Wo kann man hier schön essen?

hierschönessen

Selten war der Name eines Restaurants so sehr Programm wie beim hierschönessen in der Dresdner Neustadt, auch wenn da Deutschlehrer rein schreibmäßig sicher Bedenken hegen. Wir teilten, nach befremdlichen Erlebnissen zur Vorweihnachtszeit, diese Bedenken auf inhaltlicher Ebene – aber wollten nun doch mal wieder hin. Das Ergebnis bietet Anlass, erneut einen kleinen Einblick in das Schaffen (und Leiden, manchmal) des Restaurantkritikers zu geben.

Wäre ich nämlich alleine hingegangen, wäre ich jetzt des Lobes voll, und zwar uneingeschränkt. Aber wir waren ja zu dritt, weswegen es dann auch die beliebte teilnehmende Beobachtung gab, die den Jubel dann doch etwas relativierte – allerdings ohne uns den Abend zu vermiesen, weswegen wir wahrscheinlich noch ein drittes Mal hingehen werden.

Dreimal ist Friesenrecht, heißt es ja – und als alter Ostfriese kenn ich den Spruch nur allzu gut. Aber auch in New York kennen sie ihn: Dort leistet sich die New York Times schon seit Jahren professionelle Restaurantkritik, und sie lässt es sich was kosten: Pete Wells, Chef-Restaurantkritiker der Zeitung, schreibt: „I can justify the multiple visits easily. It often takes three meals before I’ve tasted enough of the menu to know where the strengths and weaknesses are. It may take more than three.“ (In etwa: Ich kann mehrfache Besuche gut begründen. Man braucht häufig drei Besuche, um genug von der Karte probiert zu haben, um Stärken und Schwächen des Restaurants zu erkennen. Manchmal auch mehr als drei…) Natürlich kostet das, aber umsonst ist ja nüschte, wie wir wissen. Nochmal Pete Wells: „Reviewing restaurants is very expensive if you do it the way The Times has been doing it since the 1960s.“

Wir versuchten also die drei Besuche in einem abzuhandeln, dafür mit drei Leuten. Und es fing gut an: Wir hatten übers Internet reserviert und erhielten einen nette Bestätigungsmail. Wir bekamen den gewünschten Platz draußen im Sommergarten und wurden so richtig nett bedient: Freundlich, ein wenig kess, wissend, geduldig – alles super. In der Küche werkelte an diesem Abend Robert Knoll, der seit etwa einem Jahr das Team um Stephan Lampe verstärkt und den wir als stillen Mann im Hintergrund schon seit langer Zeit kennen und schätzen (er arbeitete als Sous Chef bei Stephan Hermann sowohl im Caroussel als auch im bean&beluga).

Zurück zum Tisch draußen im Sommergarten. Wir brauchten einige Zeit, bis wir uns ausgekäst hatten – das Treffen mit dem lange nicht gesehenen Freund führte zu unaufmerksamem Speisekartenstudium und heftigem Schwatzen. Aber der Service nahm’s gelassen hin und behauptete, alle Zeit der Welt zu haben (was wir aber nicht ausgereizt haben, obwohl das ja auch mal spannend wäre!). Als wir uns endlich entschlossen hatten, ging es aber zügig los.

Unsere drei Vorspeisen waren primstens – frische, knackige Salate, wunderbar schaumig aufgeschlagene Suppe, alles geschmacksintensiv und auch bei Kleinigkeiten angenehm: Das Kaninchen im Frühlingssalat (nicht selbst probiert, aber vom Gegenüber als „toll“ auf den Punkt gebracht) zum Beispiel laut Karte aus artgerechter Haltung in der Oberlausitz/Rennersdorf – und wo wir schon mal dabei sind: alles was mit Ziege zu tun hat (Fleisch, Käse), stammt vom Ziegenhof Lauterbach der Familie Seim: hierachtetmanaufregionaleundgutezutaten wäre dann ja auch mal ein Restaurantname, der uns gefallen würde.

Spargel mit Sauce Hollandaise und Wiener Schnitzel gefiel mir ausgesprochen gut – wobei ich die Idee, das Schnitzel über den Spargel zu legen, nicht gut finde, weil der dort doch arg nachgart und schlapp macht. Aber wohin mit dem Schnitzel? Keine Ahnung, nicht mein Problem. In der reichlichen (und guten) Sauce Hollandaise hätte es sich sicher auch nicht wohl gefühlt… Das alles ist aber aus der Schublade „Jammern auf hohem Niveau“, denn mir hat’s geschmeckt – siehe Einleitung. Und hätten die beiden Begleiter nicht ein Rumpsteak gehabt, das innen eher grau als rosarot und sehr fest im Biss war, wenn dieses Steak nicht von einer staubtrockenen Kartoffel begleitet worden wäre – dann hätten wir wohl einmütig gesagt: Jau, hier kann man schön essen.

Bei Creme brûlée als Abschluss des Menüs und vor allem Erdbeercrumble zum Dessert sangen wir dann das hohe Lied des Genusses und sinnierten ernsthaft, ob man das zum Hauptgang machen könnte. Statt Steak…

hierschönessen
Görlitzer Str. 20
01099 Dresden

0351/25652898
www.hierschoenessen.de

Geöffnet
Di – Sa 17:30 bis 24 Uhr, So 17:30 bis 22 Uhr

[Besucht am 15. Mai 2013 | Lage | Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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