Nach Pillnitz (nun wirklich) und zurück!

Spaziergänge im Welterbe (7)

Seemannsgarn

Gleich hinter der Saloppe muss man immer nur nach rechts gucken, wenn man alles verpassen will. Da sieht man weite Elbwiesen, sonntags irre viel Menschen (laufende und radelnde, mit und ohne Hund, mit und ohne Familie) – und das war’s. Links hingegen, das erwähnt auch Matz Griebel in seiner charmanten Art während der Elbfahrt, löst ein Höhepunkt den nächsten ab: Die Elbschlösser! Dinglingers Weinberg! Der Weiße Hirsch und Loschwitz mit Schwebe- und Standseilbahn! Also: Stromauf fahren = links sitzen = viele Fotomotive. Die Elbschlösser haben wir ja schon zu Fuß erkundet – und die noch schöneren Bilder mit Distanz ergeben sich bei einem weiteren Spaziergang am (in Fluss-Richtung) linken Ufer. Aber wenn das nicht klappt, sieht man Albrechtsberg (mit dem Weingut vom Winzer Müller kurz vorher), das Lingnerschloss und Eckberg auch vom Dampfer aus ganz gut. Wer übrigens rechts sitzt und denkt: da bin ich ja auf dem Rückweg auf der richtigen, auf der rechten Seite – der hat zwei Dinge vergessen: Erstens ist es auf dem Rückweg schon dunkel – und zweitens sind die Dampfer stromab echt speedy und machen es einem nicht leicht, sich alles genüsslich anzusehen.

Aber wir sitzen ja auf der richtigen Seite und können ergo genießen! Die vielen Weinreben, die man sieht, sind übrigens teils eine recht junge Wiederaufrebung. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Elbhänge bei Dresden mit Wein bewachsen. Dann kam die Reblaus und naschte sich – zum Ärger der Winzer und zur Freude der Grundstück-Spekulanten – durch die Weinberge. Das Aus für die Weinwirtschaft bedeutete Aufschwung im Villenbau, in bevorzugter und von der Sonne verwöhnter Lage.

Nun wird also, wo es noch geht, wieder aufgerebt, was dem Hang gut bekommt. Pessimisten sehen im Bau der Waldschlösschenbrücke übrigens den Anfang vom Ende sensiblen Bauens und fürchten, dass dann auch das letzte Grün vom Elbhang verschwindet und man die Grundstücke zur Bebauung, schlimmer noch: zur rentablen mehrstöckigen Bebauung freigibt. Mit fehlendem Welterbetitel geht das natürlich einfacher.

Dinglingers WeinbergDinglinger’s Weinberg heißt so, weil ab 1692 der Goldschmied Johann Melchior Dinglinger sich hier ein Landhaus als Sommerwohnsitz errichten ließ. Dinglinger und seine beiden Brüder Georg Friedrich und Georg Christoph betrieben für August den Starken von 1692 bis 1731 eine der bedeutendsten Goldschmiede-Werkstätten Europas. Sie schufen dabei so wertvolle Schätze wie das „Goldene Kaffeezeug“, das „Bad der Diana“ und den „Hofstaat zu Dehli am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“ – im Grünen Gewölbe kann man sich diese Kostbarkeiten ansehen.Die Hangbebauung wird dichter, das ist der Stadtteil „Weißer Hirsch„. Um 1900 herum hatte der Hirsch einen weltweit guten Ruf wegen der Sanatorien dort oben, die Bebauung ist entsprechend großzügig. Ein Haus am Hang fällt besonders auf: Die Sternwarte, die zum Forschungsinstitut Manfred von Ardenne gehört. Hier forschte Manfred Baron von Ardenne, ein Multitalent mit „rund 600 Erfindungen und Patente in der Funk- und Fernsehtechnik, Elektronenmikroskopie, Nuklear-. Plasma- und Medizintechnik“ (Wikipedia).

Blaues WunderVoraus das Blaue Wunder! Ein wenig erinnert es an den Eiffelturm, aber der ist ja nicht blau und steht zudem aufrecht. Doch die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Das Blaue Wunder stammt aus der gleichen Zeit. Am 15. Juli 1893 wurde die Brücke eingeweiht. Doch so ganz traute man damals dem Brückenschlag zwischen Loschwitz und Blasewitz ohne Pfeiler in der Elbe nicht, das Foto der Belastungsprobe mit Fuhrwerken und mutigen Anwohnern zeigte durchaus zweifelnde Gesichter. Die Spannweite des Bauwerkes beträgt 280 Meter, zwischen den Trägertürmen 146 Meter. Die Brücke hielt der Belastung stand – schnell hatte der Volksmund die damals offiziell nach dem regierenden König Albert benannte Brücke umgetauft: Blaues Wunder! Bis 1923 kostete eine Überquerung übrigens noch Brückenzoll: Fußgänger, Radfahrer, Straßenbahn-Fahrgäste sowie Hühner und Gänse zahlten je drei Pfennig.Direkt vor und auch hinter dem Blauen Wunder lohnt sich auch ein Blick nach rechts: Da liegt Blasewitz, das Schiller im Wallenstein beiläufig erwähnte („Was? Der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz!“). In Blasewitz gibt es drei gastronomisch besuchenswerte Einrichtungen: Die Villa Marie – die sieht nicht nur sehr italienisch aus, sondern ist auch so. Nicht preiswert, aber sehr gutes Vitello Tonnato und eine schöne Lammkeule – und immer wichtiges Sehpublikum. Hier treffen sich gerne Professoren mit ihren Studentinnen, man sieht Künstler und Anwälte und freut sich, dass es hier fast so ist wie in der Toskana. Nur dass die keine Elbe und keinen Blick aufs Blaue Wunder haben dort! Direkt neben der Villa Marie ist das Café Toscana. Wer (noch) einmal vornehme alte Damen beim Kaffeekränzchen sehen will, hat hier große Chancen! Der dritte Ort im Bunde ist der Schillergarten – auf der anderen Straßenseite, gleiche Elbseite – man kann unter der Brücke durch. Ein toller Biergarten an einem Ort, wo es seit siebzehnhundertdunnekirchen schon ein Gasthaus gab. Das Publikum dort ist kunterbunt – bei unserer Dampferfahrt verließ Georg Milbradt, da schon nicht mehr Ministerpräsident des Landes Sachsen, den Dampfer, um mit ein paar übrig gebliebenen Parteifreunden einen trinken zu gehen.

Loschwitzer ElbhangWir blieben an Bord, sahen nach links und erfreuten uns am Loschwitzer Elbhang mit der Schwebebahn. Aus dem Fenster eines eher unscheinbaren Hauses am Hang winkte die Oma einer Mitreisenden dem Schiffe zu – Dresden ist eben ein Dorf, in dem man sich kennt.Bei der Weiterfahrt bleibt es erst einmal links interessant – mit dem Elbdorf Wachwitz und dem Fernsehturm. Das ist aber ein Ziel eines eigenen Welterbe-Spaziergangs, deswegen dazu später mehr. Der Elbhang ist nun wieder mehr bewaldet als behaust, was ihm sehr gut steht. Am anderen Elbufer passieren wir Laubegast und die Schiffswerft, gucken aber schon wieder nach links, weil hier eine Kirche Farbe bekennt. Maria am Wasser lässt eine Welterbe-Fahne aus dem Fenster hängen und bekommt dafür an dieser Stelle Applaus! Klapp klapp klapp…

Pillnitz mit ElbsandsteingebirgeVoraus erkennt man im Abenddunst das Elbsandsteingebirge. Bis dahin kommen wir heute nicht mehr, unser Ziel ist aber auch schon sichtbar: Schloss Pillnitz. So haben sich die Menschen China vorgestellt, als noch kaum jemand da gewesen war: Phantasievolle Exotik! Für August den Starken bildete Schloss Pillnitz den “indianischen Auftakt” einer auf 24 Lustschlösser angelegten Konzeption königlicher Zerstreuung, für die da schon nicht mehr Geliebte Gräfin Cosel war der zwangsverordnete Umzug vom Taschenbergpalais nach Pillnitz der Anfang vom langen Ende auf Burg Stolpen.

Schloss PillnitzMatthäus Daniel Pöppelmann lieferte die Entwürfe, die ihre Vorbilder sowohl in der Toranlage zum Palast des Kaisers von China als auch im Palastbau von Venedig haben sollen. An August erinnert heute noch die Gondel, die ihm der Annäherung an Pillnitz über die Elbe diente, an die Cosel nichts mehr. Das Schloss ist einen Besuch wert – aber der Dampfer der Abendtour hält nur zum Aus- und Einsteigen, also bleiben wir drauf und besuchen das Schloss ein anderes Mal.

Sonnenuntergang über der ElbeVor Pillnitz liegt eine Elbinsel im Strom – für Menschen freundlicherweise gesperrt. Die Schiffe nutzen den Arm am Schloss entlang, dampfen noch ein wenig stromauf – und drehen dann. Zurück geht’s dannn mit reichlich Geschwindigkeit – wenn man Glück hat, dampft es einen in einen wunderbaren Sonnenuntergang hinein.Bei der Ankunft in Dresden hat die Blaue Stunde, die ja leider immer nur 15 bis 30 Minuten dauert, gerade eingesetzt – ein Spaziergang über den Theaterplatz und durch den Zwinger ist jetzt eigentlich ein Muss!

Zwinger Zwinger mit Taschenbergpalais

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