Morbider Charme in Deutschlands östlichster Stadt

Görlitz

Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands – und eine Stadt, die wie kaum eine andere im Wandel ist. Aus mausgrauen herunter gekommenen Häusern werden wieder ansehnliche Schmuckstücke – allerdings oft für den hohen Preis, dass sich kein Mensch das leisten kann oder will. Deshalb gibt es eine Menge Leerstand in Görlitz.
Die Stadt hatte, wie viele andere, schon einmal sehr viel bessere Zeiten gesehen. Die allerbesten sind schon sehr lange her, und weil sie so lange her sind, sieht man sie auch mit dem üblichen Quentchen Verklärung. Am nettesten ist diese zu ertragen, wenn tout Görlitz Theater spielt: Dann ist der Untermarkt eine Freilichtbühne mit wahrlich großer Kulisse, was schon sehr schön ist. Noch schöner allerdings ist es, wenn die Statisten und Schauspieler(innen) der Massenszenen den Markt verlassen und durch die Stadt bummeln. Mein Lieblingsbild ist das einer Nonne, die – Cola in der einen, Zigarette in der anderen Hand – sich angeregt mit einer anderen auf einer Bank außerhalb des Marktes unterhält.

BouillabaisseRechts an der Nonne vorbei ging es dann, eine Zufallsentdeckung, in die Höfe von Görlitz. Das ist ein Areal mit einigen Shops und – gegen 22 Uhr sehr willkommen – einer kleinen kulinarischen Entdeckung: Lucie Schulte. Benannt nach einer um 1890 im (wie Görlitz schlesischen) Breslau lebenden Gastronomin, überrascht Lucie den Gast unter historischem Tonnengewölbe (oder bei gutem Wetter unter freiem Himmel) mit angenehm leichter, auf frischen – oft regionalen – Produkten beruhenden Karte. Nicht nur, dass hier alles lecker war, wir eine treffliche Fischsuppe löffelten und die Weine extrem freundlich kalkuliert sind (sechs Euro überm Ladenpreis des Weinhandels nebenan) – nein: Die Lucie hat auch noch einen netten und gut schreibenden Chef. Axel Krüger, ein überzeugter Neu-Görlitzer seit vielen Jahren, schreibt sich die Finger wund und veröffentlicht in der Speisekarte wie im Internet und anderswo. Wir hatten ihn, neugierig geworden, an den Tisch gebeten. Es war ein lustiges, tiefschürfendes, langes Gespräch, das mit einem Glas “Fly me to the Moon” endete – einem mittlerweile leider ausgetrunkenen Riesling QbA 2003 von “Das Weinwerk”.

ArbeiterkleidungBeim Bummel am nächsten Tag machte die Kamera dann mindestens so viele Bilder von alten unrestaurierten Häusern wie von neuen – weil die einen morbiden Charme sonder gleichen ausstrahlen. Da ist das Haus, in dem Napoleon am 23. Mai 1813 schlief, da ist der Balkon mit Birkenwäldchen, da ist G. Schubert, der mit Arbeiterbekleidung und Heeresmaterialien sein Geld verdiente, da ist die Feinkosthandlung und das Haus mit der Klingel zum Obstpächter. Schade eigentlich, wenn all diese Details verschwinden…

…hinter glatten, farbigmörteligen Fassaden. Natürlich ist das Leben dahinter komfortabel, natürlich bewahrt das die Häuser vor dem Verfall – und wir haben im 1528 erbauten und 1997/98 restaurierten Hotel Tuchmacher sicher besser geschlafen als in einem unrenovierten Haus, selbst wenn Napoleon sich da vor mehr als hundert Jahren wohl gefühlt haben mag (was wir ja nicht mal wissen – so etwas steht ja nicht an den Tafeln). Das Tuchmacher mit Blick auf die Peterskirche atmet Geschichte, ist aber trotz bemaltem Balkenwerk im Erdgeschoss und in Görlitz einzigartigem Schlingrippengewölbe ein durch und durch modernes Haus – mit Internetanschluss und sehr sehr freundlichen Mitarbeiter(inne)n.

Karstadt GörlitzNatürlich gibt es nicht nur das Tuchmacher, der Altstadtkern von Görlitz rund um Ober- und Untermarkt ist vollgepumpt mit frischgemachten Häusern. Renaissance, Gothik und andere Baustile lassen sich trefflich studieren – eine Stadtführung gerät je nach Guide lehrreich oder langatmig (was natürlich nicht nur für Görlitz gilt…). Aber man lernt auch ohne organisierte Führung. Dass das Kaufhaus aus dem Jahr 1913 ein Prachtstück des Jugendstils ist und als “Karstadt” wegen seiner geringen Größe sein Ende auf sich zukommen sieht – das ist für den Görlitzbesucher Allgemeingut. Aber dass das “Kaufhaus zum Strauß” schon 1929 von der Karstadt AG übernommen wurde und bis 1946 dem Konzern angehörte, war eine neue Information. 1991 bekam Karstadt das Haus zurück und bot – ich zitiere die Internetseite vom August 2005 – Tolles: “Das architektonisch einzigartige Gebäude läßt Ihren Einkaufsbummel auf einer Verkaufsfläche von 4.850 qm zum Erlebnis werden. Wählen Sie aus unserem bedarfsgerechten und übersichtlich präsentierten Sortiment.” Auch wenn zahlreiche Käufer(innen) vor allem auch aus dem polnischen Zgorcelec rechts der Neiße kamen, heißt es seit dem 3. August: Aus die Maus. Karstadt-Quelle hat sich von 74 kleineren Warenhäusern getrennt, darunter dem Jugendstil-Gebäude in Görlitz. Neuer Owner ist der britische Investor Dawney, Day Co., Ltd, der schon mal angekündigt hat, dass die neuen Häuser fünf bis zehn Jahre Bestand haben sollen. Mal sehen, wie das knuffigste aller Kaufhäuser, das heute noch mit schönen Treppen und ohne Rolltreppen auskommt, sein Hundertjähriges erleben wird! Und, Herr Karstadt, das muss auch noch gesagt werden: Schade, dass man sich 1991 wie verrückt freut und sich nun leidenschaftslos trennt…

GörlitzZgorcelec wurde ja eben beiläufig erwähnt. Das ist der polnische Teil von Görlitz – mehr Wohnstadt als Kulturmittelpunkt, obendrein in weiten Teilen im Baustil sozialistisch geprägt. Dennoch, und das verdient zumindest Respekt in diesen Zeiten, versuchen beide Hälften der bis zum Kriegsende einen Stadt gemeinsam was zu bewegen. Das größte Ding ist zweifelsohne das Bemühen um die Europäische Kulturhauptstadt 2010. Da tut sich eine Menge, nicht nur im offiziellen Rahmen mit Städtepartnerschaft rechts und links der Neiße, mit dem Titel “Europastadt” oder der Erneuerung des mittelalterlichen Sechs-Städte-Bündnisses von 1346 mit grenzüberschreitender Kooperation zwischen Görlitz, dem heute polnischen Lauban (Luban), Bautzen, Zittau, Löbau und Kamenz, deren Wappen bis heute das Görlitzer Rathaus zieren.

Die Altstadtbrücke ist am 20. Oktober 2004 wieder eröffnet worden, nachdem die 1298 erstmals erwähnte Brücke nach bewegtem Brückenleben von der Wehrmacht am 7. Mai 1945 zerstört war. Heute verbindet sie West und Ost, auf beiden Seiten ist eine Kneipe – die in Polen ist günstiger, sagte der Grenzer uns um Mitternacht. Ansonsten trifft man in Görlitzer Kneipen Polen wie in Zgorcelecer Kneipen Deutsche. Die Kontrollen sind nicht sehr doll, zwei deutsche und ein polnischer Kollege waren um die Zeit vor Ort und ließen sich die Ausweise zeigen. Ein leicht angetüddelter Pole auf dem Weg nach Hause wollte unbedingt uns seinen Ausweis zeigen und war erst zufrieden, als wir ihn mit “OK” und freundlichem Nicken weiter schickten…

Ulrich van Stipriaan

STIPvisiten · 08/2005 – zuerst bei Aufgelesen

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