Nele und der Deppenapostroph

Nele erklärts und findet sicher alles ganz cool…

Nele

Das ist die Nele. Ich kenne sie nicht, aber sie verkürzt mir manchmal die Wartezeit am Wartehäuschen, wenn der Bus der Dresdner Verkehrsbetriebe mal wieder zu früh kommt und ich trotz preußischer Pünktlichkeit daher zu spät. Wenn der nächste Bus dann ein wenig zu spät kommt, sagen wir mal so acht Minuten, habe ich also geschlagene zwanzig Minuten Zeit, mir die nähere Umgebung anzusehen. Und da sind die hübschen bunten Bilder der City-Light-Poster (CLP) ja immer geduldige Opfer. Die Abgebildeten können sich ja nicht mal das Anstarren verbieten, denn sie haben ja bei der CLP-Vertragsunterzeichnung Paragraph 84 Absatz 12 mit unterschrieben: „Zu Zwecken satyrischer Betrachtung darf sich der Stip das Plakat mit Vertragsunterzeichnerin ansehen und sich so seine Gedanken machen.“

Nele ist ja noch jung, zehn Jahre – las ich in einem der üblichen teuflisch objektiven Berichte auf Radio Thüringen, der sich bei näherem Hinlesen wohl als bezahlt entpuppte („präsentiert von der AOK PLUS“) –, da werden wahrscheinlich ihre Eltern unterschrieben haben. Allerdings haben sie beim Shooting dann nicht richtig aufgepasst. Oder die Nele, die ja ein wenig pippilangstrümpfig zurechtgemacht wurde, ist ein ganz gerissenes Luder. Denn auf dem einen Poster, das mein Selbstgesprächspartner während der Wartezeit war, lächelte sie die ganze Zeit nur süffisant und bevorzugte die nonverbale Kommunikation. Macht nix, habe ich im Studium vor einigen Wintern doch meinen Watzlawick gelesen. Die menschliche Kommunikation, so schrieb er 1969, sei doch etwas Aufregendes: Du kannst nicht nicht kommunizieren. Wegschauen geht nicht – ist ja auch ’ne Aussage. Und so Dinge mehr, das Buch wird ja heute noch nachgedruckt.

Vielleicht war ich ja noch ein wenig vom ersten Nachtfrost beeindruckt, der die Autos hat zufrieren und die Gräser kristallin werden lassen, aber was wollte mir die Nele denn nun wirklich sagen?

So klein

Genau: Sooo klein, zeigt sie mit ihren unschuldigen Fingern. Angeblich meint sie die Beiträge der Kasse, die sie via Werbeagentur aufs Plakat gehievt hat – aber was hat den Grafiker denn geritten, die sonst unter uns Pastorentöchtern übliche Anwendung dieses Fingerzeigs in eindeutige Beziehung zu setzen? Natürlich ist diese Geste belegt, sie ist nicht nur unter Meteorologen ganz eindeutig eine international übliche Verständigungsmethode zur Übermittlung von Wassertemperaturen und bedeutet: Sooo kalt ist das Wasser. Mindestens.

Wobei ich zugeben muss, dass dieses Detail nonverbaler Sprachverschluderung ja gar nicht der eigentliche Erreger meiner ungeteilten Aufmerksamkeit war, sondern ich über die neueste Form des Deppenapostrophs gestolpert war. Eigentlich ist es in diesem Fall ja eher die Angst des Texters vor dem Deppenapostroph – Sie wissen, das ist dieses Häkchen an unpassenden Stellen, das uns nicht nur ungezählte fabelhafte Jungunternehmerinnen („Mona’s Nagelstudio“) beschert hat, sondern auch fabelhafte Gebrauchtwagenplätze („Alle Auto’s TÜV-geprüft“) und befremdliches Essen („Filetsteake’s“). Also, dachte sich der AOK-Plakat-Texter sicher, bevor ich das wa’s fal’sch mache, la’s’s ich’s lieber sein (finde den Nicht-Fehler!) und erfand ein neues Verb: erklärtsen. Das konjugiert sich so: ich erklärts, du erklärts’st, Nele erklärts, wir erklärtsen, ihr erklärts’sistet, sie erklärtsen. Oder so ähnlich, denn als das dran war, habe ich leider gefehlt wegen Schnupfen.

Nele erklärts

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4 Kommentare

  1. Allen schmunzelnden Lesern empfehle ich folgende Lektüre 🙂

    Regel 14/4: http://www.duden.de/sprachwi…/rechtschreibregeln/apostroph

    4. Bei umgangssprachlichen Verbindungen eines Verbs oder einer Konjunktion mit dem Pronomen „es“ ist der Apostroph entbehrlich; er wird jedoch häufig verwendet.

    Wie gehts (auch: geht’s) dir?
    Nimms (auch: Nimm’s) nicht so schwer.
    Wenns (auch: Wenn’s) weiter nichts ist …

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