Die Elbe unterhalb der Schlösser

Spaziergänge im Welterbe (4)

Blaues Wunder

Zum Welterbe gehören natürlich nicht nur die Prachtbauten an den Elbhängen – obwohl sie durchaus Teil des Ganzen sind. Um wieder direkt in die Elblandschaft zu gelangen, muss man leider meistens ein Stück viel befahrene Straße gehen. Theoretisch hat Schloss Eckberg am Ende seines weitläufigen Geländes ein Tor zur Außenwelt, aber das ist oft (meist?) verschlossen. Dann müsste man also zurück und dann doch so gehen wie wir – oder über eine Mauer klettern und reichlich tief runterhuppen (nicht empfohlen).

MordgrundWir gehen also zur Bautzner Straße und dort rechts in Richtung Weißer Hirsch bergauf. Laut, viel befahren, nicht lustig ist dieser Teil. Oben angekommen kann man runter in den Mordgrund sehen – kein vertrauenserweckender Name! Wahrscheinlich hat es mit Mord und Todschlag auch nichts zu tun, sondern ist ein Grenzgrund – aber die Sage ist doch viel viel schöner – wenn auch sehr kompliziert und etwas verwirrend, wenn man sich das Original (so es bei Sagen ein Original gibt) im „Sagenschatz des Königreiches Sachsen“ von J. G. Th. Gräße aus dem Jahr 1874 antut.

Kurz gefasst geht es erstens um Liebe und zweitens um politische Intrigen. Die Liebenden heißen Elsbeth (19, wunderschön) von Clohmen und Benno (kein Alter, aber „ein schöner Mann“) von Birken. BvB will EvC, bekommt sie vom Vater auch versprochen – aber während eines Studienaufenthaltes am Hofe des Meißner Markgrafen Friedrichs des Kleinen verscherbelte der 1289 seinen ererbten Besitz Dresden. Damals, muss man wissen, vererbten die Herrschaften ganze Städte und Gemeinden. Der böhmische König Wenzel kam so in den Besitz der schönen Gegend, in der auch die Herren von Clohmen einerseits und Birken andererseits zu Hause waren. Vater Clohmen fand das alles nicht schlimm, aber der Herr von Birken konnte oder wollte nicht mit den Böhmen. Also wurde ein böhmischer Graf geschickt, um alles in Ordnung zu bringen. Unbeweibt war er, und mächtig. Und er hielt um der schönen Elsbeths Hand an. Und bekam sie auch (blöder Vater, gelle? Aber die Macht! Die Ehre!).

Es kam wie es kommen musste: Der Böhme heiratet gegen deren Willen die hübsche Elsbeth, Benno von Birken streift – zufällig – nachts durch den finsteren Grund zwischen seinem und dem Clohmen’schen Anwesen, die Braut Elsbeth – ganz in weiß – kommt aus einer Pforte herausgestolpert, beide fliehen in die finstere Nacht. Der Sturm, heißt es in der Sage, tobt wild, die beiden wollen zusammen bleiben, bis dass der Tod sie trennt.

Happy End? Mitnichten, dann wäre der Name der Schlucht ein anderer. Denn nun kommt der Bräutigam, also der Böhme. Graf Lodomar will seine Braut wieder haben, doch Benno findet das nicht toll – und nun, weil’s so spannend ist, ein Stück Originalsage. Es spricht Benno: „So wenig dieses Land je das Eigenthum Deines Königs werden wird, ebensowenig wirst Du diese Jungfrau je Dein nennen!” Mit diesem Worten drang er wüthend auf den Böhmen ein, der nothgedrungen sein Schwert zog, aber nach kurzer Vertheidigung tödtlich verwundet zu Boden sank. Da rief die Jungfrau: “Heil Dir, Du hast keinen Mord begangen, sondern nur Dein Vaterland von einem fremden Wütherich befreit, laß uns aber jetzt eilen, die Reise in ein Land anzutreten, wo uns keine Verfolgung mehr drohen kann, von Deiner Hand, mein Benno will ich sterben.” Mit diesem Worten reichte Elsbeth dem Ritter den scharfen Dolch, er setzte die Spitze desselben auf die Brust des geliebten Mädchens; doch seine Hand zitterte, da erfaßte die schöne Schwärmerin mit beiden Händen krampfhaft Bennos Hand und stieß sich den Dolch tief in ihre reine Brust. Sie schwankte, doch hatte sie noch soviel Kraft, den Stahl aus der blutenden Wunde zu ziehen, und matt lächelnd reichte sie denselben ihrem Benno mit den Worten: “es hat nicht geschmerzt, hier, mein Geliebter, nimm ihn und folge mir.” Ungestüm durchbohrte sich nun auch Benno und sank sterbend auf sie hin, und so hauchten sie Arm in Arm ihr Leben aus.“

Da war also echt was los, und ehrlich gesagt mag das Verhalten der Braut zwar edel sein, aber ein wenig dämlich ist es ja auch: Sie hätte doch nun mit ihrem Schatz sich auf und davon machen können und irgendwie glücklich leben und all das – aber es gab halt Dolchgemetzel. Zum Andenken an die Verliebten ließ der nun wieder zu Verstand gekommene Vater von Elsbeth einen Vers in einen Baum schnitzen: „Vereint laßt uns sterben, es schließt ein Grab uns ein, / Wir werden noch verbunden in bessern Welten sein.“ Leider kann man den Baum heute nicht mehr sehen.

An der ElbeSo, mit dem Ende dieser gruseligen Geschichte und einem Foto von der Mordgrundbrücke hinab in den Grund geht’s dann zweimal rechts ab von der Hauptstraße in ruhigeres Gefilde, das uns bis hinunter an die Elbe führt. Sie ist hier von einem rumpeligen Radweg und einem noch holprigerem Fußweg gesäumt, weswegen nicht so viel los ist (der Elberadweg verläuft auf der anderen, linken Elbseite). Dann und wann kommt ein Schiff (aufpassen: die verbreiten hohe Bugwellen! Wenn man da zu nahe am Ufer steht, wird man unten rum nass!!), gelegentlich sieht man Badende. Idyllisch ist es, viel Natur: Die andere Seite vom Welterbe. Die Schlösser sind über einem, man sieht sie nicht. Einzig die hohen Mauern (so hoch, dass auch eine Jahrhundertflut nicht bis oben hin gelangt) begleiten uns.

Loch AlbrechtsbergUnd wie kommt man wieder hoch? Ganz einfach: An der Saloppe führt eine Straße hoch. Wer oder was die Saloppe ist – davon ein Andermal. Oben an der Bautzner gibt es gleich wieder ein Tor in den Albrechtsberg-Park hinein – das nehmen wir. Im Teich linker Hand spiegeln sich die Bäume, und eine Entenmutti zeigte etwas verstört ihrer Ententochter eine wahrhaftige Seeschlange. Vielleicht war es auch das Ungeheuer von Loch Albrechtsberg, das haben wir so genau nicht mitbekommen, denn wir hatten Hunger und Durst und mussten nach Hause!

[Karte des Spaziergangs]

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