Am südlichsten Punkt Portugals – und dann weiter nach Süden

Spaziergang auf der Isla Deserta vor Faro. Mit der Suche nach Portugals südlichstem Punkt

Ilha Deserta

Mit Superlativen habe ich’s ja nicht so, aus gutem Grund. Sehr oft werden da Dinge behauptet, die  sehr objektiv klingen, es aber gar nicht sind: der größte, schönste, romantischste, fantastischste Wasauchimmer: wer will das prüfen? Nun aber waren wir auf der Ilha de Barreta, die unter diesem Namen kaum jemand außerhalb des Grundschulbereichs dort kennt, denn die Insel Barreta ist viel mehr: sie ist die Insel Wüste. Oder die Wüsteninsel? Also bei den Portugiesen die Ilha Deserta. Diesen Namen hat sie, weil da eigentlich nichts los ist. Nur Sand und Wasser drumherum, wobei letzteres ja nicht unüblich ist bei einer Insel. Und Vögel sowie allerlei Sträucher auf den Dünen, die typische (und ökologisch so spannende wie wichtige) Vegetation.

Aber nie, wirklich nie, würde ich deswegen schreiben, dass das die einsamste Insel sei! Erstens ist das eh Quatsch, denn eine Insel kann gar nicht Gefühle wie das der Einsamkeit entwickeln, aber selbst wenn: dann gäbe es zweitens als Gegenargument einen regelmäßigen Fährdienst zur Insel – und obendrein ein Restaurant. Das ist, diesen Superlativ darf man sich bei genauer Betrachtung der Dinge erlauben, nun wirklich das beste Restaurant der Ilha Deserta und auf jeden Fall einen Besuch wert. Wir hatten, obwohl im Winter nicht wirklich nötig, reserviert – im Sommer, denke ich, geht ohne Reservierung nichts.

Das Restaurant ist, obwohl es direkt am Fähranleger liegt, aber nicht unser erster Anlaufpunkt, sondern das Ziel am Schluss der Inselerkundung, die ein Motto hat (zu lesen auf einem Schild gleich nach dem Landgang): „Bitte nehmen Sie nichts mit außer Bildern und hinterlassen Sie nichts außer ihre Fußspuren!“ Größtenteils kann man aber nicht einmal die hinterlassen, denn ein fußabdruckresistenter Holzsteg schlängelt sich über die Insel. Das tut den Dünen gut, weil dann nicht alle drin rumlatschen, und es macht den Spaziergang zu einem leichten Vergnügen. Zu tun haben also hauptsächlich die Augen, und wenn man (wie wir) nach einigen Minuten allein ist, gerne auch die Ohren, um den Vogelstimmen zu lauschen.

Weg weisendDen Holzsteg zu finden, ist so schwer nicht. Einerseits gibt es nur den einen Holzsteg und andererseits weist ein nackertes Schild (auch aus Holz) den Weg, vielleicht als stiller Teilnehmer am Wettbewerb um den überflüssigsten Wegweiser überhaupt, wer weiß. Der Weg führt an der Nordseite der Insel entlang, das Wasser ist mithin das des Sumpfgebiets Ria Formosa – das in der portugiesischen Ausgabe der Wikipedia als „einer der schönsten Parks an der Algarve“ bezeichnet wird. Das Wasser dort ist ruhig, die Stimmung entsprechend relaxed.

Meet the ChemtrailmakersÜber uns findet gerade das wöchentliche Sonntagstreffen der Chemtrailausleger statt. Es ist das kleinste seiner Art, aber von pittoresker Schlichtheit. Ein breiter Hauptstrahl von links unten nach rechts oben, ein etwas frischerer von unten rechts nach oben links. Dort, wo sich die Linien kreuzen, entsteht durch eine dritte gezielt heran eilende Flugmaschine das FCK, das Faro Chemtrail Kreuz. Ein ergreifender Moment, dem wir beiwohnen durften.

KoordinatenNur wenig später zweigt der Weg nach links ab, wir durchqueren die an dieser Stelle keine 500 Meter breite Insel und gelangen an eine weitere wichtige Stelle. Hier, am Cape St. Mary, soll der südlichste Punkt des portugiesischen Festlands sein. Das muss man sich einmal vorstellen, dass ausgerechnet auf einer einer so kleinen Insel das Festland seine südlichste Ausdehnung erreicht! Ein Etwas, das aus Baumstämmen besteht und mit zahlreichen Hinweisschildern (Bochum: 2.005 km oder Lisboa 223 km) und Tinneff (leere [!] Champagnerflaschen, rote Ziegeln, Muscheln und so) ausgestattet ist, trägt die Koordinaten 7°53´13´´ W und 36°57´36´´N und ist ein beliebtes Fotomotiv, dem auch wir uns nicht entziehen konnten. Mehr noch: wir wiesen partiell und nur für den Augenblick den Weg nach Dresden (mit Dank an die Dresdner Weinzentrale fürs T-Shirt).

Die wohl südlichste MuschelSkandalös scheint mir freilich zu sein, dass dieses gar nicht der südlichste Punkt der Insel zu sein scheint, denn wenn man sich den Standpunkt einmal auf dem Sattellitenbild ansieht, stellt man fest, dass es weiter links und weiter unten noch südlicher und auch etwas westlicher geht. Lügenholzdingenskirchen! Das Zweibein mit den Wegweiserschildern steht nämlich exakt bei 36°57’43.66″ N und 7°53’7.159″ W – wir waren also nur beinahe da, aber nicht ganz und müssen also noch einmal hin. Selbst die wahrscheinlich südlichste in Portugal je von uns fotografierte Muschel hat’s nicht ganz auf den Punkt gebracht. Aber fast (wir sind nämlich einfach weiter gelaufen, weil die über WhatsApp am Forscherdrang teilnehmende Tochter lakonisch anmerkte, südlich vom Pfahl sähe sie noch Sand). Ganz nahe dran am wirklichen Punkt fotografierten wir dann die wahrscheinlich südlichste Muschel am Strand.

Segeln lernenDen Weg zurück zum Fähranleger kann man nun endlich Fußspuren hinterlassen – im feuchten Sand des hin und wieder von gehörigen Wellen bespielten Strandes, oder weiter oben im Trockenen, doch da sehen die Tapser längst nicht so schön aus. Der Strandweg bis zum Restaurant ist keine zwei Kilometer lang, er ist recht breit und zumindest im Winter wunderbar leer. Das Rauschen des Meeres, im Gegenlicht der dann doch erstaunlich wärmenden Sonne ein paar Segelbootschüler, Muscheln in etlichen Variationen – mehr nicht.

Nach der Hälfte des Weges taucht dann in den Dünen die Silhouette des Restaurante Estaminé auf. Wir hatten zu ein Uhr reserviert und waren, als wir zeitgleich mit dem zweiten Boot von Faro zur Insel dort ankamen, die ersten Gäste – die Fähre brachte aber noch einen gehörigen Schwung Feinschmecker mit. Aber das ist eine andere Geschichte…

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