Löffel und Skizzenbuch

Gespräch mit Heinz Tesar, Architekt des „Haus am Zwinger“

trialog 3/99

Die Gespräche im Restaurant Intermezzo sind für die Beteiligten meistens so eine Art Blind Date: Der Redakteur kennt seinen Gast aus Film, Funk, Fernsehen, von der Bühne oder sonst irgendwie aus der Ferne. Und der Gast kennt den Redakteur – wenn überhaupt – vom Lesen alter „trialog“-Ausgaben. Aber als gewissenhafter Macher bereitet man sich ja vor, fragt zum Beispiel Gewährsmänner oder -frauen und erfährt dann beispielsweise: „Der, den Du da treffen willst, der sieht so aus, wie man sich einen Architekten vorstellt!“ Wie originell und doch passend, denn er ist ja Architekt! Aber wie sehen die denn aus? „Naja, so mit Zimmermannskluft, und als Erkennungszeichen hat er immer ein Notizbuch dabei!“

Dermaßen vorbereitet konnte ja nichts schiefgehen, zumal Heinz Tesar vor seinem trialog-Gespräch einen öffentlichen Auftritt hatte: Im „Haus am Zwinger“, das neben dem Taschenbergpalais entsteht und im November fertig sein wird, plauderte der Wiener Architekt, der weltweit Lehraufträge hat und derzeit neben dem Dresdner Haus am Zwinger noch Projekte in Berlin (Stichworte: Gendarmenmarkt und Museumsinsel) betreut, vor Fachleuten im Rohbau über sein Konzept und seine Gedanken zum Bauen an einer derart sensiblen und hervorgehobenen Stelle. Und siehe da: Selbst wenn man ihn nicht vorgestellt hätte, wäre die Beschreibung aufgegangen: Wie ein Zimmermann sieht er beinahe aus (nur fast, weil das Sakko aus Samt ist und der obligate Hammer durch einen Kugelschreiber ersetzt ist), und sein Skizzenbuch hat er natürlich nicht nur dabei, sondern gleich mehrfach erwähnt!

Seit 30 Jahren begleiten ihn die kleinen dicken Kladden. Tesar, der vor 59 Jahren in Innsbruck geboren wurde und schon so lange in Wien lebt, dass man ihn getrost als „Wiener Architekt“ bezeichnen darf, nutzt sie für sich als Erinnerungsstützen und als eine Art Mini-Flipchart, um Anderen seine Gedanken zu verdeutlichen. „Ideenskizzen leben, Worte sind nichts!“ meint er, bevor wir uns der Vorspeise des Abends widmen: Torte von der gepökelten Ente und Stopfleber mit Pumpernickel. Fast ist es wie eine Andachtssekunde, die er dem Bild des Gerichts widmet. „Man isst ja mit den Augen, und das nicht nur als Architekt!“ meint er, sich mitsamt seinen Gesprächspartnern Uwe Frommhold (Geschäftsführender Direktor des Kempinski Hotel Taschenbergpalais Dresden) und Klaus-Peter Junge (Vice President bei TrizecHahn Europe, Vermarkter vom Haus am Zwinger) dann aber doch den Gaumengenüssen hingebend…

Wie er sich als Architekt auf so einen Auftrag einlässt? wollten wir wissen. Eine kleine Frage nur, aber an ihr entlanghangelnd könnte man ein ganzes Semester Antworten geben! Denn Vermarktung ist eins, aber Architektur das andere. Nun ist Tesar alt und weise genug, nicht gegen die Interessen seines Auftraggebers zu arbeiten, aber ein wenig Reibung darf schon sein, damit‘s ein schönes Haus wird. Architektur, sagt Tesar, hat mit Kunst und Verantwortung zu tun. Da muss man schon oft umplanen, wenn‘s dadurch besser wird. „Die Grundidee ist da, und dann wird sie entwickelt!“ In Dresden gab es gleich mehrere, die (wenn man das zwischen Zicklein und Spinat beim Hauptgang einmal so salopp formulieren darf) da kongenial mitspielten. Da sind natürlich die, die zahlen: „Die Bauherrenschaft“, sagt Tesar, „hat mitgemacht!“ Aber nicht nur die: „Ich war oft sehr froh, dass es das Denkmalschutzamt gibt!“ Weil es um das Ensemble Zwinger / Taschenbergpalais / Haus am Zwinger geht, war Dresdens Denkmalschützer Prof. Dr. Gerhard Glaser eingeschaltet. Glaser, selbst Architekt, sei ein Glücksfall für Dresden, weil „er eine Empfindung für Qualität im Bau hat“. Und um nichts anderes als um Qualität geht es auch Heinz Tesar.

Wie er sich der Aufgabe genähert hat, wollten wir wissen – und erfahren, dass Tesar keineswegs das erste Mal in Dresden war, als er gebeten wurde, an dem internationalen Wettbewerb teilzunehmen, den er dann mit seinem Entwurf gewinnen sollte: Direkt nach der Wende hatte er eine Gastprofessur an der TU in Dresden. Als dann der Wettbewerb ausgeschrieben war, kam er wieder, denn „der Ort flüstert: Hör zu, dann findest Du Ideen!“ Natürlich kam Tesar mit seinem Skizzenblock. So wanderte er sehend und zeichnend durch die Straßen der Stadt, machte sich Gedanken und suchte sich der Präsenz des Ortes zu nähern. Heraus kam die Idee, die preisgekrönt wurde und jetzt umgesetzt wird: „Das langgestreckte Haus bewirkt eine Wiederherstellung alter Zustände: Die Kleine Brüdergasse wird wieder entstehen, man wird durch das Gebäude hindurchgehen können und in einem Stadtwäldchen landen!“

Für das Haus hat Tesar sich viele kleine Schmankerl ausgedacht: „Aus dem zurückgesetzten gläsernen Haus auf dem Dach hat man wundervolle Ausblicke auf Zwinger, Schloss und Taschenberg!“ Die Architektur des Hauses nimmt den Grundriss der 1962 auf Beschluss der Partei- und Staatsführung der DDR abgerissenen Sophienkirche auf. Schwungvoll gibt sich das Haus im Kopfbereich gegenüber dem Zwinger, und Pilaster im Rumpfbereich bringen Rhythmus ins Haus. Aber wo ist der in Dresden so beliebte Elbsandstein? „Der kommt ganz bewusst nicht vor: Das ist ein Büro- und Geschäftshaus, das in der Putztradition steht!“ Putz aber nicht in der einfachen Form, sondern in einer zumindest in diesen Regionen einmaligen Ausprägung als „Löffelputz“. Mit dieser Technik will Tesar „a bisserl a Leben reinkriegen in die Oberfläche“: Mit einem Löffel wird der Putz wieder aus der glatten Oberfläche herausgeschabt. „Lange dachte ich ja, dass das meine Erfindung ist – aber ich habe es nur gefunden, denn vor mir hat‘s schon jemand anders gemacht!“ Schön sei’s trotzdem, und einzig eben auch, weil das nicht jeder macht.

Und so schwärmt er immer weiter. Bis zur Frage, ob er denn auch einziehen wolle in das Haus am Zwinger? Da lacht er und sagt „Nein! “ Nicht weil es ihm nicht gefällt, aber nie würde er in ein Haus ziehen, das er selbst gebaut hat…

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