Versöhnung beim Dessert

Restaurant im Schloss Wackerbarth

Schloss Wackerbarth, das sächsische Staatsweingut, verkauft sich als erstes Erlebnisweingut Europas. Was auch immer zu dieser Einschätzung geführt hat – manchmal erlebt man Dinge, die man gar nicht möchte. Zum Beispiel beim Besuch im Gasthaus des Weinguts. Schon bei der telefonischen Reservierung gefragt zu werden, ob man a la carte oder das Menü essen will, verwirrt. Was man als Laie am anderen Ende nicht ahnen konnte: Der Tischreservierungsannehmer wollte wissen, ob man an der an diesem Abend laufenden Sonderaktion teilnehmen wolle? Wir wollten nicht, weil wir von dem Candle-Light-Dinner (so auf der Webseite geschrieben) gar nichts wussten.

Also gab es zwei Menüs, eins aus der Karte selbst zusammengestellt, eins als Auswahl des so angebotenen Kulinaria-Menüs. “Gern empfehlen wir Ihnen eine korrespondierende 3er Weinprobe zu Ihrem Menü” steht auf der Webseite des Erlebnisweinguts, im wirklichen Leben steht das nicht auf der Karte, und auch die Bedienung empfiehlt uns nichts. Also suchen wir selber aus. 16 Weine, natürlich alle vom eigenen Weingut, stehen zur Wahl – und erfreulicherweise kann man sie alle auch offen ordern.

Die beiden Vorspeisen zeigten Mut für gewagte Kombinationen: Jacobsmuscheln auf Steckrübenpüree, Dornfelderschalotten und Meissner Domspeck kombinierte eine nur einen Hauch zu arg gegarte Jacobsmuschel mit sehr feinem Steckrübenpüree, das gerade richtig in der Konsistenz war. Die in Dornfelder getränkten Schalotten passten, beim kross gebratenen Domspeck schieden sich die Tester-Geister.

Das Carpaccio vom Moritzburger Karpfenfilet an fruchtigem Grünkohl-Mangosalat mit Granatapfelvinaigrette erinnerte vom Geschmack tatsächlich an Austern – mal sehen, wann es den Karpfen als “die Auster der Moritzburger Teichlandschaft” gibt. Die Mischung aus Grünkohl, Mango und Granatapfel war eine angenehme Erfahrung, wird aber sicher nicht in die persönliche Liste der Lieblingsbegleitungen zu rohem Fisch aufgenommen.

Die beiden Hauptgänge entpuppten sich – jeder auf ganz eigene Art – als besonders unangenehmes Erlebnis. Medaillons vom Spanferkel an Dijonsenfsauce, Orangen-Spitzkohl und Pastinakenrösti nannte sich der eine Gang, bei dem die Sauce der vom anderen Teller auffallend ähnlich kam – und so gar nicht nach Dijon-Senf schmecken wollte. Die Rösti waren glitschig statt knusprig und somit eine ideale Begleitung zur gummiartigen Kruste des Spanferkels. Die “Medaillons” (Mehrzahl) waren ein (ein!) reichlich gegartes großes Stück Fleisch, das gute Kaumuskulatur erforderte. Es ging allerdings noch schlimmer: Die Geschmorte Rehroulade vom Hofgut Kaltenbach/Sachsen gefüllt mit Maronen auf Steckrübengemüse und Kartoffelkuchen war trockener als der trockenste je in Wackerbarth gekelterte Wein, wurde aber noch übertroffen vom Kartoffelkuchen, der das Prädikat knochentrocken erhielt. Die Maronenfüllung konnte das Trockendesaster nicht ausgleichen, und als einziger Lichtblick blieb der wirklich gute Süßkartoffelchip, der beide Hauptgänge krönte und seinerseits mit einem kleinen Sträußchen Kerbel dekoriert war – so wie auch die beiden Vorspeisen bekerbelt serviert wurden.

Die Bedienung, die bei der Kommunikation gerne einen nicht besetzten Tisch zwischen sich und uns ließ, fragte vorsichtshalber nie, ob es uns geschmeckt hat, sondern schwebte mit einem “Darf ich?” ein, um die Teller abzuräumen. Dafür besorgte er für das Reh einen Spätburgunder, der gar nicht auf der Karte steht!

Das letzte Kapitel versöhnte uns mit dem bis dahin Erlebten: Flüssiger Schokoladenkuchen mit hausgemachtem Sorbet vom Dornfelder und Mousse vom Dornfelder an Gewürz-Orangenragout erfreuten beide, wobei der Schokoladenkuchen eindeutiger Sieger in der Naschgunst war…

Sächsisches Staatsweingut GmbH
Wackerbarthstraße 1
01445 Radebeul
Tel. 03 51 / 89 55-310
http://www.schloss-wackerbarth.de/deutsch/unser-gasthaus

[Besucht am 12. Februar 2011 | Eine kürzere Version erschien im Mai 2011 in Augusto, dem Magazin für Genuss und Lebensart der Sächsischen Zeitung | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Wegbeschreibung berechnenAls KML-Datei für Google Earth/Goolge Maps exportierenStandalone-Karte im Vollbild-Modus öffnenQR Code-Bild für Standalone-Vollbild-Kartenlink erstellenAls ARML für Wikitude Augmented-Reality Browser exportieren
Schloss Wackerbarth

Karte wird geladen - bitte warten...

Schloss Wackerbarth 51.113532, 13.619528 STIPvisitenSchloss Wackerbarth, Wackerbarthstraße, Radebeul, Deutschland (Routenplaner)
Print Friendly, PDF & Email

Mehr lesenswerte Beiträge

  • Villa SorgenfreiVilla Sorgenfrei Der Name allein setzt Assoziationen frei: Villa Sorgenfrei! Da möchte es einem wohl ergehen, da setzt man sich gerne nieder! Namen freilich sind Schall und […]
  • Nichts Neues in DresdenNichts Neues in Dresden Es ist der 14. August, und auf dem Balkontisch liegt der September-Feinschmecker. Darin ein Extra-Buch: Die 800 besten Restaurants – des Jahres 2014. So geht […]
  • Wo die Köchin zum Gruß aus der Küche persönlich vorbei kommt…Wo die Köchin zum Gruß aus der Küche persönlich vorbei kommt… Es ist ja schon viel darüber philosophiert worden, warum in der Profi-Küche meist Männer hinterm Herd stehen. Das ist - zumindest bei ambitionierten Häusern - […]
  • „Gib mal ’nen Schluck vom Kalb!“„Gib mal ’nen Schluck vom Kalb!“ Das mit dem Wein kann ja ganz schön kompliziert sein. Außer bei denen, die lediglich alle beide anbieten, also nen Roten und nen Weißen. Kommt für schwierigere […]
  • Neun von 800Neun von 800 Der erste Restaurantführer mit der Jahreszahl 2013 erschien heute: Er liegt der aktuellen Ausgabe des "Feinschmecker" bei (Heft inkl. Beigabe 9,95 €). Außer […]
  • Traditionelles modern interpretiertTraditionelles modern interpretiert Zitzschewig ist einer der vielen Orte im Osten der Republik, bei denen man am besten gar nicht so genau hinsieht, wie da die Konsonanten aufeinander prallen. […]

1 Trackback / Pingback

  1. Restaurantführer Feinschmecker: Neun von 800 | STIPvisiten

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*