küche kommt, inklusive).

Selbstgemachte Nudeln sind etwas sehr sehr Feines. I pici fatti a mano al cacio pepe e briciole allein haben den Besuch gelohnt. Pici sind dicke Spaghetti aus Hartweizengries, und mit Pfeffer, Käse und gerösteten Brotwürfeln erinnerten sie an die sizilianische Art, Spaghetti zu machen. Aber Einfaches können sie eigentlich überall gut – wenn sie es denn können (und hier konnten sie)! Auf dem anderen Teller befand sich La bresaola di cinghiale con rucola e mandorle - das toskanische Wildschwein hat also auch hier seine Spuren hinterlassen ;-)

L’Officina della Cucina Popolare
Via Gracco del Secco 86
Colle di Val d’Elsa
Siena Tel. 0577.921796
E-mail: officina@cucina-popolare.com.

[Lage Colle di Val d'Elsa | Lage Officina della Cucina Popolare]

Endlich Gläser in der richtigen Größe…

Noch ein Glas, bitte!

Pietro ist der gute Geist der Enoteca il Salotto. Er ist, wie die meisten guten Vinothek-Inhaber, ein beredter Schauspieler – aber er weiß, wovon er redet. In einem alten Turmhaus aus dem 12. Jahrhundert nimmt die Enoteca das Erdgeschoss ein und führt von dort mehrere Etagen hinunter in die Vergangenheit. Angestaubte Weinflaschen mit schönen Jahrgangszahlen (1904, 1954, …) stehen malerisch in Nischen, Weinfässer sind in Gewölben drapiert und ganz unten plätschert ein Brunnen im Keller. Das ist liebevoll restaurierte Vergangenheit! Die eine oder andere Weinprobe kann man hier sicher auch durchführen, aber für die meisten Touristen sind diese Räume nur so zum Ansehen da.

Enoteca il Salotto
Enoteca il Salotto

Am schönsten aber ist es oben, gleich hinterm Eingang: Drei Tische mit roten Hussen und weißen Decken und alte Stühle laden Verweilen ein. Man kann – gegen ein geringes Entgeld – ein Glas Wein trinken oder sich vom Chef einen Deal vorschlagen lassen: “Die Dreierprobe ist heute umsonst. Wenn Sie drei Gläser trinken (er sieht Sylke an) und Sie drei Gläser probieren (er schaut mich an), dann sind das sechs Gläser, absolut umsonst und ohne Verpflichtung!” Wir diskutieren, ob das ein unanständiges Angebot sei und entscheiden uns für “nein”, was wir nicht bereuen.

Das ist Pietro
Das ist Pietro

Auf diese Art und Weise lernen wir sechs der acht Weine kennen, die in der ganzen Stadt auf Plakaten angekündigt waren: Eine Degustazio eccezionale di 8 grandi Vini della Toscana wurde da angepriesen – und das bei unserem Pietro! Wir probierten unfachmännisch wie immer, das heißt: Wir ignorierten den bereit stehenden Spucknapf. Statt dessen freundeten wir uns mit dem Gedanken an, die beiden ausstehenden Weine auch noch zu verkosten, was dann auch gegen Abgabe eines kleinen Obulus geschah und von allen Beteiligten keineswegs als Fehlentscheidung gewertet wurde. Mittlerweile saßen auch noch andere Gäste an den Tischen, und es wurde nicht nur quer verkostet, sondern auch tischübergreifend geschwärmt. Hach!

Weinprobe
Weinprobe

Den Wein gibt’s in der Enoteca il Salotto übrigens aus Gläsern, die in Colle hergestellt werden. Die Glasherstellung ist nämlich bedeutend in der Stadt; ihre Tradition lässt sich bis zum Jahr 1331 zurückverfolgen. Immerhin 95% der gesamten Kristallproduktion Italiens und 14% der Weltproduktion werden in Colle di Val d´Elsa hergestellt. An vier Tagen im September feierte die Città del Cristallo ein Festival rund ums Glas: Silicio. Neben dem üblichen Buhei derlei Festivals gab es sehenswerte Ausstellungen mit Glaskunst und Schauvorführungen. Besonders imposant aber fanden wir die Gläser, die auf dem Platz vor dem Dom ausgestellt waren. Endlich Gläser in der richtigen Größe!

Palazzo Campana
Palazzo Campana

Wir schlendern locker durch die Oberstadt, die den historischen Kern von Colle bildet und ihrerseits zweigeteilt ist: Borgo und Castello. Die Grenze zwischen den Renaissance-Palasten des Ortsteils Borgo (in dem auch wir wohnen und sich die Enothek befindet) und dem mittelalterlich geprägten Castello bildet der Palazzo Campana aus dem 16. Jahrhundert; ein schöner großer Torbogen ermöglicht den Durchgang.

Size matters
Size matters

Der Platz vor dem Dom ist während des Silicio-Festivals mit einem Tisch garniert, auf dem drei Riesengläser stehen. Das ist ja schon beeindruckend – aber die Spitze ist, dass da plötzlich ein Jüngling um die Ecke kommt und eins dieser Riesengläser transportiert. Es sieht irgendwie unwirklich aus, und das ahnt der Reisenweinglasträger auch, so wie er ausschreitet und guckt. Wir haben uns allerdings keins dieser Gläser besorgt, weil das dann ja den Kauf einer neuen überdimensionierten Spülmaschine nach sich gezogen hätte – vom permanenten Erwerb teurer Magnum-Weinflaschen ganz zu schweigen.

In aeternum cantabo
In aeternum cantabo

Den Dom lassen wir – wörtlich! – links liegen, aber unterm Dom eröffnet sich ein Seh- und Hörgenuss zugleich. In aeternum cantabo kann man dort lesen – und die perfekte Umsetzung hören: Männerstimmen, singend, ohne Pause. Wahrscheinlich nicht ewig, aber auf jeden Fall für die Dauer unseres (langen) Besuchs dort (Hörprobe). Kaum ein Besucher stört den beinahe meditativen Hörgenuss, nur ein älterer einheimischer Herr, den wir schon draußen auf der Straße gesehen hatten, geht einmal durch die Unterkirche.

Installation
Installation

Wegen des Festivals Silicio hatten Häuser geöffnet, die wahrscheinlich ansonsten eher unzugänglich sind. Das verschaffte uns das große Vergnügen ungewohnter Einsichten, verbunden mit einer aufregend arrangierten Ausstellung in einer Kirche und – in einem Museum – einem alten Glasmacher, der einem anderen Gast die Feinheiten der diversen Werkzeuge erklärte. Leider auf italienisch und somit für uns nur halbwegs (naja: achtelwegs) verständlich, aber voller Engagement vorgetragen! Später am Tag erlebten wir dann noch das Schaublasen von frisch geschmolzenem Glas. Beeindruckend, aber nicht überwältigend, weil das erkennbar mehr Show als Arbeit war.

Wohnturm
Wohnturm

Ganz und gar nicht beeindruckend, aber irgendwie dennoch ein Hingucker, ist das Wohnhaus von Arnolfo di Cambio, der irgendwann zwischen 1240 und 1245 in Colle di Val d’Elsa geboren wurde. Arnolfo war später ein bekannter Bilhauer und dann auch Architekt/Baumeister – 1296 plante er als leitender Baumeister den Neubau des Dom von Florenz. Auch bei anderen bedeutenden florentinischen Bauten (Santa Croce, Palast der Signorina) ist er mehr oder minder heftig beteiligt. Und nun stehen wir vor einem Wohn-Turm in Colle, den der Meister bewohnt hat! Die Stadt ehrt Arnolfo auf vielfältige Weise: Es gibt ein Denkmal, es gibt ein Hotel, ein Restaurant, einen Platz…

Enoteca il Salotto
Via Gracco del Secco 31
Colle di Val d’Elsa
Tel. 0577/926983
http://www.enotecailsalotto.it/

[Lage Colle di Val d'Elsa | Lage Enoteca il Salotto]

Zauberhafter Hügel über dem Tal der Elsa

Colle Val d'Elsa

Colle di Val d’Elsa muss man nicht kennen, aber man sollte es! Die Altstadt auf dem Hügel ist den Fußgängern vorbehalten, in den winkligen Gassen davor gurken Kleinwagen auf Parkplatzsuche. In einem davon: Wir. Eigentlich war ja Siena das Ziel. Das erste angefahrene Hotel, eine schöne Villa mit Blick auf die Altstadt, die eben noch im Sonnenuntergangslicht erstrahlt, verkündete aber mehrsprachig mit einem Schild an der Tür, dass da nichts mehr zu buchen sei: Completo. Hotel Nummer zwei, deutlich größer, bietet einen freien Parkplatz direkt vor der Tür – sowie ein Schild „Completo“. Die Rezeptionistin meint: Heute noch ein freies Zimmer in Siena zu finden sei ein aussichtsloses Unterfangen. Daraufhin ruft Frau Curly in Colle in einer Enothek an, weil die auch zwei einfache Zimmer haben soll: Klappt! Also auf zum Hügel über der Elsa – etwa 30 Minuten von Siena entfernt.

Gediegen wohnen
Gediegen wohnen

Wir fahren zweimal an der Enoteca vorbei, weil wir sie nicht erkennen und die Straßen keine sichtbaren Schilder haben. Zwei ehrenamtliche Passegiata-Verkehrsregler schnattern uns die Hucke voll, wie wir’s finden – zaghaftes Fragen auf Italienisch hat bekanntlich immer ausführliches Schwadronieren zur Antwort. Aber wir verstehen und finden: Die Enoteca il Salotto. Die erste Frage lautet: Erst mal einen Wein? Wir merken: Hier sind wir richtig! Vor allem weil Pietro das mit dem “einen” gar nicht so ernst gemeint hat und Patricia ein wenig Zeit braucht, das Zimmer fertig zu machen…

Colle Val d'Elsa
Colle Val d’Elsa

Später also, viel später, nehmen wir unsere als Schlummertrunk gekaufte Flasche 2006 Canneto Vino Nobile di Montepulciano mit in die Unterkunft. Von wegen einfaches Zimmer: Es erwartet uns eine veritabel renovierte Etage in einem alten Haus mit schönem Kreuzgewölbe im Flur! In der Küche gibt es einen Kamin, davor eine riesige Terrasse, von der man einen herrlichen Blick auf die Altstadt hat. Das Schlafzimmer allerdings liegt zur Straße hinaus, in der es laut ist.

Pasticeria Mario Barone
Pasticeria Mario Barone

In der Früh erleben wir eine Überraschung: Was auf dem Land der Hahn, ist nämlich in der Stadt der Bäcker. Er lärmt zwar nicht, aber er produziert Gerüche. Gemein, wenn man vor fünf schon die verlockendsten Backdüfte riecht! Nach dem Aufstehen allerdings wissen wir die Gerüche zu schätzen: In der Pasticceria von Mario Barone nehmen wir unseren Cappuccino (1,20 Euro) und zwei Pasti (0,90 Euro). Die schmeckten so wie sie früh um fünf schon rochen: Nach mehr! Der Laden ist (seit sieben!) rammelvoll, aber man kann es verstehen: Kann man den Tag schöner beginnen?

Bar Pasticceria Gelateria
Mario Barone
Via Gracco del Secco 32
Colle di Val d’Elsa
Tel: 0577/921768
http://www.pasticceriabarone.it

[Lage Colle di Val d'Elsa | Lage der Pasticceria]

Monteriggioni

Monteriggioni

Denn, wie auf seinem runden Mauerkreise
Montereggione sich bekränzt mit Türmen
So ragten hier mit ihrem halben Leibe
Vom Rande, der den Brunnen rings umwindet,
Die schrecklichen Giganten, die, wenn’s donnert,
Noch jetzt vom Himmel Jupiter bedroht.

Monteriggioni
Monteriggioni

Reimte wer? Richtig: Der Übersetzer von Dante Alighieri in seiner Göttlichen Komödie (Inferno, 31.Gesang). Doch während die Riesen am Rande des neunten Höllenkreises sich auftürmen, geht es in Monteriggioni überaus himmlisch-freudig zu: Die etwa 60 BewohnerInnen der alten Festung haben sich auf die Touristen eingerichtet, die tagsüber kommen und abends meist wieder fort sind. Sehr viel zu sehen gibt es, streng genommen, ja auch nicht: Der Berg ist das Ziel.

Monteriggioni
Monteriggioni

Naja, Berg: Der Monte Ala ist 200 Meter hoch, einer jener typischen toskanischen Hügel eben. Aber es reichte, um zwischen 1213 und 1219 dort oben den Stützpunkt der Republik Siena gegen die Florentiner einzurichten, denn man kann weit ins Land blicken (entsprechend früh sieht man Monteriggione immer mal wieder auftauchen, wenn man sich nähert). Immerhin war die Festung so berühmt mit ihrer 500 Meter langen und 20 Meter hohen Mauer, die sie nahezu kreisrund umschließt, dass sie hundert Jahre später von Dante in dessen großen Dichtung verewigt wurde. 14 Türme waren es seinerzeit, elf davon stehen heute noch.

Monteriggioni
Monteriggioni

Monteriggioni ist weitgehend so erhalten, wie es im 13./14. Jahrhundert erbaut wurde – zuzüglich der Dinge, die das Leben heutzutage etwas angenehmer machen wie fließend warm und kalt Wasser und Eintrittskarten, um auf der Stadtmauer entlang laufen zu dürfen. Und zwei Restaurants und eine Enoteca gibt es auch – also Mittelalter pur ist das nicht, aber doch sehr hübsch anzusehen. Man ist schnell durch: Eine Hauptstraße hin, eine Nebengasse zurück, wenn man einmal durchs Tor in den Ort hinein gekommen ist. Details wie die (schlichte) Kirche und den einen oder anderen Stein anzusehen lohnt – wenn man Zeit hat. Aber wir waren ja nur auf der Durchreise…

[Lage Monteriggioni]

Badia a Passignano und San Donato

Badia a Passignano

Natürlich gibt es in der Toskana eine Vielzahl von Orten, die überlaufen sind. Aber es gibt auch welche, die nicht so arg frequentiert sind – meist etwas abseits der großen Straßen. Zweien dieser Kategorie ist dieser Beitrag gewidmet.

Badia a Passignano einen kleinen Ort zu nennen, wäre wohl vermessen. Selbst Dorf erscheint zu groß: Badia a Passignano ist ein Kloster mit einigen Häusern drumherum, eins davon allerdings mittlerweile fast so bekannt wie das vom Vallombroser-Orden (ein reformierter Zweig der Benediktiner) bewohnte Kloster: Die Osteria, die zum bekannten Weingut Marchesi Antinori gehört. Ein lauschiges Plätzchen mit einer gerühmten Küche (allerdings für uns zu früh, es war noch Vormittag und wir hatten anderes vor).

Badia a Passignano
Badia a Passignano

Ins Kloster kommt man als Tourist nicht hinein, aber der Weg drumherum ist auch schon ein kleiner Genuss. Man geht oberhalb der schmalen Straße und genießt den Blick über Häuser in die wellige Weinlandschaft. Dort wachsen auf 215 ha die Weine und Oliven der Marchesi Antinori. Der Chianti Classico Riserva “Badia a Passignano” DOCG ist nur aus der Sangiovese gekeltert – die wachsen aber lediglich auf 50 ha rund ums Kloster. Der Wein ist entsprechend rar, gut ist er auch.

San Donato in Poggio
San Donato in Poggio

San Donato in Poggio ist ein nicht so überlaufenes Mittelalter-Städtchen. Der Namensbestandteil Poggio deutet es schon an: Auch San Donato liegt auf einem Hügel. Viele der Häuser innerhalb der Stadtmauern stammen aus dem 14. Jahrhundert, doch San Donato ist älter: Es gibt Urkunden aus den Jahren 985, 986, 988 und 989 – letztere übirgens aus der Abtei von Passignano. Die Lage an der Handelsstraße zwischen Florenz und Sienna machte den Ort strategisch bedeutsam. Das war im 13. Jahrhundert. Heute verläuft die Autostrada etwas weiter westlich, und wenn man nicht die kleineren Straßen entlang fährt, verpasst man San Donato.

San Donato in Poggio
San Donato in Poggio

Das wäre aber schade, denn wenigstens einmal sollte man durch die Gassen schlendern und sich an dem alten Gemäuer erfreuen, das teils schief und bucklig ist, aber wer ist das nicht im Alter von 666 Jahren? Die Häuser machen einen frisch renovierten Eindruck, aber sie strahlen keineswegs Kitsch aus. Wie die Donater das hinbekommen haben? Keine Ahnung…

[Lage Badia a Passignano | Lage San Donato]

San Galgano

Abtei San Galgano

Auf dem Weg durch die Colline Metallifere, dem Erzgebirge, auf der Strada Provinciale 441 von Massa Marittima nach Sienna taucht hinter dem Ort Palazzetto rechter Hand ein Fotomotiv auf: Aus dem braunen umgepflügten Acker hebt sich ein grüner Hügel empor, auf dessen Kuppel ein großer roter Bau unter schäfchenbewölktem blauen Himmel thront. Man könnte zum Romantiker werden, aber greift doch lieber zur Kamera!

Capella di Monte Siepi
Capella di Monte Siepi

Der Hügel ist der Monte Siepi, das Haus ist eine Kapelle. Aber nicht irgendeine: Die Rotunde wölbt sich über einem Schwert, das der 1148 geborene Signore Galgano Guidotti dort in den Fels gestoßen hatte, um ein Kreuz zum Anbeten zu haben. Natürlich kam er nicht nur so auf diese Idee: Der Erzengel Michael hatte es ihm dringendst empfohlen. 1180, also als Galgano 32 war, soll das passiert sein. Der zum Einsiedler bekehrte Ritter lebte fortan in Armut mit Wölfen zusammen und vollbrachte ein Dutzend Wunder. Und das alles in nur einem Jahr, denn er starb mit 33.

Das Schwert ist übrigens untersucht worden: Es stammt demnach tatsächlich aus jener Zeit. Aber ob auch die toskanischen Verschwörungstheorien stimmen, wonach Galgano Sir Galwyn sein könnte – der von der Tafelrunde. Und das Schwert? Excalibur, was sonst? Und somit die ganze Geschichte keineswegs keltischen, sondern toskanischen Ursprungs!

Abtei San Galgano
Abtei San Galgano

 

Die Zistersienser übernahmen Montesiepi, und sie (pardon, das klingt jetzt despektierlich) vermehrten sich so schnell, dass sie mehr Platz brauchten. Den fanden sie in einem Neubau, wenige Meter weiter unten im Tal: Dort entstand die Abtei – und zwar als kleine architektonische Sensation: Gotik in der Toskana! Ich zitiere mal die Wikipedia: “Der Bau der Kirche orientierte sich an dem Vorbild der Mutterkirche von Casamari in Latium. Diese lehnte sich ihrerseits eng an die burgundische Bauweise an. So ist die Kirche von San Galgano nach dem klassischen Schema der Zisterzienserkirchen im bernhardinischen Plan angelegt und wirkt sehr französisch.”

Abtei San Galgano
Abtei San Galgano

Das Kloster wuchs und gedieh – und stürzte relativ schnell sehr tief. Misswirtschaft! Gibt’s auch unter Brüdern… Außerdem setzten die damals üblichen Widrigkeiten den Zisterziensern zu: Hungersnöte, Pest, Überfälle. Wie auch immer: Das Dach wurde verkauft (1550), das Kloster geschlossen (1783), der Glockenturm und Großteile des Gewölbes stürzten ein (auch 1783). Mag die Entstehung der Anlage ein Wunder gewesen sein – kein Wunder war, dass sich die Bauern der herabgefallenen (und auch der noch stehenden) Steine bedienten. Aus die Maus.

…bis 1961 erneut ein Zisterzienser kam, um das Kloster zu neuem Leben zu erwecken. Und so ist es jetzt mehrerlei: Heimat des Nonnenordens der Olivetaner, teils wieder errichtetes, aber immer noch dachloses Monument (manche sagen: das bedeutendste gotische Bauwerk Italiens) und touristischer Anziehungspunkt – wegen der Magie des Ortes und unterstützt durch Konzerte, die hier im Sommer quasi open air stattfinden.

[Lage San Galgano]