Die Kunst des Querdenkens

Ausstellungseröffnung Anton Paul Kammerer am 03. Juni 2013 in der ZeitKunstGalerie, Halle

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Burgstädtel. Ein Ort bei Dohna, beides unweit von Dresden zu finden. Ein Ort wie viele andere, aber doch anders, denn hier wohnt Anton Paul Kammerer und macht Kunst. Wohnen und arbeiten vermengen sich im lichtdurchfluteten Atelier – wobei: lichtdurchflutet sagt man so einfach, weil das irgendwie zu Atelier gehört. Wenn aber das Wetter so trist ist wie in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten, nützen auch die größten Fenster nichts.

Aus diesem wichtigen Ort kommt also heute nun Anton Paul Kammerer nach Halle, um sich Ihnen gemeinsam mit einer klitzekleinen Auswahl seiner Werke zu zeigen. Etwas pathetisch könnte ich jetzt sagen: Er kommt nach Hause. Denn Anton Paul Kammerer, der 1954 als Krebs in Weißenfels geboren wurde, hat 1971 bis 1973 in Merseburg und Halle das Plakatmalen gelernt. Das ist ein sehr praktischer Beruf, war es vor allem damals, als die Dinge noch mit Geist und Verstand sowie mit der Hand gemacht wurden. Heute glaubt ja die halbe Menschheit, dass ein teurer Computer allein hülfe, etwas zustande zu bringen. Pustekuchen! Es braucht immer noch zuerst den Kopf und viel, viel Können – Sie wissen ja: Kunst kommt von Können, nicht von Wollen – sonst hieße es ja Wunst.

Können freilich kommt nicht von allein, das wissen alle Schlauen. Also ging Kammerer 1975 nach Dresden, um dort an der Hochschule für Bildende Künste zu studieren. Malerei und Graphik waren seine Fächer, Jutta Damme eine seiner Lehrerinnen.

1980 bestand Kammerer sein Diplom, und seitdem ist er Künstler. Das ist kein leichter Beruf, denn einerseits muss man dauernd kreativ sein und sich selbst neu erfinden – das ist, sage ich mal als außenstehender Beobachter, kein Problem bei Kammerer, der manchmal mehr Ideen hat als Galerien Rahmen, um das so Entstandene unterzubringen. Schwieriger ist es da schon, genügend Menschen mit freien Wänden im trauten Heim zu finden, die obendrein auch noch willens und in der Lage sind, durch den Kauf eines Bildes das Herumkrebsen des Künstlers zu vermeiden. „Glücksmomente und Durststrecken stehen im Verhältnis 1 zu 7“, hat Kammerer einmal geschrieben. Aber in der ihm eigenen feinen Ironie ergänzt er: „Wie bei allen anderen Wesen, und so bin ich nie auf die Idee gekommen, etwas Besonderes zu sein, obwohl ich es ja eigentlich bin!“

Ob er etwas Besonderes ist oder nicht, müssen Sie, meine Damen und Herren, selber entscheiden. Die Gelegenheit dazu haben Sie hier, wenn Sie sich die Ausstellung ansehen. Was Sie hier sehen, ist ein Teil der ursprünglich 55 Werke, die Kammerer vor gut einem Jahr innerhalb eines Projekts für das Forschungszentrum in Rossendorf bei Dresden erschaffen hat. „Paraphrasen“ hieß die Ausstellung, und dass es 55 Werke sind, hat zwei Gründe. Der eine klang vorhin schon einmal an: So viele Rahmen haben sie in Rossendorf, wo neben exzellenter Forschung auch Platz für exquisite Kunst ist. Der zweite Grund ist, dass Kammerer ein Verrückter ist, ein Besessener. „Wenn die 55 Rahmen haben, mache ich denen auch 55 passende Bilder!“ sagte er mir damals – und zwar alle neu und frisch. Und dann hat er sich hingesetzt und in neun Monaten 55 wunderbare Collagen erschaffen. Alle fünf Tage ein neues Bild, und dann auch noch unter einem Generalthema! So verrückt muss einer erst mal sein!

Wobei ich vielleicht erwähnen sollte, dass verrückt im Zusammenhang mit Kreativen wie Anton Paul Kammerer das allergrößte Lob bedeutet. Denn nur solche im positiven Sinn Verrückte haben die Welt geändert oder voran gebracht. Nur sie beherrschen die Kunst des Querdenkens, sie sind visionär und verfügen über eine ganz alte Tugend: Sie müssen fleißig sein. Wozu im konkreten Fall auch gehört, Passepartouts händisch zuzuschneiden und die Bilder zu rahmen.

In den Rahmen finden Sie die unterschiedlichsten Versuche, die Welt zu beschreiben, Bekanntes mit anderen Worten oder eben Bildern zu beschreiben. Da setzt Anton Paul Kammerer Hirnströme frei bei den Betrachtern! Er hilft, die Dinge mit anderen Augen zu sehen, Bekanntes aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei nutzt er lieber seinen hintergründigen Humor als den erhobenen Zeigefinger, was in Zeiten derber bis hirnloser Comedians höchst erfreulich ist: Es gibt sie noch, die feinsinnigen Denker!

Was ich damit meine, können Sie bei einem kleinen Rundgang und der Betrachtung der Bilder selbst herausfinden – ich will nur auf die eine oder andere Kleinigkeit eingehen, die sich nicht zwingend von alleine erschließt.

Da sehen Sie „Strangers in the Night“. Kennen Sie vielleicht, Frank Sinatra hat’s gesungen, und dem ist es auch gewidmet.

Das Bild hat eine Geschichte, und die beginnt bei Kurt Vonnegut, einem sehr nachdenklichen Schreiber ein feinsinnigen Satiriker. Letzteres zumindest verbindet ihn mit Anton Paul Kammerer. Das Zitat, das Sie jetzt hören werden, kommt aus dieser Richtung. Vonnegut paraphrasiert drei Leute – und das funktioniert nur unübersetzt, also auf englisch.

Die erste Paraphrase stammt von Sokrates (469 – 399 v.Chr.):
To be is to do!

Das zweite Motto wird Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) zugeschrieben:
To do is to be!

Und das dritte müsste ich eigentlich singen, damit Sie es sofort erkennen:
Do be do be do…
Richtig, Frank Sinatra, 1966.

Nun ahnen – nein: wissen! – auch, warum das Bild Frank Sinatra gewidmet ist. Sie sehen dort, allerdings eingedeutscht und daher für einen Amerikaner nur schwer singbar, große weiße Lettern, so wie auf diesen Kisten von Frachtschiffen früher:
DU
BI
DU
BI
DU
steht da, und dann sieht man noch die Portraits zweier Menschen. Den einen erkennen wir, Bildungsbürgerinnen und -bürger, die wir sind, sofort: Das ist doch der Shakespeare! Genau. Die Dame daneben, die sich in koketter Unschuld anbändelnd abwendet, habe ich nicht erkannt. Auf Nachfrage verriet mir Anton Paul Kammerer: “Das ist die Frau Bergmann, die keiner kennt!” Da bin ich aber froh, nicht alleine dumm zu sein!

Ach ja, vielleicht sollte ich noch ergänzen, dass am rechten Bildrand “Jokes” steht.

Einen Scherz will er sich also machen – aber nicht mit uns oder gar auf unsere Kosten. Denn Anton Paul Kammerer ist jemand, der selbst immer mit dem Schalk im Nacken herumläuft. Manchmal sieht man ihn (den Schalk) sofort, manchmal muss man danach suchen. Vergnüglich ist beides.

Finden Sie beim anschließenden Rundgang das Bild mit dem Titel “Das Leben” und denken Sie bitte darüber nach, warum es gerade mit einem Dollar (einem echten, aus Zeiten wo der Begriff noch Klang hatte) und einer Dame komponiert ist. Oder betrachten Sie das Nadelmappenheft auf dem Blatt “Reisefreiheit für das Nähen” – eine sehr subtile Auseinandersetzung, wie man sich zu Zeiten des irreal existierenden Sozialismus für 25 Pfennig (Ost) ein Köfferchen mit Bildchen von so netten Destinationen wie London, Paris oder New York käuflich erwerben konnte. Oberflächliche Verheißungen, die sowieso nicht eingelöst werden konnten! Aber immerhin gibt es Nadeln im Nadelmappenheft, mit denen man ja bekanntlich Luftballons oder Seifenblasen schnell zum Platzen bringen kann.

Auch so ein Joke, und zwar laut Signatur sogar die Nummer eins…

Nochmal zurück nach Burgstädtel.

Seit dem Jahr 2000 hat Anton Paul Kammerer sein Atelier in Burgstädtel, oberhalb von Dresden. Da gibt es mit Sicherheit mehr Licht und frische Luft als in der Neustadt, wo er vorher wohnte. Und es ist viel Landschaft drumherum, die sich immer wieder in seinen Werken widerspiegelt. “Spaziergang 1-4” zeigt die klitzekleinen Spaziergänger in der großen Welt, und mit dem großen Wilhelm Bendow ist man geneigt zu fragen: Ja wo laufen sie denn?

Es gibt ein schönes Landschaftsbild mit einer Mücke (die natürlich gerade sticht).

Die Collage “Morgen oder Abend”, die hier natürlich auch hängt. Da können Sie lange hinsehen und müssen dann doch interpretieren: Kunst setzt Gedanken frei, und Gedankenfreiheit ist nicht erst seit Schillers Don Karlos ein hohes Gut! Übrigens: Es muss der Morgen sein, denn der Mond ist noch im Finstern und die Sonne taucht auf. Wenn Sie mich fragen…

Sie finden “Spuren im Schnee”, erkennen die Katze und ich wette, Ihnen fällt der Kinderreim ein: ABC, die Katze läuft im Schnee!

Und wo wir gerade bei Schnee sind: Ausgerechnet bei dieser Chance, wo man doch alles so schön Ton in Ton hätte weiß halten könnte, bekennt Kammerer Farbe. So macht der Winter Spaß!

Wenn Kammerer die Farbigkeit nutzt, dann auch richtig, so wie bei “Weltall, Erde, Mensch” oder der farblich abgestimmten Vierergruppe Länge – Breite – Höhe – Tiefe. Moment mal: Sind das nun vier Dimensionen? Die Antwort überlass ich Ihnen, ebenso wie bei der Gleichung a3 + b3 = c3, die den bekannten Satz des Pythagoras einfach mal ins Kubische erhebt. Geht das?

Die Antwort mögen Sie beim Betrachten des Bildes, in Gesprächen oder, wenn Sie das alles nicht weiter gebracht hat, bei einer Literaturrecherche nach Pierre de Fermat finden! Und damit: Vielen Dank und viel Vergnügen bei der Auseinandersetzung mit einigen der hier gezeigten 55 Paraphrasen!

Anton Paul Kammerer, Paraphrasen. Malerei, Grafik.
Eröffnung am 03. Juni 2013 in der ZeitKunstGalerie, Halle

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