Es gibt Termine im Kalender der Weingenießergemeinde, die unumstößlich sind – der Besuch von (in diesem Jahr:) zehn VDP-Weingütern mit einer Präsentation ihrer aktuellen Weine Ende März gehört dazu. Es sind immer die gleichen Weingüter, von A wie Adeneuer von der Ahr bis W wie Wirsching aus Franken. Aber was die Spitzenwinzer aus neun Anbaugebieten mitbringen, ist natürlich immer neu: Wein ist schließlich ein nachwachsender Rohstoff und einer, der die Macher jedes Jahr vor neue Herausforderungen stellt: zu trocken, zu nass, zu kalt, zu warm – alles geht, so richtig richtig ist’s selten – aber Winzerinnen und Winzer sind ja auch nur Weinbauern und somit der Natur auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Und als ob das nicht genug wäre, kommen dann noch die Befindlichkeiten dazu: es gibt Kriege, die kein Mensch braucht und es gibt seit einiger Zeit massive Kampagnen gegen den Wein, weil der auch Alkohol enthält. Und die Kampagnenmacher reden nur über Wein, nie über Bier oder gar Schnaps.
Mit all dem müssen die Winzer leben und irgendwie damit umgehen. Sie machen es (zumindest die, die diesen Samstag dabei waren) mit großer Freude, viel Überzeugung und – um das mal so banal zu sagen – mit großartigen Weinen. Und das sind durchaus nicht nur (allerdings natürlich auch…) die Großen Gewächse, also die Spitzenweine der jeweiligen Betriebe. „Wer nur die probiert, verpasst aber was!“, hörte ich freilich mehr als einmal: die Visitenkarte der Weingüter seien die Gutsweine – die einerseits natürlich weniger langlebig und kraftvoll sind, die aber andererseits auch schon in jungen Jahren Spaß machen, Trinkfluss bieten – und das zu einem Bruchteil des Preises.
Die Bandbreite des Angebots ist dadurch insgesamt groß – mit überraschenden Dingen wie einem Silvaner von Wirsching (Franken) in ungewohnter Magnum-Verpackung, nämlich als 1,5-Liter-Bag-in-Box für 14 €. Extrem kühlschranktauglich und (selbst ausprobiert im vergangenen Jahr) ein herrlicher Elbwiesenwein. Natürlich können sie bei Wirsching auch mehr aus der frankischen Leitrebsorte Silvaner machen – vom alkoholfreien Wein 2025 Silvaner Zero „mit nur 10 g Restzucker“, wie Georg Grün vom Weingut berichtete (derart wenig Restzucker hatte ich bislang nicht bei entalkoholisiertem Wein!) bis zum Silvaner-Sekt extra brut (stand in der Magnum neben dem BiB). Und ja, natürlich gab’s auch GGs, Silvaner vom Julius-Echter-Berg und Riesling aus der Iphöfer Kammer.
Immer wieder für eine Überraschung gut sind auch die beiden VDPler aus dem Wein-Osten bei dieser Veranstaltung: Björn Probst, Weingutsleiter von Schloss Proschwitz, weiß um mein Fremdeln mit dem Goldriesling und reichte mir gleich mal eine Fassprobe des Gutsweins (was, für die nicht ganz so mit der Materie vertrauten, die unterste Stufe der VDP-Qualitätsskala ist). Ich konnte nicht meckern. Aus der Nachbarregion Saale-Unstrut war Alexander Hey am Stand – und präsentierte unter anderem zwei Große Gewächse aus dem Muschelkalk-geprägten Steinmeister (an dessen Fuß auch das Weingut liegt). Manchmal muss eben doch GG sein 😉
Das waren jetzt drei von zehn. Wie soll man da alle schaffen? Einfacher Trick: sich spezialisieren. Also wie die erwähnten „nur GG!“-Trinker, oder aber nur weiß oder nur rot. Oder oder oder – es gibt zahlreiche zielführende Strategien. Eine gar köstliche ist, am Abend zur Gala zu gehen, wo es zu einem Menü aus der Küche des Caroussel Nouvelle zu fast jedem Gang zwei Weine gibt – plus zur Begrüßung einen Sekt und zum Dessert nur einen, der gar nicht verglichen werden möchte (wer möchte schon gegen eine gereifte Trockenbeerenauslese antrinken?).
Abend-Gala mit passendem Essen zu den Weinen
Drei wesentliche Erkenntnisse vom Abend, die nicht direkt mit den Weinen zu tun haben, bleiben. Nummer eins: die Küche im Bülow Palais, sagte mir meine Tischnachbarin, mache einen besseren Eindruck auf sie als im Vorjahr. Ich konnte das Kompliment für Torsten Bubolz und sein Team durchaus bestätigen – schon neulich während der Kochsternstunden hatte mir das Menü sehr gut gefallen. Und abgesehen von ein, zwei Kleinigkeiten (zu denen die Unart gehört, den Sekt schon in die Gläser zu füllen, bevor die Gäste da sind – so wird aus jedem Schäumer ein beleidigter Stillwein…) war das durchaus tadellos mit einem persönlichen Favoriten: dem Best-of-Garpunkt-Lachsforellenfilet mit einem Traum von Schaum.
Erkenntnis Nummer zwei: selbst Weine, die solo genossen wunderbar sind, gewinnen nochmals beim Essen. Das klingt für viele ja wie eine Binse, aber: ist so. Eine persönliche Erkenntnis war auch, dass man das nicht ganz so eng sehen sollte, denn manchmal passen sogar Weine, die so gar nicht vorgesehen waren. Sicher, einiges geht nicht, aber es geht mehr miteinander, als man auf dem schmalen Weg des engstirnigen Denkens meint. Das war jetzt für Essen und Wein geschrieben, gilt aber sicher nicht nur da…
Erkenntnis die dritte – aber ganz im angelsächsischen Sinne zwar last, but not least – ist die Rolle der Winzerinnen in diesem immer noch männerlastigen Business (na klar gibt es tolle Winzerinnen – neben den beiden, die mit dem VDP in Dresden waren, waren etliche schon bei mir im Podcast oder ich bei der Winzerin im Weingut zu Gast). Aber wenn Geschwister den elterlichen Betrieb übernehmen, entscheiden sich die Frauen gerne mal für Marketing und die Herren für Weinbergs- und/oder Kellerarbeit. Na wenigstens das! würde Monika Groebe wahrscheinlich an dieser Stelle kommentieren, denn „egal wie viele Weingüter hier stehen und wie viele Männer diesen Wein gemacht haben: Es gehört immer auch eine Frau dazu!“ Auch sie sei keine Winzerin, den Wein macht mein Mann Fritz – „aber ich bin eben das zweite Standbein in diesem Weingut. Und ich bringe mich da genauso mit Leidenschaft und mit Liebe und mit all dem, was ich habe, dort ein. Wir Mädels sind manchmal viel zu… – zu unmutig!“, sagte Monika Groebe – und sie redete voller Empathie. Vielleicht ist es ja das, was die Frauen den Männern voraus haben, auch diese Seite des Lebens und des Weinmachens zu zeigen… Trecker fahren ist eben nicht alles!
Und als ob es zu dieser gar nicht so gewagten These noch eines weiteren Beweises bedurfte, kam dann ganz zum Schluss Monika Drautz. Sie schaffte es – trotz fortgeschrittener Zeit (es war neun Glas nach Start), Ruhe und Nachdenklichkeit (beinahe so etwas wie Besinnlichkeit, aber im wörtlichen Sinn, der mit sich besinnen zusammenhängt) in den Raum zu bringen. „Ich habe euch zwei Dinge mitgebracht. Einen Menschen und einen Wein, die beide Henriette heißen“, begann sie. Henriette, der Mensch, saß neben ihr am Tisch, sie ist Jahrgang 2017 und war der Anstoß für ihren Papa Markus, einen ganz besonderen Wein zu machen, er wollte „einen Wein für seine Tochter, den sie noch trinken kann, wenn sie 50 Jahre alt ist“, erklärte Monika Drautz. Das wäre 2067, aber die Weinplattform wein.plus bewertete den Wein mit 95+ Punkten und schätzte die Alterserwartung des Wein bis 2082. „Dann ist dieses Kind genau 63 Jahre alt!“
Schöne Aussichten – aber auch für die nicht so prickelnden fand die „Grand Dame des Abends“ (Robert Kroos von Schloss Proschwitz, der die Gala moderierte) passende Worte. Denn mit dem Dank an die Gäste, „dass Sie unsere Weine schätzen und genießen und auch kaufen für zu Hause, weil das für uns existenziell wichtig ist“, verband Monika Drautz Grundsätzliches. „Wein ist ein Kulturgut“, sagte sie, „es steckt eine harte und intensive Arbeit übers ganze Jahr dahinter, im Weinberg wie im Keller. Dann kann man nicht sagen, ist jetzt einfach nur Alkohol!“ Wein sei eben ein Produkt, „das wir mit Mühe, viel Arbeit und Fleiß, aber auch mit sehr, sehr viel Freude produzieren. Also arbeiten im Weinberg, im Keller, beim Abfüllen, beim Abstimmen und auch Freude beim Verkaufen haben.“
Menü und Weine
- Empfang
2022 Silvaner Sekt Brut, VDP.Sekt, Weingut Wirsching, Iphofen - Tatar vom geräucherten Heilbutt, gelbe Beete, Gurke & Meerrettich
2024 Weisser Burgunder Mineral trocken, Weingut Künstler, Hochheim
2021 Halbstück Riesling trocken, Weingut Knipser, Laumersheim - Soufflierte Perlhuhn Brust, Pastinake & Hagebutte
2024 Fumé vom Spätburgunder, VDP.ERSTE LAGE, Weingut Dr Heger, Ihringen –
2023 Untertürkheimer Gips, Chardonnay 1G VDP.ERSTE LAGE, Weingut Aldinger, Fellbach - Lachsforellenfilet, Fregola, Mango & Tomate
2024 Westhofener Riesling Alte Reben, VDP.AUS ERSTEN LAGEN, Weingut K.F. Groebe, Westhofen
2023 Riesling GG, VDP.GROSSE LAGE, Weingut Schloss Proschwitz, Meissen - Geschmortes Kalbsbäckchen, Brioche Küchlein, Mandel, Lauch & Kirsch
2020 Spätburgunder Nr1, Weingut J.J Adeneuer, Ahrweiler
2022 Steinmeister Spätburgunder GG, VDP.GROSSE LAGE Weingut Hey, Naumburg - Weiße Schokolade, Granatapfel & Vanille
2017 Jodukus Weißwein „‚Henriette“ TBA, HADES,Weingut Drautz-Able, Heilbronn
Bülow Palais/Caroussel Nouvelle
Königstraße 14
01097 Dresden
Tel. +49 351 / 80030
buelow-palais.de
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