Venezianische Impressionen

Tag 1: Anreise

Canaletto-Blick

Rein in die 89, raus aus der 89, rein in die 76, raus aus der 76. Rein in den EC 370, der aus Wien kommt und bis nach Stralsund fährt. Die Wagen sind tschechisch, das Bordrestaurant auch – was erfahrungsgemäß eher ein Gewinn ist.

Die Ausfahrt aus Dresden ist immer wieder bezaubernd. Zuerst zwischen Hauptbahnhof und Bahnhof Neustadt die Elbüberquerung. In Fahrtrichtung nach rechts hat man nahezu den Blick, den der 1720 in Venedig geborene Bernado Belotto, genannt Canaletto, auf seinem großformatigen Bild festgehalten hat. „Canaletto-Blick“ heißt die Ansicht allgemein, und sie zeigt Dresdens Altstadt mit dem Panorama zwischen Synagoge (links hinten auf dem Bild), Brühlscher Terrasse mit der alles überragenden Frauenkirch-Kuppel, dem Ständehaus, der Hofkirche mit dem Hausmannturm dahinter, der Semperoper und dem Sächsischen Landtag sowie dem Erlweinspeicher und dem Congress-Centrum als rechten Bildabschluss. Freundlicherweise fährt die Bahn hier im Schneckentempo, obwohl doch die Marienbrücke erst vor wenigen Jahren erneuert wurde. So hat man wenigstens was von diesem Teilstück.

Fahrtrichtung rechts ist bei der Fahrt von Dresden nach Berlin sowieso die bessere: Schon bald nach Verlassen des Bahnhofs Neustadt lohnt sich ein erneuter Blick. Diesmal sind es die Weinberge von Radebeul, mit dem Spitzhaus und den hier recht steilen Hängen, an denen mittlerweile durchaus trinkenswerter Wein reift (das war nicht immer so, weil zu Zeiten des irreal existierenden Sozialismus Hobywinzer im Zusammenspiel mit einer eher disengagierten Winzergenossenschaft nicht immer das Beste aus den Reben machte. Dass sie aber überhaupt was draus machten, kann man andererseits nicht hoch genug einschätzen – wer weiß, was sonst aus dieser Kulturlandschaft geworden wäre!).

Auf etwa einem Drittel des Wegs hält der Zug in Elsterwerda. Warum er das tut, weiß ich nicht, aber es steigen hier immer wieder mal Leute ein. Aussteigen habe ich keinen gesehen, woraus zu schließen wäre: Da will man nicht hin, da will man nur weg! Das sehe nicht nur ich so, sondern auch Die Höheren Mächte: Sie ließen einen sanften Nebel auf die nicht mehr so aufregende Landschaft fallen, durch die der Zug immer noch eher langsam glitt. Zeit für ein Nickerchen.

Die drei Wunder von Berlin

Berlin! Hauptstadt der DDR, früher. Jetzt Hauptstadt für ganz Deutschland, mit großem Bahnhof. Der Zug fährt tief ein, wir steigen aus, es ist kalt – und für einen Hauptstadthauptbahnhof sehr unaufgeregt leer. Dafür erleben wir drei Berliner Wunder:

Erstens: Wir haben von den vielen Ausgängen den richtigen erwischt.

Zweitens: Trotz Streiks fahren Busse – bzw. unser TXL-Bus fährt (alle anderen interessieren uns nicht).

Drittens: Der Fahrer des dort stehenden Busses scheint Pause zu haben und ist dennoch bereit, das Fenster für eine Auskunft zu öffnen. Er weist nett darauf hin, wo der Kollege mit seinem Bus Richtung Tegel wartet. der Motor läuft bereits: Ab geht’s.

Unser Blaues Wunder erleben wir dann knapp eine halbe Stunde später nach dem Einchecken: Wenn man mal eben ein Häppchen vernünftig essen will und dazu vielleicht auch noch ein Glaserl Wein trinken möchte, kostet das ein Vermögen. Vitello Tonnato im Restaurant war mal glatt doppelt so teuer wie bei unserem auch nicht gerade mit Cash-and-Carry Preisen aufwartendem Lieblingsitaliener. Und da wir mutmaßten, dass es wahrscheinlich nur halb so gut schmecken würde wie dort, zogen wir weiter und landeten bei Leysieffer. Die sind auch nicht gerade für Schnäppchenangebote berühmt, und so verloren wir für zwei Tunfischsalate und zwei Glas Weißwein 35 Euro.

Wein und Salat waren gut, der Salat wurde uns sogar frisch zubereitet und an den Tisch gebracht, abgeräumt wurde auch – da muss man für so einen hohen Preis einfach mal Verständnis haben.

Das Einchecken ist ja immer ein besonderes Vergnügen, wenn man ein wenig Technik dabei hat: Fotoapparat, Objektive und externe Festplatte im Fotorucksack, Stativ („was ist das für ein langes Ding an der Seite Ihres Koffers?“), Computer. Den musste ich nicht anmachen – wahrscheinlich hat der EEEPC nicht die Mindestmaße einer denkbaren Bombe. Dafür wurde ich gründlich abgetastet,mit „Machen Sie mal den Gürtel auf“ und Füße herzeigen. Und das, obwohl ich eigentlich auch nicht das Gardemaß eines potentiellen Bombenlegers habe.

Gleich nach der Leibesvisitation fällt man in Tegel im Abfertigungsteil D in die Karrikatur eines Duty-Free-Shops. Sehr sehr niedlich und so preiswert, wie man es gewohnt ist: gar nicht. Einen Buchshop gab’s da oben nicht, wir sind ja schließlich in der Bundeshauptstadt und nicht in der Kulkturhauptstadt der Republik.

Das kostenlose WLAN allüberall erlaubt den Zugriff auf die Flughafenseiten, der Rest ist kostenpflichtig und wurde deswegen nicht genutzt. Dafür habe ich den Strom des Flughafenbetreibers aus der Dose gezogen, um dieses hier zu schreiben. Er wird es überleben.

Im Flieger kann man Glück haben und so sitzen, dass man viel sieht, etwas lesen oder Hörbuch lauschen kann. Oder man sitzt in Mitten einer Horde jugendlicher Weicheier, die ihre permanente Angst vor Beinbrüchen ob der eng gestellten Sitze mitteilen und sich am Ende des Flugs über die Reihen hinweg streiten, wann man denn nun klatschen soll. Die Möglichkeit nicht zu klatschen kam im Repertoire der gegebenen Antworten nicht vor.

In Venedig

Ein Bus der Linie 5 bringt uns dann ans Ziel: Venedig! Unser kleines Hotel liegt nur zwei Brücken vom Busbahnhof entfernt. Wir werden bereits von einem älteren Herrn erwartet – er steht in der Tür und begrüßt uns mit Namen: zwölf Zimmer hat das Hotel, Kategorie ein Stern – aber bestens gelegen, Das Zimmer ist in etwa so groß wie das Bett, jenes scheint aber eine Spezialanfertigung für dieses Zimmer zu sein, jedenfalls baumeln die Füße immer am unteren Rand des Abgrunds. Aber ansonsten ist alles in Ordnung: Saubere Dusche, ein netter alter Holzschrank mit ausreichend Ablage, auf der inneren Dachschräge ein aufgemalter Himmel, ein Beistelltisch und ein Fensterchen, das den Blick auf die Kirche San Nicolò da Tolentino freigibt, die morgens um acht dann auch wie erwartet den Wecker gibt und den Tag einglockt.

RialtobrückeAber so weit ist es noch nicht, denn wir müssen – es ist ja erst neun Uhr abends – erst mal die Gegend erkunden. Der Fußweg durch die malerischen Gassen führt über etliche Brücken nirgendwo hin und endet an der Rialto-Brücke. Das ist kein Zufall, denn die ist (wie auch der Markusplatz und – wichtig für unseren Rückweg! – der Piazzale Roma immer wieder ausgeschildert, so dass man schlendern kann ohne sich zu verlaufen.

Pane e VinoWer im Umfeld von Touristenattraktionen wie der Rialto-Brücke einkehrt, hat es nicht besser verdient. Wir haben etwas abseits eine Bar gefunden, in der es einfach und ordentlich mit vernünftigem Preis-Leistungsverhältnis zuging. „Pane e Vino“ – Brot und Wein und jede Menge San Danielle Schinken gab’s, was will man mehr? Den Absacker gab’s im Restaurant gleich neben dem Hotel (morgens wird da auch gefrühstückt). Das „Ristorante Ribo“ muss einen bedeutenden Inhaber haben, jedenfalls guckt der einen von mindestens 20 großformatigen Bildern immer strahlemannlächend an. Ich sah ihn über Sylke vor mir an der Wand hängend, garniert mit zwei Hübschen, die sicher immer viel zu wenig essen. Das Restaurant ist, der Speisekarte und den Preisen nach zu urteilen, eher gehobene Mittelklasse, so dass unser Wunsch nur nach einem Glas Wein zuerst auf Verwunderung stieß. Wir bekamen dann eine angebrochene Flasche mit just der richtigen Menge Rotwein (und bezahlten später ein fairen Preis – erhielten allerdings keine Rechnung, was in Italien ungewöhnlich ist und Sylke zu der Überlegung brachte, dass der Kellner sich auf diese Art sicher ein großzügiges Trinkgeld verschafft hätte). Uns war’s egal, und die Unterhaltung mit dem Mann aus Bangladesh, der vor Jahren auch schon in Mainz gelebt hat (aber Dresden nicht mal dem Namen nach kannte), war ein nettes Schmankerl am Rande.

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